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Wo lassen Sie denken Où laissez-vous penser? Rent a brain...
Aus: HORST LUMMERT in kuckuck (kulikri) 1973 bis 2000 & unveröffentlichte Texte aus 40 Jahren Wüste. Die vielsandigen Vordenklichkeiten des Avram Kokhaviv. Mit grafischen Einlassungen von Gutz Gauch. Band 6
Im Anfang war der Verrat. Der Verrat war bei Gott, und Gott war der Verrat. Er säte die Zwietracht. Sie war sein Same. Das Wort.
Im Winter schaust du aufs Jahr zurück und findest, daß alles seine Ordnung hatte und dennoch fehlgeleitet erschien.
Befreiungsakte sind eine List des Schicksals. Avrams Erkenntnis war sein Geschick. Auch sie ist ein Akt der Befreiung.
Sein Leben war eine permanente Befreiung, ein Verlassen des Ortes, des Angestammten und Angeborenen. Was er Befreiung nannte, was er als Stufen der Emanation erlebte, das war denen, die er verließ: Er hatte uns im Stich gelassen, wir waren ihn endlich los.
Die ihn verrieten, waren die Schuldeintreiber des alten Ägypten, wo er Unerledigtes zurückgelassen hatte. Hießen sie Yair, Gershom oder Amaleq, die trugen ihm die Schulden nach, seine Schuld, von der er sich abgelöst zu haben wähnte, die so alt war, daß er sie nicht kannte.
Es war wie ein Wahn, sich ständig befreien zu müssen, je mehr er es tat, je öfter er sich davonmachte, herausschälte und dem Milieu entsprang, um so enger verstrickte er sich.
Lebens-Aphorismen lauten:
Halte dich fern, so du nahe bleiben willst.
Dem du zu entrinnen suchst, läufst du direkt in die Arme.
Die innere Widersprüchlichkeit der Lebensvorgänge war dem Chaldäer bewußt, seit er denken konnte. Liebe und Haß lagen so eng beieinander, daß er es nicht verstand, denn er konnte nicht hassen.
Avram, dem die Dialektik eingeboren und eingeschrieben war, bestand aus Liebe und Erkennenwollen. Er wollte verstehen und wußte, daß ohne Liebe ihm alles verschlossen blieb. Seine Einsichten sind der Beweis für die Unfähigkeit zu hassen.
Vielleicht war dies seine Schuld, die er abtragen mußte. Denn er sollte hassen, wie er lieben sollte, er sollte hassen Amaleq, aber er konnte es nicht.
Avram haßte den Verrat, nicht den Verräter. Die allgemeine Regel lautete: Man liebt den Verrat, verachtet und haßt den Verräter. Das unterschied Avram von den meisten Menschen.
Er brachte es nicht zuwege, seinen Sohn Amaleq zu verachten und zu töten. Avrams Schwäche war, daß er alles verstehen wollte, und er wollte Amaleq verstehen. Um ihn verstehen zu können, mußte er ihn lieben, denn Erkenntnis ohne Liebe ist wie Blindheit und Taubheit zusammen.
Dafür wurde er bestraft. Gott strafte ihn für diese Haßunfähigkeit. Er sollte hassen und kämpfen, und Avram kämpfte, aber nicht, um zu vernichten, sondern um der Erhellung willen. Avram bat Gott um die Erleuchtung seiner Feinde, auch um die Erleuchtung Amaleqs, während Gott ihm doch aufgetragen hatte, Amaleq zu bekämpfen, mit Stumpf und Stiel auszurotten. Das konnte er nicht. Das wollte er nicht. Was trug es ihm ein?
Es trug ihm den Haß derer ein, die er nicht hassen konnte.
Seinen Hassern in den Sattel helfen zu müssen, war Avrams Credo. Er glaubte, daß ihr Haß nur ein Symptom ihrer Schwäche wäre, nicht ein Zeichen der Gerechtigkeit Gottes. Deren Seelen er stärkte, die verrieten ihn später. Niemals würden sie ihm verzeihen, daß er sie erniedrigt hatte, indem er sie erhöhte.
War's der Grund, warum Gott seine Kinder aus dem Paradies vertrieb. Sie aßen vom Baume der Erkenntnis und wurden ohne Haß. Sie konnten nur noch lieben, weil sie alles verstanden. Aber sie sollten ihre Liebe nicht verschwenden, sollten unterscheiden zwischen dem Liebenswerten und dem Hassenswerten, dem Guten und dem Bösen.
Indem Avram die Unterscheidung in die wesentlichen Dinge verlegte, nicht auf ihre Träger übertrug, machte er sich gottgleich. Der Auftrag Gottes aber hieß ihn: kämpfe und vernichte meine Feinde, die Urfeinde meines Schöpfungswerks und der Geschichte des Heils.
Es gibt das Böse in der Welt, und du kannst es nicht ändern. Indem du versuchst, die Bösen zur Güte zu verleiten und zu erziehen, gerätst du in ihre Fänge, die du nicht rechtzeitig erkannt hast, obwohl du doch alles und jedes allsogleich zu erkennen glaubst.
Mir wurde berichtet, daß alles seine Ordnung hatte. Mir wurde auch berichtet, daß alles in Unordnung geriet. Die Geschichte spielt auf zwei Ebenen.
Die alten Aufzeichnungen sind verschwunden, teilweise gestohlen und verbrannt worden. Die legendären 100 Seiten gingen verloren. Mir ist aufgetragen, die Geschichte nachzuerzählen.
Die Legende ist stärker als das Ereignis, weil sie den Sinn und die Bedeutung des Geschehens mit den Tatsachen verwebt. Berichten, wie es war, das ist die Wiedergabe von Zeitungsmeldungen. Was zwischen den Zeilen geschah, aber nicht aufgeschrieben wurde, die Musik zwischen den Noten, das will ich erzählen.
Da ist der bunt gestreifte Gebetsschal, den die Raben bewachen, das Stück Weißbrot ist da und der schreiende Flügelschlag, der den halbwissenden Avram behütet.
Die Geschichte Avrams in seinen Irrtümern und Sicherheiten, sie will ich erzählen. Denn Israel war sein Lebensziel, das er niemals erreichte und darum sein Lebensziel blieb.
Avram war genetisch vorbestimmt wie alle Menschen, und in ihm war ein besonderer Weg. Avram war ein Entwurf, eine Bauskizze.
Die Dinge waren nicht so, daß sie der Phantasie aufhalfen. Es fehlte der Bauherr für den Palast, der König für den Bau des Schlosses zum Reich.
"Reich" paßte zu Avram so nicht und so nicht. Das Reich war der Hort und die Garantie des Reichtums. Von beidem war Avram weit entfernt.
Ausgeschlossen.
Wie das erschöpfte, geschlagene, ausgehungerte Pferd, das den schweren Karren bergauf ziehen mußte. Avram hatte Mühe, seine Bilder am Rande liegen zu lassen. In jedem Dreck lag eine Botschaft, und er war gekommen, sie zu empfangen.
Er sollte nicht wiederkehren. Nach 21 Jahren glaubte er dem Gebote nicht mehr folgen zu müssen.
Ein Sämann, der zurückkehrt, will ernten. Es war ihm nicht aufgetragen. Er hatte zu streuen und auszuteilen, das hat er getan. Ohne ihn laufen die Dinge jetzt besser.
Weichen stellen, die Zündschnur legen, das Faß anschlagen, die Lawine lostreten, alles seinem Lauf überlassen. Avrams Fehler war nicht die Wegweisung, sein Fehler war, daß er mitging. Wir werden sehen, was daraus geworden ist.
Der Initiator ist als Mitläufer fehl am Platze.
Israel war das Ziel, ein ideelles Ziel, das allzu ernst genommen wurde, weil Idee und Wirklichkeit eine Symbiose eingehen sollten. So war es gedacht. Wenn Gott lenkt, wollen wir ergründen, was er mit den Emigranten vorhatte. Wenn sie auf dem falschen Wege waren, warum hat er sie gehen lassen?
Erfahrung ist der Boden und der Grund menschlichen Wissens.
Israel war eine Vision, war ein Traum. Wenn es heißt, daß ein Traum in Erfüllung ging, versteht jedermann, daß ein Wunsch, eine starke Wunschvorstellung sich schließlich bewahrheitete. Der Traum ist eine Umschreibung. Niemand meint, er habe ein Erlebnis schon einmal im Traum erlebt.
Bei Avram war das anders. Er träumte Jahre vorweg, was er mit seiner Familie später in Israel erlebt.
Es träumte ihn vier Jahre zuvor Mister Altah aus Israel, die Finsternis, die mit der falschen oder nur zum Teil richtigen Entscheidung über das Volk kommt.
Der Himmel über Berlin verdunkelte sich, und über Israel Jahre darauf brach eine Finsternis herein, die die angekohlten Bäume und das Zeichen in der Rinde an der Hofjägerallee, wo der Blitz eingeschlagen hatte, mit dem Namen des Sterns oder seiner Benennung, Kokab, ein Verhängnis oder eine Verheißung einleitete und wahrmachte.
Der Spaziergang durch die polnische Stadt, wo er auf der Straße Geld einwechseln will, an der Straßenbahnhaltestelle, und hernach feststellt, daß er nur ein paar Scheine Ghettogeld in der Brieftasche hatte, der Rest waren Blätter aus Seidenpapier.
Jahre später wird er in Tel Aviv von einem Trickser um 700 Mark gebracht. Er hatte ihm in offener Handreichung, Avram zählte zweimal nach, zwischen zwei 100-Schekel-Scheinen acht 10-Schekel-Scheine in die Hand gedrückt. Er merkte es erst, als der Spuk vorbei war. Er zählte an der nächsten Straße nochmals nach und erkannte, was er bis heute nicht Betrug nennen will: es war ihm ein metaphysisches Erlebnis. Den Traum erinnerte er erst später wieder, als er in seinen Aufzeichnungen nachlas. Er hatte es vor vier Jahren aufgeschrieben.
Die verschwundene Tasche. Avram suchte und fand sie nicht wieder, dabei ständig das Gefühl, daß die Leute um ihn herum unter einer Decke steckten, daß sie mehr wußten, als sie sagen wollten, daß sie auf freundliche Art nicht sagten, was sie dachten. Sie führten ihn hinters Licht, und er verstand alles als eine Prüfung.
Gott wollte ihn prüfen, wollte seine Standhaftigkeit auf die Probe stellen. Gott versuchte seinen Avram, drückte ihn auf die Erde, wo er ihn und die heilige Familie in Säcken schlafen ließ. Sie wurden ausgelacht. Der Hohn ging an ihnen vorbei. Es traf sie keine Bosheit und keine Hinterlist. Sie waren nicht rein von Anbeginn, aber sie bestanden die Prüfung, möchte ich sagen.
Was war das doch für ein unsinniges Tun im Jahre 5748. Das heilige Land als das dem Avram gelobte öffnete sich nicht, die Menschen verstanden nicht, wer gekommen war, um nicht wieder fortzugehen, um zu bleiben. Wer dann doch das Land und die Menschen wieder verließ, um wiederzukommen. Doch das blieb ein Versprechen.
Und Avram blieb sich seiner sicher bis zum letzten Tag, zur letzten Stunde, als er den Kanten Brot auf die Steine legte für die Raben, den Zucker ins Meer schüttete, wo er alles Gerät für den täglichen Bedarf versenkte.
Gott werde es ihnen heimzahlen, dachte er. Und er wußte, daß er die Menschen im heiligen Land zu hoch geschätzt hatte. Sie hatten das Gewicht nicht, auch die Heiligen nicht.
Das Jahr war falsch gewählt, weil es falsch gewählt werden sollte. Es sollte dieses Jahr 1988 sein, und es sollte der 20.April des Jahres sein, an dem wir das heilige Land betraten, blind dafür und taub, wie wir waren. Unter dem Jahreszeichen des Amaleq waren wir im heiligen Land angekommen. Das war nicht geplant, blieb unbemerkt, aber es lag und geschah in der Bestimmung Gottes.
Die Tiere, die zu ihm kamen und ihn um Hilfe anflehten zur selben Zeit, als in China ein heiliger Stier vor seinem Schlachter auf die Knie fiel, bis Menschen sich seiner erbarmten und ihn auslösten.
Wie zu Yom Kipur die Gereinigten und Frommen sich vom Meer abwandten, an Avram vorüberzogen, ohne ihn zu erkennen. Ihre Ablehnung seiner Gegenwart war eine Prüfung auch für sie.
Amaleq trat in verschiedener Gestalt auf. Mister Altah aus Israel ist die Verhüllung einer Vorgeschichte. Mit ihr entschied sich, wer Anteil haben würde an den metaphysischen Ereignissen. Die Teilung der Familie stand diesmal nicht unterm roten Stern irdischer Belange, war nicht klassengeschichtlicher Natur.
Das himmlische Urerlebnis hatten Avram und Baraq auf dem Berg bei Jerusalem. Es ging ihnen der Sternenfrühling auf, während die Frauen in den Häusern wachten und Amaleq sich ängstigte. Er zitterte am Leib und in der Seele. In seiner unvollendeten Erkanntheit machte er einen Schritt nach vorn. Amaleq hatte einen Bruder. Indem der Verrat anwuchs, nahm die Zahl der Sympathisanten zu. Die Sammlung der Gottlosen, könnte man sagen, konstituierte sich gegen das Vorhaben Israel, gegen die Idee vom verheißenen Land. Mister Altah war der Schatten, der über allem lag. Denn Altah ist die Finsternis.
Avrams erste Zigeunernacht des christweltlichen Jahrs 1945 wurde erst später erinnert. Es gibt Marksteine im Leben, die unerkannt bleiben, und es kommen Momente, da auf einmal alles zusammenpaßt und sich in seiner ontischen Bedeutung offenbart. Der dir von Gott bestimmte Weg.
Eine Metaphysik der Überraschung macht aus der Geschichte ein mythisches Ereignis. Alles kommt zusammen und übersteht die Zeit.
Israel war uns das gelobte Land, da wir nicht bleiben, wo wir aber unsere transzendentalen Erlebnisse haben sollten. Odysseus sollte nicht wiederkommen, und Avram mußte das Gebot überhören, sollte es erfahren unter dem Zeichen Amaleqs im Jahre 88 des zwanzigsten Jahrhunderts christweltlicher Rechnung in der vollen Dichte des Sternenfrühlings, der sich im dreizehnten Jahr danach mit der Geburt Davids, des Löwen von Jerusalem, in seiner, durch ihn geheiligten Stadt, handgreiflich offenbaren sollte.
Davids verschiedentlich auftretende Wesenheit sammelt sich in dem Namen, der auch ein Name Gottes ist.
So ist David Bar Lin, seiner Urmutter Lina, die als die pulsierende Himmelswahrheit Shao-Lin wiederkehrt. In dieser Linie erfassen wir die fünfte Generation. Denn ohne die Ursprünge Avrams ist das Geschick des jungen Löwen, der am 13. Cheschvan das Licht erblickte und am 13. Tage beschnitten wird, so Gott will, nur zum Teil verständlich.
Lina, die Nächtigende, die sich in Pericliden auflöst, ein neues Sternbild am Himmel, das die Erde heimsuchen wird, die Leoniden, von denen Chanah sagte, sie seien der Sternenfrühling des León, sie gehören zusammen mit Arthur, Avram-Hosheas Vater, dem heiligen Geheimnis, dem geopferten Gedächtnis des Herrn.
Die Aliyah des Jahres 5748 und der Verbleib des Jahres 5749... Es war keine Wüstenwanderung. Es war die Erfüllung des Versprechens auf eine Weise, die Israel nicht als Endstation festhielt, sondern als den Beginn einer neuen Geschichte, eigentlich eines neuen Geschichtsverständnisses. Wie später mit der Geburt Leóns, so war mit dem 88er Exkurs eine Zäsur geschehen. Nichts war mehr, wie es vorher gewesen. Und Shao-Lin, die 88 noch wartete, erfaßte es im 13.Jahr nach Israel.
Israel 88 war unabdingbar, weil Baraq anders nicht der Mutter Davids begegnet wäre. Und die Entscheidung wurde ihm schwer gemacht, weil mit Shirley eine Melodie Gottes dazwischen trat, ein bereitender Faktor, der als Ahnung den bevorstehenden Sternenfrühling ankündigte. Die zwei Sternschnuppen am Himmel Amerikas, als Baraq in die Stadt Davids zurückkehrte, waren das Zeichen des kommenden Frühlings.
Avram verließ Haran mit 75. Zum Vater der leonidischen Menge wurde er mit dem 100sten Lebensjahr. Da vollzog sich der Schnitt. So steht es geschrieben. Die alte Form löste sich auf, eine neue Welt erbaute sich aus den Trümmern der alten. Sodom und Gomorrha waren Ende und Anfang.
Yitzchaq ward am 8. Tage, David León wird am 13. Tag beschnitten, wie Yishmael im 13. Jahr. So Gott will: Am Geburtstage Alonsos X., dem 23. November, soll es werden. Und es geschah.
Die Maya, deren Tochter Shao-Lin als die Mutter Davids bestimmt war, haben in ihrer großen Zählung das nach christweltlicher Rechnung 2012te Jahr als das der Zeitenwende festgehalten. Das 13. Jahr Davids, des jungen Löwen. Shirley ist das neue, das moderne Amerika, wie wir es kennen. Mit Shao-Lin aber und ihrem Sohn David León schlägt die Stunde der Maya. Und Baraq ist die Präzision, der Blitz, der es bewirkte.
Wenn Israel die heilige Familie anno 88 nicht von Herzen aufnahm, ja gar nicht erkannte, so benahm es sich nach dem Willen Gottes. Seine Vorbestimmungen waren dem Volke nicht erkennbar, nicht dem geordneten Israel und nicht diesen wilden Hebräern, die einem Wege folgten, den sie nicht kannten, von dem nur Avram wußte, daß es der richtige war. Ja, Avram glaubte nicht, er wußte, glaubte zu wissen, er hatte die Gewißheit, wußte sich in der Hand des Herrn.
Wer Avram im Alltag begegnete, ahnte gewiß nichts von dessen inneren und äußeren Verknüpfungen.
Avram war ein bescheidener und unauffälliger Mann. Er hatte das Talent, sich unsichtbar zu machen. Wie oft war er im Hassischen aufgetaucht, um dem Amaleq die Aufwartung zu machen. Amaleq ahnte nicht, was um ihn herum geschah.
Ahnungslos war bisweilen auch Avram. Gab er sich seiner Seele anheim, so konnte er in Versuchung geraten.
Die Raben schrien, sie riefen ihn und lockten, er ging ihnen in die Wildnis, von der er nicht wußte, ob sie ihm wohltat oder nicht.
Freundliche Menschen verdienten eher Verdacht als Dankbarkeit. Die Welt war nicht mehr in Ordnung, und die Dinge in ihr hatten es schwer, ihren Platz zu finden. So erging es Tieren und Menschen. Streunende Hunde bedeuten Unheil, während die herumlungernden Katzen den Raben glichen und ihrer Zugewandtheit.
Katzen zeigten eine göttliche Seele, die ihre Heimat Ägypten für eine Weile verlassen hatte. Wenn Bileams Esel sich in Erinnerung brachte, wußte er nicht, warum.
Vielleicht wußte er's doch.
Die Unsichtbarkeit Avrams war ein Element der Zeit. Solange er unsichtbar blieb, konnte er nicht erkannt werden, und so wurde er nicht erkannt.
Er wurde verkannt. Der Getarnte erschien wirkend und folgernd. Sein Geist zog durch die Ritzen und machte die Welt unruhig. Und er wurde nicht erkannt.
Israel war zu wichtig, als daß es den Israelis überlassen bleiben durfte, so, wie sie waren. Die große Zahl der Abtrünnigen war toranisch verdammt und wiederum gerettet, solange der Funke in ihnen nicht erlosch, der sie wieder entzünden konnte.
Was niemand wußte, was nur in der Sprache und der Schrift Gottes war, es blieb zwar gehütet, aber für welchen Tag, an dem es aufgehen sollte? Viel Ungewisses begleitete diese neuen Gewißheiten, die sich zeigten, wenn Avram unterwegs war, wenn er vordachte, was werden sollte. Viele junge Pferde rannten in der Herde herum, aber hatten sie denn auch ein Ziel, hatten sie den Kutscher und den Treiber schon erfaßt und hatte er sie als die erkannt, die sie waren?
So kostete er aus, was belanglos. Die Bereitung des jungen Leoparden war nicht in die Sinne Avrams und der Seinen gegeben. Die Bedingungen waren noch nicht erfüllt.
Die Blindheit der Sehenden, die Blindheit derer, denen Augen gegeben und der Verstand, zu begreifen, was vor ihnen lag, diese Blindheit mußte von Gott sein, so unüberwindlich kam sie mir vor, als ich mich erstmals daran machte, die Geschichten aufzuschreiben, wie sie mir überbracht worden waren.
Der Verlust von 5748 auf 5749 konnte nicht gutgemacht werden. Die 100 Seiten, diese legendären hundert Seiten waren verschwunden. Und sie brannten unter den Augen Avrams, der an ihnen und ihrem Brande sehend geworden ist.
Er hat es den Buben nicht vergessen, wußte jedoch, als es geschah, daß Gott es so gerichtet hatte, daß er, der geschlagene Avram, nichts dagegen tun konnte, daß er nichts tun sollte, um die brennenden Blätter zu retten. Dieser Brand war ihre Rettung, er mußte es nur erst verstehen, und er verstand, noch ehe das Feuer erlosch.
Israel ist der Schild und das Schwert der Torah, wenn ich das richtig verstehe. Und die Torah verliert ihren Sinn ohne Israel. Israel, du sollst die Torah wirklich machen.
Und sie raubten und brannten am Shabath und zur Jahreswende auf 749 die beschriebenen Blätter Avrams, und Gott ließ es zu um Avrams Prüfung willen, denn er sollte nicht den Mut verlieren, sollte nicht verzagen, sondern aus dem Verlust einen Gewinn ziehen, von dem jene Buben nichts wußten und nichts ahnten, denn sie waren nur seine Diener, deren Lebenssinn darin lag, dem Avram Schaden zuzufügen, aus dem er sehend werden wollte.
Morgens, dieser Mann, der dem Betäubten und Herumrirrenden von seiner Chalah abbrach. Das war der Opferkuchen, den Avram nicht vergaß. So begann ein neuer Tag, nein, der neue Tag, nicht irgendeiner, sondern der neue Tag des Avram. Sinnend pilgerte er zum Markt und versorgte sich mit allem, was ihm geraubt worden war. Nur die hundert Seiten und der Brief an Chanah waren verloren, für alle Zeit, so schien es, und es war doch nicht so. Alles kam anders. Und was begraben, das keimte auf, prächtiger, als es zuvor erschienen war.
Ein neues Zeitalter hatte begonnen, aber das verlief hinter den Dingen, mit denen Avram zunächst beschäftigt war. Er hatte nichts mehr zu verlieren, und was er nicht mehr zu verlieren hatte, war ja imgrunde nur das Äußerliche. Denn nichts war ihm verlorengegangen, das wert war vor Gott, erhalten zu bleiben. Gott hat es nicht zugelassen. Avram wurde zum Chasiden des Namens, nicht der Gemeinde. Es war ihm nicht aufgetragen, sich zuzugesellen. Es war ihm aufgetragen, aus der Herde auszuscheren, um seine Horde zu bilden, um zu sortieren nach Spreu und nach Weizen. Aussondern heißt es, nein: durchsondern hieß es.
Und der Verrat saß tief in Israel.
Die Gottlosigkeit in Israel sitzt wahrlich tief, und es ist nicht abzusehen, ob und wie es sich ändern kann. Die Wahrheit hat sich entmutigen lassen, und die von Gott Verlassenen wollen es mit den Lehrern und Weisen aufnehmen.
Sie meinen alle Religionen, das Christentum, zuerst den Islam. Ihre Feindschaft aber richtet sich gegen die Lehren der Torah und deren Getreue. Es gibt Getreue in Israel, doch der Verrat ist reich an Zahl, und die faulsten Maulwürfe Amaleqs bleiben fleißig beim Fraß an der heiligen Überlieferung.
Wenn die Hoffnung eine Torheit ist, so ist die Mutlosigkeit ein Werk des Satans. Dieser Feind heißt Amaleq, und er ist der schlimmste als einer unter uns. Amaleq ist der Feind, der uns angreift und jagt, wenn wir müde geworden sind. Amaleq der Verräter aber ist der Sohn und Bruder, ist der Nachbar, dein Kamerad im Hinterhalt. Ihn strafe Gott bis ans Ende der Tage.
Die Kashruth wird nicht beachtet. Eine fromme Minderheit hält sich daran, doch ohne Einfluß auf die große Zahl der von Gott Gestraften. Denn sie sind gestraft.
Die Legende Israels ist stärker als seine Wirklichkeit. Die Glaubwürdigkeit leidet, und du vertraust dem islamischen Fleischer in Israel und in Berlin mehr als dem jüdischen. Denn nicht alle sind gleich. Die innerjüdischen Unterschiede machen mißtrauisch. Was für den einen koscher, das ist es für den anderen noch lange nicht. Der Islam ist eine Religion der Gleichheit aller vor Allah. Daran könnte Israel scheitern. Daran wird Israel scheitern.
Wenn Israel untergeht, dann nicht durch seine Feinde, sondern weil es untreu war, weil es Gott und seine Getreuen verachtete und verhöhnte. Israel wird, wenn es stürzt, seine Seele an den Teufel verloren, verkauft und verschenkt haben an die politischen und metaphysischen Feinde Israels. Da hilft kein Ersatzkrieg in Deutschland gegen eine Handvoll dummer Jungens mit Kreuzen auf ihren Lederjacken und Glatzen.
Die brennende Hassan Bek Moschee hat standgehalten, weil die Jugend Allahs betet. Aber die zum Himmel aufragenden Synagogen werden nichts nützen, wenn eure Herzen zu Steinen wurden und der Verstand ohne Gott auszukommen wähnt.
Ihr habt schon einmal geglaubt, daß nur die andern gemeint gewesen seien. Ihr wart bereit, sie zu opfern dem schlimmsten eurer Feinde. Aber Gott hat euch mehr gestraft als jene.
Amaleq ist in euch und unter euch!
Die Familie Avrams und das Volk Abrahams gehen ineinander auf ums Grundsätzliche. Sie säen, doch sie ernten nicht, sie opfern und bringen sich in Verruf. Sie sind treu und müssen achten, daß sie nicht Verrat üben, wo sie nicht an Verrat denken. Der biblische Avram verließ seine Verwandten, sein Vaterhaus. Es wird auch erzählt, daß er mit seinem Vater brach. Aber ich denke, daß er den Vater verließ auf dessen Geheiß, denn der Name des Vaters Terekh bedeutet Weg.
Avram sollte sich auf den Weg machen, und das tat er. Er befolgte das Gesetz des Vaters und haderte nicht. Die Opferung Yitzchaqs ist ein Lehrstück, keine falsche Tat. Der Sohn wurde seinem Gotte dargebracht, als Lebender.
Eine schwere Frage, die in der Torah und im Quran nicht gewogen wird, ist Avrams Umgang mit seinem Erstgeborenen Ismael und dessen Mutter Hagar.
Es ereignet sich ein Verrat, der nicht mehr gutzumachen ist, und die Schrift vermittelt nirgendwo den Eindruck, daß der Makel ausgelöscht worden wäre.
Die Vertreibung Hagars und ihres Sohnes Ismael ist die metaphysische Begründung einer Feindschaft, die bis in unsere Zeit anhält und in diesem geschichtlichen Moment seinen akuten Höhepunkt erreicht. An Frieden ist nicht zu denken, wenn die grundsätzlichen Differenzen nicht aufgeklärt werden, und sie sind einige tausend Jahre alt.
Die Schwarze Sarah der Zigoyim und ihr Sohn Yishmael winken vom Wüstenhorizont herüber und mahnen zu Einkehr und gemeinsamer Erkenntnis. Die jüdische Torah zeigt kein genuines Interesse, die Vertreibung Ismaels zum Vorteil seines jüngeren Bruders Yitzchaq hervorzuheben, ist doch der Torah-Bericht die einzige Urkunde für diesen Verrat am Erstgeborenen Abrahams.
Der Quran bleibt in dieser Frage im Vagen. Abraham Ibrahim soll offensichtlich mit seiner Tat nicht belastet werden. So erfährt aber die muslimische Nachwelt nicht die wahren Umstände und Hintergründe des inzwischen Geschichte gewordenen Bruder-Zwists.
Darum sagt Avram, daß die Muslime gar nicht wüßten, wie recht sie haben. Erst mit Hilfe der Torah lernen sie sich auch in ihrer Klassenlage kennen.
Das ist wie abgedroschenes Vokabular, doch die Botschaft ist wahr und unverzichtbar. Alle Versuche, der Vergangenheit zu entrinnen, müssen scheitern, weil dies identisch wäre mit dem Verlust der Gegenwart und der Zukunft. Vor Gott und in ihm ist alles wie in einem Ei.
Warum ging die Familie nach Israel, da sie doch wissen konnte, da es doch in ihr war, wieder zurückkehren zu müssen, weil die Karten ganz anders gemischt, die Würfel nicht so gefallen waren, wie es 1988 noch aussah.
66 ging er nach Israel, 77 ging er von Flensburg nach Berlin, 88 ging er nach Israel. Nur Berlin hatte Bestand. Als ob der Name der Stadt das Geheimnis dieser unerkannten Verwicklungen in sich trug.
Avram versuchte, den Namen zu verstehen, ihn zu ergründen, und er traf seine Mutter Lina, die er als Hagar erkannt hatte, die Magd Avrams, die Magd der Sarah. Und Hagar war die Schwarze Sarah, die Mutter Yishmaels, der allen voranging, die vom Heile wußten, aber sie wußten nicht, daß Ismael es war, der die Idee der Erlösung in die Welt und unter die Menschen bringen sollte.
Und Avram stand zu Ismael und stand zu Israel, weil er wußte, daß Ismael die Bedingung Israels, Israel aber auch die Bedingung Ismaels war. Familiengeschichtlich war Ismael der Erstgeborene Abrahams von der Hagar, der Schwarzen Sarah der Zigoyim. Sie war Ägypten, war Kush und war Afrika.
Aber die Erkenntnis der Geschichte war bei Israel, dem Späteren. Was für uns gilt, ist die Überlieferung der Juden. Sie sind die Überbringer der Nachricht. Und die Nachricht gewann an Kraft und an Zuversicht, auch wenn es schließlich töricht war, durch die christliche Ausbreitung der Lehre vom Sinai.
Vieles war verborgen und verschleiert, aber die Sprache wurde heilig gesprochen und blieb dadurch erhalten. Die Schriften sind lesbar und lesbar geworden. Ihre Prüfung oblag dem Avram, der in Flensburg aus Israel dachte und schöpfte und in Israel die Erlösung nicht fand, weil er als Odysseus kam und nicht wiederkommen sollte.
Worüber er sich hinwegsetzte, war das unerkannte Geheimnis, das ihm verkündet war. Doch Avram war nicht nur sehend, er war auch blind. Nur so konnte er geschichtlich werden, und in seiner Blindheit wollte er es. Er war kein Gott und wollte sich ihm nicht gleich machen. Ein bißchen Hybris war in ihm, gleichwohl, doch nicht gegens Gesetz, sondern als Versuchung, das Gesetz großzügig auszulegen.
Die Geschichte an Avram erwies sich als der sprichwörtliche Umweg, den man vermeiden kann. Avram hatte die Einsicht aber abstrakt. Er wußte sie nicht anzuwenden. Er tappte im Ungewissen, wo die Gewißheit unerlöst in ihm war. In ihm war viel, und er wußte es, doch was er nicht wußte, war genug, um ihn irren zu machen. Nicht viel, nicht oft, nicht im Grundsätzlichen.
Wo er fehlte, da war das Unerwartete hereingebrochen. Die Metaphysik der Überraschungen hatte ihre dunkle Seite. Die Überraschung war, daß sie selten kam. Du sollst damit nicht spielen und nicht kokettieren. Merke es wohl!
Wo die Gottessuche in Versuchung ausartet, ist das Unheil schon nah. In vino veritas, und wie die Wahrheit ausschaut, überlaß den Göttern, denen es obliegt, für die Überraschungen zu sorgen. Ja, dem Himmel überlaß es, das Spiel mit den Karten und Würfeln.
Die Menschen waren freundlich und unfreundlich. Ich sage nicht, die einen waren es so, die anderen anders. Israelis, Juden, Araber. Aber die dem Gestrandeten halfen, waren die Feinde Israels.
Avram geriet zwischen die Fronten, blieb Israel treu und dem Gesetz und damit den Kindern Arabiens. Palästina war ein politischer Begriff, auch eine geschichtliche Reminiszenz. Avram dachte an Yehoshua und glaubte die Zeit zurückgedreht, wenn Israel den Islam, mithin seines Vaters Bruder Yishmael bekämpfte wie die Übertreter des Jordans die Völker, so Gott es ihnen aufgetragen hatte.
Gott war in Yishmael, und es war schwer, ihn in Israel zu finden. Er hatte sich dabei sicherlich etwas gedacht, aber die Zustände sprachen nicht für eine Begünstigung Israels, außer, daß Amerika auf seiner Seite stand, aber Rom konnte seine Karten neu mischen, dann war Palästina allein, was heute bedeutet: dann ist Israel allein. Es meldet sich ein zweites und eines drittes Rom.
Segen auf allem ist ein Segen, der Rätsel mitbringt.
Gott unterscheidet, wählt aus und spricht sein Urteil. Niemand ist sich des Spruches sicher. Wer glaubt, den Himmel für sich allein zu haben, ist ein Kindskopf und ein Betrüger. Jeder Mensch glaubt es. Und Gott hat es gefügt, daß jeder den ganzen Himmel für sich hat. Gnade und Barmherzigkeit sind gut ausgestattete Menschenfallen.
Die Enge Israels bedrückte ihn nicht. Avram war nicht allein. Sein Weib und seine Familie waren um ihn. Was ich aufschreiben soll, das kommt aus dem Reservoir Avrams, aus dem, was er aufgeschrieben hatte, was verschollen ist, geraubt wurde und verbrannt am heiligen Tag, das wird Gott nicht verzeihen, obwohl er es gewollt, geordnet, gestattet und bis zum Gelingen begleitet hatte.
Gott war dabei, als dem Avram das Leid zugefügt wurde, und er war dabei, als Avram sich aufraffte und an Gott nicht zweifelte, sondern seine Treue verdreifachte und versiebenfachte, denn die alten Versiegelungen waren in ihm und wirkten sich aus, wenn er gefordert war, und das war er in Israel.
Er fand den Stein der Weisheit und des Gesetzes, wie Gott es befahl. Gott hat es gerichtet, daß Avram ihn finden sollte, und Avram fand, und er änderte den Namen nicht.
Das hat ihn unterschieden von dem Urvater, der aus Aor kam und später aus Haran weiterging ins verheißene Land. Die Schrift stand auf der abgekehrten Seite. Das Tor und das Gericht, als er am Tor stand und der Wächter ihn nach der Zeit fragte. Als ob nicht die Frage die Zeitlosigkeit überhörte und übersah, welche dem heiligen Land und den Moscheen in ihm und im ganzen Orient eigneten.
Wo Gott sich aufhält, da ist die Zeit stille. Zeit ist seine Abwesenheit. Die Unruh mußt du wörtlich nehmen. Sie zersprang und Ruhe kehrte ein, als die Rotte sich verzog, der kleine Club der Verräter. Als die Gottlosen verschwanden, stand die Zeit still, denn der Herr war eingekehrt.
Wir konnten gehen, und wir gingen nicht. Wir sollten bleiben, doch wir blieben nicht. Was war geschehen?
Sie waren an Odysseus vorübergegangen. Sie hatten ihre Kinder vor der Wahrheit zurückgehalten. Und er würde es ihnen heimzahlen, war Avrams Gedanke. Avrams größte Sorge war seine Familie, das Amaleqitische in ihr, in ihren Genen, ihren Hintergedanken. Avram war nicht frei davon.
Es ging ihm auf wie ein Licht am Abend, daß er dazu beigetragen hatte, daß ihr Verrat auch der seine war, daß er nicht wieder gutmachen konnte, was er den Seinen angetan.
Er sah und wußte sich auf dem Wege des Herrn, doch dieser Weg war nicht nur steinig, er war unbarmherzig gegen alle, die nicht mitgehen wollten, und es waren die meisten, denn sie verstanden nicht, was soeben geschah.
Ein Kokhaviv geht nicht mit den Toten. Es gibt Ausnahmen, doch Avram beachtete sie nicht. Er hörte auf die Stimme Gottes, und die hielt ihn zurück. Geh nicht, hatte er vernommen. Geh nicht.
Er stand zwischen der Heiligung Israels und der Heiligung Amaleqs. Er verriet nicht den einen und den anderen nicht. Er verlor und verwarf seine Schriften und gewann ein Gefühl, als ob seine Prophezeiungen erfüllt wurden schon vor der Zeit, denn sie griffen weit aus und begannen am selben Tag. Noch heute würde es sich bewahrheiten.
Er wollte es aufhalten, wie Bileam setzte er seine Worte nach dem Willen Gottes und nicht nach Baladans Befehl. Baladans Kralle ergriff den Himmel und ließ ihn nicht wieder los, wie Jakob vom heiligen Streiter nicht abließ, bis dieser ihn segnete und mit dem Namen Israel seiner Bestimmung übergab.
Avram wollte nicht, was er sagte, und sagte nicht, was in ihm war als Wille und Gefühl, als ein Wink der Liebe und der Zuneigung. Nein, es mußte geschehen, weil Gott es so wollte, und Avram war sein Knecht, sein Hufschmied vom Großvater her, dem Namensleiter der Kokhavim. Yishmael hatte er sein Projekt genannt, und der Name Yishmael stand im Buch auf der Seite, die gerade aufzuschlagen war.
Was von den Maya ausging, konnte er nicht sofort verstehen. Was ihm als ein verletzender Verrat erscheinen mußte, begründete die Treue von neuem.
Die Wiederkehr hatte Avram vorausgesagt, nun, da er sie erlebte, scheute er anfangs wie das Pferd vor der Hecke, die es noch nicht kennt.
Ein Sprung über die Mauer ging ins Wasser, in den Teich, Pferde begleiteten Avram sein Leben lang, er wußte es, maß dem aber erst spät eine Bedeutung zu.
Eines mit verklebten Augen an einer Grenzschranke.
Ich habe erwähnt, was er in Israel erlebte und nicht begreifen wollte, weil es ein böses Omen zu sein schien.
Immer wieder mußte Avram lernen, sich den Schachzügen Gottes anzupassen, sie nachzuvollziehen, sie zu erkennen. Es fiel ihm nicht jedesmal leicht. Die Überraschungen nahmen Formen an, die sich mit der Zeit eher vergröberten. Was machte er falsch?
Avram meinte es kosmosgerecht mit allem, was er dachte und tat. Was er empfand, sollte nicht gegen das Gesetz verstoßen. Aber war er seiner Konstitution nach nicht auf Widerspruch geeicht?
Lockte Gott seinen Widerspruch und womöglich seinen Frevel, wenn er Avrams Ergebenheit nicht belohnte, nicht beachtete, nicht honorierte?
Der bescheidene Avram genügte sich in dem, was er tat und mit Freuden tat. Er wußte, was er tat, wußte, daß es getan werden mußte.
Was er an bösem Lohn einstecken mußte, überstieg freilich alles, was an seelischen und geistigen Verletzungen zugefügt werden durfte.
Wenn es eine permanente Strafe war, was hatte Avram abzuzahlen und abzuarbeiten wie Sisyphos, der zu keinem befriedigenden Ergebnis kam?
Er beruhigte sich damit, daß es Prüfungen waren; daß er sein Leben lang einer göttlichen oder schicksalsstimmigen Prüfung unterzogen wurde.
Was hatte er getan, dafür er gestraft wurde? Wer war dieser Avram, daß eine Prüfung der anderen folgte?
Einem Schlag der nächste. Stiche. Stiche, nicht Schläge, sondern Stiche. Schläge steckten andere für ihn ein.
Er war gemeint, sie wurden geschlagen, es beunruhigte ihn. Jener Rabh, der mit dem Klappmesser auf ihn einstach, erschien ihm als der erste Bote des Herrn. Die Frau aber trug den Diamanten davon.
Avram gab nicht nach, versuchte zu verstehen und verstand oft sehr schnell. Nicht alles, was er verstand, konnte er sich auch erklären. Er konnte nicht begreifen, daß alles überhaupt sein mußte, was er verstand.
Der Aufwand an Schöpferkraft für den vielen Unsinn, das unglaublich Böse und Verruchte im Wortsinn, nämlich als dem Geist Gottes zuwider, erschien ihm hoch, zu hoch.
Wenn Gott das wollte, dann mußte er auch den historischen Umschlag wollen, das Von-oben-nach-unten, Von-unten-nach-oben. Dann stand uns noch bevor, was viele Menschen als bereits geschehen betrachteten, um sich selbst genügen zu können. Dann war "Auschwitz" tatsächlich nur ein Anfang.
Der universelle Zirkelschluß brachte das Schlummerstündchen nicht, sondern den Aufbruch der Gräber, den Aufstand der Verschollenen, die Wiederkehr der Vergessenen. Und sie kamen nicht mit leeren Händen.
Jeder hatte alte Rechnungen zu begleichen. Mit der Wiederkunft verband sich viel vergebene Dummheit. Die wiederkamen, waren nicht besser, sie machten ihre alten Anfänge noch einmal.
Wer noch einmal anfangen mußte, hatte alte Schulden zu begleichen. Ein Strafantritt. Eine Horrorgeschichte kam auf die Menschheit zu, die ihr immanente Horrorgeschichte. Unter Erlösung hatten sich die Unerlösten etwas anderes vorgestellt.
Diese Zeit aber war die böseste zu nennen, weil sie zwar unwissend, aber auch wissend war. Ihre Unwissenheit betraf die Zukunft, aber was sie taten und zu verantworten hatten, das taten sie nach bestem Wissen und Gewissen, obwohl es Gott ihnen nicht aufgetragen hatte.
Denn was sie taten, wußten sie zwar, doch ihr Gewissen war eine Schlangengrube.
Wenn diese Zeit ihre Richter findet, geht es zu Ende mit ihr. Und Israel hat sich nicht bewährt.
Die Schuldfrage ist eigentlich eine christliche Frage. Wer Schuld eingesteht, begeht Selbstmord.
Yom Kipur war der Selbstreinigungsversuch 748, und er mißlang, weil die Reuigen den Avram nicht erkannten. Er wußte, daß sie an ihm vorübergehen würden wie an jenem zerlumpten Messias, der in Chaiphah die Straße säumte. Israel zeigte sich blind und taub, wenn es vor der Frage stand, ob der Herr es abermals aufrufen werde, so die Schrift es vorsieht.
Der Messias lag verstaubt am Bretterzaun und schlief seine Zeit ab. Noch war es zu früh. Später begegnete Avram ihm in Jerusalem, als er den Shophar blies.
Der verkommene, von der Sonne verbrannte und in Lappen gehüllte Messias entdeckte sich als David oder Sohn Davids, König von Israel.
Rief er ihn an, war er es selbst? Die Identität war unübersehbar und lächerlich, dabei heilig bis an den letzten Faden seiner Verkleidung. Nackt lag er in der Sonne am Dolphinarium und wedelte mit seiner Wolldecke.
Dieser Irre hatte sein Mandat angenommen. Niemand verstand den Ernst des geschichtlichen Augenblicks wie dieser elende Messias.
Er lebte sein christliches Messias-Verständnis, gefiel sich in der Wiederkehr Jesu, der abermals nicht angenommen wurde. Dieser Mann war Jesus von Nazareth, und alle lachten eher, als daß sie ihn ernst nahmen, wie vor zweitausend Jahren.
Avram sah in ihm den alten Verräter, der von seinem Verrat nichts wußte. Oder irrte Avram, indem er Maß nahm an den Lehren der Väter? Verriet er nicht den Sohn. Gab er seinen Sohn nicht preis? Er gab ihn preis, sagte sich los von jenem, der sich losgesagt hatte.
Israel war heiliger Boden, du spürst es auf Schritt und Tritt. Die politische Banalisierung des Gelobten Landes war aber die Heiligung selbst. Wie die Entheiligung der Schriften ihre Botschaft retten, sie in verständliche Worte übersetzen sollte, so hatte das profane Israel seine heiligen Aufgaben zu erfüllen. Und Israel erkannte es nur zu einem Teil.
Jesus war nicht Yishmael. Yishmael hatte sich nicht losgesagt, war nicht untreu geworden, er wurde das Opfer einer Untreue, die die Schrift zwar überliefert, aber nicht wirklich erklärt und aufgeklärt hatte.
Der dreckige Messias am Straßenrand war nicht Ismael, und Yishmael träumte nicht dahin, sondern hatte den Kampf aufgenommen. So war die militärische Lage im Jahr 748 auf 749, dem christweltlichen 1988. Dem Jahr des Drachen.
Es war noch zu früh, an eine Entscheidung zu denken. Jeder vertrat und verteidigte die Position, die ihm gerade am nächsten war. Du läßt deine Freunde nicht im Stich, auch wenn du ihre Politik ablehnst oder verurteilst, und du läufst nicht zur Gegenseite über, selbst wenn du deren Konzept eher als das eigene unterschreiben würdest. Das tun nur Verräter.
Israel war Avrams irdische, geistige, transzendentale Heimat. Du hast geistige Wurzeln, die sich nicht kappen lassen, du wolltest denn zugrunde gehen.
Der Krieg als Vater der Dinge sollte von Gott entschieden werden, dem Herrn der Geschichte und des Krieges. Gott war der Großvater des Krieges, konnte man sagen, und so verstand sich Avram in seinem Gotte, erkannte er sich in ihm wieder.
Sollte Israel sich aber mit den Feinden des Islam verbünden, so stand die Welt in einer neuen Konstellation. Dann stand nämlich Rußland vor der Tür, und Amerika würde zu bereuen haben, daß es sich seinen Pflichten und Chancen soeben entzog.
Zum andern eröffneten sich Horizonte und Spielszenarien, die allerlei Abwechslung versprachen.
Noch war Israel nicht verloren. Es konnte den Großmachtinteressen immer noch - so oder so - eingeordnet werden. Israel in der Verbindung Ungarn, Rußland, Indien wäre nicht gerade sinaitisch konsequent, dafür strategisch um so interessanter.
Ein israelischer Seitenwechsel könnte den ashkenasischen Mythos retten. Die Mystik Mittelasiens und Osteuropas erhält ihre jüdischen Elemente zurück. Die Qabalah ist vor allem ihre eigene Idee.
Die Idee der Qabalah hat sie alle bereichert. Eine Wiederverewigung der Wahrheiten Gottes ist ohne die jüdischen Anteile bruchstückhaft und also unzureichend.
Das chasidische Judentum hat die Geschichte vergessen und ist um so drastischer daran erinnert worden, daß das Leben auch unerfreuliche Seiten hat, die zur Kenntnis genommen werden müssen. Die Erde ist nicht Judentum allein, und um das Salz der Erde zu sein oder zu werden, darf es nicht taub sein, muß es dazu tauglich werden. Die Schrift ist über den Zweifel erhaben, nur sie.
Das Gedächtnis des Patriarchats hat uns Hagar und ihren Sohn Ismael erhalten. Die Schwarze Sarah der Zigoyim setzte ihren Einzigen ein, und Yishmael ist Sand am Meer geworden, wie Gott es der Hagar versprach, doch ohne Torah wüßten wir es nicht.
Es geschah auch ohne sie, aber wissen konnten wir es nicht. Gottes Schöpfungswerk, sein Leiten und Lenken, kommt ohne Schrift aus. Wir aber sind ohne Schrift blind und taub und wissen nicht.
Die mündliche Überlieferung erhält und stärkt unser schriftloses Gedächtnis. Unser Vergessen ist ein Verdrängen dessen, was wir wissen, ins Geschriebene. Wir vertrauen den Büchern und vergessen sorglos, was wir vor der Schrift nicht vergessen durften, wenn wir den Faden nicht verlieren wollten, und das wollten wir nie.
Wir kannten den Zusammenhang, und auf dem Berge die Alten an den vom Himmel herab hängenden, wie Rettungsleinen zusammengeknoteten Lumpen, sie waren unsere nächsten Autoritäten.
Nicht jeder sagte was anderes, fast jeder sagte das gleiche, aber es galt, das gab uns Sicherheit, und die Welt war in Ordnung. Ihre Auflösung beginnt mit dem Schwinden des Wissens.
Die Selbstsicherheiten gehen verloren, wenn wir nicht mehr wissen, wer wir sind, woher wir kommen, was wir hier wollen, wohin es geht mit uns. Der Boden unter den Füßen wankt zuerst durch unsere Sinne und Gedanken. Was in unseren Träumen kaputt geht, geht bald auch wirklich kaputt. Prophetische Träume bleiben meist unerkannt. Der Mensch traut auch seinen Träumen nicht mehr. Der Schöpfungszusammenhang ist uns fremd in Wort und Sache geworden.
Die Schrift war uns also um unserer Erkenntnis willen gegeben. Gott wollte, daß wir ihn und sein Werk verstünden. So schloß er seinen Bund mit uns, und wir glauben daran, weil wir wissen, daß es gut für uns ist. Alle Schrift, die er uns gab von Anfang an, ist sein Geschenk, eine Qabalah an uns.
Avram beachtete jedes Zeichen, jeden Traum, jede Begegnung. Wenn der Himmel Grüße sandte, so kamen sie bei Avram sicher an. Avram merkte auf, bis ihm die Augen zufielen, um zu träumen. Daniel verstand wenig gegen Avram, doch Avram war mehr als bescheiden.
Avram wurde gejagt, und er ließ sich jagen. Er hatte Freude an dem Spiel, weil er den Ausgang kannte, während seine Gegner blind dabei blieben. Auf jeden Spaß und jedes Wagnis konnte er sich einlassen, weil er sich in einem von allen unterschied: er kannte keine Angst.
Furcht war ihm nicht fremd, aber Angst kannte er nicht. Angst bezog sich auf das Bestehen vor metaphysischen Ereignissen und Erlebnissen. Avram glaubte sich für sie bestimmt und sie für ihn als eine Reihe von Prüfungen, die er bestehen mußte. Und darauf bestand er.
Israel wurde zum seelischen Feuerbad dem Avram, doch Avram war dem Lande Israel aufs dicke Fell gerückt. Sie hatten, als er kam, eine lange Lehrzeit noch vor sich. Ein Dutzend Jahre später entschied die amerikanische Präsidentschaftswahl mehr über das heilige Land als die Intifada und die halb rechtgläubige, halb schlitzohrige Politik des Militärstrategen Ehud Baraq, der den Namen des Baraq Kokhaviv nur zufällig trug, und solche Zufälle sind von Gott. Kein Aber.
Chanahs Traum vom kaukasischen Café in Jerusalem brachte die Teile zusammen. Sie sah als erste die Räume von innen. Sie hatten Stil und galten den Gästen als angenehm. Die aparten Wassergläser wurden zum Kaffee gereicht, und alles konnte nun gut werden.
So gab es die Stadt Davids zweimal in der Welt und in den Gedanken der Kokhavim, von denen Jerusalem noch nichts wußte und Berlin nicht einmal träumte, denn mit Chanah war die heilige Stadt, die träumte und geträumt wurde.
Die heilige Jerusalem verschwamm mit der realen Stadt, die Avram als Häßliche und als Schönste kannte. Es lag in ihm, ob sie das eine oder das andere sein sollte. Ohne den Glauben an die Schönheit Jerusalems war Jerusalem nicht schön, sondern häßlich. Es gibt schöne Städte, die nach den Maßen der Ästhetik ihren Ruf sich erworben und erhalten haben. Ob man sich wohl darin fühlt, ist nicht wichtig, Schönheit kann kalt und abweisend sein. Das heilige Land verbirgt uns etwas, das die Heiligkeit bedingt.
Avram erlebte das schönste und heiligste Jerusalem, erlebte sie als schönste der Frauen im Sommer des christweltlichen Jahrs 1966. Die Sonne ging auf über den Rändern der alten Stadt, und er saß am Rollsteingrab der Herodesfamilie auf westlichem Boden.
Die antike Stadt gehörte damals noch zu Jordanien und war für Avram unerreichbar. Das machte sie heilig. Er kam nicht zur Mauer, das machte sie heilig, weil unerreichbar. Die alte Stadt war mit einem Tabu belegt. Juden durften sie nicht betreten. Das machte sie heilig für jeden Hebräer. Die Aussicht auf die heilige Stadt blieb unwiederbringlich. Was ist dagegen ein Jahr später die Möglichkeit, ihren Boden zu betreten?
Die Wirklichkeit zerfließt hinter den unvergessenen Farben und Konturen des himmlischen Jerusalem anno 66. 722. Die heiligen Augenblicke, morgens um vier oder nachts auf dem Hügel bei Shuebhah, als der Sternenfrühling sich auftat, im dreizehnten Jahr seit der Geburt Baraqs, der herabfuhr und die Stadt verwüstete.
Tags darauf zeigte sich der wahre Abhibh HaKokhabhim, der der Familie den Namen gab, zum ersten Mal über der Flensburger Förde. Der himmlische Frühling verbindet Flensburg mit Jerusalem, wölbte sich über Davidsland und Israel.
Shakhabh aber heißt liegen, sich legen, sich schlafen legen. Shakhabhah ist die Ausgießung, die Schicht. Shaqaph ist die Aussicht und die Einfassung mit Balken und Rahmen. Die Ordnung folgt der Freude auf dem Fuß. Sehen und Verstehen sind zwei Phasen der Erkenntnis.
Israel war Erleuchtung und Enttäuschung, war Nacht und war Tag, in diesem Vergleich. Avram kam davon nicht mehr los. An jedem Stein hing eine Erinnerung, die Palmen des heiligen Landes gingen ihm nicht aus dem Sinn. Die hinabsteigende Sonne am fernen Rand des Mittelmeers ließ die kleinen Ungeheuer der Küste für die Nacht frei. Was herumkroch, scheute das Sonnenlicht, und Avram verstand, daß Krebsleben sein Recht hatte wider die heiligen Kühe Ägyptens. Die Zeit traf die Unterscheidung, und wo Avram sich aufhielt, da spielte die Musik, wie es volkstümlich heißt.
Was weit sein sollte, wurde eng, und die Enge von 1966 fiel ab in Belgrad im Zug nach Piräus, auf dem Schiff nach Chaiphah (Haifa). Das Doppeljahr der Aliyah 748 auf 749 löste alle Fragen und schnürte die Leiber ein. Wer jetzt noch hoffen wollte, mußte Gottes Griff im Nacken spüren. Die Geschichte der Befreiung lief zeitverkehrt ab, oder die Freiheit war das, was soeben aufgegeben wurde. Doch Gott hatte es so gewollt, es konnte gar nicht anders sein.
Er entließ Avram in den Amazonas, überließ ihn seinem eingeborenen Geschick, so konnte es gut werden, denn die Bestimmung war unabänderlich. Gottes Fügungen liegen vor Zeugung und Geburt und danach. Die Zeit bilden wir uns ein, ohne die Einbildung können wir nicht leben. Leben heißt zeitigen. Das Zeitliche segnen: daß es vorbei damit ist. Was wir erleben, sind Zyklen.
Das Desaster von Israel war eine Offenbarung. Der Sternenfrühling brachte die Dinge in Ordnung. Avram denkt seither anders. Er schätzt seine Bestimmung neu ein. Einiges war auszusortieren. Avram war auf einem Weg mit zahlreichen Kreuzungen, Abwegen, Weggabelungen, so daß er sich immer wieder entscheiden mußte. Das Leben differenzierte sich in seinem Schicksal. Vieles sah nicht mehr so aus wie am Anfang.
Der Geschichtsbegriff schien mehr zu enthalten als Visionen zur Erhaltung der lebensnotwendigen Hoffnung. Es war wohl besser, nicht alles in Frage zu stellen, um es hernach doch wieder heranziehen zu müssen, weil alles komplizierter und auch einfacher war, als daß es ohne jene theoretischen Hilfsmittel begriffen werden konnte. Allerdings auch mißverstanden werden konnte. An jedem Scheideweg erlebt Avram neue Überraschungen, auf die sich seine Theorie von deren Metaphysik anwenden läßt.
Wie war es nur dazu gekommen? Die Familie sollte ein Zuhause haben, ein irdisches Zuhause unter einem Himmel, auf den Verlaß war.
Vielleicht war das Gelobte Land Israel ein Irrtum. Das Mißverständnis beruhte möglicherweise auf der Annahme, daß das Gelobte Land tatsächlich und nicht nur im übertragenen Sinne der schmale Küstenstreifen am östlichen Mittelmeer sein sollte.
Verglichen mit der Erde, war das Land Kanaan eine Winzigkeit, mit der der Mensch sich begnügen sollte. Angewandt auf Gottes universelle Schöpfung entsprach unser Planet der israelischen Winzigkeit im Universum. Wir sollten uns mit der Erde abfinden, uns mit ihr begnügen. Sie war das Gelobte Land.
Eine andere Überlegung gibt der Verheißung eine neue Tiefe oder die alte Tiefe zurück. Die Kanaaniter waren die Phönizier, die die ganze Welt von ihren Meeren her bereisten und durch Kenntnis beherrschten. Die phönizischen Seefahrer mochten einmal abgelöst werden, aber die Weltsicht der Phönizier war es, die den Hebräern als das Gelobte Land zu gelten hatte.
Das Besondere am Gelobten Land war eben, daß es gar kein Land war, sondern das Meer, worin es sich von anderen Ländern unterschied. Noahs Rettungsschiff diente nicht nur der Überwindung der Flut. Schiff und Flut sollten als Signal für die Zukunft gelten. Die Flut brachte den Menschen nicht nur Krankheit und Tod, nicht nur Finsternis und Verlust ihrer Länder. Die Flut verhieß ihnen neue Küsten und Kontinente, von denen sie nicht einmal etwas ahnten und ahnen konnten, weil sie in Fernen lagen, die erst jetzt übers neue Flutmeer erreicht werden konnten.
Die Wüstenwanderungen vor und nach dem Exodus kündigten an, was verstanden werden mußte; die Tiefe und Weite der Sandwüsten und der Meereswüsten. Yonah hatte nichts begriffen, als er die Vernichtung Ninives bei seinem Gott einforderte. Das Schiff und der Fisch waren seine Rettung und die Eröffnung neuer Weiten und Freiheiten, für die Yonah einfach zu beschränkt war. Das verheißene Land das Meer und jedes Land, das übers Meer zu erreichen war.
Die Fördestadt Flensburg und der Hafen von Chaiphah waren womöglich dem Ziel näher als das jahrelange Herumirren in der Steinwüste, spezifisch näher. In der Küstenstadt Husum begriff Avram sofort, daß sie nicht von Seefahrern oder Fischern, sondern von Landvolk gegründet worden war, das das Meer fürchtete und ihm daher den Rücken zukehrte. Husum ist so gebaut.
Die Friesen und Iren fürchteten das Meer nicht, sondern zogen hinaus, um nicht wiederzukommen. Avram kehrte immer wieder zurück, weil er das Zeug zum Seemann nicht hatte. Die See war ihm nicht eingeboren, in ihm lebte die Wüste des Kontinents.
Die Verheißung aber hatte er verstanden.
Das "Land Kanaan" meinte das "Meer der Phönizier". Die Einsicht brachte das "Land", brachte das Meer und seine Bedeutung näher. Avram hatte vielleicht nur nicht den Namen, um die Einsicht auch in die Tat umzusetzen.
Konnte er von der jungen Maya-Familie etwas erhoffen?
Die Umdeutung Yishmaels brachte Licht in diese Finsternis. Der Mutterschoß Gottes versprach die Rettung oder mußte gerettet werden. Amaleqah war zu lesen als Am Malkah, und das hieß: Mutter der Königin oder Königinmutter.
Die Mutter oder das Volk des Königs mochte ein Irrtum sein, ein Zeichen, das in die Irre führte und führen sollte. Melach ist das Salz und die Salzflut. Mlechah ist, aufs Land übertragen, die Salzung, die Unfruchtbarkeit, ist Salzland, unfruchtbares Land. Malach heißt sich auflösen, zerfließen, zergehen; gesalzen werden, Hamlachah heißt: mit Salzwasser gewaschen werden.
Melach ist die Salzflut, und Malach ist der Schiffer. Am Malach ist die Mutter des Schiffers. Am Malachim ist das Volk der Seefahrer. Amalach eine Umschreibung der Kanaaiter, der Phönizier, im weiteren Sinne auch der Malayen und Maya?
Malin ist eine Form von Lun. Lun ist Lin: übernachten, die Nacht zubringen, aber auch: murren, widerspenstig sein. Lun Malachim, das sind die nächtigenden, verbleibenden, eingekehrten Schiffer. Sie werden morgen wieder an Bord gehen.
Lon ist ihr Bote. Die Verhüllung des Lot ist die Nacht, die aber vorübergeht. Und Avram erinnerte sich des nächtlichen Anrufs: Sebhulon oder Sebholun. Und: den Siebenten achten (7.8.). Siebente Nachten ist aber Erew Shabath. Da wurde Leon geboren. Yrebh. Semach Sebhulun betzetekha. Freue dich deiner Ausfahrten, Sebhulon. Sebhuleon.
Er wohnte an der Küste Kanaans unter Philistern, Kanaanitern und wartete seine Zeit ab. Chaiphah konnte Sebhuluns Platz sein.
Wie Yishmael in die Sandwüste geschickt wurde mit seiner Mutter Hagar, so war dem Sebhulon das Meer bestimmt, "das Land Kanaans", die Weiden der Malachim. Das verheißene Weideland der Seefahrer war das Meer.
Das Salz der Erde wäre wie das Meer. Ihr sollt wie das Meer sein zwischen den Kontinenten. Das Meer war der eine Kontinent, nämlich das alles verbindende Element, denn das ist gemeint.
Indem diese Nacherzählung den Verrat als Strafe Gottes interpretiert, wird abermals die Elle weggelegt und nicht mehr gemessen, was gemessen und gewertet werden muß.
Denn es heißt, daß auch Avram unterscheiden mußte, daß sein Geist sich scheiden sollte vom Ungeist der andern, von dem, was er als im Ungeiste angetroffen. Hätte er seinen Sohn doch opfern müssen? Vielleicht Abhraham, Abhram aber konnte sich dazu nicht verstehen. Und das war sein Frevel, sein genetischer Schaden oder einfach nur ein Fehlgedanke.
Denn der Verrat, den er erlitt, der ihm widerfuhr, war aus solchem Fehlverhalten hervorgegangen. Dieser Haß hatte sich mit der Schwäche, nicht lieben zu können, gepaart.
Avram konnte nicht hassen, Amaleq aber konnte nicht lieben. Das unterschied die beiden, das machte sie zu Unvereinbarkeiten und Gegensätzen.
Daß Avram an ihnen achtlos vorübergegangen war, empfanden sie als die größte Schmach, die ihnen angetan werden konnte. Der Verächtliche erträgt die Verachtung nicht, er trägt sie seinen Verächtern nach.
Der Gleichheitsgedanke war keine Idee Gottes. Du solltest unterscheiden lernen, was unterschieden werden muß. So war das Geheimnis der Lehre. Die Konsequenz aus der Unterscheidung ist aber der Kampf.
Nun kämpfte Avram sein Leben lang, gab jedoch Ruhe, wenn seine Feinde Ruhe gaben, wenn er sie geschlagen oder überlistet hatte. Er war nicht auf Vernichtung der Feinde aus.
War das sein Fehler? Und wollte er nicht auf seine Weise vernichten, indem er die Haß- und Kriegsbedingungen einfach nur begriff? Vielleicht war es ja weise, aber hatte Gott nicht oft genug vor Augen geführt, daß er diese Art von Weisheit nicht mag?
Amaleq gab keine Ruhe, er würde nie Ruhe geben. Sobald Avram generös sich zeigte, mißverstand Amaleq es als ein Zeichen der Schwäche und stach noch einmal zu. So blieb Amaleq der Getriebene. Avram mußte sich zurückhalten, so wurde es gut. Amaleq knallte durch wie eine alte Sicherung.
Wenn Avram schoß, stiftete er Verwirrung. Er durfte also nur schießen, wenn er Verwirrung stiften wollte. Einige ließen sich von ihm verscheuchen, aber das waren keine Gegner, sondern Flüchtige und Verlierer, die keines weiteren Wortes gewürdigt werden mußten.
Tatsächlich brachte er mit seinen Attacken die Feinde durcheinander. Konfusion und Diffusion zeichnete sie aus. So lagen für ihn die Dinge noch am besten. Wenn aber die Konfusion sich organisierte, konnte es gefährlich für ihn werden.
Auch in Israel erntete er Beifall nur bei denen, die ihn nicht oder nur von seiner besseren Seite kannten. Trat er als Bittsteller auf, mußte er mit einer Niederlage rechnen, denn alle warteten förmlich darauf, ihm eine Bitte abschlagen zu dürfen. Zu oft und zu eindringlich hatte er sie gedemütigt.
Verrückt daran war, daß er es nicht wußte. Er erinnerte sich nicht, jemals einen Menschen gedemütigt zu haben. Es war auch nicht sein Tun, sondern sein Verhalten, durch das sich die Menschen gedemütigt fühlten, der Himmel wußte, warum.
Ja, der Himmel wußte, daß er sich nicht unterwarf, niemandem außer Gott unterwarf sich Avram, dafür mußte er büßen. Er erniedrigte sie, indem er sich ihnen nicht unterwarf.
Sie fühlten sich fortan unterworfen, weil er sich ihnen nicht unterworfen hatte. Er erkannte ihre Spielregeln nicht an, setzte sich und ihnen seine eigenen Gesetze, denen sie niemals genügen konnten, so daß sie verfielen vor diesem Gesetz.
In essentiellen Fragen machte er sich ihnen nicht einmal gleich. Das schmerzte sie aber unendlich. Nein, er gab sich nicht überheblich, er gab sich bescheiden, und er war es, spielte es niemandem vor.
Die Bescheidenheit Avrams, gepaart mit dem, was ihn von allen andern unterschied, machte aus ihm freilich ein Muster der Arroganz. Seine Arroganz war aber nicht das, was er ihnen vorführte, sondern wie sie ihn erlebten.
Sie erfuhren und erlebten ihn als einen unmöglichen Menschen, der niemanden an sich heran ließ und dennoch so tat, als wäre er einer von ihnen, was er ja auch war, doch sie glaubten ihm nicht.
Sie hatten ihn auserwählt, und er fühlte sich in dieser Haut durchaus nicht wohl. Doch wehe ihnen, sollten sie einmal die verborgenen Unterschiede nicht respektieren.
Sie lernten ihn als einen kennen, der ihnen täglich fremder werden konnte. Er sagte ihnen nicht, wenn sie fehlgetreten waren, so luden sie täglich mehr auf sich, ohne es zu wissen. Es zu wissen aber war der Maßstab.
Die Prüfung hieß: Urteile nach ihrer Einsicht. Das Maß aller Dinge ist die Erkenntnis Gottes. Sie waren überfordert. Nach Menschengesetz war Avram provozierend unerträglich, denn sie kannten ihn nicht.
Seine heimlichen Bewunderer nahmen an Zahl ab, sobald sie das Bewunderte zu spüren bekamen. Er war unbestechlich, auch mit den schönsten Worten nicht zu kaufen.
Avram war, wie er sein sollte, doch er lebte in Deutschland, und das war sein Unglück. Deutschland aber war ihm ein Schicksal, war ihm vorbestimmt, und er machte das Beste daraus.
Seine Hasser werden ihn tiefer hassen, wenn sie lesen, was über ihn geschrieben steht, wovon sie glauben müssen, daß er selbst es geschrieben oder eingeflüstert habe.
Amaleq lauerte überall, und Israel hatte achtzugeben, daß die Dinge nicht aus dem Ruder liefen, und sie taten es nicht, weil Gottes Segen auf ihnen war.
Oh, sie hatten eine prächtige Vision vom neuen Israel. Avram und David wollten eine Pferdezucht nach Israel zaubern. Alles sollte schön werden, und jeder sollte einbringen, was er konnte und liebte. Einen Pferde-Kibbutz.
Denn David hatte die Pferdezucht erlernt, er liebte die Pferde, und er hatte Verstand, was sie anging. Berlin wußte, daß wir nach Israel gehen würden, wo wir ein neues Leben beginnen wollten, noch einmal von vorn anfangen.
Und sein Bruder Yair, der schon seit vielen Jahren in Israel lebte, wollte mit Freunden und Bekannten seine israelischen Kontakte ins Werk setzen.
Davids Frau Yedidah kam vom Dorf, hatte Pferdeverstand wie ihr Mann, ein tüchtiges Weib, das jetzt endlich unter freiem Himmel und in freier Umgebung leben und etwas aufbauen wollte. Alle machten mit, alle waren dabei.
Chanah war für die Sprache zuständig, Yael sah als Pädagogin einen weiten Horizont vor sich. Die Kinder wuchsen heran und nun in eine Welt hinein, die die Ihre war. Doch da brach alles zusammen. Es war der Wurm im neuen Gebälk, und der Wurm hieß Verrat. Man darf es nicht glauben.
Der Verrat wurde als Kleinmut geboren und als tägliche Angst vor dem kommenden Tag. Während in David der messianische Gedanke plötzlich zu einem schwarzen Abgrund verkam, wohnte Yair in diesem Abgrund und zeigte nun endlich seine wahre Natur.
Mister Altah aus Israel, das war die finstere Botschaft, die unser Vorhaben von Anfang an überschattete. Gott hatte es nicht gewollt, das ist wahr, aber die uns im Stich ließen und zurückblieben, haben es nicht gewußt.
So wurde die Familie in zwei Teile geschnitten. An Israel schied sich alles, die Geister schieden sich, die Seelen, und es wurde ihnen auf die Stirn und in die Hand geritzt: Israel oder Amaleq.
So erhielt der Verrat auch in der Familie seinen vorbestimmten Namen. Die Karawane zog weiter, aber sie war kleiner geworden.
Ja, sie war geschrumpft und begann sich zu läutern, was wiederum Jahre brauchte, und sie zog weiter, ja, sie zieht weiter und hat allerlei am Straßenrand abgeladen und zurückgelassen.
Die Zukunft ist ungewiß, gewiß ist nur, daß der Verrat uns nicht mehr überraschen kann. Er hat einen Namen. Die Ausscheidung Amaleqs hat die Karawane befreit und aufgeheitert.
Die Aliyah 1988 war ein Läuterungsprozeß. Prüfung und Läuterung überleben die Aliyah. Avrams Karawane sollte durch Israel hindurchgehen und nicht verweilen.
Die Abfälle haben aufs Gesetz verwiesen. Diesmal war nicht Avram vom Vater abgefallen, Amaleq und sein Bruder fielen ab vom Vater Avram.
Amaleq hat nämlich einen Bruder, er hat auch Neffen und Angeheiratete, hat einen unbeschnittenen Sohn, der eine dunkle Nacht hinter sich bringen mußte.
Aber er hat nur einen Bruder im Blute und einen Bruder im Ungeist, der Übelsten einen.
Das Schlimmste ist der Verrat am heiligen Geist, an der eingegebenen Wahrheit, am Vertrauen des Vaters. Der Verrat an der Mutter läßt die Quelle versiegen, die Quelle der Tränen. Dieser Verrat ist das absolute Böse.
Und ich will es beim Namen nennen, will tun, was Avram sich versagte, weil er nicht freveln wollte am Gesetz der Väter. Doch Amaleq ist gerichtet.
Amaleq hatte seinen Bruder David und dessen Weib Yedidah in Yehudah fortgeschickt in die Wüste Negebh, wo sie ausgetrocknet wären wie Yishmael und Hagar, wenn Gott mit den Umständen nicht geholfen hätte.
Es wurde ihm gesagt, daß er nicht im selben Raum nächtigen dürfe mit seiner Schwägerin, so schickte er sie fort, statt ihnen Unterkunft zu gewähren bis zum Morgen und auf der Schwelle zu wachen.
Die beiden haben es vergessen und schützen Amaleq vor der Strafe Gottes für das Verbrechen am gemeinsamen Vater Avram.
So steht David auf der langen Liste derer, die aus dem Buch gestrichen werden, weil sie nicht entschieden, nicht heiß und nicht kalt, sondern windelweich und lau waren.
Yedidah erhob sich gegen Avram, ihren Schwiegervater, zugunsten Amaleqs, was Gott nicht verzeihen kann, nach allem, was gewesen.
Denn Yedidah wußte von Amaleq. Sie tat es nach seiner Enthüllung.
Und Shimyon wagte es, vor dem alten Avram den vergeßlichen David und Yedidah zu rechtfertigen, die dem Amaleq Unterschlupf gewährt hatten.
Und Gad-Gideon, dieser doppelte Ger, fragte nach den Regeln, die verletzt worden seien. Er sah die Hand nicht, die Amaleq erhob gegen seinen Vater Avram, der ihn nicht verbannte, weil er noch lernen wollte, was er falsch gemacht hatte, denn so fragte sich Avram jedesmal, wenn ihm ein Unrecht widerfuhr.
So blieben Ysov und Yaaqobh (Jayqobh), die zu Gott standen.
So trennten sich die gottlosen Amaleqiter von Avram und seinen Kindern. Avram schied sie aus, wie er alles ausgeschieden hatte, was dem Gesetz vom Sinai widersprach.
Man sah dem Avram die Rigorosität nicht an. Er war ein nachdenklicher und zugleich freundlicher Mensch. Im Lande Israel wurde er nicht erkannt. Die Blindheit der Menschen für Avram und seine Familie im heiligen Land war Gottes Wille, und Avram ahnte es bald.
Niemand half, und es sollte nicht geholfen werden. Sie mußten sich durchfinden und heiter bleiben. Auf ihren Gesichtern stand die Freude an den Büchern des Herrn.
Die Erlebnisse in dem Israel des Jahres 5748 auf 5749 erkannte Avram als Prüfungsaufgaben, die sorgsam beachtet werden mußten. Jede für sich bedeutete: hier liegt ein flimmernder oder bunter Stein, heb ihn auf oder laß ihn liegen, entscheide über die Zukunft Israels und deiner Kinder und Kindeskinder.
Und Avram entschied, sprach von einer Heimsuchung und wußte: über die Jahre würde es gut werden. Und Gott reinigte, was zu reinigen war, und schied das Böse vom Guten durch die Hand seines Träumers Avram, der schon so viel gesehen hatte, daß er die Bilder sortieren mußte, um ihren Sinn zu erblicken.
Wenn ihm die Augen aufgingen, kam er einen Schritt weiter.
Er hatte noch viele Nächte zu vollenden, zahllos die Schuppen von den Lidern zu waschen, bis der Tag graute. Die grobe Sortierung war leicht, die feinere war es oft nicht. Sein Weib liebte die strengen Konsequenzen nicht. Gott überließ ihnen Zeit und mit ihr ihnen eine gute Hilfe.
Der Kalender des Herrn war mit Geduld gepaart. Wo die Wunder nicht lange auf sich warten ließen, spannte der Solist gerade eine Saite.
Avram inspizierte die Sicherheitsmaßnahmen der israelischen Armee und der Küstenwache. Sie spielten Katz und Maus mit ihm, doch seither werden die akuten Gefahren wieder mit Ernst betrachtet.
Israel hatte sich vorübergehend in sich selbst verloren und vergessen. Das sollte nun wieder anders werden. Und Avram fügte dazu seine kleinen Aufmerksamkeiten.
Er ward zum Sohn der Nacht und wachte, wenn das Land schlief und sich sicher wiegte. Israel wußte und ahnte nicht, was es Avram verdankte in jenen Tagen und Nächten der allgemein gewordenen Blindheit, Taubheit und Gehirnparalyse.
Dabei hatte Avram eine Schwierigkeit auszutragen. Seine Ohren waren verschlossen in Israel und lösten sich, als sein Weib ihn verließ. Sie würden sich wiedersehen, bald, aber eine Sorge war er nun los. Und sie fehlte ihm von der ersten Stunde an.
Die brennenden Papiere am Shabath. Wie sollte das begriffen werden? Was verband sich damit? War die Jugend so verrottet, daß ihr nichts mehr heilig war, oder hatte alles einen tieferen Sinn?
Die Lehre vom Sinai und die Lehren aus Israel 5748 auf 5749 waren einander gleich in einem wesentlichen Punkt: Sie wurden nicht verstanden, sie sollten verstanden werden.
Die Anwesenheit Avrams änderte die Situation des Landes von Grund auf. Ein Zeuge war anwesend, ein unbestechlicher Zeuge, der alles prüfte, was ihm unter die Augen kam.
Avram glaubte daran. Er war bis in seine letzten Gewebefasern davon überzeugt, daß seine Anwesenheit vonnöten, daß er nicht bloß als Neueinwanderer umherirrte, sondern um sich schauen mußte, die feine Körnung des Sandes und die Lungenspitzen wie alles Feine und Grobe einer gewissenhaften Prüfung unterziehen.
Es war nicht gleichgültig, ob er in Jerusalem auftrat oder in Chaderah oder in Chaiphah oder in Akko (Ykv) oder in Berlin, wenn die Zeit Bethlechem vorsah oder Jericho.
Der Besuch in Kfar Etzion war von historischer Bedeutung, die nur niemand erkannte, darum mußte Israel leiden. Die Blindheit und Taubheit Israels lebte in Avram im besonderen auf, als seine Ohren sich verschlossen, um die Innensicht und das Innenlauschen nicht zu stören. Alles war von höchster Bedeutsamkeit und wurde nicht erkannt.
Der Trauerfall der Aliyah 5748 auf 5749 war unüberbietbar, denn Avram und die Familie blieben unerkannt, ja, sie wurden als eine Bedrohung empfunden.
Avram zog Feindseligkeiten auf sich, wie er sie nur aus Deutschland kannte, und er konnte sagen: aus dem gleichen Unverständnis. Die Menschen hatten Angst.
Avram ängstigte sie, was er nicht verstand. Er kam als Bote mit einer Nachricht, die niemand hören wollte, das aber schienen sie zu ahnen.
Avram wurde aus Israel vertrieben, förmlich und tatsächlich, dabei hatten viele geholfen, ihm das Leben erträglich zu machen. Sie waren bemüht um ihn.
Sein Weib meinte, die zahllosen Helfer würden "ihre Hände über uns halten, so daß Gott uns nicht mehr sehen" konnte. Sie hatte recht, gewiß hatte sie recht. Sie hatte oft recht, wenn ihr auch oft die Zuversicht fehlte.
Wenn sie mit Weintrauben, Brot und Käse plötzlich hinter einem Strauch hervorkam, erleuchtete die Welt für Avram in Israel wie anderswo. Ja, sie liebten sich, hatten sich immer geliebt, zerstritten und unzerstritten, sie liebten sich von Anfang an und bis ans Ende ihrer Tage.
Niemand kannte das Datum, aber Avram hatte ein Bild der Wüste im Herzen, da wollte er mit seinem Weib in weiße Laken gehüllt sich zum letzten Schlaf legen.
Er liebte diese Vorstellung, und sollte sie sich nicht verwirklichen lassen, weil Gott etwas anderes mit ihnen vorhatte, so wünschte sich Avram doch dieses Bild für das Buch des Lebens, falls ein Platz für ihn und sein Weib darin vorgesehen war. Es würde ihm gefallen, dies hier aufgeschrieben zu finden.
Was, um Himmels willen, war die israelische Wirklichkeit gegen diese Idee vom heiligen Vergehen im Negebh oder in Sinai. Yehudah behagte ihm weniger, Yehudah war überfüllt. Er wollte sich nicht mischen unter die Patriarchen. Er wollte jede Namensverwechslung vermeiden.
Er gefiel sich in der Rolle des anonymen Wanderers und Wachers. Er pilgerte inkognito und wurde für alles gehalten und für nichts. Es war erstaunlich, welche Irritation diese namenlose Familie in Israel hervorrief und welche Sicherheitsmaßnahmen in Gang gesetzt wurden, um dieser kleinen Karawane Einhalt zu gebieten und sie unter Kontrolle zu halten.
Die Kinder entlarvten Agenten der inneren Sicherheit. Die Komödie war nicht mehr zu überbieten, wenn die Armee schlief und ihren guten Ruf verlor, während Avram die Aufmerksamkeit des Staates Israel auf sich zog.
Ich will nicht übertreiben, und Avram würde sagen, alles sollte bitteschön ein Stück tiefer gehängt werden, dennoch war das Mißverhältnis zwischen dem Mandat und dem Unverständnis, auf das es traf, verheerend offensichtlich.
Israel brachte sich in Gefahr, indem es sich der Botschaft verschloß, die Avram mit sich herumschleppte, aber nicht loswurde, weil niemand damit etwas anzufangen wußte oder gewußt hätte.
Er kam so nahe an niemanden heran, obwohl er die Nähe sehr vieler Menschen in Israel längst gefunden hatte.
Er fand den einen Verwandten nicht im Geiste, auf den es aber angekommen wäre, den fand Avram nicht im ganzen Jahr, so kehrte er um und fing in Berlin von vorn wieder an. Mit Israel aber ging es in diesen Jahren abwärts.
Er würde es ihnen heimzahlen, so klang sein Versprechen, er hielt es nicht ein, bat Gott um die Erleuchtung Israels und seiner Feinde, denn alles sollte gut werden in Nahost, obwohl es nicht danach aussah.
Als es ernst wurde in den letzten Jahren des christweltlichen Jahrtausends, spannte er mit Baraq und den Frauen alle Tücher, um in Davidsland die Trommel zu schlagen zur Unterstützung Jerusalems und des heiligen Landes. Ribhqah sagte: Support Israel! Alert!
Avram erlebte das Mandat in einer mittleren Schicht seines Bewußtsein, obenauf war er realistisch und kritisch und gar nicht von sich eingenommen. Wer ihn nicht kannte, blickte da sowieso nicht durch, und wer kannte ihn schon. Selbst sein Weib kam mit vielem nicht klar, was von ihm ausging, und sie kannte ihn vielleicht noch am besten.
Er sprach mit Katzen und Raben, und die Familie übte sich in dieser Kunst der Erfahrung, denn es war eine seelische Bereicherung, in die alte Welt der Mythen einzutauchen.
Als ob die vorsinaitischen Götter wieder auflebten, und Avram sprach mit ihnen, was die Frauen und Kinder allerdings nicht wußten.
Avram fand sich dann in Dimensionen wieder, die es nicht mehr geben konnte und doch gab, denn er war auf einmal wie in ihnen zuhause.
Ein gefährliches Phänomen, über das er sich besser ausschwieg, weil es leicht zu Mißverständnissen führen konnte.
Dennoch half ihm diese Erfahrung mehr als eine Naselang im Denken voran. Avram dachte nicht nach, er dachte vor.
Avram dachte zurück nach dem Shtetl Kukawka in Belarus, zwischen Grodno und Minsk, im Distrikt Lida. Lida liegt heute genau in der Mitte oberhalb des Njemen, keine 50 Kilometer südlich der litauischen Grenze.
Kukawka war so klein, daß es auf keiner Karte zu finden ist in einer Gegend, wo es von jüdischen Shtetelen nur so wimmelte. Dort war sein Großvater aufgewachsen. In einer armen Familie, der man schon vor Jahrhunderten ihr bißchen Land weggenommen hatte.
Avram weiß nicht einmal den Namen seines Großvaters. Wie viele arme Juden, die Ende des 19. Jahrhunderts ihre Dörfer und Shtetl verließen, behielt er seinen alten Namen nicht bei, sondern nannte sich nach dem Ort seiner Herkunft Kukawka.
Die Schreibweise wandelte sich mit der Zeit durch die Übersetzungen aus dem Kyrillischen, auch hebräisch geschrieben, übers Polnische in die lateinische Schrift. In Deutschland änderte sich der Name zweimal, bis er dann nach preußischer Ordnung ein- für allemal festgelegt war.
So wurde aus Kukawka - Kukawska, Kukowka, Kukovsky, Kukhavsky, Kokhavsky, Kukabka: Kukafka, wobei es dann blieb. Avram, der sein eigener Rabh war, legte schließlich die hebräische Form fest. Er hieß fortan Kokhaviv.
Andere Namen kamen vor, so aus der Linie der Großmutter - Zitzky, Zizkie, Cickie, Sitzki, Zydskie, Jelonek (Hirschkind), Ankel (Wnuk). Der Name Hirschkind wurde in dieser Familie nie benutzt. Es waren arme Leute. Großvater hatte ein bißchen das Talmud-Schulheim besucht, das eigens für die Knaben armer Leute eingerichtet worden war. Rabh Abraham, der Gründer der Schule, ging später nach Amsterdam, wo er als berühmter Zaddik sein Leben beschloß.
Avrams Großvater nannte sich in Preußen Karl, Urgroßvater hieß nach dem russischen Zaren Ferdinand. Karl Kukafka hatte die Zelte hinter sich abgebrochen. Er hatte nicht viel zu verlieren, allenfalls seine Erinnerungen. Er hatte bei einem Schwarzschmied das Handwerk erlernt, das er in seine Gutsarbeit einbringen konnte.
Von Weißrußland über Polen, das es als Staat gar nicht gab, von Rußland nach Preußen schlug er sich von Gut zu Gut als Landarbeiter und Pferdeknecht durch. In Tasdorf arbeitete er zuletzt als Kutscher auf dem Gut bei Rüdersdorf. Auf den Heiratsdokumenten ist als Beruf Losmann bzw. Arbeiter angegeben. Er arbeitete also als Tagelöhner, nicht einmal sein Schmiedehandwerk war ihm auf den Papieren erhalten geblieben.
Käme er heute nach Tasdorf, er würde es nicht wiedererkennen und fliehend wieder verlassen. Aus dem Dorf ist ein Gewerbepark geworden. Auf den Friedhöfen sammeln Berliner Archäologen Menschenknochen ein, um sich irgendetwas zu beweisen.
Vielleicht hat sich Avrams Großmutter mittlerweile in ihre alten Knochenteile aufgegliedert, um der Wissenschaft an der Freien Universität als Fund aus dem Mittelalter zu dienen.
Avram würde es dieser gottlosen Grabwühlerei gönnen, daß sie sich in etwas verrennt, das ihr gar nicht geheuer sein kann.
Zedekia muß sich darum nicht beunruhigen, Gott schützt ihre Seele, und ihr Wnuk Avram kümmert sich um die Grobheiten einer so genannten Wissenschaft, die die Toten nicht ruhen läßt, sondern sie ausgräbt, um ihre Knochen zu zählen und in ihnen herumzuschnüffeln. Die Bodensammler sind gestraft.
Avram tut es auch für seinen Großvater Herschl aus Kukawka, der fortging, weil er glaubte, sich verändern zu müssen. Er war auf der Flucht. Zwischen Grodno und Lida und Velikije hätte er sich um das Grab seiner Frau nicht noch im Tode sorgen müssen. Er war auch aus seiner Lehre fortgegangen, seiner Lehre und seiner Religion.
Als Karl Kukafka endlich in Tasdorf ankam, endete sein altes Leben, und es begann ein neues. Sein Enkel Avram hatte es nicht leicht, den gründlichen Abfall seines Großvaters vom Njemen zu erklären.
Der Alte ging ja rechtzeitig fort, und er ging fort, weil Gott es so wollte, also hat Avram nichts zu erklären, sondern nur zu verstehen, welche Umwege seine Väter gehen mußten, um bei ihm anzukommen, denn davon ließ Avram sich nicht abbringen, daß alles einen Sinn hatte, den er nun erfüllen sollte.
Karls Entscheidung trug eine innere Ambivalenz, die Avram sorgte. Opa Karl hatte sich befreien wollen und erfüllte damit sein Schicksal auf prekäre Art und Weise. Herschl hatte vom Leben nur die Schattenseite kennengelernt.
Lina, der Name seiner jüngsten Tochter, bestätigte, daß die Nacht kein Ende nahm. Während er mit Jetten sich erst einmal niederlassen und ausbreiten wollte, ging es mit Malen schon aufwärts. Doch dann kam ihm die Erkenntnis.
Es ging nicht weiter, und er wollte dem einen Riegel vorschieben. Irgendwo, irgendwie, irgendwann war Karl Kukafka dem Gott Abrahams untreu geworden. Indem er sein Leben zu korrigieren versuchte, versank er immer mehr in den Sümpfen, denen er gerade erst in Belarus entronnen war.
Er hatte es nicht leicht, und Gott konnte ihm nicht helfen, wollte vielleicht nicht helfen. Wenn Großmutters Knochen jetzt in irgendwelchen Universitätskartons lagen, um analysiert und unters Mikroskop gelegt zu werden, dann war alles falsch gelaufen. Denn wenn Gott es zuließ, wußte er sicherlich auch genau, warum.
Sollte Avram alles nur finden und aufdecken? War das der Zweck? Warum soll ich finden, dachte Avram.
Avrams Erinnerungen und ein paar amtliche Papiere, die auch noch von einander abwichen, waren alles, was übrig geblieben war. Die Zufälle, die mitspielten, um schließlich auch die Tasdorfer Grabschändungen dem Avram bekannt zu machen, verhießen eine Geschichte hinter dem heutigen Gewerbepark bei Rüdersdorf. Avram hat mir alles hinterlassen.
Der Weg aus Weißrußland beschreibt ein Entrinnen. Karl ließ Herschls Familiengeschichte hinter sich. Er stieg nicht nur aus der geistigen Herkunft aus, er verließ auch seine physischen Quellen.
Und doch landete er in Tasdorf, wo die alten weißrussischen Sumpferzählungen wieder auflebten und aufleben konnten, weil die Störche in der Nähe waren, die ihn immer begleitet hatten, er hatte sie nur nicht wahrgenommen.
Als er beim Bau des Kaiser-Wilhelm-Kanals mithalf, hatte er schon eine Familie zu ernähren. Karls Bruder Aaron, eigentlich ein Anonymus, wanderte nach Amerika aus, wo der Name Kukafka bis heute im Gesundheitswesen grassiert. Die Medizin hatte es ihnen offensichtlich angetan.
Wahrscheinlich kamen die Kukafkas aber immer erst zur vollen Geltung, wenn ihrer stabilen Substanz eine intellektuelle Beigabe beschert war. Durch Heirat kam eine geistige und seelische Fruchtbarkeit zutage.
Kukafka allein sann nur so dahin. Karl Kukafka blätterte nicht auf. Sein ältester Sohn Karl starb früh, die älteste Tochter Marie verschied in jungen Jahren.
Großvater Karl verachtete seinen Schwiegersohn Arthur. Politisch schien er damit richtig zu liegen, ontologisch setzte er seine Fehlerreihe fort.
Denn Arthur war es, der ihm zu den Söhnen verhalf. Ohne ihn wüßte die Welt nichts mehr von Karl und den Seinen vorher und nachher.
Karl zog es nicht nach Palästina, sondern nach Preußen. Preußen war ihm das gelobte Land, und als die Preußen ganz Deutschland eroberten, blieb Karl, was er war, ein Arbeiter und Tagelöhner, ein Sklave vor dem Herrn, den die Botschaft vom Sinai nicht wieder erreichte, noch war die Zeit nicht gekommen.
Noch war die Zeit nicht da für die Erkenntnis, daß er alles verloren hatte, daß er alles von sich gewiesen, alles verraten und verdorben hatte, worauf sein Mandat lautete, aber vielleicht war es nicht sein Mandat, vielleicht hatte er nur weiterzugeben, was er bei sich trug, ohne zu wissen, was er bei sich trug.
Manche haben keine Vorgeschichte. Karl Kukafka hatte nur eine Vor- und eine Nachgeschichte. Die eine schob er weg, die andere entstand aus dem, was er wußte, wissen konnte und nicht wissen konnte.
Karl Kukafka war ein Hort der Unwissenheit und der Zeitlosigkeit. Dennoch tat er, was er vermochte, um sich aus seinem Zustand herauszuschälen. Wie er sich häutete, daß er sich häutete, war ihm nicht wichtig. Avram hat ihn als wortlosen Ruhepol kennengelernt.
Ihm, Avram Ben Arthur, war es aufgetragen, die historische Bedeutung des Hufschmieds Karl Kukafka aufzuschreiben, aber er kam nicht mehr dazu.
Aus Avrams Sicht waren die Ereignisse nicht mehr zu schildern. Er war zu dicht an den Dingen gewesen und gleichzeitig nicht wirklich zugegen. Er hielt sich fern, weil er sich fernhalten mußte, so war Gottes Wille.
Nun lebte Avram mit seinen Kindern und Kindeskindern in Israel, rekapitulierte und entdeckte, kam aber nicht weiter. Er gedachte seiner Bestimmung im heiligen Land, wie Großvater Karl Kukafka in dem belorussischen Shtetl Kukawka seiner Bestimmung gedacht hatte. Wenn er's denn tat.
Vielleicht setzte sich's fort, weil kein Ende abzusehen war. Avram glaubte, am Anfang der Welt zu sein, er fühlte es deutlich, daß er alles in sich hatte.
Avram war dabei, als Gott die Welt erschuf, so, wie wir sie auch heute erleben, aber im heiligen Zustand erlebte er sie, und sein Großvater kam erst durch ihn zu Worte, denn der hatte die Sprache vergessen, ihm war das Wort versagt, das er hätte sprechen müssen zu seinem Ankel Avram, dem Sohne Arthurs.
Die Vorgeschichte Avrams wirkte nach, als er in Israel seinen Ort suchte und nicht fand, denn er hatte nicht wiederkommen sollen, nachdem er 21 oder 22 Jahre zuvor bereits die Bekanntschaft des Universums gemacht hatte.
Das ozeanische Erleben von Caesarea 1966 öffnete ihm eine Dimension, die er so nicht gekannt hatte. Dieser Höhepunkt war nicht zu überbieten. Sebulons Erbe hatte sich eingemischt mit den phönizischen Erinnerungen.
Als Zar Peter, der sogenannte Große, seinem Rußland die männliche Würde nahm, war es um den "großen" Bartabschneider geschehen wie um sein eigenes großes Reich.
Die sündhaften Fehler haben den selbstzerstörerischen Impuls wie aus einem genetischen Schaden. Aber es ist die Verblendung der Gottverlassenheit, die sich da auswirkt. Der Übermut des Abtrünnigen konnte ein ganzes Volk verderben.
Die Moderne fordert einen in der Geschichte ungewöhnlich hohen Preis für sich ein. Die Tragik Rußlands liegt in seinem Unvermögen, die Segnungen unseres Zeitalters auch wirklich zu genießen. Die islamische Welt steckt in einem ähnlichen Dilemma.
Der Sinn der Aliyah 5748 auf 5749 war die Erkenntnis, daß Israel an der Schwelle seiner staatlichen Existenz stand und an dieser Erkenntnis selbst nicht teilhatte.
Wenn sich Israel nicht auf seine Religion besann, mußte es scheitern. Als Modernisierer des Mittleren Ostens überfordert, lebte es zudem in einem historischen Mißverständnis. Die Nationalismen waren ein vorübergehender Irrtum. Aber die Völker sollten sich irren, was zu verstehen den Menschen allerdings immer wieder schwerfiel.
Die Unvereinbarkeit von ewiger Wahrheit und den Veränderungen der Moderne ist ein Trugschluß. Die Gegensätze passen und gehören durchaus zusammen. Die Moderne hat ohne ewige Wurzeln keine Chance zu überdauern.
Die modernen Wissenschaften wirken sich am Ende zerstörerisch aus, wenn sie glauben, die gültigen Gesetze Gottes nicht mehr beachten zu müssen. Je höher sie streben, desto tiefer in der Vergangenheit müssen sie wurzeln, wenn sie nicht plötzlich abbrechen wollen. Ohne Verankerung im Schöpfungswerk Gottes ist nichts so veraltet wie das Neueste vom Neuen.
Israel schien auseinanderzubrechen. Auf der einen Seite eine moderne Gesellschaft, auf der anderen Seite die Tradition, die von einer geistigen Höhe auf eine kleine Zahl von Getreuen herabsehen mußte.
Die Verinnerlichung der Geschichte in jedem einzelnen Menschen war eine Bedingung, die wirklich nur ganz selten erfüllt zu sein schien. Das Gesetz wurde von den meisten gehaßt wie seine Lehrer. Israel wußte alles besser und hatte nichts begriffen.
Das war der statistische Durchschnitt, der sich aufschlüsseln ließ in eine high sophisticated fromme Minderheit und die weltliche Mehrheit der modernen Israelis, die sich wie Amerikaner aufführten, dabei aber übersahen, daß Amerika sich einem starken Glauben im Volke verdankt.
Gottesverständnis und Sinngebung sind nicht dasselbe. Gott verstehen, das ist auch, eine Sinnlosigkeit erkennen, Gott aber gibt uns die Kraft, wenn es ihm gefällt, in der Sinnlosigkeit den Sinn zu entdecken oder allem ohne Sinn einen und möglichst seinen Sinn zu geben, in ihm aufzudecken. Die Freilegung des Sinns ist idente Sinnverleihung. Gottes Zutat dabei ist, uns zu befähigen.
Vielleicht ist es sein vornehmstes Schöpfungswerk, uns die Augen zu öffnen. So sehen wir mit seinen Augen. Gott wird durch uns sehend. Gottes Blindheit und Taubheit ist die Insuffizienz unserer Sinne. Gott hat Gefallen an unserer Selbstwerdung, weil er durch uns zu sich gelangt. Wir sind sein Spiegel eher als sein Spiegelbild.
Gott spiegelt sich in uns. Er schaut in uns, erblickt aber sich. Nicht, als ob er sich "in uns" als uns entdeckt oder wiederentdeckt. Wir sind nicht sein Ebenbild, was wir von ihm wissen, ist eine Spiegelung, vielleicht auch so etwas wie ein Schattenwurf.
Ich denke, daß wir zunächst uns selbst konkreter sind als Gott es für uns je sein kann. Die Konkretheit Gottes und seiner Wahrheit ist eine weite Landschaft unserer Entdeckungen, eine Geschichte des Aufblätterns und Abblätterns der Schuppen von den Augen, wie man so sagt.
Indem wir sehen, erkennen wir, daß wir sehen lernen müssen, um sehen zu können, spezifisch sehen zu können, richtig, genauer, hinter die Dinge, hinter das, was wir bereits sehen und zu kennen glauben.
Wofür, wenn Gott sie strafte, wofür hat er sich bestraft? Weil sie in Jesus den Christus nicht anerkannten, weil sie in ihm nicht den Messias, sondern allenfalls einen Scharlatan sahen. Er war doch der Verräter, warum wurden sie mit der Folgegeschichte bestraft?
Wahr ist: es war ihr Gott, den der Nazarener unter die Leute bringen wollte. Das durften sie nicht zulassen, und es könnte ihr Sündenfall gewesen sein: daß sie die Erlösung für sich behalten wollten. Die Botschaft vom Sinai an die ganze Menschheit?
Gott hatte sich für alle offenbart. Die Hebräer waren vielleicht als Erste auserwählt, nicht aber als Einzige. Sie waren die Ersten, denen er seine Geschichte erzählte. Sie sollten sie aufbewahren, nicht als ihr Geheimnis, sondern als das Geheimnis der Selbstoffenbarung Gottes.
Gott glaubte, daß die Hebräer ihre Pesach-Geschichte mit der Geschichte Gottes in seinen irdischen Zeichengebungen vereinen würden. Wenn sie nicht verstanden, wer sollte verstehen?
Die Menschheit mußte ihre je eigenen Erfahrungen und Einsichten sammeln, um hernach verstehen zu können, was Israel im Sinai begriffen zu haben glaubte.
Israel sollte sein Wissen nicht für sich behalten, sondern weitergeben, wenn es an der Zeit war. Jesus war der Gesandte der Einholung. Die Zeit war gekommen, die Geschichte scheint ihm recht gegeben zu haben. Irrten die Juden, als sie es nicht akzeptierten? Sie irrten, und sie irrten nicht.
Wie nahe ist doch das Schweigen dem Sagen, die Schweigepflicht dem Gebot, die Lehre zu verbreiten.
Das Jahr der Aliyah war mit Taubheit bedeckt. Avram konnte ohne Begleitung kommen. Er verstand nichts und verstand alles. Die kleine Vernunft mußte ihn irre werden lassen an den Vorgaben Gottes.
Unsere Weisen aber sagten ihm, er trug sie tief in sich vergraben, alles, ja, alles habe seine Richtigkeit. Gott werde es zum Guten wenden. Es war bereits auf dem Weg, nur Avram wußte es nicht. Und er wußte es doch.
Avram überging die Einzelheiten. Plötzlich erschien ihm das lächerliche Abenteuer von 1988 als die große Prüfung des Jahres 5748 auf 5749, sie ließ verblassen, was sonst eine Last gewesen wäre. Kümmern uns die täglichen Umstände, wenn Gott seine Hand im Spiele hat, und Avram wußte, so war's.
Juden und Christen handelten, wie sie handeln mußten, und wenn es so war, was mußten wir uns Gedanken machen und den Kopf zerbrechen. So alles an seinem Platz war und sich begab, wie es sollte, wozu war der Mensch da?
Wenn alles seinen Sinn schon hatte, nämlich den, daß es imgrunde sinnlos war, daß jede Sinngebung auf Täuschung beruhte und eine Illusion war, so konnten wir darauf verzichten und Schöpfung Schöpfung sein lassen, weil Gott es so wollte.
Was immer wir taten oder unterließen, Gott wollte es so, jedenfalls konnten wir uns stets damit herausreden, daß es eben so war.
Dieser Fatalismus machte die Menschen zum Geröll der Gletscher und Meere. Der Wind trieb uns um und ließ jeden in irgendeinem Winkel liegen, ein anderer blies uns wieder fort. Schließlich vertrockneten wir irgendwo oder verfaulten.
Wenn wir darüber nachdenken sollten, befanden wir uns in einem absurden Theater. Das Leben war eine kurzweilige Zirkusvorstellung.
Avram hinterließ den Gedanken, daß es nicht aufs Ereignis ankam. Welche Bedeutung man ihm zumaß, war das eigentliche Ereignis. Die metaphysische Dimension konnte nur erlebt werden, wenn die Sinne dafür vorhanden waren.
Die Menschen waren nicht gleich. Ihre Verschiedenheit war unsichtbar. Immense Seelenunterschiede machten die Menschen einander fremd. Landschaften taten sich auf. Berge sahen auf Täler hinab. Flüsse wanderten zur Meeresküste. Der Mensch war nicht das Maß aller Dinge.
Die Unvereinbarkeiten der Schöpfung aber gaben dem Menschen das Maß, jedem das seine. Avram lebte als einfacher Mann mit seiner Familie. In ihm blühte ein reicher Kontinent, eine unsichtbare Welt. Niemand wußte, was im andern war. Wer konnte wissen, was sich in Avram abspielte, niemand konnte es wissen.
Die unerkannten Höhen und Tiefen aber erzeugten den Haß. Gehaßt wurden die unüberwindbaren Berge. Gefürchtet waren die Tiefen, gehaßt wurde der Berg. Und er wurde geliebt.
Die Bewunderung kennt keine Grenzen und schlägt in grenzenlosen Haß um, wenn sie nicht erwidert wird.
Liebe und Haß liegen so nah beieinander, daß es lohnt, ein paar Gedanken darauf zu verwenden.
In Israel ist festgestellt worden, daß die politische Linke vor allem aus Haß bestehe. Wen hassen diese Linken? Nun, sie hassen natürlich die Rechten. Wer oder was aber sind diese Rechten?
Die israelische Rechte ist die Partei Gottes, könnte man sagen. Es sind die frommen Juden, die von den Unfrommen gehaßt werden.
Als ob sich an der gegenwärtigen Situation in Israel noch einmal jene talmudische Einsicht bewahrheitet, daß mit der Torah der Haß in die Welt kam.
Der Haß ist ambivalent, mit latenter, geleugneter Liebe gemischt. Die politische Linke ist intelligent, ist klug, zu intelligent und zu klug, um nicht zu wissen, daß die radikale Frömmigkeit von der Torah getragen wird und diese trägt.
Sie wissen, daß ihr Haß sich gegen diese Wahrheit richtet, sie reden sich darauf hinaus, daß eben diese Wahrheit nicht mehr gelte, daß sie nicht ewig, sondern geschichtlich begrenzt gewesen sei, und wissen doch, daß sie sich damit etwas vormachen, weil sie auf ihre aktuellen gottlosen Lebensweisen nicht verzichten wollen, jedoch verzichten müßten. Ihr Haß bewahrt sie davor, diese einfache Wahrheit zur Kenntnis zu nehmen. Die Tiefe und Weite des Hasses ist das Maß dessen, wogegen er sich richtet.
Die weltweite Gottlosigkeit ist das jüngste Gericht. Verbrechen und Strafe sind zeitweilig identisch.
Die Konsequenz aus der Trilogie des Verrats ist die Entscheidung gegen den eingeborenen und an der Brust genährten Hinterhalt. Das mag sich mysteriös anhören, enthebt aber nicht der Verantwortung für das angetretene Mandat. Zur Disposition steht die Familie als Faktum und als Institution. Mit anderen Worten: Es muß der Schnitt vollzogen werden, und zwar nach Kriterien, die das Thema dieser Untersuchung sind.
Grundsätzlich nehme ich vorweg, daß die Blutsverwandtschaft in Frage steht und zugunsten geistiger Verwandtschaft aufgehoben bzw. aufgegeben wird.
Die Blutsverwandtschaft eint die ganze Menschheit, die insoweit eine große Familie darstellt, aus der man sich nicht herauslösen kann. Eine Befreiung dieser Art wäre ein Fehlgedanke.
Seelenverwandtschaften stehen auf einem anderen Blatt, sind jedoch von der Geistesverwandtschaft zu unterscheiden. Während geistige Verwandtschaften darauf beruhen, daß jeder versteht, was der andere sagt, ist es bei Seelenverwandtschaften eher so, daß jeder versteht, was der andere meint, auch wenn er kein Wort darüber verliert.
Ein gegenseitiges Verständnis bei gleicher Seelenlage führt tatsächlich dazu, daß auf Worte oft weitgehend verzichtet wird und werden kann.
Die geistige Verwandtschaft entsteht nicht etwa, wenn Kinder dieselbe Schule besuchen und bei denselben Lehrern gelernt haben, worüber sie später diskutieren. In der Schule werden Fakten vermittelt. Das Faktenwissen ist Stoff für die individuelle Verarbeitung. Hier setzen wir an.
Vielleicht ist die Individualstruktur die Ausgangslage. Verwandte Strukturen machen die Geister miteinander verwandt. Wie entstehen und entwickeln sich solche Strukturen?
Zweifellos haben wir von genetischen Bedingungen auszugehen, äußere Familien- o.ä. Strukturen kommen als Wirkkräfte hinzu. Die verinnerliche Außenstruktur mag für geistige Verwandtschaften die beste Voraussetzung sein. In ihnen nämlich haben sich genetische Bedingungen veräußert und sichtbar Wirkung erlangt.
Die genauere Erfahrung gibt uns freilich ein paar Probleme auf. Unter ungünstigsten Bedingungen aufgewachsen, entsteht ein freier Mensch, der alles besser machen will, eine Familie gründet, das Familienleben frei und demokratisch gestaltet und am Ende vor dem Albtraum steht, daß die kommende Generation nicht nur alles vergißt, sondern entschieden sich gegen alles wendet, was eben erst neu ins Leben gerufen worden ist.
Gute Bedingungen, schlechte Folgen, schlechte Bedingungen, gute Folgen.
Es zeigt, daß sich jede Geschichte widersprüchlich aufbaut. Nur in einer Konsensgesellschaft läßt sich diese Dialektik abmildern, so daß nicht ständig von Generation zu Generation nur der alte Wechsel statthat und nichts von Dauer zum Besseren gerichtet werden kann.
In einer jüdischen Gesellschaft können jüdische Kinder frei und ungezwungen aufwachsen. In einer feindlichen Umgebung wird eine jüdische Erziehung sogleich fragwürdig, weil sie per se gegen ihre nichtjüdische Umgebung gerichtet ist, auch wenn die Eltern, Pädagogen und Lehrer sich nichts dabei denken.
Die Gegensätzlichkeiten stecken in der Sache, melden sich aus den Gegebenheiten zu Wort. Eine konsequente Erziehung ist auf den gesellschaftlichen Konsens angewiesen.
Die tolerante Gesellschaft, in der jeder jeden nach seiner Fasson leben läßt, ist nur in Grenzen denkbar, nämlich, wenn jeder sich prinzipiell zurücknimmt und auf Essentials seiner Weltauffassungen verzichtet.
Der nächste Konflikt kommt gewiß, sobald einer die selbstgesteckten Grenzen nicht beachtet.
Ich gestehe, daß der Gedanke, hier die Kriterien einer gültigen und unumgänglichen Entscheidung vorzustellen, noch nicht zu Ende gedacht ist. Ich hoffe, am Ende dieser Darstellungen und Überlegungen mehr Sicherheit an den Tag legen zu können.
Ich will die Entscheidung, und ich weiß, wie sie vonstatten zu gehen hat, wer hierher und wer dorthin gehört. Aber ich will auch die Begründung, will sagen, warum es so sein muß und nicht anders sein kann.
Sympathien und Antipathien signalisieren, warnen, locken und schrecken ab. Die humane Komponente kommt hinzu und verspricht Änderung, Besserung, kommt Zeit, kommt Rat.
Dies Sich-der-Zeit-Überlassen sollte zurückgestellt werden, wenn die Einsicht ausreichend gesichert ist, daß es so ist, wie es ist, und sich wesentlich nicht ändern wird, weil es sich seinem inneren Gesetze nach nicht ändern kann.
Jedes Haus hat seine Architektur. Die Unterschiede in der Konstruktion sind beachtlich, und der Mensch ist komplizierter als ein Wohnhaus gebaut.
Was nicht zusammenpaßt, sollte auch nicht zusammengehen. Wem die Weisheit fehlt, dies rechtzeitig zu erkennen, der geht ein großes Risiko ein. Der Mißerfolg ist ablesbar, aber du mußt erst einmal lesen lernen, um lesen zu können. Gewöhnlich ist es dann zu spät.
Eine jüdische Gemeinschaft stiftet junge Ehen. Irrtümer werden gemeinsam berichtigt. In der Großfamilie lassen sich Mißverhältnisse leichter überwinden als in einer modernen Lebenspartnerschaft. Vernünftige Lösungen in unvernünftiger Umgebung sind begrenzt möglich und versprechen neue Konflikte.
Zu entscheiden ist die Weichenstellung. Und wenn die Weichen gestellt sind, steht Avrams Sippe an der Weggabelung, und sie müssen sich trennen. Das ist das Gebot. Sie müssen Abschied nehmen voneinander, weil sich das böse Blut sonst rächen würde, denn es soll abgetrennt werden, was zusammen nicht mehr leben kann.
So trennten sich die Alten von den Jungen, die Rechten von den Linken. Gott will die Läuterung, und sie bedeutet, gehet auseinander, um nicht Feinde zu werden oder: weil ihr's schon geworden seid.
Sie hatten die Feindschaft in ihren Adern. So lautete ihr Gesetz, immer wieder, Generation um Generation, auseinander zu laufen. So konnten sie nicht miteinander, sondern nur gegeneinander wirken und arbeiten. Vergiß es nie!
Die Coincidentia oppositorum war, wenn nicht das allgemeine, so doch das besondere Gesetz der Familie Avrams.
Diese Gegensätze aber mußten ausgetragen werden. Entscheidung heißt auch die Vergangenheit bestimmen. Aus dem tief gründenden Verständnis das Gewordene definieren. Geschichte ist, was als Erinnerung übrig blieb.
Was sagen uns die Bilder aus Grodno, Lida und Kukawka, diesem winzigen Shtetl in Belarus? Konnte Avram sich von dorther definieren? Wußte er nicht ohnehin, daß er irgendwoher kam, aus Steppe und Wassergräben, Seen und Tierherden? Er wußte auch, daß es im Osten war, wo die Alten aufgebrochen waren, er glaubte, Südosten, aber nun war es vielleicht Nordost.
Die Entscheidung aber hieß, das Meer zu überqueren, wo Sebulon rief und gerufen wurde. Sebulon, der Zevulun hieß, war der sechste Sohn Jakobs. Avram aber sollte den Siebenten achten, das war David und hinwiederum nicht, denn David war eigentlich der achte und fast vergessene Sohn Isais.
Mithin, er war's, nämlich der Siebente und Achte zugleich, er war beides, weil die Überlieferung es so will. Weil Gott es so will. Der Siebente hieß auch Elon, der Achte aber war David León, wenn man's genau nahm. Der Sechste aber, dem Zevulun gleich, war Tobhyah.
KOKAB und KA – Kokab Ka - lautete die geschriebene Nachricht aus Rußland des Jahrs 1945 am verkohlten Baum im Tiergarten an der Hofjägerallee. Korrekt: KOKAB. So stand es in die Rinde geschnitten. Entdeckt von Avram und bezeugt von Chanah.
Es läßt sich heute nicht mehr beweisen. Der alte Baum wurde gefällt. Im Boden am Rande der Straße blieb die Schnittfläche übrig, aus der ein Beth, vielleicht ein Kaph zu lesen ist. Nicht weit hinter der Siegessäule auf der linken Seite der Allee.
Schicksal ist Zusammentreffen und ist Trennung, das große Ganze und das Einzelwesen, Treppenhaus und Stufe um Stufe. Absatz.
Die Meditation dient nicht der Trennung, sondern dem Zusammenhangwissen. Jede Trennung ist ein ernster Vorgang, der überlegt sein will. Trennen heißt nicht, sich aus der Verantwortung stehlen, sondern verantwortlich tun, was getan werden muß, wenn die Dinge nicht verderben sollen.
Die dialektische Trennung zerstört nicht, sondern gliedert auf, um der Zerstörung vorzubeugen. Wo zu spät getrennt wird, ist die Zerstörung bereits vorangeschritten.
Wo der Haß herkommt, ist damit noch nicht erklärt. Denn Avram erwähnt wiederholt, daß er sich den Haß nicht erklären konnte. Er zog diesen Haß auf sich, das war sein Anteil. Aber woher dieser Haß kam, auf welchem Boden er gewachsen, mit welchem Stoff er gedüngt ist, kann er sich nicht erklären, und das ist auch verständlich, denn die Erklärung ist bei ihm zu suchen, bei ihm, dem Vater Amaleqs.
Avram hat etwas mit dem Haß Amaleqs zu tun. Der Talmud sagt uns, daß mit dem Gesetz vom Sinai, daß mit der Torah der Haß in die Welt kam. Die Lehre und mit ihr die Lehrer wurden gehaßt als die Autoritäten schlechthin. Jeder andere Haß könnte jeweils abgestuft sich so erklären lassen. Je gefestigter die Autorität, desto größer der Haß. Vielleicht ist das tatsächlich die einfachste Erklärung.
Sigmund Freuds Ödipus-Komplex kann nach dieser Formel ausgelöst werden. Der Vater wird nicht als Vater um der Mutter willen gehaßt, sondern schlichterdings als Autorität, in der die irrationale und die rationale Komponente noch beisammen sind.
Der Vater ist sowohl irrational als auch rational dem Kind überlegen. Die Tochter sieht im Vater nicht den Konkurrenten. Der Sohn aber erkennt im Vater den, der er selber werden und sein möchte. Je älter das Kind wird, um so mehr löst sich diese Spannung.
Die Tochter liebt ihren Vater, der Sohn erkennt inzwischen die Grenzen des Vaters. Er erkennt seine Schwächen und Fehler, schließlich kann er ihn nicht mehr hassen, er hat ihn vielleicht schon überholt, weiß mehr, vermag mehr, ist inzwischen mehr geworden als der Vater.
Wo aber der Haß weiterschwelt, ja, sich noch mehrt und vertieft, da ist die väterliche Autorität nicht überwunden worden. Und wenn wir die väterliche Zutat vergessen, bleibt die Autorität übrig. Und da die irrationale Autorität allenfalls unter Faustrechtsbedingungen eine Rolle spielt, bleibt bei zivilisierten Verhältnissen nur noch die rationale Autorität als Grund des Hasses.
Avram wurde in der Tat mit solchen Begründungen angegriffen und mit einer Todeswut bekämpft, die er sich nicht erklären konnte, und er konnte es sich nicht erklären, weil er sich so bescheiden sah und einschätzte, daß er diesen Umstand nicht als Ursache des Hasses annehmen konnte. Das war doch kein wirkliches Problem.
Rationale Autoritäten lassen sich durch Lernen und Studieren und Lebenserfahrung relativieren. Sie verlieren ihr Übergewicht auf ganz natürliche Weise. Länder, in denen der Haß groß und verbreitet ist, haben Schwierigkeiten mit dem Lernen. Meist fehlt es auch an der Wertschätzung des Wissens und der allgemeinen Bildung.
In Deutschland ist das Zertifikat oft mehr wert als die intellektuelle Substanz, die es begründet. Das Land der Dichter und Denker betreibt mit den kulturellen Etiketten eine beachtliche Hochstapelei. Allenfalls als Land wieder aufkommender Etikette, der dürftigen Denker und säumigen Dichter könnte man es durchgehen lassen.
Deutschland hat das grundlegende und charakteristische Bildungsproblem einer ausgewachsenen Gottlosigkeit, wovon besonders der Norden des Landes betroffen ist.
Die notwendige Entscheidung ist also weniger die Trennung als die genaue Differenzierung und gründliche Analyse der gesellschaftlichen, geschichtlichen und nicht zuletzt kulturgeschichtlichen Umstände und Zustände im Lande.
Der Bildungsauftrag ergeht an die Autoritäten, die wir uns nicht autoritär, nicht gespreizt und überheblich wünschen, sondern demokratisch, menschenfreundlich, lebensfreudig und gerecht.
Der Haß auf die Väter ist ein Haß auf alles, was Anforderungen ans Denken, Lernen und Wissenwollen stellt. Ohne Gottes Hilfe sind die Aufgaben nicht zu bewältigen. Sein Segen auf allem ist die beste, ist die einzige Garantie für unsere Zukunft als Menschen, die den Namen und das Attribut der Gotteskindschaft verdienen.
Ohne Gottes Hilfe ist die vorbedachte Besserung und Erlösung der Welt nicht möglich. Ohne Hand anzulegen, sollst du dabei sein.
Du sollst dabei sein, sollst aber nichts dazu tun, nichts, das außergewöhnlich wäre. Wenn unsere Weisen sagen, daß der Messias nicht herbeigerufen, herangezogen, hereingezwungen werden solle, daß wir ihm seine Zeit lassen mögen, weil sonst die Dinge durcheinander geraten, so sagen sie damit eben auch, daß wir uns der messianischen Handlungen enthalten müssen, wenn nicht vor der Zeit die Dinge ihr Ende nehmen sollen.
Es meldeten sich andere Meinungen zu Wort. Nicht weniger wahr, vielleicht, doch weniger behutsam. Auch weise?
Avram neigte der Beschleunigungsinitiative zu. Zugrunde lag die konkrete Situation. Die Entwicklung hatte etliche Stufen hinter sich gebracht.
Wenn die Frucht reif ist, fällt sie vom Baum. Sie kann auch gepflückt werden. Menschliche Angelegenheiten unterliegen oft einem Stau, es will nicht weitergehen, Steine liegen im Weg, oder das Getriebe ist verschmiert.
In Israel, des Jahrs der Aliyah, war nichts voranzutreiben, alles war abzuwarten. So kam kein Messias, sondern die Einsicht, daß alles anders gemeint war, als Avram annehmen durfte.
So entschied es sich nach den Regeln jener Befreiungsakte, die am Ende Erfüllungen des Schicksals sind. Daraus war zu lernen. Und Avram lernte ein Leben lang, zwei Leben lang oder zweihundert Leben, ja, er hatte die Jahrtausende in sich, und David León, der Urwnuk, Urunuk, hob seine rechte Hand, noch ehe er geboren war. Es war ein Zeichen, das Avram verstehen sollte.
David sandte seinem Urvater Avram diese Nachricht: es ist mir in die Hand geschrieben, schau nach, sieh es dir an, du kannst ruhig sein, alles ist von Gott gefügt, und Avram überzeugte sich im zweiten Monat der Beschneidung, und es geschah, daß Avram von Stund an ruhig war. Alles lag in guten Händen, noch ehe sie zugreifen konnten.
Der Urunuk trug die Prägung der Jahrtausende und bewahrte sie für eine Ewigkeit.
Das Jahr der Aliyah 5748 auf 5749 trug vieles vorab, wovon Avram nichts wußte, nur eines war ihm sicher, daß Gott es richten würde.
Wenn Avram manches tat und unterließ, was ihm hernach nicht gefiel, so tat er eines nicht: er haderte nicht mit seinem Gott.
So viel hatte er im Laufe seines Lebens gelernt, daß alles seinen Sinn hatte, daß es an ihm war, Avram, diesen Sinn zu erfassen, zu verstehen.
So war das Jahr der Aliyah kein verlorenes Jahr, sondern ein Gewinn, es war ein Schuljahr, ein Lehrjahr vor Gott, und das hieß, daß Avram in einem Jahr tausend Jahre abgegolten hatte.
Wozu die Menschen tausend Jahre brauchten, das hatte Avram im Jahr seiner Aliyah - 5748 auf 5749, in diesem einen Jahr - begriffen.
In den Adern Avrams hatte Amaleq Einkehr gehalten. Eine italienische Zigeunerin aus der Vaterlinie lebte in ihm fort.
Diese Geschichte müßte ich noch erzählen, obwohl mir darüber wenig berichtet wurde. Die Zigeunerin brachte das schwarze wilde Haar und die schwarzen Augen mit, die im Laufe einiger Generationen etwas heller wurden.
Avrams Vater Arthur war als Arturo Lumberto, er galt als ein Vertreter der heiligen Omertà, aus Ostafrika gekommen. In Kalibaka, in der Nähe des Kilimandscharo, wuchs Avram an den Brüsten einer schwarzen Amme auf.
Seine Mutter Lina und die schwarze Sarah in Kalibaka, einem winzigen Dorf am Rande der Savanne, gestalteten sich in den Vorstellungen und Träumen des kleinen Avram zu einer Mutter, die ebenso vollkommen wie ratlos war, wenn sie ihren Ersten Avram betrachtete, denn der Knabe geriet ihr zum Rätsel, das sie bis an ihr Lebensende nicht zu lösen vermochte.
In Kalibaka oder in Italien, mal hier und mal da, lebte und schweifte die Zigeunerin Cilada, deren Tochter Ziporah in der Familie aufgenommen wurde, deren Namen Lumberto sie schließlich annahm.
Ziporah war eine Tochter des Aristoteles und der Cilada, die aber nicht heirateten, weil Cilada das Familienleben gerade aufgegeben hatte und nicht neu einheiraten wollte.
Cilada war eine Kometin, die irgendwann in eine Umlaufbahn kommen würde, aber noch war es nicht so weit.
Cilada war es, die Unruhe in den italienischen Zweig brachte. Agostino war ein Sohn der Ziporah, der Tochter des Aristoteles und der Cilada. Bruno Lumberto ehelichte Ziporah. Die Ehe war nicht ganz legitim, ihr entsprang Agostino, dessen Ehe mit Elishah, eigentlich Elishbhya, brachte Arturo hervor, den Vater Avrams.
Durch Cilada und Ziporah, so will es die alte jüdische Legende, kam Amaleq, kam Ägypten, kam die schwarze Sarah der Zigoyim in die Familie Avrams.
Und Baraq nahm Shaolin, deren Mutter eine Chilenin, deren Vater Peruaner war, dessen Vater aus Hongkong herüber nach Mittelamerika gekommen war. In der Familie sammelte sich altes Maya-Blut und Inka-Blut mit dem qain-alten China.
So wurde David León, der Erstgeborene Baraqs und der Shaolin, zum Träger aller irdischen Vergangenheit seit dem Urschöpfungswerk Gottes.
Urunuk heiratete Tshomba Angeline Myriam. Damit wurde das Versprechen der schwarzen Amme von Kalibaka eingelöst.
Die Kinder Davids, des Urunuk, wurden die Gründer der großen Dynastie, von der Baraq geträumt, die er bereits in jungen Jahren entworfen und als Architektur in die Welt der Phantasie gestellt hatte.
Wenn Baraq die Idee einbrachte und damit das neue Reich begründete, so blieben die Namen nach David León, dem Sohn Baraqs und der Leoniden des Jahr 5761, noch ungenannt.
Die Söhne und Töchter Urunuks sind uns namentlich nicht überliefert worden. Es gibt jedoch ein paar Indizien, die uns als Spuren dienen können, denen wir nachgehen müssen, um das Reich Baraqs zu finden, denn dessen Namen trug es und trägt es bis in unsere Zeit.
Baraq lebte in Israel anfangs inkubativ. Er war im heiligen Land gegenwärtig und abwesend zugleich. Hier erhört er das Lied der Lieder, dessen Text er nicht versteht und dessen Melodie er mitsummt, ohne ihre Bedeutung zu ermessen. Denn Shirley war nicht die Erfüllung, sie war die Botschaft, eine Sternschnuppe, die schnell vorüberzog.
Aber sie kündigte an das nahe Kommen des jungen Planeten Shaolin, der Nachtmutter des handgeprägten David León, den wir den Urunuk heißen, denn das gab ihm Gewicht, dazu war er ausersehen.
In Israel hatten Avram und Baraq ihr gemeinsames Urerlebnis auf dem Berg nahe Jerusalem im Jahre 5748. Über ihren Augen erwachte der Sternenfrühling, den sie bereits im Namen hatten. So ward das Wort erfüllt.
Und Urunuk, Sohn Baraqs, zog den Leonidenschwarm an sich im dreizehnten Jahr nach der Erleuchtung über Jerusalem. Es geschah des Jahrs 5761. Am dreizehnten Tag aber war er beschnitten von Bileam dem Ghanaer Ruach Pinah in der neuen Stadt Davids.
Als Avram seine letzte Habe im Meer versenkte, war alles getan, was getan werden mußte.
Eine Linie der Erinnerungen führt von Tasdorf nach Israel, von Lina zu Shaolin, von Avram zu David dem Leoniden. Eine lange Reihe von Erlebnissen, die von Mal zu Mal besser verstanden werden.
Im nachhinein wird alles deutlich und geheimnisvoll wahr. Wie konnte es geschehen, daß alles einen Sinn hatte, von Avram erlebt und empfunden und gedacht wurde, aber nicht verstanden, nicht verstanden als eine lebensgeschichtliche Aneinanderreihung von Kettengliedern.
Es war kein Stückwerk, sondern ein Kunstwerk, ein Epos, kein Gedicht, nein, wohl kein Gedicht, eine dichte Erzählung, deren Interpunktion und Gliederung von äußeren Umständen, vor allem vom Krieg abhängig war.
Avram verstand die Welt und also auch sein Leben nicht unter ästhetischen Gesichtspunkten, eher als ein Drama, das seine Schönheit im nachhinein offenlegte. Sein Wahrheitsbegriff entsprach durchaus der Wahrheit seines Seins und Erlebens. Wenn diese Wahrheit sich als schön erwies, schön, wie Gott diese Welt in Schönheit erschaffen hat, so kam dies seinen Sinnen zugute.
Avram wußte, das viel davon abhing, wie er die Dinge sah, wie er sie aufnahm. Durch ihn wurde alles schön, sinnvoll und wahr, aber nur, weil und wenn Gott es so wollte, wenn Gott seinen Segen darauf gab.
Dem Gesegneten ist alles gut und schön. So mußte es sein. Die Dankbarkeit Avrams war nicht offensichtlich, weil niemand ihm diese Dankbarkeit glaubte. Seine Feinde wähnten in ihm den Selbstgerechten, und er hatte nur Feinde.
Der Junge werde es schwer haben, sagte Chanah, Avrams Weib, ihr Urunuk werde es schwer haben, so bedeutend erschien er Chanah. Die Zeichen seiner Hand erstaunten Urvater und Urmutter.
Nachts lag er wach und sann den Geheimnissen und Wundern dieser Welt nach, er entdeckte sie in den kleinsten Erscheinungen, Schattenspielen und Figuren in Fenstern, gläsernen Lampenschalen.
Er ließ nichts aus, so war er stets da und floh doch und erhob sich ins Unbekannte und Sphärische. Er sah in die Dinge hinein, wo sie seinen Augen Einlaß geboten.
Sein Sinnen war freundlich und ernst. Spiegelungen fesselten ihn mehr als seine Fingerspiele. Sein Lebensweg war beängstigend und bewundernswert lang vorgezeichnet.
Ja, er würde er schwer haben, und er würde die Schwierigkeiten überwinden, mit Gottes Hilfe. Seine junge Mutter Shaolin war gesegnet und gut geleitet. Avram hielt sich zurück, um ihre Zyklen nicht zu stören und ihren Sinn nicht zu beschweren. Denn manchmal hatte sie ihn nicht verstanden.
Avram wußte, daß er sie in Frieden lassen mußte, wenn alles gut werden sollte, so wurde es gut. Als Chanah stürzte, kam die schwangere Shaolin herbei und rettete die verunglückte Urmutter. Der Herr hatte sich etwas dabei gedacht, so konnte Avram Shaolin in die Arme nehmen.
Es war ein Gleichnis und ein schlimmes Ereignis, das Chanahs rechten Arm für eine Weile beinträchtigte. Das Gelenk war gebrochen.
David hatte den rechten Arm, die rechte Hand erhoben noch vor der Geburt. Seht sie euch an. Schau sie dir an, Avram, die kleine Hand des Leoniden im Monat Cheshvan. Erebh. Am 13. Cheshvan stand zu lesen: Lekh Lekh (Lekh Lekha). Und am dreizehnten Tag wurde er beschnitten. Dies aber, Lekh Lekha, galt für Avram nach seinem Verständnis. Es war Vollmond.
So war in Israel verborgen und angekündigt das Ereignis in dreizehn Jahren zum 13. Cheshvan 5761.
Gottes Wege und Absichten sind unergründlich bis zur Stunde der Offenbarung, die nicht jedem vergönnt ist. Darin gründete Avrams Dankbarkeit und Frömmigkeit, die nur Gott kannte und der Teufel, der es ihm arg vergällte.
Doch Avram war ein ewiger Schüler, der genau wußte, daß sein Lernen kein Ende haben würde.
Avram ruhte aus. Im Zeichen des Leoniden ruhte er endlich aus. Als ob er auf einmal verstand, was seine Aufgabe war, wie er die Dinge zu nehmen hatte. Diese kleine Hand hatte den Stab ergriffen, oder es war der Wink, du darfst jetzt ruhig sein. Er war der Erste nach dem Gesetz.
Er begründete es von neuem. Der dreizehnte Tag ersetzte den achten Tag der Beschneidung. In dem Urunuk waren Ismael und Isaak, Yishmael und Yitzchaq, wieder verbrüdert und geeint. Der kleine Löwe David war der Letzte und der Erste in einem. Am 13. Cheshvan wurde alles neu gemacht, neu angelegt, und Avram konnte nun ruhig sein, denn es hatte sich erfüllt.
Die Geschichte des Verrats ist eine genetische Geschichte, eine Genealogie. Der Verrat sitzt drin, er steckt in jedem schon drin, ehe er zum Ausbruch kommt.
Yair war kein Verräter, weil er eine Idee geblieben ist. Gershom trug sich damit seit seiner Geburt, und es ist wohl hinzuzufügen, seit seiner Zeugung, und wenn wir zur Kenntnis nehmen und wissen, daß auch die Zeugung kein Zufall war, sondern Teil des göttlichen Plans, dann ist alles so geworden, wie es werden sollte.
So war auch die Vorfamilie zentrifugal angelegt. Die Zerstörung war das Ziel. Die Familie war unerwünscht, sollte nicht lebe