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Wo lassen Sie denken Où laissez-vous penser? Rent a brain...

1962-00-00 (?)

Unger Varnsdorf

Hoab

Einer wollte Wasser und brachte viel Not, nahm das Volk an die Kandare...

Ob Obelisk, Symbol, ob Wirklichkeit: darunter liegen Tote, wird gesagt...

Hammerschläge sind zu hören, herüber aus der Zeit jenseits des Bretterverschlags...

Noch blieb, ein paar Jahre nach Null, Vergangenes zu denken und zu fassen. Noch war das Hämmern kaum zu begreifen. Das Neue war zudem fremd und gefährlich erschienen. Noch stand das Gestern dem Heut im Gesicht. Noch hungerten die Vielen nach Brot, kaum wer wollte lehrreiche Sätze. Geschieden von der Lüge, stand die Wahrheit nur mehr halb in der Welt.

Die ohne Gesicht: mögen sie tun und nicht tun, versuchen oder glauben, wollen oder nicht: mögen sie steigen, fallen, links rasten, rechts rasten: lieben oder nicht lieben, schlagen und geschlagen werden: es ist nichts anderes hier - Alphageheimnis: wählen, ohne eine Wahl zu haben.

Endlich bleibt ein Kindlein zu bestaunen, mit Augen wie der Stern von Bethlehem: Kind und Betrachter... Liegt in der Krippe die Krypta, rufen aus Wundern verhängnisvolle Wunden nach Heilung... Und der Geblendete sieht nicht und hört nicht.

Was ist aus dem Frühling, der unter dem Schnee sich bereitet...

Die Kinder holen wieder: zartes Wasserspiel ist ihr Gesang. Wer dem lauscht, ist ohne Denken, will nicht, ist begnadet. Sie haben noch das Paradies, zuweilen... Allein, die Klugen nennen's Krankheit, dumm, und mancheiner weint...

...und karpfen mit mäulern wie unschuld ganz oben sie schwimmen noch schwimmen mit weißen bäuchen sind karpfen sind tot...

Sie ertrugen die Liebe nicht, des Meeres.

Oft ist das Ende langer Kette Glied: was gestern schicklich...

In einem unfaßbaren Augenblick aus nichts geworden, über ungezählte Zeit hinein: in einen letzten Punkt zeitloser, lebloser Gegenwart, bloßen Daseins - wie auch ein Stein ist, ohne zu wissen...

Einmal gezogene Fäden spinnen sich fort, drehen bald, spielen und richten und finden, verlieren einander in Linien, endlosen, kreuzenden, schnellenden, schlingenden feinen Saiten, umgarnen und schmeicheln, liebkosen: Gewebe werden entstehen, Wurzelwerk breitet sich aus. Schon sind den Flächen Gestalten eingeordnet, Maschen aufgesteckt, ins Bild gepreßte, fixierte Strukturen: vollendet, starr nun, kalt und tot.

Gleichwohl sind es so zugefallene Gebilde, die - scheinbar sinnlos - unverhofft Knospen treiben, wenn es der Zeit gefällt: die ihr Eigenes, in andern Farben bloß, den Trieben lassen: jungen Trieben ohne Steine im Gedächtnis von spärlichen Anfängen und dem Tode - dem Nichts, da zarte Wurzeln spielen wie von zerschnittenen Wickeln vielfach gefallene, hängende Fäden.

Der Fasern Quelle, die Knolle, das Knäuel: wo Himmel und Erde aneinander sich schmiegen, beide offen sich zeigen - wo sie verwundbar sind, wechseln im Geben und Nehmen und Geben... Punkt X - das Zeichen sagt es.

Mit erkennendem Auge den Reichtum erblicken, des in verklärter Zeit Empfangenen, lauschen den Symphonien eben noch umrätselter Wahrnehmungen, die sich verbergen, von denen Töne zugefallen, ungeordnet zum Spiele...

Zu hören sind wässrige Stimmen, ist, wie's heimlich flüstert: Bleib in der Tiefe, so du sie gefunden hast; aus ihr bist du geworden, sie ist dein Ursprung! Wer aber in die Zeiten strebt...

Nicht Chronisten sind's, die von schwimmenden Inseln sagen und schreiben, verschwommen. Sehr allgemein noch kommt und geht, geschehen - heute, früher, bald, in vorgestellter Zukunft, erinnerlich, entgleitend wieder... Was?

Mit einzelnen Dingen füllte er sein Gedächtnis, der Kluge (wer sonst), verschüttete dabei, schüttete zu: daß alles Leben aus dem Wasser kommt, selbst das!

Was die Schwimmer, Fischer und Mischer kaum noch wissen: daß eine alte Mühle steht; daß sie vom großen Strome weitab; daß der Weg beschwerlich, das Land um sie schon Steppe geworden; daß alles versandet. Morsch ist das Gebälk, und müde sind die Flügel: Wüstenzierat.

Heute löst sich auf, was gestern Form - beginnen Splitter...

Da zeigt sich Dunkel hinter blendenden Fassaden: Haben die Augen sich einmal gewöhnt, tritt ihnen ein Mann hervor, mit einem leeren Tintenfaß in Händen und federlosem Griffel. Was er zu schreiben hatte, ist geschrieben worden.

Bleibt zu schreiben - von den vielen, die noch Tinte haben, auch mit Blut und Schweiß schreiben würden, bereits geschrieben haben, vor einer Stunde, möglich, gestern nacht, wahrscheinlich wie eh und je.

Wo Erde zu Leben wird, wo der Boden sich räkelt und gähnt, wo nicht genau zu sagen ist, ob noch Fels, ob schon Tier: da liegt das Wasser begraben, da ist es entrissen worden von Sonne und Erde in täglichem Zweikampf.

Als wollte hier Leben nur ausruhn zu neuem Leben, sich brüten im Dunst. Echsenhaft lugt's schon aus dumpfen, dampfenden Schatten. Wasserleben kam zur Ruh, weil das Wasser gewichen war. Das irdische Leben läßt sich scheu an, blinzelt mißtrauisch argwöhnisch, nein: kindlich wachsam ins Licht. Lange Zeiten wird es brauchen, mit sich ins reine zu kommen.

Dämmerung ist, frühester Morgen. Wellen schlagen den Stein, wollen ihn nicht freigeben. Sie lassen nicht ab von ihm. Da hilft nur Sonne, sehr viel Sonne.

Wie der wahre Grund sich zeigte, der nur selten als Ursprung gewahrte: daß neue Lichter neue Finsternisse bringen und neuem Wissen wieder Leere folgt. Tag und Nacht ergänzen, erfüllen einander. Zeiten der Jahre und der Welten verrinnen, verfließen...

Das Ding ist nicht die Mühle. Das Ding, von dem gesagt wird, daß darunter Tote liegen, ist die Mühle nicht. Es schwelen Feindschaft und Haß, soweit zu erkennen...

Hammer ist nicht Flügelkreuz: Mißgestalt, mißratener Sohn, des Kreuzes Kind... Weil die Zeit nicht stille stand - und neue Rinnen sich das Wasser suchte.

Indessen ist die Welt Vulkan geworden. - Laß uns tanzen! - Und wenn er bricht und ausbricht...? - Nach dem Tanze: namenlose Erde... -

Was suchte Hoab im Vergangenen?

Einst zog der Fluß andere Bahnen. Ein Wasserrad war der Mühle Herz, hier hatte der Strom sein Bett. Der Boden war fruchtbar und emsig die Mühle...

Doch die Kinder, die da besaßen, hatten sich zu tief im Gestern verankert - so verloren sie. Nicht überliefert ist, ob sie bereit gewesen, als der Bär das letzte Licht der Höhle, den Augen nahm.

Schnell wird vergessen, und die Nacht ist kalt.

Mach Feuer!

Hoab, der Vollkommene, läßt die Worte zu Wörtern erstarren, auf den Lippen schon sterben... Dennoch fordern sie, gebieterisch zuweilen, aufzumerken; zwingt ein rhythmischer Sprachbruch, ein Halbsatz etwa, fesselt die Gedanken, ständig sich wiederholend: es kreist und frißt, schleift ab, poliert die Fassade. Der Kern zerfällt, der Wahn kann beginnen.

Die müden Tage sind es nicht. Nein, hier hat sich alles hingegeben dem Rausch der Skelette, dem zentrifugalen Wirbeln trennender Sicheln.

Lebt versteckt eine Angst vor Künftigem, Ungewissem, wie jede Angst: Steigen Ahnungen auf: die mühsam gespannten Saiten könnten zerspringen und sich zu einem letzten Wirrwarr verstricken. Geschrien möchte werden und gebettelt, daß es nicht sein darf. Aber die Stimmen kommen nicht. Man würde sie schlagen. Wattierte Zimmer geben ihnen Sicherheit.

Als der Kopf den Gleichtakt der Maschine nachzuahmen begann; als der Geist, der sogenannte, dem Rädergestänge sich aufsetzen ließ: Kessel- und Getriebewart... Das war es wohl damals, das war es. Nun sehet, wie er lebt, der Tote!

Und dies seine Rache: noch während wir ihn betrachten: weiß der blanke Nagel an der Kinnlade des Papiermännchens nichts von dem verwuschelten Kopf, der als Nest für vorwitzige Ameisen und zärtliche Schlangen einen Hort sehr besonderer Art - und dies ohne allen Zweifel - darstellt. Das Männchen jedoch, aus Papier, kann, ohne es zu müssen, von dem Kopfe wissen, der verwuschelt...

Weiß er, weiß er nicht - zu zeichnen... Nie Geschautem Bilder abzulieben, von ihm ein Quentchen Wesen zu schmecken.

Wie von der süchtigen Hand gehetzt, entziehen sich die bekannten Dinge dem fiebrigen Tasten; doch entgehen sie nicht dem geschickten Griff.

Wie war es mit dem Papagei - kannte er den Bär?

Lange Zeit blieb die Mühle ohne Wasser, und heiße Winde fegten die Äcker. Da besannen sich die Müller, zogen in die Wälder am Berge und wählten der besten Sorte zwei Bäume. Und sie schnitten sie zu Balken und nagelten ein Flügelkreuz. Und es reiften zu Stürmen die Winde und schlugen das Kreuz um die Nabe: zweites Herz der Mühle, emsige Mühle.

Aber die glücklichen Tage dauerten nicht; denn die Kinder gaben Leichen ihre Liebe - so blieben sie zurück.

Von solcher Wahrheit in den Wahn - ist es ein ganzer Schritt?

Orkane freilich kennen auch den Übermut. Irrende Winde versteckten sich im Mühlenwrack, spielten lustig durch Löcher und Ritzen und bliesen den Staub aus den Luken. Die Müller sahen sich versucht, die Flügel blieben stumm; absonderlich, die Mühle, schier aus einer andren Welt.

Niemand glaube indes, daß die Müller je verzagten. Die Zeichen des Endes erkannten sie nicht, nicht die zerfressenen Hölzer, und daß die Wasser fern... Sie sahen nicht den frühen Tod des Flügelkreuzes...

Gleichwohl...

- Von den alten Mächten wandten wir uns ab! O ewige Mühle! nun aus eigener Kraft! -

So ward der Herzen drittes - Tretrad. Und die Müller sind emsig: ihr Haus ist fast ein Bienenhaus geworden; denn doppelt ist geteiltes Tun - geteilte Mühle: zwiefache, vierfache, vielfache... Und vielfaches Treten... Meint jede Wabe: Ich bin die Mühle, ich bin die Mühle, ich...

Zwinge eine junge Pflanze in ein zu enges Kleid, und du sorgst für ihre Krankheit im Alter.

In Vieler Munde der große Name eines großen Melsters, hier und heute. In den Straßen verarmte Hinterlassenschaft, Kinder ohne Mütter und Väter, unschuldige Karpfenmäuler; es fehlt das Wachstum unter Federn.

So träumen sich viele Ahnungslose durch Wüsten und schenken für Augenblicke Spuren ohne Namen jener Welt Danach.

...und schlafen in kalter nacht zeltlos und nicht mehr erwachen erleben den morgen und zeit noch zu wundern... So schnell können Wunder und Zeiten - hier und heute.

Was an dem, das ist, nicht ist... Frühere begriffen, Gestrige vermischen.

Der Stein will nicht. Menschen bedienen seiner sich, zu zerstören. Wer aber die Angst gebiert... Angst ist ein Kind, soll sein - eine Tochter des Satans. Drum, Knabe, fürchte dich nicht - versteh: der Kern ist heiß. Ich meine, eisig ist er.

Ob Sohn, ob Vater: du stehst allemal, wo du wollen mußt, es nicht lassen kannst, ohne Rückweg. Warte ab, und achte auf die Zeichen an den Wegen. Es mögen Tage kommen, da du die Morde der Väter vergessen möchtest und vergeben. Du aber hast nicht zu vergeben, nicht zu vergessen. Begreifen lernen kannst du, mußt du.

Pappeln stehen, Götterstelzen oder Erdenfinger, einsam und stolz, wie unerreichbar. Sie gewähren, gebieten einen ersten klaren Blick aus der Dunkelheit, begrenzen den endlosen Raum der Nacht.

Heute zu lieben oder zu hassen, weil's gestern mal Wunscn, Verlangen, Erfüllung auch war, was wert war gestern, geliebt oder gehaßt zu werden: falls nicht ein Jetzt selber Geschmack dafür hat, wird gewiß nichts draus, dessen Spätere sich noch zu erfreuen vermöchten.

Nur könnte eines Tags die Pappel ihren Boden verleugnen, den niederen Strauch - könnte eine eigene Hybris aufsteigen in dem Baume, mit seinem Tode freilich gründlich stürzen.

Zuvor hat der Baum jungen Pflanzen Saft und Sonne genommen.

Kinder, die in Nächten Krokodil sein möchten, die aus solcher Tiefe wissen: schon gewesen, früh, in vorigen Zeiten, als Menschen noch nicht waren: wühlt aus Urinstinkten Wunsch nach Leviathan, auch alltäglich - Sehnsucht hin zum Wasser. Da aber leben als Starker, Einzigartiger, als Alligator wider alles, ohne Furcht - und Schrecken nur verbreitend.

Und sie springen ins Wasser und springen auf Stein und neigen nüchtern zur Vernunft.

Der Weg des Reifens ist lang, da liegen viele Steine, wird oft gestürzt und aufgefangen. Die Weisheit lieben: es reicht nicht aus, solang der Alltag nicht dabei, verstehst, es langt nicht hin!

Wir gehen den Weg durchs dumpfe Land fort... Gefallene Bäume, versperrte Waldwege, wie zu Barrikaden getürmt: die Stämme, wie um zu verhindern, daß Ungebetene hier den Busch zertrampeln.

Als ob sich jemand bitten ließe - als ob die Ungebetenen mächtig kämen, außer in der Macht ihrer Einsicht, daß die gebrochenen Bäume weggeräumt werden müssen, geschnitten, als Bretter, Balken, Bohlen verarbeitet, eingebaut in neue Häuser. Die Lichtungen, von gestürzten Wipfeln entworfen, mehren sich. Wer um sie herumgeht, bleibt im Wald, meidet die Welt.

Der Wald verhält sich still, scheint auf erste Anzeichen von Schmerz zu warten. Fern aus der Zeit her weist ein Zeugnis, das von langen Wehen sagt. Wer weiß - in Wahrheit niemand -, ob Niederkunft oder Agonie.

Was da auf Schmerzen wartet, soll sich aufmachen und ein paar Schritte laufen, Schmerz wird sein, Schmerz ist überall; aber der grobe, der große, der Schmerz ohne Hoffnung, die Wunden ohne Sinn, Risse quer durch Mensch: wo nichts zu fressen ist, da gibt's noch Schläge... Der Wald indes verhält sich ganz still, gibt auch vor, eine andere Sprache zu reden.

Von den Ameisen führt ein grader Weg zu Eulen... Sitzt eine ausgestopfte Eule auf der Kante eines Brettes - Hochsitz oder Lagerschuppen, müßig die Frage: verwandelt sich in einen Papagei - das heißt: Die Eule weicht der Frage aus.

Sie möchte uns einreden, es bedürfte einer besonderen, geheimen, verschlossenen, nur Wenigen eigenen Sehergabe, um "hinter die Dinge" zu kommen, und zwar, "ohne zu suchen".

"Ohne zu suchen" ist jedoch nur eine Bahnsteigkarte. Zu spät merkt ihr Besitzer den Betrug. Der Zug fährt ohne ihn ab.

Weil alles wie ein Baum wird, wächst, vergeht... beinahe! Weiß, wer den Delphin nicht kennt, von dummen Haien, vom Spiel auf Wellenkämmen - von einer Absicht mit Karpfen im Meer? Was erweist sich mit der Hinfälligkeit des Waldes, des totalen?

Eine Frau: Er war wieder da, Vater. (Pause) Was meinst, Vater.
Ein Mann: Gib ein Blatt vom Karierten.
Die Frau: Malst immer Kreuze und Runen - willst denn Krieg?
Der Mann: Ach was, gibs Papier!
Die Frau: Und die Rhesanten? Was wird mit den Rhesanten? Hier hast d's Papier.
Schreib uff: Rhe-san-ten. Schreib uff, knüll z'samm und schmeiß in'n Ufen. Dann sind se dut, mausedut.
Der Mann: Die brennen nicht, sind Reste, wie Asche, schmecken wie Asche, brennen nicht mehr.
Die Frau: Und's Papier? 's Papier muß doch brennen!
Der Mann: 's Papier nimmt die Silben nicht an.
Die Frau: - nicht an, die Rhesanten.
Der Mann: Wie Rhesus - der Faktor.
Die Frau: Das Äffchen!
Der Mann: Aber ja viel kleiner, winzig, wenig.
Die Frau: Weia, Wicht.
Der Mann: Nicht. Nicht doch.
Die Frau: Kobold, kleiner Teufel -
Der Mann: - angeschwärzt und abgebrannt.
Ein Mädchen: Hoab steht vor der Tür.
Die Frau: Vielleicht fürchten dle Haie die Kinder.
Der Mann: Das hungrige Kleinzeug geht an jeden, der satt ist und groß.
(Pause) Ich höre, wie dein Magen knurrt. Du hast Hunger, willst meinen vollen Bauch?
Die Frau: Du bist kein Hai für mich. Ich bin satt. Es gibt kein Proletariat. (Pause) Geschieht ihnen recht.
Der Mann: Wem?
Die Frau: Den Karpfen.
Der Mann: Was?
Die Frau: Daß sie gefressen werden. Vom Hai.
Der Mann: Nein - vom Salzwasser.
Die Frau: Mach Zuckerwasser draus.
Der Mann: Mag nicht. Gibt keine Karpfen. Schrumpf. Schrumpf.
Die Frau: Das Leben ist besiegt, wenn du Zuckerwasser nimmst.
Der Mann: Ein satter Karpfen ist Goldes wert.
Die Frau: Und die Hechte?
Der Mann: Hechte? Die nennen sich bloß so.

Die zwei Wiesennymphen

Erste Nymphe: Nachbar Kind, sie tragen Asche ums Dorf. Die Rhesanterie hat sie ergriffen. Das Fieber drängt in die Häuser. Rhesanten steigen und fallen.
Zweite Nymphe: Schwester, wie können wir helfen? Er liegt gebunden; scheint, als wäre er tot.
Erste Nymphe: Wir sind Auge und Mund, Nachbar Kind, können sehen und sagen.
Zweite Nymphe: Auch Ohr - können hören.
Erste Nymphe: Und fühlen.
Zweite Nymphe: Süß. Die Beeren schmecken süß heuer, süß, sehr süß.
Erste Nymphe: Sie haben ihn geknebelt. Er kann nicht erzählen.
Zweite Nymphe: Warum. Sie haben ihn getragen, zur Straße. Warum.
Erste Nymphe: Mag sein: sie wollen ihn töten. Kann ja nicht sprechen und nicht schrein, hat Rübenblätter zwischen den Zähnen.
Zweite Nymphe: Sie sagen: Hoab - die Gefahr - sei gebannt. Der Wind werde vorüberziehn.
Erste Nymphe: Sie dienen der Straße.
Zweite Nymphe: Regen soll kommen.
Erste Nymphe: Wer sind die Boten des Asphalts - was bringen sie Nachricht?

Zwei Frauen im Raum

Die Erste: Hast du Pech in der Lampe?
Die Zweite: Ich will nicht.
Erste: Heb auf und laß die Schuhe sehn!
Zweite: Ich habe ein gut Stück gelesen.
Erste: Die Tür geht nicht zu.
Zweite: Wenn aber, was andere befürchten...
Erste: Er kann nachts nicht schlafen.
Zweite: Im Schuh fehlt der Senkel.
Erste: Heb ihn auf, sage ich!
Zweite: Hano hat gesagt, daß...
Erste: Es geht nicht.
Zweite: Was hat er verbrochen?
Erste: Vielleicht - also ja - nun aber doch.
Zweite: Wer spiegelt den Schaden?
Erste: Laß ihn in Ruh!
Zweite: Die Gabel geht ins Fleisch und ins Heu.
Erste: Hier hat ein Knoten das Prä.
Zweite: Es hat eben geknarrt.
Erste: Wir erreichen sie nicht; ich sage dir...
Zweite: Wen?
Erste: Einer muß auf dem Platz sein.
Zweite: Die Wagen rasen. Wird er ihn liegenlassen?
Erste: Was hat man davon?
Zweite: So nicht.
Erste: Harmlosigkeit - Harm - lo - sig - keit.
Zweite: Von gestern keine Spur.
Erste: Harmlosigkeit. Harmlos - losigkeit. Gib ihm vom Unverdauten.
Zweite: Nein oder nein.
Erste: Sie hatten ihn in die Decke eingerollt. Dann starb er.
Zweite: Hast du es gehört?

Erste: Auch gehört?
Zweite: Heileheilesegen - morgen gibt es Sand.
Erste: Rauch.
Zweite: Feuer.
Erste: An der Feder ist ein Faden.
Zweite: Fussel - Pussel.
Erste: Gib mir vom Rest.
Zweite: Ihr habt schöne Topflappen.
Erste: Er kannes nicht gebört haben.
Zweite: Die Wände sind dünn.
Erste: Gleich fahren wir nach. Wir erreichen sie nicht. Hätten wir damals - es hilft nichts.
Zweite: Nein.
Erste: Man hätte versuchen müssen.
Zweite: Hast du gehört? Schon wieder.
Erste: Die Schnur.
Zweite: Ich kann es nicht für mich behalten. Wer soll ihn wegtragen?
Erste: Fragt jemand.
Zweite: So weit sind wir gleich.
Erste: Es versteht sich besser so.
Zweite: Ich glaube nicht daran.
Erste: Zieh an - zieh fest - hau!
Zweite: Hebt ihn keiner auf. Man sehe, wie schwierig. Wer hält den Strick?
Erste: Was fürn Strick.
Zweite: Jeder stelle sich an.
Erste: Anders wird nichts draus.
Zweite: Hano ging zeitlebens die Wege zum...
Erste: ums...
Zweite: ins...
Erste: durchs Revier.
Zweite: Hano war die Perle seiner Leidensclique.
Erste: Er sie es anerkannte das Maß nicht.
Zweite: Holunder blüht wie...
Erste: Schneewittchen 196.
Zweite: Kinder auf den Dächern.
Erste: Sie fallen.
Zweite: Hilfe!
Erste: Halt!
Zweite: Wer bedient ihrer sich?
Erstes Mädchen: Vati - warum wir nicht auch?
Zweites Mädchen: Sieh mal, Vati, die andern...

Eltern und ein Besucher

Es klopft an der Tür. Ohne Aufforderung knarrt die Tür auf. Schritte in den Raum. Tür wird geschlossen.
Pause

Sie: Wir verabscheuen Fenster und hassen Elektrizität. Doch setzen Sie sich!
Der Besucher: Ich kann nicht sehen.
Er: Uns geht es nicht anders.
Der Besucher: Ja.
Sie: Was Sie nicht sagen.
Er: Wie fühlen Sie sich?
Der Besucher: Ganz ohne Licht?
Er: Also doch.
Sie: Was?
Er: Verrückt.
Der Besucher: Da ist...
Sie: Sie meinen?
Der Besucher: Es hat eben geknarrt.
Er: Er hat es gewagt. Er hat es gewagt.
Sie: Du hast dich wiederholt.
Er: Gib ihm einen Stuhl.
Sie: Ich gebe einen Stuhl.

Ein Stuhl wird gerückt. Der Besucher nimmt Platz.

Der Besucher: Danke. (Pause) Manche nennen mich Hoab.
Er: Merkwürdig. Merkwürdig, würde ich sagen, wäre nicht schon die Rede von Ihnen. Was wollen Sie. Die Polizei sucht nach Ihnen, wenn ich recht informiert bin. Was wollen Sie also?

Zum erstenmal ist ein leises Knarren der Dielen zu hören.
Sie: Was war das?
Er: Thaddäus ist tot, erschlagen; zufrieden?.
Der Besucher: Er spielte Klavier und war eifriger Ministrant. Gemeinsam besuchten wir die Schule. Sein nicht geringer Schalk machte ihn um so sympathischer.
Er: Sie kannten ihn gut.
Der Besucher: Nein, nicht gut. Wer war Thaddäus. Was für ein Mensch? Ich wurde nie klug aus ihm.
Er: Gleichviel.
Der Besucher: Er ist tot? Ermordet?
Er: Sie erinnern sich nicht?
Der Besucher: Sie verdunkeln den Raum. Sind Sie sicher, daß niemand sonst...
Sie: Er meint, Vater...
Der Besucher: Ob Sie allein sind.
Sie: Im Zimmer...
Der Besucher: In diesem Zimmer.
Er: Mutter, er ist es.
Sie: Blätter wie Käfer wie Wolke wie Nacht.
Der Besucher: Der reine Unsinn ist das. Nehmen Sie die Wände fort und geben Sie acht!
Er: Es knarrt. Hörst dus knarren, Mutter?
Der Besucher: Die andern schweigen. Sie alle gleichen einander. Man ist nicht allein. Sie spreizen die Zehen, ziehen das rechte Bein an, legen sich aufs Herz. Sie stürzen, schweben, fallen und können sich nicht umwenden; rechts die Gefahr und nichts hinter der Bühne außer Finsternis. (Er knipst einen Lichtschalter) Es brennt ja. Alles leer. Niemand hier. (Pause) Meine Henker haben mir sich entzogen.

Eltern und Stieftochter
Hannemartha

Hannemartha: Der Herrgott läßt Rhesanten und Fußgänger nicht in den Himmel steigen.
Er: Auch den Hoab nicht.
Sie: Und seine Mörder.
Er: Und deren Mörder.
Hannemartha: Deren Richter.
Sie: Und Henker.
Er: Die ganze Gesellschaft.
Sie: Findest du?
Hannemartha: Ritzeratze - Opfermesser. Gestern habe ich meine Mutter umgebracht, vorgestern den kleinen Thaddäus, meinen Bruder. Sie konnts nicht ertragen. Er war ein flinker Bengel; beinah hätts mich erwischt. Er: Und der Vater, was ist mit ihm? (Pause) Sag was! (Pause) Sag was, sag ich! Hannemartha: Ich sags nicht.
Sie: Auge, Zunge, Nerz und Hase.
Er: Äh - ?
Sie: Kopf ist unter Dach und Fach.
Hannemartha: Still! Es knarrt. Augen schließen - schlafen - träumen - glücklich sein!
Er: Auf mich wirkt das nicht; eher lach ich mich krank. Hannemartha, Schlachteweib, wo ist dein Vater?!
Sie: Trink ein Glas Milch, Hannemartba, komm, ...hier, und erzähl, was du weißt. Und, Vater, du nimmst das Beil. In der Ecke dort hängt es, neben der Hausapotheke. Erzähl, Hannemartha,
Kindchen, sei lieb und erzähl!
Hannemartha: Was habt ihr vor. Sag, was ihr vorhabt!
Sie: Schicksal, Schicksal: es nimmt überhand.
Hannemartha: Ich weiß mehr! Ich weiß mehr! laßt mich hinaus!
Er: Sie weiß mehr noch und will nicht erzählen. Hast du Angst, Hannemartha? Ich lege das Beil auf den Tisch. Erzähl, Hannemartba, was du weißt.
Hannemartha: Zwei Kupferknöpfe gibt es an die weiße Schlachterjacke - einverstanden?
Er: Einen gibts, und den aus Aluminium.
Sie: Auch sehr schön, nicht?
Hannemartha: Nun gut. Jeder ist austauschbar. Stopft alle Ritzen und Löcher mit altem Papier zu. Geht einen Schritt zurück. Danke. Ich nehme das Beil an mich, weil es altmodisch ist. Das Spiel kann beginnen.
Er: Was für ein Spiel?
Hannemartha: Wir schlachten den Hoab und schaffen ihm ein Grab.
Sie: Wir schaufeln ihn ein.
Hannemartha: Und schaufeln es zu.
Sie: Dann aber?
Hannemartha: Dauert es nicht lang und Hoab...
Er: Hoab?
Hannemartha: Der Hoab ist im Himmeldonnerwetter.
Er: Wer ist dieser Hoab?
Sie: Du hast ihn vergessen.

Die Eltern

Sie: Er war wieder da, Vater. (Pause) Was meinst, Vater? (Pause)
Er: Gib ein Blatt von dem Karierten!
Sie: Malst immer Kreuze und Runen: willst denn Krieg?
Er: Ach was, gibs Papier!
Sie: Da nimm - schreib uff, was werden soll! Die Rhesanten.
Er: Die brennen nicht.
Sie: Unds Papier - s Papier muß doch brennen?
Er: Es nimmt die Silben nicht an.
Sie: Nicht an - die Rhesanten?
Er: Wie Rhesus, der Faktor.
Sie: Das Äffchen.
Er: Aber ja viel kleiner, winzig, wenig.
Sie: Weia - Wicht. Kobold, kleiner Teufel.
Er: Angeschwärzt und abgebrannt. (Pause)
Sie: Er war wieder da. Sie haben ihn erkannt.
Er: Sie haben ihm den Namen gegeben: Hoab.
Sie: Hoab war da, Vater, war wieder da.

Die Eltern und Hannemartha, zweiter Dialog

Er: Wir wissen es.
Hannemartha: Ihr glaubt es.
Sie: Pfui!
Hannemartha: Was.
Er: Kopf und Plebejer.
Alle hüsteln.
Er: Seht davon ab! (wartet, bis das Hüsteln der andern verebbt) Ich - ich möchte etwas sagen.
Sie: Ja, sind wir Kannibalen, für solche da?
Hannemartha: Die schmecken uns nicht.
Er: Vor Gott sind alle gleich.
Sie: Der ist fern.
Er: Jene sinds auch. Hannemartha: Darf ich Amen sagen?
Er: Besser nicht; bleib sitzen!
Hannemartha: Amen.
Sie: Wir können es lassen. Er ist nicht mehr da.
Er: Er kann wiederkommen.
Sie: Zurück?
Er: Ab morgen schaufelst du.
Sie: Aber - wenn er kommt.
Er: Er wird schon nicht. (Pause) Mich ziehts.
Sie: Was, wohin?
Er: Zur Versöhnung. Alles wird gut sein.
Sie: Kopf!
Er: Hau zu!
Sie: Nein, du!
Beide lachen
Hannemartha: Plim - plam - plum. Sie spielen im Dunkeln, Vater und Mutter, schlafen nicht, spielen nur. Es tut sich indessen zusammen wie Sand, zieht in die Ecken vor dem Wind. Zum Düngen taugts. Der Rest wird verbrannt. Ich gehe.
Sie: Bleib! Ich tausche mich gegen dich.
Er: Was macht dein Knie?
Hannemartha: Liebes, links oder rechts?
Er: Das Ganze kehrt.
Hannemartha: Ich meine: linkes oder rechtes Knie?
Er: linkes.
Hannemartha: Kopf.
Er: Nein: Knie!
Hannemartha: Bist du sicher?
Sie: Die Scholle war langsam und häßlich. Wer sollte Königin sein?

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