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Erkenntnistheorie und politische Praxis - Seit 1973 - Redaktion: Horst Lummert
1968-03-00
1973-00-00
Historische Irrtümer pendelten ein. Revolutionen entlarvten sich als überstürzte Anpassungszwänge. Das "sozialistische" Industrielager trat über die Schwelle zum "Kommunismus" und damit in seine spätkapitalistisch-imperialistische Phase. Den zweigleisigen "Fortschritt" der technisch-wissenschaftlichen Verschleißzivilisation (US & SU) hielt niemand mehr auf.
Der Prozeß der technobürokratischen Unterwerfung des Menschen ging in die Endrunde. Das Industriesystem stabilisierte sich und verjagte die letzten Außenseiter. Nach diesem Exodus war der Gleichheitsgedanke im Nu realisiert. Sämtliche Arbeitskräfte saßen in Reih & Glied, gefesselt vom Fließbandlauf und vom Nebenmann überwacht. Eine "erweiterte innerbetriebliche Mitbestimmung" löste das Problem der Produktionsmittelkontrolle auf höchst einfache Weise. Kollektive und individuelle Selbstbezwingung, Hecklicht aller sogenannten Rationalisierung, gab auch eine Antwort auf die überlieferte Eigentumsfrage. Sie wurde nicht wieder gestellt.
Niemand nach dem Exodus spürte mehr die Menschenfeindlichkeit der freundlich-lindgrünen Automaten; dafür nahm ein jeglicher auf sich: jegliche Schuld und die Verantwortung für das "Volksvermögen" resp. "Volkseigentum", das ja irgendwie doch allen gehörte.
Die Sklaven trieben sich und die Produktion nunmehr selber an. Perfektion war erreicht. Sie produzierten wie niemals zuvor. Die Herren mochten in Frieden ihren Kriegen nachgehen.
Die vertriebenen Außenseiter standen mittlerweile die ersten Schwierigkeiten durch. Sie erhielten auch in Nachbarländern nicht, was ihnen daheim versagt worden war. Instinktiv tippelte alles der Sonne entgegen.
Auf langen Wegen und mit der Zeit machten sie die Erfahrung, daß die Welt den geheimen Sehnsüchten um so näher kam, je weiter man sich vom Nordwesten entfernte. Viele gingen in orientalische Länder, wo traditionell, kulturspezifisch, für große Vielfalt Raum war unter einem Dach. Eine der bedeutsamen Überraschungen wurde die Verschiedenheit der Menschen, und daß der für eine "bessere" Welt "gewandelte" Mensch offenbar leibhaftig existierte... Der "gewandelte" war der in Sonne und Humankultur geläuterte Mensch. Eine Wiederentdeckung.
Die Industriewelt, nachdem sie ihren Sonnenersatz, den Geist, ausgetrieben, verhärtete vollends. Nicht mehr die Sklavenbefreiung war das globale Problem, sondern die Bedrohung, die von der Raubbaukultur mitsamt ihren Industrieknechten für die übrige Menschheit ausging.
Alle Anzeichen sprachen für das folgende Gesamtbild: Unmündigen Kranken war gefährliches Instrument als Spielzeug in die Hände gegeben. Sie wußten nicht mehr, was sie taten noch tun mußten, und ihr durchrationalisierter Irrsinn bezeugte, daß es zu spät geworden. Dem Baum ihrer Bemühungen die Wahnsinnsfrüchte von den Ästen zu schlagen - eine biedere Sabotage-Revolution -, war in Denkansätzen steckengeblieben. Zu spät auch hier, hatte sich die Einsicht in die veränderte technologische Situation und somit in die Notwendigkeit eines neuen revolutionären Subjekts zwar durchgesetzt, ihre Anwendung auf die Praxis erschöpfte sich dann allerdings in der Formulierung eines Slogans: "Wenn die Eierköpfe wollen, müssen Räder nicht mehr rollen!"
Alles ging seinen Weg. Die Zerstörung der Welt schritt voran. Im Fortschreiten nahmen die Zivilisierten einen großen (den größten?) Teil der Nachkommenden mit auf die Reise.
Materialisierte Mathematik hatte gehofft, im Weltraum ihrer besseren Hälfte zu begegnen. Sie fand sich nun im Kosmos wieder - wie Narziß.
Orpheus hatte eine Idee vom Mädchen und kein Weib. Weiber, wahnwitzig, rissen ihn in Stücke. Gewarnt sah sich nicht einmal Herbert Marcuse. ("Entmythologisierer" hatten verborgene Wissenschaft vom Menschen mitgelöscht.)
Hunger war. Immer neue Kriege flammten auf. Die Industrialisierten isolierten sich vor allem moralisch, stellten sich endgültig bloß und wurden bedrängt. Sie nahmen Rache mit ferngelenkter Technik, Biologie, Chemie und anderer Wissenschaft, Länder verschwanden in nichts. Millionen starben.
In der Atombombe vergalt der sterile Gedanke die Einsamkeit, aus der er entstanden war.
Die homogenen zweieinhalbtausend Jahre...
Da geschah das Unerwartete. In der Zivilisation brachen über Nacht tödliche Epidemien aus. Die Medizin sah sich einem Chaos gegenüber. Ihre Mittel verschlugen nicht mehr... Was hatte sich getan?
Betriebsunfall in einer Zuchtanstalt für "bakteriologische Waffen".
Vielleicht. Einbruch in die Grenzen medizinischer Effektivität durch zunehmende Immunisierung gegen alles Medikament. Wer weiß. Eine mutative Wiedergeburt gefährlicher Mikroben... Möglich, alles möglich.
Der seelische, nervliche und körperliche Zusammenbruch einer Hochkultur, die von dem, was da vor sich ging, nichts mehr verstand. Hoffnungslosigkeit. Verzweiflung an der Dominanzeinbuße. Aufgabe der Widerstandskräfte, Einstellung der "Produktion" von "Antikörpern"... Dies und das.
Göttin Hygieia zeigte ihr zweites Gesicht. Die Natur stellte ihr Gleichgewicht wieder her.
Eine bis dahin tödliche Krankheit, Krebs, ging auffallend zurück. Chronische Hautleiden starben plötzlich ab.
Von den Augen fiel es wie Schuppen, ohne bodenlose Gesellschaftsanalyse; von außen sah man es einfach: Eine Monokultur ging zugrunde.
Und jeder Befreiungsakt offenbarte posthum eine List des Schicksals, sich zu erfüllen.
So wurde die wahnsinnige Selbstzerstörung einer Verschleißzivilisation zur Bedingung neuen Lebens.
Die Ausgestoßenen, wohlweislich, vermieden es, sich noch einmal irgendwo niederzulassen. Erfahrungsdestillat. Auch dies, eine eiserne Regel: die Seßhaften niemals wieder aus ihrem Schlaf zu wecken...
Vieles wurde nun erst, nach dem Untergang, begreiflich; aus Fehlern war zu lernen. Manches erwuchs aus der Verneinung des Gewesenen, ohne viel Zutuns. Verschmähtes gewann man lieb. Brauchte es eine Konzeption, eine konkrete, einen Entwurf für den Menschen, nachdem die Krankheit von ihm abgefallen?
In dem, was zu Mono-Zeiten "Unkraut" geheißen und "Schädling", erwies sich reichhaltig humane Möglichkeit. Waren die Widersprüche aufgehoben, Frieden eingekehrt? O nein, im Gegenteil! Sie konnten sich jetzt endlich wieder entfalten, die Widersprüche, waren nicht mehr unterdrückt und verschleiert. Darin, daß die Auseinandersetzungen stattfanden, wenn es nottat, zeigte sich sogar eine gewisse Harmonie der Dialektik - sehr lebendig, und nicht "aufgelöst", abgetötet, aus der Welt geschafft... Es kam nicht mehr zu den verhängnisvollen Stauungen...
Die Weltrevolution nach dem Untergang - war eine Denkschule. Nicht die Dinge waren das Neue, sondern wie man sie sah. Einsichten in die Motivation analytischen Denkens - unterdrückten Denkens - Denkens Unterdrückter...
Befreites Denken mußte wieder mythisch-kreativ wuchern können, Kunst nicht mehr Kompromiß sein... Der Garten aufblühn, sich von neuem bevölkern...
Offenkundig, vor allem: die Feindschaft zwischen Geist und Industrie: unaufhebbar. Industrie - auch nach dem Untergang noch eine lebensgefährliche Sache in Menschenhand, falls nicht...
Der Grad der Sensibilität aber entsprach genau dem der Nichtverwendbarkeit im Getriebe. Jede Gesellschaft hatte immer gerade die Industrie, die sie ertragen konnte. Dies, in der Tat, war die ganze Problematik.
Sensible, intelligible Gesellschaft würde bedeuten: Anti-Leistungsgesellschaft...
Für eine Erlösung nach der Urformel vom dialektischen Zusammenhang Sensibilität:Denken lagen die Dinge relativ günstig. Die Katastrophe hatte unauslöschliche Spuren hinterlassen. Trauma vom Untergang; das hieß: in vielleicht jedem der Überlebenden eine jener Wunden, die die Menschen zwingen, über sich und die Welt nachzudenken, und die die Psychologie der Folgegenerationen mitbestimmen.
War die Industrie noch zu retten?
Der Mensch, geboren, scheint's - ein jeder, oder nur der gewisse Typus? -, Naturgesetz zu überwinden (wie Sisyphos), verändert die Welt und sein Bewußtsein - und am Ende stürzt alles in sich zusammen: Welt als zerstörte; er ob der Sinnlosigkeit verzweifelt.
Er hält sich schadlos an der Erde, wühlt sie um und dumm, gibt ihr andere Gestalt - seine Rache für die eigene Unzulänglichkeit nennt er "friedliche Arbeit". Dies sein Gesetz: Arbeit und ihre Nichtigkeit.
Er rüttelt am Produkt seiner Mühen, der Welt; man sagt, es sei Krieg. Schaffen und Zerstören, zwei Gesichter selben Wesens. Er tut, was er kann - und muß. Freiheit ist ein Motiv. Es gibt andere. Auch Gott, ein göttliches Subjekt, je nachdem. Er will und kommt doch nicht aus seiner Haut heraus. (Mitunter hilft bei Männern die Beschneidung, der abgeschnittene Rückweg.)
Angst vor Krieg zögert ihn nur ins Extrem.
Man fragte sich, ob es unumgänglich sei, die Balancen zu stören, unterschied zunächst: historische und mythologische (strukturale) Dialektik; jene des Werdens und Vergehens, diese der Beziehungen und Bedeutungen... - und fand:
Dialektische Widersprüche - einander zugeordnet - ergänzten sich gegenseitig relativ - wie Mann und Frau, Sonne und Meer, Gegenständlichkeit und Gravitation... Die Spezifität von Zuordnung und Ergänzung determinierte die Qualität, den Charakter, das Wesen einer neuen Synthese.
Dialektik erschien durchaus wie eine Bestimmung der Natur: die strukturale (mythologische) gleichsam als ein Zeugungsgesetz - die historische als Erfüllung der Mythologie (= des Gesetzes).
Aus der "Bewegung" der Geschichte die Elemente der Ruhe gewinnen...
Geschichte: in der Zeit ausgelegtes, aufgelöstes mythisches Mosaik.
Exegese. Synchronisierung der Geschichte, ihre Mythologisierung.
"Prozeß" der "Entzeitlichung": Veränderung der Denkposition mit dem Schwund der Geschichte - Bewußtwerdung jenseits der Zivilisation.
Historie - das war ein Umweg, war Umkehr. Sie mündete in mythischer Zeit, in Kulturzerfall, Zeit postrationaler Erkenntnis, in Erfüllung und Neubegründung des Gesetzes.
Gesetz - worin sich das Wiederkehrende zu erkennen gibt...
Mythen sind Lehrstücke. In der Synthese eines Mythos sind - nach rationaler Analyse und tieferer Einsicht - die Wissenskomponenten wieder zusammengefügt.
Als Lehrstück ist der Mythos - ausgehend von rationaler Autorität - postrational und - für den Lernenden - prärational zugleich.
Die wenigen, deren Schicksal es gewesen, auszubrechen, bewahrten für die vielen, deren Schicksal der Kreis war, die Illusion, es sei möglich, dem Schicksal zu entgehen.
Jeder war seines Glückes Zerstörer. Paradies war verlorenes - Frieden ein Bumerang. Gemessener Wurf mochte die Zyklen verkürzen, den Krieg in der Nähe halten und in Grenzen seine Macht.
Ein neues Weltbild, sollte es dauern, mußte ein mythisches werden, seelisch versenkbar; ein Mosaik aus gewonnenen (wiedergewonnenen) Erkenntnissen und Erfahrungen, auf rationalem, vernünftigem Grund mithin: ein mythologisches Gebilde, wahr und human, dem Verstehen offen - "oberflächlich" leicht, in der "Tiefe" diffiziler; betrachtender Freude wie ernstem Denken in gleicher Weise zugetan.
Der morgendliche (meinetwegen abendliche) Horizont konnte sich erst nach den exakten Wissenschaften öffnen, gewissermaßen als künstlerische "Befriedigung" der Geschichte, als ihre schöpferische, über sie hinausweisende Vollendung.
Das analytische - wissenschaftliche - Zeitalter spielte seine Rolle aus: lehrendes und klärendes. Das Kind hatte seine Lektion begriffen; es brauchte nicht mehr auf jeden Schritt zu achten wie eines, das noch nicht laufen kann...
Geschrieben: 1968
Die dunkel-pessimistische Utopie dialektisch in eine "Aufreizung zum Widerspruch" zu kehren, erscheint womöglich wie eine späte Selbstverhöhnung, ohne die Konsequenz, die einmal festgehaltenen Gedanken jetzt zu verwerfen.
In der Tat: Da habe ich ausgesprochen, was ich nicht wahrhaben mochte, was ich bei einem anderen Autor unter die ideologiekritische Lupe nehmen würde. Es ist nicht so, daß ich "damals" - ich schrieb den Text im März 1968, aus Anlaß eines Aufrufs im "Kursbuch" zum Entwurf einer "konkreten Utopie" - "noch nicht so weit" war; daß ich nicht durchschaute, was ich da schrieb. Ich wußte es sehr wohl. Und es widersprach, besonders im zweiten Teil, auf geradezu skandalöse Weise von Anfang an meiner, wie ich glaube, besseren rationalen politischen Einsicht.
Gewiß, ein leiser Spott wohnt dieser "Utopie" inne; aber ich lese sie auch wie ernstgemeint. Ich erkenne auch jetzt eine gewisse innere Folgerichtigkeit. Einige Sätze erscheinen mir heute überzeugender als zur Zeit ihrer Niederschrift. Die Distanz dazu ist geblieben.
Wie komme ich nun in meiner "Aufreizung zum Widerspruch" zu Auffassungen, Gedankengängen, die meiner "rationalen" moralisch-politischen Überzeugung fast diametral entgegenlaufen? Hat sich mein "Verstand" so weit vom unbewußten "Untergrund" meiner selbst entfernt? Oder besteht zwischen diesen "Feindschaften" tatsächlich eben doch ein inniger dialektischer Zusammenhang?
Will ich ganz verstehen, so muß ich wohl zunächst einsehen, daß auch die offen zutage tretenden politischen Fragen nicht zu begreifen sind, wenn ich mir nicht zugleich über die Fragwürdigkeit ihrer dunklen, unbewußten, triebhaften Seite klarwerde.
Ich vergesse. Ich erkenne eine Situation als schon ähnlich erlebt nicht wieder, beginne, über sie nachzudenken, erkenne die inneren und äußeren Zusammenhänge usw. und entdecke plötzlich, daß ich schon wußte, nur vergessen hatte.
Sind solche Wiederholungen vermeidbar? Sicher, so scheint es: indem man nicht vergißt. Jung sagt (sinngemäß): keine Bewußtseinserhellung ohne Verdrängung. Kein fortschreitender Erkenntnisprozeß ohne Vergessen von bereits Erkanntem, Bekanntem? Es würde die Wiederholungen - geradezu gesetzmäßig - garantieren. Verbunden mit dem Gedanken, daß im Mutterleib das Kommende bereits beschlossen liege, würde der Erkenntnisprozeß zu einem Auflösungsprozeß, wäre gar selbst jener Prozeß des Vergessens von seit Kindheit her Bekanntem und Vertrautem; hieße erkennen: vergessen. Und das überraschend Neue würde zum erinnerten Alten.
Vielleicht steckt im Utopie-Gedanken überhaupt ein Irrtum: daß er in die Zukunft stellt, was in Wahrheit unwiederbringlich vergangen; daß ihm die Hoffnung auf Wiederkehr des Verlorenen zugrundeliegt.
Leiten Befreiungen neue "Zeiten" oder lediglich neue "Zyklen", neue Wiederholungen ein?
"Wiederkehr" heißt nun freilich auch: sich wieder erinnern, daß es damals versäumt wurde, daß es nicht gelang, daß es unerledigt liegengeblieben, daß man's aufs neue versuchen solle: einen neuen Anfang machen.
Die zyklische Wiederkehr ist eine stets wiedergegebene Chance, es wiederaufzunehmen, weiterzuführen; eine sich wiederholende Aufforderung, nicht abermals zu vergessen, nicht abermals bereits vorliegende Erkenntnisse aus früheren, vergangenen Erfahrungen in den Wind zu schlagen, sondern daran anzuknüpfen, um endlich darüber hinaus zu gelangen, den Kreislauf zu verlassen: geschichtlich zu werden.
Kreisläufe sind eigentlich das Alltägliche, das jeden Morgen Wiederkehrende. Darüber braucht man nicht zu philosophieren. Das Problem ist: wie sich aus ihnen befreien.
So hält ein Naturgesetz vorerst auch das menschliche Leben, scheint's, im Gleis. Aber "Zyklus" ist nicht "das" Gesetz, nicht das Bestimmende schlechthin. In den Jahreszeitenzyklen, hier ein Beispiel, zweigen Monate, Tage, Nächte usw. ab, so daß man bildhaft von einer Zyklentraube, einem dichten Busch-, Strauch-, Baumwerk von Zyklus sprechen möchte.
Aus dem Stamm streben Äste ab, davon wiederum neue, junge Zweige, sprießen Knospen, Blätter, Blüten, daraus bricht neuer Samen. Wasser durchs Adergewebe des Baumes, auch dies im Kreislauf. Aber das Schöpferische in der Natur ist doch, daß sie ihre eigenen Kreisläufe immer und immer wieder durchbricht, abermillionenmale auf millionenfache Weise, um an den kritischen Bruchstellen Neues entstehen zu lassen, Neues sich jeweils wieder in Kreisläufen entfalten... Das schöpferische Prinzip wirkt sich aus im Aufbrechen der Kreisläufe, in den Abzweigungen, in den Augen am Stamm des Baumes, in den - "autonomen"? - "Wirbeln", die den "Fluß" jeweils "stören", um Neues aus dem Alltäglichen hervorzubringen. Das Öffnen der Sperren, das Zerreißen der Hüllen und Blasen und Häute. Die Entbindung der immanenten Gegensätze zur Selbstwerdung der Teile. Und jedes Einzelne wiederum trägt seinen latenten Gegensatz mit sich herum, sich von ihm zu befreien: sich zu vervielfaltigen.
Das schöpferische Prinzip ist das offenbarende, das Prinzip der Enthüllung und Befreiung, das kritische Prinzip, das Prinzip Krisis.
Ich glaube nicht, daß der Mensch vor der Alternative steht: "Schicksal" oder "Freiheit". Ich denke vielmehr, daß Befreiung, Selbstbefreiung unser aller Schicksal ist, dem wir nur bei Strafe des Untergangs zuwiderleben können.
Emanzipation: gleichsam die wiederkehrende Vertreibung und Selbstvertreibung aus dem Paradies. Das Kind, das sich nicht rechtzeitig aus dem Mutterleib befreit, kommt darin um; die Schwangere stirbt, wenn sie nicht zur rechten Zeit gebiert. So befreit sich die Mutter vom Kind, wie das Kind aus der Mutter. Jedes Paradies hat seine räumlichen und zeitlichen Grenzen; als behindernd und beengend erkannt, machen sie es zum Gefängnis.
Irgendwann verstand ich "Zeit" als eine bloße Abstraktion des Weges von Seßhaftgewordenen. Wer unterwegs ist, ordnet seinen Tag nicht nach Stunden, sondern nach Orten, Raststätten, Zielen; und seine Nächte, falls er nicht schläft, erlebt er mit den Gestirnen am Himmel. Und er stellt eine Beziehung her zwischen dem Weg der Sterne und seinem eigenen Weg. Er sagt, wenn die Sonne über unseren Köpfen steht, werden wir in Alpha sein. Am nächsten Tag beginnt ein neuer Zyklus derselben Sonne, und er geht weiter.
Der Weg der Sonne ist gesichert; sein eigener Weg verheißt ihm hinterm nächsten Hügel vielleicht eine hübsche Überraschung. Da hat auch "Fortschritt" einen konkreten Sinn, wenn man die nächste Stadt erreichen will beizeiten.
"Wiederkehr" ist einfach Wiederkehr des nächsten Morgens; aber das Weitergehen - konkret, lebendige Wahrnehmung, notfalls barfuß - kann nun wirklich Neues, Ungekanntes bringen.
Tun, Arbeiten, Welt verändern - solcher "Fortschritt" ist Ersatz, Be-Wegung zu scheinbarer Vielfalt, ein fortwährendes Treten auf der Stelle, ohne wirklich voranzukommen.
Seßhaft werden, zur Ruhe kommen, heißt sterben.
Zwei Männer, ein älterer und ein jüngerer, kämpfen miteinander. Der Ältere scheint den Jüngeren mit Box- und Greifbewegungen herauszufordern. Sie rangeln und verknoten zu einem Knäuel, ich sehe oder meine zu sehen, wie der Ältere dem Jüngeren die Handgelenke nach innen zusammendrückt, sie bricht, ich höre es knacken, Gelenk für Gelenk. Ich glaube, es waren plötzlich so viele Hände wie Finger, Gelenke, die knackten, und auf einmal hatte sich der Jüngere vom Älteren freigemacht, sich dessen Griffen entzogen. Nun erkannte ich, daß nicht der Ältere, sondern daß der Jüngere jenem die Hände gebrochen hatte.
Bestürzt über die Tat, war ich zugleich überrascht vom Ausgang des Kampfes. Des Jüngeren Arme mit intakten Händen hingen herab, er schien erschöpft. War's die Befreiung der Zukunft von der Vergangenheit?
Mythen sind Lehrstücke, wie Kunstwerke, Bilder, Träume. Und ein ungedeuteter Traum ist wie ein ungelesenes Buch, steht irgendwo im Talmud. Freud lehrt uns, daß es gut ist, nicht zu verdrängen, sondern einsichtig zu machen. Wer einen klaren Kopf behält, braucht die neuen Mythen ebensowenig zu fürchten wie die alten. Lesen lernen, es tut wohl not.
online-Fassung
kuckuck 2
Winter 1973/74
kokhaviv press:
Horst Lummert in kuckuck (kulikri)
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