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Erkenntnistheorie und politische Praxis - Seit 1973 - Redaktion: Horst Lummert

Nachzulesen im Sammelband:
Horst Lummert in kuckuck (kulikri)
1973 bis 2000 & unveröffentlichte Texte aus 40 Jahren Wüste. Die vielsandigen Vordenklichkeiten des Avram Kokhaviv.
Band 11. Revisionismus-Kritik exklusiv II
Herausgegeben von Alexander Becker / Baraq Kokhaviv
© 2000 kokhaviv publications

1997-00-00

Horst Lummert

Auf der Suche nach dem richtigen Titel

SCHWEIZ / SCHUTZ (hebr. Schabhazz/Shavats = Verwirrung, Todesangst, Schwindel, Krampf)

Die Todesschwadroneure, die in den islamischen Dörfern Algeriens wüten, sind nicht islamische, sondern atheistische Fundamentalisten.

Die Massaker sind nicht islamisch, sie gelten dem Islam.

Die Faschisierung der deutschen linken Theorie geht mit der inneren Faschisierung Europas einher.

Nach außen richtet sich die neue europäische Aggression nicht nur gegen den Islam, sondern gegen den monotheistischen Gedanken schlechthin, gegen den Namen - Shem - Gottes.

In diesem Sinne konsolidiert sich eine neue - antishemitische - Großmacht.

Die Schuldunfähigkeit der Täter und Schreibtischtäter ist evident: sie (taten und) tun es mit gutem Gewissen, ja nach bestem Wissen und Gewissen.

Zwei nahe Welten entfernen sich voneinander im Geiste.

Ihre Feindschaften transzendieren ins Unermeßliche.

Die Distanz zwischen den Grenzen (!) der Verständigung klafft wie ein Erdriß.

In einer förmlich - politisch/ideologisch - auf jeden anwendbaren Theorie des induzierten Irreseins sammeln sich Mystizismus und Psychoanalyse.

Von der Relativität metapolitischer Denksysteme in der politischen Diskussion schwindet mehr und mehr die Bedeutung.

Der Absolutismus hält Einkehr - nicht nur - in Denken und Wissen.

Wer diese Tendenzen zu Ende denkt, begegnet dem - heiligen, dem metaphysischen - Krieg.

Seine Vorboten heißen wir: Die neuen Unschuldigen und Victimologen, die Goebbels und aufgeschreckten Neutralen, Revisionisten als Pfadfinder, Friedensengel, Atheisten und andere Assassinen.

Während der Abend sich neigt, der Morgen bereits heraufdämmert, wenden wir uns einstweilen dem Alltag zu.

Davon kann man Lieder singen:

Die Journalisten sind doch nicht das, was im Grunde ihre Aufgabe wäre. Sie sollten informieren, aber was tun sie? Sie manipulieren!
Gerade in heutiger Zeit kann man doch immer wieder feststellen, wie hinterhältig sie ihre Interviews verdrehen, wie eine bestimmte Richtung gefördert und eine andere verschwiegen oder verleumdet bis unterdrückt wird.
Die Wahrheit bleibt absolut auf der Strecke! (10).

Diese Worte legt der Verfasser (Erich Glagau: Erdachte Gespräche. Verlag Neue Visionen, Schweiz 1996) einem Otto Schulz in den Mund, der gemeinsam mit Henry Ford und dem Verleger Hearst in fiktiven Interviews Prominente aus Geschichte und Zeitgeschichte befragt.

Die berechtigte Klage läßt sich ohne weiteres auch auf Glagau anwenden.

Die "Gespräche" sind nicht nur "erdacht", sie sind vor allem manipuliert, gemixt aus falschen und echten Zitaten, die sich ohne Vorwissen nicht voneinander unterscheiden lassen, insgesamt in "eine Richtung gefördert", dabei vieles "verschwiegen", so daß am Ende "die Wahrheit", wenn nicht "absolut", so eben doch erkennbar "auf der Strecke (bleibt)".

Als "Gesprächspartner" treten - neben etlichen anderen - Stalin, Hitler, Heydrich, Stauffenberg und Goebbels auf.

Stalin gibt dem Hitler Zucker.

Heydrich stellt endlich klar: "Wir von der SS hatten keineswegs ein feindliches Verhältnis zu den Juden" (35).

Der "erdachte" Stauffenberg: "Wenn das Attentat auf Hitler keinen Sinn hatte, so wäre es jetzt gerechtfertigt, diese Landesverräter zu beseitigen!" (41).

Hitler: "Leider kommt das Ausmerzen der Lüge für alle Erdenbewohner zu spät" (24).

Mal sehen.

Da haben wir "Dr. Joseph Goebbels und die Reichskristallnacht" auf den Seiten 55 bis 64.

Die entscheidende Frage bei Glagau lautet: "Doktor, wer war denn der Anrufer der Gaupropagandastelle in München, der den Startschuß gab?"

Und die "erdachte" Antwort:

Das, meine Herren, möchte ich auch wissen.
Es hat ja in anderen Städten in dieser Nacht ebensolche Anrufe gegeben, die alle anonym blieben.
Einige Empfänger solcher Gespräche haben nachgefragt, aber es wurden in keinem Falle Namen genannt, und auch nicht, wer diesen angeblichen Befehl erteilt habe.
Alle, auch spätere Nachforschungen blieben ergebnislos.
Leider ist es ja heute noch so auf der Erde, daß Nachforschungen bei politisch möglichen Fällen nur in einer Richtung unternommen werden.
Von vorn herein wird jemand zum Täter abgestempelt, und alle anderen Möglichkeiten werden überhaupt nicht verfolgt.
Sie wissen genau wie ich, daß es bestellte Hakenkreuzschmierer, vom Fernsehen bezahlte Rowdys, und sogar bezahlte Attentäter gibt, um zu bestimmten Zwecken gewünschte Verleumdungen zu verbreiten (63).
Bei dieser Gelegenheit muß ich darauf hinweisen, daß es in Nürnberg, und auch später, nur so gewimmelt hat von Fälschungen.
Sie sehen, die Wurzel allen Übels ist und bleibt die Lüge! (63).

Auch bei Ingrid Weckert (Feuerzeichen, Tübingen 1981) hatte Goebbels mit der sogenannten Reichskristallnacht grade nur so viel zu tun, daß er hinterher für Ruhe und Ordnung sorgte.

Auch Weckert spricht von Bestrebungen,

die historische Wahrheit zu verschleiern, sie mit einem Gespinst von Lüge, Verdrehung und Halbwahrheiten zuzudecken, bis sie für die jetzige und künftige Generationen nicht mehr zu erkennen ist (103).

Sie suggeriert gar jüdische Drahtzieher in Pariser "Hetzzentralen" (61).

Nun hat David Irving Die geheimen Tagebücher 1938 (Der unbekannte Dr. Goebbels. Focal Point London 1995) herausgegeben.

Die deutsche Ausgabe ist mir im Frühjahr 1997 zugegangen.

Eine Klarstellung, auf die wir lange warten mußten.

Oder eine Fälschung?

Irving schreibt in seiner Einführung:

Nach meiner Meinung ist dieses Tagebuch von 1938 echt.
Da wir die Original-Papiere nicht gesehen haben, können wir allerdings nicht die Labor-Tests auf Papier, Klebung, Bindung und Tinte durchführen, die das Ergebnis bestätigen würden...
Aber alle anderen Kriterien sind zufriedenstellend (12).

Der in der Tagebuch-Serie fehlende Band "tauchte dort auf, wo er erwartet wurde (in Moskau)" (12)...

Kann es nicht dennoch ein sowjetisches Machwerk sein?
Die Antwort ist: kaum.
Dieser Band von 1938 zeigt keine Spur einer fadenscheinigen oder opportunistischen Propaganda zur direkten Unterstützung der kommunistischen Seite.
Im Gegensatz dazu gibt es mehrere Stellen, die den Sowjets nur peinlich sein können, z.B. Goebbels' Erwähnungen der stattfindenden Moskauer Schauprozesse... (13).

Den Sowjets, vielleicht, doch nicht dem nachsowjetischen Rußland.

Vorbehalte bleiben, und die deutschen Revisionisten werden damit im stillen gewiß schon beschäftigt sein.

Vielleicht habe ich aber auch bereits vorliegende Kritiken nur übersehen.

Irving schreibt:

Es gibt weitere Hinweise in diesem Tagebuch dafür, daß in der Judenfrage Goebbels, nicht Hitler, die treibende Kraft war.
"Ich trage ihm noch Judenprogramm für Berlin vor. Er ist ganz einverstanden", hält Goebbels (30. Mai) fest.
Noch an diesem Tag schreibt er: "Himmler erzählt von seinen Besuchen in Konzentrationslagern. Da sitzt das Pack. Das muß ausgerottet werden - im Interesse und zum Wohle des Volkes."
Am 10. Juni spricht Goebbels zu 300 Berliner Polizeioffizieren über die Judenfrage. "Ich putsche richtig auf. Gegen jede Sentimentalität. Nicht Gesetz ist Parole, sondern Schikane. Die Juden müssen aus Berlin raus" (22f.).

Indes:

Unsere Pgn. (in Berlin) gehen auch etwas scharf heran. Ich bremse da ein wenig.

Und wie!

Zigeuner und andere lichtscheue Elemente haben sich daran beteiligt. Ich lasse diese alle in Konzentrationslager abfahren (23).

Goebbels, wie ihn damals doch jeder kannte.

Zur "Kristallnacht" nun dies:

9.11.38: Jetzt wollen wir Fraktur reden. In Hessen große antisemitische Kundgebungen. Die Synagogen werden niedergebrannt. Wenn man jetzt den Volkszorn loslassen könnte! (407).
10.11.38: Ich trage dem Führer die Angelegenheit vor. Er bestimmt: Demonstrationen weiterlaufen lassen. Polizei zurückziehen. Die Juden sollen einmal den Volkszorn zu spüren bekommen. Das ist richtig. Ich gebe gleich entsprechende Anweisungen an Polizei und Partei. Dann rede ich kurz dementsprechend vor der Parteiführerschaft. Stürmischer Beifall. Alles saust gleich an die Telephone. Nun wird das Volk handeln.
Einige Gauredner machen schlapp. Aber ich rufe immer wieder alles hoch. Diesen feigen Mord dürfen wir nicht unbeantwortet lassen. Nun den Dingen ihren Lauf lassen. Der Stoßtrupp Hitler geht gleich los, um in München aufzuräumen. Das geschieht dann auch gleich. Eine Synagoge wird in Klump geschlagen. Ich versuche, sie vor dem Brand zu retten. Aber das mißlingt.
(...)
Mit (Adolf) Wagner zum Gau. Ich gebe nun ein präzises Rundschreiben heraus, in dem dargelegt wird, was getan werden darf und was nicht. Wagner bekommt kalte Füße und zittert für seine jüdischen Geschäfte. Aber ich lasse mich nicht beirren. Unterdeß verrichtet der Stoßtrupp sein Werk. Und zwar macht er ganze Arbeit. Ich weise Wächter in Berlin an, die Synagoge in der Fasanenstraße zerschlagen zu lassen. Er sagt nur dauernd: "Ehrenvoller Auftrag."
(...)
Ich will ins Hotel, da sehe ich am Himmel blutrot. Die Synagoge brennt. Gleich zum Gau. Dort weiß noch niemand etwas. Wir lassen nur soweit löschen, als das für die umliegenden Gebäude notwendig ist. Sonst abbrennen lassen. Der Stoßtrupp verrichtet fürchterliche Arbeit. Aus dem ganzen Reich laufen nun die Meldungen ein: 50, dann 75 Synagogen brennen. Der Führer hat angeordnet, daß 20-30.000 Juden sofort zu verhaften sind. Das wird ziehen. Sie sollen sehen, daß nun das Maß unserer Geduld erschöpft ist.
Wagner ist noch immer etwas lau. Aber ich lasse nicht locker. Wächter meldet mir, Befehl ausgeführt. Wir gehen mit Schaub in den Künstlerklub, um weitere Meldungen abzuwarten. In Berlin brennen 5, dann 15 Synagogen ab. Jetzt rast der Volkszorn. Man kann für die Nacht nichts mehr dagegen machen. Und ich will auch nichts machen. Laufen lassen.
Schaub ist ganz in Fahrt. Seine alte Stoßtruppvergangenheit erwacht.
Als ich ins Hotel fahre, klirren die Fensterscheiben. Bravo! Bravo! Wie alte große Hütten brennen die Synagogen. Deutsches Eigentum ist nicht gefährdet.
Im Augenblick ist nichts besseres mehr zu machen. Ich versuche, ein paar Stunden zu schlafen.
(...)
Die lieben Juden werden es sich in Zukunft überlegen, deutsche Diplomaten so einfach niederzuknallen.
Und das war der Sinn der Übung (409 f.).
11.11.38: Gestern: (Georg Wilhelm?) Müller erstattet Bericht über die Vorgänge in Berlin. Dort ist es ganz toll vorgegangen. Brand über Brand. Aber das ist gut so.
Ich setze eine Verordnung auf Abschluß der Aktionen auf. Es ist nun gerade genug. Lassen wir das weitergehen, dann besteht die Gefahr, daß der Mob in die Erscheinung tritt. Im ganzen Lande sind die Synagogen abgebrannt. Diesen Toten muß das Judentum teuer bezahlen.
In der Osteria erstatte ich dem Führer Bericht. Er ist mit allem einverstanden. Seine Ansichten sind ganz radikal und aggressiv. Die Aktion selbst ist tadellos verlaufen. 100 Tote. Aber kein deutsches Eigentum beschädigt.
Mit kleinen Änderungen billigt der Führer meinen Erlaß betr. Abbruch der Aktionen. Ich gebe ihn gleich durch Presse heraus. Der Führer will zu sehr scharfen Maßnahmen gegen die Juden schreiten. Sie müssen ihre Geschäfte selbst wieder in Ordnung bringen. Die Versicherungen zahlen ihnen nichts.
Dann will der Führer die jüdischen Geschäfte allmählich enteignen und den Inhaber(n) dafür Papier(e) geben, die wir jederzeit ...en können. Im Übrigen hilft sich das Land da schon durch eigene Aktionen. Ich gebe entsprechende Geheimerlasse heraus (411).

Der NS-Revisionismus ist eine Weltanschauung, die vor lauter Bäumen den Wald nicht mehr sieht.

Die Vierteljahreshefte für freie Geschichtsforschung (Stiftung Vrij Historisch Onderzoek, Belgien) befassen sich in ihrer zweiten Ausgabe vom Juni 1997 auch mit dem "induzierten Irresein".

Die NS-Revisionisten entdecken diese "Gespensterkrankheit" allenthalben bei den Überlebenden des Holocaust, kommen jedoch - vorsorglich - nicht auf den viel näher liegenden Gedanken, diese Theorie ganz einfach mal auf sich und den Nationalsozialismus anzuwenden.

Eine Menge liebgewordener Schuppen würde ihnen von den Augen fallen.

Kennzeichnend... ist eine gegenseitige Induktion, so daß kein Unterschied mehr zwischen Induktor und Induziertem besteht. Alle Induktoren sind zugleich induziert. Außerdem ist eine nicht unwesentliche Anzahl der Induktoren bzw. Induzierten selbst nicht normalen, sondern hochgradig pathologischen Persönlichkeitstypen zuzurechnen. Die Wirkungen können verheerend sein.
(...)
Das epidemiologische Risiko ist... wesentlich höher zu beurteilen... - eine ganze Bevölkerung kann befallen werden. Die Wahnvorstellungen können induziert werden, ohne daß die Opfer krankhaft oder abnorm zu sein brauchen. Es liegt eine Blockierung der normalen neurologischen Mechanismen höherer Ordnung vor.
Etwas populär formuliert handelt es sich um "geistiges AIDS". Auch im weiteren Sinn ist die Parallelität gegeben. Solange ein emotionaler Kontakt zum Erreger besteht, ist die Erkrankung unheilbar. Dieser emotionale Kontakt zum Erreger kann aber... leichter beseitigt werden (82 f.).

Mit dem Tode der Erreger, dem historischen Ende des Nationalsozialismus war denn auch die Bevölkerung von dieser Epidemie flugs geheilt, so daß - entgegen ns-revisionistischer Prop-Annahme - die ursprünglich ja beabsichtigte "Umerziehung" der Deutschen gar nicht mehr nötig war - ein paar Induktoren/Induzierte der zweiten und dritten Führungsgarnitur einmal außer Acht.

Wir erleben es jüngst wieder mit den ehemaligen DDR-Bonzen, die auch nichts aus der Geschichte gelernt haben.

Die Absicht der Täuschung ist zwar erkennbar, tritt aber mehr in den Hintergrund, weil sie zusätzlich durch eine andere Psychoseform überlagert ist, nämlich die des "Verfolgt-Seins".
Das "Verfolgt-Sein" entspringt wahrscheinlich einem Kompensations-Mechanismus, um die inneren Spannungen erträglich zu machen, die sich aus dem Widerspruch zwischen Ehrgeiz und der Fähigkeit, dessen Forderungen zu erfüllen, ergeben (a.a.O.).

Was auf die Juden gemünzt war, liest sich wie eine Selbstcharakterisierung des NS-Revisionismus.

Nicht zu ermessen ist der Schaden, wenn eine Gruppe krankhafter aber schlauer Schwindler Wahnvorstellungen hervorruft, um ihre Opfer erpressen zu können... (83).

Damit kommen wir auf die Schweiz zu sprechen.

Nicht nur der von dort kommende NS-Revisionismus hat unsere besondere Aufmerksamkeit verdient; auch die jüngsten Klagen der Schweiz über ganz massive - jüdische! - Erpressungen ihrer kleinen Alpenfestung wollten bedacht sein.

Was mir längst aufgefallen war:

Aus der Schweiz kommt viel antisemitische Literatur.

Daß die Schweiz nicht das ist, wofür man sie immer gehalten hat, konnte man ahnen; aber die Wirklichkeit ist schlimmer als jede Vermutung.

Nein, die Schweiz hat ihren guten Namen nicht erst jetzt verloren.

Es war nur nicht allgemein bekannt.

Wahrscheinlich war der Name weniger gut, als man annahm.

Die Schweiz ist eine Legende wie das Internationale Rote Kreuz (vom nationalen gar nicht zu reden).

Es allerdings mit scheinheiligen Gaunern, Betrügern, Geldwäschern zu tun zu haben, erfährt man erst jetzt in allen Einzelheiten.

Indem wir also die Scheinwissenschaft namens "Revisionismus" einstweilen beiseite lassen, um uns der Revision des Schweizer Selbstbildnisses zuzuwenden, lernen wir allmählich, welches politische Gewicht dem Revisionismus zukommt, welcher historische Stellenwert ihm beizumessen ist.

Während der NS-Revisionismus als "Wissenschaft" weiterhin darum bemüht ist, anhand von Gesteinsproben und Textanalysen, neuerdings auch mit Hilfe der Psychiatrie nachzuweisen, daß alles ganz anders war, entfaltet sich eine reiche Belegkultur, eine offensive Gegenwissenschaft, die sich nicht einfach vom Tisch wischen läßt.

Mag in die Zeitgeschichtsschreibung nach dem Kriege auch von jüdischer Seite und eigentlich unnötigerweise manche Chuzpe eingebracht worden sein, um eine an jüdischen Angelegenheiten, wenngleich sie doch jeden Menschen angingen, kaum interessierte Weltöffentlichkeit aufmerksam zu machen, so haben wir es jetzt mit - schwarz auf weiß - Unwiderlegbarem zu tun.

Eine Schweiz läßt sich nicht erpressen.

Die Schweizer Geldprofis sind viel zu abgebrüht, als daß sie sich von unfundierten Medienkampagnen aus ihrer eidgenössischen Ruhe stören ließen.

Wenn sie jetzt nachgeben und zugleich die Fassung verlieren, so bedeutet dies, daß die Anklagen zu Recht erhoben werden, daß die Beweismittel über die Schweizer Machenschaften Hand und Fuß haben.

Und wenn ein Finanzhort wie die Schweiz in die Bredouille kommt, ist Abwehr angesagt.

Diese Abwehr erfolgt in einer antisemitischen, nationalsozialistischen, "revisionistischen" Gegenoffensive.

Die Kampffront ist längst geordnet und erprobt, nur hat man sie bisher nicht mit dem Schweizer Staat und seiner Bankenvereinigung in Verbindung gebracht.

Nur so aber wird ein Schuh daraus.

Die Schweiz hat ein historisches und politisches Interesse am "Revisionismus" als Wissenschaft.

Je gründlicher NS-Deutschland entlastet wird, desto ruhiger können auch die Schweizer Banker, Politiker und Historiker schlafen.

Es war bekannt, daß fünfzig Jahre nach Kriegsende die USA ihre Europa-Akten der Öffentlichkeit zugänglich machen würden.

Die Schweiz wußte, was auf sie zukam.

Die oft gehörte Frage "Warum erst jetzt?" rechnete von vornherein mit der Unwissenheit des großen Publikums.

Wenn wir die große Zahl schweizerischer Verlage, Finanzratgeber, Wirtschaftsbriefe, Informationsblätter auf diese Reihe bringen, wird vieles verständlich, was sonst nur Kopfschütteln verursachen mochte.

Die deutschen Juden verdankten der Schweiz nicht nur das "J" auf ihren Reisepässen.

In der Schweiz wurden schon immer Nägel mit Köpfen gemacht.

Die erfinderische Alpen-Nation hat sich auch zu den verschwundenen Nazi-Milliarden das Richtige einfallen lassen.

Die Schweiz wehrt sich heute gegen Vorwürfe der Kollaboration mit den Nazis, der betrügerischen Hehlerei zugunsten des hitlerischen und nachhitlerischen Nationalsozialismus, heißt implizit: zum Schaden der ohnehin schon geschädigten Juden.

Mit solchen Anwürfen, heißt es nun, solle die Schweiz "erpreßt" werden.

Bei dem "Gold der Juden", das von den Schweizer Banken unterschlagen wurde, handelt es sich in erster Linie um die von den Nazis geraubten Staatsschätze Frankreichs, Belgiens, Hollands, Dänemarks, Polens, der Tschechoslowakei...

Die Schweiz hat sich via NS-Staat an ganz Europa bereichert, hat die Räuber gedeckt, Umprägungen belgischer Goldbarren wissentlich übersehen...

Die Milliardensummen, die den Nachkriegsnazis südlich der Pyrenäen und in Lateinamerika zur Verfügung stehen, wurden allesamt über die Schweiz transferiert.

Es wäre also naiv, die Schweiz von dem Verdacht auszunehmen, an den jüngeren und jüngsten "revisionistischen", antijüdischen, antidemokratischen, antiwestlichen Hetzkampagnen nicht nur ideell, sondern vor allem auch finanziell beteiligt zu sein.

Die Schweiz ist ein geistiger und materieller Hort des sich neuerdings in Europa regenden Nationalsozialismus.

Schweizer Banken finanzieren grundsätzlich alles, was Gewinn verspricht - auch politisch.

Die Schweiz steht in der Tat seit Jahrzehnten unter jetzt zunehmendem Druck, und sie droht unterderhand gleichzeitig mit antisemitischen Reaktionen auf diesen "Druck", der nichts anderes als eine Enthüllung von für die Schweiz äußerst peinlichen historischen Tatsachen ist.

Die zahlreich auftretenden und in hohen Auflagen kursierenden, jetzt verwende ich den umfassenderen Begriff: antishemitischen Propagandaschriften aus der Schweiz müssen im peu à peu durchschaubar werdenden Gesamtzusammenhang den logischen Verdacht aufkommen lassen, daß das schweizerische Finanzkapital, daß die Schweizer Banken, daß die Schweizerische Bankiervereinigung ihre Hände mit im Spiel haben.

Ich lenke mit dieser Assoziation bewußt auf die hohe Wahrscheinlichkeit, daß der "Krieg" nicht ein "jüdischer Krieg" gegen die Schweiz, sondern ein schweizerisch initiierter und weitgehend kontrollierter Krieg gegen die als "jüdisch infiziert" oder "induziert" dargestellten westlichen Demokratien ist.

Jüdisches Vermögen ist erst in zweiter Linie und verhältnismäßig gering von den Betrügereien betroffen.

Die jüdische Komponente verschärft das Problem insofern, als die Schweiz - und zwar sowohl seitens der Regierung als auch seitens der Banken (die dem Land letztlich die Identität geben) - selbst kleinste jüdische Bankguthaben auch nach dem Kriege nicht an die Konteninhaber auszahlte.

Als Zahngold und Eheringe von Ermordeten ins Gerede kamen, horchte die Öffentlichkeit endlich auf.

Das alles und vieles mehr ist in Büchern nachzulesen, die ich hier empfehlen möchte:

Tom Bower: Das Gold der Juden. Die Schweiz und die verschwundenen Nazi-Milliarden. Titel der Originalausgabe: Bloody Money - The Swiss, the Nazis, and the looted Billions. Originalverlag: Macmillan, London. Deutsche Ausgabe bei Karl Blessing Verlag. Beide 1997.

Isabel Vincent: Das Gold der verfolgten Juden. Wie es in den Schweizer Tresoren verschwand und zur Beute der Banken und Alliierten wurde. Titel der Originalausgabe: Hitler's Silent Partners. Swiss Banks, Nazi Gold and the Crusade for Justice. Knopf Canada, Toronto, und Morrow and Company, Inc., New York. Deutschsprachige Ausgabe bei Diana Verlag, München und Zürich. Aus dem Amerikanischen. Beide 1997.

Die vielsagenden, den Originalen auch inhaltlich überhaupt nicht entsprechenden Titel der deutschen Übersetzungen sind ein Kapitel für sich.

Die jüdische Komponente lenkt im übrigen von einem anderen, ganz wesentlichen Aspekt ab.

Die Schweiz geriert sich in ihren Wirtschafts- und Finanzpublikationen nachdrücklich als Gegner einer neuen Euro-Währung.

Dieser eher latente Konflikt wird von nationalschweizerischer Seite so dargestellt, daß die "jüdische Finanzwelt" samt "One World"-Strategen die kleine, eigenständige, ehrliche, solide und demokratische Schweiz in die Knie zwingen und das Schweizer Volk um sein Erspartes bringen wolle.

Das ist, könnte man sagen, schweizerische Chuzpe.

Wir haben noch ein Sicherheitsproblem.

Das organisierte Verbrechen läßt sich nicht wirksam bekämpfen, solange das Verbrechenskapital, heißt: das Rückgrat der international verknüpften Kriminalität, konstitutionell geschützt und somit quasi legalisiert wird.

Das betrifft natürlich nicht nur die Schweizer Banken.

Für die europäische Zukunft ist aber gerade dieses kleine Alpenländle ein beachtliches Sicherheitsrisiko geworden.

Und darum geht es hier.

Absolutes Bankgeheimnis plus NS-Revisionismus, wenn das kein Problem ist...

In der Schweiz werden Nägel mit Köpfen gemacht, da wird nicht gestümpert.

Da wird in den Schriften geforscht und gewendet.

Ich kenne eine ganze Reihe von Ideologen, die nichts anderes im Kopf haben, als die Geschichte zu "rekonstruieren".

Der erste Vertreter dieser Tendenz, mit dem ich in den achtziger Jahren in Berührung kam, ist der Basler Christoph Marx, der damals mit großangelegten Systemkonstrukten nachweisen wollte, daß imgrunde alle überlieferte Historiographie ein einzigartiger Schwindel sei, daß die wahre Geschichte nur darauf warte, rekonstruiert zu werden.

Damals ging es um antike Zeiträume, nicht ausdrücklich um die spezielle ns-deutsche Zeitgeschichte.

Das mußte man sich noch selber herausdeuten.

Derartige Analogieverfahren sind heute nicht mehr nötig.

Der "Revisionismus" liebt das offene Wort, da weiß man wenigstens, woran man ist.

Ich erwähne Christoph Marx, weil er mir, wie gesagt, als Erster in der Reihe schweizerischer Umdenker begegnete.

Der bisher Letzte in dieser Reihe ist Dirk Schröder, ein Deutscher, der in der Schweiz lebt und in Biel neben einem Wirtschaftsdienst verschiedene, nun aber wirklich hochinteressante Schriften herausgibt.

Was sie von anderen Denktalenten, Revisionisten und Conterjudaisten unterscheidet, ist ihre auffallende Intelligenz.

Diese Schweizer Quer-Publizisten heben sich auch stilistisch von ihren deutschen Kollegen merklich ab.

Schröder nehme ich hier einfach als schweizerisch geprägt.

Marx und Schröder haben sich gewissermaßen in den Dienst der mathematisch-logischen Wissenschaften gestellt.

Und beide haben etwas Druidisches, Mystizistisches.

Während Christoph Marx symbolkritisch mit Hilfe von Psychoanalyse, über Velikovsky, Bibelkritik, Mythengeschichte und Astronomie vorgeht, früher arbeitete er mit dem Bremer Gunnar Heinsohn zusammen, forscht Dirk Schröder nach kabbalistischer Methode.

Mit Christoph Marx und Prof. Heinsohn hat sich der kuckuck bereits Anfang der achtziger Jahre auseinandergesetzt.

Dirk Schröder ist mir erst in jüngster Zeit - im Zusammenhang mit dem Bibel Code - bekannt geworden.

Sein Gegengutachten, ein "Erster Gegenbeweis", wird in diesem Heft (S. 30 ff.) vorgestellt.

Schröder weiß also und versteht, worum es geht.

Der Hebraist und Systemanalytiker hat einen Draht zu den ganz heißen Sachen (vgl. auch die Auszüge aus seinem Bieler Wirtschaftsbrief Nr. 94 vom 29.10.96 auf den Seiten 38 bis 41*).

* Deutsch als Sprache welcher "Denker und Dichter"?

Er schwankt zwischen dem politischen Willen, mittels naturwissenschaftlich orientierter Flugschriften ins Geschehen einzugreifen, und der resignativen Einsicht:

Der jüdische Talmud ist die Grundlage aller Dinge, und deshalb geschieht nichts von grundlegender Bedeutung auf der Welt, das nicht von den "Chaberim" veranlaßt oder gesteuert wird (BWB 94; hier auf Seite 40).

Dagegen mein Satz in kkk-feder 2, S. 25, unterm 8.3.92:

Wie die Dinge ohne unser Zutun ablaufen und dennoch erscheinen, als hätten wir sie bewirkt und gesteuert...

Da haben wir auf engstem Raum festgehalten, was uns trennt.

Die Frage lautet: Gott oder nicht...

Wenn nicht Gott es bewirkt, wer dann?

Wenn es Gott gar nicht gibt, wer sind dann jene, die seit Jahrtausenden behaupten, ihn erkannt zu haben, ja von ihm auserwählt zu sein?

Wozu auserwählt, zu dieser Erkenntnis?

Aufgrund welcher Ereignisse?

Wer Gott - als Herrn der Geschichte - in sein Kalkül nicht einbezieht, muß jede fundamentale Erkenntnis, jede Einsicht in die Schöpfungs- und Verlaufsgesetze, wir können auch sagen: in die Dialektik der Geschichte, materialistisch oder dämonologisch-mystifikativ begründen.

Der Mittler wird so zum Täter, der Prophet zum Verursacher, der Mensch tritt an die Stelle Gottes, und zwar im Guten wie im Bösen.

In Magie und Alchimismen sind linke und rechte Welterklärungen noch vereint, im modernen Antishemitismus kommen sie wieder zusammen.

Das hat auch politisch ähnliche Konsequenzen.

Walter G. Neumann und Dirk Schröder haben eine nun nicht mehr überraschende philosophische Gemeinsamkeit:

Das "absolute Wissen".

Der eine, Neumann, hat es, der andere, Schröder, sucht es, doch versteht auch er sich als Finder.

In Dirk Schröders Schrift Die Weltformel (Gemeinnützige Stiftung für Existenzanalyse in Basel) lesen wir es schwarz auf weiß:

Die Welt kann vom Bösen erlöst werden, und das ist das erklärte Ziel der vorliegenden Schrift. Den Weg dazu zeigt der Babylonische Talmud auf. Denn in der IV. Ordnung ("Schädigungen") heißt es im 4. Traktat ("Sanhedrin" = "Gerichtshof")...: "Solange es 36 Gerechte gibt, die die Schechina empfangen, wird die Welt nicht untergehen" (Sanh 97b).
Der Satz wurde bisher falsch verstanden, weil alle Welt Angst hat vor dem "Weltuntergang". Doch damit ist etwas anderes gemeint, nämlich das Gegenteil:
Die jetzige böse Welt, seit Jahrtausenden die Welt des Leidens, wird solange weiter bestehen bleiben, wie es die 36 Zaddikim gibt. Das "letzte Gericht" ist das Gericht über sie, das "Ende aller Zeiten"... ist das Ende des Bösen (187).

Bei Walter G. Neumann heißt es:

Im Kern ist der Islamoth die ideologische und wirtschaftliche Herrschaft eines zur Institution gewordenen Patriarchats, das sich im Orient gegen alle ebensolchen westlichen Einflüsse an der Macht gehalten hat und jetzt zur Alleinherrschaft strebt...
Sollte der Westen sich... weiterhin gegenüber dem Islam liebedienerisch (christlich) verhalten und nur auf politische Veränderungen setzen, treibt er mit dem Teufel nur den Beelzebub aus.
Der Dank wird die Islamisierung Europas und der USA sein, der ein Schrecken ohne Ende vorhergehen wird.
Die Gefahr des Islamoth darf wie die des Behemoth nicht zu spät erkannt, sondern muß jetzt bekämpft werden (vgl. S. 4).

Auch die Sprache dieses "aufgeklärten Atheisten" ist dämonologisch, alles andere als historisch-analytisch.

Die Urhypothese "Gott" ist das A&O, ist der Polarstern des Denkens.

Ohne ihn kehrt's alles in sein Gegenteil.

So trägt der philosophische Antishemitismus auf vielerlei Weise zum Gottesbeweis, jedenfalls zur Einsicht in die Notwendigkeit Gottes bei.

Ja, die Stunde der Wahrheit schlägt nicht nur der Schweiz, und die Legenden des Sozialisnus sind zäh.

Täter und Opfer melden sich zu Wort.

Ihre Gegenüberstellung ist eine Tortur für sich.

Markus Wolf und Ivan Denes

Beide legen Zeugnis ab.

Der allbekannte Stasi-General und Medienstar.

Der vom rumänischen Sozialismus wegen "Vaterlandsverrat" zu 20 Jahren Zuchthaus verurteilte Philosoph und Schriftsteller, der denselben Medien nicht erwähnenswert erscheint.

Der Literaturhinweis:

Markus Wolf: Spionagechef im geheimen Krieg. Erinnerungen. List Verlag, München 1997. Das Buch ist eine erweiterte und bearbeitete Fassung der englischsprachigen Originalausgabe, die unter dem Titel The Man Without a Face bei Times Books im Verlag Random House, Inc., in New York erschienen ist. 1997.

Ivan Denes (Pseudotheophrast): Angor Pectoris. Acht Charaktere, nachgezeichnet aus der Hafterfahrung. Erzählungen. Oberbaum Verlag, Chemnitz - Berlin - St. Petersburg 1997.

Bei Wolf erfahren wir vor allem, was wir ohnehin schon wußten oder wissen konnten.

Er redet sich jetzt damit heraus, daß er nur getan habe, was andere Geheimdienste, nicht zuletzt die im Westen, auch tun und getan haben.

Eigentlich hatte er ja mit dem operativen Dienst gar nichts zu schaffen.

"Sein Dienst", er sagt immerfort "mein Dienst", "klärte auf", nicht wahr, was soll's.

Dazu gehörte so mancherlei.

Der Selbstmord General Bastians und Petra Kellys war immerhin darauf zurückzuführen, daß Bastian, der "General für den Frieden", an der Stasi-Leine hing, ohne es zu wissen.

Viel Schmutz der Bundesrepublik stammte und stammt aus kriminellen Hirnen der DDR-Führung.

Was da angerichtet wurde, kann nicht wieder gutgemacht werden.

Wieviele gebrochene Menschen gehen heute auf seelischen und physischen Krücken, die sie dem Regime der Sowjets über Ost- und Mitteleuropa verdanken.

Die Verantwortlichen für diese Verbrechen spielen sich jetzt als Unschuldslämmer, "Opfer" einer "Siegerjustiz" und im übrigen als fotogene Talkgäste auf.

In den Jahren seit der Wiedervereinigung sind sie oft sehr reich geworden. Markus Wolf, wie gesagt, kennt jeder.

Ivan Denes war auch sein Gegenspieler - nicht nur als Denker.

Mit der Gründung der Nachrichtenagentur WONA (West-Ost-Nachrichten) stiftete er in den achtziger Jahren seinen Beitrag zur Mauergeschichte und deren Ende.

Eine Nachricht, die nur bei WONA erschien, ich wußte noch nichts von Denes, sorgte für Unruhe in Ost und West.

Danach hatte es, was offiziell weder bestätigt noch dementiert wurde, in einem Tunnel der Berliner U-Bahn einen schweren Zwischenfall gegeben.

Ein Fluchtversuch von zehn bis zwölf Menschen, darunter sechs ehemalige NVA-Soldaten, die eine Ausbildung als Fallschirmspringer absolviert hatten, der Neffe eines Stasi-Beamten und der Sohn eines ehemaligen Stasi-Generalmajors, endete in einem Blutbad.

Tag des Vorfalls: 7. Mai 1986.

Seither ist auch ein laut WONA bulgarischer Diplomat, Assistent des bulgarischen Militärattachés in Ost-Berlin, der an dem Fluchtversuch beteiligt war, verschwunden.

Die Neue Solidarität ergänzte: Oberleutnant Nedelin Makedonski.

WONA zufolge wurden sechs Teilnehmer auf der Stelle und vier oder sechs Personen standrechtlich erschossen.

Der West-Berliner CDU-Generalsekretär Landowsky forderte die Einrichtung einer "gemeinsamen Expertenkommission der vier Siegermächte" und löste damit in Ost-Berlin "hysterische Reaktionen aus", so Konstantin George in der Neuen Solidarität Nr. 28 vom 10.7.86.

Ich dokumentierte damals diesen Bericht in kuckuck 53, ohne die Meldung verifizieren zu können.

Die Welt sprach von "Falschmeldungen", Sprecher der westlichen Schutzmächte dementierten bzw. konnten die Berichte nicht bestätigen. Die FAZ kommentierte, daß der Westen wohl befürchte, Vorfälle wie die U-Bahn-Affäre könnten "der Entspannung abträglich" sein.

Es war die Zeit, da von allen Seiten die Berliner Mauer verteidigt wurde, selbst West-Berliner Punker machten sich in der Kochstraße stark.

Ich schrieb an die US-Mission und den Bundeskanzler mit der Bitte, die Rechtslage an der Mauer einmal offenzulegen.

Die Antworten waren völlig unbefriedigend. Ein Sprengstoffanschlag störte diesen Klärungsprozeß.

Dieser Anschlag war insofern ein krimineller Akt, als er in der Umgebung der "Mauer" Sachschäden verursachte und offenbar auch die Gefährdung von Menschenleben in Kauf nahm. Die gerichtlich zu verfolgende Sachbeschädigung betrifft nicht die "Mauer" selbst, sondern lediglich die beschädigten Sachen ringsum,

schrieb ich in meiner Antwort an den Bundeskanzler.

Der Sprengstoffanschlag verkehrt die Rechtslage - optisch - in ihr Gegenteil; durch ihn wird - jedenfalls, wenn man nicht genauer hinsieht - die "Mauer" zu einem schutzbedürftigen Sach- und Rechtsgut, ihre Beschädigung zu einem Delikt. Vergessen wird, daß der Bau der "Mauer" gegen geltendes Gesetz verstieß (3.8.86).

Und an die US-Mission:

Wenn ich - als Bürger dieser Stadt Berlin - mehr oder weniger systematisch damit beginne, die "Mauer" abzutragen, ich meine: buchstäblich, indem ich mit Hammer, Meißel, Schaufel, maschinellem Abbruchgerät und dergleichen dieses Bauwerk auf der Sektorengrenzlinie aufstemme und mit Lastfahrzeugen wegschaffe, begehe ich damit einen Unrechtsakt, d.h. verletze ich geltendes Recht, oder leite ich damit die Wiederherstellung gültigen Rechtszustands ein? (22.7.86).

Die Antwort auf meine Fragen erteilte die Geschichte drei Jahre später. Zitate nach kuckuck 53 (III/86).

Dieselbe Geschichte rächt die Tat, findet aber hernach tausend mildernde Umstände zur Entlastung der Täter, deren Opfer meist anonym bleiben.

ANGOR PECTORIS

Der Arbeitstag dauerte zehn Stunden, und die physische Belastung war sehr hoch.
Wer sachkundig ist, weiß, daß man beim Handpolieren mit Schellack - eine Berufssparte, die von gespritztem Nitrolack und vom Kunstharz in die Folien der Handwerksgeschichte verdrängt wurde - nach dem Auftragen der ersten Schicht die Furnierporen mit Bimsstein schließt.
Dies war jedoch in der Anstaltsfabrik strengstens verboten.
Irgendein Trottel hatte zu viel Bimssteinpulver auf einer Garnitur, die in den Export gegangen war, aufgetragen, es erschienen weiße Streifen, es kam eine Reklamation aus dem Ausland, die sofort auf Sabotage zurückgeführt wurde und auf die Absicht, die Nationalwirtschaft zu kompromittieren.
Folgerichtig wurde Bimsstein aus der Fabrik verbannt, die Poren des Furniers aus afrikanischer Birne oder aus Mahagoni mußten durch einfachen physischen Druck auf den Poliertampon geschlossen werden.
Tagelang litten daher die Fabrikneulinge an schwerem Muskelkater.
Am Abend taumelten sie vor Erschöpfung in ihre Zellen zurück, hatten aber keine Zeit, sich auch nur kurz auszuruhen, denn sofort wurde das Abendessen ausgegeben (19).

Sachkunde aus der Universität des Häftlings.

Der Unbeholfene - der Feinschmecker - der Gewissensforscher - der Gebrochene - der Erhörte - der Seher - der Reinheitsfanatiker - der Würdige...

Dieser Würdige - Ivan Denes - schreibt in seinem Nachwort:

Überaus anmaßend scheint der Versuch, die Anlehnung an das kleine große Buch eines der fruchtbarsten und beliebtesten Philosophen der Antike zu wagen.
Theophrast war nicht nur Naturwissenschaftler und Metaphysiker, Moralist und Meteorologe... und nur die Götter wissen, was noch alles.
Er war auch - mit seinen dreißig unvergleichlichen Charakteren - der Begründer der Psychologie, einer Wissenschaft, die seitdem kaum Fortschritte zu verzeichnen hat.
Und von einer Vorwärtsentwicklung der Charakterologie kann man wirklichkeits- und wahrheitsgerecht noch weniger reden.
Charakterzüge der menschlichen Persönlichkeit offenbarten sich nirgendwo in der Zeitgeschichte deutlicher als unter den Jahrzehnte andauernden, unmenschlichen und äußerst strengen Bedingungen der kommunistischen Haftanstalten, allein schon wegen der totalen Isolierung von der Außenwelt.
Charakterliche Voraussetzungen des einzelnen Menschen, die im Treiben des normalen Alltags verdeckt geblieben wären, kamen unter dem Druck dieser Bedingungen ans Licht.
Und schon früher sichtbare Züge wuchsen derart empor, wie es im Alltag sonst nicht möglich gewesen wäre.
Der kommunistische Knast war das größte wissenschaftliche Labor der Charakterologie: er schaltete die Außenwelteinflüsse aus, er gestaltete sich geradezu als phänomenologische Lupe (247).

ANGOR PECTORIS

Dieser jüngste Titel (vgl. auch Ivan Denes: Gott am Wannsee. Eine zeitgemäße Legende. Statt einer Buchbesprechung in kkk-feder 12, S. 26 f.) regt die Sinne und den Verstand an.

Schwermut der Seele oder einfach Herzensangst, Beklemmungen...

Angor ist ein Akteur, ein Angstmacher, Verursacher der Enge, ein Restriktor, der einem die Kehle zuschnürt, der den Atem stocken läßt...

Denes erzählt von Geschlagenen, Entrechteten, Gedemütigten, denen man die Würde nehmen wollte, die wohl auch glauben, sie verloren zu haben, doch Ivan Denes bringt sie ihnen zurück, nein, er hat sie aufbewahrt, denn sie war ihnen in Wahrheit niemals verloren gegangen.

Entwürdigt haben sich die Verursacher der Angst.

Sie sind die Verdammten und nicht, die ihnen ausgeliefert waren.

Ivan Denes lebte in Rumänien, wo es um einige Grade fürchterlicher als in der DDR zuging.

Seine Lebensgeschichte ist reich an Wendungen, Brüchen und Einbrüchen.

Eine Entdeckung hielt ihn am Leben und teilte am Ende doch ihre Schläge aus.

1928 in Temeschburg, Rumänien, geboren.
Philosophiestudium an den Universitäten Klausenburg und Bukarest.
1945 Eintritt in die Kommunistische Partei.
1947 Parteiaustritt und erste Verhaftung.
Im selben Jahr Magisterprüfung.
Staatliches Buchantiquariat.
Verlagslektor.
Zeitschriftenredakteur.
Ab 1952 freier Übersetzer und Dokumentarfilmautor.
1957 Dramaturg des Staatlichen Puppentheaters in Klausenburg.
1958 verhaftet und zu 20 Jahren verurteilt ("Vaterlandsverrat").
1964 Begnadigung.
1966 Kurzroman Die Tauben, 1968 Roman Der Puppenspieler.
Zahlreiche Übersetzungen (Thomas Mann, Hermann Hesse, Romain Roland, Deák Tamás, Thornton Wilder, Robert Graves).
1969 vom Verlag angenommener, von der Zensur verbotener Roman Gottlose Gebete.
1970 Auswanderung nach Israel, Lektor für vergleichende Literaturwissenschaft an der Universität Haifa.
1971 Stipendiat des Deutschen Akademischen Austauschdienstes, Berliner Künstlerprogramm.
1972 Eintritt in den Axel-Springer-Verlag, dort Archivar, dann Redakteur.
1979 kurzes Zwischenspiel bei Radio Freies Europa, München.
Zurück zu Springer, Berlin.
1981 Gründung der West-Ost-Nachrichtenagentur (WONA).
1983 bis heute freier Journalist.
1993 erste literarische Publikation in Deutschland (Gott am Wannsee).
1996 Vollendung des Manuskripts Angor Pectoris.
Dreimal verheiratet und geschieden, aus zweiter Ehe drei Söhne.

Wer darin zu lesen versteht, dem eröffnet sich in (und aus) ANGOR ein ganzes Zeitalter. Merkwürdig, wie aus dieser Trostlosigkeit Hoffnung geschöpft werden kann.

Der Begriff der Dauer, der Zeit als Dimension, steht im Mittelpunkt des modernen wissenschaftlichen Denkens.
Die wichtigen Erkenntnisse der Physik haben den Zeitbegriff des Menschen radikal gewandelt.
Das Phänomen der Folge, die Chronologie als solche wird nicht mehr als ein überlagerter und paralleler, unabhängiger existentieller Faktor empfunden und gedacht, sondern als fester Bestandteil der Existenz selbst, mit der höheren Qualität einer existentiellen Dimension ausgestattet.
Daraus ergibt sich eine unmittelbare Differenzierung, die den Existenzschichten entspricht.
Die psychische Zeit, von der physischen Zeit unterschieden, ist klar definiert und stellt heute ein gewonnenes Gut der Erkenntnistheorie und des wissenschaftlichen Denkens dar, der Begriff selbst ist sogar schon ein gängiges methodisches Mittel.
Die Sozialwissenschaften haben die Erkenntnis des sozialen Faktors als Existenzschicht ermöglicht, ihm einen eigenständigen ontologischen Raum zuerkannt.
Die moderne Denkweise hat nunmehr die Pflicht, genaue Daten über die besondere Zeitdimension dieser eigenständigen Existenzschicht zu erarbeiten.
Es liegt auf der Hand, daß der eigentliche Stoff, der für die Analyse notwendig ist, von der Geschichte selbst angeboten wird.
Ja, man könnte sagen: Er ist die Geschichte selbst.
Dabei gehen wir von der Zurückweisung des Anscheins aus, daß die geschichtliche Zeit einheitlich sei - ein Anschein, der dadurch entstanden ist, daß die Geschichte konventionell in astronomischen Kategorien verarbeitet wurde.
Das Grundkriterium bei dieser Analyse ist jedoch axiologischer Natur.
Die soziale Zeit wird demnach sinngerecht zu einer Funktion, die aus der Qualität und Quantität jener Werte gefolgert werden kann, die von der sozialen Existenzschicht erzeugt werden.
So sind Zeitspannen der Stagnation oder der Rückentwicklung, der Erstarrung oder der Uniformität der sozialen Existenz keinesfalls aus dem Blickpunkt der sozialen Zeitdimension als analog oder gar als identisch mit den Zeitspannen überschneller Entwicklung zu betrachten, der geistigen Ruhelosigkeit, der schöpferischen Spasmen.
Die Differentialbestimmung erscheint mit zwingender innerer Logik als notwendig.
Die vorliegende Arbeit verfolgt das Studium des sich abwechselnden Rhythmus der zwei Grundtypen sozialer Zeit, die schon oben angedeutet wurden.
Schon der erste Anblick des zum Studium bereitliegenden Stoffes, der uns zur Verfügung steht - also die ganze uns bekannte Geschichte -, zwingt uns eine elementare Wahrheit auf:
In dem Maße, in dem die Menschheit aus der Finsternis der Prähistorie zum gegenwärtigen Augenblick aufsteigt, in dem Maße verringern, verkürzen und ziehen sich die Zeitspannen der Stagnation zurück, nachdem sie zuvor permanent gewesen waren, danach nur mehr vorherrschend, jetzt, seit etwa anderthalb Jahrhunderten, bilden sie nur die bedauernswerten Ausnahmen.
Umgekehrt, die dynamischen Zeitspannen, die schöpferisch-spasmischen treten immer öfter in Erscheinung.
Die rein chronologische Distanz - und bei dieser Behauptung nehmen wir bewußt ein Ergebnis unserer Untersuchung vorweg, das noch demonstriert und bewiesen werden muß, und zwar, daß im vorliegenden Falle die physische Chronologie, die astronomische Zeit, mit der Zeit der sozialen Stagnation gleichgesetzt werden kann -, die rein chronologische Distanz zwischen den großen, axiologisch schöpferischen Schicksalswenden der Menschheit wird immer kleiner (214 ff.).

Dieses lange Denes-Zitat war nicht vorgesehen.

Es steht hier für sich.

Auch seine Funktion in ANGOR PECTORIS und die Rolle, die diese philosophischen Gedanken im Leben des Ivan Denes spielten, sollen allen ein Geheimnis bleiben, die das Buch nicht gelesen haben.

Dieser spezielle Extrakt ist ein vom Autor so gar nicht beabsichtigter Beitrag zu unserer Diskussion.

Die Frage taucht auf, ob und inwieweit Denes' Thesen für unsere Welt gültig sind und was daraus folgt.

Die Gleichsetzung der physischen Chronologie, also der astronomischen Zeit mit der sozialen Stagnation.

Wenn es wahr ist, daß die rein chronologische Distanz zwischen den großen, axiologisch schöpferischen Schicksalswenden der Menschheit immer kleiner wird, wie Denes behauptet, dann muß es dafür auch astrologisch, weltraumphysikalisch eine einleuchtende Erklärung geben.

Kleinere chronologische Distanzen weisen auf kürzere, engere Zyklen hin.

Welche Bewegungen welcher Himmelskörper lägen dieser zunächst nur sozialgeschichtlichen Beobachtung zugrunde?

Oder ist die wahrgenommene Beschleunigung im Rhythmus eine Analogie zur psychischen Zeit, so etwas wie ein Rückfall in die Kindheit?

Ein Kind erlebt in astronomisch kurzer Zeit die Welt sehr dicht und komplex, während dem erwachsenen Menschen sich die Ereignisreihen auflösen.

Er achtet nicht mehr wie ein Kind auf die Feinheiten, weil er bereits aus seiner eigenen Kindheit die innige Vielfalt dieser Mini-Welt "kennt" - eigentlich aber "vergessen", nämlich verinnerlicht und gespeichert hat.

Wenn nun dem Erwachsenen heute alles in schnellerer, rhythmisch, zyklisch kürzerer Aufeinanderfolge erscheint, erlebt er vielleicht die moderne Gegenwart wie ein Kind, weil so viel Neues, bisher Unbekanntes, Unerhörtes, Ungesehenes auf ihn eindringt, so daß er in einem Monat mitunter so viel erlebt oder über die Medien miterlebt wie in früheren Zeiten ein Mensch in seinem ganzen Leben, jedenfalls auf einem chronologisch viel längeren Weg?

Und welche Rolle spielen dabei die gesellschaftlichen Diskrepanzen zwischen dem einstigen Sowjetblock und der westlichen Welt?

DIE RACHE DER GESCHICHTE. Dies ist ein Buchtitel von Tina Rosenberg: Die Rache der Geschichte. Erkundungen im neuen Europa. Aus dem Amerikanischen von Udo Rennert. Carl Hanser Verlag München Wien 1997. Titel der Originalausgabe: The Haunted Land. Facing Europe's Ghosts after Communism. Random House, New York 1995.

Entgegen der Weisheit des Kommunismus marschiert die Geschichte nicht unaufhaltsam voran. Sie taumelt. Schlimmer noch, sie schlingert, sie bewegt sich in Kreisen und Sprüngen und stößt gegen Wände, unfähig, sich nach ihrem Kompaß zu richten oder ihn auch nur wahrzunehmen (457).

Man könnte auch sagen, daß der "Ostblock" von der Geschichte eingeholt oder in sie zurückgeholt wurde.

Wir wollen dies jetzt auf sich beruhen lassen.

Tina Rosenberg hat sich in der Tschechoslowakei, in Polen und in Deutschland umgesehen, bewußt in diesen von der kommunistischen Willkür - verglichen etwa mit Rumänien, Bulgarien und Albanien - mild heimgesuchten Ländern.

Vier Jahre hat sie an diesem Buch gearbeitet.

Das Werk ist in Deutschland beispielhaft für das, was uns fehlt.

Tina Rosenberg hat gewissenhaft recherchiert, sie hat mit vielen, vielen Menschen gesprochen, Großen und Kleinen, mit prominenten Politikern, Mauerschützen, Verfolgern und Verfolgten, Tätern und ihren Opfern.

Der Mensch steht im Mittelpunkt ihrer Reportage, der Mensch mit seinen Schwächen und Hoffnungen, seinen Bosheiten, seinem Sinn für Gerechtigkeit, seinen Enttäuschungen.

Die Politikwissenschaftlerin, die in den achtziger Jahren als Reporterin in Lateinamerika unterwegs war, ist heute außenpolitische Redakteurin für die New York Times.

Mit ihrem Buch hat Tina Rosenberg den Deutschen eine Arbeit abgenommen, die sie aber vielleicht gar nicht hätten tun können.

Deutschland ist nicht Amerika.

Neben anderen Auszeichnungen erhielt sie 1996 den Pulitzer-Preis für dieses Werk.

Timothy Garton Ash schrieb:

Ein Buch in der bedeutenden Tradition des amerikanischen investigativen Journalismus, voll sorgfältigster, die Details ausschöpfender und vor Ort gewonnener Recherchen und von großer Reportagekunst. Eine herausragende, genuine Leistung: reich, lebendig und anregend.

Eine Empfehlung für jeden, der einmal seine Landsleute und Nachbarn kennenlernen und sich anschauen möchte, was im besten Sinne Journalismus sein kann.

Richard Chaim Schneider: Fetisch Holocaust. Die Judenvernichtung - verdrängt und vermarktet. Kindler Verlag, München 1997.

Schneider widmet sein Buch

Henry Schwarzschild s.A. - dem Holocaust-Überlebenden, dem Kämpfer für Gerechtigkeit, dem Zyniker, dem lachenden Pessimisten, dem gottlosen Gläubigen, einem der Lamed-Waw seiner Generation.

"Lamed-Waw" ist eine Zusammensetzung von zwei hebräischen Buchstaben, die hier mit ihrem jeweiligen Zahlenwert - Lamed = 30, Waw = 6 - Bedeutung haben.

Gemeint sind die in der jüdischen Legende erwähnten 36 Gerechten (Zaddikim), die die Existenz unserer Welt sichern - und die bei Dirk Schröder, siehe oben, zu 36 Satanen werden, die verschwinden oder wenigstens "neutralisiert" werden müssen, wenn die Menschheit erlöst werden soll.

Chaim Schneider setzt sich kritisch mit dem Holocaust-Begriff auseinander, mit seiner Verwendung beim "Shoah-business".

Eine jüdische Abrechnung mit diesem ganzen Rummel, hinter dem die Toten vergessen werden.

Er beschäftigt sich eingehend mit dem Verhalten der Medien im Umgang mit dem Goldhagen-Buch Hitlers willige Vollstrecker.

Er weist - anläßlich der öffentlichen Diskussionen mit dem amerikanischen Wissenschaftler und Autor - auf die Diskrepanz hin: zwischen dem Scharfrichter-Habitus (contra Goldhagen) der deutschen Historiker- und Kritiker-Prominenz auf der einen und dem aufmerksamen, freundlichen und nachdenklichen Zuhörerpublikum auf der anderen Seite.

Dabei wollen wir nicht vergessen, daß dieselbe deutsche Prominenz und Kultur-Schickeria gegen das deutsche Volk in seiner schlichten Mehrheit in Sachen Nazismus, Judenverfolgung und -vernichtung die gleiche Haltung an den Tag legt.

Die "Eliten", wohlweislich, hatten damit nichts zu tun.

Chaim Schneider stellt dazu folgende Überlegungen an:

Das dunkle Zentrum des deutschen Bewußtseins - man mag es kaum noch glauben, und doch offenbarte die Diskussion um die Thesen von Daniel Jonah Goldhagen, was bereits bei allen früheren öffentlichen Auseinandersetzungen um den Holocaust manifest wurde:
Die Schwierigkeit einer breiten öffentlichen Mehrheit in Deutschland, die Brutalität, das Grausame dieses Verbrechens an sich heranzulassen.
Der bereits verschleiernde Begriff Holocaust setzt automatisch Distanz zwischen den deutschen Betrachter und den Vorgang an sich.
Die Nazis sind im kollektiven deutschen Bewußtsein nicht nur ein anderer deutscher Stamm, sondern beinahe schon ein Synonym für extra-terristische Wesen, die irgendwann, zwischen 1923 und 1933 mit einem UFO in Deutschland gelandet waren, dann für einige Jahre ihr Unwesen getrieben und schließlich deutschen Boden auf ebenso merkwürdige Weise verlassen hatten, wie sie einst gekommen waren (52).

Die Diagnose "induziertes Irresein", eine "Gespensterkrankheit", die plötzlich wieder vergeht: mit ihren "Induktoren", würde manches erklären (siehe oben).

Chaim Schneider stellt fest - und Fragen:

Während in den siebziger und achtziger Jahren die Versuche der jüngeren Deutschen, sich mit der Vergangenheit ihrer Väter, ihrer Familie zu konfrontieren, zum öffentlichen Thema wurden, scheint sich dieser Kampf zwischen Väter- und Söhne-Generation längst zu einer stillschweigenden Aussöhnung mit der Vergangenheit gewandelt zu haben...
Eine befriedigende nationale Identität aber läßt sich nur erreichen, wenn man die Vergangenheit in diese neue Nationwerdung einbindet (54).
Ist es nicht kurios, daß die drei in den Medien besonders gepuschten Auseinandersetzungen mit dem Holocaust, die das deutsche Volk wirklich gefesselt hatten, von Juden stammten?
Die Fernsehserie Holocaust, der Kinofilm Schindlers Liste und jetzt eben Hitlers willige Vollstrecker?
Läßt man die Reaktionen der deutschen Öffentlichkeit im Zusammenhang mit den Großereignissen Revue passieren, inklusive der gereizten Reaktionen der Goldhagen-Kritiker, dann erhebt sich doch ganz automatisch die Frage, ob der, wenn man so sagen will, jüdische Zugang, die emotionsgeladene Hinwendung zur Shoah, nicht genau der Weg ist, der auch einen deutschen Nachkriegsgeborenen eher erreicht.
Und: Ist es nicht offensichtlich, daß eben auch die Mehrheit der Deutschen sich, wenn überhaupt, dann solch eine Annäherung an ein kaum zu ertragendes historisches Erbe wünscht? (53f.).

Hermann Schaber spricht von einem "Holocaust-Glauben" (vgl. auch Koll/Lang: "Holokaustismus").

Der Pferdefuß ist die Gaskammerfrage.

Aus Anlaß meiner Revisionismus-Interpretation (kkk-feder 6) schreibt Schaber (Heiliger Krieg - und kein Ende?, kkk-feder 13, S. 26 ff.):

Wenn dann angesichts dieser Lage von deutschen Einsatzgruppen und Polizeibataillonen für jeden von Partisanen getöteten Deutschen (genannt wird die Zahl 500.000 - kkk) 10 - meist jüdische - Geiseln aus der Zivilbevölkerung erschossen wurden - woran ebenfalls nicht zu zweifeln ist -, dann ergibt sich daraus allein schon die Zahl von 5 Millionen zivilen Opfern, die mit der bisher genannten Anzahl von Holocaust-Opfern weitgehend übereinstimmen (29).

Er meint, daß diese Erschießungen "durch das damals geltende Kriegsrecht abgedeckt waren".

Er würdigt den programmatischen Mord-Antisemitismus der Nazis viel zu wenig, wenn überhaupt, atmet aber auf, seit die Gaskammer-Geschichte ein paar Fragen aufgeworfen hat.

Ich habe mich bereits in den achtziger Jahren gegen den Begriff "Holocaust" ausgesprochen, weil mit ihm suggeriert werden kann, daß der Massenmord an den Juden so etwas wie eine heilige Handlung gewesen sei, was sich ja auch mit dem Urteil des gerade in diesem Heft wieder vorgestellten philosophischen Antishemitismus decken würde.

Gaskammer oder nicht, machen wir's kurz, ändert überhaupt nichts an der historischen Wertung des NS-Staates.

Solange wir davon ausgehen konnten, daß Gaskamnern bei der Judenvernichtung das Hauptinstrument waren, mochte die Zahl der Täter, immer gemessen an der technischen Effizienz der industriellen Tötungsmaschinerie, theoretisch niedrig angesetzt werden.

Nun aber, da sowohl von ns-revisionistischer Seite als auch von kompetenten jüdischen Holocaust-Forschern - Arno J. Mayer, Yehuda Bauer, Daniel Jonah Goldhagen - die Bedeutung der Gaskammern bei der Judenvernichtung stark relativiert worden ist, stehen wir vor der Erkenntnis, daß die Zahl der Täter unermeßlich größer war und gewesen sein muß, wenn dennoch allein die als Geiseln erschossenen Juden etwa die Zahl der vorher genannten Gaskammertoten erreichen.

Daß selektiv immer Juden als Geiseln umgebracht wurden, läßt sich mit der Haager Landkriegsordnung keineswegs erklären.

Der antisemitische Rassenwahn wird den NS-Deutschen nicht im nachhinein angehext, er war da, er hatte in Deutschland die Macht und das Sagen.

Und meine nun schon Jahre währende Beschäftigung mit dem NS-Revisionismus (ich bestehe auf diesem qualifizierenden Terminus!) hat mich zu der Einsicht gebracht: daß sie es wieder tun würden; daß sie es getan haben, weil (!) sie es wieder tun würden: sie haben es in sich.

Die zahlreich vorliegenden Juden-Ausschließungs-Theorien - für die Zukunft erdacht! - bestätigen Goldhagens These vom "eliminatorischen Antisemitismus", den er freilich bei den heutigen Deutschen nicht mehr vorzufinden glaubt.

Seine Erfahrungen in Deutschland stützen im übrigen die alte kuckuck-These, daß das Volk der Deutschen von seinen - "demokratischen" und ausdrücklich antidemokratischen - "Eliten" - streng - getrennt werden muß.

Diese "Eliten" repräsentieren indirekt die Funktionsträgerklasse des NS-Staats wie die des SED-Staats.

Die Reaktion auf "Goldhagen" war eine Selbstenthüllung jener, die zuvor - und das seit Jahrzehnten - das deutsche Volk in seiner Gesamtheit zum Verbrechervolk gestempelt hatten, sich selbst dabei allerdings regelmäßig ausnahmen.

Der "eliminatorische Antisemitismus" fragt am Ende nicht danach, auf welche Weise - tot oder lebendig - "der Jude" zu "eliminieren" sei.

Die Vergangenheit, die uns da einholt, widerlegt den sich moralistisch gerierenden NS-Revisionismus und bestätigt die schlimmsten Befürchtungen.

Denn wenn allein bei "Geiselerschießungen" 5 Millionen Juden umkamen, wie haben wir dann weiterzurechnen, wenn wir an die anderen denken, die nicht als "Geiseln", sondern anderswie - direkt oder indirekt - ermordet wurden?

Wir wollen hier auch etwas klarstellen, was in der NS-Revisionsdebatte als mildernder Umstand angeführt wird.

Die gezählten oder ungezählten Toten, die durch irgendwelche Lagerkrankheiten, Typhus, Cholera und was dergleichen mehr oder einfach vor Angst, ausgehungert, durch Schläge oder anderswie dahingerafft wurden: sie alle belasten das nazistische Lagersystem, sie entlasten es nicht!

Die Zahl der Verantwortlichen steigt mit der Zahl der Toten gerade unter Berücksichtigung des neu entdeckten Umstands, daß die Gaskammern gar nicht die Haupttatwaffe waren, sondern viele, viele kleine Wäffchen, handliche Pistolen, schuß- und schlagkräftige Karabiner, Holzknüppel, Eisenstangen, Seitengewehre von vielen, vielen Einzeltäterlein bedient wurden.

Je weniger Gaskammern, desto mehr Mörder!

So einfach ist das, und ich verstehe gar nicht, worüber sich die NS-Revisionisten nun noch freuen wollen.

Bei den früheren Berechnungen spielten die Geiselerschießungen eher eine Nebenrolle, wenn von 6 Millionen Toten die Rede war.

Diese Rede verstummt aber nicht.

Nun kommen die 5 Millionen hinzu.

Die da und dort bereits kolportierte Zahl von 11 Millionen jüdischen Mordtoten würde die NS-Revis von der "magischen Zahl 6" erlösen und eine neue Shoah-Zahl in die Köpfe setzen.

Nun gut, wer rechnet, irrt, wie ein altes englisches Sprichwort sagt.

Und wer einen Menschen vernichtet, hat eine Welt vernichtet, sagt Rabbi Löw.

Dieses Denken aber sollte (und soll wieder) vernichtet werden.

Und eben dies macht den Krieg gegen den Nazismus (und seine antishemitischen Erben) zu einem heiligen Krieg.

Da steht Geist gegen Ungeist.

Die penetranten Versuche, sich herauszureden, haben alles nur verschlimmert.

Der "wissenschaftliche Revisionismus" hat die kritische Reflexion provoziert, just bei denen, die bereit waren, diesen Revisionismus unbefangen und sachlich unter die Lupe zu nehmen.

Die Shoah ist gegenwärtig: als Vergangenheit und als Entwurf.

Während sich Justiz, Polizei, Politik und Medien ums Geschehene kümmern, nimmt die Zahl der Schreibtischtäter zu, sind die neuen Intellektuellen des antishemitischen Irrtums dabei, die nächste Shoah theoretisch zu begründen, praktisch zu empfehlen und vorzubereiten.

Eine andere Frage ist, ob Deutschland imstande sein wird, eine zugemessene, sagen wir, intellektuelle Klarheit darüber zu gewinnen, mit Herz (!) und Verstand.

Mit ihr entscheidet sich letzten Endes, ob Deutschland eine Zukunft haben kann.

Man könnte auch sagen, daß dieses Land eine neue, ganz anders verfaßte Elite braucht, wenn wir bei diesem Wort schon mal bleiben wollen.

Die von Hermann Schaber angeregte deutsch-jüdische - auch politische - Kontaktaufnahme und Zusammenarbeit auf nationaler Ebene ist gleichwohl kritisch aufzunehmen.

Das kuckuck-projekt YISHMAEL versteht sich - auf toranischer Grundlage - als bescheidener Fürsprecher einer deutsch-israelischen Achse, "um die sich der Islam dreht" (vgl. kkk-feder 6).

Dieses Konzept impliziert einen deutsch-jüdischen Interessenausgleich, wobei ich davon ausgehe, daß Deutschland und der jüdische Staat einander auch sicherheitspolitisch nützlich sein können.

Die zugleich konzipierte Islamisierung Deutschlands zielt auf einen revolutionären Islam ab, der - über sich aufgeklärt - seine vorislamischen Grundlagen neu entdeckt hat.

Die alte Klassenfrage stellt sich also von neuem.

Deutschland setzt seine "Reichsgeschichte" fort, indem es den genuinen Rassismus und Antisemitismus - einen philosophisch-metaphysischen Antishemitismus - via Beschneidung und Islamisierung hinter sich läßt, darüber hinaus aber nun - als neue islamische Macht - die gesamte islamische Welt in diesem Prozeß initiativ befördert.

Dies ist ein revolutionärer Vorgang, der vom nächsten Jahrtausend einen Großteil für sich beanspruchen wird.

Israel/Judentum und Deutschland kommen, so oder so, nicht mehr voneinander los.

Der - konstruktive - Blick in die Zukunft ist die Erlösung für alle Beteiligten, die aus diesen oder jenen historischen Gründen einander feind geworden sind.

Den revolutionären Umwandlungsprozeß in die Wege leiten, das ist kein politisches Tagesprogramm, sondern die Aufgabe für ein neues Zeitalter, für den Fall, daß Gott es so will.

online-Fassung

kuckuck
feder 15/16
III./IV. quartal 1997
4. Sep. 1997

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Horst Lummert in kuckuck (kulikri)

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