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Wo lassen Sie denken Où laissez-vous penser? Rent a brain...
Eine alte, für mich neue Welt, ein grausam schönes Wunderland. Götzen starren mich an, große, kleine, bunte, alle sehr kostbar. Auf einem Löwen reitend eine Göttin, verführerisch, zehnarmig, langes wallendes Haar, blauer Himmel, bunte Blumen, überall Gold, viel Gold. Unter ihren Füßen, in den Klauen des Löwen, ein Krieger, muskulös, mirakulös jung, stirbt, den Dreizack im Leibe, unter dem männermordenden Lächeln dieser süßen Göttin. Ein Bild des Schreckens erst auf den zweiten Blick.
Ich stelle die Götzen aus, in all ihrem Glanz. Ich tue es mechanisch, es sind Figuren, Puppen, gutes Kunsthandwerk... Aber sie sind heilig. Ich respektiere das. Trotzdem: Manchmal komme ich mir vor wie in Babylon vor 3000 Jahren, eine Götzendienerin. Jeden Tag fahre ich nun nach Babylon und sitze, umgeben von all diesen Götzen, die mir ein Greuel sind, in meinem Laden, sie lachen mir ins Gesicht, grinsen mich an, beobachten mich.
Türschellen reißen mich aus meinen Träumen. Die ersten Kunden kommen, "Moderne, Aufgeklärte". Ich denke: Angeklärte... Sie wollen meinen Rat. "Welcher Götze ist der freundlichste, läßt er sich leicht kontaktieren?" Ein selbstgestrickter Norwegerpullover auf schlurfenden Birkenstocksohlen, indogermanisch durch und durch, erobert sanft wie tolpatschig diesen exotischen Laden, sein Revier absteckend mit scheinbar zufällig verstreutem Reformvogelfutter. Meinen schwarzen Augen ausweichend, fahndet er nach einem indischen Gott, "bei dem einem nicht gleich das Hirn an die Wand klatscht".
Ein keltischer Sturm läßt abermals die Glocken läuten. Nacheinander wird meine indische Idylle von hochgewachsenen Nornen heimgesucht. Ihre unumstößlich nordische Religiosität mit sich schleppend, äußern sie gezielt mitteleuropäischen Kultbedarf.
Ein Achtjähriger weiß so gut in der indischen Götterwelt Bescheid, daß ich für einen Augenblick ein anerkennendes Lächeln auf den Gesichtern der asiatischen Gottheiten wahrzunehmen meine. Aber den mit dem Elefantenkopf hatte er noch nicht. Er lief schnell nach Hause, kam nach zehn Minuten mit dem Sparschwein zurück, um Ganesha in Besitz zu nehmen.
Was ist denn los, fallen wir jetzt zurück in biblische Vorzeit? Hatten wir den Götterdienst nicht hinter uns gebracht und erkannt, daß es nur den Einen gibt?!
Einerseits ist es nicht fortschrittlich, an Gott zu glauben. Dagegen ist es modern, sich indische Gottheiten hinzustellen, sich von Räucherstäbchen einnebeln zu lassen, nach Indien zu fahren, dort zu sich selbst zu finden, mit ein paar Schrauben locker wiederzukommen, um dann bei mir im Laden aufzutauchen und mit milder, abgeklärter Stimme zu erzählen, wie sie endlich den Sinn ihres Lebens gefunden haben, wie toll Esoterik ist, und sie denken, in mir eine Gleichgesinnte gefunden zu haben.
Ich habe schnell gelernt, daß es sinnlos ist, sich auf Diskussionen einzulassen, und zu sagen: Sie nerven mich ganz schön mit Ihrem Gequatsche, wäre schlecht fürs Geschäft. So höre ich mir geduldig alles an, erfahre dabei viel über die Menschen, wobei sie von mir nicht die leiseste Ahnung haben.
Eine Abwechslung, die eigentlich keine war: "Ihnen gefällt wohl dieser ganze orientalische Kram. Was gefällt ihnen denn daran, das glitzert so schön, wa? Sie sind doch Deutsche, oder? Ich habe Sie hier noch nie gesehen. Sonst sitzt hier immer nur diese indische Alte in ihrem Sari. Ist ihr Mann auch so klein?"
Ein ganz normaler Arbeitstag in Berlin.
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