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Erkenntnistheorie und politische Praxis - Seit 1973 - Redaktion: Horst Lummert

Nachzulesen im Sammelband:
Horst Lummert in kuckuck (kulikri)
1973 bis 2000 & unveröffentlichte Texte aus 40 Jahren Wüste. Die vielsandigen Vordenklichkeiten des Avram Kokhaviv.
Band 9. Revisionismus-Kritik exklusiv I
Herausgegeben von Alexander Becker / Baraq Kokhaviv
© 2000 kokhaviv publications

1996-00-00

Horst Lummert

Helfershelfer

Revisionismus-Kritik exklusiv

Daß die Antisemiten allesamt verdeckte Agenten Judas oder Israels wären, ist wohl nicht anzunehmen, nein, Gott selbst muß seine Hand mit im Spiele haben.

Wie anders sollte man sich den Umstand erklären, daß die Feinde Israels sich immerfort als Gottes und damit Israels Helfershelfer betätigen?

Sie verstehen nicht, was sie tun, handeln blind, denken in die Irre...

Die aktuellen Ereignisse um und in Israel, rund ums Judentum und gegen es, vertiefen das Geheimnis der Schrift.

Es ereignet sich, was vor Jahrtausenden in Worten festgehalten wurde.

War die Intervention bei den Rechten und Revisionisten überflüssig, wußte ich nicht lange vorher, was mich erwarten würde?

Grundsätzlich ist dazu zu sagen, daß diese Intervention ein paar Schleier weggerissen hat.

Ohne diese Erfahrung wäre alles nur Vorurteil geblieben, sosehr dies dem abschließenden Urteil auch gleichen oder ähneln mag.

Mit der genaueren Kenntnisnahme habe ich Zeit gewonnen.

Ich weiß jetzt, daß die korrekte, die scheinbar korrekte Aufmachung des Revisionismus, sein wissenschaftlicher Anspruch, eine vorübergehend erfolgversprechende Propagandaleistung ist.

Ohne Prüfung läßt sich diese Einsicht nicht gewinnen.

Eine zweite, eine dritte, zum Teil eine vierte Generation ist am Werk.

Ich kann einem dreißig- oder vierzigjährigen Revi-Rechten nicht anlasten, was fünfzig oder sechzig Jahre zurückliegt.

Ich muß ihm zugestehen, daß er es ehrlich meint, daß er soeben aufgewacht ist; daß er bei Null anfängt, wenn er sich mit der deutschen und europäischen Geschichte des Jahrhunderts befaßt.

Um so schwerer wiegt nun allerdings die Erkenntnis, das Erstaunen darüber, daß es sich bei den jungen - wie bei den alten - Revisionisten um Nazis handelt, um NS-Apologeten, die sich voneinander nur graduell, vielleicht auch in diesem oder jenem Punkt, unterscheiden.

Allgemein läßt sich sagen, daß von jedem die gleichen Fakten, dieselben Argumente angeführt werden.

Was sie vorzubringen haben, ist wie aus einem Handbuch für deutsche Neofaschisten.

Man macht tatsächlich mit der Zeit die Erfahrung, daß alle eigentlich dasselbe sagen.

Der "Revisionismus" ist eine nationalsozialistische Reaktivierungsschule, wobei ich auf peinliche Differenzierungen zwischen dieser und jener ideologischen Verzweigung ausdrücklich verzichte.

Was sie eint, ist ein - mehr oder weniger - genuiner, eingeborener, eingeseelter doktrinärer Antisemitismus bzw. Antijudaismus.

Wie bei den alten Nazis, so auch bei den jungen und neuen, ist und bleibt "der Jude" der "Weltfeind Nr.1".

Der Revisionismus bedient sich a priori des antijüdischen Impulses.

Dies ist sein Wesen, seine einigende Kraft - und zugleich seine Schwäche.

Die Fixierung auf diesen einen Feind überschattet das revisionistische Denken, blockiert die Fähigkeit, auch andere Ursachen, Zusammenhänge und mögliche Feinde angemessen zur Kenntnis zu nehmen.

Die Pawlowschen Reflexe des Revisionismus auf alles Jüdische und "Jüdische" machen ihn vom Judentum abhängig, wenn nicht zu einem jederzeit sicher und schnell einsetzbaren, einschaltbaren Instrument jüdischer oder "jüdischer" Interventionspolitik.

Die Resultate sind berechenbar.

Der Antijudaismus ist nicht Herr, sondern Spielball seiner dunkelsten Träume.

Das irrationale Movens gibt dem Nationalsozialismus Schwung und Kraft, die Kraft und die Wucht des Nashorns, das nur eine Richtung kennt, auf diesem Wege aber alles zertrampelt, was ihm unter die Hufe kommt.

Der Revisionismus ist das Instrument der Rehabilitierung und der Wiederkehr des Nationalsozialismus.

Seine "Wissenschaft" ist die einer politischen, vor allem weltanschaulichen Partei.

Die Scharlatanerie des Revisionismus steckt in der Methode, jeden Fehler in der etablierten Geschichtsschreibung dem NS-Regime gutzuschreiben.

Der Revisionismus lebt auch davon, daß er vom Staate verfolgt wird.

Revisionistische Märtyrer lassen sich nach Bedarf produzieren.

Jeder staatliche Unrechtsakt setzt indirekt seine Opfer ins Recht.

Die fatale Dialektik seiner strafrechtlichen Verfolgung verhilft dem Revisionismus zu einem positiven Image.

In einem Rechtsstaat nicht zu seinem Recht zu kommen, macht ihn zum Outcast, einer - scheinbar - moralischen Instanz mit wissenschaftlicher Autorität: daß er, dieser Revisionismus, die geschichtliche Wahrheit wisse und hüte, dieselbe, die das deutsche Volk nicht wissen soll.

Die Verfolgung erhöht seinen Wert, der aber ein Scheinwert ist, was sich leicht überprüfen ließe, wäre es nur nicht verboten.

So dient dieser Staat indirekt bis direkt einem Revisionismus, der das Geschichtsbild nur von neuem verfälscht.

Ein sich verbreitendes Bewußtsein, von der geschichtlichen Wahrheit und dem Recht - mindest partiell - ausgeschlossen zu sein, kann Berge versetzen.

Man möchte nicht glauben, daß Staat und "gesellschaftlich relevante Gruppen" mit Maßnahmen "gegen Rechts" tatsächlich das Land - peu à peu, also systematisch - auf den "völkischen" Weg bringen wollen.

Revisionisten und ihre Verfolger mobilisieren gemeinsam - auf je eigene Weise - im gleichen Spiel - die individuellen Antriebskräfte.

Das ist der "I-Punkt" unserer Schlußfolgerung.

Die Verfolgung tut dem Revisionismus zuviel Ehre an.

Er ist ein Gespenst, das zurückschreckt, sobald sich ihm einer nähert.

Die Ausgrenzung des Revisionismus ist aber eine Beleidigung des mündigen Bürgers.

Das Volk hat seit 1945 beständig Zeugnis von seiner politischen Reife abgelegt, es gäbe sonst die demokratische Bundesrepublik nicht mehr.

Die Gefahr für die Demokratie geht heute von verfehlten staatlichen Maßnahmen und Entscheidungen aus.

Das deutsche Volk hat aber auch vor 1945 sich so verhalten, wie jedes andere Volk in gleicher Lage sich verhalten würde.

Verfehlungen und Schuld seiner herrschenden Klasse sind eine Aufforderung an die Beherrschten, sich nicht abermals von jener bevormunden, entrechten und für dumm verkaufen zu lassen.

online-Fassung

kuckuck
feder 7
II. quartal 1996
30. Mai 1996

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