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Erkenntnistheorie und politische Praxis - Seit 1973 - Redaktion: Horst Lummert
1996-01-00
Die Beschäftigung mit dem Revisionismus war für mich von Anfang an spannend.
Ich erlebte etliche Überraschungen, wollte vor allem nicht glauben, wie leichtfertig mit der Wahrheit umgegangen worden war.
Wie mußte ich nun verstehen, daß alles, was ich jahrzehntelang für bare Münze genommen hatte, nicht mehr wahr sein sollte.
Hatte ich mich täuschen lassen?
War ich einer verlogenen Propaganda auf den Leim gegangen?
Wie kam es dazu, daß ich, der ich gewöhnlich prüfe, ehe ich urteile, nicht an dem zweifelte, was uns nach dem Krieg im Zusammenhang mit den Verbrechen der Nazis, vor allem der Judenverfolgung und -vernichtung, immer wieder vorgeführt, berichtet, erzählt, aufgetischt wurde?
Warum war ich ohne weiteres bereit, dieser Propaganda, wie die einen sagen, Aufklärung, so die anderen, zu glauben?
An dem Streit um Zahlen von Toten, Vertriebenen, Überlebenden habe ich mich nie beteiligt.
Vor der "Wende" wurde diese Diskussion auch nicht mit der Verbissenheit von heute geführt.
Die Roman-Literatur über den Holocaust, über Lager, Folter, Elend und Tod, habe ich kaum gelesen.
Ich erinnere mich an ein Buch von Vrba, der über Auschwitz berichtete, auch an eines über Treblinka, dessen Autor mir nicht geläufig ist.
Ich nahm das als Erinnerungsliteratur mit all den Mängeln, die dieser Gattung gewöhnlich anhaften.
Dabei denke ich auch an ostpreußische Erlebnisberichte von Flucht und Vergangenheit.
Die Einzelheiten waren mir nie so wichtig.
Jeder erzählte halt seine Geschichte, schrieb seinen Zorn, seine Verzweiflung, seine Scham sich von der Seele.
Ich konnte sehr gut verstehen, daß ein entkommener Lagerhäftling die Demütigung, die er als unbescholtener Bürger erfahren hatte, irgendwie aufrechnen mußte, wenn er mit sich wieder ins reine kommen wollte.
Die wissenschaftliche Analyse solcher Berichte auf ihren historischen Wahrheitsgehalt hin ist, wenn man dabei die besondere Entstehungsgeschichte und die individuelle Motivation außer acht läßt, nicht ganz korrekt und auch ein bißchen naseweis.
Aus der ursprünglichen Emotion, dem gewachsenen Willen, persönlich Rache zu nehmen für die Ungeheuerlichkeiten gegen die menschliche Integrität, entstand, wie gesagt, eine umfangreiche KZ- und Holocaust-Literatur.
So entstehen fast zwangsläufig Diskrepanzen etwa zwischen einst "frischen" Romanwerken und ihren späteren Auflagen und Übersetzungen in andere Sprachen.
Es hat sich so etwas wie eine literarische Clique oder Schule samt Claque herausgebildet, mit Einfluß und also Macht, die sie ausübt, auch mißbraucht, so daß unter ihr nun manche Leute und manche Wahrheit leiden müssen.
Diese Romanliteratur genießt einen Ruf, eine Autorität, eine Maßgeblichkeit, die weit über das hinausgeht, was ihr gerechterweise zukommt und auch nur zukommen kann.
Vor Gericht gezerrt, haben sich solche Autoren prompt auf ihre dichterische Freiheit berufen, wenn sich ihre Schilderungen mit diesen oder jenen Tatsachen nicht decken wollten.
Was tut es einem Romancier weh, wenn man ihn der Unwahrheit im Sinne von ungenauer oder unzutreffender Faktizität zeiht?
Es tut ihm nicht weh, es tut ihm gut, denn man spricht von ihm, für Kunst und also auch Literatur gelten nicht die Regeln der Wissenschaft.
Die Kritiker jener Literatur stehen ziemlich dumm da, wenn sie so was erleben müssen, nur weil sie offensichtlich mit unbrauchbaren Mitteln gegen ihren Gegenstand vorgegangen sind.
Der Begriff der Authentizität hat hier durch Verschiebung über die Bezüge etwas gelitten.
Es gilt, was einer sagt, der dabei war, egal, was er sagt.
Die Erlebnisgeneration genießt nun mal dieses Privileg.
Hier entsteht bereits die Abweichung vom Gleichheitsprinzip in der Rechtsprechung.
Wo Nachhaken Schmerzen bereiten kann, wird nicht nachgehakt.
Aus der spontanen Erlebnisliteratur, einer Art Sachromangattung, ist eine Institution geworden, die mit autoritativem Anspruch auftritt, darin offiziell anerkannt wird; die die Wissenschaften verunsichert, Expertenwissen propagandistisch einsetzt, Propaganda als Wissenschaft ausgibt, um politische Strategien taktisch durchzuboxen.
Es ist immer gut, solchen Werken und Wirksamkeiten aus dem Wege zu gehen.
Ihr Wahrheitsgehalt ist naturgemäß unüberprüfbar.
Vrbas Berichte sind angezweifelt worden.
Faurisson hat Simon Wiesenthal der Lüge, Elie Wiesel der Unredlichkeit als Kronzeuge des Holocaust bezichtigt.
Robert Faurisson ist von Hause aus Literaturwissenschaftler und insofern also in seinem Metier.
Natürlich ist jeder, der schreibt, der Wahrheit verpflichtet.
Auf besagtem Feld läßt sich der Wahrheitsbegriff freilich drehen und wenden.
Ist Wahrheit nicht mehr als das erzählte Geschehen?
Sind nicht in der Literatur Überhöhung, Übertreibung, Zuspitzung gebräuchliche Mittel, der Wahrheit - jenseits der grauen Sachverhalte - näher zu kommen, wesentlich näher?
Ist Simon Wiesenthal ein "Lügner", wenn er, ungeübt im Zeichnen, die Bilder eines andern über einen sachlich gleichen, örtlich, zeitlich und figürlich aber austauschbaren Vorgang für sich nutzt, sie "plagiiert", weil er auf diese simple Art und Weise das, was er auf dem Herzen hat, sagen und zeigen kann?
Nicht unbedingt.
Ist Elie Wiesel ein "unredlicher Kronzeuge", weil er frühere Aussagen später "korrigiert" oder "fälscht", jedenfalls ändert?
Ist seine spätere Textfassung womöglich die wahre, weil er zu jener frühen Zeit noch nicht wußte, was einer aber wissen muß, wenn er die Dinge und Ereignisse im Gesamtzusammenhang verstehen will?
Nicht unbedingt.
Wahrscheinlich wurden in beiden Fällen die Propaganda und die politische Absicht über die reine Wahrheit des Berichts gestellt.
Warum ist das so wahrscheinlich?
Weil es geschah, als die betreffenden Autoren bereits etabliert und prominent waren und damit gewissen gesellschaftlichen, ideologischen, politischen Interessen und Absichten unterworfen.
Wer diese Literatur in den Rang von Geschichtswissenschaft erhebt, tut ihr einerseits zuviel Ehre an, wird ihr andererseits aber auch nicht mehr gerecht.
Robert Faurisson ist Literaturkritiker, doch zugleich ein Propagandist.
Irgendwie ähnelt oder gleicht er Leuten wie Wiesel.
Beide arbeiten, beide kämpfen mit den gleichen Mitteln - nur halt auf entgegengesetzten Seiten.
Der eine mit Macht, der andere fast ohne.
Steht nun Macht gegen Ohnmacht, diese gegen jene, und worauf stützt sich diese Macht, ist sie erluchst und erlogen, Teufelswerk und böser Trieb, der Blütenstrauß einer Verschwörung, vom Teufel gegeben oder von Gott?
Wir kommen an die ontische, die transzendentale Bedeutung nicht heran, wenn wir die Fragen so stellen wie bisher.
Was ist geschehen, wenn wirklich ein heiliger Krieg angesagt war und stattfand, wenn dieser heilige Krieg bis heute im Gange ist, nur ein wenig sein Gesicht verändert hat, in anderer Gestalt auftritt?
Der Islam versteht sich als im heiligen Krieg mit der gottlosen Welt des Westens.
Der Fundamentalismus hat etwas begriffen, was sonst nicht begriffen wird: daß die Welt im Umbruch ist, daß Gott sein Schöpfungswerk wieder in Ordnung bringen will.
Die Berufung aufs Fundament ist als jüdisch und islamisch, auch als christlich, buddhistisch, hinduistisch in die aktuelle Geschichte eingetreten.
Worum es geht, ist die Grundlage unseres Lebens auf Erden, unser Eingeordnetsein ins kosmische Gesamt.
Gesetzeserkenntnis, und daß der Eine Gott der Torah nicht zu widerlegen ist.
Daß ein Geheimnis auf der Geschichte liegt, welches wir als Heilsgeschichte aus der hebräischen Überlieferung kennen.
Wer Gottes Schöpfung in Frage stellt, wer sie im Prinzipiellen angreift, wer die göttlichen Gewalten getrennt aufeinander losgehen läßt, wer handelt, ehe er prüft, Hand anlegt, ohne vorgedacht zu haben; wer seine Unzulänglichkeit dadurch erweist, daß er Lehren nicht annimmt, sondern verwirft, ohne sie studiert zu haben; wer das Recht des Erstgeborenen im Geiste nicht erkennt und anerkennt...
Die Offenheit der Schöpfung Gottes wird zur Gewißheit; zur Ungewißheit, wenn ich nicht weiß, was meine Worte noch zu bedeuten haben.
Ist Deutschland Amaleq, dieser aber nachrangig im Geiste, so ist Israel der Erstgeborene.
Soll indessen der heilige Krieg erst entscheiden, können wir nur Geisteswelt gegen Geisteswelt, Ideologie gegen Ideologie, Weltanschauung gegen Weltanschauung setzen und wägen, Religion mithin gegen Religion; Gott wird am Ende richten.
Die turbulente Epoche erzeugt Pendelbewegungen im Denken und Werten.
Wenn die reale Ereignisgeschichte der Prüfstein ist, an dem sich das Denken notfalls korrigieren muß, so ist der Pendelausschlag jeweils richtig und korrekt im Sinne angemessenen (sozusagen "materialgerechten") Denkens.
Der Einklang mit dem höchsten Willen kann angestrebt, jedoch nicht erreicht werden?
Nichts ist unmöglich unter der Sonne, die Gottes ist, nichts unmöglich darüber hinaus...
Das Schlimmste, ja Unglaubliches, wurde geglaubt, weil jeder es ihnen zutraute.
Eine "Erlebnisgeneration" kann auch hier einiges klären.
Im nachhinein könnte man sagen, daß die Nazis verteufelt wurden und daher in den Ruf kamen, Teufel gewesen zu sein.
Die judenfeindliche Hetzpropaganda war keine Erfindung der alliierten Psychokrieger, sondern tägliche Erfahrung in Deutschland.
Kinder sangen böse "Juden"-Lieder ("Töff, töff, töff, wer kommt da angefahren..."), in denen die Entrechteten verhöhnt, "die ganze Judenbande" vertrieben ("jagt sie raus!"), den Juden vorher noch "die Beene abgehackt" wurden ("sonst komm' se wieder rin").
Das "Judenblut" spritzte nur so von den "Messern".
"Juda verrecke!", "jüdische Untermenschen", in Sprache und Karikaturen zu Monstern deformiert...
Damals vollzog sich die Verteufelung, eine höllische Dämonisierung der Juden (nicht der Deutschen), die wie Wanzen und Läuse und anderes "Ungeziefer ausgerottet, ausgetilgt, vernichtet" werden mußten.
Wie der Kammerjäger die Wohnungen von Schaben und Wanzen befreite, so wurden Deutschlands Wohnungen, Häuser, Stadtbezirke und Ortschaften "judenfrei" gemacht und als "judenfrei gemeldet".
Die täglichen, ja stündlichen Appelle richteten sich an die niedersten Instinkte im Menschen, und man kann dem deutschen Volk zugutehalten, daß es den notorischen Aufforderungen zum Judenmord nicht Folge leistete, sondern sich innerlich abwandte.
Die Angst ging auch bei Nichtjuden um.
Die dreißiger Jahre werden gern als die eher erfreulichen, positiven, friedlichen Anfänge des Nationalsozialismus gerühmt, in denen Deutschland aufgebaut wurde, eine gute Figur machen wollte und so fort, während die böse Seite des Nazismus erst im Kriege, besonders dann mit dem Beginn des Rußlandfeldzuges hervortrat...
Die böse Saat aber war in den dreißiger Jahren gesät und ging auch gleich auf.
Damals wurde das Klima in Deutschland vergiftet, damals wurden die Menschen entrechtet, erniedrigt, ausgestoßen.
Im Anfang war das Wort.
Die Deportationen waren nur die logischen Folgen dieser Erstlingssaat.
Verfolger, Verfolgte und Zuschauer hatten sich inzwischen an den "Paradigmenwechsel" gewöhnt.
Die geistige und seelische Katastrophe ereignete sich in den dreißiger Jahren, als das Recht abgeschafft wurde, die "Nürnberger Gesetze" das Unrecht zur Norm erhoben.
Der Gott des Wortes achtet auf die Sprache.
Die Sprachverhunzung, der organisierte Verstoß gegen den heiligen Geist, feiert in jener Zeit Triumphe.
Die revisionistische Dokumentenkritik verweist gern auf schlechtes und falsches Deutsch in belastenden Papieren und nimmt dies als ein Fälschungsindiz.
Wer die NS-Sprache noch im Ohr hat, könnte ebensogut von einem Beweis für die Echtheit der angezweifelten Unterlagen sprechen.
Im Kriege ließ die unvermittelte, die hautnahe Hetze nach.
Jetzt erhielt die Propaganda einen anderen Akzent, der Feind war nun draußen, und Deutschlands Feinde wurden Legion.
Mit dem Rußlandfeldzug begann der Ernst des Lebens in Deutschland und für Deutschland.
Es geht jetzt nicht mehr um die Erörterung internationaler Interessen, sondern ums tägliche Zurechtkommen, während an den Fronten die Soldaten kämpfen und sterben, im Winter frieren, die Städte zerbombt werden, die Menschen in den Nächten lebendig verbrennen, Kinder und Frauen evakuiert werden, schließlich die ersten Flüchtlinge aus Schlesien und Ostpreußen eintreffen.
Mit der Bildung und Verhärtung der Ostfront wird es ernst in und um Deutschland, jetzt wird jeder gebraucht, jetzt ist der innere Rassismus vergessen, jetzt geht es ums nackte Leben, um den Schlaf in der Nacht, nicht mehr um Heimat oder Vaterland, sondern den Boden unter den Füßen, ums Dach über dem Kopf.
Die Anti-Hitler-Koalition wandelt sich zur Anti-Deutschland-Koalition.
Jetzt erst kommt das Gefühl auf, in einem gerechten Abwehrkampf zu stehen, nämlich gerechterweise ums Überleben zu kämpfen.
In diesen Jahren, den letzten, sind die Juden seit langem ausgebürgert, vertrieben, aus dem täglichen Leben verschwunden, ausgemerzt und vergessen.
Hier teilt sich das kollektive Schicksal.
Konnte man zuvor noch von jüdischen und nichtjüdischen Deutschen, deutschen Juden, deutschen Christen usw. sprechen, so sind Juden und Deutsche nun nicht mehr identisch, gleichsam unverwechselbar geworden.
Das Schicksal der Deutschen steht unter dem Verhängnis des Krieges, das Schicksal der Juden im Schatten der Verfolgung.
Der Sieg der einen ist die Niederlage der anderen.
Die Deutschen sind so sehr mit sich, ihren katastrophalen Kriegserlebnissen beschäftigt, daß sie an das Schicksal oder mutmaßliche Schicksal der ausgestoßenen Juden nicht mehr denken.
Deutschland ist gewissermaßen auch in den Köpfen "judenfrei" geworden.
Nach dem Krieg, nicht gleich, eigentlich erst Jahre später, kommen die Juden, kommt der jüdische Sektor des deutschen Innenlebens, die jüdische Seite Deutschlands und Europas wieder zu Bewußtsein.
Daß dies zunächst verschoben wird, ist weniger auf seelische Verdrängungen zurückzuführen.
Die Deutschen hatten eine geistige und faktische Trümmerlandschaft vor sich, sahen für sich keine Zukunft, mußten hungern und frieren.
Im Osten ging Land verloren.
Die sowjetische Besatzung östlich der Elbe, die westlichen Erfahrungen kenne ich nur vom Hörensagen, wurde so praktiziert, daß die Menschen die Nazizeit schnell vergaßen und die neue Tyrannei, die jetzt jeden betraf und bedrückte, als Fortsetzung, wenn nicht Verschlimmerung der Katastrophe erlebten.
Der Kalte Krieg ordnete die deutschen Interessen und Vergangenheitsprobleme der neuen Mächtekonstellation unter.
Dennoch wurde die Nazizeit - so oder so - aufgearbeitet, wurde die "Vergangenheit bewältigt".
Die DDR-Propaganda sah in der BRD eine logische Fortsetzung des Hitler-Staates.
Die Lebensverhältnisse in Westdeutschland, die praktizierte Demokratie, die geordnete Rechtsstaatlichkeit machten es der deutschen Bevölkerung leicht, sich politisch zu entscheiden.
Zwei oder drei Millionen Flüchtlinge verließen die DDR in Richtung Bundesrepublik Deutschland, die sich im Laufe der Jahre und Jahrzehnte zu einem wirtschaftlich starken und geradezu musterhaften demokratischen Rechtsstaat entwickelte, in dem die Menschen frei leben, frei denken, schreiben, sprechen, sich organisieren konnten, während in der sogenannten DDR Unterdrückung herrschte, die Diktatur nach 1945 ohne Unterbrechung, nur unter anderem Namen, fortgeführt wurde.
Unter den freiheitlichen Bedingungen in Westdeutschland kam die "Vergangenheitsbewältigung" auf ihre Weise voran.
Die DDR mußte nach Fluchtbewegungen, dem Aufstand vom 17. Juni 1953, dem wirtschaftlichen Niedergang, 1961 die "Mauer" errichten, die eigene Bevölkerung in ein Ghetto sperren.
Die sozialistische "Neue Ostpolitik" der sogenannten sozialliberalen Koalition verdrehte freilich die offenkundige Niederlage des Sowjetsystems in der DDR in einen Flop der BRD-Politik, die sich nun ändern sollte.
Jetzt erhielt auch die "Vergangenheitsbewältigung" ihre neue Bedeutung.
Das ganze deutsche Volk wurde zum nazistischen Verbrechervolk ernannt.
Mit der liberalsozialistischen Studentenbewegung, scheinbar aus Berkeley importiert, in Wahrheit aber seit langem in den SPD-Nachwuchsorganisationen - SDS, Jungsozialisten, später SHB usw. - verwurzelt, kam auf einmal der Kollektivschuldgedanke, der nach dem Krieg weder eine Rolle spielte noch ernstgenommen wurde, wieder hoch.
Das deutsche Volk wurde kollektiv schuldig gesprochen.
Die sozialistischen Richter, diese politischen Henker des deutschen Volkes waren interessanterweise die Söhne und Töchter der einstigen NS-Führungs- und Funktionsträgerklasse.
Eine neue Ideologie setzte an die Stelle des herkömmlichen "revolutionären Subjekts" ein neues, und zwar in Gestalt eines dafür eigens erfundenen "akademischen Proletariats".
Die NS-Klasse war gerettet, schuldig gesprochen das untere, arbeitende Volk, die proletarische Klasse, verfemt das für neue ebenso wie für alte "system"feindliche Experimente offenbar völlig unbrauchbare, ganz normale deutsche Volk - für alle Zeit...
Gerechtigkeitssinn wehrt sich dagegen und trifft irgendwann irgendwo auf jene, die "schon immer gesagt" haben, daß die Feinde Deutschlands die Kriminalisierung und schließlich "Ausrottung des deutschen Volkes" planen.
Der Revisionismus lebt davon, daß er Fakten auf den Tisch gelegt hat, die jeder ehrliche Demokrat, jeder vom Funktionieren des Rechtsstaats überzeugte Verfassungspatriot zur Kenntnis nehmen muß; und stirbt daran, daß er selbst, dieser Revisionismus, es mit der Wahrheit nur partiell - nicht grundsätzlich - sehr genau nimmt.
Vom Rechtsdenken her sind die Gaskammern von geringerer Bedeutung als die Entrechtung und Entwürdigung der Menschen von Anfang an.
Es müssen nicht erst Gaskammern gebaut werden, um das Gewissen zu rühren und ein endgültiges Urteil über den Nazismus fällen zu können.
Im Anfang war das Wort, wie gesagt.
Daß nun aber dieser "Gaskammer-Frage" in "jüdischen und antifaschistischen Kreisen" ein so hohes Gewicht beigemessen wird, liegt an der engen Verflechtung dieser "Kreise" mit dem ehemaligen Sowjetsystem.
Ohne Gaskammern, ohne die systematische, industriell organisierte und durchgeführte Ausrottung der Juden, ist das NS-System nicht mehr "singulär" im Zwanzigsten Jahrhundert.
Bereits der Historikerstreit der achtziger Jahre zeigte vornehmlich diesen Aspekt.
Um das Sowjetreich - und damit seine Freunde und Verbündeten - moralisch irgendwie zu retten, wird nun das NS-Reich ins Recht gesetzt.
Jedenfalls kann es den Revisionisten nur recht sein, wie die aktuelle antifaschistische und antideutsche Propaganda verfährt, wenn sie ihrerseits rassistisch "reinen Tisch" zu machen versucht ("Deutschland verrecke!", "Nie wieder Deutschland!", "Deutsche raus aus Deutschland!").
In dem Zusammenspiel scheinbar unverträglicher Interessen bestätigt sich noch einmal die bewährte, bei Antidemokraten freilich berüchtigte Totalitarismus-Theorie.
Die Feinde der Demokratie verstehen sich wieder einmal sehr gut.
Und es funktioniert, weil etliche Vorausabteilungen die Institutionen des Rechtssystems bereits besetzt haben und von hier aus, scheinbar systemimmanent, die Demokratie allmählich, nicht zuletzt auf dem Wege undemokratischer, unrechtsstaatlicher Gesetzgebungsprozeduren, von innen auflösen.
Die Mörder der Demokratie sind mitten unter uns, nicht ausgesperrt, sondern "in", nämlich in den Parlamenten, Ministerien, Regierungen, Polizeien, Justizbehörden, in der Wirtschaft, den Gewerkschaften, in Redaktionen, Parteien, "gesellschaftlich relevanten" Gruppen und Klüngeln... - in Galle und Kopf.
Die treibenden Kräfte der Entdemokratisierung, der schleichenden Entrechtung per Gesetz, Vertrag und Verfassungsgerichtsbarkeit, sind, sieht man es soziohistorisch, die Erben der alten und der neuen höheren und mittleren Bonzenschichten aus zwei Diktaturen in Deutschland.
Zwei demokratiefeindliche Vergangenheiten zehren an der demokratischen und rechtsstaatlichen Substanz der Bundesrepublik Deutschland.
Sozialisten und Nationalsozialisten machen Hand in Hand tabula rasa mit der Demokratie.
Sie haben nur eines im Kopf: das "System" abzuschaffen.
Was aber an "Systemen" abzuschaffen war, ist abgeschafft worden.
Was sie abschaffen wollen, ist nach wie vor erhaltenswert.
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frühjahr 1996
9. Jan. 1996
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Horst Lummert in kuckuck (kulikri)
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