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Wo lassen Sie denken Où laissez-vous penser? Rent a brain...
Warum nicht? fragen Sie, wie es dazu kam; aber fragen Sie später, oder erlassen Sie mir einstweilen die Antwort.
In Belgrad war ich frei; in Belgrad gaben die Klammern nach, am Bahnsteig, im Zug nach Thessaloniki; in Athen, und vollends in Piräus: fielen sie ab. Oder es geschah in Rhodos.
Ich ließ zurück: graue, mehr oder weniger graue Städte unter grauen, meist grauen Wolken; in den Städten und auf den Dörfern das Grau der Leute: sähe es dahinter nicht genauso aus. So bin ich auf und nach dem Süden, etwa insgeheim, wer weiß, um mich dort zu vergewissern, ob ich mich von denen droben in Nord ein wenig unterscheide.
Geht es andern auch wie mir: ich fuhr in die orientalische Fremde und fand sie um so heimischer, je augenscheinlich unbekannter sie mir wurde. Zum wievieltausendsten Male geriet einer ins Staunen und gerieten ihm aus dem Staunen auch unvernünftige Fragen. Mußte ich fragen oder bei solchen, die's wissen, mich umsehn späterhin, ob (jeder verrückten Möglichkeit ein Chance!) ein Vorfahr kopflos ins Abendland gewandert auf der Flucht vor seinem gealterten Weibe, die warmen Mittelmeerküsten hinter sich lassend, neue Wüsten suchend, in feuchter grauer Trauer versinkend des geografischen Herbstes? Und wäre es denn ein kranker Wahn gewesen, der ihn trieb, diesen Irrweg einzuschlagen. Ich klage den Kerl heute an, den heimatlichen Orient verlassen zu haben um eines keifenden Weibes willen. Wenigstens das Zeugen hätte er im Norden unterlassen sollen. Das Gegenteil tat er. Dem werde ich in den Chroniken meiner elterlichen Familien nachgehen. Ach was.
Ich bereite mich vor und halte mich auf, um bald wieder abzuirren von meinem Reiseziel. Eine Handvoll Verrücktheit war schon mit eingemischt ins ganze Vorhaben. War es nicht ein Stück Erhebung, ein Stückchen Aufstand, eine zärtliche Ablösung auch? Und ein Spiel, dessen Einübung und regelloser Verlauf dafür sprechen, daß es dem anfangs einzigen Spieler nicht auf einen Sieg ankam am Ende; daß ihn auch kein olympisches Feuer erhitzt, keine anderswie lockende Flamme angezüngelt, keine Schlange gebissen, noch ein Insekt gestochen oder eine giftige Pflanze ihn berauscht hatte. Natürlich war es dennoch kein purer Zufall, daß ich mich nun den Zufällen überließ. Mir ist heute zuweilen, als sei ich an Israel vorübergegangen, als habe ich es nur flüchtig berührt.
Noch befinde ich mich in Berlin. Ich stehe an der Grenzkontrollstelle Friedrichstraße, Bahnhof, morgens halbfünf, erstes Drittel April sechsundsechzig, mit Koffer, Reisetasche und Schreibmaschine, was ich alles verfluche. Öffnen dem Zöllner, alles, in solcher Früh; schließen; irritierend der Vorgang, belanglos, auch die damit zu tun haben. Ich sag's, Besitz macht unfrei; aber er schützt auch vor dem Verdacht, ein freier Mensch zu sein. Ich hätte, ohne Gepäck auf dem Weg über einige tausend Kilometer, den Grenzpolizisten mit Sicherheit mißtrauisch gemacht, obwohl es ein sozialistischer war.
Ich fuhr nicht ohne Groll, und das Land meiner Erwartung, Ziel meiner Unvernunft, Israel, kannte ich nicht, o doch, selbstverstanden: vom Papier her, vom vielfältig bedruckten Papier her. Kein Freund erwartete mich, kein irgendwie Bekannter; auch kein persönlicher Feind, der meine Überfahrt psychologisch hätte aufladen mögen. Nichts. Doch, ja; eine Anschrift; ein Schreiben an mich aus einem Kibbuz, wo man halt doch von meinem Kommen wußte, mich also allerdings erwartete, als Fremden. Diese Adresse hatte ich von einem israelischen Studenten zu Berlin, Freie Universität, das ist wahr; aber der junge Mann, den ich in Berlin kennengelernt hatte, gedachte noch geraume Zeit in Europa zu bleiben, wenigstens bis zum Examen in einigen Monaten. So lange mithin; ich hatte unterdes und am Rande in der Heimat den Anverwandten und Freunden seine baldige Rückkehr zu vermelden, seiner Heimat, seinen Verwandten, seinen Freunden. Das gab immerhin meinen ersten Israeltagen etwas Zweck und Ziel und Inhalt. Döste ich. Denn sonst wußte ich wahrlich nichts Konkretes als Grund für meine Reise. So ermüde ich mich noch heute. Frei wie ich war, wie ich zu sein meinte, trotz der Baggage, war ich denn unterwegs, kam ich denn an. Herrgott.
Rette ich mich über die ersten Fragen und Tage überdies mit nichtssagenden, neutralisierenden, ausweichenden Reden, für die ersten Atemzüge auf heiliger Erde? Ich konnte mich an die Wahrheit halten, und sie war absurd genug; und mit ein paar Spielen, Satz und Wort, vermag ich über trockene Stellen hinwegzuhüpfen, auch hier, im seichten Gewässer meiner kleinen Erlebnisse in kurzen Berichten und Impressionen (selbst Expressives ist mir dazwischengeraten). Ich kürze nun und übersehe gern, daß ich - gewohntermaßen - nicht aus dem Wasser übers Trockene wieder ins Wasser springe (gleich ob man auch das kann, natürlich), sondern meist von Stein zu Stein übers Wasser. Da sind, sage ich mal, die trocken gehaltenen Erlebnisfleckchen, die kriegen ein paar Tropfen ab, wenn ich drüberspringe, obgleich sich das Wesentliche im Wasser abspielt. Die Steine werden naß vorübergehend. Vorkommende Namen könnten ebensogut erfunden sein, und Verwirrte mögen die Ursachen ihrer Verwirrung beim Verfasser suchen oder vermuten, der sich auch über vieles noch nicht klar geworden ist. So geht es nicht weiter.
In einen ähnlichen Gemütszustand geriet ich nachts um halbzwölf, als ich in Budapest ankam, um hier auf kürzestem Weg und in kürzester Zeit jenen anderen Fernbahnhof zu finden, von da mir der richtige Zug gen Süd, nämlich Jugoslawien, diese schöne Muschel Ungarns, Budapeste, wieder verlassen helfen sollte und würde. (Hier nun müßte ich von Sascha erzählen, müßte einfügen, was schon lang geschrieben steht. Sascha nämlich hatte mir die schöne Budapest ans Herz gelegt; er kannte sie gut und hatte sie mit und nach Geschmack (als Muschel) gerichtet, schmackhaft gemacht als eine, in der sich ein rechter Mensch (und Mann) nur geborgen fühlen könne, die er einfach lieben müsse, und nichts anderes als das.) Vor dem Bahnhof war für mich (fast am Ende einer mittellangen Raupe von Wartenden) später auch ein Taxi zu haben. Wie, um der verkrampften Hände willen, hatte ich so viel Kram mitschleppen können, wie hatte ich nur! Das alles in den Kofferraum, ich in den Fond, der Fahrer zurück hinter seinen Volant, ab ging es, wohin: ich wußte es nicht. Der Chauffeur, in meinen Diensten jetzig, der wußte es auch nicht, aber fuhren wir nicht dennoch? Wir fuhren, also fuhren wir nächtens von Straße zu Straße durch Straße zu Plätzchen und Platz in der ungarischen Metropole eine lange, lange Zeit, ja, das stimmt, bis wir meinen Bahnhof endlich erreichten. Ich mache es kurz. Es war derselbe, den wir vor einer reichlichen Stunde auf der Suche nach einem anderen verlassen hatten. Hier auch war, in der Tat, meine Eisenbahn (man weiß: südwärts, nach Belgrad erst einmal) abzuwarten. So erging es, denn ich spreche die Landessprache nicht. So, halt so, weil auch der Taxifahrer kein Dolmetsch, nicht wahr; und noch Geld mußte ich tauschen für ihn an einer unfreundlich inkarnierten Kasse dazumal. Zudem, alle Auskünfte, die zuvor mir erteilt worden waren, erwiesen sich als falsch. So ward mir Budapest eine fremde Stadt im Wortverstand, eine der komplizierten Umstände, eine unbequeme Stadt. Auch das ist wahr, ich erinnere daran, es war Nacht, und alle waren müde. Der Fahrer hat getan, was er konnte. Unnötig erschien mir zum Morgen die Unterbrechung meines Schlafes durch den ungarischen Grenzpolizisten im Zugabteil vor der Grenze nach Jugoslawien. Alles öffnen wiederum in der fünften Stunde, den Koffer wieder, die Tasche wieder, den Schreibmaschinenkoffer wieder, und alles auch gleich wieder zumachen. Warum, fragte ich mich, um darauf auch wieder fortzuschlafen ins Jugoslawische, womöglich noch zu träumen.
In Belgrad hatte ich zwei Stunden Aufenthalt, so daß ich den Bahnhof nicht verlassen mochte. Ich stieg aus, ging müde und mit schon erwähntem Gepäckübermaß an beiden Händen den langen Bahnsteig bis zum ersten Imbißwagen am Ende des Gleises. Mir kamen die ersten Gerüche und Farben des Orients entgegen, gingen vorbei. Wartende und Ankommende; Begrüßungen durch Verwandte und Freunde; Umarmungen, Wangendruck; Männerkuß auf Männerbart; Limonade und Honigkuchen; auf westdeutsches Geld wird in gleicher Münze herausgegeben; Gepäckträger drängen; unklare Auskunft am Informationsschalter; zurück zum Gepäck. Träger. Thessaloniki. Gleis 7 (oder so). Da ergriff der eine meine Sachen.
Er lud alles auf einen Karren und schob los damit, mich, der ich nachfolgte, mählich zurücklassend, selben Bahnsteig in Widerrichtung, die Hut des Regendaches, immer noch nicht lang genug, schon hinter sich, fast bis ans äußerste, da plötzlich blieb er stehen; hob, während ich herankam, meinen Reisekram unter Arme und in die Hüfte, rechts, und sprang von der Kante. Selbstverständlich ich ihm wieder nach, meinem ganzen Packzeug nach über die Schienen, quer, zu einem toten (?) Gleis am Rande des Bahngeländes, wo drei leere Eisenbahnwagen abstanden. Mein Mann zögerte nicht, und bald verschwand er mit Ladung im Innern des erstbesten. Ehe ich ihn einholte, hatte er ein Kupee mit den Klamotten belegt, hinauf in die Netze damit. Ich gab ihm zwei Packungen Zigaretten, mußte drei runde Mark nachzahlen, um ihn zufriedenzustellen, und hatte nun Zeit, auf den Zug zu warten, der die drei Wagen angeblich abholen würde, um mit ihnen gemeinsam nach Griechenland zu ziehen. Was zur geplanten Stunde auch geschah. Sie miaute und sah aus, als ob sie gleich einschlafen wollt, gar für die Ewigkeit einschlafen. Kohlenschuppengüterbahnhofskatzendrecksfell, ausgehungertes! schrecklich anzuschaun und frech noch dazu, dummes Viech, da, friß aus der Tasche!
Zwischen den Scheiben des Fensters im Rücken ein Dolch an zwei Fäden. Auf dem Korridor gehen Menschen auf und ab, verlassen die Wohnung, andere laufen ins Nebenzimmer. Ich höre Musik, den 2ten Satz - Adagio con molto sentimento d'affetto - der Sonate für Piano und Violoncello d-dur opus 102 No.2 von Ludwig van Beethoven.
"Was sie mich beschimpfen wegen Zypern, klagt der türkische Buchhalter weinend über griechische Grenzpolizei, seit acht Jahren nicht mehr zu Hause gewesen bin ich. Von Deutschland komme ich, will nach Istanbul, die Fahrkarte, alles, das habe ich, aber zurück nach Skopje von der Grenze ums Visum, um ein Stück Papier, reicht mein Geld nicht. Ei was, hatte der ja gesagt an der Grenze, nach Skopje ums Visum, das ist umsonst. Und es ist nicht umsonst. Wassilij, russischer Bruder daheim, was soll ich denn machen!" Zwischen zwei waagrecht ins Fenster gespannten Zwirnsfäden auf und ab wippend der türkische Dolch, das Heft aufrecht, tanzend mit gebreiteten Armen. Am kleinen Tisch auf dem Stuhl ohne Polster im schmalen Zimmer der Wohnung im vierten Stock mit dem Blick durchs Balkonfenster über Belgrads Dächer und im Rücken den Dolch. "Sie haben keine Fahrkarte, also steigen Sie aus nächste Station, ganz einfach." - "Ganz einfach..., ich muß doch nach Skopje, und nun ich kann nicht aussteigen ohne Geld in Jugoslawien." - "Und nicht weiterfahren ohne Geld, also nächste Station!"
In der Belgrader Dachstube drehte sich die Schallplatte und reproduzierte Beethoven zum wievielten Male. Wie Jesus am Kreuz, hing zwischen ausgespannten Fäden der türkische Dolch, hinter Glas. "Ich suche keine Resonanz, sondern Freunde, die mich verstehen. Meine Bilder habe ich verschenkt. Wonach ich ausschau, ist von der politischen Zukunft Amerikas und Chinas oder auch Deutschlands unabhängig; und ich schreibe Monodialoge mit falschen Denkansätzen, weil sie mir über meine Feigheit helfen."
Im Hellas-Express ein paar Fahrgäste legten zusammen. Bis Skopje fuhr er, der Buchhalter aus Kleinasien, stieg, weinend wieder, aus.
"Warum haben mir die Leute nicht geglaubt; kein Geld, und darum betteln müssen, wissen Sie; wenn ich nicht lüge, und doch glaubt mir kein Mensch, was soll ich leben!"
Heute ist Samstag, die Botschaft, oder das Konsulat, ich weiß nicht, ob Sie was erreichen können; und grüßen Sie den Alten mit der Filzkappe!
Im April war's, auf der Hinfahrt, zwischen Belgrad und Skopje. Er stand neben mir, ein alter, bärtiger Bauer im dicken, ackerbraunen Filzanzug, auf dem Kopf vom gleichen Stoff eine fezförmige Kappe, die Hosen verschwanden in schweren Schnürschuhen. Wir sprachen kein Wort miteinander. Jeder durch ein anderes Fenster im Durchgang des Schnellzuges sahen wir auf die nach Süden immer wilder werdende Landschaft.
Den Unwissenden Gnade: zündet ihnen die Häuser an, denn sie wissen noch immer nicht, was sie tun! Wie der Satz vom gnädig gestifteten Feuer auf mich zugekommen, mir nach in den Sinn aus einem fremden Zusammenhang, aus deutschem Land mir folgend über Belgrad und Athen, ich kann es nicht erklären.
Ich erinnere ein Griechenland, das mit heiligem Wasser getränkt ist und nicht mehr das reine. Mein Griechenland erwuchs mir sieben Tage vor den Küsten des gelobten Landes; doch ich erinnere und schreibe durch dieses gefiltert, nach meinen israelischen Bekanntschaften, nach einer zweiten, gegenläufigen Fahrt durch Hellas, nach meiner Heimkehr in die Düsternis mittleren Europas. Ich schreibe ohne den zündenden Eifer des hoffend Zuversichtlichen, ich schreibe nicht in greller Erwartung, sondern krame aus dem, was hinter mir liegt, nicht nur zeitlich, vielmehr auch als Erfahrensmöglichkeit, subjektiv bedingt.
Ich könnte mich an einen Brief halten, den ich in Athen schrieb und nicht zur Post brachte. Dieser Brief ist mit Israel noch nicht belastet.
Die Leute sind clever. Sie machen alles. Sie putzen Schuhe, verkaufen Nüsse und Mandeln, Bananen, Limonaden, tragen Koffer, besorgen Hotelzimmer... Mich zieht es, weißt schon, durch versteckte Gassen, nach Geruch und Laune... Fußgänger kümmern sich um Verkehrsampeln nicht. Autofahrer fahren, wie's ihnen gefällt, nicht selten links. Und die Polizisten gebärden sich, als ginge ihnen alles nach Wunsch...
Ich taste die Steine ab, die Säulen, die marmornen Füße hoher Gestalten. Ich sehe sie spielen; starre Masken auf Stelzen, Chor argivischer Greise, Chor der Danaiden, ich lausche ihren Gesängen, höre sie sprechen; bocksbeiniger Satyros, unter dem Stampfen deiner Hufe springen und klingen die geschliffenen Fliesen mir ins Ohr über zweitausend Jahre aus dem Theater des verhöhnten und verhöhnenden, bis in unsere Tage verkannten Dionysos. Aus dem wilden Land entwirft sich eine helle Idee als klare, strahlende, gemessene Akropolis; die Unzahl Menschen überdauernd, die sich heute als Touristen in den Vordergrund drängen, aber sich Federwolken gleich aufzulösen scheinen, als hätte Helios sie alle transparent gemacht, an ihnen offenbar werden lassen, was übrigbleibt im Lichte: der Schein... (Hier fehlt eben der biblische Einfluß, der das unsere späten Augen blendende Marmorwerk abstumpft, ein bißl menschlicher macht. Ganz gut, daß ich den Brief nicht abschickte und auch nicht weggeworfen habe. Immerhin:) ...verspielt, verbaut, verpetert, weiß oder ocker, freundlich wie das Wetter; auf den flachen Dächern kindlicher Häuser, da hängt Wäsche, sitzt ein kleines Mädchen...
Ich saß zum Abendessen mit einem Athener Bekannten in einem Restaurant in der Stadiou. Wir kauten Salate, Steak, tranken griechisches Bier und sprachen über die Hauptstadt, über Deutschland und Israel. St. kennt es, beruflich, er ist Maschinenbauingenieur. "Anders als das Gewohnte, interessant, besonders Haifa." Von der Straße laut und plötzlich in Sprechchören hellenische Demonstranten. Studenten, wird mir gesagt: "Die jungen Leute sind nie zufrieden." Was rufen sie, was fordern sie. Ich verstehe kein Wort, und mein stockbürgerlicher Gastgeber läßt sich nicht dazu herab, mir die rhythmisch gebrüllten Sätze ins Deutsche zu übertragen. "Die jungen Leute sind halt nie zufrieden", höre ich noch einmal, und dann sowas wie "Ministerkrise", gestottert, als wär's ein Sakrileg.
Ich hatte vergessen, was zu vergessen unterm Sonnenhimmel ich mich nicht gern hindern ließ. Nun bereiteten mir die Studenten aus dem antiken und dem gegenwärtigen, aus dem in Schriften und Werken geisternden und dem hautnah quicklebendigen, bunten, quirligen Athen ein unromantisch (ein Wortspaß) konkretes soziales, sagen wir: Pulverfaß. Mein freundliches Gegenüber St. verwandelte sich in einen politischen Gegner. Wir trennten uns gegen zweiundzwanzig Uhr.
Eine halbe Stunde später stand ich vor dem eisernen Parktor zur Kunstakademie, wortlos Einlaß begehrend. Niemand sollte mich zurückweisen, und kein Mensch nahm Notiz von mir, nicht einmal die zwei Pförtner in dem Gartenhäuschen. Schwatzend waren sie miteinander beschäftigt. In den Gebäuden brannte Licht. Türen standen offen. War es für nächtliche Besuche gedacht? Ich weiß es nicht. Stadtprospekte habe ich nicht gelesen. So ging ich hinein. An Griechenland gemahnten ein paar antike Säulen draußen. Sonst mochte alles hundert Jahre alt sein; ich weigere mich, es in diesem Moment besser zu wissen. Gipsnachbildungen jener Urfiguren, die tausend Meter weiter im Original zu finden waren. Architektur und Nachgemachtes, das kam mir wilhelminisch vor. In einem Zeichensaal Karikaturen auf Arbeitsplatten gekritzelt, infantil, nicht mal obszön; protestieren ungezogene Studenten gegen Schulbetrieb, unverständige Professoren, gegen den Kitsch, der vor der Tür steht. Ein Strichmännchen grinst. Ein langer Eisenbahnzug, diagonal über einen Tisch geritzt, fährt gegen alte Mauern an, gegen bröckelnden Putz und aufgeputzte Gardisten und gegen arrogante Polizei, die sich des eignen Volkes schämt, des kleinen schwarzen Mannes auf der Straße. Die Eisenbahn fährt durch die Straßen Athens, pfeifend, die Lokomotive, zum Großen Aufstand, sammelnd und rottend das schwarze Griechenland gegen uniformierte und sonstwie geschniegelte Bevormundung (und ich schließe St. hier mit ein), zur Erschütterung des Landes: "Wir müssen Köpfe abschneiden, es geht nicht anders. Sehen Sie, dreitausend Kilometer fort aus meinem Land, weil ich zuhause keine Arbeit habe, und immer das Gefühl, betrogen zu sein. Es geht nicht." Da habe ich aus einer späteren Kiste zitiert einen griechischen Gastarbeiter über Jugoslawien nach Deutschland auf dem Weg in eine Fabrik. Ich lernte ihn kennen, später, in vier Monaten, heimkehrend ich.
Meine Phantasie hebt mich aber zurück in die Zeit, da ich in einem Schnellzug über die Berge, nein, Kentauros war's, der fauchend und pfeifend mich übers Hochland trug, auf eisernen Schienenschlangen durch viele Tunnels, die ich nicht zählte unter den goldenen Fingern (denen der Eos, denn es war morgens, halbacht, glaube ich). Und ich dachte, ein Griechenland ohne Homer hätte sich einen anderen gar nicht erfinden müssen. Die alten Mythen und Wahrheiten würden immer wieder von neuem aus dem Lande der Griechen hochwachsen, weisen Pflanzen gleich, lyrischen Titanen. Hier oben begriff ich, meinte ich zu begreifen, wie ich nun einschränke: die Götterwelt der Alten, die ich liebte. Nun begriff ich sie und ihre Entstehung. Ein schönes Land am schönen Meer, geschaffen für ein begabtes Volk.
Genug geträumt, aber es gilt. Auch das: ich sah Frauen in Athen. In der Straße Athinas zwischen der Platia Omonias und dem Bahnhof Monastiraki, am Markt in der Aristighitonos, da sah ich hölzerne Preistafeln an Obstständen. Und, wie gesagt, Frauen sah ich in Athen. Ich sah die Unsichtbaren, die von den Männern Getrennten und aus dem Stadtbild Verdrängten. Oder, sah ich, die sich entziehen und verweigern, um freien Fuß sich zu sichern in die sonnenlose, dafür um so gründlicher gepuderte Zivilisation nördlicher Breiten? Man kauft, was ich nicht fassen konnte, Kosmetika an der Ägäis, Make up im Süden, zum Verblassen ist das. Scharen, indes, dunkler Griechen stehen oder sitzen vor den Häusern, in langen Stuhlreihen, schlürfen Kaffee, trinken Limonade und reden übers kleine Geschäft und alles, was ich nicht wissen kann, da ich ihre Sprache nicht verstehe.
Doch war sie nicht, als sie zu ihm ins Zimmer ging, ein israelisches Wesen? Und Jesus? Ein dem Irrsein nahe Verzweifelter. In dem kleinen Raum die weißen kahlen Wände bunt, bleib still das geht wieder vorbei. Bist ein neuer Jesus, mit blondem Bart? War ja wohl ein Zauberstück auf dem Berg Carmel. Das brennende Wasser?
Mit allerlei und vielerart traf ich in Haifa ein, also. Was sich auf dem Schiff zugetragen hatte, will ich in vier Monaten erzählen, ineins mit allem, was ich von der Rückfahrt zu sagen haben werde. Ich bin ein wenig konfus, weil ich Grund habe, Haifa, je! nun, dem Thema Haifa, auszuweichen, es simplerdings zu umgehen. Beim Blättern in meinen Notizen ist mir doch ein Schreckensblitz in die Finger gefahren. Vom zentralen Punkt meines Israelbildes steht kein einziger Satz geschrieben. Ich habe Haifa nirgendwo erwähnt. Mit allem ist vermutlich bereits der Grund entdeckt: Haifa war der Ort meiner Ankunft, meines Abschieds; und Haifa war schließlich die Stadt, da ich erste Freunde gewann; wo ich untertauchte in arabischen Restaurants, in Cafés, wenn mir das Kollektivleben im Kibbuz wieder mal allzu dicht auf den Pelz gerückt war. Haifa war meine Zuflucht, mein israelisches Asylum; die immer offene Möglichkeit, in urbanem Gewühl namenlos unterzutauchen, aufzugehen.
Haifa ist keine Großstadt; es hat einen Hafen, ohne Hafenstadt zu sein; es ist, da gebe ich St. (Athen!) recht, eine Besonderheit. Haifa ist auch eine schöne Stadt, die ich nicht liebe, mit welcher Anmerkung ich zum Ende meiner Betrachtung komme; denn ich kenne Haifa nicht. Ich habe Haifa nie richtig kennengelernt, obwohl ich durch fast alle Straßen und Gassen gestreift bin, obwohl ich mich oft in der Hafengegend aufhielt, am Meer spazierte, in einem der vielen Busse der vielen Autobuslinien die Serpentinen hinauffuhr und herum und hinab alsdann. Ich war in Haifa wie zuhause, ich kenne es, wie jemand seine Geburtsstadt kennt: eben darum kenne ich es nicht. Ich war nicht einmal im Bahai-Tempel, ich habe das Drusendorf nicht besucht auf dem Carmel-Berg. Ich habe noch nicht den Grunewaldturm erstiegen in Berlin.
Das nun rührt endlich wieder daran, daß ich als Deutscher gekommen war. Für mich war es nicht unproblematisch, daß mein tägliches Zusammentreffen mit Israelis - immer in Kenntnis dessen, daß ich deutsch war - niemals mit Ressentiments belastet wurde. Ich hatte erwartet, daß man mir mit einer gewissen Kühle, mit Zurückhaltung, mit Mißtrauen und derlei begegnen würde. O nein, es war nicht problematisch; problematisch ist es erst geworden, in Deutschland.
Ich spürte nichts von Vorbehalten gegen mich. Ob es mich überraschte, oder ob ich es für selbstverständlich nahm: diese Frage kann überhaupt nur für die ersten paar Tage gestellt weden. Ich wußte dann bald, daß meine Erfahrung offenbar eine Selbstverständlichkeit ist. Zunächst registrierte ich es. Und ich glaube doch, daß mir das Gewicht dieser Erfahrung erst nachträglich meßbar wird, und daß dieses Gewicht zunimmt, das weiß ich, seit ich wieder in Deutschland bin und hier gleich auch wieder von antisemitischen Ausschreitungen, Demolierung jüdischer Friedhöfe und dergleichen zu lesen hatte. Was mir während meines Israel-Aufenthaltes gar nicht recht aufging, weil es derzeit so unkompliziert, so alltäglich und normal war, so gar nicht anders denkbar, erhält bei eingehender Besinnung eine moralische Wucht ohnegleichen: daß ich als ein Nachkomme der Mörder im Lande der Ermordeten und ihrer Hinterbliebenen ein freier Mann war. Wie kann ich verständlich machen, daß ich als Deutscher in Israel gelöster, unbeschwerter, freier zu leben vermochte, als es mir im eigenen Lande gestattet wird. Es war das Klima auch, die ewige Sonne. Aber was kann einem von dummen, intoleranten, von böswilligen Menschen verdorben werden! Eben die fand ich nicht! Es wird sie geben: ich fand sie nicht. Ich registrierte eher ein verbreitetes, wie darf ich sagen, innersoziales Wohlwollen.
Die alte Verkrampfung stellte sich auf Rhodos wieder ein, wo ich, heimwärts später im August, mit den Ausläufern des europäischen Urlaubsfiebers und der damit verknüpften Geldschneiderei erstmals wieder in Berührung kam. Sie, die Verkrampfung, verstärkte sich gegen Nord, wo alles zu abstrakter Ordnung zu erstarren schien, wo die Menschen einander mehr und mehr glichen, wo sie endlich in Deutschland nur noch eine einzige Zeitung lasen. Vorurteile, o ja! Und es wäre erstaunlich, hätte ich sie nicht gewonnen nach allem, was war und was ist. O ja, Vorurteile. Aber warum hatten die Juden keine gegen mich?
Ich hebe ins Gedenken, daß ich zu einer Zeit schreibe, da in Deutschland wieder politisch Andersdenkende in Gefahr sind, mit der Polizei in Konflikt zu geraten; zu einer Zeit, da linksorientierte Demonstranten sich auf der Straße polizeilichen Knüppelgarden gegenübersehen; zu einer Zeit, da polizeiliche Gewaltakte gegen schwache Minderheiten auf offener Straße von der Bevölkerung nicht nur geduldet, sondern mit Wut und Wort, mit Gestik und Geifer aktiv unterstützt werden; zu einer Zeit, da das propagandistische Schwergewicht einer sterilisierten Presse in der Hand eines Mannes und in Diensten einer gefährlicher und rücksichtsloser werdenden Wirtschaftsmacht wieder einmal die Mehrheit eines ganzen Volkes zu korrumpieren sich angelegen sein läßt; zu einer Zeit, da eben dieser Mann, Axel Springer, zum Beispiel, vom offiziellen Israel wie ein Freund in gemeinsamer Sache im gelobten Land gefeiert wird. Ich hebe damit ins Gedenken die Toten, die von den alten deutschen Feinden friedlicher Freiheit ermordet wurden, und die Nachkommen und Hinterbliebenen der Ermordeten, die ihrerseits nunmehr gemeinsame Sache mit den neuen deutschen Feinden nämlicher Freiheit machen. Israel, mach dir die Hände nicht schmutzig!
Man sieht, es gibt auch moralische Forderungen an Israel, und ich bedaure, daß es deutsche Forderungen sind: Es geht nicht um Versöhnung, und in Sack und Asche tun mögen sich Heuchler und Gerstenmaier. Die objektive Verflechtung auf sich nehmen: das ist kein Martyrium. Es ist nicht einmal ein Verzicht auf Frieden, sondern einfach sein Verlust; keine moralische Frage, sondern Erkenntnis, durch die Wahrheit am Ende unüberwindlich und zwingend wird. Damit geht die Freiheit zu lügen verloren. Zu lernen ist, dies alles nicht mehr zu fürchten.
Ob angeboren, also aus den Schlünden meiner Müttervorwelt mit mir hervorgekommen, oder im Vollzug meines Lebens nach und nach zugelegt: ich neige zum Asozialen. Dieser Wesenszug leitete mich auch in Israel, leitete? Es trieb mich ins Verborgene, Schmutzige und Verschmähte, in die Armenviertel von Jaffa und dem unteren Haifa, nachts zu den alten Männern auf Jerusalems Straßen, den bärtigen Straßenreinigern, fleißig mit Schläuchen und Besen bis zum Morgen. Es trieb mich hinter die Kulissen und Fassaden, zu den Bettlern und Arabern; hinter die Gesichter und Worte, in den Hintergrund des Alltags, der ein Teil dessen ist. Das in Deutschland vom individuellen Selbsterhaltungswillen diktierte Mißtrauen gegen alles Offizielle, Propagierte, Werbende und Leuchtende, gegen Ordnung und Hygieneprinzip war in Israel rege genug; mitunter geeignet, dem empfindlichen Objekt Schaden zuzufügen, dies vor allem in mir selbst und in Vergleichen mit dem verhaßten Heimatland.
Schnell eine Notiz aus der vierten Woche Israel: Der erste Gedanke war, in Tel Aviv mein Athen wiedergefunden zu haben. Er verflog. Baumkulturen sah ich und einen von den ersten Siedlern vor einigen Jahrzehnten angelegten (mithin künstlichen) Wald. Verlassene Siedlungen, die nun antik, freilich vorgestellt, bloß. Steine brachen vom Felsen und enthüllten Spuren von Meer und Menschenhand. (Ich selbst hatte sie gelöst. Darunter fand ich Muscheln. An anderer Stelle glaubte ich altes Mauerwerk entdeckt zu haben; etwas wie ein Steingrab erwies (?) sich als frühes Wasserreservoir.)
Eine Hand greift durchs Gitter, faßt (Finger um Finger) Hühnerbeine (je eines), fünf tumbe Federtiere (schrille Kehlschnäbel, schrieb ich), Augen wie von bösen Müttern (Freud gelesen?), kotige Federn, Blut in der Gasse, der Gosse einer vernarbten Stadt, die ich mit meiner Trauer bedeckte, einem Hauch wie Tau nach kühler Nacht.
Seichte, grobthymige Jugend baut jene Hintergründe ab, baut aus abgebrochenen Felsbrocken lächerliche Feuerstellen zum Lobe einer Nation, einer sich neu etablierenden Gesellschaft von mitteleuropäischer (so meinte ich, als ich zunächst von "europäischer" schrieb) Kaltschnäuzigkeit. (Es folgen Sätze um Mittelmeersalz, gebräunte Haut, aggressive Wellen, Zenith, Sonne natürlich und die Realität zerstörter Häuser am Gestade einer mediterranen Großstadt, nämlich Tel Aviv-Jaffas.)
Dies Land will nicht sein wie die anderen. (Nicht ein levantinischer neben anderen levantinischen Staaten dürfe Israel werden, so stand's in der deutschsprachigen Zeitung.) Hoffend auf die Verheißung der Väter, waren zusammengeströmt aus aller Welt die Kinder Israel, zu leben hier, wie alle Menschheit anderswo: wider das Gesetz, ohne gelernt zu haben aus ihrer Geschichte?
Himmel ohne Wolken, Klagerufe, über weite Distelfelder die Schreie angepflockter Esel, Zeichen, die arabischen zehn vom Hundert würden Liebe ernten ihrer Vormünder aus den Ländern des Abends? Eine Brücke zwischen blonden und schwarzen Juden werde aufgerüstet? In tiefreichenden Schichten ungezählter Hügel warten Zeugen einer vielleicht fehlverstandenen Vergangenheit. Volk Gottes, durch Leiden verwirklicht, von den Völkern durchs Leben geprügelt, gehst den Weg der Zivilisierten, gehst vom Geiste fort, und ohne dich geläutert zu haben? Hat alles geschehen müssen um dieses Experimentes willen, alles Sterben, alle Verfolgung: sechs Millionen Tote, damit dies hier werde, eine hemdsärmelige Kopie abendländischer Zivilisation? Hat der Gott des Zorns, Alter, hast du gefrevelt am liebsten deiner Kinder? Ich lese deine Liebe aus den Schriften, und ich misse ihren Atem in den Worten und Gedanken der ins Land Geratenen. Denn sie sind seßhaft geworden.
Bin ich gekommen, deiner Liebe zu begegnen in den schwarzen, fragenden Augen zerlumpter Araberkinder?
Schlägt ein Pendel zurück, das alle Schuld auf sich zu nehmen einst geduldig genug war. Sei nicht gemessen am geschriebenen Gesetz und am Maßstab der Väter. Chamsin möge die Gedanken nicht auflösen. Chamsin möge sie verschließen. Staub macht müdem Landarbeiter Seele zu trocken, als daß er sich aufrichten könnt', den ersten Schritt übern Neumond zu tun. Nächtlich am Horizont Haifa schickt zu schwerem Schlafe silbernen Trost herüber.
Ich mittwoche mich von Dienstag zu Donnerstag. Nicht die Fäden reißen lassen, nicht festhalten, sondern tanzen, tändeln... helles Wachen sumserumsumsum. Der Alte hatte den Bart wachsen lassen, packte sein Schnürbündel und zog in eine leidenschaftslos durchschnittliche Kleinstadt in der südlichen Tschechoslowakei. Am Ort, den Kindern in der Schule, gedachte er vom bunten Mann zu erzählen, und von den sprechenden Vögeln, die seltsam und Seltsames zu zwitschern wußten und schon manch Geheimnis ausgeschnäbelt hatten, dabei nickten sie immer mit dem Köpfchen. Eines Abends ging der Bunte zu den nickenden Vögeln und, ja was, ob's am Wetter war oder daran, daß die Fische gerade laichten; in dieser Nacht trug sich zu, was die Stadt verwandelte, nicht so sehr in ihrem Äußeren wie im Charakter, wie ich es nenne. Doch sichtbar auch, an der Oberfläche, gab es Verändertes. Am drauffolgenden Morgen halt ward der bunte Mann beflügelt gesehen, mit einem schweren Schnabel im Gesicht, wie ein Herrscherlicher, wie ein Gardist, fällt mir Griechisches ein; und antik kommt's herauf aus dem maskulinen Ägypten, vom aushöhlenden Streit mit den sich verweigernden Danaidenweibern, die ins Hellenische flohen vor dem andern Geschlecht, um in entgleister, in eingleisiger Weiblichkeit den ersehnten Frieden niemals finden zu können. Narrentöchter und von der Urmutter Io Gezeichnete! Da hatten die Vogelmenschen Federn lassen müssen, nicht weil sie Lüge, aber weil sie nicht erkannt worden waren. An diesem Tage aber wollte kein Kind zur Schule gehen.
Und sie kennen deine Bücher nicht, Moshe. Späße machen sie um dich, nicht boshaft, gewißlich; aber glaube das Märchen nicht vom Volk der Juden, das dir auf den Fersen sei, in den Büchern oder mit der Schaufel gar. Und sie verlachen deine Gelehrten. Von diesen einige wollen den neuen Staat nicht wissen. Nicht ich, der Deutsche, sie werden gehaßt! Und mein Dank fürs fehlende Ressentiment?
Ich stille meine Wut, indem ich wiederum versuche, meinen beschränkten Beobachtungen Gestalt zu geben. Dabei hoffe ich, daß manches an Behauptung sich erklären werde. Was ich schon benannt habe, ist in der Sache zu erweitern und bezüglich des aktiv beteiligten Personenkreises abzugrenzen.
Deutsche, Tschechen, Slowaken, Österreicher - und auch ihre jugendlichen Sabresöhne und -töchter; Zionisten, die Europa noch vor der Hitlerzeit verlassen hatten oder gleich in deren ersten Jahren, und auch kz-Insassen, die ihr Überleben dem Umstand verdanken, daß die Mordmaschinerie zu perfekt oder nicht perfekt und nicht schnell genug arbeitete, um auch den letzten Juden vernichten zu können.
Was mich erschreckte, ist als latenter Antiorientalismus wohl ziemlich treffend gekennzeichnet, obwohl es die Abneigung von der Orthodoxie, die europäischen Ursprungs ist, einschließt. Rassistische Vorurteile und Kulturarroganz mögen sich oft überschneiden, wobei letztere offenbar im Vordergrund steht und jene anderen ja ohnedies kulturell und gesellschaftlich bedingt werden. Vieles, das ich sah und hörte, gemahnte mich an Deutschland eher denn an das Israel meiner Vorstellungen. Es kam mir aus manchem Mund verdächtig deutsch entgegen. Es schien aus der Tiefe zu kommen, mein Gott, war es möglich, daß sie in mir den Deutschen sahen, dem sie auch sonst verborgene Gedanken darlegen und ungesagte Worte sagen konnten, zu können glaubten; was, in ihrem Antisemitismus und der Verachtung der Orientalen, erwarteten sie von mir, dem Deutschen? Womöglich Augenzwinkern, Zustimmung, Weitersagen in Europa, Consensus insgeheim?
"Hitler hat ja damals einen großen Fehler gemacht, als er uns Juden alle umbringen wollte." Was wir "gute Deutsche" nennen: auf "bessere" traf ich in Israel. Ein sudetendeutscher Jude läßt sich regelmäßig die Vereinszeitschrift der Sudetendeutschen Landsmannschaft, also einer nahezu rechtsradikalen Organisation, aus der Bundesrepublik zusenden. Er hat die politische Meinung des Vereins im großen und ganzen übernommen und reicht die Postille, nachdem er sie gelesen, an Kibbuznachbarn weiter. Bewunderung des alten deutschen Militärs, rückhaltlose Verehrung Adenauers (verdreht genug, wenn ich an Globke erinnern mußte). Symptome für neuen Faschismus in der Bundesrepublik Deutschland; die Deutschen haben aus ihrer Geschichte nichts gelernt? Ach was, ich solle nicht so hohe Anforderungen stellen, die Menschen seien eben überfordert: "Sie verlangen zuviel!" Solche Gespräche hatten ihre eigene Komik mit derart vertauschten Fronten. Aber die Fronten waren doch gar nicht vertauscht; ich stand, nur eben in einem anderen Land, dem gleichen deutschen Kleinbürger gegenüber, den ich derzeit in Mitteleuropa zurückgelassen zu haben meinte. Ich bin nicht kleinlich, indem ich davon berichte. Für mich war es zumindest sehr überraschend, gleich in den ersten Tagen meines Aufenthaltes ausgerechnet in Israel, wenn auch nur in sehr privaten Gesprächen, diesen Ungeist vorzufinden und bei näherem Hinsehn, wie gesagt, als deutschen Ungeist identifizieren zu müssen. Das ist mir ins Blut gegangen.
Und was sagen Sie zum Krieg in Vietnam? Wohl wenig Interesse, wohl schlecht informiert (aktuell wie historisch), wohl etwas blind antikommunistisch; was hat es denn auf sich mit jenem bösen Kriegsgespenst, dem China. Wie in Deutschland gehabt; eben doch sehr westlich. Ein zwanzigjähriger Kibbuznik, verheiratet, würde gleich, sagt er mir, nach Vietnam gehen, um gegen die Kommunisten zu kämpfen.
Auf der Seite Goliaths? Die Frage verstand er nicht.
Aber sie alle sind frei. Israel ist ein gefährdeter Staat mit einer freien Gesellschaft, mit einer Demokratie, die wirklich funktioniert. Und jener Ungeist? Die "Jeckes" geben gewiß da und dort den Ton an, aber als "Jeckes" sind sie keine Macht, sondern eher, mitunter, verlacht, pardon.
Die dicken Mauern übertragen die Klopftöne der Arbeiter. Durch einen Spalt sticht in die Dunkelheit ein erstes Orientierungslicht. Seit zehn Minuten halte ich mich in einer Militärzone auf, die zu betreten Zivilisten untersagt ist. Das Gebiet unterliegt den strengen Vorschriften zum höchsten Grad der Geheimhaltung. Ich stehe in der Finsternis eines eingestürzten Treppenhauses, dankbar für jeden Lichtschimmer. Der Trakt gehört zu einem Kriegerhaus herkömmlicher Art. Mehr oder weniger.
Das Warnschild hatte ich gelesen, es lag umgeworfen hinterm aufgerissenen Zaun. Gerade stolperte ich über eine jahrhundertealte Stufe. Über Treppen, die plötzlich an zusammengefallenem Mauerwerk endeten, hatte ich mich in das Labyrinth vorgetastet. An den Wänden handtellergroße Vorsprünge, Kerzenhalter, ohne Kerzen, so viel konnte ich erkennen. Nun stand ich in dem großen Rittersaal der Kreuzfahrerburg und konnte wieder richtig gucken.
Sah ich. In dem kleinen Hafenbecken Fische, die in satten Schwärmen Fadenspuren in das grüne Salzwasser stachen. (Ähnlich, übrigens, dem Lichtstrahl zuvor in die - jeder weiß es wieder - Dunkelheit.) Hinauf zum Burghügel versteckt sich ein fußbreiter Pfad zwischen Felsen und Mauerresten, vorbei an Kakteen und mittelalterlicher (ja, was sonst, bei Rittern!) Geschichte. Flugsand und Meeresfeuchtigkeit, wilde Flora decken Teile der Ruine mit Zeit und Natur wieder zu. Wohin der Wind nicht reicht, in versteckten Winkeln warten die kümmerlichen Mauern der kampflos verlassenen Burg, die später in türkischen Besitz kam (aus welcher Zeit einige zugefügte Bauteile, einfach, eckig, übriggeblieben sind). Warten, auf was?
Christliche Wachen. Zwei Ritter aus dem fernen Europa lehnten am mannshohen gotischen Bogen über dem Aufgang zur Plattform hoch über der See unterm ewigblauen Himmel des heiligen Landes. Die Araber hatten prüde Sitten. Das war ärgerlich. Wie sollte es unter der Hitzeglocke enden, wenn die ihre Töchter nicht herausgaben. Die jüdischen Mädchen waren nicht minder sicher verwahrt. Gott war das ein ödes Land; aber sie würden das schwarzbraune Volk noch unter den Segen zwingen, so's nicht von allein gehn wollt. "Beim Heiligen Vater! sind wir fromme Gesellen etwan nit? Höre, Gevatter, gestern, ich sag dir, die Kleine auf dem Esel, den Bruder hätte ich prügeln sollen, aber mit dem Schwert! Ist uns das Fischen vom Abt verboten, bloß weil es für die fetten Fische und Krebse teure Gabeln hat?"
Steinbecken, palettenförmig aus dem Ufer gewaschen, ein, zwei Meter tief, grob gesagt, vom gleichen Durchmesser. Der Boden rundum liegt um zwei Zentimeter unterm Wasserspiegel, so daß die Schuhe nicht trocken bleiben. Darin, im Naturbassin, Fische, Krebse, Quallen und Schlangen. Einige Löcher liegen trocken, Boden mit Salz bedeckt. Das Meer hat die Küste angefressen, ihr ein paar Stücke entrissen, damit die Gestrandeten nicht seine Macht vergäßen und ihr Maß an dem Lande, das sie das heilige nannten. Und das Land hat einstweilen nachgegeben.
Unruhe in den kleinen Straßen. Unruhe in den dunklen, versteckten Gängen der Zitadelle. Akko. Die Umnachteten bitten um ein paar Zigaretten, Angst in den Gesichtern, niemand soll erfahren: sie betteln. Gegen die aufgehende Sonne vom Festungsturm einen Steinwurf. Die Moschee des Ahmed Jezzar. Palmenhof des Friedens. Im Westen das Mittelländische Meer. Was Napoleon nicht gelungen war, ich hatte dreieinhalbtausend Jahre Geschichte unter den Füßen, Akko, die orientalische Perle an der Bucht von Haifa. Abdullah, ich kannte ihn nicht, Abdullah, von mir mit dem Namen bedacht, um ihn festzuhalten auf seinem spinnbeinigen Gang für einen einzigen Satz: lange mit deinen dünnen Armen unter die Steine im seichten Meeresrand vor Akko, greif sie, Krebse, Köder für den größern Fang am kommenden Tag.
Sein Großvater stand aufmerkend und rief mir arabische Worte zu, die ich nicht verstand. Ich schritt fort über aus dem Wasser ragende Steine. Da verstand ich, der Weg war beschnitten vom Wasser, und daß ich nicht weitergehen sollte darum. Er lächelte. Abdullahs Mißtrauen hatte mich von der Seite getroffen. Jetzt breitete sich sein Mund. Masalami. Ich ging, Salamaleikum, zwischen See und Straße die Küste entlang zur alten Stadt zurück, vorbei an der türkischen Festung... An der Mauer stehen Menschen aus, Menschen in der Mauer verkrallt mit den Händen an gestreckten Armen wie Fledermäuse hängen Menschen aus der Mauer und starren ins Licht der zum Untergang gerichteten Sonne. Fürchtet ihr den Sirenenruf? Odysseus soll nicht wiederkommen.
Was zur Takelung eines Schiffes gehört haben mochte, lag, angeschwemmt, faulend, ein verbranntes Kreuz. Bei Caesarea hatte ich Strandkrebse über den wassersatten Sand huschen sehen. Sie verschwanden spurlos, sobald ich näherkam; in winzigen Bodenlöchern, wie ich herausfand. Atlit hat versteckten Fisch- und Krebsreichtum vor der Kreuzfahrerburg; top secret! (Militärzone.) Zauberhirsche. Cantata profana.
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