Unger Varnsdorf

Wer ist Gutz Gauch?

Auf der Suche nach einem Phantom

Vorzeichen des Glücks hinter einem Verhängnis

Möglicherweise. Gutz Gauch hat sich allenthalben eingemischt, hat mit seinen grafischen Neckereien die Betrachter zum Narren gehalten. Mochte man meinen. Sein gröbstes Stück leistete er sich mit kuckuck 46 in den achtziger Jahren. Wer das Heft las oder zu lesen versuchte, erlebte eine Überraschung. Der kuckuck war unlesbar geworden, nicht nur Chinesisches kam einem jetzt chinesisch vor.

Gauchs Spielereien täuschten nichts vor, sie lieferten alles mit. Im Vordergrund stand ein Hintergrund. Man mußte hinschauen, um es herauszufinden. Es ging um alltägliche Dinge. Wie wichtig war hier noch die Politik? Wollte Gauch davon ablenken? Oder hob er gerade die Hand zum Streiche? Jedes Gesicht lädt zum Pokern ein, Bilder geben Rätsel auf.

Palimpsest, mit Tendenz gegen das Wort. Den Verrat? Alles verliert sich in einem Augenblick.

Was nach Zufall aussah, war die Absicht, mit Wörtern und Zeichen wenig zu sagen und den Trottel zu spielen, der den Kopf verloren hatte. So konnte man's sehen.

Alte Briefe kommen zum Vorschein, Familienfotos, Karikaturen und Symbole, Kinderzeichnungen, vermengt mit einem chinesisch-englischen Glossar zu den Emblemen KU, YANG und YIN. Zufälle im üblichen Sinn gibt es nicht. Wer zu lesen versteht, lernt Denken und Staunen.

Es wird gesagt, achtet wohl auf das Ungesagte! Ja, hingewiesen wird auf Rätselhaftes und Fragwürdiges. Manche Blicke drücken Gefahren oder Drohungen aus. Da lauert einer hinterm Pfeiler, da tut sich wer wichtig. Nachdenkliches verwahrt bereits, was viele Jahre später mit Verrat umschrieben werden kann. Die Bilder aus kuckuck 46 nehmen eine Familiengeschichte vorweg, die in der aktuellen Politik nichts zu suchen hatte und doch darin beheimatet geblieben ist. Die Hoffnung, die Freude, die Liebe und der Ernst in den Gesichtern sind echt. Wie auch der Verrat sich als echt herausstellen wird. Ein Bruch.

Verrat wessen an wem? Vor allem: woran? Wer oder was wurde verraten? Oder gebrochen? Eine Vereinbarung, ein Mensch, ein Bündnis, ein Ehrenwort, eine Verschwörung? Ein Bund? Ein Geheimnis?

Das Geheimnis?

Wer ist dann der Verräter?

Omertà ist das Schweigen und das Schweigegebot. Du sollst nicht sprechen (und nicht schreiben). L'Omertà, schreibend, ist die Verletzung des Gesetzes, des innigen Namens.

Darum die nicht enden wollende Flucht in die Synonyme? Eine Flucht? Der Widersinn jeder Aufklärung?

Bin ich nicht der Wahrheit, sondern dem Schweigen verpflichtet?

Ist Schweigen diese Wahrheit? Ist Wahrheit nur im Schweigen aufgehoben? Macht Gott, der Stifter von Sprache und Schrift, uns durch diese zu Verrätern? Nur wenige haben den Namen, die wenigsten können ihn lesen.

Der Verratene folgt den Zügen der Schrift wie in einem Spiegelbild und findet sich nicht mehr zurecht.

Oder sind wir im falschen Zeichensystem, haben wir nur die falsche Schrift?

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