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Wo lassen Sie denken Où laissez-vous penser? Rent a brain...

Avram

Vor fast dreissig Jahren

Geraume Zeit nach dem Sechstagekrieg und dem Schwarzen September

Eine Diskussion

Michel: Wollen wir uns schlagen oder diskutieren wir erst mal weiter?

Timidus: Schlagen können wir uns später.

Leo: Warum später?

Hassan: Die Fronten sind klar. Ich bin Araber. Michel ist Israeli.
Elana: Aber die anderen Anwesenden...

Michel: ... sind, wie die Dinge zur Zeit liegen, auf deiner Seite, Hassan.

Elana: Aber warum denn, von vornherein?

Michel: Selbst ich sympathisiere mit lhm. Wer sympathisiert mit uns?

Timidus: Springer.

Leo: Und seine Leser. Die Mehrheit des Volkes. (grinst)

Elana: Das ist natürlich nicht wahr, wir wissen es.

Hassan: Ich denke, die Fronten sind klar im arabisch-israelischen Konflikt. Timidus: Es gibt keinen arabisch-israelischen Konflikt. Zumindest ist er nicht das Wesentliche an der Auseinandersetzung im Nahen Osten. Michel ist das beste Beispiel dafür, daß nichts "klar" ist, jedenfalls nicht klar im Sinne deiner Interpretation. Michel sympathisiert mit euch, nicht vorbehaltlos, aber gerade im Grundsätzlichen, indem er die historische Berechtigung, ja Notwendigkeit der arabischen Revolution anerkennt. Indem er anerkennt, daß die Gründung des Staates Israel zu Lasten des palästinensischen Volkes ging. Und was erkennt ihr an? Haben die Israelis ein Recht auf Existenz im Nahen Osten - und zwar als Volk im eigenen Staat - oder haben sie's nicht?

Hassan: Natürlich haben sie es nicht...

Elana: Natürlich nicht...

Michel: Natürlich nicht, also, na ja...

Leo: Laßt ihn doch mal ausreden. Ihr könnt ja dann immer noch was dazu sagen. Hassan...!

Hassan: Wir Araber sind der Auffassung, daß die Juden kein Volk sind, keine Nation im eigentlichen Sinn... Sie sind eine Religionsgemeinschaft, aber kein Volk... Und der Zionismus ist eine faschistische Ideologie im Dienste des us-Imperialismus zur Sicherung seiner Machtpositionen im Nahen Osten. Der Staat Israel ist der Vorposten des us-Imperialismus im arabischen Raum. Revolution bedeutet für uns Araber also zwangsläufig die Zerschlagung und Beseitigung dieses us-Stützpunktes, also des Staates Israel. Warum wollen die Juden ausgerechnet in Palästina einen eigenen Staat haben - nur weil hier vor zweitausend Jahren ein paar jüdische Könige das Land regierten? Es war immer arabisches Land. Die Zionisten sind Europäer. Wir Araber sind Semiten. Was wollen die Europäer auf arabischem Boden? Es ist eine große Ungerechtigkeit gegenüber dem arabischen Volk. Wir waren nie judenfeindlich. In unseren Ländern haben immer Juden gelebt, und es leben heute noch Juden in den arabischen Ländern. Wir haben sie nicht verfolgt, haben sie nicht vergast... Doch jetzt sollen wir für Hitler bestraft werden. Das geht nicht. Das wird keinen Bestand haben vor der Geschichte.

Michel: Okay, ich greife das auf. Einig sind wir uns darin, daß die arabischen Völker nicht für die Naziverbrechen büßen sollen. In der Tat hat es den Anschein, als geschähe gerade dies, indem Israel den Arabern eine militärische Niederlage nach der anderen zufügt...

Hassan: Nicht ohne Hilfe des ausländischen Kapitals.

Michel: Gut, lassen wir das auf sich beruhen.Wie kamen wir nach Palästina? Der zionistische Gedanke ist älter als der Nazismus.

Hassan: Es sind nahe Verwandte.

Michel: Schön, dann sind sechs Millionen Juden vielleicht von ihren nahen Verwandten umgebracht worden.

Hassan: Ist das unsere Schuld? Außerdem waren die sechs Millionen nicht alle Zionisten.

Michel: Das klingt wie blanker Hohn. Wären die Israelis also besser keine Zionisten geworden!

Hassan: Aber warum unbedingt nach Palästina? Will man uns denn für Hitler verantwortlich machen?

Michel: Natürlich nicht. Obwohl es während der Nazizeit recht herzliche deutsch-arabische Kontakte gegeben hat, die zum Teil bis in die Gegenwart reichen. Der heutige ägyptische Staatspräsident gilt als ein Freund der Nazis.

Hassan: Ihm ging es um den arabischen Kampf gegen den englischen Imperialismus.

Michel: Man sollte sich seine Verbündeten genau anschaun. Sadat konnte das Verbrecherische am Nazismus nicht entgangen sein.

Hassan: Und Israels Bündnis mit dem us-Imperialismus, der in Vietnam ebenfalls schwere Kriegsverbrechen begeht? Auch das nennt man Völkermord. Und die Unterdrückung der Schwarzen in Amerika? Ist das kein Rassismus?

Timidus: Ich glaube, man sollte hier klarstellen: Wir können den Teufel nicht mit dem Beelzebub austreiben. Ich denke, daß wir uns in der Ablehnung jeder Art von Rassismus, Imperialismus, Kriegsverbrechen, von wem immer sie begangen werden, einig sind. Das kann nicht Thema unserer Diskussion sein. Wir haben davon auszugehen, ich jedenfalls gehe davon aus, daß auf seiten der in der Nahostsituation physisch und psychologisch betroffenen Völker, auf beiden Seiten, auf allen Seiten, ein absolutes oder doch kaum relativiertes Rechtsbewußtsein für den eigenen politischen Standpunkt vorherrscht.

Hassan: Die Völker haben nichts zu sagen. Und der Zionismus ist eine eindeutig faschistische und rassistische Ideologie.

Timidus: Ohne Zweifel beruht die zionistische Idee auf einem Nationalismus der Juden, die sich als Volk begreifen und nun zusammen, und zwar für sich ganz allein, einen Staat haben wollen.

Elana: Jahrhunderte lang hat man uns Juden das Recht verweigert, wie andere Menschen in Ruhe und Frieden zu leben und zu arbeiten. Wo immer es sich fand, waren wir benachteiligt. Wo immer in den Staaten etwas im argen lag, die Juden waren daran schuld. Vielleicht waren sie wirklich am einen oder anderen mitschuld, aber waren wir deshalb von vornherein schlechtere Menschen als alle andern? Waren die Christen Engel und wir die Teufel? Auschwitz war der Höhepunkt. Das Ende. Seitdem setzen wir uns zur Wehr. Wer uns jetzt ans Leben will, der muß damit rechnen, und er weiß mittlerweile, daß er damit rechnen muß: daß wir kämpfen werden. Nie wieder werden wir uns wie eine Lämmerherde wegführen und hinschlachten lassen. Damit ist es ein für allemal genug. Die Geschichte des jüdischen Volkes hat sich gewendet. Jetzt schlagen wir zurück. Aus diesem Geschichtsverständnis, aus dieser kollektiven Verfolgungsgeschichte leiten wir auch unser heutiges Selbstverständnis als Volk ab, jawohl, ob wir ein Volk sind oder nicht, ob wir Juden zusammengehören oder nicht: unsere Verfolger haben uns gelehrt: sie machen keine Unterschiede. Die Konsequenzen daraus haben wir gezogen. Als was wir uns heute verstehen, soll man bitte uns überlassen. Wir stellen auch keine philosophischen Überlegungen darüber an, ob es eine arabische Nation gebe oder eine Summe arabischer Nationen, aus Libanesen, Irakern, Jordaniern, Sudanesen, Ägyptern... Da könnte es schon erste Zweifel geben. Israel ist heute - nach zweitausend Jahren Verfolgung - das einzige Land, wo man als Jude wirklich frei leben kann. Wo einem nicht Knüppel zwischen die Beine geworfen werden, nur weil man Jude ist. Wir haben andere, neue Probleme, aber nicht solche...

Leo: Gibst du zu, daß die in Israel lebenden Araber sozial, ökonomisch, politisch, psychologisch, insgesamt benachteiligt sind?

Elana: Politisch - ja. Wir leben in permanentem Kriegszustand. Die arabischen Staaten verurteilen jede halbwegs loyale Haltung gegenüber der israelischen Regierung als Kollaboration mit dem Feind. Ökonomisch - nein, nicht primär. Aber ich gebe zu, das ist ein soziales Problem.

Timidus: Ich stimme dem bei. Es zeigt sich gerade in den letzten Jahren, daß der Nahostkonflikt latent, aber auch schon offen, ein Klassenkonflikt ist. Wer kämpft heute in Israel um seine gesellschaftlichen Rechte? Black Panthers. Orientalische Juden. Wer hat die palästinensische Guerilla auf unbeschreiblich brutale Weise ausgerottet? Die jordanische Armee. Die letzten Partisanen flohen zu ihren israelischen Todfeinden, unter den Schutz des Staates, den sie vernichten wollten. Die kulturell-zivilisatorische Differenz zwischen Orientalen und Europäern (zu denen ich auch die in Israel geborenen Kinder europäischer Einwanderer zähle), diese Differenz wirkt sich im Prozeß der Industrialisierung natürlich aus. Die Technik und all der Kram kommen schließlich aus dem Westen. Die Europäer sind da zweifellos im Vorteil. Auf diesem Gebiet. Sie sind darum nicht "kultivierter" in einem humaneren Verstand. Davon kann weißgott keine Rede sein. Aber Technik und Naturwissenschaften sind nun mal der Motor all dessen, was wir, nun ja, ich habe auch meine Bedenken, "Fortschritt" nennen. Mitunter nimmt denn auch jene Differenz in Fragen wissenschaftlich-technischer Intelligenz Klassencharakter an. Das ist nicht zu übersehen. Die Fronten im Nahen Osten verlaufen - so viel sollte immer klar sein - nicht vertikal, sondern horizontal, quer durch alle Länder hindurch. Innerhalb Israels spielt sich das zentrale Nahostproblem, und zwar bis zum äußersten verschärft, auf engstem Raum noch einmal im kleinen ab. Die Frage, ob jemand Jude ist oder nicht, tritt dabei in den Hintergrund.

Elana: ...ist kein Problem mehr.

Hassan: Und die Araber in Israel? Und die Flüchtlinge im Gazastreifen?

Michel: Und in Jordanien?

Leo: Die sind fast vergessen.

Michel: Vielleicht langsam umgebracht, als angebliche Partisanen.

Timidus: Wir verstehen den Nahostkonflikt jedenfalls nicht, wenn wir ihn als einen "arabisch-jüdischen" auffassen. Das ist die nationalistische Interpretation, die den Tatsachen nicht gerecht wird. Überdies: wenn es irgendwo Länder gibt, die die soziale Revolution nötig haben, dann sind es die arabischen Ölkönigtümer. Mit das reaktionärste, was die Welt heute kennt. Wenn die den Guerilla-Kampf streckenweise finanziell unterstützt haben, so verfolgten sie damit ganz andere Interessen als die der sozialen Revolution. Und in den Staaten, in denen die sogenannten Revolutionsregierungen an der Macht sind, werden in erster Linie bestehende Herrschaftsverhältnisse abgesichert und nicht revolutionär verändert. Dagegen ist Israel im Innern eine funktionierende Demokratie mit bedeutenden sozialistischen Elementen, die freilich zunehmend verkümmern. In Israel ist der Klassenkampf selbst in den Kriegszeiten nicht oder nur kurzfristig zum Erliegen gekommen. Wo gibt es sichtbare Spuren von Klassenkampf in den arabischen Staaten?

Michel: Ich bin solidarisch mit den Palästinensern in ihrem Kampf um Selbstbestimmung. Aber ich kann diesen Kampf nicht unterstützen auf Kosten des Selbstbestimmungsrechts des israelischen Volkes. Israel ist inzwischen eine historische Tatsache; man kann nicht Politik machen an Israel vorbei. Niemand kann das. Nicht einmal die Amerikaner können es. Wer die Geschichte im Nahen Osten verfolgt hat, weiß das. Und wer glaubt, Israel sei weiter nichts als ein Instrument der usa im Vorderen Orient und nicht Subjekt seiner Politik (ich schränke das ein: es gibt selbstverständlich gemeinsame Interessen, Sachzwänge, Druck - aber auch Gegendruck), der ist auf dem Holzweg. Und wer solchen Irrtum zur Grundlage seiner Politik macht, wird scheitern. Dafür sind die Fakten zu stark.

Leo: Die Verflechtung Israels mit dem Westen ist unentwirrbar. Uri Avneri, er bezeichnet sich übrigens als nichtzionistischen Nationalisten, hat das in seinem Buch "Israel ohne Zionisten" sehr detailliert dargestellt.

Elana: Worum es mir geht: Das israelische Volk ist daran nicht "schuldiger" als andere Völker an den Kapitalverflechtungen ihrer Länder.

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