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Wo lassen Sie denken Où laissez-vous penser? Rent a brain...

Erschienen in dem Buch:
Yael Kokhaviv, Pädagogische Gedanken und Erzählungen
Die Weiße Reihe. Berlin: kokhaviv press, 2000.

Yael Kokhaviv

Moische

Ich führe den Pinsel mit kleinen Strichen tupfend über die Leinwand. Eine Landschaft mit Bäumen und Wegen entsteht. Links und rechts erheben sich Häuser. Eine Allee führt hinaus aus dem Schatten ins Licht.

Keine Figuren, ich male grundsätzlich keine Menschen, keine Tiere. Stilleben und die Natur inspirieren mich.

Am Horizont erkenne ich einen kleinen Punkt. Er vergrößert sich, und wenn ich genau hinschaue, kommt Bewegung hinein. Ein Farbspritzer mit Leben erfüllt. Er entwickelt sich zu einer Gestalt, zu einem Mann.

Wie selbstverständlich kommt er auf mich zu und ergreift lachend meine Hand. Wie selbstverständlich verschwinden wir in meinem Gemälde. Die Farbe ist noch feucht. Gleich einem nassen Pudel, schüttele ich mich trocken.

Dichtbewachsene Bäume spenden uns Schatten. Zunnächst fühle ich mich etwas benommen, komme aber zu mir, als mein Begleiter mich auf den einmaligen Ausblick aufmerksam macht: "Schau dir diese Architektur an!" ruft er schwärmerisch. Richtig, das ist die Moschee im Hintergrund. Mit einfachen Pinselstrichen habe ich sie schemenhaft angedeutet.

Hier stehe ich einer mit weißblauen Kacheln getäfelten Kuppel und dem dazugehörigen schlanken Minarett gegenüber. Durch die Sonneneinstrahlung wirkt dieses heilige Gebäude besonders anziehend auf mich.

Jetzt aber richtet sich mein Blick das erste Mal auf diesen Mann, der sich aus einem kleinen Farbtupfer verwandelt hat. Seine markanten Gesichtszüge lassen auf ein bewegtes Leben schließen - ist er Realität oder Phantasie?

Er, hemdsärmelig, mit beigen Sommerhosen und Sandalen bekleidet, ich, in einem leichten Kleid, dessen Stoff angenehm um meinen Körper fließt, so erreichen wir den Strand. Moische, ich nenne ihn Moische (Moische bedeutet zwar der aus dem Wasser Gezogene, aber er ist aus der feuchten Farbe hervorgetreten), streift Hose und Sandalen ab, zieht das Hemd über den Kopf. "Zieh dein Kleid aus!" befiehlt er mir. "Aber..." - "Kein Aber!"

Noch ehe ich darüber nachsinnen kann, tragen mich die Füße über den heißen Seesand ins Wasser. Wir lassen uns von den Wellen hin und her tragen. Unsere Körper berühren sich und treiben wieder auseinander.

Moische schwimmt weit hinaus, während ich mich unsicher fühle. "Du mußt schwimmen, stell dir vor, du seist ein Fisch!" Aber eine Angst ist in mir verborgen: Vor Jahren wäre ich fast im Mittelmeer ertrunken. Ich ließ mich von den Wogen weit hinaustragen. Ein unbeschreiblich befreiendes Gefühl. Plötzlich überraschte mich eine große Flutwelle, ich schluckte Wasser, geriet in Panik und verlor den Boden unter den Füßen. Immer wieder nach Luft japsend, spürte ich, wie der Meeresboden aufgewühlt wurde. - Zwei Männer zogen mich an den Strand.

So, wie er mich in meine Landschaft hineinzog und mir befahl, aus dem Kleid zu schlüpfen, läßt Moische auch hier keinen Widerspruch gelten, ich muß hinausschwimmen - noch nie schwamm ich so frei unter dem blauen Himmel. Auf dem Rücken liegend, lassen wir uns treiben.

Keine Panik. Keine Angst. Ich bin frei!

Ich bin frei! Aber nur bis Mitternacht. Zur Geisterstunde werde ich mit meinem Bild verschmelzen oder zurücktreten in die reale Welt. Für immer ein Teil meiner Malerei zu sein und jede Nacht um Null Uhr in eine unberührte Phantasiewelt zu tauchen, erscheint mir reizvoll.

Ich weiß nicht, wie lange wir sitzen und den Sonnenuntergang beobachten. Bis Mitternacht muß ich meine Entscheidung getroffen haben.

Ich fühle mich sehr müde und falle in einen traumlosen Schlaf. Völlig verwirrt, wache ich auf. Ja, richtig, ich liege am Strand. Es ist dunkel, nur schemenhaft erkenne ich vereinzelte Strandläufer.

Eine Polizeistreife kommt auf mich zu. Mit beschwichtigenden Armbewegungen gehen sie an mir vorbei, zu einem Mann, nein, das ist nicht mein Begleiter. Wortlos wird er abgeführt. Vielleicht ein illegaler Arbeiter, der in meiner Nähe Schutz gesucht hatte. "Bitte hier warten!"

Ich setze mich gehorsam auf eine Bank, auf der bestimmt schon Mörder gesessen haben.

Gedanken über den Verbleib Moisches beschäftigen mich. Sie werden mich fragen, wie er heißt. Wo er wohnt. Sie werden mich nach meinen Personalien fragen. Habe ich überhaupt einen Ausweis dabei?

Offiziell bin ich nicht hier, denn ich kam durch mein Gemälde. Warum sitze ich hier? Ich kenne diesen Mann doch gar nicht. Trotzdem verbindet mich etwas mit ihm. Ich muß ihn allein finden! Während ich so denke, stehe ich auf und verlasse unverrichteter Dinge das Polizeirevier.

Wo fängt man nun an, wenn man jemanden finden möchte, den man gar nicht richtig kennt. Zunächst möchte ich mir über einige Dinge klar werden. Warum will ich ihn finden?

Koordinatorin im oberen Bereich. Was für ein Titel. Mir geht so vieles durch den Kopf, durch Magen und Darm. Ich kann keine vernünftigen Sätze mehr zu Papier bringen und finde nicht den richtigen Ton.

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