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Beiträge zur demokratischen Eroberung

2001-06-06

Horst Lummert

Die Indiskretion

Die Washingtoner Indiskretion durch Fischers Chrobog hat der stillen außenpolitischen Neuorientierung der Schröder-Regierung einen Hieb versetzt, von dem sie sich nicht so schnell wieder erholen wird.

Die angesprochenen Punkte:

1. Deutschland sei sich mit Bush darin einig, daß Putin erst einmal sein Haus in Ordnung bringen solle, bevor er weitere Unterstützung bekommt. Die Zukunftseuphorien des Schröderschen Moskau-Besuchs sind dahin. Die geschwisterliche Schlittenfahrt durch die russische Landschaft löst sich in Wohlgefallen auf. Der deutsche Bundeskanzler steht entblößt da. Die deutschen Medien scheinen allerdings blind für diesen Grundtatbestand zu sein.

2. Der libysche Diktator habe sich mit dem La Belle-Anschlag in Westberlin in Zusammenhang gebracht. Die Indiskretion stellt Ghadafi bloß und beendet vorerst alle deutsch-libyschen Annäherungsversuche. Selbst Fischers braves Dankeschön für die libysche Intervention bei der Wallert-Entführung verliert seinen Schmelz. Zudem erfährt der Fall La Belle eine heiße Aktualisierung.

3. Israel werde von Deutschland militärisch unterstützt. Das geschehe weitgehend unauffällig. Bekannt sind gemeinsame Manöver von Zahal und Bundeswehr in der Negev-Wüste sowie die Lieferung von zwei High-Tech-U-Booten. Arabische Deutschland-Hoffnungen können erst einmal vergessen werden.

In der arabischen Presse ist der historische Wink dieser Indiskretion verstanden worden, nicht zuletzt die Tatsache, daß die US-Regierung nun zufrieden sein kann.

In israelischen Informationskanälen wird der jüngste Anschlag auf die Disco-Bar in Tel Aviv mit dem Anschlag auf die Westberliner Disco-Bar La Belle verglichen. Wichtig: Die damalige republikanische Regierung Ronald Reagans nahm den Vorfall zum Anlaß für einen schweren Luftschlag gegen Tripolis. Die Regierung Bush hat denn auch sofort grünes Licht für einen außergewöhnlichen israelischen Vergeltungsschlag gegen die Autonomie-Gebiete gegeben. Vorbereitung: Schwere Luftmanöver erfüllen drei Tage lang den Himmel über Palästina. Die Bevölkerung wurde vor Überschall-Übungen gewarnt.

Der deutsche Außenminister Fischer, im Auftrag der EU zu Besuch in Israel, war am Hotelfenster des Tel Aviver Dan Augenzeuge des Attentat-Verbrechens. Die Informationskanäle verbreiten, daß er das Geschehen von Anfang bis Ende beobachtet habe. Sein als freundschaftlicher Vermittlungsversuch gedachter Aufenthalt bei Arafat wurde plötzlich zum ernsten Arbeitsgespräch mit Vorlage eines westlichen Forderungskatalogs. Die israelische Armee sei drauf und dran, die Autonomie-Gebiete in Schutt und Asche zu legen. Die Londoner Times schrieb, daß Fischer dem Arafat die erwartete Erklärung zur Beendigung des Terrors "in die Feder diktiert" habe.

Das Attentat auf die Bar und der Einsturz des Tanzpalastes wenige Tage zuvor haben etwas gemeinsam: es geschah im areligiösen Tel Aviv. Die Bombe sprengte die Disco an einem Shabath-Abend in die Luft. Die Hochzeit im Tanzpalast fand drei Tage vor Shavuoth statt, also drei Tage zu früh. Opfer und Täter verletzten die rituellen Regeln. Das ist eine doppelbödige Lehre für jene "weltlichen" Juden, die glauben, der Streit mit den Palästinensern gehe sie nichts an, sei eine Sache der religiösen Siedler.

Schließlich haben Umstände und Folgen der deutschen Indiskretion der Welt demonstriert, daß Deutschland - wieder oder nach wie vor - fest im westlichen Bündnis steht. Niemand möge sich da irgendwelche Illusionen machen.

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