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Erkenntnistheorie und politische Praxis - Seit 1973 - Redaktion: Horst Lummert
1986-01/02/03-00
1986-05-06
RIAS/LANG: Horst Lummert, Sie sind der Herausgeber der literarischen Zeitschrift kuckuck, die vierteljährlich erscheint, seit 13 Jahren zu haben ist.
Nun ist kürzlich die 50. Nummer erschienen.
Ihre Zeitschrift wird in der Berliner Literatur-Szene sehr aufmerksam gelesen, auch in Westdeutschland, und Ihr Engagement hat Ihnen schon viele Feindschaften eingebracht.
So zum Beispiel Gerhard Zwerenz'.
Sie scheuen sich nicht, die Dinge beim Namen zu nennen.
So sprechen Sie anläßlich der verhinderten Fassbinder-Uraufführung in Frankfurt von einem, ich zitiere Sie wörtlich, "weitgehend faschisierten Kultursektor" und geben etwas weiter noch einmal eins drauf:
Die Dichter und Denker waren nicht nur empfindliche Seismographen, sie waren auch die ersten Hereingefallenen und Betrogenen - Selbstbetrüger und Scharlatane.
Nach den skandalösen Vorfällen während des Internationalen PEN-Kongresses in New York müßte einiges geklärt werden. Wen meinen Sie insbesondere, wenn Sie von den faschisierten Selbstbetrügern und Scharlatanen sprechen?
LUMMERT: Ich gehe sogar noch weiter. Ich spreche seit Jahren von einer neuen nationalsozialistischen Kultur-Mafia.
Diesen Ausdruck habe ich mit Bedacht gewählt, weil es charakteristisch für eine Mafia ist, daß man sie nicht fassen kann, daß sie einem immer wieder entgleitet.
Wenn man nun das Offensichtliche, das Erkennbare zunächst hypothetisch wie die Spitze eines Eisberges behandelt, ist man methodisch schon auf dem richtigen Wege.
Es wäre ja auch unvernünftig, weil unlogisch und vor allem historisch wenig plausibel, die Existenz einer nazistischen Mafia und ihre Wirksamkeit seit 1945 ausschließen zu wollen.
Sehen Sie: Das faschistische Deutschland hat den Krieg total verloren. Aber es wird nicht genügend beachtet, daß die Niederlage nur eine äußere, völkerrechtlich relevante war.
Im Innern des Landes hat der Faschismus den Krieg nicht verloren, sondern im Gegenteil seinen Sieg von 1933 nachhaltig ausbauen können.
Eine Niederlage im Innern hätte ja bedeutet: Enteignung und Entmachtung der nazistischen Führungs- und Herrschaftsklasse.
Ich spreche hierbei nicht nur vom Industriebesitz, sondern vor allem und insbesondere von jenem innergesellschaftlichen Beziehungsnetz, dessen Besetzung, Beherrschung, Benutzung eine der wesentlichen Grundlagen jeder gesellschaftlichen und daraus resultierenden politischen Macht ist.
Da sind zunächst die ehemaligen NS-Führungssippen.
Wenn deren junge und jüngste Sprößlinge heute vielleicht eine grüne Friedenspolitik betreiben, so drückt sich darin schließlich auch ein spezifisches Klasseninteresse aus.
Diese Kreise sind an demokratischen Verhältnissen nur so lange interessiert, wie nicht die demokratische Forderung laut wird, daß die faschistische Trägerklasse des Auschwitz-Regimes endlich einmal ihre Rechnung bezahlen sollte.
Diese Räuberbande, die sich seit 1933 besonders an den Juden im Lande bereichert hat, zeigt jedesmal eine klammheimliche Freude, wenn ein Vertreter des geistigen Pöbels wieder einmal einen "reichen Juden" oder ein "jüdisches" Interesse an "klimpernden" Deutschtalern irgendwo aufgestöbert hat.
Ich gehe davon aus, daß der ideologische Grundcharakter des deutschen Faschismus nicht Antikommunismus und nicht Antisozialismus, sondern antisemitisch war.
Hinterm Antisemitismus verbarg sich gewiß das Interesse, die Arbeiterklasse zu entmündigen und restlos zu entmachten.
Aber die Entmündigung war ja auch ein vornehmliches Ziel oder jedenfalls der tatsächliche Effekt der organisierten kommunistischen Politik.
Die Umorientierung auf imaginäre "Feinde der Arbeiter" usw. ließ sich allemal mit einer antisemitischen Propaganda verbinden.
Der Antisemitismus ist übrigens mehr als ordinärer Rassismus.
Er geht tiefer und hat spezifisch etwas mit unserer europäischen Zivilisation und ihrer Geschichte zu tun.
Ideologie, was die Nazis "Weltanschauung" nennen, gehört in den Bereich "Kulturpolitik" im weitesten Sinne.
Ich will Ihnen ein konkretes Beispiel nennen. Sie kennen den Namen Alfred Rosenberg.
Rosenberg war der NS-offizielle Mythologe des "Dritten Reiches".
Könnten Sie sich diesen Mann als Mitglied, sagen wir, der SPD vorstellen? Ich meine: heute, jetzt, in der Bundesrepublik. Doch wohl nur schwerlich.
Rosenbergs designierter Nachfolger jedoch, ein gewisser Gottfried Griesmayr, er war zugleich höchster "Führer" in der NS-"Reichsjugendführung" und ideologischer Berater Bormanns, kurz vor Kriegsende im übrigen einer der Anheizer zum "letzten Widerstand", dieser Griesmayr ist aber seit etwa fünfzehn Jahren Mitglied der Sozialdemokratischen Partei.
Während dieser seiner SPD-Mitgliedschaft schrieb er zum Beispiel ein Buch, das wegen seiner NS-verherrlichenden Tendenz von der Bundesprüfstelle für jugendgefährdende Schriften auf den Index gesetzt wurde. Im kuckuck ist darüber allerlei dokumentiert worden.
Man muß die Geschichte der NS-Jugendorganisationen und ihrer Führer studieren. Eigentlich die Nachgeschichte, ihre Nachkriegsgeschichte. Napola, Adolf-Hitler-Schulen, Ordensburgen, NS-Frauenschulen, die Geschichte des Werwolf. Hatten die sich 1945 alle in Luft aufgelöst? Natürlich nicht.
Hans Habe hatte vermerkt, daß in der Literaten-"Gruppe 47" viele Schriftsteller einfach einen HJ-Ersatz gefunden hatten.
Während in der offiziellen Politik der Bundesrepublik die Demokratie einen mehr oder weniger guten Eindruck zu machen versuchte, spielte sich unter ihrer Decke etwas ganz anderes ab.
Der Nachkriegsunterwanderungsfaschismus hatte dann und wann ans Licht gezogen werden können, zum Beispiel aus Anlaß der Naumann-Affäre Anfang der fünfziger Jahre.
Im Zuge der sogenannten Alternativ- und Friedensbewegung ging die Saat erstmals in einem breiteren Maße auf. (Vielleicht als die Studenten plötzlich anfingen, comics zu lesen.)
Unter diesem Schirm konnte die alte faschistische Methode, sich ein "linkes" Image zu geben, erfolgreich angewandt werden.
Ich würde diese Geschichte gern ausführlich im RIAS darstellen.
In so einem kurzen Interview ist es schwierig, prägnant und komplex sowohl die Zusammenhänge als auch die sie markierenden Fakten zu nennen, wenn es nicht nur bei Behauptungen bleiben soll.
Die Chance, über einen Sender der Bundesrepublik bzw. Berlins diese Dinge einer größeren Öffentlichkeit bekannt und gegenwärtig zu machen, könnte ein Indiz gegen meine These sein, daß die gegenwärtigen kulturpolitischen Machtverhältnisse hierzulande eine derartige Erörterung nicht zulassen werden.
Als designierter Nachfolger von Rosenberg war Gottfried Griesmayr tatsächlich der "Beauftragte des Führers zur Sicherung der Nationalsozialistischen Weltanschauung".
Es wäre nicht nur naiv und wirklichkeitsfremd zu glauben, ein so hoher NS-Funktionär hätte seine politischen Ziele aufgegeben und sei mittlerweile ein guter Sozialdemokrat geworden. Vielmehr ist es ratsam, wie in den fünfziger Jahren bereits die FDP, nunmehr die SPD und ihre Jugendorganisation auf derartige Aktivitäten hin abzufragen.
Erkennungsmerkmal ist interessanterweise die sogenannte Neue Ostpolitik, die ja doch in ihrem historischen Kern eine Wiederauflage des Ludendorff-Lenin-Komplotts gegen die junge russische Republik darstellt.
Dieser deutschland- und europapolitische Rahmen gestattet denn auch eine durch öffentliche Kritik kaum beeinträchtigte Wiederbelebung jener "deutsch-sowjetischen Freundschaft", d.h. jenes NS-sowjetischen Komplotts, das mit dem Überfall auf Polen den Zweiten Weltkrieg einleitete.
RIAS/LANG: Sie scheinen eine Vorliebe für Kurt Schumacher zu haben. Etwa weil er ein DEUTSCHER PATRIOT war, ein harter Antikommunist, ein Sozialdemokrat der alten Schule? Was reizt Sie an dieser Persönlichkeit?
LUMMERT: Aus dem schon Gesagten ergibt sich bereits, daß mich Kurt Schumacher, an den wir kürzlich im kuckuck erinnerten, nicht als "deutscher Patriot", was immer das sein mag, interessiert, sondern als ein ehrenwerter Antifaschist und Sozialdemokrat, der in zwölf Jahren Nazi-KZ so zugerichtet wurde, daß er körperlich ein Wrack war - aber in seinen Prinzipien unbeirrt.
Er wußte von jenem Komplott gegen Frieden, Freiheit und Menschenrechte.
Und er ließ sich auch vom Etikett "Kommunismus" nicht davon abbringen, das zweite KZ-System im Europa des Zwanzigsten Jahrhunderts bei seinem richtigen Namen zu nennen.
Der Verrat an der Arbeiterklasse ist ja doch geschichtsnotorisch.
RIAS/LANG: Nach 13 Jahren erscheint kuckuck immer noch hektografiert, meinen Sie nicht auch, daß es an der Zeit wäre, Ihre Zeitschrift technisch präsentabler zu machen?
LUMMERT: Ich denke, aus allem ergibt sich auch die Antwort auf diese Frage.
Wenn, bei allem "ideellen Erfolg", was die Substanz des kuckuck betrifft, der materielle Erfolg ausblieb, so hat das gewiß etwas mit eben dieser "Substanz" zu tun.
Ich stelle die Zeitschrift insgesamt selber her, im Offsetdruck.
Ein "schöneres" Satzbild würde außerdem dem im ersten Heft genannten Grundsatz widersprechen, daß kuckuck sich in dieser "Form" durchsetzen werde - oder eben nicht.
Es liegt nicht an der Form.
Das habe ich oft genug getestet.
Im Gegenteil: Mit zunehmender "Profilierung" nahmen die ursprünglich in Presse und Funk durchaus gezeigten Reaktionen wie systematisch ab.
kuckuck hätte ja sonst auch einen Namen zu verlieren.
online-Fassung
kuckuck 52
1986
Siehe auch:
Das RIAS-Interview. Nachklang in Briefen
kokhaviv press:
Horst Lummert in kuckuck (kulikri)
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