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Erkenntnistheorie und politische Praxis - Seit 1973 - Redaktion: Horst Lummert
1988-12-14
1988-12-22
um Ihnen mein Vertrauen in das Projekt YISHMAEL zu zeigen, würde ich mich freuen, der erste der von Ihnen gesuchten 5000 Interessenten sein zu dürfen - mit der symbolischen Anfangsspende von hundert Mark.
Vom Nullminuspunkt zum Unendlichen ist es nur eine Zeitschrift aus dem Nichts.
(22.12.88)
Sie gehen sehr weit zurück in der Geschichte, zurück an die ersten Weggabeln: Jakobssegen und Ismaelsegen. Abraham zwischen Hagar-Ismael und Sara-Isaak: Klassenfrage und Erstgeburtsrecht. Die Israeliten aus dem Sohn der Herrin und die Ismaeliten aus dem Sohn der Sklavin.
Was ist aus den zwölf Stämmen Ismael eigentlich geworden und aus den Edomiten des Esau? Ein bißchen wiederholte sich ja zwischen Esau und Jakob, was zwischen Ismael und Isaak geschah.
Aber steckt nicht auch etwas Unrecht in diesem Erstgeburtsrecht und etwas Recht in seinem Bruch? Noch Adorno hat erinnert an das Stück Gewalt, das in allem Ursprungsdenken liegt: Wer zuerst kommt, mahlt zuerst. Bei den Juden muß der Erstgeborene von Gott freigekauft werden.
Selbst als er zum Brudermörder geworden war, ist der erstgeborene Kain noch unter Gottes besonderen Schutz genommen worden. Ismael und Esau waren keine Brudermörder.
Der Sohn der ägyptischen Sklavin gehört Gott und nicht den Menschen, er wird beschnitten wie Isaak, aber den Bund schließt Gott mit Isaak und Jakob, immer am Erstgeborenen vorbei.
Der Engel, der zu Hagar kommt, um ihr die Geburt Ismaels zu verkünden, erinnert von fern an den Engel, der zu Miriam kommt, um ihr die Geburt ihres Erstlings Jesus anzukündigen.
Hagar und Miriam sind einfache orientalische Frauen aus dem niederen Landvolk, Am-Haarez. Miriam wie Hagar ist eine hebr. Alma und keine griech. Parthenos, eine junge Frau und keine Jungfrau nach der Geburt des Sohnes.
Der Heidenapostel Paulus hat in seinem Brief an die Galater 4,21-31 noch einmal von den zwei Söhnen Abrahams gesprochen und merkwürdigerweise die Juden mit Ismael in Verbindung gebracht, d.h. die Christen mit Isaak. Ismael sei Sklave des Gesetzes gewesen, und Isaak sei frei davon. Hagar wird mit Sinai in Verbindung gebracht und Sara mit Jerusalem.
Interessant diese Stelle bei Paulus, dem Juden mit römischer Staatsbürgerschaft und griechischer Bildung: Die Juden seien Sklaven ihrer Herren und des mosaischen Gesetzes zugleich, während die Christen sich von den Herrensöhnen herleiten sollen, die dem Gesetz nicht unterworfen seien.
Wenn der Nazismus wesentlich und nicht nur beiläufig Antisemitismus ist, dann kommt ein Antifaschismus, der nicht an der Oberfläche bleibt, kaum an den Judaica vorbei in Europa.
Ich bin wie Sie sehr dafür, die politische Praxis von heute auf ihre Hintergründe in biblischer Theorie und biblischer Geschichte hin zu befragen.
Das sind erregende Perspektiven, die endlich einmal Neues versprechen. An gewissen Punkten komme ich da in meinem Denken selbst nie recht weiter, wo es um die religiösen Wurzeln der Revolution und um die revolutionären Wurzeln der Religion geht; immer fehlen Zwischenglieder. Und immer wieder stößt man auf gezielte Fehlinterpretationen der Bibel.
Sie dürfen sicher sein, daß Ihre Initiativen immer auf mein Interesse stoßen werden, und ich würde gern auf meine Art dazu beitragen, daß die geplanten Blätter vom Orient Blätter vom Baum der Erkenntnis werden.
(14.12.88)
Ihr Rolf Schütt
online-Fassung
kuckuck
Das Projekt Ismael/Yishmael Quarterly
Blätter vom Orient
Erkenntnistheorie und politische Praxis
28. Dez. 1988
kokhaviv press:
Horst Lummert in kuckuck (kulikri)
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