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Beiträge zur demokratischen Eroberung

2001-06-03

Tarik Erich Knapp

Welche Interpretation gilt?

US-Präsident Ronald Reagan hat einmal, und seine Aussage wurde ihm im "aufgeklärten" linken Europa sehr verübelt, die Sowjetunion als das "Reich des Bösen", also des Teufels bezeichnet. Einer seiner frühesten deutschen Anhänger bei der Berliner Linken hält folgerichtig den Zusammenfall der UdSSR und ihres Blockes für eine Fügung des Herrn der Geschichte, also Gottes. Er schreibt: "Die Geschichte, wie sie verlaufen ist, verlief nach dem Willen Gottes" (23.5.01). Das ist ernst zu nehmen und kann nicht lächerlich gemacht werden! Es sind vielmehr die "Aufgeklärten", die lächerlich denken!

Die sogenannten Aufgeklärten denken vor allem nicht an Vergangenheiten, in der oberflächlich optimistischen Annahme, das Vergangene sei überholt und der Menschheit stehe eine blendende Zukunft offen. Die Gegenwart jedenfalls ist noch offen für Frage- und Infragestellungen. Darum sei gefragt, ob der Moskowitische Zusammenfall nicht doch als "Fügung des Teufels" bezeichnet werden könnte. Für eine derartige Geschichtsinterpretation lassen sich immerhin einige Indizien anführen.

Ein advocatus diaboli würde daran erinnern, daß der Bolschewismus fast nie den Direktangriff auf den "Klassenfeind" vorhatte. Vielmehr beabsichtigten seine schachkundigen Strategen überwiegend, die Gegner aufeinanderzuhetzen, um zuletzt Beute einzuheimsen. So setzte Lenin auf das im Ersten Weltkrieg besiegte Deutschland und schloß mit ihm den Rapallo-Vertrag. So setzte Stalin auf einen Krieg Hitler-Deutschlands gegen die Westmächte und schloß 1939 mit Berlin den Teilungsvertrag über Polen. Damit brach kurz danach der Zweite Weltkrieg, mit einem erneuten Seitenwechsel Moskaus nach zwei Jahren, aus. 1945 hatte die Sowjetunion halb Deutschland, ganz Ostmitteleuropa und wichtige Gebiete Ostasiens in den Händen. Westdeutschland zwar war ihr entgangen. Aber bald versuchte Stalin es in sein Lager zu zerren mithilfe seines "berühmten" Neutralitätsangebotes für ein wiedervereinigtes Gesamtdeutschland. Wäre Bonn darauf eingegangen, dann hätte das die NATO schon in ihren ersten Jahren erledigt. Adenauer widersetzte sich erfolgreich diesem vergifteten Angebot. Doch es wirkte weiter in der FDP (Dehler) und SPD (Heinemann). Nach Stalins Tod wiederholte der sowjetische Geheimdienst, der die Moskauer Diplomatie beherrschte, ähnliche Anerbieten. Beria soll hinter einem weiteren Neutralitätsvorschlag an Bonn gestanden haben; der polnische Außenminister Rapacki machte ein erweitertes Angebot. Auch der sowjetische Gewerkschaftsvorsitzende Scheljepin, der zeitweise dem KGB angehört hatte, sowie Chruschtschows Schwiegersohn Adschubei suchten nach Rissen und Spalten im westlichen Bündnis, durch die das rote Infiltrat injiziert werden könnte. Das alles wird heute gerne vergessen, weil ja der Westen vor zehn Jahren scheinbar so glorreich gesiegt habe.

Auch hat man heute verdrängt, daß Adenauer selber die Grundlagen für die posthume Bonner Umdirigierung seiner europäischen und prowestlichen Außenpolitik geschaffen hat, indem er den Personalapparat des Bonner Außenministeriums kriminellen Mitarbeitern jenes Nazi-Außenministers Ribbentrop überließ, die dann unter dem CDU-Außenminister Schröder die gegen den Moskowitismus gerichtete prochinesische Variante einer Ostpolitik absichtlich nicht ergriffen und danach unter Brandt und Scheel, Schmidt und Genscher die alte Kumpanei mit den Moskauer Machthabern wiederbelebt haben; jenes Nazi-Außenministers Ribbentrop, der zusammen mit dem sowjetischen Außenminister Molotow den Hitler-Stalin-Pakt signiert hatte. Dieses blutigbraune AA-Personal - an Zahl nach 1945 sogar größer als während des Naziregimes! - wünschte sich inständig Ribbentrops Staatssekretär Ernst von Weizsäcker an die Spitze des Hauses zurück. Diese Typen hatten sich im Zeugenflügel des Nürnberger Kriegsverbrecherprozesses schätzen gelernt. Adenauer war wenigstens so schlau, diesen Wünschen nicht zu entsprechen.

Dennoch erreichte diese "Elite" nach dem Rücktritt des Außenministers Brentano unter dessen Nachfolger Schröder, daß die gegen den Moskowitismus gerichtete alternative, nämlich prochinesische Variante einer Bonner Ostpolitik verhindert werden konnte. Später, unter den Außenministern Brandt, Scheel und Genscher konnte die uralte Kumpanei mit den Moskauer Machthabern endgültig verwirklicht werden. Somit gibt es eine konsekutive außenpolitische Linie zwischen Ribbentrop/Weizsäcker und Joschka&Joscha. Wenn der erste ständig davon spricht, wir müßten "Moskau ins Boot holen", dann kommt in dieser Stereotypie der späte Sieg der Stalinisten am Rhein und innerhalb der NATO zum Ausdruck.

Dem Zweitgenannten, Joscha Schmierer, ist natürlich klar, daß inzwischen das von Bonn nie benutzte "rotchinesische Fenster" für eine alternative "libertarisierende" Ostpolitik seit dem Versöhnungstreffen zwischen Gorbatschow und Deng Xiao Ping zugemauert worden ist. Seither gibt es die strategische Allianz zwischen den beiden stalinistischen Diktaturen. Da sie in den Augen des AA-Planungschefs "revisionistisch" genannt werden könnten, wird ihm auch keine bessere Idee gegen den neuen Moskowitismus einfallen. Rosa-Rußland und Rot-China stehen gemeinsam gegen die Hauptmacht des bisherigen Westens, die USA. Doch durch die Beendigung des Kalten Krieges ist "der Westen" aufgeweicht (OSZE!). Er besteht praktisch nur noch aus den USA.

Das mit Abstand intelligenteste Instrument der bolschewistischen Weltrevolution ist die Tscheka, die Nachfolgeorganisation der zaristischen Ochrana. Mehrfach hat sie ihren Namen gewechselt - in NKWD, MWD und KGB -, doch ihr Ziel blieb immer dasselbe: die Weltrevolution für das Moskowitische Imperium. Sie kontrollierte nicht nur die Administration und die Massenpropaganda der UdSSR, sondern auch die Rote Armee und die Wirtschaft des Landes, zuletzt auch das Politbüro der KPdSU und alle KPen im Ostblock wie im Westen. Dieser KGB, der seit Anbeginn vergebens versucht hatte, den Westen auseinanderzutreiben, kannte jenseits der offiziellen Erfolgspropaganda auch die Kraftlosigkeit der Sowjetökonomie genau.

Ein advocatus diaboli stellt nun die Arbeitshypothese vor, daß der KGB einen großzügigen taktischen temporären Rückzug des Bolschewismus beschlossen und durchgeführt habe, ungeachtet der katastrophischen Folgen. Dazu fallen einem die Namen der KGB-Funktionäre Andropow, Gorbatschow, Schewardnadse, Alijew, Jelzin und Putin ein.

Einen taktischen temporären Rückzug ähnlich Lenins Friedensvertrag von Brest-Litowsk kann sich die bestens alimentierte Herrenklasse in Großrußland leisten, seit Breschnjews Politik der Teilneutralisierung der NATO erfolgreich mittels des KSZE-Prozesses und der Schlußakte von Helsinki endete, die nur noch durch den "2+4-Vertrag" des wiedervereinigten Deutschland ergänzt werden mußte. Zwar hat das Ochrana-KGB-Reich ein paar Territorien im Baltikum, in Südkaukasien und Zentralasien verloren, aber es hat jetzt die Sozialistische Internationale mit den sozialdemokratischen Regierungen Westeuropas dazugewonnen -- und viele Milliarden westlicher Hilfsgelder. Das hat sich doch schon heute rentiert!

Der größte Gewinn aber aus dem taktischen temporären Rückzug des Bolschewismus könnte in der Tatsache liegen, daß der Westen, zumal die USA noch gar nicht gemerkt haben, daß sie dabei sind, im immer wieder gefeierten Siegesrausch ihre Hegemonie zu verlieren. Dieser westliche Rauschzustand müßte grob beendet werden. Erst danach wäre über eine neue Phase des Widerstandes gegen den totalitären, den kapitalistisch-pluralistischen Moskauer Totalitarismus zu beraten.

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