free download kokhavivpublications.com Qimosh - The New Qomish newcatch.com

Wo lassen Sie denken Où laissez-vous penser? Rent a brain...

1962-00-00 (?)

Unger Varnsdorf

Seines Glückes Zerstörer.

Erasmus

Eine Rimbaud-Monografie setzte ihm zu. "Der große Aufstand" von Henry Miller. Rimbaud hatte als Jüngling gedichtet und war als Mann einer der Tat, der durch die Welt vagabundierte, mit Waffen handelte, ein Schuft... Miller stellte sich ihm gegenüber: in seiner Jugend ein Strolch, diesseitig in hundert Berufen und Löchern, ein später Schriftsteller, der mit Vierzig sein erstes Buch veröffentlicht, die Dämonen neutralisiert hat und durch Selbsterkenntnis Freiheit verwirklicht. Anders Rimbaud. "Anscheinend war es sein Schicksal, Flügel zu haben und doch an die Erde gekettet zu sein. Er spannt alle Kräfte an, um die äußersten Sterne zu erreichen, und findet sich wieder, wie er sich im Schlamm wälzt. Wahrhaftig: je mehr er mit den Flügeln um sich schlägt, um so tiefer fühlt er sich in der Erde gefangen. In ihm kämpfen Feuer und Wasser mit Feuer und Erde. Er ist ein an einen Felsen gefesselter Adler. Die kleinen Vögel sind es, die ihm das Herz herausfressen."

Die kleinen Vögel. Miller durchschaute sie und machte ihnen Konzessionen und lebte fortan vom Ertrag seiner Einsichten.

Erasmus waren im Laufe seines Lebens Erkenntnisse zuteil geworden, die, wie er glaubte, über jene Millers hinausgingen, dafür allerdings, ihrer Natur nach, einer materiellen, das hieß gesellschaftlichen Selbstverwirklichung geradezu im Wege standen.

Erasmus war kein Idealist. Er hatte den Idealismus durchschaut wie Miller die kleinen fressenden Vögel; sein materialistisches Denken ließ ihn die eigene Lage beurteilen, wie sie wirklich war: hinderlich. Dennoch wirkte er an seiner Flucht und nicht an der Wirklichkeit.

Nachdem er - Denken als Auflösung der Realität begriffen hatte, konnte folgerichtiges Handeln nur in die Zerstörung führen oder, ersatzweise, zur Flucht aus dieser Realität.

Die Motivation seiner Überlegungen kam aus dem biologisch, familiär Ererbten, sozial Vorgefundenen, pädagogisch Angenommenen, aus der gesamt-psycho-soziologischen Situation - aus welcher Einsicht Aussicht: Befreiung verhieß. Die Konfession des Erasmus war im Wortverstand Bekenntnis zum eigenen Gesetz: Was und wer ich wirklich bin - und seine Erfüllung. Die Verletzung des Gesetzes zog die schicksalhafte Selbsterfüllung nach sich, nicht selten schmerzhafte Verletzung des Verletzers. Fromm sein hieß, dem vorbeugen wollen. Wo nicht vorgebeugt war, erfüllte sich's mit Macht. Der Mensch wurde krank, die Welt brach auf, Völker revoltierten.

Medizin und Unterdrückung sind erfunden, dieses Schwert aufzuhalten. Aber sie schärfen es und verleihen ihm seine endliche Kraft. Anästhesie und Wohlstand trösten und täuschen über die Signale hinweg, über Schmerz und Hunger; sie gewöhnen an den Notzustand. Die Menschen empfinden die verkehrte als die alltägliche Welt, die normale - Realität wird zur Idee erhoben: verhunzte Realität zur perversen Idee! Das Leben nach der Ideologie, der falschen Maxime, ist skorpionisch, Leben gegen sich selbst, gegen die menschliche Natur. Falsches Schicksal verschleißt den Menschen vor seiner Zeit, im bösen Sinne von Verhängnis. Das Hoffnungsprinzip wird zum Prinzip der Selbsttäuschung einer Gesellschaft.

Der Mensch soll sich der Wahrheit beugen, wie die Weide dem Sturm nachgibt. Sie alle beugten sich und fügten sich, und es waren Pseudostürme, denen sie nachgegeben hatten. Pseudostürme in einer längst geknickten und entwurzelten Welt. In dieser Welt, nach ihrem Gesetz war der Rücksichtslose im Recht, hieß der Erfolg die eine Wahrheit, und inhumane Dingbezogenheit erfüllte alle Glückserwartung. Recht war allseits anerkanntes wirtschaftliches Faustrecht - der Himmel ein ökonomischer der Rentabilität, der für den Tag X zugleich die höheren Überlebenschancen versprach. Auf den Wellen von Literatur und Künsten war gut reiten - die intellektuellen Auseinandersetzungen gründeten in sich selbst. Alle Welt schritt auf Stelzen voran.

Die erasmischen, zentrifugalen, Kräfte kamen mit dem zunehmenden Alter, mit der Reifung des Erasmus auch zu ihrer Artikulation; aber diese war als formulierte und reflektierte Einsicht in die Gesetzlichkeit des eigenen Lebens eben kein neu Hinzukommendes, sondern natürliche Knospe oder Blüte an einem durchaus nicht von heute auf morgen gewachsenen Baum. Der Blütenfall stand kurz bevor oder hatte sich bereits vollzogen. Ob der Samenstaub auf guten Boden fallen würde, bekümmerte den Erasmus weniger als der Verdacht, daß womöglich alle Bäume des Gartens nach ihrem jeweils eigenen Gesetz aufwuchsen und die Gesetze des Gartens keine andere Funktion hatten, als jene daran zu hindern - den einen weniger, den anderen mehr.

Erasmus gehörte wahrscheinlich zu den stärker Behinderten, deren Lebensversuche und Unternehmungen zum Scheitern verurteilt waren. Vieles war ihm versagt, den Rest versagte er sich selbst, indem er versagte. Diese pessimistische Interpretation seiner Fortune und Tugenden wurde den Tatsachen nicht voll gerecht; ihr subjektiver Kern trug aber gerade zu der lethargischen Hinnahme periodisch drohender Niederlagen in weitem Maße mit bei. Was später Flucht, Verweigerung und Verzicht wurde, war anfangs die von außen diktierte Notwendigkeit, gepaart mit der inneren Bereitschaft, die Kinderstube zu verlassen. Der Verlust der Gegenwart erschien eigentlich eher wie ein Gewinn für die Zukunft. Mit neun Jahren erlebte er seinen ersten Auswurf im Zuge einer Verschickungsaktion aus der bombengefährdeten Stadt. Obwohl die Menschen, von denen Sartre meint, sie seien die Hölle, dies für Erasmus derzeit noch nicht waren, so bestand die Gefahr dafür in den beengten Verhältnissen der elterlichen Armut sicherlich eher als in der ihn erwartenden fremden Freiheit. Vielleicht gab diese scheinbare Verbesserung seiner Situation für die weitere Entwicklung ein Muster ab. Der Vorgang wiederholte sich: er ging, weil er gehen mußte, und er ging gern, leichten Herzens. Er hätte nicht bleiben können, ohne die Gefahr, einzuschlafen, einzufallen, in sich zu beschließen. Meine Umwelt war mir feind. Die Menschen richteten ihre Bosheiten gegen mich - und ich wußte: es waren meine Bosheiten, denen ich sie ausgesetzt hatte, meine Waffen und Mordmittel; denn ich haßte die Menschen, weil ich sie fürchten mußte. Ich floh aus der Kindheit, vor den Eltern, den Geschwistern, vor der Nachbarschaft; ich entzog mich den Familiengeschichten und einer idiotischen geistfeindlichen Gastlichkeit an den Wochenenden. Ich riß aus und ließ mich in anderer Umgebung und ähnlicher Gefahr jeweils nieder. Es wiederholte sich der Ausstoß, die Flucht, das sinnlose Fortgehn. Ich wollte frei sein und entrann dem Leben unmittelbar. Ich schaute in die Zukunft, lebte in der Zukunft, in meinen Träumen, meinen Himmeln, meinen Auswegen - und die Gefangenschaften nahmen überhand und verfestigten sich. Ich lebte jenseitig, in einer irrealen Welt, weil mir die reale unerträglich war; ich vermochte mich nicht in ihr zu messen.

Als Kind lebte ich unter Erwachsenen, denen ich nicht vertraute, deren Autorität ich nicht anerkannte; Dummköpfen war ich ausgesetzt - beschränkten, engstirnigen Männern und Weibern, die ihre geistigen Mängel nicht mit Liebe kompensierten und einem das Leben zur Hölle machten. In ihren Ohren klangen meine kindlichen und jugendlichen Überlegungen wie Hirngespinste. Über diese Kontaktlosigkeit konnten mich nur neue Hirngespinste trösten.

Ein längerer Aufenthalt in solcher Umgebung war für mich erdrückend. Ich ängstigte mich. Aber diese Angst war mir nicht gegenwärtig, sie trat nicht offen zutage, sie kroch mir nicht über den Rücken. Ich unterdrückte sie. Ich hatte sie nicht wahr. Ich wollte sie nicht wissen. Und gerade darum war Angst meine Grundbefindlichkeit. Enge - aus der ich mich befreien mußte, der ich zu entrinnen hatte, wenn ich nicht mein Wesen verändern wollte. Jähzorn befreite mich zeitweilig, ich ejakulierte seelisch; diese Last war ich für kurze Zeit los. Mutter, Vater, Geschwister. Was bei der Geburt geschah. Ich kenne meine Urgeschichte nicht. Ist das Leben aus sich zu begreifen?

***

Dies sind die wenigen erasmischen Auslassungen. Den Namen der Figur habe ich schon vorweggenommen, um mich auf ihre Geschichte festlegen zu können. Ich gedachte, den Flüchtigen stark zu machen; ich aktivierte ihn, lud ihn für die bevorstehende Explosion ein wenig auf: ich wählte seinen Namen aus der Mars-Reihe.

Mars regiere die Stunde: Mars, Ars, Ares, Os, Osiris, Horus, Karst, Cyros, Orestes, Aristos - Erasmus -, Gedanken an Horen, Koren, als die böse (fem.) Seite der Gestalt. Beiname des Ares: Enyálios. Begleitung des Ares: die mordende Kriegsgöttin Enyo (lat. Bellona); Phobos und Deimos - Furcht und Schrecken, Angst, Flucht; Eris, Göttin des Streites (lat. Discordia), und die als schwarze Frauen vorgestellten, den Tod in der Schlacht veranlassenden Keren. Ares wich vor Athena und deren Schützlingen zurück. Sohn des Zeus und der Hera (mithin legitim); Aphrodite seine Gemahlin oder, in jüngerem Epos und einleuchtender, die Geliebte (Frau des Hephaistos). In Athen stand die Taunymphe Aglauros an ihrer Stelle. Aber: Aphrodite trat erst in Verbindung zu ihm, nachdem er mit der Erinys Tilphossa, der Toten- und Quellgöttin, einen Drachen gezeugt hatte!

Begleiter der Aphrodite: Eros (s. Ares). Gefolge: Peitho, die Überredung, und die Chariten (Chrt(s)). Ilias: Charis Gattin des Hephaistos. Eltern der Aphrodite: Zeus und Dione (Jugendblüte). Kinder aus Ares/Aphrodite: Harmonias (!), Deimos, Phobos.

Assyr.-phöniz.: Istar, Astarte. / Aphrodite, Isis, Ischtar, Hathor.

So spricht das Orakel des Erasmus: Als Aas betrat er die Welt, als Erleuchteter wird er sie verlassen. Aus der Mutter Kora und einem Vater vom Stamme der Atriden entstanden, wird er als Ares die Erde verwüsten - und in der Verbannung sein Unglück erfahren. Hilfe leisten werden ihm die Gewitzten und Schlauen und Listigen zuweilen, aber des öfteren werden sie ihm Schaden zufügen und böse Streiche spielen. Einsam wird er zum Himmel aufsteigen. Die Liebe der Hathor wird ihn mit den Menschen und den Sterbenden versöhnen. Sein Regenbogen ist die Brücke am Horizont, die Möglichkeit für morgen. Den Toten entwachsen, aus der Erde entstanden, wird das Aas sich dem Lichte zuwenden.

Geburtsstunde: liegt im Dunkel. Mutter ist unerreichbar. Nacht. Mitternacht. 20 vor 0.00.

Ein Monat in der finstren, kalten Jahreszeit, möglichst noch im alten Jahr.

Das Aas bedarf der objektiven Gründe, um sich aus dem trostlos Trüben zu erheben. In einen Himmel, dessen Balken er wird schneiden müssen. Denn Horus ist der Sohn, der den Vater errettet; der an seine Stelle tritt, um ihn neu zu erschaffen: Herr und Schöpfer seiner Vaters. Er ist verschlossen. Ein dunkler Typ, ein bißchen verträumt. Der Gott des Krieges ist kein Krieger. Er verwirrt die Feinde und (später) ihre Frauen. Er ruft die Kriege hervor. Orestes hatte die Mutter getötet, aber diesem hier fehlt eine Elektra. Der Atride, sein Vater, ist ein kranker, schwacher Wille, ein seelisches Monstrum, ein unerlöstes Licht in der Finsternis, eine ungeheuerliche Zumutung für das kindliche Aas. Erasmus bedarf des neuen Vaters; er braucht ein Elternhaus dazu. Den vollen Olymp.

Derweil ist er auf der Flucht. Vor dem Atriden? Ein wenig. Vor der Klytamnestra? Nach einiger Überlegung: kaum. Hatte sie ihn nicht ausgestoßen das erste Mal. Ja.

Auf die Welt der erfolgreichen Kämpfer hatte ihn niemand vorbereitet; ungerüstet sah er sich Feinden ausgeliefert. Josef fügte ihm die erste Niederlage zu. Die erste? Da war Geneter aufgetreten, in zweierlei Gestalt, doch beide Male von gleichem Wesen: anal, schmierig, schleimig, fischig, mit obszön riechenden Händen.

Der Atride hatte den Sohn nicht geschmiedet, nicht gebildet, nicht beschnitten; die Mutter ätzte an seinem Stolz, an seinem Bewußtsein mit Zank und Streit und Speichelschimpf. Geneter, ein exhibitionistisches Muttersöhnchen, zeigte seinen Schwanz nach einem festgelegten Zeremoniell. Jeder bekam ihn nur zweimal zu Gesicht: beim erstenmal in Gegenwart eines Dritten, der ihn schon kannte, beim zweitenmal als dieser Dritte. Ohne einen Zeugen holte er ihn nicht hervor, und der Zeuge kannte ihn nur vom ersten- und vorletzten Mal. Seffo stand kurz vor der Überwältigung des Schlachtengottes; aber in letzter Sekunde überkam ihn die eingefleischte Feigheit, und er nahm Abstand. Seffo geriet in Vergessenheit, doch zu geneigter Stunde zahlte er den Preis für die einst geübte (oder auch nur geplante) Gewalttat an der Gewalt. Seffo lernte daraus. Osiris verlor Paradies um Paradies - und im Tode zeugte er in der auf seinem Schoße sitzenden Hathor-Mutter Isis den einen Sohn, den Horus, den Erzeuger seines Vaters. Selbst der germanische Odin hatte sich kasteit am Baume, der Weltesche, und er ging weiser aus der Schmach wieder hervor. Sein Sohn - der Thor, der Ares, der Fackelträger - ward gar zum Gotte der Fruchtbarkeit.

Der Eisriese (wer?) wird ihn besiegen. Die Riesen in der Einsamkeit des Nachtlandes sinnen auf Rache . Die schwarzen Frauen des Nordens, Ares-Schatten, nächtliche Begleiterinnen, die Keren und Koren erscheinen mit Deimos und Phobos...

Orestes erschlug die Mutter, Ares schlug dem Ungeheuer den Schwanz ab. Joseffo blutete aus, wie das Gesetz es befahl. Horus war gerächt. Thronte aber Seffo, der Josef und Setech in der Oberwelt, so hatte Ares, der Krieg, die Wahrheit, der Horus, Orestes, der Thor in den Binsenfeldern des Totenreiches seiner Stunde zu harren. Denn diese, wahrlich, würde gefährlich werden für den Tag .

Und, Ares, hüte dich vor der Paarung mit Weibern aus der, eigenen, Ares-Linie!

kokhaviv publications > Qimosh - The New Qomish

© Copyright 1999 - 2001 kokhaviv publications