Täglich bin ich ihnen ausgesetzt: den neuen bvg-Bussen. Am Eingang versperrt mir eine Schranke den Weg. Welchen Sinn die wohl haben mag? Dem mir folgenden Fahrgast würde der in nur eine Richtung bewegliche Bügel gegen den Bauch prallen, hielte ich ihn nicht noch während des Passierens fest. Ich bin 1,68 m groß, durchschnittlich sind die Menschen heute sehr viel größer. Ich finde nicht den richtigen Halt an den in Kniehöhe angebrachten Querstangen. Die Signalknöpfe und der Stempelautomat hätten genau die richtige Festhalte-Höhe. In diesen neuen Bussen wird der Körperkontakt gepflegt, weil sie schmaler sind als die alten, und das ist keine optische Täuschung. Im Winter mag es recht gemütlich sein, aber der Sommer eignet sich so nur fürs gemeinsame Schwitzen. Die hinteren Sitze des Doppeldeckers sind zu hoch angelegt, ich berühre den Boden kaum und muß mit den Beinen baumeln. Am Gang sitzend, werde ich von den neu eingestiegenen Fahrgästen nicht nur gestreift. Ein berucksackter Junge muß sich vorbeidrängeln, um zu seinem nicht minder beladenen Freund zu gelangen. Wenn ich Glück habe, bleibt er nicht mit einer der zahlreichen Schnallen an meiner Kleidung hängen. Den Schülern macht das in der Regel nichts aus. Sie könnten auch ihre Schulranzen vom Rücken nehmen, statt den Hintermann damit zu traktieren. Mit einer Selbstverständlichkeit schleppen die Kinder und Jugendlichen ihre breiten ausladenden Taschen durch den Bus, nicht auf den Nachbarn achtend. Mit bösem Blick bedacht, weil ich mein Recht auf einen winzigen Stehplatz geltend mache, drücke ich mich verlegen in die mir übriggebliebene Ecke. Wann kapieren wir es endlich, daß morgens der Bus den Schülern gehört, da haben zur Arbeit fahrende Menschen nun einmal nichts zu suchen. Oder aber die Buskonstrukteure haben etwas falsch gemacht, aber das mache ihnen mal einer klar.
In der U-Bahn stehend, denke ich über den kommenden Tag nach, was er mir bescheren wird. In Gedanken versunken, spüre ich einen Blick auf mich gerichtet. Ich begegne diesem Blick, wandere ab und lasse mich immer wieder dazu hinreißen, in diese Augen zu schauen. Ich suche diese Begegnung. Kurz: Ein kleiner morgendlicher Augenflirt. Die U-Bahn hält, abrupt werde ich aus meiner Versunkenheit gerissen, denn eine Kollegin steigt mit ihrem sechsjährigen Sohn ein und läßt durch lautes "Hallo" alle Aufmerksamkeit auf uns lenken. Von Anonymität kann nun keine Rede mehr sein. Mein Name wird lauthals durch den Waggon gerufen, und im Nu weiß jeder umstehende Fahrgast, welchem Broterwerb ich nachgehe. Nun heißt es, aufmerksam den Ausführungen über das Wochenende der Kollegin zu folgen. Wieder versuche ich, einen kleinen Blick meines Flirts zu erhaschen, doch es gibt kein Entrinnen. Halbherzig höre ich ihr zu, aber sie, nicht locker lassend, stellt sich mir in den Weg, um meinen Blick und meine volle Aufmerksamkeit auf sich zu lenken. Ich gebe mir Mühe, Interesse zu zeigen. Beim Verlassen des Zuges konnte ich sie doch noch überlisten. Ein schneller Blick über die rechte Schulter ließ mich zum Abschied noch einmal in diese Augen schauen.
Wie ißt und öffnet man einen Granatapfel? Zu Rosh Hashana, dem jüdischen Neujahrsfest, ist es üblich, einen Granatapfel zu essen. Verschiedene Erklärungen gibt es dafür: Es sind so viele Kerne darin, wie es Gebote und Verbote gibt, nämlich 613, die es fürs kommende Jahr wieder einzuhalten gilt. Oder: So viele Wünsche sollen in Erfüllung gehen, wie Kerne in diesem Apfel sind. Nun stehe ich vor der Frage, wie komme ich daran, ohne daß meine Kleidung, mein Gesicht und die halbe Küche vollgesprenkelt werden von dem roten Granatapfelsaft. Die Kerne liegen fest gepreßt in kleinen Kammern. Zunächst halbiere ich den Apfel, die Hälften werden nochmals geteilt, dann breche ich die Schale nach außen, so daß die kleinen Kammern aufspringen. Ich führe die Kerne zum Mund und genieße den köstlichen Granatapfelgeschmack. Ich kann die Kerne auch mit einem Messer lösen, aber Vorsicht, im Nu kreieren die Spritzer ein neues Muster auf dem weißen T-Shirt, die roten Pünktchen kleben auf dem Gesicht, an den Händen. Vielleicht heißt es aber auch, so viele Wünsche gehen in Erfüllung, wie ich Spritzer im Gesicht habe...
Ein paar Tage lang schleiche ich um die Staffelei und die Farbtuben herum. Nachdem ich den Ölblock ins Gestell geschraubt und ins rechte Licht gerückt habe, setze ich mich in gebührendem Abstand auf einen Stuhl und betrachte bei angehaltenem Atem die weiße, nach Farbe schreiende Leinwand. Der Wunsch, den Pinsel in die Hand zu nehmen und die Farbe auf der Palette zu mischen, wird stärker und stärker, bis ich den Zustand des Nichtstuns nicht mehr ertragen kann. Dann geht alles ganz schnell. Innerhalb von zwei, drei Stunden schaffe ich ein neues Werk. Mit der Absicht, etwas aufzuschreiben, passiert es mir manchmal, daß ich statt des Stiftes ein Buch in die Hand nehme, um zu lesen. So steigt die Spannung in mir, und ich muß drauflos schreiben.
Vom Lachen geschüttelt, aber noch vom Traum umhüllt, kam ich langsam zu mir, um gleich darauf in tiefen Schlaf zurückzufallen. Was hatte ich geträumt? Diesmal umklammerte ich nicht meinen Wecker, einen laut tickenden Wecker, ich muß ihn alle paar Stunden aufziehen. Ein launischer Wecker. Durch kräftiges Rütteln und Schütteln kommt er wieder zur Vernunft. Aber mein Vertrauen zu ihm ist durch seine sporadische Unzuverlässigkeit etwas getrübt. In schlafwandlerischer Akribie umklammere ich nachts meinen Wecker, starre ihn wutentbrannt an, weil er mich nun wieder im Stich gelassen hat, sehe genau, daß es schon 6 Uhr morgens ist, springe in Panik aus den Federn, zu spät, um alles noch zu schaffen. Ja, ich erkenne den Zeiger: es ist halbeins. Aber wann muß ich denn aufstehen?! Kann mir niemand sagen, wann ich aufstehen muß?! Langsam komme ich zu mir, erwache ich aus meinem Traum, stehe voller Verzweiflung, den verflixten Wecker in der Hand, irgendwo im Zimmer und bemerke erleichtert: ich kann noch ein paar Stunden weiterträumen. Glücklicherweise finde ich mich diesmal nicht unter der Dusche wieder. Frisch geduscht, mitten in der Nacht, husche ich sonst in mein Bett zurück, nicht ohne meine Kinder vorher geweckt zu haben. "Aufwachen, schnell, schnell, wir kommen alle zu spät!" "Mama, es ist halb zwei, geh wieder schlafen." Wie kann man nur so gelassen reagieren. Ich rufe die Zeitansage an: Beim nächsten Ton ist es ein Uhr, dreißig Minuten und zehn Sekunden. Kleinlaut entschuldige ich mich und schleiche wieder ins Bett.
Ein Haufen grauer, blauer und brauner Socken. Sie wollen zusammengelegt sein. Seit Tagen werden sie von dem einen ins andere Zimmer getragen, um sie immer im Auge behalten zu können, um nicht zu vergessen, daß sie ja zusammengelegt werden sollen. Wie gehe ich nun vor? Ja, ich sortiere sie zuerst nach Farben. Jetzt sitze ich drei Häuflein Socken gegenüber. Ich denke, ich werde ganz systematisch vorgehen. Wenn ich sie mir genauer betrachte, hat jeder Strumpf etwas Besonderes, etwas Individuelles. Nicht nur das Rippenmuster unterscheidet sich in der Breite, nein, auch das Bündchen. Das eine oder andere ist mehr oder weniger ausgeleiert, die Ferse ist bei dem einen mehr, bei dem anderen weniger abgeschubbert, die Stelle, an welcher der große Zeh vermutlich seinen Sitz hat, ist mehr oder weniger ausgebeult. So suche ich ein Pendant, immer natürlich auf die gleiche Farbe achtend. Nach mühevollem Vergleichen, Auswechseln und nochmals Vergleichen sind alle Paare zufriedenstellend aufeinandergelegt und glatt gestrichen. Ich rolle sie von der Fußspitze über die Ferse bis hin zum Bündchen sorgfältig zusammen, um dann das Bündchen der äußeren Socke um das gerollte Bündel zu ziehen. So einfach ist das.
Halb vier morgens. Das Gequake eines Weltempfängers in der Nachbarschaft hat mich aus dem Schlaf gerissen. Es ist nicht nur erst halb vier, es ist auch Sonntag. Was macht man, oder besser, was mache ich am Sonntagmorgen um halb vier? Dieser Weltempfänger ist längst ausgeschaltet, aber ich bin nun hellwach. Sicherlich habe ich mit meiner Kaffeemaschine - sie gluckert bei den letzten Tropfen so laut, daß man den eigenen Gedanken nicht mehr lauschen kann - auch einen Nachbarn geweckt. So ist das nun mal bei diesen Betonwänden, sie leiten Bässe, Kindergetrampel, Geschnarre, Geknatter und Geglucker nach oben, nach unten, nach links, nach rechts. Auf Zehenspitzen wandere ich durch die dunkle noch im Schlaf liegende Wohnung, öffne und schließe ganz leise die Türen. Das Wasser muß ich ablaufen lassen. So laut ist laufendes Wasser? Erneute Stille. Ich höre eine Tür quietschen und ins Schloß fallen. Mein Kaffee ist fertig. Ich sitze am Kaffeetisch. Nun achte ich auf das Rauschen der Heizung und auf den Wecker, dessen gleichmäßiges Ticken mir ein Gefühl der Sicherheit gibt. Ein Gefühl, das mir noch aus der Kindheit geblieben ist. Es ist vier Uhr. Lautes Getrampel im Treppenhaus läßt mich aufhorchen. Stille. In dieser Stille sind alle Nerven angespannt, alle Sinne gefordert. Im Papierkorb entfaltet sich knisternd eine weggeworfene Plastiktüte. Dieses Knistern höre ich nicht nur, ich fühle es auf meiner Haut. Es sind nur Sekunden, aber in diesen Momenten ist mir jedes kleine Geräusch wie großer Lärm. Ich wage es, wieder ins Bett zu steigen, bevor der Weltempfänger erneut in Betrieb gesetzt wird... Zu spät! Da ist es wieder, dieses Gequake. Was mache ich nun um viertel fünf am Sonntagmorgen?!
Ja, das müßte es sein. Ein Haus im Stile der englischen Mandatszeit. Auf dem schon brüchig gewordenen, durch Sonneneinwirkung und Feuchtigkeit leicht abbröckelnden Putz neben der Eingangstür werden Figuren und fantastische Gebilde sichtbar. Ich betrete das Gebäude. Erwartungsvolle Blicke sind auf mich gerichtet. Mit einem "Shalom" werde ich freundlich begrüßt. Der Schlüssel wird mir ausgehändigt, ich werde mein Zimmer wohl allein finden. Über eine knarrende Stiege mit schiefgetretenen Stufen gelange ich in die erste Etage, verwundert darüber, daß mir vom oberen Ende der Treppe Wasser entgegenfließt. Auf Zehenspitzen versuche ich, mich unbeschadet hindurchzutasten. "Sie müssen schon die Schuhe ausziehen", höre ich, ohne jemanden erkennen zu können. Tapfer wate ich durch das kühle Naß. Es ist mir schleierhaft, wo das steigende Wasser seine Quelle hat. Es kann aus jeder Ritze kommen. Während ich mich, nach meiner Zimmernummer schauend, schon mit dem Gedanken vertraut mache, daß das Wasser auch meinem Zimmer entspringen könnte, verlautet aus einer in der Ecke gelegenen Tür, "da hilft nur schwimmen." Ein junger Mann steht völlig ratlos neben seiner überlaufenden Badewanne, mit aufgekrempelten Hosen bis zu den Knöcheln im Wasser. Warum dreht er nicht einfach den Hahn zu? Was soll's, mein Zimmer liegt am andern Ende des Flurs. Dort ist der Boden etwas abschüssig. Das Wasser breitet sich zur Treppe hin aus und fließt in gleichmäßigen Zügen die Stufen hinab. Ich betrete meine neue Heimstatt. Rote Vorhänge. Großer Balkon. Nun gut. Links von der Tür befindet sich eine Duschkabine, die offenbar mit jeder Menge Scheuermittel in Berührung gekommen ist. Was dort auf dem Boden wie heruntergefallenes Laub aussieht, sind Kakerlaken. Ich werde sie einfach ignorieren. Aber das Klo, wo befindet sich das Klo? Auf dem Flur entdecke ich die Toilettentür, drücke die Klinke herab, erschrecke, höre, wie hinter der Tür etwas in die Kloschüssel knallt, öffne, alles erwartend, die Tür, deren äußere Klinke ich nun in der Hand halte, während die andere im Toilettenbecken liegt. Nun heißt es, mit geschlossenen Augen und spitzen Fingern das Stück herauszufischen. Mit Erfolg. Die Klinkenhälften drücke ich von beiden Seiten der Tür durchs Klinkenloch, also von der Außenseite gegen das Stück der Innenseite. Ein winziger Metallstift könnte diesen Zustand erhalten. Ich werde so eine wichtige Tür künftig behutsamer behandeln und mich nicht noch einmal als unwissenden Newcomer zu erkennen geben.
Traumlos überstehe ich die erste Nacht, oder träume ich jetzt? Lautes Klopfen läßt mich auffahren... Gegen die Verandatür trommelt ein wild gestikulierender Mann. Zimmer 23! Ich verstehe "Zimmer 23". Was habe ich mit Zimmer 23 zu tun? Wir sind hier im ersten Stock. Wie kam er überhaupt auf den Balkon? Ich begreife es nicht, merke aber, daß ich in einem sommerlichen Nachthemd vor einem fremden Mann stehe. Die Gardinen hängen nur zu dekorativen Zwecken aus, nicht zum Schutze vor nächtens umherirrenden Männern, die, aus welchen Gründen auch immer, mein Zimmer als Zu- oder Durchflucht benutzen wollen. Nun gestikulieren wir beide, er von außen, ich von innen, unserer grotesken Situation sicherlich nicht bewußt; bis er sich abrupt abwendet und über die Balkonbrüstung verschwindet, vielleicht sich besinnend, daß er auf dem üblichen Wege Zimmer 23 schneller erreichen kann. Ein verlassen wirkendes Haus hatte sich vorübergehend mit Leben erfüllt.
Leider konnte ich auf dem Flug nicht sehr viel sehen, weil mir eine dicke Wolkendecke die Sicht versperrte. Mit dem 222er fahre ich zum Hotel und bekomme tatsächlich dasselbe Zimmer wie im vorigen Jahr, mit Blick aufs Meer. Durch einen Besuch bei meiner Tochter lernte ich den Kibbuz Yizreel kennen. Von dort schaut man auf den Berg Gilboa und nach Nazareth. Bei guter Sicht ist sogar Jordanien zu erkennen. In den Tälern liegen große Baumwollfelder. Die Hinfahrt war etwas anstrengend. Wir fuhren in einem Bus, dessen Sitzplätze höher angelegt sind als der des Fahrers, der aber hatte die Sonnenrollos bis zur Hälfte der Windschutzscheibe heruntergelassen, so fuhren wir praktisch blind. Die Hinweisschilder huschten an uns vorbei, so daß wir nur einen Teil der Ortsnamen buchstabieren konnten. Ich wußte, die Fahrt würde nur 1 1/2 Stunden dauern, und richtete mich nach meiner Uhr. Und richtig, nach 1 1/2 Stunden stiegen wir aus, wir hatten Afula erreicht. Auf der Rückfahrt war es proppenvoll, wir mußten stehen. In Hadera machte der Busfahrer 10 Minuten Pause. Eine Familie mit fünf Kindern kam mit Eis zurück. Dem einen Mädchen troff es von der Handfläche den Ellenbogen entlang. Sie versuchte, die Tropfen mit der Zunge, dann mit der freien Hand aufzufangen, aber kaum sah sie weg, schon schmolzen die nächsten Tropfen dahin. Ich konnte ihr mit einem Taschentuch aushelfen, denn jetzt mußte schon die Sitzlehne als Tropfenfänger herhalten. Ich hatte an meinem Stehplatz die Rolle des Kindermädchens übernommen. Diese siebenköpfige Familie saß verteilt auf fünf Reihen, Nuckelflaschen und Keksschachteln wurden als Beruhigungsutensilien herumgereicht, sogar das jüngste Kind vom vorderen Platz der Mutter zum hinteren des Vaters. Niemand blieb verschont. Wir andern standen dicht gedrängt im Gang, die Reisetaschen auf den sandalierten Füßen. Obwohl kaum eine Haaresbreite Platz blieb, schafften die Kinder es, sich immer wieder an uns vorbeizuschieben. Irgendwann kamen wir in Tel Aviv an.
Die Sonne ist schon untergegangen. Ich schaue aus dem Fenster durch die Jalousienspalten und erkenne vereinzelte Spaziergänger. So langsam packt jeder seine Sachen zusammen, die er morgens an den Strand geschleppt hat, um dort den Schabbat zu verleben. Sonnenschirme, Kühltaschen, Liegestühle, Drachen und Schwimmtiere sind nur ein Teil dessen, was im Auto, das in der glühenden Sonne in einer der Nebenstraßen geparkt wurde, verstaut werden muß. Der Himmel verfärbt sich langsam in Rot- und Lilatönen. Am Horizont leuchten die Schiffe wie mit Lampions behängt. Die Wellen tummeln ungestört in der Dunkelheit, teilen sich links und rechts der Mole, um zum Ufer hin wieder zu kreuzen und sich zu vereinigen.
Tel Aviver Strand. Morgens war zunächst die weiße Fahne gehißt. Keine Gefahr. Ich weiß nicht, auf Grund welcher Woge der Bademeister plötzlich alle Badenden wie eine Schafherde in eine Ecke beorderte und die weiße durch eine rote ersetzte.
Erwähne nur eine Medusa, schon geraten die Badegäste in Panik: "Ejfoh Medusa, ejfoh Medusa?!" "Wo ist eine Medusa?"
Unter ihnen ein Mann, der mit einer Brottüte Fische anlockt. Um zu dem Brot zu gelangen, schwimmen die Fische tatsächlich in die offene Tüte. Der Mann nimmt sie heraus, streicht sich übers Haar und legt die Fische in seine Mütze, die er gleich wieder aufsetzt. Dieses Ritual wiederholt er mit verbissener Miene.
Das Frühstück am Schabbat verläuft nicht wie an anderen Tagen. Neuankömmlinge betreten zögernd, Statisten ähnlich, den Frühstücksraum, als ahnten sie, was auf sie zukommt. Hier regiert heute die Küchenfrau, ein kräftiges Weib; buntbeschürzt, wodurch die Körperrundungen noch betont werden. Ein junger Amerikaner, auf das "kalte Büffet" starrend, hat Glück, er kann sich unbemerkt einen Platz suchen, was den wenigsten Gästen vorbehalten bleibt. Je nach Kopfzahl der Gruppen oder Familien werden sie an einen oft nicht gewünschten Tisch gewiesen. Die Bedienung, für das Decken und Abräumen der Tische verantwortlich, sagt zu dem jungen Mann: "It is selfserving!" "Yes, I know." Vielleicht weiß er nicht, woran er sich selbst bedienen soll, und verläßt unverrichteter Dinge den Raum. An den Wochentagen bietet das "kalte Büffet" reichlich Salate, Käse, Quark, Ei und verschiedene Brotsorten. Aber: Am Schabbat ist alles anders!
Es stehen uns lediglich verpackte 20g-Schächtelchen mit Marmelade, Butter und Honig zur Verfügung, natürlich in Selbstbedienung! Abgezählte Weißbrotscheiben sorgen permanent für Unruhe. Gäste rücken laut scharrend ihre Stühle über den Terrazzoboden, um den vergeblichen Gang zur Küche anzutreten. Wünsche, wie gekochte Eier, Vollkornbrot oder Kakao für die Kinder, bleiben dabei völlig unberücksichtigt. Die Longtimer erfreuen sich an diesem Mahl, neue Gäste haben daran erst einmal zu knabbern. Cornflakes gibt es nur für Frühaufsteher. Auf Anfrage, ein wenig in Deckung gehend, denn die Küchenfrau ist im Streß, bekommt man nur ein "nothing" zu hören. Wer es gar wagt, erst 10 vor 10 zum Frühstück zu erscheinen (von 7-10 breakfast), hat halt Pech gehabt, kaum noch Reste. "It is closed", verlautet es von unserer Mamsell. Die Gäste reagieren etwas ratlos auf diese unerwarteten knappen Antworten und fügen sich ihrem Schicksal, denn schon erscheint sie auf der Bildfläche und räumt laut klappernd am liebsten schon dort den Tisch ab, an dem Einzelne noch versuchen, etwas Haltung zu bewahren, indem sie, sie nicht beachtend, mit der freien Hand unauffällig Messer, Gabel und Tasse festhaltend, ihr Schabbatfrühstück einnehmen. Ja, sie hat es geschafft, alle Anwesenden beschäftigen sich mit ihr. Am Schabbat ist eben alles anders!
Das Meer hat sich noch nicht beruhigt. An einigen Stellen reicht das Wasser bis an die Promenade. Es war die Ruhe vor dem Sturm. Drei Tage litten wir unter dem heißen schwülen Wetter, die kleinste Bewegung vermeidend.
Die Wellen schlagen an die Klippen, Schaumkronen legen sich um die Steine. Die Schwächeren fallen wieder zurück. Eine unsichtbare Kraft wühlt das Wasser aus den Tiefen. Gewaltige Wogen rollen vom Meer herein und verlieren sich an den Stränden.
Die Menschen müssen sich mit dem Platz begnügen, den ihnen der Sturm gelassen hat. Sie wollen Sonnenschirme aufstellen, kommen mit Kind und Kegel. Irgendwo wird noch ein Plätzchen sein, auch wenn sie dichtgedrängt liegen oder sitzen müssen. Das macht ihnen nichts aus.
Das israelische Nationalspiel am Strand ist dieses Brettspiel mit dem kleinen Ball, der den Badegästen regelmäßig um die Ohren fliegt. Stundenlang klappern die kleinen schwarzen Kugeln gegen die Bretter. Die Spieler stehen gegeneinander, spielen aber auch nebeneinander, hintereinander und gelegentlich durcheinander, doch keiner kümmert sich um die anderen Badegäste, so sind die Regeln. Beliebt ist auch der Fußballsport. Viele Menschen liegen dicht am Wasser, weil es dort luftiger ist, doch die Fußballer lieben nun mal den festen feuchten Sand. Vorsicht ist geboten! Jeder sollte jetzt achtgeben, manch einer zieht den Kopf schon ein. Das Spielfeld hat sich inzwischen vergrößert. Es wird um das Publikum herumgespielt. Die Bälle peitschen den herrlichen Seesand auf. Augen werden gerieben, Ölhäute abgewischt. Daß auch die Geduldigen das Feld räumen, ist nur eine Frage der Zeit. So will es die Regel.
Nein, das ist kein Kinderspiel. Ich erlebe mich als eine herumkollernde Cola-Dose, die bei jeder Anfahrt ihren Standort ändert und im Bus hin und her rollt. Ich halte mich mit der Linken am Griff fest, und mit der Rechten umklammere ich meine Tasche, während ich, mich mit den Füßen abstützend, versuche, nicht vom Sitzplatz zu rutschen. Die Sitzflächen sind so glatt, daß ich plötzlich auf dem Nachbarsitz lande. Ben Yehuda! Wir haben es wieder einmal geschafft, unversehrt verlassen wir den Vierer, bis zum nächsten Mal.
Ich schreite schneller voran, verlangsame meine Schritte, schere jäh nach links oder rechts aus. Der Grund sind meine lieben Neffen. Wir laufen dicht an dicht, kaum eine Menschenseele begegnet uns. Ich könnte ja einen Zentimeter von ihnen weichen. Sie laufen mir über die Zehen, unter die Hacken. Der eine tendiert von schräg links nach schräg rechts, während der andere sich liebevoll an meiner Schulter festhält. Es gibt kein Entkommen!
Wenn die rote Flagge gehißt ist, dann finden sich alle Badenden direkt vor dem Lifeguardhäuschen ein. Per Lautsprecher beordert der Bademeister sie auf Hebräisch, Russisch und neuerdings auch auf Englisch zu diesem sicheren Ort. Einzelgänger, die noch einmal ins Wasser springen und damit auszuscheren wagen, werden öffentlich gemaßregelt. Mit dem Kopf nickend oder die Hand hebend, zum Zeichen, daß sie verstanden haben, trotten sie zu der übrigen Badeherde. Der schwere Seegang läßt die Enttäuschung vergessen und trägt schnell zur Versöhnung mit dem Bademeister bei.
Ich erspähe eine halb erschöpfte Wespe. Sie spiegelt sich im Glas und versucht, ihrem Bild näher zu kommen. Unentwegt es ansummend, erreicht sie doch nicht ihr Ziel. An der nächsten Haltestelle steigt eine Frau zu und erdrängelt sich neben mir einen Platz. Versunken in den Anblick der Wespe, trete ich überrascht zur Seite, während meine Nachbarin ihre Zeitung zückt, nein, nicht um die Wespe zu erschlagen, sondern um zu lesen. Am nächsten Halt steigen mehrere Fahrgäste ein, alle müssen enger zusammenrücken, darunter auch eine junge Frau. Sie findet noch Platz am Fenster. Doch damit hat sie nicht gerechnet: Eine Wespe! "Nur ruhig bleiben", kommt es scheinbar teilnahmslos von der zeitunglesenden Frau. Das ist leichter gesagt als getan. Zunächst wendet sich die Jüngere vom Fenster ab, wird aber durch das Westengesumm beunruhigt und dreht sich langsam dem feindlichen Wesen zu, um es im Blickfeld zu behalten. Der Bus wird voller und der Blick der jungen Frau verkrampfter. Es müßte sich doch der gesamte Bus mit diesem summenden Ungeheuer befassen, aber die schauen alle seelenruhig vor sich hin, als sei die Welt völlig in Ordnung. Verschämt blickt sie immer wieder zur Seite, dabei nicht die Wespe aus den Augen lassend, als wollte sie erforschen, ob sie wirklich die Einzige sei, die den Anblick dieser Wespe nur unter Qualen ertragen kann.
Auf dem Weg zur Arbeit, in der U-Bahn stehend, denke ich über den begonnenen Tag nach, was er mir bescheren wird. In Gedanken versunken, spüre ich einen Blick auf mich gerichtet. Ich begegne diesem Blick, wandere ab und lasse mich immer wieder dazu hinreißen, in diese Augen zu schauen. Ich suche diese Begegnung. Kurz: Ein kleiner morgendlicher Augenflirt. Die U-Bahn hält, abrupt werde ich aus meiner Versunkenheit gerissen, denn eine Kollegin steigt mit ihrem sechsjährigen Sohn ein und läßt durch lautes "Hallo" alle Aufmerksamkeit auf uns lenken. Von Anonymität kann nun keine Rede mehr sein. Mein Name wird lauthals durch den Waggon gerufen und im Nu weiß jeder umstehende Fahrgast, welchem Broterwerb ich nachgehe. Nun heißt es, aufmerksam den Ausführungen über das Wochenende der Kollegin folgen. Wieder versuche ich, einen kleinen Blick meines Flirts zu erhaschen, aber es gibt kein Entrinnen. Halbherzig höre ich ihr zu, doch sie, nicht locker lassend, stellt sich mir in den Weg, um meinen Blick und meine Aufmerksamkeit voll auf sich zu lenken. Ich gebe mir Mühe, Interesse zu zeigen, was mir nicht ganz gelingt. Beim Verlassen des Zuges konnte ich sie aber doch noch überlisten, ein schneller Blick über die rechte Schulter ließ mich zum Abschied noch einmal in diese Augen schauen.
Unerträgliche Einsamkeit wird erträglich, wenn die Zeit... Einsamkeit wird mit der Zeit erträglich, wenn nicht erstrebenswert.
Das Zwitschern der Vögel verklingt. Menschen ziehen ihre Jacken über, weil es kühl geworden ist. Die Sonne geht unter. Eine große rote Scheibe. Feierabendstimmung. Hunde werden ausgeführt, noch ein paar Einkäufe erledigt, Ladenbesitzer lassen die Jalousien herunter. Letztes Geklapper. Müde Beine tragen ihren Besitzer nach Hause. In der häuslichen Umgebung noch einmal tief Luft geholt für den Endspurt: das Abendessen , Kinder gebadet und ins Bett gebracht. Endlich ist es dann so weit, die Tasse Kaffee wartet schon, die Beine können hochgelegt werden, es ist eine Wohltat.
Menschen in der Bahn, essend, sich gegenseitig musternd, bewundernd. Abschätzig. Mißtrauisch. Belustigt. Ich ertappe mich dabei, andere Menschen völlig unbefangen zu beobachten. Wenn sie mich anschauen, lächle ich zurück. Eine Art Kontaktaufnahme, wobei ich Kontakt nicht direkt aufnehmen möchte. Ich möchte eher Distanz halten. Immer.
Musik aus allen Richtungen. Aus dem Radio Jazz, aus der Nebenwohnung Fernsehmusik, und von der Straße, aus der gegenüberliegenden Kneipe, ertönen deutsche Schlager. So ist das in einer städtischen Neubauwohnung.
Seit Wochen wartet sie darauf, mit Farbe ins Leben gerufen zu werden. Eine Skizze aus Israel. Ein schmaler Weg im Schatten, der ins Licht führt. Zur Rechten Bäume wie in einer Allee. Zwei Parkbänke, die erst durch Farbe hervorgehoben werden sollen. Links und rechts Häuserwände mit herausgearbeiteten Rollos und Treppenstufen.
Verschiedene Größen von Pinseln stehen gefächert in einem handgearbeiteten Tongefäß. Kleine und große Fläschchen mit Pinselreiniger und etlichen Malmitteln, halbleergedrückte, aber auch prallgefüllte Farbtuben unterschiedlicher Nuancen warten auf die Erfüllung ihrer Daseinsberechtigung. Morgen, vielleicht übermorgen werden sie, zu neuen Tönen gemischt, ihrer wahren Bestimmung übergeben.
Ich trete aus dem Geschehen heraus, um als Beobachter zu fungieren. Ich gehöre nicht mehr zu dem Ablauf der Dinge, sondern bleibe außen vor. Die Zeit bleibt stehen, aber für die Menschen um mich herum läuft sie weiter. Ich gehöre nicht dazu. Ich stehe wie in einer Wolke, unter einer Glocke, und schaue hindurch. Die Menschen treten in Beziehung, ob sie nun miteinander bekannt oder sich zufällig begegnet sind. Sie machen Platz oder lächeln sich an. Sie ärgern sich über den einen oder anderen oder freuen sich über ein Kind. Nur ich bin aus der Situation herausgetreten.
Am Strand. Im Schlafsack. Im Freien geduscht. Der Reinigungstraktor fuhr um uns herum. Geruch nach Urin. Und Sand. Ein unverkennbarer Geruch. Morgens kam das Wasser bis an die Fußspitzen. Schlafen bei rauschendem Meere. Sternenhimmel. Ein Mann liegt morgens zwischen unseren Schlafsäcken. Ein Araber, der sich vermutlich vor der Kontrolle versteckte. Ein Mann in der Dunkelheit wühlt in unseren Taschen. Schlafen, während die Schickeria auf der Promenade flaniert. Weiße Krebse kommen nachts aus dem Sand. Laute Musik aus den Kneipen. Einzelheiten, Zusammenhänge, Auswirkungen.
Wie konnte das nur geschehen, war es meine Schuld? Warum hat er das getan, es war doch kein Zufall?! Diese Gedanken schwirren ihm die ganze Zeit im Kopf herum. Er wird sie einfach nicht mehr los. Der Kommissar fragte nun noch einmal ganz behutsam, ob er erzählen könne, was geschehen sei. Der Reihe nach und von Anfang an. Ja, er erinnert sich: In den frühen Morgenstunden, die Sonne war noch nicht einmal richtig aufgegangen, schlich Ron aus seinem Bett, das in einer kleinen Kammer neben der Küche stand. Leise, ganz leise zog er sich an. Er balancierte über die Dielen, denn er kannte die Stellen, an denen sie knarrten und ihn verraten konnten. Mit schnellen Griffen suchte er sich aus der Küche Proviant zusammen. In seinem schon bereitgestellten Rucksack verstaute er den Käse, den Kanten Brot und eine Flasche Milch.
Ron schaute sich noch einmal um, ob er auch nichts vergessen hatte. Mit angehaltenem Atem lauschte er auf Geräusche, aber er fühlte nur seinen eigenen Herzschlag.
Hinter ihm lag das kleine Dorf. Zehn Jahre hatte er dort mit seiner Mutter verbracht. Sie sprachen selten über den Vater, dabei hätte er viele Fragen an ihn gehabt. Durch einen Zufall hatte Ron erfahren, wo sein Vater wohnt. In einer nahegelegenen Stadt, die er bequem mit dem Zug erreichen konnte. Das Fahrgeld hatte er sich zusammengespart, von seinem Taschengeld. Er hätte der Mutter auch sagen können, wo er hin wollte, aber sie hätte versucht, es ihm auszureden, und er hätte es sich ausreden lassen. Nein, so war es schon richtig, außerdem wußte sie sowieso, wo er hinfuhr, denn oft genug hatten sie darüber gesprochen.
"Nur einmal möchte ich mit meinem Vater sprechen, du kannst es mir nicht verwehren!" "Es hat keinen Sinn, ich kenne ihn, er wird jedem Gespräch ausweichen wollen." "Ich will ihn trotzdem sehen!"
Die Mutter ging damals völlig resigniert aus dem Zimmer und ließ ihren Sohn allein. Sie war sich dessen bewußt, irgendwann wird er zu seinem Vater in die Stadt gehen. Und sie wußte, daß er es tun muß.
Ihn plagte ein wenig das schlechte Gewissen. Sollte er wieder umkehren? Während er so dachte, erschien der Schaffner, um die Fahrkarten zu entwerten. Ron kaute genüßlich an seinem Brot und seinem Käse, schaute aus dem Fenster auf die Wiesen und Felder.
Im Zug saßen nur wenige Fahrgäste. Vielleicht Leute, die zur Arbeit fuhren oder von einer Wochenendreise zurückkehrten. Noch ein paar Stationen, dann würde er seinem Vater begegnen. Ron ließ die Gedanken schweifen, als er am anderen Ende des Wagens eine ihm bekannte Gestalt bemerkte. Zunächst konnte er das Gesicht nicht richtig erkennen, aber die Art, wie er sich mit der Hand durchs Haar fuhr... Es waren schon einige Jahre vergangen, seit er seinen Vater gesehen hatte, aber das war er..., das war doch sein Vater!
Ron ließ sein Bündel auf dem Platz liegen und eilte in freudiger Erwartung durch den schaukelnden Zug auf seinen Vater zu. Verdutzt über den jungen Bengel, der ihm so vertrauensvoll entgegenkam, wich er einen Schritt zurück.
Warum hatte Mutter ihn verlassen?
Ein großer schlanker Mann mit leicht ergrautem Haar, bekleidet mit Jeans und kariertem Oberhemd, schaute verlegen lächelnd auf den Jungen. Was hatte er vor, erkannte er seinen eigenen Sohn nicht. Schwankend ging der Vater in Richtung Tür. Er begann etwas zu lallen, aber Ron konnte ihn nicht verstehen. "Ich bin Ron, dein Sohn!" rief er verzweifelt. Aber sie hatten schon den Waggon verlassen und standen auf der Plattform. Dort hörte man noch deutlicher die Räder über die Schienen rattern, nur durch lautes Brüllen hätte man sich verständigen können. Der Vater hantierte an dem Türgriff, und der Sohn stürzte sich auf ihn. Das Schloß hatte sich schon geöffnet.
"Bleib doch hier, du kannst mich doch jetzt nicht verlassen! Ich bin dein Sohn!"
Mutter hatte recht, "er wird jedem Gespräch ausweichen." Er konnte nicht mehr gerettet werden... Zufällig fuhr Ron an diesem Tag zu seinem Vater. Aber er glaubt nicht an Zufälle.
An einem sonnigen Morgen stellen wir fest, daß wir nun kein Geld mehr zum Übernachten in einem Hotel besitzen. Das bedeutet für uns völliges Umdenken. Es stehen nicht so viele Alternativen zur Wahl: Rückflug heißt unseren Traum und unser Ziel aufgeben. Zu Freunden gehen, spricht gegen unser Selbstverständnis. Wir wollen allein durchkomnen und unabhängig sein. Also bleibt nur noch die eine Möglichkeit, mit Sack und Pack aus dem Hotel ausziehen und am Strand übernachten. So soll es dann auch geschehen.
Bepackt mit meinem Rucksack, viel zu viel habe ich mitgeschleppt, schlüpfe ich aus meinen Turnschuhen und stapfe durch den schon etwas abgekühlten Sand. Ich bleibe stehen, bewege meine Zehen auf und ab, so daß ich jedes Sandkörnchen an meinen Füßen spüre. Der Wind bläst mir die Haare aus dem Gesicht, und ich atme einmal tief durch. Die Sonne ist gerade untergegangen, nur der lilagetönte Himmel läßt ihr Dasein noch erahnen. Vor mir liegt das Meer. Hinter mir höre ich gedämpfte Discomusik und Stimmengewirr. Um diese Zeit flanieren die Leute auf der Strandpromenade, um den Sonnenuntergang zu beobachten oder um Einkäufe bei den Souvenirhändlern zu tätigen. Aber was interessiert mich diese Lichterwelt. Ich bin aus dieser Welt herausgetreten und fungiere nur noch als Beobachter. Ich höre das Meer. Mutige oder Lichtscheue haben sich die Dunkelheit zum Baden ausgesucht.
Ich stehe in den feuchten Sand versunken, mit den Füßen auf- und abtretend, weil ich sonst das Gleichgewicht verliere, wenn das bewegte Wasser meine Füße unterspült. Mein Name wird gerufen. Die anderen haben einen günstigen Platz zum Schlafen gefunden. Ich laufe gemächlich unter der schweren Last meines Rucksacks zu ihnen. Wir sind fünf. Und wir sind alle zu müde von dem anstrengenden Tag, als daß wir uns noch unterhalten möchten. Jeder rollt in Gedanken versunken seinen Schlafsack aus. Im Schutze der aufgetürmten Liegestühle - so bleiben wir für die Promenade unsichtbar - verstauen wir unser Gepäck, das gleichzeitig als Kopfunterlage dient. Ich lasse den vergangenen Tag an mir vorüberziehen. Am klaren Sternenhimmel sehe ich Blitze oder kleine Funken aufleuchten und wieder verschwinden. Sternschnuppen. Ich darf mir etwas wünschen... Jetzt schlüpfe ich richtig in den Schlafsack, ziehe den Reißverschluß an der Seite hoch und die Kapuze über den Kopf. Es ist schon etwas kühler geworden. Ich spüre jeden Sandhuckel im Rücken. Der Wind hat seine Richtung geändert. Uringestank mischt sich mit dem unverkennbaren Modergeruch der Küste. Trotzdem falle ich bald in einen tiefen Schlaf. Nur unter dem Sternenhimmel - wie werde ich je wieder mit einem Dach über dem Kopf schlafen können. Unsere Naivität ließ uns wie die Murmeltiere schlafen. Wir hatten niemanden als Schlafwache eingeteilt. So hat sich doch gleich noch ein Mann zu uns ans Fußende gelegt, wer weiß, wie lange der da schon liegt. Ich bin aufgewacht, vielleicht habe ich eine Veränderung gespürt. Mitten in der Nacht setze ich mich auf und erspähe den Neuling unter uns. Der gehört doch nicht zu uns?! Ich versuche vorsichtig, die anderen zu wecken, was sich als undurchführbar erweist. Sie schlafen den Schlaf der Gerechten. Schlafen wie die Raubtiere, immer auf der Hut sein, das bedeutet, wenn Gefahr droht, sofort bereit sein zu springen. Das hatten wir uns zur Regel gemacht... Unser Neuling bekommt meine Unruhe mit und will mich mit beschwichtigenden Armbewegungen beruhigen. Ehe ich reagieren kann, kommen von der Strandpromenade zwei Gestalten auf uns zu, als hätten sie nur auf den richtigen Augenblick des Zuschlagens gewartet. Sie geben sich als Polizisten zu erkennen. An der Straße wird am Blaulicht der Polizeiwagen sichtbar. Sie greifen den Mann und führen ihn ab. Mir geben sie durch Handzeichen zu verstehen, daß ich nun weiter schlafen könne. Völlig verblüfft über das nächtliche Geschehen, verblüfft auch darüber, daß alles wortlos geschah, lege ich mich wieder hin und falle voller Gottvertrauen in die nächste Schlafphase. Aus dieser lassen sich diesmal auch die anderen von einem Motorengeräusch wecken. Ein Traktor, der den Sand nach Müll durchpflügt, kommt direkt auf uns zu. "Der wird uns doch nicht überfahren!" "Schnell, packt eure Sachen, aufstehen!" "Macht schon, der kommt immer näher!" Geschafft. Der Morgen zieht sich hin. Durch die nächtlichen Störungen brauchen wir mehr Zeit, um so richtig in Gang zu kommen. In der Ferne erkenne ich eine mir bekannte Gestalt. Mit entblößtem Oberkörper, das Hemd lässig über die linke Schulter geworfen, kommt er zögernd auf uns zu, nicht seinen Augen trauend. Seine Körperfarbe ist blaß, ja beinahe grau. Dabei ist er schon einige Jahre in diesem sonnigen Land. Ich laufe ihm freudig entgegen. Drei Jahre haben wir uns nicht gesehen. Einen Moment lang halten wir inne, um uns gegenseitig zu begutachten. Ich ziehe ihn zu unserem Platz und stelle ihn meinen Freunden vor. "Wir haben schon viel von dir gehört, aber komm, setz dich, hier ist noch ein Platz frei." "Was machst du in Israel?" "Wie lange lebst du schon hier?" Viele Fragen, und er fühlt sich schon wieder eingeengt, wie immer, wenn er zu lange unter Menschen ist.
Sein Blick führt zum Meer. Im Nu hat er seine Hosen abgestreift und springt in die Fluten. Wir übrigen tun es ihm nach, nur etwas träger. Die Berührung mit dem Wasser macht aus uns schläfrigen Gestalten wendige Schwimmer. Die Guten schwimmen hinaus zu den Wellenbrechern. Ich aber bleibe in Strandnähe.
So ist unsere erste Nacht am Strand zu Ende gegangen. Voller Unruhe, Gefahren und Überraschungen. Aber auch mit Meeresrauschen und dem Sternenhimmel über uns. Wir werden noch üben müssen, wie die Raubtiere zu schlafen.
Ungewöhnliche Farbnuancen berühren seine Augen. Das ist Gottes Lohn. Das war der Mühe wert. Schwer genug war die Konstruktion der Arche. Mit allen Mitteln, die ihm zur Verfügung standen, hatte Noah es dann doch geschafft. Das war der Mühe wert.
In der Arche war ein lebendiges Treiben. Für die Pferde, Rinder, Schafe und Ziegen wurden Ställe gebaut. Haustiere haben eh keine Probleme, auf engem Raum zurechtzukommen. Wie sollten sich aber die Raubtiere arrangieren. Der Panther neben der Gazelle... Alle hatten von Gott die Eingebung, sich friedlich zu verhalten, damit nach dieser großen Flut ihre Art weiter bestehen konnte. Offenbar haben sie sich daran gehalten. Es ist nichts von einem Blutbad bekannt geworden, oder daß sich die Starken an den Schwachen sattgefressen hätten. Nach vierzig Regentagen und Nächten sandte Noah einen Raben aus, später eine Taube, die brachte einen Olivenzweig in ihrem Schnabel. Wir wissen, daß die Arche am Berg Ararat strandete. Aber stellen wir uns vor, es waren doch die Galapagosinseln... Noah löst die Falltür von ihren Ketten. Die Tiere schütteln ihr Fell und spreizen die Glieder. Der Elefant trompetet so laut, daß eine kleine Maus fast von seinem Rücken purzelt. Hatte es denn nicht geregnet? Trockenes Lavagestein, silbriger blattloser Balsam, knorrige Bäume. Eine Welt, wie es sie nur im Paradies gegeben haben konnte. Noch traut er seinen Augen nicht. Farben, die er nie zu Gesicht bekam. Eine rote Wunderkrabbe, eigentlich changierte sie mit Grün und Orange, an vierzig Regentagen hätte sie gut gedeihen müssen, doch von der Flut unberührt blieben ihre Klippen, wo sie sich seit eh und je durch Algen und Meersalat frißt. Ein Fregattvogelmännchen macht auf sich aufmerksam. Mit geplustertem grellroten Kehlsack wirbt es um ein Weibchen. Was für ein heiseres Brüllen aus der Ferne? Ein Seelöwe wirft sich stolz in die Brust. Der alte Mann schreckt zurück. Ein häßlicher Kerl von Landleguan droht mit seinen gefährlichen Rückenstacheln.
Noah muß sich eingestehen, daß er ziemlich graues Getier mitgebracht hat. Nun ja, die Giraffe ist schon recht interessant mit ihrem langen Hals, und der Elefant kann mit dem Rüssel Bäume ausreißen, selbst das Kamel muß sich nicht verstecken, seine Gestalt schützt vor der Sonne, die Höcker dienen als Fett- und Wasserspeicher, und vor dem Sand verschließt es seine Nasenlöcher. Doch wenn du die einen den anderen vorziehst, nein, Noah, das würde Gott nicht gefallen. Es sind seine Geschöpfe. Alle.
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