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Erkenntnistheorie und politische Praxis - Seit 1973 - Redaktion: Horst Lummert

Nachzulesen im Sammelband:
Horst Lummert in kuckuck (kulikri)
1973 bis 2000 & unveröffentlichte Texte aus 40 Jahren Wüste. Die vielsandigen Vordenklichkeiten des Avram Kokhaviv.
Band 9. Revisionismus-Kritik exklusiv I
Herausgegeben von Alexander Becker / Baraq Kokhaviv
© 2000 kokhaviv publications

1996-01-00

Horst Lummert

Revisionismus-Kritik exklusiv

Test und Konsequenzen

Ich habe die Rechte getestet, habe sie einer Prüfung unterzogen, indem ich erst einmal Vertrauen schuf.

Ich habe niemanden im unklaren über mich gelassen.

Vor einem Vierteljahrhundert hatte ich erstmals Gelegenheit, ins rechte Denken und Schreiben hineinzulangen.

Wolf Schenkes Neue Politik nahm mich sogar als Redakteur auf. Nur so konnte ich erfahren, ob die Rechte in Deutschland aus der Geschichte gelernt hatte. Nun, sie hatte nicht. Die damalige Episode ist ausführlich dokumentiert worden und kann in alten Ausgaben der Neuen Politik und des kuckuck nacherlebt werden.

Auch diesmal ging es um die Frage, ob die nationale Rechte sich mittlerweile rationalisiert, ob sie politisch denken gelernt habe, ob das rassistische Ressentiment überlebt, ob, mit anderen Worten, das "nationale Lager" erwachsen geworden sei.

Denn in der Tat wird eine rationale (!) Rechte, die die historischen Interessen Deutschlands intelligent, offen und ohne Hintergedanken vertritt und verficht, gebraucht.

Deutschland steht mit seinem schweren Körper nur auf einem Bein, dem linken und liberalen; um sicher zu gehen, müßte es sich auch aufs rechte stützen können; insgesamt auf nationale Stabilität.

Sie ist Voraussetzung für eine souveräne Europa- und Bündnispolitik.

Die Bundesrepublik hatte - und hat wiederum - ihre Vorgeschichte aufzuarbeiten: von 1949 an - zurück.

Sie muß, denn sie versteht sich doch als Rechtsnachfolger des Deutschen Reiches, auch wirklich die Rechte - und nicht nur die Pflichten - Deutschlands und des deutschen Volkes wahrnehmen; und sie muß zugleich die Fehler deutscher Politik, die ins Verbrechen führten und damit Deutschlands Verhängnis siegelten, ausschließen.

Der Urfehler deutscher Politik war (und wäre wieder) der Rassismus.

Die Bundesrepublik Deutschland hat diesen Fehler ausgeräumt, ohne freilich die nationale Frage als geschichtliche Kontinuität aufzuklären.

Das "nationale Lager" hingegen hat diese Kontinuität gewahrt, dabei jedoch den alten Fehler wiederholt; eine Mehrzahl von Fehlern, die aber letztlich mit dem Begriff "Rassismus" umschrieben werden können.

Die Vorstellung von "Blut&Boden" ist gewissermaßen die irrationale Komponente zur rationalen Vertretung nationaler Interessen.

Die "Blut&Boden"-Ideologie sollte man nicht mit Heimatliebe und Gefühl fürs Nächste und Eigene verwechseln.

Mit "Blut&Boden" verbindet sich etwas ganz anderes.

Es ist keine Idee, die sich auf eine Erinnerung, auf Vergangenes und Verlorenes berufen könnte.

"Blut&Boden" ist wie "Dichten&Denken".

Es ist eine Weltanschauung ideellen Ursprungs, die sich um die reale Geschichte von Land und Volk nur wenig kümmert.

Man muß nur die Phantastereien der "Ahnenforschung" unter die Lupe nehmen, um zu erkennen, daß nichts Konkretes dahinter steckt als der Wahn, an die Stelle dessen, was war und ist, etwas zu setzen, das niemals war, nicht ist und nicht sein kann.

Der "nordische Gedanke" ist eine "Utopie" im strengen Wortsinn, ein Nirgendwo, ein Traumland, eine reine Spukgeschichte, mit der nun aber die rationale Komponente deutscher Nationalgeschichte völlig umflort ist.

Die "Blut&Boden"-Dichter vergleichen ihre Welt-Anschauung (!) gern mit dem Judentum, das sich historisch ähnlich interpretiere.

Nur haben wir im Judentum eine reiche, überprüfbare Tradition vor uns, während dort alles erst erfunden oder in fremden Quellen "entdeckt" werden muß, was die "nordische Ur-Zeit" belegen soll.

Es scheint bisweilen, als ob die "Deutschen" - mit leeren Händen und ohne Textstudium - sich in die Rolle der Juden einspielen wollen, das "Volk Gottes" sein möchten, die "Erstgeborenen" sozusagen.

Yehuda Bauer hat diese Dimension erkannt, wo er schreibt oder sagt:

Der Holocaust war etwas Einzigartiges. Nicht von der Anzahl der Opfer her, nicht von der Art, in der sie ermordet wurden, sondern in der Motivation der Mörder. Denn das war eine quasireligiöse Motivation, die universell war.

Auf jüdischer Seite sind dem Hitler bereits, wenn auch dunkle, messianische Qualitäten zugeschrieben worden.

Auch in der ersten jüdischen Kriegserklärung an Deutschland (Daily Express vom 24. März 1933: "Judea declares war on Germany") heißt es:

Ganz Israel erhebt sich in Zorn gegen den Nazi-Angriff auf die Juden. Adolf Hitler, der durch einen Appell an den elementaren Patriotismus zur Macht gelangte, macht auf eine Art Geschichte, wie er sie am wenigsten erwartet hat. Indem er daran dachte, nur die deutsche Nation zum Rassebewußtsein zusammenzuschließen, weckte er das ganze jüdische Volk zur nationalen Wiedergeburt.

Von "deutscher" Seite ist regelmäßig zu hören, daß "die Juden" damit grundlos einen "heiligen Krieg'' vom Zaun gebrochen hätten.

Die "Heiligkeit" beruht auf der Tatsache, daß der Nationalsozialismus seine historische Mission, den "Mythus des 20sten Jahrhunderts", als einen Generalangriff auf den "jüdischen Geist", zur Vernichtung des Judentums als einer geistigen Weltmacht, verstand.

Diese "deutsche" Herausforderung ist "jüdisch" angenommen worden.

Das Judentum beweist damit seine welthistorische Kompetenz, nicht zuletzt seine politisch-strategische Überlegenheit.

Nach jüdischem Verständnis war der Nazismus nur mit dem toranischen Ur-Feind Amaleq gleichzusetzen.

Auch der Begriff "Holocaust" weist in die teleologische, heilsgeschichtliche Dimension.

Der Streit ums Erstgeburtsrecht ist ja in der Tat eine heikle Sache, die die gesamte biblische Geschichte ausfüllt, nein, eigentlich ausmacht.

Der heilsgeschichtliche Gedanke besteht darin, daß er dem historisch Ersten sein Recht, das Recht des Erstgeborenen, streitig macht, an seiner Statt den Segen Gottes annimmt - zur Weitervermittlung nach anderen Kriterien.

Israel hatte einst diesen Segen sich ermogelt und erstritten.

Jakob riskierte schließlich sein Leben, als er in Erwartung seines erstgeborenen Bruders Esau mit dem Engel des Herrn kämpfte, ihn packte und nicht mehr losließ.

Die Aufforderung, endlich von ihm zu lassen, beantwortet Jakob mit den Worten (nach Luther): Ich lasse dich nicht, du segnest mich denn.

Seit dieser Nacht, da Jakob, der Täuscher, mit dem Herrn kämpfte - nicht um sein Leben, sondern um Gottes Gunst -, trägt er den Namen Israel.

Er hat Gott gesehen und mit ihm gestritten, doch nicht von ihm abgelassen.

Selbst der Ur-Krieg zwischen Israel und Amaleq kann (und muß wohl) als Ur-Konflikt ums Erstgeburtsrecht verstanden werden.

Wenn das "Blut&Boden"-Deutschland - der Amaleq des Zwanzigsten Jahrhunderts - Israel den Erstgeburtssegen abstreiten und für sich eintragen möchte, so steht es damit - unwissentlich, gewiß ungewollt - in der biblischen Tradition.

Was den "Deutschen" fehlt, ist die plausible Erklärung und Begründung für ihr Unterfangen.

"Blut&Boden" reicht für die Beweisführung nicht aus.

Wenn "die Deutschen" auf dem Erstgeburtsrecht bestehen, müssen sie sich der jüdischen Lehre anvertrauen.

Dort können sie lernen, worauf sie sich berufen müssen.

Es ergeht ihnen ähnlich dem Islam, der, wie ich denke, ohne Torah "ein Zelt ohne Pfahl" ist.

Dem Streit ums Recht des Erstgeborenen fehlt die Würze, das Salz, der göttliche Funke, wo er den leiblich Ersten zitiert, aber den Erstgeborenen im Geiste übersieht, überhört und schließlich vergißt.

Die Auseinandersetzung muß also auf einer ganz anderen Ebene stattfinden.

Dies ist an gewisse Bedingungen geknüpft. Jede Antwort ist wiederum nur eine - je neue - Frage.

Der "deutsch-jüdische Dialog" beginnt nach meiner (wiederholten!) Erfahrung so, daß von "deutscher" Seite beklagt wird, die "Juden" seien nicht bereit, mit ihnen, den "Deutschen", zu sprechen.

Darauf gehe ich grundsätzlich ein.

Ein "Deutscher", der mich "Juden" anspricht oder anschreibt, trifft auf einen Lauscher und Leser, der seine Antworten prompt, mündlich oder schriftlich, erteilt.

Ich lasse mich auf jede Diskussion ein, öffne mein Herz und den Verstand den Fragen und Klagen und Anliegen der "Deutschen". Auch der Holocaust ist für mich kein Tabu-Thema.

Zudem habe ich entdeckt, daß der Geschichtsrevisionismus ungerecht und unkorrekt behandelt wird.

Es gibt da viele Punkte, die geklärt werden müssen; Probleme, die auch auf jüdischer Seite längst erkannt worden sind.

Vieles wird revidiert; nicht jeder möchte daraus Schlußfolgerungen ziehen, die sich auf längere Sicht vielleicht nicht halten lassen.

Wer auf jüdischer Seite sich der Revisionismus-Herausforderung von vornherein verschließt, versäumt eine historische Gelegenheit.

Das Revisionismus-Thema ist imgrunde schnell abgeräumt.

Was jetzt aber folgt, nämlich die Basis-Kritik, die Grundsatzbefragung, der Prinzipienstreit, wenn man so will, wird alsbald gestört.

Die "deutsche" Seite läßt den "Juden" plötzlich im Regen stehen, bricht die Diskussion ab oder läßt sie im Sande verlaufen, schiebt fällige Antworten auf Termin: Sanktnimmerleinstag.

Nun könnten diese "Deutschen" ja sagen, "mit Juden diskutieren wir nicht", wäre da nicht jene Einleitung, der anfängliche Wunsch, das Drängen auf den akuten "deutsch-jüdischen Gedankenaustausch".

Es liegt ihnen nämlich nichts so sehr am Herzen wie die "deutsch-jüdischen Beziehungen".

"Mit einem Juden reden wir nicht", ist keine Ausrede mehr, wenn zu Beginn der Vorwurf stand, "die Juden reden mit uns Deutschen nicht".

Die in den Zitaten verborgenen Axiome ("Juden", "Deutsche") bespreche ich hier nicht.

Da will also einer mit einem andern reden, der tut ihm den Gefallen, geht darauf ein, auf einmal will aber jener nicht mehr?

Der Verlauf etlicher Gesprächs- und Korrespondenzansätze bestätigt oder nährt zumindest den Verdacht, daß die "Deutschen" einer solchen Auseinandersetzung nicht gewachsen sind, sich ihr nicht gewachsen fühlen.

In rechten "Juden"-Erörterungen, jetzt geht's also über sie her, ist nicht selten ein Hinweis zu finden, der offenbar für wesentlich gehalten wird: Die Juden seien - infolge seltsamer Geschichte und Erziehung - auf gewissen Gebieten "überlegen".

Gemeint ist die intellektuelle, rationale Seite menschlicher Darstellungsnatur.

Aus dieser Einschätzung spricht zweifellos ein partielles, rein subjektives, Unterlegenheitsgefühl.

Was in natürlicher Konsequenz zum Nachlernen, zum Studium des womöglich nur Verpaßten herausfordert, bewirkt jetzt aber die brüske Abwendung.

Die "Überlegenheit" wird nicht abgearbeitet, nicht eingeholt, sondern "rassisch", "blutsmäßig" erklärt und damit relativiert.

Es ist also gar kein Verdienst, keine persönliche Leistung des "jüdischen" Denkers und Schreibers, er kann nichts für seine "Überlegenheit", sie ist eigentlich keine.

Im Gegenteil: dem "Juden" fehlt nur das "Gefühl fürs Deutsche", halt für "Blut&Boden"; die "Überlegenheit" ist in Wahrheit ein Mangel.

Die Nichtbereitschaft, zuzuhören, Argumente zu prüfen, eigene Positionen noch einmal zu überdenken, ist hier auf "deutscher" Seite.

Das ist ärgerlich; denn die deutsche Position ist oft nicht so schlecht, wie sie von den "Deutschen" eingeschätzt wird.

Die Selbstghettoisierung der "Deutschen" ist phänomenal, wenn man bedenkt, daß sie von den Juden viel lernen könnten, wie diese von ihnen.

Mehr als nur Nachäfferei.

Eine "deutsche Elite", die beim "Gedankenaustausch" schon jedem mittelmäßigen Torahschüler aus dem Weg gehen muß, steht nicht gut da.

Deutsches Philosophieren sollte die letzten zweihundert Jahre einmal vergessen und bei Kant wieder anknüpfen, bei Schiller nachfragen, bei Lessing...

Da ist unser gemeinsames Denken als Möglichkeit.

Jene "Deutschen" aber wünschen sich einen "Juden", der keiner mehr ist, der seine Identität, seine Geschichte, seine gewachsenen Eigenarten aufgibt.

Und warum wünschen sie das?

Ich will es ihnen sagen:

Weil sie selbst, diese "Deutschen", ihre klassische Identität, ihre Geschichte, ihre Eigenarten wie ein paar alte Sachen abgeworfen, weil sie ihre geistigen und seelischen Quellen verschüttet, verlassen, vergessen und verloren haben; nun irren sie im "völkischen" Ödland umher.

Sie sind sich untreu geworden und verlangen das gleiche nun auch von den Juden.

Zweihundert Jahre deutscher Geschichte, dann weiter, weiter zurück, im Denken, im Sehen und Hören, und die Achse Berlin-Jerusalem - um sie dreht sich der Islam - leuchtet wieder ein.

Ob wir heute auf die Mandatsmacht in Washington und New York verzichten können, ist eine politische Frage. Man sollte den Verzicht vorläufig nicht ins Auge fassen.

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feder 6
frühjahr 1996
9. Jan. 1996

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