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Wo lassen Sie denken Où laissez-vous penser? Rent a brain...

1962/1963-00-00 (?)

Unger Varnsdorf

Schneewittchen

Vorbemerkung

Die Königin gab dem Jäger Auftrag, die Stieftochter Schneewittchen umzubringen. Als Beweisstück für den Vollzug der Tat hatte er der Stiefmutter Lunge und Leber des gemordeten Kindes zum Verzehr zu überbringen. War ihr der Jäger so treu ergeben, daß sie Verrat an den König nicht fürchten mußte? Oder gestattet ihre Stellung am Hofe, sich über derartige Bedenken souverän hinwegzusetzen? Was tat der Jäger?

Erste Überlegung

Der Jäger tötet das Kind, bringt der Königin die gewünschten Lunge und Leber des Kindes. Auf unbequeme Fragen antworten die Missetäter, daß Schneewittchen weit fort sei, hinter sieben Bergen bei sieben Zwergen.

Zweite Überlegung

Der Jäger tötet das Mädchen nicht. Er hat auch gar nicht einen solchen Auftrag erhalten. Er nähert sich dem Kinde erotisch, vergeht sich an ihm und erfindet, um durch Angst das Kind von einer Rückkehr aufs Schloß abzuhalten, das Märchen von der Mordabsicht und vom Auftrag der Stiefmutter.

Lunge / Leber Symbole? Der Jäger war ein "Unhold"; sie aber war frühreif, früh erwacht aus dem Streit mit der Stiefmutter. Inzestwunsch? Jäger = Vater? Kannibalismus der Stiefmutter = kongruenter Wunsch bei Schneewittchen? Die Kraft, Schönheit, Klugheit der (jeweils) anderen wird durch Verzehr übernommen. Ersatz = Vaterbosheit auf Stiefmutter übertragen? Oder: Hofintrige gegen die neue Königin, mit der Absicht, ihr ein schweres Verbrechen anzulasten.

Voraussetzung: Dem Märchen vom Schneewittchen und den sieben Zwergen liegt eine wahre Begebenheit zugrunde.

Was macht die Erzählung der Begebenheit zu einem Märchen - offensichtlich das für den Alltag Unwahrscheinliche. Die Lektüre hinterläßt einiges Dunkle in der Erinnerung. Da schickt die alte Königin, die Stiefmutter, den Jäger mit dem Stiefkind namens Schneewittchen in den Wald, um es dort umbringen zu lassen. Als Beweis für die Tat soll der Jäger die Lunge und die Leber des Kindes der Stiefmutter überbringen, die diese Organe dann verspeisen wird. Es wird nicht erzählt, wodurch der Jäger dieses immense Vertrauen der Königin besaß. Mußte sie nicht damit rechnen, daß der König, der Vater des zu ermordenden Kindes also, von der Untat erfahren würde? War die Macht der Königin tatsächlich so absolut, daß sie in der Hinsicht nichts zu fürchten hatte?

Hypothese I

Der Jäger war mit dem vielleicht neunjährigen Mädchen allein in den Wald gegangen. Als Vorwand für womöglich erotische Absichten (ich komme noch darauf zurück, was für diese Annahme spricht) erzählte er dem Kind, er habe den Auftrag von der Königin erhalten, es zu töten; aber es tue ihm selbstverständlich sehr, sehr leid. Er bringe es nicht übers Herz, er werde schließlich schon weitersehen, was aus der Sache werde, die Kleine solle nur recht, recht nett zu ihm sein. Es kommt zu einer Tat, für die der Jäger das Mädchen als einzigen Zeugen hat: er vergeht sich an ihr - oder tötet sie. Für die zweite Möglichkeit müßte sprechen, wenn die Fabel mit den sieben Zwergen vom Jäger selbst verbreitet worden wäre, was freilich nicht allzu wahrscheinlich ist, denn er mußte ja am selben Tage noch oder doch innerhalb kurzer Zeit eine Erklärung für das Verschwinden des Kindes parat haben. Stand er im Schloß nicht im Verdacht, so mußte er einen Auftrag haben, nach dem Verbleiben des Kindes zu forschen, wofür allerdings die Anhaltspunkte fehlen. Wenn er jedoch, und das wäre die erste Möglichkeit, das Kind nicht tötete sondern fortschickte in den Wald, ihr mit der Drohung, die Königin werde sie umbringen lassen, anriet, nicht ins Schloß zurückzugehen, dann war er seine Zeugin, die ja gleichzeitig Opfer war, los, ohne daß er sich erneut schuldig machen mußte. Die Tötung mochten die Tiere im Walde für ihn besser besorgen. Man würde das Kind irgendwann finden, und alle würden an einen Unfall glauben. Die dem Mädchen gegebenen Merkmale - schwarzes Haar, weiße Haut, die Blutröte in Zusammenhang mit dem zerstochenen Finger der verstorbenen Mutter - scheinen auf eine Defloration hinzuweisen, die - falls es sich bei dem Märchen oder diesem Teil des Märchens nicht um eine psychologische Konstruktion handelt - durchaus von dem Mädchen selbst erzählt worden sein kann beziehungsweise später in die Geschichte als Verklärung und Idealisierung der wahren Tat hineingenommen wurde.

Hypothese II

Schneewittchen erzählt den Zwergen, daß sie von der Stiefmutter habe umgebracht werden sollen. Es bleibt unsicher, ob sie selbst es war, die sagte, daß sie eine Königstochter sei. Die Zwerge jedenfalls scheinen sich für die Mordabsicht nicht sonderlich zu interessieren. Sie freuen sich, eine Arbeitskraft für ihren nicht kleinen Haushalt gefunden zu haben, legen Wert darauf, daß das Mädchen, das ja noch ein Kind ist, im Hause bleibt - "hüte dich vor deiner Stiefmutter, die wird bald wissen, daß du hier bist; laß ja niemand herein!" Hat Schneewittchen sich ihre Geschichte ausgedacht, fühlt sie sich als Königstochter, ohne eine zu sein, oder ist dies erst später hinzugekommen? Sie kommt, das ist die reine Erzählung, als besitzloses kleines Mädchen in den Haushalt von sieben Männern, Zwergen, die sie unter der Bedingung, daß sie für den Haushalt sorge, als Gast in Logis aufnehmen. Es ist zu bedenken, daß die Gastgeber ständig als "gute Zwerglein" beschrieben werden, obgleich sie das Kind nur unter Arbeitsbedingung aufgenommen haben.

Hypothese III

Die sieben Zwerge, die als wohlhabend bezeichnet werden müssen (Erz, Gold, Hausstand, "...es soll dir an nichts fehlen."), halten das Mädchen in ihrem Hause unter ständigen Ermahnungen, nicht hinauszugehen, denn die Stiefmutter "wird bald wissen" (warum eigentlich?). Warum soll das Kind das Haus nicht verlassen, oder ist es den Zwergen vor allem darum zu tun, das Haus bewacht zu wissen und daß ja niemand ins Haus komme während ihrer Abwesenheit? Sie warnen das Kind vor der bösen Stiefmutter; wenn es von der Frau erzählt, haben sie gleich den "Verdacht", daß es die Stiefmutter gewesen sei. War die Frau denn überhaupt die besagte Stiefmutter? Einen Beleg dafür gibt es doch wohl nicht. Gibt es ein Interesse bei den Zwergen, das Mädchen im Hause zu halten? Der anonyme Märchenerzähler berichtet von den "guten Zwerglein", die sich des armen Schneewittchens angenommen haben, um sie vor Gefahren, ja vor Mord zu bewahren.

Die Wohltäterzwerge scheinen sich in dieser Rolle recht gut zu gefallen. Freilich könnten unerwünschte Fragesteller zu dem Schneewittchen kommen am Tage, wenn die Zwerge im Bergwerk sind, wo sie arbeiten - als Besitzer, als Arbeiter? Der Habitus des Wohltäters spricht mehr für den Besitz als für die unselbstandige Arbeit. Zudem war zu der Zeit, da die Fabel spielt, aus anderer als eigener Arbeit kaum Wohlstand zu erlangen, der es ermöglicht hätte, einen Gast über lange Zeit mit durchzufüttern. Was haben die Zwerge mit der guten Tat eventuell auszugleichen? Es vergehen Jahre, Schneewittchen wird heiratsfähig, sie soll eine "gute Partie machen". Die Zwerge setzen ein Gerücht in die Welt: Schneewittchen ist eine Königstochter. Wird sie zuletzt wirklich umgebracht, und ist also das Ende des Märchens erdichtet - oder wird ein Schauspiel in Szene gesetzt, um... Ja, um was?

Die Frau - Stiefmutter, Königin, Hexe, böses Weib, Verfluchte, Giftmischerin, Mörderin - endete unter Qualen beim Tanz in glühenden Pantoffeln. Es wird erzählt, daß sie nicht zur Hochzeit kommen wollte, doch kommen mußte. Angeblich ging der Zwang von ihr aus, ihrer Neugier. Die Vorbereitung der Folterwerkzeuge läßt aber vermuten, daß sie mit Gewalt zur Hochzeit gebracht wurde. Aus dem Bericht geht nicht deutlich hervor, wo der Königshof, in den Schneewittchen einheiratete, sich befand.

Die Stiefmutter wurde gehaßt. Der Haß war erbarmungslos und verlangte den Tod der Verhaßten. Wer haßte wen - warum? Durch die ganze Erzählung zieht sich ein Haß gegen diese Frau, indes bleiben die Gründe für diesen Haß recht vage; sie kommen mit dem Ton, der Diktion, dem Kolorit der Erzählung, von außen herein. Der anonyme Erzähler scheint es in erster Linie zu sein, der die Frau haßte. Wer erzählt die Geschichte? Wer hatte ein Interesse an der Verbreitung der Geschichte? Wird hier nachträglich etwas legitimiert, wofür es keine Legitimation geben kann? Aber was?

Was geschah damals im Wald? Was ist das für ein Verhältnis im Hause der Zwerge? Es ist zu fragen, ob der Erzähler, der im dunkeln bleibt, vielleicht einer der Beteiligten war. Dies einmal unterstellt: wer würde die Geschichte so erzählen, wie sie erzählt worden ist, wie sie zumindest überliefert ist? Dabei ist von vornherein klar, daß es die Tendenz, nicht die Erzählung in ihren Einzelheiten sein kann, die dem kritischen Blick unterliegt. Wenn der Erzähler, die Erzähler, die Erzählerin, Erzählerinnen nicht selbst beteiligt waren, für wen nahmen sie Partei? Für Schneewittchen, den Prinzen - vor allem für die sieben Zwerge, die so gut waren, deren Güte nur von der Bosheit der Stiefmutter übertroffen wurde. Dennoch scheint mir die Güte zugunsten eines kleinlichen Mißtrauens zu verblassen. Kräftig ist der Haß auf die Frau. Dieser Haß scheint wiederum nur von einer Frau ausgehen zu können. Ich assoziiere beim Lesen ein keifendes, beißendes Weib, selber eher eine Hexe, die das erzählt, als jene, von der die Rede ist. Wer spritzt Gift auf jene, die sich nicht mehr rechtfertigen und verteidigen kann?

Die alte Frau ist tot, als die Geschichte erzählt wird. Sie wurde gefoltert und starb unter Qualen. Was der Erzähler ihr in den Mund gelegt hatte - angesichts des vermeintlichen Todes von Schneewittchen -, kann auf ihren Foltertod angewandt werden. Dieser Tod als einziger scheint sicher zu sein. Über die mehrmaligen Tötungsabsichten an Schneewittchen ist erzählerisch nichts verbürgt. Kommentar zum Mord: "Nun bist du die Schönste gewesen", sagte sie nach dem Versuch mit dem Schnürriemen. Sie erfährt, daß der Versuch mißlang. "Nun aber will ich etwas aussinnen, was dich zugrunde richten soll." Als Schneewittchen mit dem Kamm im Haar zu Boden sinkt: "Du Ausbund von Schönheit, jetzt ist's um dich geschehen." Was sagt sie, als sie von dem nochmaligen Mißerfolg ihres Tuns erfährt? "Schneewittchen soll sterben, und wenn es mein eigenes Leben kostet." Sie bringt ihr den Apfel, und Schneewittchen "fiel tot zur Erde nieder. Da betrachtete es die Königin mit grausigen Blicken und lachte überlaut und sprach, weiß wie Schnee, rot wie Blut, schwarz wie Ebenholz! Diesmal können dich die Zwerge nicht wieder erwecken!... Da hatte ihr neidisches Herz Ruhe, so gut ein neidisches Herz Ruhe haben kann." Die Anklage des Erzählers sieht sich außer jeder Kritik. Er bleibt anonym und gibt sich allwissend, steht außerhalb des Geschehens. Das Gift, das er der Frau ins Blut spritzt, kommt auf ihn zurück - in dem Moment, da er als Giftmischer erkannt ist.

Das Böse, der Neid und alle schlechten Attribute werden der Frau unterschoben oder in den Mund gelegt. Aus ihren Taten geht das Böse keineswegs hervor. Sie hat ein paar harmlose Dinge verkauft. Später wird erzählt, sie seien vergiftet gewesen oder zu verbrecherischem Zweck an Schneewittchen gekommen. Die Frau ist bereits tot, als es berichtet wird. Wie, wenn der Neid bei Schneewittchen oder den Zwergen war?

Das Gegensatzpaar sind die Frau und das Mädchen. Um sie kristallisiert sich, was Partei wird. Schneewittchen, das ist sie selbst, sind die Zwerge; später der Prinz, das Schloß seines Vaters. Wer vertritt die böse Frau? Der Jäger hatte den Mordauftrag, so wird erzählt, doch er führte ihn nicht aus, war also ungehorsam, wovon die Königin später auch erfuhr. Was geschah daraufhin? Es steht nicht geschrieben. Und der König, ihr Gemahl? Anfangs wird er erwähnt. Er hat die Böse nach dem Tode seiner ersten Frau geheiratet. Und dann Schweigen. Kein Wort vom König oder über ihn. Nichts. Die Frau vertritt ihre Sache, ihre dem Anschein nach böse Sache, selbst und allein. Ihre Bosheit ist nicht von Erfolg gekrönt; die Frau findet ihre, offenbar gerechte, Strafe. So gut ist die Welt, so schlimm zahlt sie es den bösen Königinnen und Hexen heim. Die Eine verfällt dem Gericht aller anderen.

Wenn nun alles, was als Grund für die Marterung und Ermordung der Frau Stiefmutter herhalten soll, an den Haaren herbeigezogen, ja erfunden war? Solche Erfindungen kommen nicht von ungefähr. Ist in der Erzählung vom armen und verfolgten Schneewittchen eine Begebenheit verborgen, die aus der Fabel erst erschlüsselt werden muß? Warum mußte die Frau sterben? Dies sei gefragt unter Ausschaltung der ausführlich geschilderten Gründe. Wir nehmen einmal an, die Frau sollte aus einem anderen, sehr gewöhnlichen Grunde - Neid, Rache vielleicht - umgebracht werden. Ging es um eine Mitwisserschaft? Die Frau hatte Einfluß, Erfahrung, Macht, war von gereifter Schönheit, eine Frau von Format, intelligent, geistreich, gebildet. Gründe genug, um sich Feinde zu machen.

Aufschluß könnte der geschichtliche Hintergrund geben. Interessant wäre auch eine Antwort auf die Frage nach dem Zeitraum, in dem die Geschichte abläuft. Schneewittchen war sieben Jahre alt, als die Stiefmutter ihre Schönheit bemerkte. Die Zahl sieben spielt in der Mystik, in Sagen, Mythen, Märchen eine Rolle, wo ihr besondere Kräfte zugeschrieben werden - als Glückszahl, aber auch als das Gegenteil. Mit der Anzahl der Zwerge finden wir das Symbol wieder. Man weiß, daß kleine Mädchen von einem bestimmten Alter an ihre Mütter eifersüchtig machen. Sie beginnen, ihre Position zum Manne und zum Vater einzurichten, wissen sich schon mit Wirkung zu zeigen. Diese Entwicklungsphase fällt etwa in das neunte Lebensjahr, wobei wir uns nicht auf ein Jahr genau festlegen müssen.

Schneewittchen hat die Mutter nicht kennengelernt. Der Vater ist nur für sie da. Er heiratet eine andere Frau. Von Stund an richtet sich Schneewittchens Ablehnung gegen den neuen Mittelpunkt seiner Liebe: die Königin Stiefmutter. Diese Frau hat ihr den Mann-Vater entrissen. Schneewittchens Stunde der Vergeltung ist gekommen, als sie der eigene Gatte heimführt. Die Hochzeit Schneewittchens und die Tötung der Stiefmutter fallen auf einen Tag. Hat Schneewittchen die böse Geschichte in Szene setzt, um sich die Rache an der Frau ihres Vaters schmecken zu lassen? Ist das arme Schneewittchen in Wahrheit eine skrupellose Haß- und Mordfurie? Wie alt war sie bei ihrer Heirat? Welche Rolle spielen die Zwerge? Da kamen sie also, die Herren von dem Häuslein, eines Abends heim, es war schon dunkel, und fanden im Hause einen Gast, der sich ohne Einladung eingestellt, satt gegessen und in eines der vorhandenen Bettchen gelegt hatte. So wird es erzählt. Das Mädchen durfte bleiben. Die Geschehnisse des ersten Tages sind wichtig. Ebenso unklar sind sie auch. Daß man lästigen Fragern derlei vorflunkert, was die Zwerge berichtet haben, ist leicht einzusehen. Aber was war geschehen?

Wenn das Mißtrauen der Zwerge mit Geiz gepaart war, der mit dem Wohltäteransehen kompensiert wurde, dann wäre leicht denkbar, daß die Herren des Hauses das junge Mädchen sich zur Hörigkeit erzogen, Schneewittchens Hilflosigkeit und Jugend ausnutzten - als Brötchengeber und vielleicht auch als Männer. Als die Zwerge abends nach Hause kamen, fanden sie Schneewittchen in dem einen der sieben Betten. Es könnte auffallen, daß es überhaupt Zwerge waren und nicht normale Männer. Wurden nachträglich Zwerge daraus, um die Glaubwürdigkeit der Erzählung - "Der siebente Zwerg aber schlief bei seinen Gesellen, bei jedem eine Stunde, da war die Nacht herum." - zu sichern? Wird es nur erzählt, weil es putzig klingt, oder weil es für den Hergang selber wichtig war? Wie denn, wenn der "siebente Zwerg" kein Zwerg, sondern Schneewittchen war, und nicht sie von Bett zu Bett, sondern die sieben Herren sich abwechselten in der nächtlichen Betreuung ihres Gastes. Wechselte gar Schneewittchen selbst? Schlafen konnten sie nach der Aufregung ja ohnedies nicht. Wozu wird besonders betont, daß man das Kind nicht geweckt hat? Hier bekäme die Bemerkung einen Sinn. Anderntags erschrak das Mädchen, nicht nur über die Zwerge, sondern über sich selbst. Der folgende, von der Außenwelt abgeschlossene Aufenthalt in dem Häuschen konserviert ein Gruppendasein, an dessen Bekanntwerden den Hausherren nicht gelegen sein kann. Übrigens wird von der späteren Anschaffung eines achten Bettes nichts erzählt. Wo schlief Schneewittchen in all den Jahren? Wie kamen die Herren darauf, nach jedem Besuch der Frau gleich den bösesten Verdacht zu haben? Dieser Frau wird alles Schlechte zugetraut und schließlich in die Schuhe geschoben, wobei die eigenen Westlein rein zu bleiben scheinen. Schneewittchen liegt auf dem Boden, gleich suchen sie nach etwas Giftigem. Warum denn bloß, damit die Fabel grausig werde? Wer will es denn so haben? Was wird später schließlich mit dem Glassarg, in dem sie lange Zeit liegt, ohne tot zu sein, ein Märchen gewiß, aber was könnte dem zugrundeliegen? Es kommt denn auch bald ein Prinz vorbei, zufällig, und kann sich von der Toten nicht mehr trennen. Schneewittchen hat in diesem Zustand - schön im Tode, ohne zu verwesen - ihren ästhetischen Höhepunkt erreicht, was ein homoerotisches Motiv erwägen läßt und, falls die Zwerge die Erzähler sind, einen Sinn erhält. War Schneewittchen tot und wurde später gefunden, einbalsamiert von ihren langjährigen Gastgebern, die sie noch als Leiche liebten oder jetzt erst besonders?

Dann wäre die Rachehochzeit hinzugekommen - als Bestandteil einer anderen Begebenheit, die mit dem Schneewittchen bei den Zwergen vielleicht gar nichts zu tun hatte? Die Übergänge zu Beginn und nach dem Glassarg sind verschwommen. Herkunft und Ankunft sowie der Ausgang des langen Lebens bei den Zwergen liegen unklar im Gedächtnis. Dem dunklen Anfang wird die Kette der Stiefmutterbosheiten angelegt, dem nicht helleren Ende nach dem Apfel und im Glassarg - die Rachefeier zugefügt. Diese dichten Szenen mit der Stiefmutter, immer ja böse, sind mit starkem Affekt besetzt - dies wiederum stützt die Neigung, doch an eine einheitliche Geschichte zu glauben, deren einzelne Teile lediglich in verschiedener Treue zum Gegenstand, geschildert werden. So ist nach den Motiven der Verschleierung zu forschen. Die Zwerge ließen die Leiche im Sarg und stellten diesen "hinaus auf den Berg, und einer von ihnen blieb immer dabei und bewachte ihn. Und die Tiere kamen auch und beweinten Schneewittchen, erst die Eule, dann ein Rabe, zuletzt ein Täubchen". Sie schrieben den "Namen darauf und daß es eine Königstochter wäre". Der Prinz bot für die Tote im Sarge, "was ihr dafür haben wollt". Aber nein, die Zwerge wollten nicht, "nicht um alles Gold in der Welt". Dann bat der Prinz, sie ihm doch zu schenken. Kurzum, sie werden handelseinig, "empfanden die guten Zwerglein Mitleiden mit ihm und gaben ihm den Sarg". Als Geschenk oder gegen Zahlung eines angemessenen Preises? Davon steht nichts geschrieben. Der Prinz erwarb eine tote Königstochter im Glassarg.

Hatten die Zwerge ihren Verdacht, daß die alte Krämersfrau die böse Stiefmutter sei, nicht von ungefähr, so ist zu fragen, wo, bei welcher Gelegenheit und durch wen sie davon erfahren hatten. Wer, außer Schneewittchen, wußte noch davon? Bekannt ist dem Leser der Jäger, der das Kind umbringen sollte. Kannten sich - früher oder später - der Jäger und die Zwerge, tauschten sie ihr Wissen aus? Vielleicht erfuhr auf diese Weise der Jäger vom Aufenthalt Schneewittchens und überbrachte es der Stiefmutter. Verbirgt der Jäger sich hinter dem Spiegel, von dem die eitle Königin zu wissen glaubt, daß er "keine Unwahrheit sprach"? Ein Indiz spricht gegen diese Annahme. Als sie - aus dem Spiegel an der Wand - zum ersten Male den fernen Aufenthalt des lebenden Schneewittchens zu Gehör bekommt, merkt die Königin, "daß der Jäger sie betrogen hatte". Spiegel und Jäger scheinen also nicht identisch.

War der Zauberspiegel Information aus zweiter Hand, oder symbolisiert er die gedanklichen Reflexionen der Königin? War die Schloßfrau in ihrem Kämmerlein so isoliert, daß sie, ein Opfer übler Hofintrigen, ihr zugetragene Nachricht gar nicht mehr überprüfen konnte? War ihre Kammer ein Kerker? Es hätte seine Logik. Niemand wollte die neue Frau des Königs anerkennen. Nichts spricht für eine starke Position bei Hofe. Eine souveräne Königin hätte den ihr zugeschriebenen Hexenzauber nicht nötig gehabt. Eine Königin konnte unter jedem Vorwand ein Gerichtsverfahren anstrengen und die Abtrünnige hinrichten lassen, genauso, wie das arme Schneewittchen es später mit ihr getan hat.

Schneewittchen und ihr Prinzgemahl haben Macht und also die Möglichkeit, selbst die privatesten Angelegenheiten, sollten es denn solche gewesen sein, als Königssache zu behandeln. Was das junge Herrscherpaar mit der Königinmutter veranstaltet, erinnert an einen Hexenprozeß. Das Spieglein an der Wand symbolisiert den Geist der Frau auf dem Schloß, die als intelligent und als kluge Frau zu gelten hat. Ihre Klugheit wird in der Fabel zur Allwissenheit einer Hexe, einem bösen, dämonischen Geist, den man ihr obendrein neidet. Sie ist die Schlange mit der giftigen Zunge. So will es die Fabel. Nach allem, was wir nun ersehen können, ist aber das Märchen selbst ein Schlangenei.

Sind etwa das junge schöne Schneewittchen und die böse Königin identisch? Was ist aus dem Vater geworden? Der alte König wird nicht mehr erwähnt. Gibt es nur einen Königshof und nicht zwei? Auch zur Hochzeit seiner Tochter ist der König nicht erschienen.
Schneewittchen war eine grausame Königin.
Was aber war mit der Krämersfrau, die mit verschiedenen Dingen handelte und diese dem Schneewittchen verkaufte? Das kleine Geschäft der wandernden Krämerin konnte sehr leicht mit Amoralität aufgeladen und in den Zielbereich von Empörung und Haß gestellt werden, um von anderem abzulenken, gegebenenfalls vom dunklen und politischen Geschäft, was an die Zwerge und an den Prinzen erinnert. War nämlich die Krämerin nicht die Königin, als die sie dargestellt wird, so bestand für sie kein Grund, nach dem, was bekannt geworden ist, das Schneewittchen zu hassen oder gar umzubringen. Mit der Identität, die keineswegs nachgewiesen ist, steht und fällt der Verdacht auf die Stiefmutter.
Die Verkleidung der Königin in eine Krämersfrau mit Mordabsicht ist allerdings höchst unwahrscheinlich, wenn auch nicht völlig auszuschließen. Die Frau verkauft dem Schneewittchen ein paar harmlose Dinge, denen allerdings eine Funktion als Mordwerkzeuge vom Erzähler zugedacht ist. Die kriminellen Vorgänge sind im einzelnen beschrieben: "Komm, ich will dich einmal ordentlich schnüren... Nun will ich dich einmal ordentlich kämmen... Fürchtest du dich vor Gift? Siehst du, da schneide ich den Apfel in zwei Teile; den roten Backen iß du, den weißen will ich essen." Ein Akt der Verführung mit der Röte, in dessen Verlauf der Verführer es auf das Weiße, die weiße Haut, den Körper Schneewittchens abgesehen hat. Schneewittchen gibt sich den Schnürriemen hin. Die Verwendung des Kammes deutet einen sexuellen Akt an. Wird er als vollendet oder als Sehnsucht beschrieben, als männliche oder weibliche Wunschphantasie? Schneewittchen ist tagsüber allein, hat keinen Umgang mit anderen Menschen. Sie kommt allmählich in ein Alter, in dem solche Wünsche sich regen. Es kommt zu keiner guten, nur zu einer bösen Erfüllung. Das Böse der Frau ist das männliche Prinzip in ihr. Oder hat Schneewittchen eine wahre Begebenheit falsch erzählt? War tagsüber jemand, ein Mann aber, bei ihr, was sie verdrängt und als Märchen von den drei Krämersfrauen den Zwergen erzählt? Oder richten sich Schneewittchens Träume auf die Zwerge, die sie nicht als Frau behandeln, sondern eben als Hausmädchen oder als Kind? Im Märchen lieben die Zwerge das Schneewittchen rein platonisch. Vielleicht hält sie tatsächlich etwas von anderen Empfindungen ab. Schneewittchen lebt unbefriedigt in dem sonderbaren Haushalt. Da schwelt dieser Haß in ihr - gegen wen? Die Stiefmutter wieder? Gegen sich selbst?
Ja, Schneewittchen war eine grausame Königin. Der Stiefmutter "ward so angst, so angst, daß sie sich nicht zu lassen wußte... erkannte sie Schneewittchen, und vor Angst und Schrecken stand sie da und konnte sich nicht regen. Aber es waren schon eiserne Pantoffeln über Kohlenfeuer gestellt und wurden mit Zangen hereingetragen und vor sie hingestellt...". An Schneewittchens Grausamkeit, die - von den Tätern - bezeugt ist, müßte das Netz der Erzählung entsponnen werden. Damit geraten die Zwerge wieder ins Zwielicht, wenn nicht ins Dunkel. Sind sie erfunden, von Schneewittchen als Alibi für die böse Tat in die Welt gesetzt, ist kein wahres Wort daran? Warum wählte sie gerade die Zwerge in dem Häuschen hinter den Bergen. Erotische Sehnsucht, wiederum, die ganze Zwergenmär?

Versuch einer Rekonstruktion der wahren Begebenheit, die dem Märchen vom Schneewittchen und den sieben Zwergen hinter den Bergen zugrundeliegt.

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