Avram

Noch einmal 66

Zu Ossip nun und der Gelegenheit, etwas wie eine Reisenotiz nachzutragen. Mache ich also nicht viel Federlesens, sondern sage noch einmal Ossip, dessen hier verschwiegener Familienname dem eines Bürgermeisters Mardochai rufnamens gleich ist aus dem Prager Judenghetto. Im Jahr 1601 soll er verstorben sein. Mein Ossip jedoch, auch gebürtiger Tscheche, lebt. Er lebt im Kibbuz und zeichnet und redet verantwortlich für alles, was sich Tourist nennt. Er korrespondiert mit künftigen Gästen, bringt gegenwärtige im eigens für sie reservierten Touristen-Camp unter, teilt für sie die Arbeit ein, vermittelt am Abend im Chadar Okhel seine Arbeitskräfte dem Planungsstab für den nächsten Arbeitstag. Sechs Stunden tags, außer dem Shabbat, je Tourist in der Landwirtschaft, und was so anfällt.

Dafür haben die Gäste, sagt Ossip und übertreibt dabei, die gleichen Rechte wie die Chaverim, bloß die Pflichten fallen weg. Was der Mensch an Dingen und Dienstleistungen zum Leben braucht, steht allen zur Verfügung. Selbstverständlich erhält der Zeitgast keine Mittel für den Kauf von Möbeln und Garderobe, auch keine eigene Wohnung. Er teilt sich gewöhnlich mit einer oder auch mehreren Personen einen Raum mit Betten, Schrank, Tisch und Stühlen. Ist er Longtimer, so kann er mitunter außerhalb der sommerlichen Saison im eigenen Zimmer wohnen. Das Essen ist sehr gesund. Viele Salate, Tomaten, Oliven, viel Obst des Südens. Waschhaus, Friseur, Schuhmacher, Näherinnen sind für jeden da (als solche). Volle Krankenversicherung. Porto frei. Man kommt, stelle man sich vor, in einen voll ausgestatteten Haushalt einschließlich Werkstätten und kann das Vorhandene alles auch für sich nutzen. In einem modern eingerichteten Clubhaus liegen Zeitschriften und Zeitungen aus, auch englisch- und deutschsprachige (Spiegel, Stern, Quick), Kaffee, Kakao, Säfte werden ausgeschenkt, Gebäck angeboten. Es gibt eine Bibliothek. Sozialistische Kleingesellschaft, alles in allem.

Lebten derart sorglos schon die Fremden, um wieviel sorgloser erst die Einheimischen, denen die zahllosen ausländischen Besucher oft sehr gelegen kamen, war doch mit ihnen gut Plaudern und Kaffeetrinken. Beliebt war der spontane Nachmittagsbesuch im Hause eines Kibbuzniks, beliebt insbesondere auch bei diesen selbst, den Kibbuzniks. Ossip, ich komme auf ihn zurück, zählte nicht eben zu den solcherart Besessenen. Aber eines Tages traf es sich, daß er eine kleine Touristengruppe zu sich ins Haus lud, darunter auch mich. Es war eine gemischte Schar aus kanadischen und englischen Mädchen, einer Dänin, einer Amerikanerin; einem amerikanischen Presbyterianer-Priester von einunddreißig Jahren mit dem Humor eines Zirkusclowns, jedoch ohne dessen Traurigkeit.

Ossip und seine freundliche Frau hatten sich für heute nachmittag etwas Nettes ausgedacht. Sie wollten uns, auf ihrer letzten Europareise in Prag aufgenommene Diapositive an eine Leinwand projizieren, welchem Vorhaben man allgemein durchaus zugetan war. Doch es mögen mir nunmehr die anwesenden jungen Damen und der smarte Herr Priester ebenso wie die Gastgeber, nicht zuletzt, noch einmal vergeben, daß ich in diesem Augenblick die kleine Gesellschaft verlasse, um mich um einige Monate zurück nach Prag zu begeben. Sie werden, der Raum ist abgedunkelt, meine vorübergehende Abwesenheit nicht oder kaum bemerken, zumal ja der besondere Ort und der besondere Anlaß mit dieser herrlich weißen Leinwand am automatischen Gestell mein unauffälliges Verschwinden zu begünstigen versprechen.

Ich gehe ins Bild und ziehe mich in den optischen Hintergrund einer bei Frühlingssonnenschein fotografierten Hauptstadt der Tschechoslowakei zurück. Und dieweil die vornehmlich angelsächsischen Zuschauer die ihnen fremde Stadt anstaunen, gehe ich schon durch enge Gassen, an Schule und Teynkirche vorbei, zum Altstädter Ring. Ich weiß nicht, ob ich die Bauwerke links oder rechts von mir stehen lasse, auch scheint die Jahreszeit nicht mehr frühlinghaft, sondern eher herbstlich, und ich bin auf der Suche nach einem Café. Überhaupt ist mir manches wie im Traum; schlafwandlerisch und beinah hastig strebe ich dem alten Rathaus zu.

Da hängen die törichten Augen eines Zuhörergrüppchens an den Lippen eines sehr gelahrten Reiseführers, und die Ohren empfangen die Geschichte des Bauwerks aus dem fünfzehnten Jahrhundert deklamiert. Das Stück Kosmos der astronomischen Uhr an der mittelalterlichen Fassade des Rathausturms gibt sich den Anschein harmonischen und friedlichen Umlaufs. Nur zur vollen Stunde geht ein Zittern und leises Knarren, und Jesu Apostel wandeln, dreizehn gewerkte Figuren, die Zeit abzuschreiten, von Tür zu Tür unterm Läuten eines Totenglöckleins. Da schlug es dreizehn und krähte der Hahn aus dem Dachstuhl, und der Reiseführer ward dem Ossip sehr ähnlich, und aus der Menschenansammlung auf dem Altstädter Ring vernahm ich kanadischen Akzent, und dem hochempfindsamen Uhrenwerk des Meisterkünstlers Hanusch, anno 1490, schien soeben ein seltsamer Fehlgang zu unterlaufen. Nicht der Heiland Jesus Christus - der Golem trat hervor aus der Luke, ein Stück Papier im Mund, und er schlug die Augen auf, und die Lippen öffneten sich, und der kleine Zettel fiel herab, dem jungen Presbyterianer vor die Füße, Herrgott! Vom also bedruckten Zettelwisch las Garry, The Presbytarian Ministry: "Mache heilige Kleider zur Ehre und zum Schmucke als Akrostichon für 462 nach der kleinen Zahl." Die kleine Zahl ging im Gelächter der Lehrerinnen unter, ja, es waren solche in der Tat.

Garry hatte wieder wie ein Clown gesprochen, auf diesem Platz, wo im Jahre des Heils 1621 und der katholischen Restauration siebenundzwanzig Protestanten zum Ruhme des eitlen Glaubens durch vierundzwanzig Schwertstreiche und an drei Stricken vom Leben zu Tode gebracht, wo dem Mordbeil im Namen eines barmherzigen Gottes eben sterbende Hände sich darzubieten hatten, vom Arm gehackt zu werden; die Augen in den ausrollenden Köpfen auf den schwarzen Tüchern, sie sahen, um es nimmer zu vergessen. Die kleine Zahl begann zu leben. Die kleine Zahl schnarrte auf, ein automatisches Register, sie beschleunigte die Eigenbewegung, diese kleine sich vergrößernde Zahl, diese schnelle und flinke, die rasende Zahl wucherte und wuchs zu einem Monstrum sich aus, das den Himmel schwarzmachte. Als fette Rauchwolke stieg sie hoch und löste sich auf. Unter den tönernen Augen des Golems. Er wird es bezeugen.

Die Leute am Altstädter Ring wie auch anderswo machen ihre kleinen Besorgungen; selbst das Gelächter hat überlebt. Niemand hält inne. Ich gehe vom Platz.

Ich lief vom Platz. Ich lief durch die Stadt. Ich lief durch mir unbekannte Straßen und verirrte mich aus dem Bild in Ossips Zimmer und hörte sie alle lachen, ich entfloh dem Gelächter der Lehrerinnen, Priester und Reiseleiter, stolperte, stürzte, fiel und fiel und erhob mich und stand wieder, lief und lief, und die Häuser an mir vorüber zerfielen, und die Menschen lösten sich auf wie in einem Säurebad, und ich keuchte, Ruinen und nirgendwo Menschen, auf einen Hügel zu, keuchte verpestete Luft durch die Lungen; inmitten eines abgeschlagenen Waldes kam ich zum erstenmal wieder zu Atem, stand ich auf einmal wie verwurzelt, während der Priesterbube lachend mir die kleine Zahl nachrief, und ich sollte mich darum nicht sorgen; setzte mich auf einen Baumstumpf, und der war von Stein. Aus der Erde gewachsen, von der Zeit emporgehoben, weil nicht ausreichend Raum für die Toten da war, schwarze und graue Grabsteine, aus dem Mittelalter die Jahrhunderte herauf zu einem Totenhügel jüdischen Friedens der in Schichten Begrabenen. Ich sah für eine Traumsekunde den Golem, gelehnt an das geheimnisträchtige Grab des großen Rabbi Löw, Maharal von Prag, dortselbst gestorben 1609, und wie er, der Golem, den Zettel wieder zwischen den tönernen Lippen, besagten Zettel aus dem Mund nahm, um ihn dem weisen Vater unters Grabgestein zu schieben zu abertausend anderen Wünschen. Der Maharal hatte seinem Golem dereinst Gestalt und Namen gegeben: Ossip, wahrhaftig. Der gab, wie ich bezeuge, sein Leben zurück und ist seither nicht wieder gesehen worden.

Ich habe die Namen nicht gezählt der in den Tod verschleppten Juden. Ich habe die kleinen hellen rechteckigen Täfelchen nicht gezählt. Ich sehe bis ins Gewölbe getäfelte Wände der Pinkas-Synagoge, ein Mosaik von Namen und Daten. Ich habe sie nicht gezählt. Ich will sie nicht zählen. Rabbi Löw hat gesagt: "Wer einen Menschen vernichtet, hat gleichsam die ganze Welt vernichtet." Welten sind vernichtet worden in einer Zahl, die ich nicht zu fassen vermag.

Man sagt, paar Schritte weiter die Altneusynagoge, nach der in Jerusalem der älteste Tempel, die sei zur Ehre des Gottes aus dem Erdreich freigeschaufelt worden. Aber nein, sie sollte von der Welt begraben werden. Doch Gottvater, derselbe, dessen vermeintlicher Sohn allen Menschen die Schuld abgenommen hatte, um sie auf sich zu nehmen, und sie versehentlich alle den Juden aufgeladen, derselbe Gottvater hat das Vergessen nicht zugelassen. Der Gott der Kleinen, Schwachen, Gedemütigten und Verfolgten, dieser Gott zeigt die Stunde an. Habe ich vom Dach des Ghetto-Rathauses über die hebräische Uhr der Gegenrichtung einen morgenländischen Wink empfangen?

Ich hüpfe zurück aus dem Bild in die okzidentale Umgebung, zu Gast bei Ossip, zu den Gästen, nach Israel.

Am späten Abend löste sich die Gesellschaft auf. In die Zerstreuung der Nacht. In den Frieden auf Zeit. In den Frieden des gelobten Landes. Israel. In die Verlockung des Untergangs? Sie alle hatten von den Vorgängen zuvor keinerlei Notiz genommen.

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