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Philosophie und Verhüllung

Die Flensburger Jahre

Teil 2 der Trilogie des Verrats

Nacherzählt von Unger Varnsdorf

Aus: HORST LUMMERT in kuckuck (kulikri) 1973 bis 2000 & unveröffentlichte Texte aus 40 Jahren Wüste. Die vielsandigen Vordenklichkeiten des Avram Kokhaviv. Mit grafischen Einlassungen von Gutz Gauch. Band 8

Die Flensburger Jahre waren Jahre der Hoffnung, der Geburt neuen Lebens. Es waren die Jahre der Idee und der großen Enttäuschungen.

Mir wurde berichtet...

Damit beginne ich auch diese Geschichte. Ja, mir wurde berichtet, von verschiedenen Seiten, Dunkles und Helles. Ich will mich dem Hellen zuwenden. Die Zeiten waren dunkel genug.

Nur einer weiß, wie es war, weil er weiß, wie es werden sollte.

In Flensburg wollte Avram Kokhaviv die Geschichte seiner proletarischen Familie niederschreiben. Er hatte eine Philosophie im Kopf, eine Philosophie seiner Familiengeschichte.

Und doch stand sein ganzes Leben unter dem Eindruck des Lekh Lekha. Er sollte fortgehn, sein Land verlassen und seine Verwandtschaft. Er ging und kam wieder, ging und kam zurück.

Nimmt man nur die Fakten, so wanderte Avram sein Leben lang im Kreise. Er führte ein tristes Leben. Seine Geschichte war es nicht wert, aufgezeichnet zu werden. Aber in allem war ein Geheimnis. Avram trug es in seinem Kopf. Er hatte es im Blut. In den Genen.

Erklären konnte er sich vieles nicht, und sein Leben bestand darin, sich alles erklären zu wollen. In ihm war eine Bestimmung, die er erkennen und verstehen mußte. Das brauchte Zeit, obwohl er sich ziemlich früh auf der Spur war.

Diese Geschichte der abramitischen Geheimnisse will ich erzählen.

Flensburg war zunächst wie ein Ruhepol. Seelenstrategisch lag es günstig. Vom nördlichen Rande Deutschlands konnte man weit über den Süden blicken.

Und wir blickten über die Förde, schlossen Freundschaft mit Möwen und Marienkäfern, die uns eine Zeitlang überkamen. Kinder wurden geboren. Mit den Kindern wuchsen die Hoffnungen heran.

Hoffnungen wurden zu Illusionen. Das kam nicht unerwartet, aber wer hofft, läßt sich den Tag nicht verderben.

Wir kaufen einen Kutter, laden die ganze Habe ein und tuckern eines frühen Morgens um die Fördeinseln. Vorbei an dem russischen Frachter, der gerade seine Kleie löscht. Du wunderst dich über die Jutesäcke aus Algerien, Tunesien und Libyen und rufst der Mannschaft dein schönstes Doswidania zu. Weiter geht es mit Kind und Kegel.

Oder die Autofahrt über die Wettergrenze Schleswig-Holsteins.

In Glücksburg machte der Militärische Abschirmdienst Schwierigkeiten, weil Avrams kuckuck der NATO bereits unangenehm aufgefallen war. Das glaubt kein Mensch, ist aber wahr.

Hier sollte alles friedlich verlaufen, damit der Warschauer Pakt eines Tages genauso friedlich hier würde einziehen können. Nicht mit einem Kutter, aber vielleicht mit zweien, oder mit U-Booten und Unterstützung aus der Luft. Die Flensburger Ecke war strategisch wieder mal wichtig.

Warum tauchte Avram immerfort an solchen Stellen auf. Es war in LeHavre, wo ihn die Militärische Sicherheit vertrieb, als er nach England schaute. Der Küstenabstand bleibt im Rahmen menschlicher Sinneskompetenz. In Harwich entwarf er im nassen Sand eine ganz neue Konstellation, obwohl er wußte, daß es Neues unter der Sonne nicht gab.

Der Chaldäer in ihm meinte, paß auf, wenn du in der ersten Person singularis berichtest, als seiest du der Mann mit der Tarnkappe.

Im Zug nach London kam ich mir vor wie im vorigen Jahrhundert, und in London fühlte ich mich wie im Berlin der zwanziger und dreißiger Jahre. Die Fremden erkannten in mir den Fremden, während die Briten in Harwich mich pflegten und versorgten, als wäre ich ein Sommerfrischler aus dem Norden.

Avram fühlte sich nirgendwo zuhaus. Anders als die Beduinen, liebte er die Wüste. Er liebte, was er wußte, ohne es zu kennen.

Flensburg gestaltete sich zum Knotenpunkt, hier wuchs die Familie in die dritte Generation. In Den Haag, Tel Aviv, Paris oder Prag oder Reichenberg, was jetzt Liberec hieß, Avram ging vorüber. Er strich mit seinem Mantelsaum über die Möbelstücke, über Tische und Bänke. Aus dem Zentrum, das ihm zustand, trieben ihn jene fugalen Kräfte, die sein Leben vom ersten Tag an bestimmten.

Avram war der Same Gottes. Er brachte Zwietracht in die Gemeinde. Er genoß es, wenn die Dummköpfe ihn verachteten. Qualität war sein Thema, und Quantität blieb sein Problem. Er veränderte, indem er sich gab, wie er war, und sich im übrigen zurückhielt.

Die Flensburger Jahre waren zunächst ein Programm für die Zukunft. Hier sollte alles ganz neu beginnen. Was sich später als Episode erwies, lag am Horizont ausgebreitet. Viel Sinn, viel Liebe, viel Hoffnung.

Im nachhinein geht alles verloren, was als schicksalhafte, von Gott gewollte Entdeckung aufschien. Flensburg war ein Flop. Es war die Geburtsstadt der Enkel Avrams. Da wurden Ehen geschlossen, die hielten oder nicht hielten. Ein Flop war Flensburg, weil wir den Ort wieder verlassen mußten.

Die ganze Familie zog nach Berlin. Für einige war es die Rückkehr, für andere ein erster Schritt. Flensburg war also kein Flop, sondern eine sinnvolle Zwischenstation. Die Heimholung der Kokhavim machte Berlin zu ihrem Standort. Hier blieben sie alle, und später kamen sie auch aus Israel wieder nach Berlin zurück.

Die Sinngebung bleibt eine Entdeckung. Es war nichts zu geben, das nicht schon da war.

Die fürchterlichen Stürme bei der Geburt des Baraq, der Sternenhimmel Tage danach, wie ihn Avram nie zuvor erlebt hatte. Erstmals bewußt im geschichtlichen Zusammenhang, doch zeitweilig vergessen, wurde ein Sternenfrühling erkannt, der im dreizehnten Jahr über Jerusalem sich ausbreiten wird. Und im dreizehnten Jahr erschienen die Leoniden, jener Mereoritenschwarm, der mit Alonso X., König von Kastilien und León, und seinen jüdischen Astronomen in Verbindung stand wie mit dem ersten Sohn des Baraq.

Da erschien am Himmel haarfein die zunehmende Mondsichel, sandte Silberkörner zu uns herab. Sie bestand aus kleinen Sternen, die sich neu gruppierten und die Gestalt des Mondes veränderten.

Ich wies auf den hohen Horizont, um Rivqah zu zeigen, was sich da auftat. Sie sah und sagte: Sie ist wie ein Puls. Die Mondsichel pulsierte und veränderte ihre Form. Ich wollte sagen: Plejaden und sagte: Das sind die Pericliden. Oder sagte es Rivqah: Pericliden? Ich dachte in: Perikliden. Wählte später: Pericliden.

Wie beim Begriff Holocaust von Deutschen oft die Schreibweise Holokaust bevorzugt wird. Obwohl das lateinische Wort holocaustus jeden Zweifel ausräumt. Immerhin hatte die Barfußwanderung durch Wien über die vergessenen Schuhe zur drohenden Shoah geführt.

Ich dachte an Pericles, an periculum. Demokratie und Gefahr. Der neu gebildete kleine Sternenhaufen pulsierte wie zuvor der Mondbeginn. Die Pericliden konnten die Randständigen sein, die Äußersten und Vergessenen, die jetzt wiederkehrten und sich mehrten.

Ein großes Volk war angesagt.

Lekh Lekha! Die Aufforderung verband sich mit dem Löwen der Stadt Davids. Die Zeit kehrte um. Der Patriarch sollte noch einmal seine Stadt, sein Vaterland und seine Verwandtschaft verlassen. Die Frage lautete wo? und wohin?

Auschwitz sollte nur der Anfang gewesen sein, wenn Israel sich nicht wehrte. Und es wehrte sich unter der Zeugenschaft von 29 Juden im Flensburger Jahr 1977.

***

5761. Der Schnitt erfolgte am 13. Tag, dem 25. Cheschvan. In zweifacher, vielleicht dreifacher Bedeutung. 12.000 oder 120.000 Arevim weckten den Avram am Morgen. Und es war der Ruf der Steppe, der Wüste, aber auch der Pappel und der Weide. Es war das Pfand für die Bezeugung.

Zweimal riefen sie ihn, und es wurde ein guter Tag.

Der Afrikaner aus dem Hause des Arztes gab ihm den Segen. Nein, er hatte erkannt, daß Gottes Segen auf allem war.

Avram wachte über die Führung des Messers. Und der Geist der Milah gab dem Arzt die ruhige Hand, die in Gebeten erfleht worden war. Gott war bei allem.

***

In diesem Jahr der christweltlichen Zählung entschied es sich für das heilige Land.

War Avram auf dem richtigen Weg? Mußte er nicht damit rechnen, abermals zurückgewiesen zu werden? Konnte denn Lekh Lekha für ihn bedeuten, daß er Israel prüfen sollte? Daß er auftauchen sollte in Jerusalem, der Stadt Davids, um erkannt oder nicht erkannt zu werden? War sein Schicksal die wiederholte, die endliche Prüfung Israels? War er die Elle, die angelegt werden sollte?

Das konnte niemand glauben.

Und Avram war der Letzte, der sich dafür hielt, bestimmt zu sein, Jerualem zu wiegen, Israels Gewicht abzulesen.

Noch schreiben wir die Flensburger Jahre. Die messianischen Elemente kündigten sich an, doch sie wollten verstanden sein.

Yael sagt, die Angelburg sah den jungen Löwen voraus, als an ihn noch niemand denken konnte.

Wer hatte auf dem Sandberg gebaut und den Hafermarkt bewohnt?

HarChol HarCholoth. Schiboleth-Schoal, das ist Hafer. ShuQ HaShiboleth ist der Hafermarkt. Shiboleth = (mit Samekh:) Siboleth. Shiboleth ist die Ähre, der Wasserlauf, der Strom... Auch in Tasdorf, Evergrint, eigentlich Evergreen.

So verlor ich mich in der Sprache, als ich mich daranmachte, die Flensburger Familie in Augenschein zu nehmen.

Die Substrukturen der Sprache, wie sie sich in der Schrift niedergeschlagen, niedergelassen haben, enthalten eine Hoffnung.

Die Wahrheit des Menschen ist nicht seine Wirklichkeit.

In Zeiten des Niedergangs weist der Alltag wenig Grund zum Hoffen auf. Das Leben in der Gesellschaft ist oft nur zu ertragen, wenn der Himmel ein freundliches Gesicht zeigt.

Das Ewige über uns erinnert daran, an die Möglichkeiten, die der Mensch allerdings nicht herbeizaubern kann. Der feste Glaube mag mitunter Berge versetzen, aber die Sicherheit kommt erst auf, wenn du weißt, wovon du redest.

Was ewig ist, ist nicht modern, es läßt sich nicht modifizieren, du mußt dich ihm unterwerfen. Die einzige Unterwerfung, die den Menschen freimacht.

Vieles war angekündigt, doch was daraus werden würde, war nicht gesichert, und wenn Gott es vorausplante, wenn in ihm schon alles beschlossen war, dann hatten wir nur noch zu verstehen. Und das ist der Inhalt unseres Lebens, sofern wir's gut getroffen haben.

***

Die universellen Bedingungen des Lebens in Flensburg gaben sich nicht zu erkennen. Hoffnung und Zuversicht sind törichte Beigaben, um die Tage zu versüßen. Hoffnungen bringen über den Berg, weil sie Kräfte bündeln, die verstreut zu schwach sind.

Ein Funke kann eine Stadt in Brand setzen, wenn Gott es so will. Er hat Hindernisse dazwischengestellt, hat die Bedingungen erschwert, so daß die Möglichkeiten gering sind.

Die Flensburger Familie barg zuviel Zündstoff, als daß sich ihre Förderung empfahl. Sollte es gut werden, so mußten die Bedingungen gut sein.

Die Familie schlug sich mit Problemen herum, die das Leben komplizierten, obwohl alles friedlich und zukunftsträchtig aussah.

Avram hatte sein Mandat. Er mußte sein Rudel leiten und auf den Weg bringen. Und er mußte es geschickt anstellen, denn vertrauen konnte er niemandem. Hinter Worten versteckte er sein Schweigen.

***

Kinder wurden ebenso geboren wie die Philosophie einer proletarischen Familie. Was war proletarisch, und mit welcher Legitimation war er ausgestattet, daß er es wagte, auf diese Weise wie im Namen Gottes vorzugehen?

Wenn er Proletarier sagte, meinte er etwas Besonderes. Er hatte das Wort für seine Zwecke verwandelt. Er dachte an die Sklaven der Antike, an das Volk Israel, das nur mit Gottes Hilfe sich aus Ägypten befreien konnte.

Er dachte an Ismael und Ismaels Mutter Hagar, verglich beide mit sich und seiner Mutter Lina. Ja, der Nil, aus dem die Tochter des Pharao den Mosheh zog, und der kleine Bach in Tasdorf, dieser "Kanal", der nach Rüdersdorf führte und aus dem Geheimnis herkam, in diesem Bach wusch Lina ihren Avram, den "sein Storch" für sie und den kommenden Tag aus den Sümpfen gezogen hatte.

Und Avram begriff das Gleichnis und übte sich in Bescheidenheit, in der Bescheidenheit dessen, dem es gegeben war.

Charosheth war ihm eingeschrieben. Der Name, an dem er seine Zähne zu erproben hatte. Bis sie ihn verließen. Der Biß des Leoparden war gesichert.

Charoseth oder Charosheth, Samekh oder Shin. Das Sederfest mit dem feinen Bindestoff.

Oder das Kunstwerk, das Geheimnis der Künste.

In seinem Namen ruhte das Geheimnis. Wenn niemand es wußte, der Name wußte und trug es. Und es reichte in Vorflutzeiten, in die Zeiten Lamakhs, Tuval Qains, Juvals und Javals.

Neomi war seine Schwester, wie Hagar seine Schwester war und Ismael sein Bruder, und er war Ismael und Qain und Lamakh und Chenokh, und alles war in ihm als das Handwerk und sein Geheimnis.

Das Geheimnis lag in seinem Namen und er kam ihm auf die Spur. Und der Storch ist hebräisch: Chasidah. Samekh.

***

Chasid ist fromm, liebreich, gütig, gnädig.

Chasidah ist der (fromme, liebreiche Vogel) Storch. Charoseth oder Charosheth.

Heres (Samekh) ist die Zerstörung und auch der Löwe; zerreißen, brechen, zerstören, verwüsten. Cheres ist die Sonne, der Ausschlag, die Krätze. Psoriasis. Und die Anhöhe bei Sukkoth.

Zir ist der Wanderer, der Bote.

Zarah die Widersacherin, Feindin, Nebenbuhlerin. Enge, Bedrängnis, Angst.

Zir ist auch der Geburtsschmerz, die Wehe. Und: Gestalt, Bild, Götzenbild.

Zor aber ist Tyrus in Phönizien.

Ist Har und ist Sheth.

Synthese und Widerspruch in sich.

Israel und Amaleq.

Ismael, in dem alles noch beisammen war.

Hagar, die schwarze Sarah der Zigeunerinnen, war seine Mutter Lina am Himmel der Nacht. In ihm und in ihr kam alles zusammen, und er mußte es verstehen.

Er hatte es auszutragen und zu erkennen, zu erkennen und auszutragen.

Lina hatte den Avram von Chasidah in Empfang genommen, am Bach, wo sie ihn wusch und ins Haus trug in Tasdorf.

Der junge Löwe war bereits in ihm, dem Alten, über vier Generationen.

***

Es soll nicht euphorisch in die Zukunft geschaut werden, denn dieser Blick hat schon einmal die Sinne getrübt. Nicht alles ist so, wie es aussieht. Auch der Name muß erst gewalkt werden.

Denn viele sind berufen, doch wenige auserwählt, und das heißt, daß die vielen taub geblieben wie ein Stein, der den Samen nicht aufnimmt. Die Botschaft bleibt ungelesen.

Lesen lernen, es tut wohl not, ließ sich Avram entlocken, als er erstmals verstand, doch nicht in der vollen Bedeutung, noch nicht.

Flensburg war die Stadt der Sammlung, der neuen Verfassung, die Zeit, da die Horizonte sich offen und voller Verheißung zeigten.

Und doch kam alles ganz anders.

***

Der Ausgang erwies sich als Aufenthalt für die Geburten, für das Wachsen der Familie. So kam in Flensburg die Familie zur Großfamilie zusammen, die bei Baraq zur Dynasty mutieren soll. Doch das liegt noch weit weg.

Die Flensburger Jahre waren Jahre der Zahl und der Mehrung, auch an Qualität, und darin lagen Täuschung und Selbsttäuschung.

Was sich verbarg, war tiefes Leid, war schwere Erkrankung, waren Störungen des Gleichgewichts. Und es keimte heran, was den Avram eines Tages überraschte.

***

Wann kam er auf den Gedanken, daß sich in jeder erlebten Überraschung eine metaphysische Botschaft vermittelt?. Es könnte in Flensburg gewesen sein oder früher. Nicht später.

Es mußte entdeckt werden, es war immer da.

Avrams Überraschungen hatten ihre Metaphysik nötig, um verstanden zu werden, und Avram mußte verstehen, um leben zu können nach seinem Gesetz.

Er schrieb alles auf.

Er erlebte alles noch einmal, lebte das Leben seiner Kinder und Kindeskinder, schrieb es auf, schrieb jede Kleinigkeit auf, jede Neugier der Kinder, jede Eigenart, in der er Gesetzlichkeiten erkannte.

Wiederholungen waren ihm schon früher aufgefallen, aber nun sah er sie wirklich und lebendig in seinen Kindeskindern. Was wiederkam und doch nicht dasselbe war, was er schon kannte.

Im Bekannten zeigte sich Neues, das er noch nicht kannte, weil bereits nach zwei oder drei Generationen einiges wiederkehrt, aus dem sich begreifen läßt, was Haschem uns geschenkt hat, was wir sehen und verstehen müssen, wenn wir seinem Bild entsprechen wollen. Und das sollen wir, so ist der Auftrag an uns.

Die Harmonie der fünf Sinne lebte in Avram als eine Sehnsucht und als ein Gedanke, den er zu den entscheidenden zählte. Der sechste Sinn war der heilige Geist der Schöpfung in ihm. Die Wahrheit war konkret, wie er über Walter Benjamin von Bert Brecht erfuhr, was Bileams Esel verstand, was also auch Avram verstehen mußte.

***

Das konkrete, das eigentlich einfache, eher grobe als feine, eher synthetische als analytische Denken, Avram nannte es das konstellative, es war das Denken der Wissenden Babylon-Indiens, Chinas, das Denken der Maya. Das Wissen der Phönizier, die sich eins wußten mit dem Himmel und also die Meere beherrschten.

Avram erfaßte die biblische Weisheit als stehen gebliebenes, irgendwie übrig gebliebenes, eingefaßtes, komprimiertes vorbiblisches Wissen, das als feindlich, böse, verwerflich übermittelt worden ist.

Die Torah steckt voller Widersächlichkeiten. Sie hat Ordnung gebracht und eine neue Welt begründet. Es sieht nach Klarheit aus, was darauf beruht, daß die großartige und überwältigende Geschichte, die davor liegt, als dunkel dämonische "Vorgeschichte" verdrängt und verleumdet wird.

Geschichte ist geschriebene Überlieferung. Die verleugnete "Vorgeschichte" beruht auf hoher Schriftkultur und mathematisch-astronomischer Wissenschaft. Agrarkultur und Top-Architektur eingeschlossen. Gerechterweise sollte man unsere Zivilisation als "Nachgeschichte" jener Hochkulturen definieren.

Vor der Bibel liegt Wahrheit, und am Ende der Bibel beruft dieselbe Wahrheit sich auf ihre Geschichtslosigkeit, ihre unveränderbare Ewigkeit.

Die toranische Wahrheit, wenn sie's denn ist, bringt den einzelnen Menschen hervor, der zuvor vielleicht nicht so viel galt. Aber ist das eigentlich wahr?

In antiken chinesischen Grabstätten sind lebensgroße tönerne Soldaten und Hofbeamte erhalten, die ihre individuellen, unverwechselbaren Gesichtszüge zeigen - erstaunlich im Vergleich mit griechischen, spätägyptischen, römischen Skulpturen, deren Physiognomien eher von allgemeiner, seelenloser Schönheit sind.

Müssen wir die Geschichte hinter uns lassen oder vor uns her schieben, um an die ewige Geschichtslosigkeit wieder heranzukommen, die offenbar nichts anderes als eine ewige Geschichte der Widerspiegelung erkannter (!) kosmischer Abläufe ist?

Mit dieser Frage befaßt sich niemand in Flensburg und anderswo.

Auf Erden aber sollten wir den täglichen Dingen nachgehen, uns um unsere Nächsten kümmern, den Morgen mit leuchtenden Augen begrüßen und die Nacht empfangen als die Wunder, die uns bestimmt sind. Aus denen wir unsere Kräfte schöpfen, auch wenn wir es einige tausend Jahre vergessen hatten.

***

Der Atheismus hat die Gottes- und Götterreligionen überwunden. Die Welt ist aus den Fugen geraten, das Gesetz Gottes ging verloren. Wir haben verlernt, die Dinge wieder in Ordnung zu bringen.

Die Menschen haben sich auf die Podeste der Götter gehoben und vergessen, was sie von der Schöpfung als deren Krönung abhob. Der Mensch ist als bloß noch Irdener sozusagen vertrottelt.

Wenn aber in der Überwindung der Götter die Neuentdeckung des Himmels und der Gesetze des Himmels heraufkommt, dann, nur dann, war der Verlust Gottes nicht umsonst.

Der Sinn der Gottverlassenheit ist nicht die Wiederfindung Gottes in der engeren Bedeutung, sondern seine "gesetzgeberische" Ablesbarkeit an und in den Bewegungen des Universums.

Die Wiederentdeckung des Gesamtschöpfungswerks ist eine höhere Stufe der Erkenntnis, das Höchste, was dem Menschen vergönnt und aufgetragen ist. Es war ihm verloren gegangen. Ich-bin ist mehr als Ich-werde-sein.

***

Die Metaphysik der Überraschung holt mich heim. Avram aber sah sich noch immer geschichtlich, lebensgeschichtlich, familiengeschichtlich.

Als in sich Beschlossenes ist seine Familie, seine geistige, seelische und körperliche Verbundenheit ewig eine Konstellation beziehungsweise deren eine Erscheinungsweise.

Was haben wir versäumt, und welche Verwandlungen erfährt und erleidet unsere Sprache, wenn wir ihre Urgründe wiederfinden? Was haben wir uns angetan, indem wir uns geschichtlich gedacht und vorgestellt haben?

Wir hätten doch wissen können, daß "Geschichte", "Historie" nur aufeinander schichtet, was eins ist, wie eine Frucht eins ist mit sich. Wir haben unsere Erzählungen als zeitlich aufgereihtes Mosaik verstanden und erlebt.

***

Das historische Denken war und ist eine Diffusion, die nur möglich wurde, weil wir den Zusammenhang mit dem Universum verloren, vergaßen, weil uns der Verstand für die wesentlichen Erscheinungen Gottes abhanden kam.

Meditation versuchte, wieder zurückzukehren. Aber der Preis war zu hoch, weil diese Rückkehr als Regression mit dem Verlust der Welt und des Lebens zusammenging.

***

Eine Reise in den Süden Europas und in den Orient ist wie eine Fahrt aus der Geschichte in die Gegenwart.

Das Auffallende an dieser Wanderung ist, daß die Menschen dort ruhiger sind, daß sie stundenlang stille sitzen und in die Gegend schauen können, daß sie zu zweit über einem Brettspiel verbringen, was man Zeit eigentlich nicht nennen kann.

***

Charakteristisch, daß der Europäer Unruhe verbreitet: Sie ist in den Menschen hier in Europa. Die Europäer nehmen sie überall hin mit und übertragen sie auch dort, wo Ruhe und innerer Frieden zuhause waren.

Die europäische Geschichte kommt nicht nur mit ihren Kriegen und Handelsprodukten nach Afrika und ins Morgenland. Nicht nur die neuen Medien, der moderne Straßen- und Luftverkehr haben die "westliche" Hektik in den Süden und Osten gebracht. Der europäische Mensch selber scheint der Unruhestifter zu sein.

Es treibt ihn von Ort zu Ort, kilometerfressend und panoramentrinkend rast er oder läuft er um den Erdball. Er nimmt sich so wenig Zeit, weil er morgen schon wieder woanders sein will. Aus seiner inneren Unruhe entsteht ein ganz neues Zeitverständnis.

Seine Technik gibt ihm die Möglichkeit, das Ungesehene zu konservieren. Das gespeicherte Versäumnis betrachtet er zuhause im Sessel, genauso flüchtig, wie er daran vorbeigerauscht ist.

Die Unruhe ist in ihm. Seine technischen und wissenschaftlichen Errungenschaften sind Kinder der Unruhe, zugleich ihre Verstärkung und Verlängerung.

Die moderne Technik, das ganze Medienzeitalter, das ist eine historische Emanation des europäischen Menschen. Auf den Verdacht hin, einen gleichsam entgegengesetzten Rassismus vorzuführen, sage ich, daß das vermeintlich allgemein-menschliche historische Bewußtsein etwas Besonderes, nämlich eine Bewußtseinseigenart der Menschen des Abendlandes ist.

Die Herkunftseuropäer haben dem Süden und dem Osten die Ruhe, den Frieden und die Ewigkeit geraubt. Sie haben die Kreise gestört und alles durcheinander gebracht.

***

Andererseits ist diese innere Unruhe ein individuelles Phänomen. Nicht jeder "Weiße" ist verstört, nicht jeder "Schwarze" ruht in Frieden. Es gibt Jäger und Gejagte.

Die Gejagten sind unruhig in der Angst. Die Jäger aber sind in Frieden erst vor dem erlegten Wild, nach getaner Arbeit, also nicht von vornherein, sondern erschöpft.

Die europäische Arbeitsneurose ist bei Max Weber religiös aus dem Protestantismus und vor allem dem Calvinismus erklärt worden. Das Puritanische ist eine libidinöse Störung, Ursache und Wirkung sind nur noch schwer zu unterscheiden.

Wenn wir ein europäisches Menschheitsproblem haben, eines also, durch das der Menschheit Gefahren drohen, so ist es diese genetisch oder lebensumständlich, religiös gerechtfertigte und sekundär bedingte innere Unruhe.

***

Der viel beschworene Verlust der Mitte ist der Verlust des inneren Friedens und damit der Ewigkeit, die in uns war, als die Welt noch in Gottes Händen ruhte.

Unruhe kam auch aus dem Osten. Die asiatischen Reiterstämme brachten sie herein. So haben sie genugsam Anteil am Zustand der europäischen Völker. Ohne den Geist der wilden verwegenen Reiter wäre Europa nicht nach Amerika ausgewandert.

Es wurde geschoben und getrieben, das Meer und die zum Abend gehende Sonne sandten die ultravioletten Strahlungen, die den Menschen verrückt machen und irre, die ihm Mut schenken.

Helden überspringen die irdischen Grenzen unter kosmischen Einwirkungen. Helden sind nicht zu halten.

***

An der Westküste Schleswig-Holsteins ist der nordische Wahn zu locken und zu laden. Die Sprache ist hilfreich dabei.

Europa ist ein Antagonismus, dessen Widersprüche und Gegensätze sich an den Sprachen ablesen lassen.

Europa ist ohne gemeinsame Sprache nicht zu einigen, also wird es nicht zu einigen sein. Die Zahl der europäischen Sprachen zwingt uns diesen Gedanken auf.

Die Verschiedenheit der Stämme und Völker muß zur Kenntnis genommen werden. Die Eingigungsidee ist schön, aber nicht wirklich wahr.

Lateiner, Deutsche und Slaven kommen niemals zusammen - außer durch Eroberung und Unterwerfung. Da wechseln in den Jahrhunderten die Eroberer und Unterdrücker, aber zusammen hat es uns nicht gebracht.

Wirtschaftliche Interessen und Beziehungen lassen sich in Kriegszeiten harmonisieren, so absurd das auch klingt. Je ernster und aufreibender die Situation, desto stärker der Sinn für Realitäten.

Europa ist, wie es ist. Was es sein und werden will, steht nicht in den Sternen. Der Realitätsverlust mag die Europäer in Friedenszeiten auszeichnen. Auch sind die übergreifenden Konstruktionen oft realitätsferner als der bunteste Traum.

Flensburg ist zum Ruhepol geeignet. Man hätte sich einrichten können.

Die Verdienstmöglichkeiten sind begrenzt. Luftballons steigen lassen, bis sie platzen. Mit dem Schiff über die Ostsee gen Nord, dann Richtung West.

***

Ich weiß nicht, was es zu bedeuten hatte, daß Avram sich gegen den Vorwurf wehrte, getötet zu haben.

Er hatte Zeugen: Ja, 29 Zeugen Juden, sagte der Rabh und reichte mir das Messer herüber. Ich verstand weder die Geste, noch verstand ich die Worte. Sie waren auch nicht zu verstehen.

Eines Tages durchfuhren wir die Wetterfront auf der Straße nach West. Keine Erinnerung, die mir des Nachschreibens wert erscheint. Es war keine verlorene Zeit, weil die Familie wuchs und wuchs, aber die Metaphysik gab keine Geheimnisse preis.

Avram schrieb viele hundert Seiten, wertete sie aus, sog aus ihnen Aphorismen und konzentrierte Gedanken. Es war nicht verloren, nicht vergebens. Doch eine Last, die er abtat, obwohl er darin sein Leben erkannt hatte.

Verloren und wiedergewonnen. Wie die Legende der in Israel geraubten hundert Seiten stärker in die Geschichten einging als die hundert geschriebenen Seiten, denn die waren verbrannt, verkohlt, in alle Winde und übers Meer verstreut.

Flensburg erschien ihm wie Stuttgart. Er lebte dort eine Weile, schrieb auf, was ihm einfiel, und alles ist verloren gegangen, weil seine Zeit vorüber war.

Er sollte erinnern. Sein Gedächtnis ruhte in den dicken Schriftenordnern. Er schrieb, und indem er schrieb, vergaß er, was er der Schrift soeben überlassen hatte.

Er mußte, was in ihm war, aus tiefem Todesschlaf erwecken. Er konnte nicht bleiben, wenn er schrieb. Das Schweigen und Warten der Maya war ihm verschlossen, solange er schrieb. Doch auch die Maya hatten die Schrift von ihrem Gott.

Waren die Störungen, die Sabotagen, die Nichtbeachtung seiner Arbeit ein Wink: Bereite dich, Avram, denn dein ist des Schreibens nicht länger?

Es waren Fragen wie Fallen. In ihnen lockte eine Wahrheit, die Avram nicht fremd war.

***

Denken und Schreiben, das war sein Schicksal, gewiß, war ein Verhängnis, eine endlose Arbeit, die keine Früchte verhieß, keine vor Gott und den Menschen.

Der Name Sisyphos stand ihm auf die Stirn geschrieben in unsichtbaren Zügen, mit unlesbarer Tinte. Bis der Stoff gefunden war, der alles klarmachen würde.

Sisyphos war der Vater des Ulysses/Odysseus, jenes, der nicht wiederkommen sollte, das Vermächtnis nicht weitertragen, aber wiederkam, irrtümlich und von Gott dazu bestimmt.

Er sollte irren in der Schule des Herrn.

Ulysses, der aufgestörte hohe Priester, ein Gefallener, einer, Alatz, der sich freute und frohlockte und fremden Schaden genoß, ein Übermütiger, der bei der Heimkehr festgehalten und betäubt war wie das Volk Israel durch die Wüste ins Gelobte Land.

Er war Ashish, der Traubenkuchen, Herr und Diener der Penelope. Fehler und Verführbarkeit verzögerten über zwanzig oder vierzig Jahre.

Ein Göttlicher, der die Zuneigung des Himmels wie einen Traum erlebte.

***

Wer war Sisyphos? Zur Heiterkeit der Götter abgestellt für die Anmaßungen gegen den Olymp? Auf seinem Berge, mit seinem Felsen ewiglich.

Eine Parodie auf die Himmlischen und Unsterblichen.

Es war nicht leicht, vom Nektar gekostet zu haben und nun auf Erden existieren zu müssen. Keine Zeit rettete Sisyphos aus seinem Los.

Avrams Phantasie versprach dem Kerl wieder Hoffnung.

Als er am Ufer von Stein zu Stein sprang, war Freude in seinem Herzen. Unwissenheit schützte ihn vor den Schatten der Zukunft. Avram war auf der Flucht vor Europen.

Die Kreuzritter hatten steinerne Spuren hinterlassen. Die Römer lebten zwischen Säulen in Theatern, als wären sie nach den Rittern gekommen, so jung schien der Marmor um die Idee ihrer Stadt.

Avram hatte sie alle herausgefordert. Die Römer, die Griechen, die Assyrer und Perser. Die Parushim gebaren einen Koresh, der die Hebräer nach Hause entließ und den neuen Tempel erlaubte.

Koresh machte Fehler wie Avram, dem er ähnlich war, ohne daß die beiden aufeinander geachtet hätten. Es saß tiefer, was sie verband.

Koresh war kein Messias, schien nur messianische Aufgaben zu erfüllen. Er war ein Mörtel Gottes, eine Mischung des Herrn, der ihm das Geheimnis des Kunstwerks eingegeben hatte.

Denn Koresh war einer, der schon war, als er noch nicht da war. Gott hatte ihn vorgegeben als gezeugt und ungezeugt.

***

Israel war in Flensburg und Flensburg in Israel. Ohne Zeit ist alles beisammen, was in der Geschichte sich auflöst und verliert.

Der Keim ist Gott ist Chayim das Leben, so hat er zu uns gesprochen, als wir nichts von ihm wissen konnten. Sein Wort ist in uns, wir sind sein Wort.

Nichts verloren wir in Flensburg, wir gewannen und mehrten uns, das Geheimnis der Förde, mehr nicht, doch alles, was wir uns denken und vorstellen können.

Das Wetter schnitt das Land entzwei. Die Linie verlief von Nord nach Süd, von Süd nach Nord. Wochenlang Regenwolken an der Ostsee und Sonnenschein über der Westsee, wo die strahlende Irritation dem Menschen den Verstand entreißt, wenn er nicht achthat auf sich.

Der intakte Realitätssinn ist das beste Mittel gegen den Wahn des Nordens. Und es ist ein göttliches Element beigemischt, das du nicht übersehen darfst.

***

Familie hieß auch Lumpenpack. Diese Mishpachah ist dazu verurteilt, im Geiste freizuwerden oder unterzugehen. Das rieselt sich dahin, zerläuft zwischen den Fingern, ein Jammer, es mit anschaun zu müssen.

Der Verrat war ihm zugeordnet wie die Blattlaus der Amse.

Den Vergleich mit einer ausgepumpten Blattlaus hätte er nicht zugelassen. Lieber wollte er Amse oder Raubpanter sein als ein Opfer der Räuber.

So war der Verrat und waren die Verräter dem Avram zugeteilt als Gottes Los, beutete Avram den Verrat der Verräter aus für sich und seinen Gott, er brauchte ihren Verrat, lebte davon, daß sie ihn verrieten.

Es soll nicht wahr sein, ist aber bedenkenswert.

Sie taten es ihm nach.

Avram hatte die Wirklichkeit an die Wahrheit verraten. Jene aber verrieten die Wahrheit, den heiligen Geist, an den täglichen Kram. In Avrams Augen eine Schande vor dem Herrn. In deren Begriffen eine richtige Verhaltensweise.

Daß sie den Avram verrieten, sie verstanden es als hilflosen Versuch, sich seiner zu erwehren.

Zwischen ihnen lagen Welten, Abgründe und Höhenunterschiede. Avram achtete ihrer nicht. Seine Kinder litten an ihm und an allem, was zwischen ihnen lag.

Daß er nicht verstanden wurde, konnte jeder verstehen, aber daß er nicht verstand, verstand niemand, der davon hörte oder las.

***

Avram hatte ein Schicksal abzuarbeiten, von dem seine Mitmenschen nichts ahnten. Mit Worten konnte er sich ihnen nicht erklären.

Was ihn bewegte, bewegte sie nicht.

In Avrams Mishpachah schien der Wurm zu sein. Es fällt auf, daß Eigentümlichkeiten sich wiederholen. Das perpetuum mobile des Karl, das phantastische Gedächtnis des Arthur, was hatten sie gemeinsam?

Das perpetuum mobile ist ein Zeichen, das uns sagt, wie es um die Familie bestellt war. Ihre intelligenten, vielleicht genialen Männer trieben einen hohen geistigen Aufwand zur Verwirklichung ihrer Ideen.

Diese Ideen sind wie innere Programme, die nach einem gleichen Modus abzulaufen schienen, ein individuelles Gesetz...

Karls perpetuum mobile, das ununterbrochen Bewegte, kommt, so der Grundgedanke, ohne Energiezufuhr aus, lebt aber aus den Lebenskräften seines Ingenieurs.

Die perpetua mobilia sind die innere Unruhe selbst, sind deren Projektionen. Die eine trägt direkt diesen Namen, so kommt dem Karl ein Urheberrecht zu: Er benennt das Syndrom.

Avram schreibt und schreibt. Ein Leben lang und darüber hinaus. Der Spider zieht seinen Faden, verlegt ihn zum Netz.

Das ewige Webwerk des Avram schreckt seine Freunde und Feinde. Er denkt nur an die Nachricht.

Karl hatte sein Steckenpferd, Avram hatte sein Steckenpferd, Baraq hatte sein Steckenpferd, die ganze Dynasty ist sich Steckenpferd genug in denen, die die Instrumente bauen, die Saiten stimmen und das Orchester dirigieren. Nicht die Familie ist verrückt, die Verrückten sind die wenigsten, aber sie geben den Ton an.

Avrams Idee war nicht das große Orchester mit Dirigenten, er haßte den Kult. Auf Dirigenten sollte man verzichten.

Avram träumt aus New Orleans, wo jeder sich vortrug, betört von einer Schwalbe, jeder auf seine Weise.

Der gab sein Bestes, ein jeglicher, was er in sich hatte.

Unverwandte Seelen gehen sich auf die Nerven.

In der Familie liefen die zusammen, die einander aber lieber aus dem Wege gingen, so verwandt kamen sie sich vor.

Wer den andern nicht mag, weil er sich in ihm erkennt, mag sich wohl selber nicht leiden.

Trug die Familie nur eine Neurose von Generation zu Generation, oder war es was Ernsteres?

***

Die Protagonisten waren begabt bis ins Geniale, aber es brachte nichts ein.

Die Familie harrte seit Generationen der Circumcision ihrer Männer. Sie waren Männer des Bundes, jedoch blind und unwissend, was ihr Mandat anging.

Sie waren schmutzig, mußten also gereinigt werden, waren krank und also der Heilung bedürftig. Ihr unruhiger Geist sprang von einem zu anderen, von den Alten zu den Jüngeren, und er hatte Erfolg in seiner Erkenntnis.

***

In Avram kam der Familiengeist erstmals zu sich. Jahrhunderte, wenn nicht Jahrtausende mußten vergangen sein.

Er wußte, daß diese Einsicht eine wiederkehrende Einsicht war.

War sie es aber nicht, war sie ein erstes Erwachen im Rudel, so hatte die keimende Verwandtschaft im Geiste noch vor sich, was andere schon hinter sich haben.

Avram mußte erkennen, daß er nicht allein für sich, seine Kinder, Kindeskinder und Kindeskindeskinder den Weg freigemacht hatte.

In diesem Avram kam die ganze Familie, kamen die Väter und Urväter seit Ur-Avrams Zeiten zu sich, dieser eigentümliche Zweig, der vergessen worden war und sich nicht vergessen geben wollte.

Aller Irrsinn, der sich hier angesammelt hatte, war nichts als das Warten, endlich erlöst zu werden.

Baraqs Dynasty-Begriff, seine Idee von dem, was sein werde, wurde zu einem Gedanken, der alles einschloß, was war und ist, zu dem, was sein wird.

Avram träumte von den Sümpfen Rußlands, von den Wüsten und Steppen Asiens, vom erhabenen und wilden, grenzenden Kaukasus, wo alles zum zweiten Mal begann. Baraq dachte und wollte nach Amerika.

Avram war unterwegs und baute ein Leben lang an einer Hütte. Der Architekt Baraq errichtete daraus einen Tempel, ein Empire State Building. Der Bau in Manhattan wurde 1931 fertiggestellt, dem Geburtsjahr Avrams.

Wie konnte die Familie damit fertigwerden?

***

Alles sah jetzt nach einem unerkannten, verborgenen Volk aus, das soeben ans Licht kam und von sich Kenntnis nahm. Das Ende dieser verborgenen Geschichte war zugleich der Beginn einer Zeit des lichten Daseins.

Vielleicht hatte der Mond sein Gesicht der Sonne zugekehrt.

***

Der Beginn einer neuen Zeit sollte aber begriffen werden als die von Hashem gestellte Aufgabe, Zeit-an-sich zu überdenken.

Die Autisten der Familie hatten ihren Beitrag zur Entzeitlichung zu leisten. Die Ewigkeit aber mußte den Pfad des Irrsinns einbetten, damit er endlich zur Ruhe kam. Und so geschah es.

Das selige Selbstvergessen durch Versinken in eines besseres Nichts fand sich in einem Sein wieder, das von sich nichts wußte und wissen wollte. Ewigkeit als ewige Gegenwart wurde zur Bedingung für das Verstehen Gottes und seiner kosmischen Künste.

Der Erzähler weiß nicht, wie eine Selbsterkenntnis Gottes und seines Universums zu denken und vorzustellen wäre, aber das war wohl gemeint.

Die Kunst der Berechnung ist ein Teil der Kunst.

Die verlorenen Schriften waren die Botschaft: alles ist gesagt worden und nichts, das noch zu sagen wäre.

Dennoch läuft das Perpetuum mobile um seiner selbst willen bis in alle Ewigkeit, wenn es nicht daran zerbricht. Die Materialbeschaffenheit bedingt die Lebensdauer. Und der Geist, der in ihm ist, sagt, wohin es führen soll.

***

In Flensburg erlebte Avram, daß Badestrände, wo kleine Kinder spielten, mit Glasscherben übersät waren, die so heimtückisch unter den Sand gemischt wurden, daß man sie nicht sehen, sondern nur spüren konnte, wenn es zu spät war.

Auf der Lady fuhr die Familie nach Kollund, wo ein paar deutsche Nazis sich eingenistet hatten. Zwei von ihnen marschierten in schwarzen Hosen mit Seitengewehren durch Flensburg.

Die Scherben am Strand und die Messer der Nazis haben gemein, daß man sich an ihnen schneiden kann. Beides vermeldet auch, wie es um uns steht.

Als Avram vor dem Postgebäude zwei Bundeswehrsoldaten als "Jüd" aufgefallen war, machte er sich seine Gedanken, ohne die Fassung zu verlieren.

Avram regte sich über Alltäglichkeiten und kleine Überraschungen dieser Art nicht auf. Er reagierte gelassen, wenn es sich so ergab. Direkte Anreden waren ihm die liebsten.

Wer ihn angriff, hatte Avrams Argumente und seine Unbefangenheit zu fürchten. Das waren seine gefährlichsten Waffen.

Die Soldaten sprachen aber nicht zu ihm, sondern im Vorbeigehn leise miteinander, so konnte er sie überhören.

Vor fünfundzwanzig Jahren fiel er in Rendsburg auf.

Er ging wie eine Sonde durch deutsche Regionen und machte seine angenehmsten Erfahrungen im Rheinland.

Die aufmerkenden Soldaten waren keine Flensburger, sie kamen irgendwoher und waren in Glücksburg stationiert.

Eine besondere Gesetzgebung zum Schutze der Juden lehnte Avram ab. Er liebte die Konfrontation, das ausgereifte und zugleich spontane Wortgefecht, als ob dann ein feiner Blitz aus seinen Augen schoß. Was aber machte Avram in den Augen der andern zum Juden?

Gewöhnlich trat er unsichtbar auf. Er glaubte an seine Fähigkeit, sich unsichtbar zu machen. Manche Erlebnisse konnte er sich sonst nicht erklären.

Er glaubte an die Autonomie und die Würde des Menschen. Ein "Schutzjude" war kein würdiger Mensch, sondern ein peinlicher Vorfall, eine Institution.

Die Etablierten beider Seiten sahen das anders, und er kümmerte sich nicht darum. Daß er aus Flensburg fortging, hatte andere Gründe.

***

Die Ökonomie schiebt sich vor, wenn die transzendentalen Kräfte zum Durchbruch kommen. Das Entscheidende bedeckt sich mit dem, was alle verstehen. So konnte auch Avram überleben.

Was ihn innerlich antreibt, ist nicht von dieser Welt. Avram ließ sich von Kräften leiten, die sämtliche Naturgesetze zu widerlegen schienen. Das machte ihm das Leben schwer, denn wie soll er sich jemals erklären.

Gewöhnlich wie ein Vorgang am hellichten Tage. So war es.

***

Flensburg stand im Zeichen der Sabotage an Atomkraftwerken in Schleswig-Holstein und unter dem Eindruck der Regierungsjagd auf die Rote Armee Fraktion.

"Wir werden sie jagen, unerbittlich, Tag und Nacht", sagte Innenminister Genscher. Die Jagd ging einher mit einem massiven Abbau im Leistungsbereich der Sozialversicherung. Der Staat entzog sich wieder einmal seinen Verpflichtungen, nahm dafür aber nun die Ärmsten in die Pflicht, während er sich an die Reichen und Wohlsituierten nicht heranwagte. Der Staat an sich war und blieb ein Feind des arbeitenden Volkes.

Die Verbindung von sozialpolitischem Engagement und toranischer Überzeugung war kein innerer Widerspruch. Die Politik hatte das alte Programm der Sklavenbefreiung zu verwirklichen. Avram stand und kniete und kroch in dieser Tradition, so schwer es auch fiel, und es war nicht immer leicht.

Was eben noch in aller Munde war und in jeder Zeitung zu lesen stand, das historische Recht der Arbeiterklasse, die proletarische Wiedergeburt und Einforderung des Rechts, ist auf einmal vergessen.

Was jenen eine vorübergehende Mode, das ist und war und bleibt für Avram ein Gottesbefehl.

Implizit gilt der Exodus aus Ägypten für alle Sklaven dieser irdischen Zeiten. Setzt auf Gott, sagt Avram, und er weiß, daß die Plagen Ägyptens ein besonderer Eingriff Gottes waren.

Avram will verallgemeinern, was in der Absicht vom Sinai lag. Avram will die Katastrophe zum Regelfall machen.

Solange es Sklaven gibt, leben wir in einer permanenten Katastrophe. Avram denkt an die Verallgemeinerung des Bewußtseins. Er ist ein Aufklärer von den Fundamenten her. Er will nicht auflösen, sondern neu konstituieren.

Der Sternenfrühling macht alles neu, Gott streut die Diamanten des jüngsten Universums, sie mögen sich ordnen, wie es dem göttlichen Zufall beliebt. Und es wird gut sein, dachte Avram.

Wenn Avram eines im Kopf hatte, so war es dieser Wille zur Befreiung der Sklaven, zur endlichen Würdigung des Menschen, jedes einzelnen Menschen. Avram fügte sich dem Willen Gottes, sein Wunsch war der Einklang mit den Fügungen der Heilsgeschichte des Herrn.

In der Sklavenbefreiung, in der Anklage wegen Versklavung der Menschheit in ihrer größten Zahl, ging Avram über Gottes Verheißungen hinaus.

Die Schriften schließen den Sklavenmarkt nicht aus, nicht grundsätzlich. Als ob der Mensch die Sklaverei in sich habe, sich davon nur befreien könne, indem er andere Menschen versklavt.

Eine Menschheit ohne inneres Sklaventum kommt in der Torah nicht vor. Die Verheißungen sind vage und verträumt. Daß die Sklaven dereinst die Herren sein sollen, wer sind dann die Sklaven?

Es heißt nicht "die" Sklaven, sondern "Ihr aus eurer" Sklaverei, "Ihr" sollt befreit werden, hinausgeführt werden aus Ägyptenland. Dem Rausch folgt die Ernüchterung.

Es ist wohl gut, den Menschen so zu nehmen, wie er ist. Wir haben nur diesen.

Flensburg war also keine Stadt der konkreten Planungen, auch keine der vertraulichen Versprechungen. Flensburg wurde zur Stadt der Träume Avrams, und alle sollten daran teilhaben, eine Stadt der Kinderträume.

***

Oder heißt die Stadt Rendsburg, wo Avram die Druckfahnen korrigierte?

Alles kommt jetzt durcheinander, manches unter die Räder der roten Diesel-Vorortbahn der siebziger Jahre, fuhr nicht der Dampfzug im großen Brückenring um die Stadt herum, oder wie war das, was erinnert werden will...

Das kleine Fischrestaurant in Altona unterbrach die wöchentliche Nachmittagsreise. Mit den Hamburgern kam Avram nicht klar. Sie lagen ihm nicht.

Als der Herausgeber jenen Text diktierte, der die Eichmann-Entführung als Piratenakt denunzierte, machte Avram daraus ein redaktionelles Thema.

Der Eichmann-Prozeß war ein moralisch fundierter politischer Prozeß, der die Naziverbrechen am jüdischen Volk mit dem Existenzkampf Israels, des Staates Israel, verband.

Die illegale Entführung war in Avrams Augen ein Notwehrakt. Israel wollte sich nicht länger an der Nase herumführen lassen, so wurde der kleine junge Staat in Mittelost zu einem Faktor, mit dem die Welt von nun an rechnen mußte.

Der Fall Eichmann brachte die Wende, und das war einen Ausflug wert. Die jetzt aufschrien und den "Rechtsstaat" reklamierten, konnten bislang das Wort nicht buchstabieren.

***

Dennoch ging Avram an Flensburg und seiner Förde vorbei. Zwar hatte er die Idee, mit einem alten Kutter abzuhauen. Was ihm jedoch fehlte, war die Verbindung des Wassers mit dem heiligen Land, das ihm nicht aus dem Sinn wollte.

Avram wollte nach Israel, das war alles, was er wollte, und er wollte es mit seiner gesamten Familie. Drüben wollte er siedeln, möglichst in der Landwirtschaft was aufbauen, nicht in die Stadt.

Auf einem weißen Lampenschirm las er das Wort "wo". Vielleicht fehlte das Fragezeichen, vielleicht stand an dessen Stelle ein Rufzeichen. Die Frage ließ sich nicht übersehen. Wo sollte es sein? Wo war sein Platz in der Welt?

***

Er kam stets nach Berlin zurück, weil Berlin als Bar Linah die Stadt der Nacht und der Nächtigenden, des Mondes, der Sterne war. Die Bedeutung aber bestand in dem Hinweis, daß die Nacht für die Navigation stand.

Bar Linah war natürlich im biografischen Sinn der Sohn der Lina, also Avram selbst, der wußte, daß Lina und Hagar identisch waren, daß die Schwarze Sarah der Zigoyim die Nächtigende am und unter dem Himmel war. Und Yael war seine kluge Tochter.

Linah, Hagar und die Schwarze Sarah waren eine und dieselbe, und sie waren die Hüterinnen des Nachthimmels über den Stein- und Meereswüsten. Yael, die Gazelle, hüpfte über die Sterne hinweg. Denn niemand kannte sich aus wie Yael in den Nächten des Mondes.

Die Phönizier vor den Hebräern waren die Nacht vor dem Tag, die aber auch den Tag kannten, nur gab ihnen die Nacht der Kokhavim die Orientierung.

Der Sternenfrühling blieb das Geheimnis der Maya, der Kanaaniter, was die Phönizier waren, der Malayen und Chinesen.

Abhibh HaKokhabhim ist die Wegweisung über dem "Gelobten Land", und das heißt: über der verheißenen See.

Die Hebräer sollten im Sinai lernen, wie sie auch auf dem Meer zurechtkommen würden. Ihre Genügsamkeit hat sie schließlich nach Palästina verschlagen, wo sie nicht einmal in ihrem kleinen Land sicher sein können.

Avrams spätere Hypothese lautete, daß die alte Verheißung die Jüngste Stunde der Maya meinen könnte. Doch wie die Dinge nun einmal lagen, würde er auch diesmal zu spät kommen. Die Meere waren beherrscht.

Avrams einmaliger Vorteil steckte in der Erkenntnis, nicht in dem Versuch, eine Armada aufbauen zu wollen. Armeen und Flotten bedurften anderer Strategen. Die Weltraumfahrt war eine neue Verheißung, und das digitale Versprechen hing sowieso mit allem zusammen. Da reichten ein paar Fingerbewegungen, und das Paradies war gleich neben der Hölle im selben Gewebe.

***

Avrams Kinderherzenswunsch war es zu fliegen. Der Krieg brachte ihn auf andere Gedanken als der Frieden, der seinen Namen kaum verdiente. Avram machte keine weiteren Anstalten. Seine Phantasie war stärker als die Wirklichkeit. Er war so genügsam.

Wie das Komische den Ereignissen vorauseilte...

Es sollte dokumentiert werden, aus alten Schriften das Kuriose eingesammelt. Komische Faksimiles machen sich gut. Du lachst über eine Sache, die im Zusammenhang eine politische Funktion hatte. Vielleicht war sie gar nicht komisch.

Die ernste und sachbezogene Seite hatte schon genug von sich reden gemacht. Jetzt könnte man eine Geschichte erzählen, die es mit den Tatsachen nicht so genau nimmt, dafür die verhüllte Wahrheit zu Wort kommen läßt.

Mit Fakten lassen sich auch die hanebüchenen Dinge beweisen. Wir wollen aber keine hanebüchenen Dinge beweisen, sondern von ihrer Rückseite erzählen, die gewöhnlich vernachlässigt wird.

Es ist möglich, daß wir uns geirrt haben. Als wir eine Wahl trafen, waren wir von ihr überzeugt. Oder wir nahmen es leicht, leichter, als der Ernst der Sache es erlaubte.

Ich erkühne mich nun, alles nachzuerzählen, was ich aufgeschnappt habe. Man hat mir berichtet, ich habe gelesen und geforscht und wurde es leid.

Alles ist viel ernster, als es einem oft erscheint. Und alles Ernste kann so herzhaft komisch sein, daß es eine Sünde ist, nicht mitzulachen.

Ein komisches Publikum leidet nicht an seinem Zustand. Die unerkannten Leiden sind die erträglichsten.

Wer möchte nicht mal herzlich über sich lachen können, aber es steht mir nicht zu, über Avrams Geschichten zu lachen. Wenn ich über Avram lache, lache ich nicht über mich.

Selbstironie glaubt und erlaubt man einem Nacherzähler nicht. Avram hat gesät und niemals geerntet. Das ist sein Gesetz.

Es sollte alles leicht daherkommen, mit einer Handbewegung abgetan werden. Die Spuren der Bosheit wurden verdeckt.

Gönne dem Feind auch die kleinen Siege nicht.

Die Dankbarkeit Avrams war sprichwörtlich für einen, der in Generationen denken mußte.

Dachte er an Ernte, so sah er vor sich eine weite Landschaft unter dem Himmel Gottes. Sein kleines Volk schien noch nicht ausgereift. Der Geist, der auf ihm ruhte, kam sich verlassen vor. Es war also nicht von Ernte zu sprechen, obgleich die Zahl zunahm und Freude reichlich geschah. Gegen den biblischen Namensurvater war Avram gesegnet mit reicher Frucht. Nur kam er sich wie Jakob in den Söhnen betrogen vor. So mußte seine Dankbarkeit wie undankbar erscheinen.

Was hatte er falsch gemacht? Denn er hatte eine Last abzutragen. Die Verantwortung lag bei ihm. Und die Merkwürdigkeiten, mit denen er zu tun bekam, waren ihm zugedacht. Das mußte so sein. An Land galt dieses Gesetz.

***

Avram ging mit Verrückten um. Er zog sie an wie das Bienenwachslicht die Motten. Seine persönlichen Querelen fielen mit politischen Ambitionen zusammen. Alles war zeitlich, weil kosmisch bedingt. Die Augenblicke mußten als Wunderdinge des Himmels verstanden werden, die ständig auf uns einwirkten.

Die Verrücktheiten, die ihm seine Arbeit bescherte, ergriff und begriff er als Gottesgeschenke. Prüfungsaufgaben lagen vor ihm, sie wurden ihm täglich auferlegt, in ihnen war die tägliche Freude.

Sein kritischer Verstand stieg in die Dunkelheit ein, und die Worte wollten sich daraus nicht lösen, sondern verstehen und alles erzählen, was sich ihnen zeigte und bot.

Avrams Worte waren ein Geschick. Sie trafen auf Feinde. Es wohnte ihnen inne, was die Feinde mobilisierte und mehrte. Ein wahres Phänomen, das ihn lange bewegte, das er sich nicht erklären konnte.

Seine Prädestination war die Kehrseite der Verrücktheiten, die er anzog. Welchen Wert hatten seine analytischen, synthetischen, seine philosophischen und politischen Aussagen, die oft einen prophetischen Charakter bezeugten?

Avram stellte keine Prognosen. Er gab Urteile ab, traf Feststellungen aus dem, was er sah und wußte, was jeder sehen und wissen konnte. Die Resultate hatten Bestand.

Manchmal war er sich unheimlich. Andere hielten Distanz zu ihm oder reagierten pathisch. Er trieb sie in den Wahnsinn. Seine Worte aber, die es bewirkten, waren über den Zweifel erhaben.

Er lebte, dachte, schrieb in der Überzeugung, daß die Verrückten, die er magnetisierte, ihre Verrücktheiten schon in sich hatten, daß er die Dämomen nur freiließ.

Avram produzierte keinen Faschismus, er lockte nur heraus, was sich noch verstecken wollte.

Wenn ihm etwas am Herzen lag, so war es die gemeinsame Erkenntnis. Die Schärfe der Gedanken sollte klären und nicht verletzen.

Avram ging von einem Menschenbild aus, das nach der Freiheit des Geistes dürstete. Es war vernünftig und jedem Menschen zuträglich, im Namen Gottes und des heiligen Geistes die Gespenster zu provozieren.

Amaleq trat gleich mehrmals auf und war der Komischste von allen. Daß er auch in Gestalt eines Avram-Sohnes erschien, verlieh dem Tiefe und Geheimnis. In dekadenter Form brachte der "innere Amaleq" wie der "Hitler in uns" sich ein.

Das klassische Verständnis wollte davon nichts wissen. Der Feind war konkret und leibhaftig.

Amaleq trieb sein Unwesen als historische Figur auf dem Schachbrett der kosmischen Gewalten. Wenn Avram seinem Urfeind im eigenen Sohn begegnete, so hatten ihm die Götter einen Streich gespielt, wollten die Griechen dem Hebräer und seinem Gott bedeuten, daß der Vater der Torah und Herr der Geschichte mit Abtrünnigen zu rechnen habe, die aus seinem eigenen Wesen lebten.

Denn wie Amaleq ein Sohn Avrams, so war er ein Auserwählter des Herrn, ein erwählter Widersacher, wie Ben Joseph einer war. Avram war der Magnet, um den und an den sich alle hielten, die seinem Gegenbild entsprachen.

Amaleq, das waren seine Verwandten. Die Verwandten waren Amaleq. Avram stand zwischen den Familien, der Familie seiner Herkunft und der Familie aller Hinkunft. Er war der Unteilbare zwischen den Völkern. Avram war ein Sohn und der Vater Amaleqs.

Amaleq Banik Friedenreich in einem fürchtete den Vater der Dinge. Der Fetisch trug sich durch die Gegend und fand Widerhall bis ans Ende der Zeiten.

Frieden verstand jeder, während der Krieg nur auf Kopfschütteln und Ablehnung stieß. Niemand wollte aus seiner Ruhe gerissen werden, niemand sterben oder im Kriege Verluste erleiden. Niemand wollte das, also hatte Avram keine Freunde, während der verlegene Amaleq überall mit offenen Armen empfangen wurde.

Wer wußte denn, daß der Friede als ewiger alles verdarb, was gut war und von Gott kam?

Amaleq der Deutsche und Davidische Al Alamaneq? Al Amaneq. Das Spiel konnte weitergehen. Die deutsche Synthese war eine Attrappe.

Als Kuriosum mochte in die Familiengeschichte eingehen, daß Avram das deutsche Volk verteidigte, daß er sich zum Advokaten der Deutschen machte, obwohl er die deutsche Seele nicht liebte. Wer liebte denn die deutsche Seele?

Aber die täglichen Angriffe auf die einfachen Deutschen als Volk, die sich nichts zuschulden kommen ließen, die ihrer Arbeit oder ihrem Frohsinn nachgingen und ihren Feierabend genossen, diese einfachen und gutmütigen und gutgläubigen Menschen sollten die reinen oder unreinen Teufel sein, wer wollte das glauben?

Avrams Zorn regte sich über die Maßen. Den Deutschen wurde unrecht getan, und Gott würde nicht vergessen, wie sie damit umgingen. Die upper middle class wusch sich rein vor der Geschichte und bewarf das arbeitende Volk mit Kompost und Abfall. Gott würde es nicht zulassen, obwohl jedes Volk eigentlich immer die Führenschichten hat, die es verdient.

Die Deutschen waren nicht imstande, sich der Anwürfe zu erwehren. Sie brauchten einen Gott und Messias, der sie unter seine Fittiche nahm. Darin lag auch eine politische Gefahr für die Zukunft.

Avram hatte einen Traum. Es träumte ihn Amaleq als das Volk eines unerforschlichen Gottes, und David sollte in den Davidischen aufgehen, die sich ihm als die Söhne Tauts offenbart hatten. War es durchzustehen, in den Verdacht des Frevels zu kommen, oder mußte die Entdeckung die Welten wenden?

***

Und Amaleq war sein eigener Sohn, dem Avram angetan als Lebensprüfung. Er konnte sich nicht entschließen, diesen Sohn als Gesandten des Bösen zu erkennen.

Zuviele Ursachen und Folgen aus diesen Ursachen, und die Folgen hinwiederum als Ursachen, zuviel war dem Avram durch den Kopf gegangen, als daß er das Urteil sich zutrauen mochte.

Er konnte es nicht, solange ihm Gründe immer wieder vorkamen, die auch ihn, Avram, einschlossen, wenngleich er nicht verstehen und nicht verzeihen konnte, daß Amaleq sich ihm offenbarte in schwieriger Zeit, als er seine Hilfe erwartete; als er erwartete, daß eine komplizierte und gefährliche Situation dazu beitragen könnte, den Verrat abzuwenden.

Avram kannte den Verrat, und er kannte den Verräter. Und es war ihm lästig geworden, immerfort an Verrat zu denken, und er dachte an seinen Vater, dem er einst unrecht getan. Die Heiligkeit dieser Familie lag in ihrer inneren Feindseligkeit.

Es lag ein Fluch auf den Menschen, und er hatte teil daran. Und er wußte, daß Gott ihm die Chance gab, etwas gutzumachen.

***

Oder es galt nicht für ihn, was für alle galt, weil er eine Mission zu erfüllen hatte. Er erinnerte sich nicht gern daran.

Er erinnerte sich an die Tage in Israel ein Jahr vor dem Sechstagekrieg, als er in einem Gespräch nebenbei bemerkte, er habe eine Mission. Das war ihm zwischen die Lippen gekommen, nun war es heraus.

Die Menschen nahmen Abstand von ihm, und er selbst wußte nicht, daß es die Wahrheit war, doch als ob die andern es nun wußten. Das war's.

Er trug allerlei mit sich herum, und eine Hermeneutik, die dem einen oder anderen eigen und geläufig war, ließ die Menschen in seiner Umgebung erkennen, was er nicht einmal ahnte. Und wenn er seit Kindstagen doch etwas in sich hatte, ein Ahnen und eine Gewißheit, so kann er erst am Ende des Lebens verstehen, daß es nicht völlig grundlos war, was ihn bewegte, was ihn trieb, worüber er grübelte.

Seine Mutter Linah wußte dunkel das Verhängnis und die Verheißung des Avram. Er war ihr nicht geheuer, aber auf eine Weise, die von einem Lichthof umgeben war.

Avram lebte in einem Sendungsbewußtsein seit Anbeginn. Es ist wahr, und es beunruhigte die Menschen, allen voran seine Mutter Linah, die eine einfache Frau war und sich fürchtete, wenn Avram sich von dieser Seite zeigte.

Avram lernte schnell, daß er nicht verstanden wurde, daß er sich nicht offenbaren durfte. Er mußte sein Geheimnis für sich behalten. Dennoch erkannten seine Vorverwandten das Besondere oder Absonderliche an ihm.

Schon als kleines Kind erschien er ihnen arrogant, stolz, irgendwie erhöht, doch andererseits war der Junge freundlich und höflich, nein, er erfrechte sich nicht, der zu sein, der er zu sein hatte, er war es einfach und schlicht und selbstverständlich, und eben dies machte ihn den Erwachsenen fragwürdig.

Sie verstanden ihn nicht, mochten ihn nicht, lehnten ihn ab, fanden ihn aber auch irgendwie interessant. Avram war ein bescheidenes Kind, das unter seinem Mandat auch litt, denn es machte ihn einsam.

Er konnte sich herzlich freuen und Freude bereiten. Er gewann auch Freunde, aber der Kern seines Wesens ließ sich weder durch Freundschaft noch durch distanzierte Neugier locken.

Avram mußte allen ein Rätsel bleiben, weil Gott es so wollte. Eine andere Erklärung gab es dafür nicht.

Ansonsten war Avram ein ganz normaler Mensch, der eher unauffällig vorbeikam. Die Zurückhaltung wurde als Taktik erfahren, die sie nicht war.

Avram hatte es schwer, sein Geheimnis zu wahren, und die einfachste Methode, damit Erfolg zu haben, war später eine gespielte Arroganz, eine humorvoll vorgetragene Besserwisserei, die ihm zwar übel nachgetragen wurde, mit der er eine Zeitlang aber auch Eindruck machte, worauf es ihm eigentlich gar nicht ankam.

Wußte er wirklich, wer er war? Er war sich auf den Fersen, ging seinen Spuren auch im Namen nach, aber zunächst nur intuitiv. Dieses gefühlsmäßige Erfassen übte sich in ihm.

Er verstand vieles, was er noch gar nicht verstehen konnte. Irgendwie war er auf dem richtigen Weg, aber das wurde ihm auch erst allmählich klar.

Er wußte sich, wußte sich aber nicht als tatsächlich, wahrhaftig und konkret geschichtlich. Abstrakt mag ihm manches vorgeschwebt haben.

Gott war bei ihm, aber das war dem Avram keineswegs bewußt. Er lebte bei den Maya, ohne zu wissen, daß er eines Tages bei ihnen ankommen würde. Ihm war eingegeben, was später zutage trat.

Meist lagen zwanzig Jahre zwischen der Ansage und dem Ereignis. Man kann nicht von Vorhersagen sprechen. Avram erlebte, was später eintraf. Er sah voraus, ohne es zu ahnen.

Er sagte nicht, hört zu, dies und das wird geschehen. Nein, wenn es geschah, erinnerte er sich, daß er es bereits gesehen hatte. Die wesentlichen Elemente des Geschehens kannte er bereits.

Da er es aufschrieb, konnte er es auch überprüfen. Vieles hatte er sowieso vergessen. In alten Aufzeichnungen zu lesen, was soeben geschah, war ihm ein unerklärliches Phänomen. Aber so war's.

Ein langer Weg mußte zurückgelegt werden. Literatur half ihm bei der Pfadfinderei, freilich ganz anders, als die Literaten es sich vorgestellt haben mochten. Hierbei erhielt das Wort Durchsondern eine ganz persönliche Bedeutung.

Die Philosophie einer proletarischen Familie entwickelte sich zur toranischen Lehre im Vergleich. Avram prüfte diese alte Geschichte und gewann Boden unter den Füßen.

Es war ein erhebendes Gefühl, das Verstandene nun auch wirklich erleben zu dürfen. Mein Gott, was hast du mit mir vor, daß du mich so reich gemacht hast. Avram gewann ein Staunen, gewann es wieder, wie es seine Urkindheit begleitet hatte.

Die Entdeckung einer zweiten Unschuld prägte ihn früh aus Erfahrung und Denken, was sich fortan auch nicht mehr voneinander trennen ließ.

***

Mein Gott.

Die Philosophie dieser proletarischen Famlie war zum einen die Philosophie aus dem Eigenleben Avrams und zum anderen die Wiederentdeckung der Geschichte des jüdischen Volkes, das ihm immer am Herzen gelegen hatte, wobei die einschränkende Bemerkung angebracht ist, daß der biblische Gott, der alttestamentarische, also toranische Gott es war, den er sofort, buchstäblich auf Anhieb, verstand, besser verstand, als das biblische Volk ihn jemals verstanden hatte, besser auch, als er, Avram, das jüdische Volk verstand und begriff.

Er sah es gejagt und getrieben, verschlagen und verwoben in die Absichten Gottes, seine Planungen und Gesetzlichkeiten, die vieles auch ohne sein weiteres Zutun ablaufen ließen. Avram sah, daß es zu spät war, als er sah. Das jüdische Volk sollte durch Schaden klug werden, war es das? Warum strafte dieser Gott sein Volk auf so fürchterliche Weise. Hatte es das verdient? Avram sagt, daß er wieder gegen Gott spielen werde, wenn der abermals zuließe, das da.

Gott als der Fügende und Strafende, als der Schöpfer, dessen Werk in Kausalitäten zusammenhält, konnte immer nur hypothetisch begriffen werden. So erfand Avram sich die Urhypothese, der der Mensch oder die sich eines Tages den Namen gab, den wir seit den Ereignissen vom Sinai kennen.

Darin erkannte er sich wieder, wie er sich erkannte in den Verjagten und Entrechteten, in Ismael, dem Sohne der Hagar. So geschah es.

Avram war als Sohn von Sklaven und Kindeskind von Sklaven in die Welt gekommen, und er wußte, daß die Sklavenbefreiung den ganzen Sinn der Geschichte ausmacht; wenn sie einen Sinn hat, dann diesen, und ihn haben die Berichte der Torah uns in die Seele gelegt. Diese Pflanzung möge sich mehren, denn aufgegangen ist die Saat seit langem.

Wir erleben die Zeit der eklatanten Widersache. Aber da sie erkannt ist, bleibt sie zuletzt ohne Wirkung, nein, anders: ihre Wirkung ist die Wiedergeburt dessen, was Gott uns eingestreut hat.

Die Schriften entheiligen heißt, ihre Wahrheit für den normalen Tag dieser Welt hervorheben, bei der Geburt helfen.

Das Geschick Israel war der innere Verrat. Und das Schicksal Israels war das Schicksal Avrams, der es eines Tages doch übers Herz brachte, seine Schriften zu vernichten, um sie nur noch im Gedächtnis zu behalten. Ja, es wurde aufgefrischt und wieder gefestigt nach der Verwerfung des Gesetzes.

***

Zuviel Hoffnung und Zuversicht und also Torheit bestimmte sein Leben in Flensburg und überall, wo er auftauchte, um Hand anzulegen oder weiterzuträumen. Denn Avram war ein Träumer vor dem Herrn, einer, der die Wirklichkeit verschönte, indem er sie verklärte, ohne zu tünchen.

Nein, er machte damit alles erst erträglich. Die Welt, wie sie war, war und blieb ein ewiger Trugschluß. Gott hatte sie in sich beschlossen. Avram aber wurde ins Geschichtliche geworfen und somit ein wahrer Knecht Gottes. Hiobs Treue war nichts gegen die Treue Avrams. Wo andere weinten, da lachte er noch unter Tränen, und wo der Mensch in finsteren Gedanken versinkt, da zündete Avram Lichter an, nicht nur ein Licht, sondern viele Lichter, denn der hell erleuchtete Raum war in ihm, und er gab ihn von sich, wenn die Wolken den Himmel bedeckten.

Das ist wahr. In ihm war Licht, und es war die Kraft in ihm, es auszubreiten, so daß sich alles änderte, wenn er verschwand, wenn er einen Ort wieder verließ.

Es war eine Erfahrung, kein hoher Gedanke in ihm, keine Überhebung, wie seine Freunde und Feinde argwöhnten und zu argwöhnen Grund genug sahen.

Avrams Selbstüberhebung war ein Zug seiner Einfachheit. Seine Demut schreckte die Menschen. Sie glaubten ihm seine Rücksichtnahme nicht, nahmen sie als Mittel der Arroganz. Nicht völlig zu Unrecht.

Avram leistete sich Zwielichtigkeiten, die seine lichten Räume und Gedanken in argen Zweifel setzten. Er war kein Verteidiger und Agent in eigener Sache, liebte es nicht, sich zu rechtfertigen. Oft schlug er unangemessen zurück.

Avram griff nur an. In großer Geduld. Mit Vernichtungsschlägen ließ er sich Zeit. Nein, er verteidigte sich nicht. Darin lag eine Gefahr fürs Gesicht. Er wurde undurchsichtig, wirkte, als wolle er nicht in sich hineinschauen lassen. Und es war nicht falsch.

Nicht immer verband er eine Absicht mit seinem Verhalten. Ihm war vieles egal, was ihm nicht gleichgültig war. Die innere Ambivalenz seiner Persönlichkeit bestimmte ihn zum dialektischen Denker, kein Zweifel, da war er ein As.

Avram verstand Gottes Handeln und Sagen, ohne viel darüber nachdenken zu müssen. Was anderen Schwierigkeiten machte, fiel ihm gewissermaßen kinderleicht.

Avram war vor Spott niemals sicher. Das Lachen im Hintergrund machte ihn jedesmal mißtauisch, auch wenn es ihn nicht betraf. Er kannte seine Schwächen und Unzulänglichkeiten, kokettierte mit ihnen, und doch war es nur Schein, hinter dem er sich und seine Wahrheit verbarg. Noch war die Zeit nicht gekommen.

Im übrigen trat er souverän auf wie jemand, der alle Macht hinter sich wußte, alle Kraft in sich. Das Psychogramm Avrams taugte nicht für die gewohnte Analyse. Bei ihm kam es wirklich auf den kleinen Rest an, der ihn von den anderen unterschied.

Alle kannten seinen Namen, doch niemand wußte zu lesen. Im Namen verbarg sich seine Geschichte, die Zukunft und das Geschick seiner Familie. Nur die innere Dialektik war zu bedenken.

Was er durch Gott wußte, wußte er von Anfang an. Daß Beschneidung not tat, daß der Weg bestimmt vor ihm lag und in ihm war. Er konnte seinem Schicksal nicht entgehen, mußte alles auf sich nehmen, konnte befördern und gleiten lassen. Gegen sein Geschick anzukämpfen, wäre Frevel wider Gott, der alles vorgesehen, in dem alles zusammenkommt.

Avram ging Gottes Fingerabdrücken nach, den Fußspuren; nur konkret und handgreiflich konnte er erlebt und verstanden werden. Indem du in seine Fußtapfen trittst, hast du es leichter vor ihm und schwer in dieser Welt.

Avram wollte fliegen und pirschen, zielen und töten, er wollte allein sein und gemein sein, wie andere auch. Er war wie sie und verhielt sich wie ihr fremdes Gewissen.

Er nahm die Sprache ernster als die meisten Menschen. Für ihn kam Gewissen aus der Gewißheit. Er glaubte nicht, er wußte, das machte ihn für jene überheblich, deren Bescheidenheit darin lag, sich im Denken und im Wissen zu beschränken. Ihre Bescheidenheit verstieß gegen das Gesetz Gottes und die Bestimmung des Menschen, nämlich gerade da nicht bescheiden zu sein, sondern sich unumstößlich zu vergewissern.

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Erkannte er auf diese Weise denn nicht den Juden in sich und in der Beziehung zu den Christen? Die Auseinandersetzung mit dem Christentum besetzte viel seiner Zeit. Er verteidigte Jesus von Nazareth gegen die christlichen Kirchen, erkannte in ihm den Abtrünnigen, der seine Religion verraten hatte, was Gott nicht zulassen durfte.

Jesu Tod am Kreuze erschien auf einmal wie eine gerechte Strafe Gottes. Und Jesus war Ödipus, der gegen die Lehre der Väter aufgestanden war und daran scheitern mußte. Erst am Kreuze kam er zu sich und sah, daß Gott ihn verlassen hatte. Warum?

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Die Unwissenheit Europas ist ein Zeichen und ein Beweis der Enge des sogenannten Kontinents, der eine Stätte der Angst immer war. Daß die Chinesen ihre Knaben nicht beschnitten und daß die Europäer es nicht tun, hat entgegengesetzte Gründe. Die chinesischen Vorhäute sind kürzer, so daß keine Notwendigkeit, sie zu beschneiden, besteht. Die Europäer aber haben eine Heiden-Angst davor. Die Unschuld der Chinesen beruht auf ihrer Unbeschadetheit. Eine hochentwickelte Heilkunde entwickelte keine Chirurgie, weil das Wissen weiser und die Körper heiler waren.

Wenn die Theorie stimmt, daß die Chinesen von Qain herkommen, daß sie Qain sind, so könnte daraus gefolgert werden, daß sie die Vollkommenen waren, die nicht korrigiert werden mußten, während die Späteren, die Abzweigungen und Nachflutlichen sich verschlossen hatten, so daß sie geöffnet werden mußten. Die Beschneidung wäre eine Korrektur, eine Initiation per Korrektur. Eine Vervollkommnung auf Qain zu.

So werden die Ersten die Letzten sein, weil sie unbeschädigt sind, weil sie ohne genetischen Schaden die Jahrtausende überlebt haben. Das wäre die Erklärung, die mehr einschließt, als bisher gesagt worden ist.

Die langen Vorhäute sind das Kindheitsmuster der erwachsen gewordenen Menschheit. Die harlekinischen Zipfelmützen sind das europäische Trauma. Die Deutschen vorn an.

Die weite Sicht über die Jahrtausende und über die Kontinente schließt auf, was wir nicht wissen können, wenn wir in der Enge Europas verharren.

In Europa etabliert sich Euthanasie, pränataler Megamord, das Verfüttern von Kadavern an Wiederkäuer, die industrielle Verwertung menschlicher Embryonen, der Handel mit Organen ausgeweideter Kinder, eine totale Abfallverwertung, die die Möglichkeit einschließt, auch Menschen zu Wurst oder Seife zu verarbeiten. Die Energiegewinner sind einfallsreich genug, um sich dazu noch mehr einfallen zu lassen.

Europa ist das Zentrum und der Ausgangspunkt des Übels, dessen, was man früher die Hölle nannte. Die europäische Krankheit verkauft sich als Besonderheit und Spitzenprodukt ganz gut. Europa ist längst nicht am Ende. Seine Vitalität ist zwar der tödlichen Art.

Die Krankheit zum Tode grassiert und ist so ansteckend, daß es ständig mehr werden, die daran teilhaben wollen. Wirklich irre, diese Germanen. Aber wir wollen gerecht sein. Und Avram war ein Gerechter, einer, dem der Druide in Biel den Tod wünschte, um die Menschheit zu retten.

So wird es geschehen, daß alle Welt zuschanden geht, weil die Quelle dieser menschlichen Katastrophe nicht versiegen will. Qain aber möge sich hüten vor den Europäern.

Amaleqs Hölle ist in ihnen. Oder Amaleq ist ein anderer geworden. Er paßt sich an, und doch ist geblieben, was ihn von jeher auszeichnet: er kommt aus dem Hinterhalt.

Avram hatte Schwachstellen und weiche Seiten, da stach Amaleq zu. Das hat ihn zu Amaleq gemacht, zu dem Lakaien des Verrats und der Feigheit. Amaleq gäbe dir Säure zu trinken, die dich von innen her auflöst.

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Und doch hat Avram ein Herz für ihn, da er weiß, daß Amaleq mit allen Mitteln, rechten und unrechten, um seine Wiedereinsetzung kämpft. Recht steht und kämpft gegen Recht. Der Sieger verallgemeinert sein individuelles Recht. Was ihm eingeboren, das wird das Recht für alle sein, so Gott will.

Die europäischen Wissenschaften und die europäischen Übel sind eins. Alles ist aus der falschen Anwendung des analytischen Denkens. Die Übersetzung ins Tun ist das Verbrechen.

Es ist erstaunlich, welche Energien sie darauf verwenden, Gottes Schöpfungwerk zu verhunzen und zu verfälschen.

Die Kuriosa unseres Zeitalters haben eine tödliche Seite. Die Frankensteiniaden sind Ausgeburten einer Gottlosigkeit, die Gott so will, sonst wären sie nicht.

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Gott muß wollen, was geschieht, er muß das große Verbrechen eingeplant haben, es geschähe sonst nicht. Die Auffassung, daß Gott alles richte, daß Gott hindere, was er nicht zulassen will, beruht auf der Erfahrung, daß nichts in der Welt unmöglich zu sein scheint, daß die Grenzen des Bösen eher unbekannt als erkennbar sind.

Nichts ist unmöglich heißt: alles Böse ist möglich und also von Gott vorgesehen und nicht nur geduldet, nein, es ist Teil seines Planes, daß es geschehe.

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Oder die Gottesauffassung ist falsch, ist pervers, eine intellektuelle Konstruktion, die selbst zur grenzenlosen Wissenschaftlichkeit beigetragen hat.

Die Polytheismen haben das Böse den bösen Göttern und Dämonen vorbehalten und zugeschrieben. Die Guten Götter sind die Götter des Guten, die gegen das Böse und also gegen die bösen Götter angerufen werden.

Der Himmel ist schön und kalt, ist liebreich und grausam, er ist alles und nichts. Es ist uns gegeben, Ordnung in die Dinge zu bringen, indem wir den bösen Gottheiten auszuweichen suchen, indem wir sie beschwichtigen, ihnen opfern.

Und den Göttern des Guten danken wir, wir fühlen uns unter ihnen geborgen, wissen aber auch, daß sie nicht allmächtig sind.

Die Allmacht ist bei dem Gott, den wir vom Sinai kennen, der das Gute und das Böse beschert, der alles ist und sein wird und immer war. Eigentlich schon ein wissenschaftlicher Gott. Er ist weder gut noch böse, er ist beides und nichts von beidem. Er ist, der er ist.

Der Himmel ist kalt und ist heiß, er brennt und läßt frieren. Und das Leben auf Erden ist ein Wunder, ist der wunderbare Erlösungsstrahl in der Finsternis des Universums.

Wir können ohne Hoffnung nicht leben, und Hoffnung im All ist allein durch das Leben auf dieser Erde. Sonnensysteme machen es möglich. Unser Sonnensystem hat es bewirkt.

Der Gott vom Sinai hatte den Kreaturen unter ihm den ewigen Krieg erklärt und auf der Ebene Israels Amaleq auserkoren, das zu tun, was Israel braucht, um stark zu werden.

So hat Israel die Völker Ismaels herausgefordert, und die Voraussage, er werde wider sie sein und alle wider ihn, trifft inzwischen auf Israel zu. Israel, nicht Ismael, lagert vor seinen Brüdern und hat sie zu Feinden und ist ihr Feind.

Kurios daran ist die Verkehrung, daß die Geschichte ins Gegenteil verändert, um dem Krieg zu seinem Recht zu verhelfen. Denn Krieg ist seit Anfang an. Aller Anfang geschah aus den Prinzipien des Krieges. Anfang ist Krieg. Krieg ist aller Dinge Anfang.

So geschah es, daß in diesem einen Gott Israels die alten Kämpfe zusammengefaßt wieder aufflammten.

Krieg werde sein, lautet die Botschaft vom Sinai.

Und es heißt, daß mit dem Gesetz der Haß in die Welt kam. Die Menschen stießen sich an der Botschaft vom Sinai, denn erstmals hatte Gott sich direkt an sie gewandt, hatte sie angesprochen, hatte ihnen seinen Namen verraten. Gott hatte sein Geheimnis verraten.

Gottes Selbstenthüllung hinterließ ihnen ein Protokoll, das sie nie wieder entlassen sollte. So geschah es vor dreieinhalbtausend Jahren, es zeigte sich. Die Offenbarung der Schöpfung ist die geschichtliche Darstellung des Ewigen. Vielleicht ist es der Ur-Verrat. Der Beginn der Wissenschaft, des Zeitalters der Enthüllungen.

Es ist schwer, das zu beschreiben und es zu verstehen. Auch ich, Unger Varnsdorf, weiß, daß im Ohr des Unwissenden Verwirrung entsteht, wenn er jetzt zuhört. Drum möge er sich abwenden.

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Historia und Mythos sind eine Wechselbeziehung eingegangen, die sich etwa so darstellen läßt: Die Geschichte trägt die Partikel zusammen, aus denen das Bild dann entsteht. Wie das Bienenvolk in langer Reihe durchs Flugloch schlüpft ins Innere des Hauses. Aber die Summe der Teile ist noch kein Kunstwerk. Die wichtige Arbeit muß erst getan werden.

Worin bestand nun aber der Unterschied, da doch beide aus den gleichen Wurzeln lebten?

Das eine kam aus der Ereignisfolge, das andere wurde aus dem Namen, der Seele, hergeleitet, so daß Geschichte und Mythos zusammengerieten. Und dieser Widerspruch ist in allem und jedem.

Die Menschen widersprachen ihrem Namen und erfüllten ihn zugleich. Der eine trug den Anteil des andern mit sich herum.

Alles in allem aber kam ein schönes Mosaik zusammen. Das Bild der Phantasie ergab sich aus der Sprache.

Die Namen aber sagten, daß die Wirklichkeit ihnen nicht mehr entsprach. Die Menschen trugen ihre Namen, wie man ein Kleid trägt, das nicht mehr passen will.

Und sie neigen auch dazu, das Kleid zu wechseln, weil die Vergangenheit ihnen fremd geworden ist.

Sie verstehen nicht mehr. Sie verstehen nicht, wissen, ja ahnen nicht einmal, daß ihre ursprüngliche Wahrheit an ihnen haftet, doch nicht mehr in ihnen ist. Vielleicht schlummert sie dahin.

Die alten Schriften berichten uns, was war und sein sollte, und öffnen uns die Augen für das, was verloren gegangen ist.

Was in den überlieferten Büchern steht, steht in den Namen. Die unverstandenen Namen sind die unerforschliche Schrift, die jedem mitgegeben wurde.

Lesen lernen heißt zuerst, lies deinen Namen und versteh, begreif, was geschrieben steht. Der Name ist das Zeichen hinter deiner Stirn. Darum ist Qain siebenmal und ist Lamakh siebzigmal, vielleicht siebenundsiebzigmal geschützt und geschont.

Das Nichtverstehen und Nichtverstandenwerden ist ein Signum der Geschichte. Unwissenheit ist dem geschichtlich gewordenen Menschen wesentlich. Der historische Mensch homo sapiens, wie er sich versteht, versteht nichts, was wesentlich für das Verständnis, für die Erkenntnis Gottes und seines Schöpfungswerks wäre.

Der historische Mensch ist als Unwissender endlich zutreffend definiert.

Und "endlich" heißt, daß es mit der Geschichte und ihrem Bewußtsein tatsächlich zuende geht. Der ignorante Mensch ist ein Widerspruch in sich, denn mens ist das Wesen des Geistes.

Der sogenannte Mensch trägt seinen Gattungsnamen zu unrecht. Er hat das Namensrecht verwirkt. Er hat seinen Namen nicht ernst genommen, hat ihn gleichsam unwissentlich verraten. Nichts entwürdigt den sapiens sapiens so sehr wie das Stigma der Unwissenheit.

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Das mythische Wissen ist das zeitlose. Die ewige Wahrheit ruht im ewigen Wissen. Der vermeintliche Zugewinn als geschichtliches Wissen ist ein unablässiges Verlieren. Die historische Erfahrung ist nicht einmal eine Sanduhr.

Die Verdichtung der Zeit wird freilich ohne kosmische Anbindung zur autistischen Augenauswischerei.

Doch berichtet uns der autistisch "Kranke", daß er über Sichten und Fähigkeiten verfügt, die jedem normalen und "gesunden" Menschen absolut fremd sind.

Wie ist es möglich, daß zwei Arten Mensch nebeneinander zur gleichen geschichtlichen Zeit leben und voneinander nur eine "gewisse" Kenntnis haben?

Der Autist lebt in einer anderen Denk- und Vorstellungswelt, die nur deshalb das menschheitliche Bewußtsein nicht beherrscht, weil "das autistische" noch in der Minderheit ist. Noch, weil die jüngsten wissenschaftlichen Sensationen für die Annahme sprechen, daß der heutige "Autist" der Zeit ein ganzes Stück voraus ist beziehungsweise eine Nebenwelt soeben einrichtet, von der die Normalen nur noch nichts wissen.

Avram glaubte das Rezept in seiner Tasche. Die Auseinandersetzung mit der analytischen Wissenschaft lag ihm am Herzen, solange er daran denken mußte, daß die Schöpfung Gottes Schaden nehmen könnte ohne seine Kritik.

Das mathematische Denken erschien ihm problematisch, wenn er es in Beziehung setzte zur ewigen Wahrheit, die sich zwar sezieren und auflösen ließ, aber eben darunter litt, leiden mußte, wie er sah.

Das analytische Denken war demnach der Auflösungsprozeß, in dem die Welt sich befand. Avram fürchtete allerdings, daß er sich damit ins Abseits authentischer Überlegungen bringen könnte.

Die Versöhnung mit der Mathematik mochte über die Elektronik und deren praktischen Zugang für jedermann auch einem Mann wie Avram möglich werden. Es mußte ihm einleuchten, wenn er umdenken sollte. Aber mußte er es denn?

Avram vertrat das Prinzip des Besonderen und allgemein Gültigen. Das pincipium individuationis war aber zugleich eine Kritik der analytischen Wissenschaften.

Das europäische Denken zerbrach und zerfraß die Partikel, ehe sie zueinander in Beziehung treten konnten. Der naturwissenschaftliche Unterricht an deutschen Gymnasien und Realschulen setzte die Keime der Zerstörung.

Die systematische Verhinderung der gemeinsamen Erkenntnis lag offen zutage. Das sogenannte autistische Phänomen, die inkarnierte Verselbständigung der Zahlen, war das sprichwörtliche Zeichen hinter den Glasfassaden der westlichen Welt.

Die Konstruktionen realisierten das Verhängnis. Die Kranken lebten es aus, ohne noch darunter zu leiden. In ihnen war die Bedingung um ihrer selbst willen Fleisch, Wille und Motorik geworden.

Beim genaueren Hinschauen erblickte das Staunen, daß sich darin ankündigte, was alle abwenden wollten. Aber das Ende lag in diesem Sein verborgen, war mit ihm identisch.

Die Analytik war das Wesen des Seins. Der Beginn und das Schlußlicht. Die Struktur und die Körnung. Alles an Baustein, was sich denken und zusammentragen ließ, und das war eine Menge Stoff für die Veränderung der Welt, wie Gott sie geschaffen hatte.

Die analytische Erkenntnis Gottes war der essentielle Angriff auf die Ewigkeit, der Versuch ihrer Verhinderung.

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Die mythische Amaleqah war kein Phantom, sondern Wirklichkeit und zugleich ein Mißverständnis. Ihr Sohn wuchs heran und trug die Nachricht weiter: Troja sollte zerstört werden, doch die Erinnerung blieb. Im Jahr des Drachen wurde der Stab übergeben. Avram verstand und verstand nicht.

Die massiven Angriffe auf das Mandat Avrams fielen ihm auf. Es geschah derartig konsequent, daß er mehr als nur Geschick am Rande vermutete. Geschick oder Ungeschick. Es war mehr.

Avrams Prophezeiung, ehe Amaleq geboren ward, schien sich bereits in den ersten Tagen zu erfüllen. War denn nicht gut, was jetzt zerstört werden sollte. Amaleq hatte eine Komplizin gewonnen, von der er noch nichts wußte. Amaleqah war Avrams Engel. Avrams Vorurteil bedrohte sein Gesicht. Was er erfaßt zu haben glaubte, war zu überprüfen.

Avram erkannte die neue Konstellation und die damit verbundene potentielle Gefahr, wußte aber keine Lösung. Er befand sich im Stadium der Aufklärung. Ein Leben lang.

Ein schizophrenes Paar aus Amaleq und imaginärer Partnerin hatte sich gefunden, und die neue Ränkeschmiede konnte mit Aufträgen rechnen. Die Feindschaft war metaphysischer, besser noch transzendenteller Natur und also nicht zu kritisieren. Der Same saß tief im Vergangenen. Es war nicht wieder gutzumachen. Die Hypothese kam aus einer dunklen Ahnung.

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Die Krankheit grassierte, und keiner sage, daß man alles nur relativieren müsse. Nein, ein kleines Schöpfungswerk sollte zerschlagen und zerfressen werden.

Was die Menschen früher das Böse nannten, es kam nun wieder hervor und brachte jene Fremdheit zurück, von der wir uns seit langem frei glaubten. Die ewige Wahrheit schließt eben die ewige Finsternis mit ein, und so sollte es geschehen.

Der Gedanke an die ewige Gegenwart stoppt jede Veränderung. Gut für alle, denen es gut geht, die mit ihrem Leben zufrieden sein können. Doch das Elend bleibt erhalten.

Die Ewigkeit beschert uns indische Verhältnisse. Die Idee der Geschichte entstand aus der erkannten Notwendigkeit, den Göttern unser Geschick zu entreißen.

Ob es gelang oder nicht, ob es überhaupt gelingen konnte, ist jetzt nicht die Frage. Der Veränderungswille ließ sich als von Gott gewollt interpretieren.

Wenn ohne Gott ohnehin nichts ist und sein kann, so war eben auch die neue Weltsicht in seinem Sinn. So enthüllte sich die ewige Gegenwart als Flucht aus der Realität.

Die Geschichte ging weiter, sie war die eigentliche, die dem Universum eigentümliche Seinsform, nämlich Bewegung. Es bedurfte der Erkenntnis, und die war allmählich geworden - oder plötzlich geworden, um allmählich allen Menschen zu Bewußtsein zu kommen.

Alles braucht seine Zeit. Zeit war keine künstliche, sondern kosmisch bedingt, wenn auch nicht sogleich bewußt geworden. Das Bewußtsein als Sehnsucht nach ewiger Gegenwart blieb letztlich die individuell gewählte Lebensweise.

Die Wahl war neigungsbestimmt. Die geheimnisvolle Besonderheit jedes einzelnen Menschen das unumstößliche Gesetz. Das Wort Autonomie fand sich dann schnell.

Sicherung und Unterstützung Israels war kein Selbstzweck. Der Staat Israel bestand nicht um seiner selbst willen. Israel war der Schild und das Schwert des Gottes vom Sinai.

Israel war eine spätzeitliche Entscheidung zu Rettung und Durchsetzung des Regelkanons vom Sinai.

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Der epochale Krieg zwischen dem Staat Israel und den Palästinensern, der arabischen Welt, spitzte den alten Anspruchsstreit ums Erstgeburtsrecht historisch zu.

Yishmael war seinem Gotte treu geblieben, und wer genau hinsah, mochte sofort den richtigen Gedanken haben, daß es der sinaitischen Erinnerung jüdischer Art nicht mehr bedurfte.

Aber die Überlieferung sah für das biblische Volk der Juden eine Endzeitrolle vor, die nicht übersehen werden darf.

Israel setzte den ersten Stein in die historische Landschaft des Jahrhunderts. Der Zionismus konnte als nationale Erhebung nur eine Übergangsregelung sein, aber die Zündschnur Israel war eine unverzichtbare Provokation, wenn der Islam wieder zu sich kommen sollte.

Die notwendige Wiedergeburt des Islam bedurfte des Geburtshelfers. Es brauchte die geschichtlichen Wehen, die den Moslem an seine heilige Aufgabe erinnerten, und zwar so nachhaltig, daß er jetzt endlich kämpfen mußte, wenn er nicht untergehen wollte. Und das wollte er offensichtlich nicht.

Der israelisch-palästinensische Krieg des Zwanzigsten Jahrhunderts ist die Wiederverbrüderung von Yitzchaq und Yishmael. Hagar wird heimgeholt. Die Schwarze Sarah kommt zu ihrem Recht, das sie aber in Liebe und Leidenschaft an den Himmel geschrieben hat.

Hagar ist dabei, wenn die Kinder Palästinas gegen die Okkupanten kämpfen. Und die Mutter der Okkupanten, Avrams Weib Sarah, wünscht ihrer einstigen Magd die geschichtliche Genugtuung.

Die Schwarze Sarah der Zigoyim ist aber mehr als die Mutter der palästinensischen Befreiung. Israel wird zu sich kommen wie Yishmael zu sich kommt. Abu Yishmael wird dem Sohn Yitzchaqs über den Schatten helfen. Der Krieg ist der Vater der Dinge, und er wird richten, was sonst nicht zu richten war.

Das verheißene Exil unter Yishmael wird gut sein. Es wird wählen, aussortieren, neu begründen. Wer gehen will, soll gehen. Wer aber das Mandat Yishmaels erkannt hat, wird bleiben.

Nicht Anerkennung und Unterwerfung sind gefragt, sondern die Erkenntnis Allahs und seiner historischen Fügung. Niemand soll auf sich verzichten. Avrams Yishmael-Projekt war vielleicht seine beste Idee.

Israels anti-islamische Haltung, so die denn tiefer sitzt, ist ein Kriterium, das die Auswahl erleichtern wird. Wenn Israel seine von Gott gegebene Aufgabe, die Botschaft des Einen Gottes zu verbreiten, nicht mehr ernst nimmt, wird es scheitern.

Wie es aber seine Aufgabe gegen den Islam und nicht mit ihm erfüllen will, wird Israel nicht erklären können, ohne sich aufzugeben.

Die transzendentale Stunde Israels hat vielleicht gerade geschlagen, und es ist noch im Vagen, wie der Streit ausgehen wird. Gott wird es richten. Er wird beide zur Besinnung bringen, sie im Kampf zusammenschweißen und sie bereit machen für den großen Krieg Gottes gegen seine Feinde.

Die Widersacher Gottes werden in der neuen Gemeinschaft des Einen Gottes den unbezwingbaren Sternenfrühling entdecken und endlich aufgeben. Ein neuer Tag wird anbrechen.

Vielleicht laufen die Geschicke auseinander. Ist alles auch festgelegt, so wissen wir es doch nicht. Avram wollte wissen. Das war seine Berufung. Er wußte, und er lebte es.

Die Kuriosa, die Avram begleiteten und verfolgten, die ihm entgegenkamen, ihn verblüfften und erfreuten, sie erschütterten ihn nicht. Chanah konnte schier verzweifeln, da ihn nichts aus der Ruhe brachte.

Er war darauf eingestimmt, wie ein Instrument, das gespielt werden wollte, und er war der Spieler zugleich. Als Medium Gottes verstand er sich gern, und er war doch nicht wunderlicher als die andern Menschen auch. Sie merkten es ihm nicht an.

Für die Augenblicke, da er aus sich heraustrat, um zu proben, wie die Dinge liefen und schon verlaufen waren, hatte er sich ein Augenzwinkern aufgespart. Er gönnte sich dieses Vergnügen, ohne selbstgerecht zu sein.

Sein Schmunzeln blieb menschenfreundlich und ohne Arg. Mit den einfach gebliebenen Menschen kam er am besten aus, und es waren, sah man genau hin, doch die meisten. Irgendwo hatten die meisten sich etwas erhalten, das der Beachtung wert war. So blieben auch sie es.

***

Der Sinn für die Realitäten ist auch in Deutschland vorhanden, aber völlig irrelevant. Die das Sagen haben, haben den Sinn nicht, und die den Sinn haben, die haben in Deutschland sicher nicht das Sagen. So ist es hier nun mal. So war es hier immer. Und anderswo auch?

Bei der Beurteilung des heraufziehenden Nationalsozialismus ist Vorsicht geboten. Solange er schwach ist, kann man über hysterische Reaktionen seine Witze machen. Die Wiederlektüre der nazistischen Haßschriften, die mit der Post hereinschneien, ist jedenfalls eine gute Erinnerung, wenn man die Sache vielleicht etwas auf die leichte Schulter nehmen möchte.

Die offizielle Überreaktion kann auch als eine Vorsichtsmaßnahme gegen das eventuelle Inkrafttreten der UN-Charta-Feindstaatenklauseln in Betracht gezogen werden.

Letztlich bleibt es bei der Frage, ob ein Volk sich für die innere Freiheit entscheidet oder wieder die umfassende Staatskontrolle über sich ergehen lassen will.

Der Überwachungsstaat ist so stark in deutschen Köpfen und Traditionen verankert, daß es keine Frage sein darf, wofür sich ein Demokrat entscheiden muß.

Wenn der Kampf gegen die faschistische Gefahr nicht mit dem Kampf gegen jegliche Gefahr für die demokratischen Freiheiten, also auch gegen den Staat als Überwachungsinstitution identisch ist, wird ein Krampf aus dem Kampf, und es lohnt nicht, darüber noch ein Wort zu verlieren.

***

Flensburg war nahe dran, zum Ausgangsort für die Eroberung neuer Welten zu werden. Gott wollte es anders. Er hatte es so eingerichtet, daß Avram mit seiner jungen Großfamilie nach Berlin zurückkehrte. Wenn ihm überhaupt irgendwo je etwas gelang, so war es hier.

Avram liebte die Stadt nicht, aber auf unerklärliche Weise ist sie Teil seines Schicksals geblieben und täglich neu geworden. Was immer er unternahm, um sich loszureißen, Gott führte ihn regelmäßig nach Berlin zurück. Allmählich wurde ihm das auch klar. Er führte es auf den Namen zurück.

Die Mythisierung des Daseins lag dem Avram im Blut. Er kam in keiner Akte vor. Was in amtlichen Papieren stand, gab von Avram nichts wieder, was von Bedeutung war.

Der Metaphysik der Überraschungen entsprach die Transzendenz dieses Lebens. Ohne diesen heißen Draht war er unsichtbar. Avram wußte es und nutzte es bisweilen.

Indem er den Strom unterbrach, konnte er unbeachtet auf alles achten, was zu beachten ihm aufgetragen war.

Gott ließ ihn für eine Weile los, und Avram machte sich selbständig wie das Herbstlaub im Winde der rufenden Götter.

Avrams Unabhängigkeit war der schönste Schein seines Lebens und die reine Wahrheit zugleich.

Die richtigen Worte kommen nur in messianischen Zeiten zusammen. Sie schienen zusammenzukommen, als es mit der Hoffnung Israels bergab ging. Amaleq konnte sich jetzt freuen und in seiner Selbsttäuschung zuschanden werden. Gott hat die Karten neu gemischt.

Amaleq ist nicht eigentlich der Verrat und der Verräter. Amaleq ist die Entdeckung Amaleqs unter Brüdern und Freunden. Amaleq ist der Schreck, ist die Überraschung, das Erstaunen über die Anwesenheit Amaleqs.

Der Hinterhalt ist von intimem Wissen geleitet. Der Feind in der Hecke weiß, daß und wann und in welcher Verfassung Israel aufscheinen, auftauchen und vorbeikommen wird.

Die Aliyah von 1988 stand wie die Illusion namens Flensburg im Zeichen des Verrats. Und Banik Friedenreich Ben Joseph war ihr Wegbereiter, oder anders: Die Voraussetzungen für den heimtückischen Harlekin waren gegeben, noch ehe er in Erscheinung trat.

Banik Friedenreich war die Erfüllung einer Verheißung von der anderen Seite des Mondes. Er war dem Avram vorbestimmt, wie dieser gewappnet sein mußte für die kommende Zeit.

Avram war Baniks Herausforderung, und Banik war Avrams Prüfung. Amaleq erschien auf einmal wie ein Dreigestirn des Verrats und der Unzuverlässigkeit. Die Dreifaltigkeit Amaleqs spiegelte sich in den Nächten des Hasses, wo die Bande unter sich war und nichts von sich wußte.

Band 6 (Israel) und Band 8 (Flensburg) und Band 10 (Darmstadt) bilden zusammen eine Trilogie des sich allmählich offenbarenden Verrats.

Flensburg steht chronologisch am Anfang, der kein Anfang war, sondern nur aus seiner Vorgeschichte verstanden werden kann. Israel war die Ecke (QRN), an der sich alles wundstieß, entzündete und erhellte.

An Israel schieden sich die Geister. Ohne Israel bliebe die Vorgeschichte ohne erkennbaren Sinn. Israel ist der Erstgeborene im Geiste, das Licht in der undurchschauten Finsternis.

Finsternis ist vorher und wird nachher sein. Israel aber erleuchtet die Geschichte auch hinter den Bergen und Traumwäldern.

Das individuelle Schicksal läßt sich dabei nicht übergehen. Die beste Vision wird zu einer betrüblichen Illusion, wenn die geeigneten Leute fehlen. Du kannst aus Kartoffeln keine Orangen machen, aus Phlegmatikern und Kleinmütigen keine Revolutionäre.

Auch Avram war nicht unbedingt der Mann, der sich einfach auf den Weg machte. Es mußte einen Sinn für ihn haben. Als er entdeckt zu haben glaubte, daß mit ihm Dinge passierten, die rätselhaft erschienen, wurde er empfänglich für metaphysische Ereignisse. Aber es brauchte Zeit.

Avram war nicht der Mann, der von heut auf morgen transzendentale Bestimmungen für sich wahrnahm und reklamierte. Als Avram zu ahnen begann, schwieg er sich lange Zeit aus. In seinen Schriften schwärzte er jede verräterische Stelle.

Es dauerte viele Jahre, bis er den Namen Israel in eine Beziehung zu sich selber brachte, daß er darüber sprach, als hätte Israel irgendetwas mit seiner Person zu tun.

Israel war sein Geheimnis, und er verbarg es, so gut er konnte. Er wollte es nicht vor der Zeit zerreden und durch fremde Gedanken gestört wissen.

Für die Entheiligung sorgten die späteren Generationen. Durch insensible Partnerwahl und Fehlorientierungen setzte sich in der Familie eine Denkstruktur durch, die alles zerstören mußte, was dem Alten heilig war. Wenn er sich nicht darum sorgte, wenn er dem nicht Einhalt gebot, war alles umsonst gewesen. So bestand er die Prüfung nicht, weil er Amaleq von der Familie nicht ferngehalten hatte.

Aber Amaleq war bereits auf dem eigenen Boden gewachsen. Damit mußte Avram nun fertig werden. Vieles begriff er einfach nicht. Er suchte nach eigenen Verfehlungen. Avram war immer der Erste, bei dem er die Ursachen suchte. Wenn einer schuldig war, konnte er es nur selbst sein, zunächst.

Das war jedesmal der Ansatzpunkt für Avrams Untersuchungsmethode: Was habe ich falsch gemacht?

Über Amaleq zerbrach er sich den Kopf, weil die Ursache die Wirkung zu sein schien. Amaleq war Amaleq vom ersten Tage an, und er wußte es. Avram wußte, daß es so war, konnte es aber nicht glauben.

Er konnte nicht glauben, daß sein kleiner Sohn als Feind für ihn geboren war.

Wenn sich sein Verhalten zu dem Jungen anders als zu den anderen Kindern entwickelte, so lag der Grund dafür in den Anfängen, aber das mochte Avram eben nicht glauben. Es konnte und durfte nicht wahr sein.

Göttliche Bestimmungen lagen außerhalb seines Erfahrungsschatzes, und wenn er zwar von Kindheit an in einem starken Sendungsbewußtsein lebte, so nahm er das nicht so ernst, daß er darüber intensiver nachdenken mußte.

Avram hatte ein Denkschicksal, das er frühzeitig erkannte. Es ist aber ein Unterschied, ob man eine Sache erkannt und verstanden hat, oder ob diese Wahrheit konkret wird. Daß die Sterne einen Einfluß auf unser Befinden haben, weiß irgendwie jeder, ohne es sonderlich zu realisieren.

Avram hatte einen Traum. Er befand sich in einer Wohnung, die noch in Ordnung gebracht werden mußte. Ein Stück Fußbodendiele ließ sich herausheben. Die Wohnung lag wohl in der obersten Etage, denn nun sah er durch das Loch im Fußboden in einen tiefen hellen Schacht hinab.

Die unteren Wohnungen hatten keine Füßböden, so daß er bis in die untersten Etagen hinabschauen konnte. Außerdem war da unten überall große Unordnung, es hingen lange Papierfetzen von den Wänden, aber es war hell.

Abrams Hauptgedanke war die Realität unter dem Boden, auf welchem er sich befand. Er stand auf lockeren Dielen, die ihm ein Gefühl der Sicherheit gaben, wofür er jedoch keinen Grund sah. Er lebte über einer erleuchteten Ruine.

In diesem Moment begriff Avram seine Situation. So war es um die Familie bestellt, um die Grundlagen seiner Existenz. Er machte sich keine weiteren Gedanken. Sein Gottvertrauen war unverbrüchlich. Im übrigen wußte er, wie das Leben ausgestattet ist. Sicherheit ist eine Illusion.

Der Traum zeigte, wie die Dinge lagen. Hier konnte er sie fassen.

An der senkrechten Zimmerflucht abwärts hatte er sofort diese Helle entdeckt. Fast sah alles nach einer Aufforderung aus, nicht nur das obere Zimmer, sondern das ganze Haus in Ordnung zu bringen. Wenn die unteren Etagen nicht ausgebaut sind, kannst du auch da oben nicht sicher sein. Es kommt zu Durchbrüchen und Einstürzen, damit ist zu rechnen.

Und doch stand im Vordergrund und über allem die Gewißheit, daß Gott es fügen werde. Solange die Stockwerke unter Avram offen und durchgängig lagen, mußte Avram nur Vorsicht walten lassen.

Die Notwendigkeit des Unnötigen kam zur Geltung. Denn nötig waren die unteren Absicherungen nicht. Der Fußboden war fest. Die starken Dielen versprachen Dauer. Die Unsicherheit war eigentlich mit dem Blick durchs Fußbodenloch herausgekommen.

Ohne dieses Wissen hatte Avram keinen Grund, sich zu ängstigen oder sonstwie Sorgen zu machen. Die Unsicherheit war durch diese Erkenntnis entstanden. In diesem Sinne aber war das Unnötige notwendig geworden.

Die geängstigte Seele kam erst zur Ruh, wenn sie das untere Haus ausgebaut und gesichert wußte. So geschah es denn.

Doch Avram spielte mit solchen Gedanken und Vorstellungen. Sein Leben war zu gefährlich geworden, als daß er auf schwarze Koketterien dieser Art jetzt noch verzichten wollte.

In dem alten Flensburger Fischerhaus in der Angelburger Straße konnte der Boden über der Holztreppe hochgeklappt werden. Das war praktisch bei Möbeltransporten, wie sie ja nicht oft vorkamen, aber doch bedacht werden mußten. Das Haus war mindestens dreihundert Jahre alt, damals hatten die Menschen an die Eventualitäten gleich zu Beginn gedacht.

Der Flensburger Verrat trug einen verstümmelten Namen, wir haben ihn vergessen, eine Ausgeburt Amaleqs, von der wir damals nichts wußten, sagt Avram.

Amaleq war ihm eingeschrieben schon vor dem Gericht.

Wir müssen ihn vergessen, weil Gott an ihm ein Exempel statuierte.

Er war nicht böse von vornherein. Sein Weib hatte einen Ungeist in ihm entdeckt, von dem er sich nur befreien mußte, doch der Dämon behielt die Oberhand.

Die deutsche Seelenlandschaft läßt keinen ungeschoren.

Doch die Reinigung der deutschen Seele ist so etwas wie die Entsalzung des Meeres, die Entwürzung eines Gerichts.

Die Todessehnsucht ist ein deutsches Syndrom. Es entwickelt negative Potenzen, die geeignet sind, Machtstrukturen zu errichten. Wie die sexuell verhunzte Biene aus gleichsam zweiter Natur heraus ihre geometrisch exakt bemessenen Honigwaben baut, so ist die Krankheit zum Tode eine Energieentfaltung, die alles mitreißt, was in ihre Nähe kommt.

Die herrische Klasse und ihre Söldner haben das Ergebnis dieser Strukturierung durch Krankheit in sich. Der deutsche Unterdrückungsapparat organisiert sich stets von neuem, wenn niemand mehr daran denkt. Befreiungen sind vorübergehender Natur.

Der autoritäre Charakter ist das Resultat einer Geschichte der Freiheit in Deutschland.

Avram dachte und brachte Freiheit in seine Familie. Alles wuchs frei und selbstgeachtet auf. Man sprach über alles. Die Familie galt im weiten Umkreis als vorbildlich. Avrams Kinder wurden um diese Familie und ihre inneren Freiheiten beneidet.

Das kleine Volk stand und entfaltete sich unter der Idee und im Geiste Israels. Israel war der zunächst unausgesprochene, dann mehr und mehr hervortretende Urgedanke der heiligen Familie, denn dies hatte sie heilig gemacht.

Doch das Heilige gebiert seinen Gegensatz. Was gut ist, erscheint auf einmal wie bloße Fassade, hinter der sich eine böse Wahrheit versteckt. Die Heiligung der Familie ist wie eine Tünche, an der man nur ein wenig kratzen muß, um die reine und einfache wahre Wirklichkeit als eher teuflisch denn heilig, eher schmutzig denn rein hervortreten zu lassen. Die Generationen folgen aufeinander wie die gehobelten Scheiben einer Wurst. Wo der Zusammenhalt nicht mehr gesehen wird, existiert er auch nicht mehr. Und Ezra sollte recht behalten.

Avram duldete wider besseres Wissen die Einheirat feindlichen Geistes. Seine liberale Pädagogik war nicht ohne orthodox-autoritativen Einschlag, aber letztlich nicht konsequent genug.

Avram überließ vieles der göttlichen Fügung, wo er vielleicht hätte eingreifen müssen. Es geschehe, weil Gott es so wolle, war die Grundauffassung seines Denkens.

Aber dann wollte Gott auch die Folgen, und die waren offenkundig: es gedieh, aber es gedieh unter einem falschen, eher bösen als guten Stern. Und die bösen Sterne waren, mit einfachen Worten gesagt, die eingeheirateten feindlichen Seelen. Wären sie zu verhindern gewesen?

Warum traf Gott diese Wahl?

Er trifft seine Wahl anhand der Gegebenheiten. Gottes Gesetz ist in den Dingen, in den Menschen und Wesen, die um uns herum unser Leben mitgestalten.

Wenn Avrams Tochter einen feindlichen Mann heiratete, so tat sie es aus dem inneren Antrieb, den sie von ihren Eltern und Voreltern geerbt hatte. Und so taten es die Söhne.

Der Zweite heiratete ins feindliche Lager. Das kann man so sagen, denn er wandte sich von seiner Familie ab, brachte seine Frau nicht in sie ein. Der Resultat war ein Sohn, der von kleinauf so feindselig verzogen wurde, daß er am Ende fast im Irrenhaus landete.

Sein Vater wußte sich zuletzt keinen anderen Rat, als den kranken Menschen bei Avram abzuliefern und dann in die Unverbindlichkeit einer Radtour durch die Türkei bis nach Indien und Nepal zu fliehen. Ein Lumpensohn eher als ein würdiger Erbe der heiligen Familie.

Doch Avram war sein Vater.

Sein Erster hielt seine Ehe fest zusammen. Auch er heiratete feindselig. Vier Söhne versprachen viel für die Zukunft. Doch die Weichen sind am Anfang gestellt. Avram verlor vier Enkelsöhne, noch ehe er sich's versah. Er konnte es nicht ändern.

Doch er war der Vater und Großvater. Er hatte es mitverursacht.

Mit ihm, Avram, begann tatsächlich eine neue Epoche, die freilich nicht lange währte und währen wollte, so schien es zumindest, wenn man sich nichts vormachen wollte.

Er konnte nicht verstehen, daß seine Söhne die geistige Wiedergeburt nicht begriffen und aufgriffen, sondern ohne viel Federlesens bereit waren und nichts dabei fanden, in bisher kaum bekannte Primitivstrukturen zurückzufallen.

Es entwickelten sich kleine Zwangsgesellschaften mit inneren Hackordnungen, und alles schien blind und taub dafür zu sein. Avram kam sich manchmal vor wie der alte Mosheh, der zuletzt genau voraussagte, daß das Volk abfallen werde, wie es dann auch geschah.

Avrams Hoffnung blieb in dem Gedanken, daß das familiäre Urerlebnis nicht vergessen würde. Die Dialektik der Geschichte, er hatte sie am eigenen Leibe erlebt, am eigen Fleisch und Blut, seinen Söhnen, die Dialektik der Geschichte mußte in den folgenden Generationen nach dem letzten Lakengang in die Wüste die Erinnerung wieder aufflammen lassen.

Die Kindeskinder der Kindeskinder würden die komplexe Idee wieder aufnehmen, sich daran entzünden und den Funken ins dürre Gehölz werfen. Gott muß es gefallen, wenn es gelingen soll. Und wenn er seinem unauffälligen Protagonisten zu undankbaren Zeiten alle Steine in den Weg legen ließ, die seine Feinde auftreiben konnten, wenn Gott Avrams Söhne zur amaleqitischen Feindschaft gegen ihren Vater Avram antrieb, dann wollte der Gott Israels ihn vernichten oder den Gedanken an das Gesetz für die ferne Zukunft sichern, denn dann würden sie aufstehen und Amaleq vernichten und strafen für den vielfältigen Frevel an seinem alten Knecht in Davidsland, wohin Avram immer wieder zurückkehren mußte, denn Israel wollte ihn nicht haben.

Und es war Gottes Wille, Avram von Israel fernzuhalten. Denn, halte dich fern, wenn du nahebleiben willst, hatte der Herr ihm eingegeben vor langer Zeit. Und komm ihm erst nah, wenn du dich entfernen sollst, wie Gott will.

Amaleq niemals zu vergessen, die Erinnerung weiterzugeben an die Kinder und deren Kinder bis ans Ende der Tage, nie zu vergessen, was er uns angetan, als wir hilflos waren.

Und Amaleq lebte und richtete über uns im eigenen Blut, in der Seele von Söhnen und deren Söhnen. Die Nichtbeachtung und Verhöhnung der Gesetze Gottes war in unseren Genen.

Es sind meine Kinder, die mich verraten, also haben sie den Verrat auch von mir, wie ich den Verrat in mir habe von Vätern und Müttern über die Generationen zurück. Und es steht geschrieben, daß du deine Seele reinhalten sollst, um nicht zu verderben.

Wenn Ezra Recht tat, dann haben wir alle Unrecht getan, und es ist nicht mehr gutzumachen, weil alles verdorben und verderbt. Dann galt nicht, was gültig war, galt nicht für ihn, du sollst deine Väter ehren, auf daß es dir wohl ergehe, dann galt, ehre sie nicht, sondern verdamme sie, daß sie hereingenommen haben den Verrat und die Verderbnis der Seelen. Dann haben alle das Böse bewirkt und Gottes Blut vergiftet.

Avram war ohne Trost und ohne Hoffnung, wenn er daran dachte. Er wußte, daß er sah, und daß es zu spät war, als er sah, daß nichts zu reparieren, nichts wesentlich zu ändern war. Nur Gott konnte helfen, indem er abermals trennte und teilte, indem er die Spreu vom Weizen schied, die Nacht vom Tage, und er wußte, daß gleichwohl alles eins war. Avram wußte es. Dieses Wissen war Avrams Schicksal, war sein Verhängnis, denn er sollte unterscheiden nach diesem und jenem. Gottes Weisheit war in ihm, und sie war in ihm zum Schaden Avrams.

Denn die Gegensätze trugen ihre Kämpfe aus.

Avram diente als Schlachtfeld den Antagonismen. Avram führte Krieg um Krieg und richtete über Für und Wider. Avram war Protagonist und Richter zugleich, war Satan, der Kläger, und Satan der Beklagte. Avram verstand und gefiel und bewährte sich als Advokat des Teufels ebenso wie als Knecht Gottes.

In ihm war die Entschiedenheit Davids und die Einsicht Salomons, des Weisen, daß alles Kämpfen und Streben eitel war.

Und Shlomo hatte König Shaul beerbt, doch nur zum Teil.

Shlomos Duldsamkeit kam aus der Begrabung der Unterschiede. Das brachte das Ende Israels, denn Israel lebte und siegte aus dem Unterschied und der permanenten Unterscheidung.

Das Maß Shauls war dahin.

Shaul kannte die Tiefen und Finsternisse und hielt doch fest am Lichte des Herrn. Er wußte, daß David Sieg und Verhängnis bedeutete, daß Shlomo die Siege verspielen, den Pomp und den Tempel, die Unentschiedenheit neben der Reinheit verehren würde.

In König Shaul hatte Israel zum letzten Male eine glückliche Hand. Nie hätte Israel einen König wählen dürfen. Shaul aber war ein guter und wahrhaftiger König, ein Großer vor dem Herrn. Wenn er verantwortlich und schuldig wurde für alles, was nach ihm kam, so zieht alles Große die Ruinen nach sich.

Die Ruinierten rächten sich an der Architektur des intakten Königshauses, das dennoch wider den Willen Gottes errichtet worden war.

29 Juden waren als Zeugen aufgetreten, sie standen nun an der Haltestelle und warteten auf die Straßenbahn.

Eine Stimme am Telefon sagte: Ich bin Ihr Siegelbewahrer. Avram denkt: Lord-Siegelbewahrer. Eine weibliche Stimme am Apparat. Die Siegelbewahrerin? Aber sie sagte: Siegelbewahrer. Ich bin Ihr Siegelbewahrer. Oder sagte sie: Wir sind...? Nein, sie sagte: Ich bin...

Siegel des Propheten: Mohammed. Lord-Siegel-Bewahrer. Der das Siegel des Herrn aufbewahrt. Der Islam ist der Siegelbewahrer. War das gemeint?

Die Fördestadt Flensburg war nicht mehr als eine Hoffnung. Sie war keine Erfüllung. Ja, Kinderwünsche gingen in Erfüllung. Aber die Hoffnungen des Geistes blieben in Flensburg unerfüllt. Noch machte das Schicksal Avrams eine Inkubationsphase durch, die lange währen sollte.

Die Sehnsucht ging übers Meer, richtete sich aufs Meer. In Husum wurde ihm klar, daß die Stadt Theodor Storms der Westsee den Rücken zukehrte, also von Landleuten erbaut worden war, nicht von Seefahrern und Fischern.

Die Architekten Husums fürchteten das Meer, so bauten sie eine Schutzstadt gegen die See. Die Ängste sind die Ängste Storms und seiner Menschen.

Flensburg ist eine Seefahrergründung. Die Phönizier hinterließen ihre Spuren in Gassen, Häusern und Farben, und sie bauten gegen die Erhöhungen der Küste. Nie hatte die Fluten zu fürchten in Flensburg, wer das Gesetz nicht vergaß.

Der Geist schwebte über den Wassern. So war die alte Welt. Da hub Gott an und zerstörte sie. In Avram war die Zerstörung und die unzerstörte Erinnerung.

Gottes Segen war auf der Familie. Und er hatte eine innere Trennung vorgenommen. Eine zunehmende Gottlosigkeit sprach für den talmudischen Satz, daß mit der Torah auch der Haß in die Welt kam. Denn die Lehre war streng, und die Familie liebte die Anstrengung nicht.

Der innere Antagonismus, könnte man sagen, teilte die Mishpachah in diese und jene. Die einen vertrauten, die anderen taten es nicht. Die Verräter wußten wahrscheinlich gar nichts von ihrem Verrat. Es war ihnen nicht gegeben, Gottes Regelwerk zu erkennen.

Die Flensburger Jahre hatten nur einen Sinn, wenn die familiare Dialektik das messianische Element vorantrieb, obwohl dies nicht in der Absicht Avrams lag.

Er wollte den Messias nicht herbeizwingen, dennoch sprach er von der Beschleunigungsinitiative, die letztlich darauf hinauslief, die Tage des Gerichts zu kürzen und zu verdichten.

In Flensburg waren die Dinge noch nicht so weit gediehen, daß eine allgemeine Betrachtung einer solchen Einschätzung zustimmen konnte. Es war das meiste noch verborgen. Das Indididuelle ließ sich noch nicht verallgemeinern.

Der Haß, von dem die Rede ist, nahm mit der Offenbarung zu. Je mehr die Menschen verstanden, daß etwas im Gange war, was politisch nicht gewollt, nicht geplant, nicht vorausgesehen, sobald sie erkennen mußten oder doch erkennen konnten, daß das Unerwartete beinahe schon vor ihrer Tür stand, als sie es erspürten, da wurden sie böse, böse auf sich, böse auf Gott, böse auf das ganze Geschick, das er ihnen beschert und von dem sie sich in ihren Träumen nichts vorgeben ließen.

Denk nicht, daß der Mensch sich ändere, jeder hat sein Gesetz, und es gilt von der ersten bis zur letzten Minute. Hoffen, daß es besser werde, ist dumm wie die Erwartung des Endes. Viele sind berufen, doch wenige sind auserwählt, heißt, daß die Möglichkeit einer guten Menschheit gering sei, daß die Mehrheit letztlich Spreu ist, die der Wind verweht. Doch ohne Spreu kein Hafer, ohne die Hüllen und Packen und Binden kein Inhalt. Darum ist die Welt, wie sie ist, und jede Hoffnung, daß sie sich ändern möge, ist destruktiv und gefährlich.

Der Verrat ist konstitutiv. Wer den Verrat nicht kennt, weiß nicht, was Treue ist. Du sollst es nicht ändern, du sollst es erkennen, sollst unterscheiden lernen und also wissen.

Eine solche Unterscheidung zu treffen ist oft schwer. Ein Vater will gerecht sein, eine Mutter liebt ihre Favoriten. Die Gerechtigkeit des Vaters läuft auf einer unendlichen Bahn. Die Liebe der Mutter ist unvermittelt. Sie gleicht oft aus, wo unterschieden werden müßte.

Die Gerechtigkeit des Vaters ist vermittelt durch Erkenntnis. Er ist sich spontan seines Urteils nicht sicher. Der Vater wird alt mit der Geschichte seiner Selbstvergewisserung.

Avram galt als einer, der alles besser wußte, im ironischen wie im wirklichen Sinn. Das war aber ein falscher Eindruck. Vielleicht nahm er seine Selbstsicherheit aus den Zweifeln, die andere nicht hatten.

Zweifel und Selbstzweifel sind die Staubwedel des Erwachsenwerdens. Wer diese Zweifel nicht kennt, ist eher fertig mit sich, man nennt ihn frühreif, man sieht es ihm an. Das frühe Ergebnis wurzelt knapp unter der Haut. Der geringste Wind wirft es um.

Avram wurzelte tief und wurde eigentlich nie mit sich fertig. Er entdeckte neue Facetten in seinem Wesen bis ins hohe Alter hinein.

Es schloß den Kampf nicht aus. Der Verrat mußte bekämpft werden, wie der Verrat niemals zur Ruhe kam. Aber die höhere Einschätzung wußte eben auch, daß es so sein mußte, daß der Verrat ebensowenig aus der Welt geschafft werden konnte wie die Nacht als die andere Hälfte des Tages.

Der Verrat diente als Korrektiv wie der innere Zweifel. Der Verratene mußte sich mit dem Verrat auseinandersetzen, mußte aus ihm lernen. Der Verräter war ein Gesandter Gottes, ein Aufpasser und Parkwächter, ein übler Bursche, aber ein Teil der Schöpfung.

Der Verrat war der Lackmustest der Treue (ndl. lakmoes). Das Experiment konnte nur gelingen, wenn es der Prüfung unterlag.

Verräter sind Prüfer und Denunzianten, die billigen Arbeitskräfte mit dem hohen Gehalt, sie tun und sind wichtig, wenn man das Gesamt im Auge behält. Doch ihre Bekämpfung ist und war und wird ewig sein der Selbstreinigungsprozeß in der Geschichte der Menschheit.

In der Torah haben die Lumpen einen Namen. Die Feiglinge aus dem Hinterhalt heißen Amaleq, sie werden als Amaleqiter identifiziert. Ihr Name freilich besagt zugleich, daß der Verrat auch eine Treue sein kann.

Entscheidungen werden getroffen und sollen getroffen werden. Die Entscheidungen Amaleqs sind das Äquivalent, die komplementären Akte im Plan der Schöpfung.

Mit dem Namen erhielt der Verrat seine Legitimation und seine historische Relativität. Daß im Neuen Testament der Verräter Christi Judas genannt wird, stellt eigentlich die Vorgänge auf den Kopf. Es ist offensichtlich, daß mit dem Namen das ganze Judentum denunziert wird und werden soll. Aus der Sicht des Judentums ist aber Jesus der Verräter.

So erscheint alles relativ, und die Wahrheit wird plötzlich zu einer wetterwendischen Sache.

Gehen wir von Jesus, dem Sohn aus. Im Christentum gilt er als der Sohn Gottes. Die Evangelien schildern ihn als Sohn der Maria und (illegitimen?) Sohn Josephs.

Joseph wird in der Linie Davids genannt, Maria ist vielleicht eine mythische Schwester Aharons. Wenn wir die Illegitimität der Sohnschaft von Joseph ablösen und dem Judentum zuordnen, kommen wir zu dem (insinuierten) Ergebnis, daß Jesus von Nazareth zwar eine jüdische Mutter habe, sein Vater jedoch keiner der hebräischen Vorväter, sondern Gott selber sei, als ob an ihm noch einmal ein ganz besonderer Schöpfungfsakt vollzogen wurde.

Juden, die diesen Gottessohn nicht anerkennen, werden damit zu Verrätern an ihrem eigenen Gott und also verdammt. Die darauf folgende Geschichte scheint dieser christlichen Auslegung sogar recht zu geben. Gott, als der Herr der Geschichte, hat das Christentum über zwei Jahrtausende privilegiert und das Judentum ins Abseits gestellt. Als ob die Juden für ihren Verrat bezahlen mußten. Gottes Strafgericht über die Juden ist mit den Händen zu greifen. Wie kann man damit fertig werden?

Die jüdische Sicht macht das Strafgericht zu einer Prüfungsgeschichte. Der Sohn hat den Vater Joseph entehrt, hat ihn als betrogenen Ehemann und die Mutter als Hure verleumdet. Er hat die Religion der Väter verraten und ist dafür von Gott bestraft, aber auch belohnt worden. Jesus wurde als falscher Messias ans Kreuz geschlagen, aber seine Apostel gründeten die große Katholische Kirche, mit Petrus, der einst Jesus verleugnet hatte, als dem ersten Bischof von Rom, der Hauptstadt des Weltreichs. Hier wird der latente Verrat noch einmal belohnt. Er wird konstitutiv.

Das Krähen des Hahns ist vergessen.

Der toranische Yehudah, Sohn Yaaqobh-Israels und Namensgeber des Jesus-Entgleiters, hatte, wie dieser den Sohn Gottes, seinen Bruder Joseph verkauft und verraten.

Joseph der Ägypter kam heil davon, machte Karriere, heiratete eine Dame des Pharao und hatte mit ihr zwei Söhne, nämlich Manasse und Ephraim, die bis auf den heutigen den jüdischen Knaben bei der Brith Milah als Vorbilder hingestellt werden: mögen sie werden wie sie.

Der Verrat trägt Früchte. Ohne den Verrat der Brüder Josephs, ohne den Verrat des Judas im Neuen Testament, ohne den Verrat wäre die Geschichte anders verlaufen, ob besser oder schlechter, wollen wir jetzt nicht entscheiden, auf jeden Fall anders. Es waren allemal Prüfungen, und ihr habt sie nicht bestanden, erst die geschichtlichen Ereignisse haben die Dinge wieder ins reine gebracht.

Ohne Geschichte aber, ohne die Zeit, ohne die zyklischen Bewegungen ist das Schöpfungswerk Gottes nicht denkbar und schon gar nicht vorstellbar. Gott will Joseph und will seinen Verkauf an den Sklavenhändler. Er will Jesus und Judas, will den Hohepriester und will Pontius Pilatus, Ismael und Isaak, Esau und Jakob, und sie alle in verschiedenen Schreibweisen nebeneinander und nacheinander. Gott will sie alle, will Hü und will Hott...

Was wäre Avram ohne seinen Amaleq, ohne dessen Verrat, dessen Verleumdung, dessen bösen Willen, was ohne den Harlekin der Revolution namens Banik Friedenreich, für den Flensburg abgebrochen werden muß, auf daß der Geschichtenerzähler fortfahre.

Was wäre die Welt ohne Gegenwelt, was die Welt Gottes ohne satanische Zutat, ohne diese Würze zum jüngsten Gericht.

Ja, was wäre, wenn...

Jeder soll seiner Bestimmung folgen. Der Rat, Gott zu gefallen, so es dir gut ergehen solle, ist nicht so eindeutig, wie er erscheinen mag und wohl auch erscheinen soll.

Der Böse gefällt Gott, wenn er böse ist, der Gute, wenn er gut, der Schräge, wenn er schräg. Dennoch überläßt er uns die Entscheidungsfreiheit. Wir können, scheint's, auch anders wählen, wer weiß, obwohl tiefere Einsicht uns sagt, daß wir imgrunde gar keine Wahl haben, daß uns alles von Anfang an und für jedes Detail eingegeben ist.

Nur unser Wissen ist begrenzt. Wir wissen also nicht, wie es um uns bestellt ist. Und wir sollen es nicht wissen. Darum steht der Gott vom Sinai mit den Wissenden und Weisen auf Kriegsfuß, obwohl er die Menschen ständig ermahnt, sich in der Erkenntnis Gottes zu üben. Darum führt er Krieg gegen Amaleq von Kind zu Kindeskind.

Der Verrat hat in der deutschen Sprache eine mehrfache Bedeutung. Ich lasse jemanden im Stich, liefere ihn seinen Feinden aus, ich verrate ein Geheimnis, was ja auch eine Erkenntnis liefern kann, Erkenntnis im wohlgefälligen Sinne.

Maßstab ist der Schaden, den ich dem Verratenen damit zufüge. Maßstab ist der Nutzen, den der Verrat zeitigt. Nutzen und Schaden sind nah beieinander. Was dem einen nützt, schadet dem andern, so gilt es zwischen Feinden.

Der Agent des Feindes übt eigentlich keinen Verrat, wenn er seinen Feind seinen Freunden, also den Feinden seines Feindes ausliefert. Der Verrat ist relativ, solange man nicht weiß, mit wem wir es zu tun haben.

Der eigene Sohn übt keinen Verrat, wenn er sowieso dein Feind ist. Du hattest dich vielleicht nur in ihm getäuscht. Blutsverwandtschaft schützt nicht vor Feindschaft, sondern ist eine ihrer besten Voraussetzungen.

Alles Für und Wider kommt aus demselben Nest. Erbfeindschaften sind Verwandtschaften. Freunde sind gewöhnlich Fremde. Je tiefer du wurzelst und verwandter du den Menschen bist, desto mehr Feinde warten auf dich. Die Zahl deiner Feinde zeigt dir an, ob du Jahrhunderte oder Jahrtausende alt oder noch jung bist. Je weiter du schaust, um so mehr Feindschaften kannst du dir abzählen. Es tut deinen Freundschaften nicht gut, mehr zu wissen als sie.

Avram ging mit seiner Familie um, wie ein Vater mit seinen Kindern und Kindeskindern eben umgeht. Wohlwollend, behutsam, gelehrsam, und er wußte, daß er mehr von ihnen als sie von ihm lernen würden. In vielen von ihnen war bereits in jungen Jahren das Leben beschlossen.

Amaleq sagte eines Tages, Vater, du hättest aus deinen Söhnen Könige machen können. Avram antwortete, Könige kann man nicht machen. Könige werden geboren.

Gott wollte sie als Verräter und nicht als Könige. Als Könige wären sie ein Unglück gewesen, als amaleqitisches Unglück aber waren sie ihm gut geraten. Auch Verräter werden geboren. Avram wußte, wer mich verrät, wird jeden anderen auch verraten.

Der geborene König kann nicht schuldig werden. Der geborene Verräter lebt in der ihm vorbestimmten Emanation. Er kann nicht anders, er hat keine Wahl. Also ist auch er unschuldig.

Das war ein transzendentales Urteil, ein Spruch des Todes, eine Nachricht aus dem Jenseits. Das Leben spielte nach anderen Regeln, hier hattest du Farbe zu bekennen, Position zu beziehen.

Avram konnte nicht abwarten, nicht sich heraushalten aus den Kämpfen in dieser Welt. Hier war sein Ort und sein Platz. Das Schicksal Avrams war ein unzweideutiger Auftrag, und es lag in ihm eine Verheißung. Ihr sollte er folgen. Das Versprechen von Ur/Aor und Haran, die Gelobung des heiligen Bodens, Avram hatte eine Zukunft, er hatte einen weiten Horizont vor sich. So sollte es sein.

Hier war Krieg der Vater der Dinge. Auf Erden regierte Gott als Herr der Geschichte. Wer nicht kämpfte, verdarb.

Seine Feinde waren Sohnesmuster, biblische Brüder, abstruse Ideen. Avram hielt sich zurück. Seine Kriegführung hieß Gegenoffensive, Vorwärtsverteidigung. Wer ihn nicht angriff, konnte in Frieden leben. Der Angreifer aber mußte mit dem Schlimmsten rechnen, denn Avram war von psychologischer List.

Er provozierte seine Feinde, lieferte ihnen Gründe für die Aggression. Avram war kein Unschuldsengel. Er wußte sich so, wie er war. In ihm war der Krieg, aber nicht um seinetwillen. Gott hatte ihn dafür ausersehen.

Die Welt war im Werden. Der Schöpfer hatte sein Werk nicht abgeschlossen, würde es wahrscheinlich niemals abschließen, weil er ein Herr der Ewigkeit und selber ewig war. Die Zukunft des Universums war ebenso offen, wie es beschlossen war. Alles in ihm ist und war und wird sein. Die Widersprüchlichkeit in diesen Überlegungen entspringt und entsprang dem menschlichen Denken, seinem eingegrenzten Gesetz.

Banik Friedenreich war ein Synonym des Amaleq. Jean Nerbe wollte sich messen, nahm die Sohnschaft nicht an und zerbrach.

Friedenreich tritt erst später auf, ist aber bereits aktiv. In jenen Jahren nach dem Sechtstagekrieg mobilisierte sich der Harlekin der Revolution. In sieben Jahren zerbrach er seine Diplomatenkarriere. Das Auswärtige Amt hatte es den randalierenden Revolutionären offenbar angetan. Eine, wie es schien, negative Auslese war aufgebrochen, um der Welt zu zeigen, daß der genetische Schaden Deutschlands schon wieder Früchte trug.

Nach weiteren sieben Jahren, in denen er die ganze Kakerlakennatur herausgelassen hatte, begegnete er endlich seinem Meister. Ein Vierteljahrhundert nach dem Karrieresturz, aber siebzehn Jahre nach dieser Begegnung, die gar keine Begegnung war. Banik schrieb eine Postkarte und steckte sie in den Briefkasten. So, und nur so, lernte Avram diese Wühlmaus und Schattennatur kennen.

Banik war ein seltsamer Mensch. So einen kannte Avram bisher nicht. Und er traute ihm nicht. Friedenreich war eine Ausgeburt der Nachkriegszeit, ein Mitläufer des Kriegsgewinns. Er wurde gefördert. Wahrscheinlich war er beliebt und intelligent, während seine Grenzen und Eigenheiten erst allmählich zutage traten. Er war eigentlich das, was man einen schlechten Menschen nennt. Er schwärzte seine Kollegen und politischen Nachbarn an, schlich sich bei solchen ein, von denen er sich Zustimmung versprach. Wer seine falschen Hoffnungen enttäuschte, machte sich zu Baniks Feind. Ben Joseph verteidigte sein Recht, und eines Tages sollte Avram ihm dazu verhelfen. Die feindlichen Brüder entdeckten sich in letzter Minute. Die geschilderten Antagonismen konnten nur hausgemacht sein. War alles plötzlich nicht mehr wahr?

Der Name Friedenreich war wie das ewige Flunkern dieses einerseits beschädigten, andererseits verwöhnten Menschen. Der Schaden war ihm eingeboren, nicht zugefügt. Der Schaden vermasselte ihm alles, seine Karriere, seinen Ruf, seinen Geist, seine Emotionen.

Banik Friedenreich trug einen Knacks mit sich herum, ein politisches Trauma, einen genetischen Knacks, wie man heute sagen würde. Also war Banik Friedenreich ein Kind und ein Bote Gottes, und Avram war dazu ausersehen, die Botschaft zu empfangen.

Er sollte sich mit dem Boten herumschlagen, sich mit ihm jahrelang abgeben, sich durch ihn von der Arbeit abhalten lassen. War es so gemeint? Oder steckte nicht Gott, sondern der Teufel dahinter, der mit seinem Unterteufel dem Avram einen permanenten Streich spielen sollte?

Hatte dieser Widersacher die Macht des Herrn unterlaufen, konterkariert, war er tatsächlich imstande, das Werk Gottes zu stören, oder konnte es gar nicht anders sein, als daß Banik der Kobold sein Spiel trieb unter den Augen Gottes, wie die Katze die Maus spielen läßt bis sie sie frißt?

Avram war nicht selbstgerecht genug, um derlei anzunehmen. Nein, für ihn war der Harlekin der Revolution eine Person der Zeitgeschichte. Banik hatte also seine Zeit wie andere Kobolde auch. Deutschland war seit den siebziger Jahren voll davon. Banik unterschied sich nicht sonderlich von anderen Wichtigtuern, die ihren Zeitgenossen das Leben schwer machten.

Während dieser Aufzeichnungen macht das Land gerade wieder eine Entrümpelung durch. Die Kobolde der Revolution sitzen seit zwei Jahren in der Regierung und tragen teuren Zwirn. Eine quasi kriminelle Bande hat die Macht im Lande übernommen, und das Volk nimmt es erst nach und nach zur Kenntnis, obwohl man es längst wissen kann, wenn man die Biografien der Politikriminellen kennt. Dieselben, die einen verdienten Staatsmann ohne weiteres aus dem Amt räumen konnten, indem sie ihn verleumderisch zu kriminalisierten suchten, haben mittlerweile das Interesse der Gerechten geweckt.

Damals in Flensburg zerstörte die Bande die Atomwirtschaft des Landes, um die Republik einer Diktatur auszuliefern, destabilierte und demolierte die Demokratie und läßt sich heute möglicherweise als Begründer demokratischer Freiheiten feiern. Sie nannten die Demokratie "Schweinesystem". So ein verruchtes Theater ist nur in Deutschland möglich. Die Deutschen werden immer erst durch Schaden etwas klüger, was beweist, daß sie nicht denken, sondern das Kind erst einmal in den Brunnen fallen lassen müssen, um wenigstens ein kleines Stück von der Welt zu verstehen. Ein Volk der Denker dächte voraus.

Davidone war ein Gott, ein Delphin, ein Vollkommener, der es mit allen aufnehmen konnte, dem Amaleq nachstrebte, als er noch nicht Amaleq war; zu dem er aufsah, der er sein wollte, ehe er Amaleq wurde oder als diesen sich offenbarte.

Davidone erfüllte nicht sein Gesetz.

Jeder Mensch hat eine Wirklichkeit und eine Idee von sich zu verteidigen. Was jeder ist, daß war auch Davidone. Was nicht jeder ist und nicht sein kann, das Besondere, der Delphin, der in jedem Gewässer sich verwandelte in den Gott Delphinos, den hat Davidone verraten. Den hat er vergessen.

Niemand schwamm wie er. Davidone, der Vollkommene der Flüsse und Seen, niemand schwamm wie er. Wasser war sein Element. Er hat es vergessen. Und er hatte Pferdeverstand. Er hat es vergessen. Amaleq schaute zu ihm auf. Er hat es vergessen. Er ist sich untreu geworden, hat mit Yedidah seine vier Söhne großgezogen und hat alles vergessen, das sein besonderes Gesetz gewesen.

Eines Tages sah Avram diesen Delphin in abgerissenen Kleidern und mit grauem Vollbart, erkannte seinen Sohn Davidone in ihm wieder und wußte, daß er es war, kein Doppelgänger, nein, er selbst war es, die verkörperte Idee von Davidone unter der Pudelmütze, einfach und wahr, doch unwiederholbar.

Da wollte Yair nicht mehr sein, der er war, nicht wie sein Bruder David. Als Gershom wandte er sich ab und wurde Amaleq, damit aber ein Feind Avrams, der die Herausforderung annehmen mußte, dem es schwierig wurde, seinen Sohn als Feind zu ergreifen, so daß er in sich hatte den Zwiespalt König Shauls, der Amaleq bekämpfen und besiegen, aber nicht ausrotten wollte mit Frauen und Kindern bis ans Ende der Zeiten.

Avram kannte nun Shauls Hemmung. Auch waren ihm die Züge zu der Zigeunerin nicht fremd. Avram hatte die Zigoyim im Blut und in den Genen. Er war Samuel verwandt und dennoch im Zweifel wie Shaul. Avram trug in sich den Amaleq und die Zigoyim, den Zauber der Frauen und ihre Wissenschaft. Es war ihm nichts fremd, was des Menschen Weisheit und die Erkenntnis von Gottes Schöpfung betraf. Er las dem Urunuk aus der Hand, die der ihm schon hochhielt wie Mosheh wider Amaleq, als es dem Volke schlecht ging nach dem Pesach, hochhielt, als er das Licht der Welt noch nicht erblickt hatte.

Der Leonide kündigte sich an vor seiner Zeit. Diesmal erwies sich die hochentwickelte Technik als hilfreich, denn so konnte Avram den Wink des Urunuk sehen und endlich auch verstehen, nachdem er die Handlinien aufgenommen und erkannt hatte. Die Zeichen waren das erhoffte und nicht erwartete Wunder.

Der Erzähler gibt wieder, was er begriffen zu haben glaubt. Er überzeichnet, was ihm berichtet worden ist. Avram neigte nicht zu Übertreibungen, weil er das Besondere schonen und schützen wollte. Insgeheim aber, so wird vermutet, staunte er über alles, was der Herr ihm bescherte. Der Leonide war die einstweilige Krönung seiner Lebensgeschichte, die an Enttäuschungen reich war und von Überraschungen so voll, daß er eine Metaphysik daraus erfand, um es überleben zu können.

Er war gesegnet, spürte er, und das war nicht gut, wenn man weiterleben wollte. Aus dieser Sackgasse mußte er wieder herauskommen. Er mußte sich befreien aus diesem Wahn, was Besonderes zu sein, was Außergewöhnliches und bedeutend für die Geschichte der ganzen Menschheit, so im kleinen, etwas wie eine Miniwelt, in der alles vorkam, was man aus der großen Welt bereits kannte.

Wenn er Gestalten, die er aus dem wirklichen Leben kannte, noch einmal begegnete, ebenso wirklich, aber weniger wahrscheinlich, so schloß sich vielleicht auch nur ein Kreis. Anders, als er sich die zyklischen Übergänge vorstellte, falls er es überhaupt tat, aber eben doch überraschend gut, metaphysisch gelungen.

Er fand auch seinen Spaß daran, Dinge zu entdecken, Erfahrungen zu machen, die ihm neu waren. Das Leben war ein Märchen, war wie ein Märchen, ein Epos, das erzählt werden wollte, so trug er seinem Nacherzähler auf, alles so aufzuschreiben, daß die Leser Spaß daran fänden.

Die Trilogie des Verrats ist eine Legende, die ihren Stoff aus dem wirklichen Leben zieht, aber im Unwirklichen und Phantastischen ihre Heimat weiß. Dort ist sie zuhause. Im Märchen für Erwachsene ist alles möglich, auch das Gegenteil von allem. Auch die Widersache wird hier abgehandelt, obwohl es nichts einbringt, die Wahrheit so oder so einpacken zu wollen. Die Widersache steckt in allem mit drin.

Der Delphin existierte in zwei Schichten. Anders: Davidone definierte sich in seiner delphinischen Schicht als tabuisiert und geschützt, unantastbar. Der vollkommene Schwimmer, der keinem Tier aus dem Weg gehen mußte.

Pferde veränderten ihr Verhalten, wenn er in ihre Nähe kam. Ein Dorf schrie auf, als der Fünfjährige den gefährlichen Kettenhund in die Arme nahm und mit ihm sprach. Er saß mit dem bissigen Tier an die Hütte gelehnt.

Im Zoologischen Garten griff er durchs Gitter und streichelte eine Gazelle. Das sensitive Wesen wurde in seiner Hand ganz ruhig. Da war er schon älter, vielleicht Anfang der Zwanzig.

Einen scharfen Polizeihund fütterte er mit warmen Kartoffeln, die die Hausfrau braten wollte. Von Stund an waren Davidone und Adu, ein sonst aggressives Tier, gute Freunde.

Adu rettete den vierjährigen Jungen aus dem See. Der Hund riß sich von der Leine und jagte ins Wasser, wo der Junge schon bis zum Halse drin stand. Adu schwamm hinter ihn und stupste und bellte, bis Davidone wieder an Land war, wo das weise Tier den waghalsigen Knaben laut ausschimpfte.

Einen springenden Fisch, der sich ins Trockene verirrte, fing er auf und warf ihn zurück ins Bassin.

Der Delphinische verläßt seine Welt und ist eines Tages nicht wiederzuerkennen. Nein, wieder anders: Davidone verließ seine delphinische Natur. Seitdem erscheint Delphinos in abgerissenen Kleidern, grau und vollbärtig, die Wollmütze über den Kopf gezogen, den Seelenverwandten.

Plötzlich steht er irgendwo in der Menge, wie er schon sich untergemischt hatte, als die armen chassidischen Juden mit ihren Familien in die Lager und an die Erschießungsgräben geführt wurden. Im jüdischen Weißrußland ging Davidone unter bei seinesgleichen. Er trug seinen Jüngsten auf dem Arm, als Elon noch nicht geboren war. Bildberichte lügen nicht. Gesichter kehren wieder.

In Berlin, der neuen Stadt Davids, war er fremd geworden, fremder als sein Bruder Amaleq, der sich fremd gemacht hatte aus unerfindlichen Gründen. Amaleq war auf der Suche nach seinem Bruder Davidone, den er als den Selbstverratenen wiederfand. Sie verstanden sich jetzt besser. Von dem Delphinischen hatte Amaleq kein Bild.

Die Trauer um den Verschollenen war bei Avram, dem Vater, auf den Grenzen des Geheimnisses, darin der wahre Davidone dem Avram erschien, von Zeit zu Zeit und in abgerissenen Kleidern.

Vielleicht war's der Unterschied zwischen den Brüdern, daß der Erste sich verlor, der Zweite sich nicht fand.

Noch ist nicht aller Tage Abend, beschloß Vater Avram, der aus dem shaolischen Zwiespalt niemals herauskam.

War der Erste sich untreu geworden, so verriet der Zweite den Vater. Was wog schwerer? Im Ersten freilich war auch der Zwiespalt Shaols, der Zwiespalt Avrams.

Amaleq war sein Bruder. Zwischen diesem und dem Vater fand der selbstverratene Davidone keinen Frieden.

Elon wurde wiedergeboren. Alle kamen ins Leben zurück. Belarus wurde zur Legende, und die Kinder lebten von neuem auf, und sie alle hatten einen Mangel. Die jüdische Intelligenz war ihnen abhanden gekommen. Wie Davidone sein delphinisches Herz verlor, so hatten die Wiedergeborenen ihre jüdische Seele verkauft, verschenkt, vertan. So war Elon nicht der ganze, sondern ein Stück von ihm, ein Stück von sich selbst.

Manchmal kamen dem Avram die Kinder vor wie Attrappen. Es fehlte ihnen, was in den Sümpfen Weißrußlands zurückgelassen wurde, werden mußte. Die russische Seele und die jüdische Seele und die kaukasische Intelligenz, die sich von weither wußte. Das fehlte ihnen allen.

Daß Urvater Hershl, als sein Vater und seine Mutter bei einem Pogrom erschlagen worden waren, in Panik das Dorf verließ und nach Preußen entschwand, ist ihm nicht zu verübeln. Daß sein Bruder Jakob nach Amerika auswanderte, ist nicht zu beanstanden. Die Zeit der Juden in Rußland war vorbei. Sie würde wiederkommen, gewiß, wie alles wiederkommt, was einmal war, aber fürs erste war's vorbei damit.

Urvaters Schuld liegt woanders. Er verließ nicht nur sein Dorf, er verließ seine Seele, seine Religion, die Lehre vom Sinai, die ließ er zurück. Einen Rest trug er im Gedächtnis. Was er erinnerte, gab er nicht weiter, er behielt es für sich. Karl war kein Zaddik, und sein Weib Zedekia ließ sich ihre Gerechtigkeit nicht anmerken. Nimmt man den Alten als armen Mann, der nicht wissen konnte, was er tat, als er den Chassiden aufgab, ist man auf dem Holzweg. Der Chassid mochte ein einfacher Mann sein, ein Verräter war er nicht, und wenn er vor den verkohlten Trümmern seiner Hütte stand, wenn er seine Mutter und seinen Vater begrub, wenn ihm die Zeit gar nicht blieb, sie zu begraben, Kadisch zu sagen, dann, ja, dann mußte Karl, durfte Hershl, konnte Karl an seinem Gotte zweifeln und ihm ein für allemal den Abschied geben. Wer das ihm angetan, ein Gott, der es zugelassen... Es war der Beweis, daß er schutzlos in dieser Welt stand, daß kein Jammern und Weinen, kein Fluchen und Zürnen ihm weiterhelfen würde. Er wanderte aus. Er wanderte aus allem aus, was sein Leben und seine Familie, seine Herkunft und die Geschichte der Familie begründet hatte. Er wanderte in eine Trostlosigkeit hinein, die ihresgleichen sucht, wenn der Beobachter gerecht sein will. Nicht Hashem hatte seinen Hershl und das Shtetl Kukawka verlassen. Die Brüder hatten Gott schon vor der Zeit verloren, vergessen, nicht mehr verstanden.

Hashem hatte ihre Sinne verwirrt. Dem Urvater war die Freude abhanden gekommen. Die chassidische Freude war nicht in ihm, als er nach Preußen kam und sich in Tasdorf niederließ. Dennoch kam er nicht mit leerem Herzen. Er hatte die Botschaft in sich, die gerettet werden, aber noch geheim bleiben mußte. Als die deutschen Mörder Kukawka heimsuchten, saß Karl Kukafka in seiner Stube in Oberschöneweide und beschützte das Haus, wenn die Bomben fielen.

Was er nicht wußte: daß Avram sich der Geschichte annahm.

Avram, an den Karl kein Wort gerichtet hatte. Von Hershl gar nicht zu reden.

Siehe auch:
kokhaviv press: Horst Lummert in kuckuck (kulikri)
Teil 1 der Trilogie des Verrats
Teil 3 der Trilogie des Verrats
Wer ist Gutz Gauch?

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