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Erkenntnistheorie und politische Praxis - Seit 1973 - Redaktion: Horst Lummert
1996-00-00
Ich kann nicht glauben, daß alles nur Tarnung und Täuschung und Taktik war:
Ich muß Ihnen gestehen, daß es mir persönlich schnurzpiepe wäre, welchen historisch-religiösen Hintergrund Sie haben.
Leider bin ich aber als einer der bedeutendsten Revisionisten, und um in diesem "Fach" bedeutend zu werden, bedarf es mangels Masse und Qualität nicht viel, in einer Lage, die mich zwingt, gewisse Dinge anders zu sehen, als es mir lieb wäre.
Die persönlichen Erfahrungen von Robert Faurisson und anderen lehren mich nämlich, daß man in meiner Lage damit rechnen muß, "Bekanntschaften" zu machen, die einem nicht unbedingt gut bekommen.
Nun habe ich bisher glücklicherweise solche Erfahrungen noch nicht machen müssen, aber man ist auf der Hut.
Gerade aus der jüdischen und aus der linksradikalen Ecke vermutet man solche Bekanntschaften.
Aus diesem Umstand rührt meine Vorsicht, nicht etwa aus prinzipiellem Argwohn.
Der Brief, aus dem ich zitiere, ist mit dem 15.7.94 datiert, wurde aber nicht abgeschickt.
Ich erhielt ihn erst mit Schreiben vom 10.1.95, also nach meiner Zeugenaussage vor dem Stuttgarter Landgericht.
Bei dieser Gelegenheit hatten wir uns persönlich kennengelernt.
Der Grund für die Zurückhaltung:
Mir gefiel bei der Durchsicht des Briefes nicht, wie ich mich in ihm über Dritte hinter deren Rücken lustig machte (und dabei Faurisson sogar namentlich erwähnte).
Da die Polizei diesen Brief aber nun bei mir auf dem Rechner gefunden hat und er somit aktenkundig ist, wie Sie ihn in den Händen halten, wäre es unsinnig, ihn zu verändern (10.1.95).
Alles nur Täuschung, wie das Gericht in seiner Urteilsbegründung vom 6.10.95 suggerieren möchte?
Ein "gefährlicher Brunnenvergifter, der keine Bewährung verdient" (239)?
Germar Rudolf in seinem Schreiben vom 15.7.94:
Welch seltsame Blüten ein langwieriger unreflektierter Aufenthalt in dieser Position des "gehetzten Wildes" treiben kann, zeigt die Ansicht von Prof. Faurisson, der, inzwischen 10mal von vermutlich jüdischen Schlägerbanden überfallen, meint, den Juden an seiner Physiognomie erkennen zu können.
Er hat mich auch einmal auf einem längeren Spaziergang davon überzeugen wollen und ich ihn vom Gegenteil.
Wir gingen ohne geringste Annäherung in der Sache auseinander.
Man muß sich nur Arafat oder so manchen Kurden ansehen, um zu wissen, daß die These vom am Äußeren erkennbaren Juden blödsinnig ist.
Auf so manch andere, in ähnliche Richtung zielende These aus dem rechten "Narrensaum" (zynisch bis liebevoll gemeint), möchte ich hier nicht eingehen.
Wenn es zu solchen Diskussionen kommt, merkt man schnell, daß das Gegenüber eine wissenschaftlich fundierte Argumentation, die man seinen Ansichten gegenüberstellt, überhaupt nicht interessiert.
Ich habe mir daher abgewöhnt, an solchen Gesprächen teilzunehmen und muß meistens dringend auf Toilette...
Taktik, Tarnung, dies?
Zur Blut-und-Boden-Theorie fällt mir nur ein ehemaliger Bekannter aus Frankfurt ein, der die (vermeintliche) Tatsache der herabgesenkten Fruchtbarkeit des mitteleuropäischen und damit auch deutschen Mannes, angeblich erkennbar an dem Umstand, daß bei einer Ejakulation nur noch 50.000 statt wie vor 50 Jahren oder mehr 100.000 (oder waren es Millionen?) Samenzellen voll zeugungsfähig sind.
Dies, so der Bekannte, würde den Bestand des deutschen Volkes gefährden!
Er versteht sich, wohl gemerkt, als Völkischer.
Als wir beide zusammen einst eine Radtour machten und er an einem Berg im Hochtaunus schlapp zu machen drohte, meinte ich, er solle die Hüften im Sattel heftig wiegen, denn eine rhythmische Bewegung würde bewiesenermaßen die Potenz steigern und die seinige damit möglicherweise auf einen Pegel zurückbringen, die den Erhalt des deutschen Volkes mit sichern helfen könne.
Seither war er nicht mehr gut auf mich zu sprechen.
Wenn die Völkischen keine besseren Argumente finden als solch einen Schwachsinn, und keine größeren Probleme angesichts des Zustandes von Volk und Vaterland haben, dann können sie mir ehrlich gesagt gestohlen bleiben.
Ich gehe aber davon aus, daß dies nicht der Regelfall eines Völkischen war.
Ist das der Mann, dem die Stuttgarter Strafkammer eine "hohe kriminelle Energie" bescheinigt hat (237)?
Ich habe auch meine persönlichen Eindrücke von ihm und seiner Familie.
Es paßt alles nicht zusammen mit dem, was das Gericht über 240 DIN-A4-Seiten ausgebreitet hat:
Geschäftsnummer KLs 83/94. StA Stuttgart 4 Js 34417/93. Urteil - im Namen des Volkes - in der Strafsache gegen Germar Scheerer, geb. Rudolf, geboren am 29.10.64 in Limburg an der Lahn, wegen Volksverhetzung u.a..
Die 17. Große Strafkammer des Landgerichts Stuttgart hat in der vom 22.11.94 bis 23.6.95 dauernden Hauptverhandlung am 23.6.95 für Recht erkannt:
Der Angeklagte wird wegen Volksverhetzung in Tateinheit mit Verunglimpfung des Andenkens Verstorbener, Beleidigung und Aufstachelung zum Rassenhaß zu der Freiheitsstrafe von 1 Jahr 2 Monaten verurteilt.
Die sichergestellten beiden - unter dem Namen Remer herausgegebenen - "Gutachten über die Bildung und Nachweisbarkeit von Cyanidverbindungen in den Gaskammern von Auschwitz", 3. erweiterte und korrigierte Auflage, November 1992, sowie der sichergestellte PC nebst Bildschirm, Tastatur, Verbindungskabel, Maus und Drucker werden eingezogen.
Der Angeklagte trägt die Kosten des Verfahrens.
Lummert an Rudolf, 3.2.95:
Ich denke, wir müssen konsequent die Kategorien des Rechtsstaats vertreten.
Das Prinzip der Gleichheit vor dem Gesetz wird tangiert, wo ein Teil der Bürger straflos beleidigt werden darf, wohingegen auch nur der Anschein einer Beleidigung gegen einen anderen Teil der Bürger mit strengsten Strafen belegt wird.
Da dies allerdings aufgrund von Gesetzen, d.h. scheinbar rechtsstaatlich geschieht, muß also dieser Rechtsstaat beim Wort genommen und auf seine alten Grundsätze zurückgeführt werden.
Dies ist, wenn Sie so wollen, die systemimmanente Strategie.
Der Rechtsstaat Bundesrepublik ist zweifellos auf die schiefe Bahn geraten.
Soll er gerettet werden, so kann dies nur nach seinen eigenen, den ursprünglichen Grundsätzen geschehen.
Innerhalb dieses Rechtssystems muß alles, was Sie etwa getan haben, ohne Aussicht auf strafrechtliche Verfolgung möglich sein.
Wenn dieser Rechtsstaat allerdings schon verloren ist, weil er womöglich von vornherein auf einem historischen Unrecht basierte, dann kommen metakritische Überlegungen zur Geltung.
Selbst dann aber wird man sich auf Recht und Rechtssicherheit berufen wollen, solange der Anschein es gestattet.
(...)
Sie erinnern sich, daß ich in einem Brief einmal die Befürchtung äußerte, Sie könnten sich mit der Wahl des Verlages "in die Nesseln gesetzt" haben, zum Schaden Ihrer wissenschaftlichen Arbeit.
Sie tippten gleich richtig auf Cromwell.
Jetzt kam hier noch einmal Al-Shaab ins Gespräch.
Rudolf:
Der Kontakt mit Rami war für mich Anlaß, erstmalig darüber nachzudenken, was eigentlich Dritte mit meinen Forschungsergebnissen anfangen.
Und weiter, Lummert:
Deutschland Report und Remer-Interview passen irgendwie ins Bilderbuch zionistischer, kommunistischer, antideutscher und antiislamischer Propaganda...
Eine deutsch-islamische Interessenkonvergenz erkennen, daraus strategische Konsequenzen ziehen, ... das ist das eine.
Etwas anderes ist es, diese ebenso vernünftige wie in der Tat revolutionäre, konzeptionelle Geopolitik und, sagen wir, Zukunftsvision mit so fragwürdigen Verschwörungstheorien, wie sie bei Remer und Rami durchkommen, am Ende lächerlich zu machen.
Wem nützen solche Theorien?
Die Macht der Juden, so es sie gibt, beruht vornehmlich auf ihrer Dämonisierung...
Rami ist kein Vertreter der islamischen Revolution, sondern ein verkappter panarabischer Nationalist.
Marokko und Israel arbeiten in Fragen des islamischen Extremismus seit langem zusammen.
Rami könnte ja auch ein ganz anderer sein als der, für den man ihn nach seiner veröffentlichten Biografie halten soll...
Daß ein "extremistischer" Moslem die Rückwanderung des arabisch-islamischen Exils betreiben sollte, ist ein historischer Witz (a.a.O.).
Am 7.2.95 schrieb mir Rudolf u.a.:
Ihren Erfahrungen mit Cromwell Press möchte ich meine zugesellen.
Extra für mein Gutachten wurde in England der Verlag Cromwell Press im Juni 1993 gegründet.
Erst nach dieser Publikation erschienen dort andere Publikationen, mit denen ich ganz und gar nicht einverstanden bin.
Das Problem ist, daß ich meine Gutachtenpublikation nicht mehr rückgängig machen kann, und daß ich die Veröffentlichung der anderen Dinge nicht beeinflussen kann.
Hätte ich den Verleger zu einem Zeitpunkt gewählt, als z.B. der Deutschland-Report und/oder das Al-Shaab-Interview schon erschienen waren, so wären mir daraus vielleicht berechtigterweise Vorwürfe zu machen.
So aber stehe ich ziemlich wehrlos im Regen.
(...)
Übrigens möchte ich dem zwischen Ihren Zeilen vielleicht durchschimmernden Verdacht, diese Art der Literatur sei möglicherweise von Kräften gesteuert, die den Revisionismus unterminieren wollen, gleich entgegentreten.
Ich kenne die revisionistischen Pappenheimer jeglicher Couleur sehr gut und weiß daher, daß auch in diesem Lager keine Dummheit groß genug ist, um nicht doch mit Vehemenz und Fanatismus begangen zu werden.
Meine Erfahrung ist jedenfalls die, daß die Menschen durch ihre grenzenlose Dummheit auch ihre größten und besten Werke selber mutwillig zerstören.
Vielleicht gehöre sogar ich selber dazu, der sich viel zu lange auf einen viel zu engen Kontakt mit Leuten eingelassen hat, die der Sache ab einem gewissen Punkt mehr schaden als nützen.
Und dieser zu lange Kontakt gibt der Gegenseite überhaupt erst die Möglichkeit zu dem momentan ablaufenden Schauprozeß.
Andererseits weiß ich aber genau, daß meine Arbeit nur möglich war, indem ich den Staffelstab von den Leuten übernahm, die ihn bisher gehalten haben, nämlich die revisionistische Szene diesseits und jenseits des lunatic fringe.
Die entstandenen Beziehungen und auch Freundschaften wirft man nicht einfach aus Opportunitätsgründen über Bord; jedenfalls tue ich das nicht.
Das klingt nicht wie Lug und Trug, eher nach Ausweglosigkeit, nach ungetrübter Einsicht in eine widersprüchliche Lage, die fast tragisch anmutet, irgendwie an Schicksal gemahnt.
Große Worte, ja, ja.
Wie paßt dazu:
Der Angeklagte ist nach Auffassung der Kammer ein gefährlicher Brunnenvergifter, der keine Bewährung verdient, und bei dem eine solche für das allgemeine Rechtsempfinden unverständlich erschiene (239).
Um auch dem Gericht gerecht zu werden: es hat sich die Entscheidung nicht leicht gemacht.
Die Urteilsbegründung liest sich wie ein spannender Politkrimi über eine nationalsozialistische Konspiration gegen Demokratie, Rechtsstaat und gesellschaftlichen Anstand.
Germar Rudolf scheint sich so verhalten zu haben, wie er es den orthodoxen Juden (vgl. seine Auseinandersetzung mit dem Schulchan Arukh in Darum Auschwitz?) als unmoralisch, verwerflich und widerlich vorwirft.
Gegen die Feinde gilt keine Verpflichtung zur Wahrheit.
Wenn dies aus der Not heraus geschah, unter dem Druck der Rechtsverhältnisse, so könnte Rudolf daraus vielleicht lernen, unter welchen Umständen solche jüdischen Regeln einst entstanden.
Aber wir wollen die Offenheit pflegen.
Der "völkische Gedanke" - welchen Volkes auch immer - steht der gemeinsamen Erkenntnis entgegen - und damit dem Ende der Feindseligkeiten.
Daran hängt auch die Vertrauenswürdigkeit des Wissenschaftlers.
Wir müssen zunächst feststellen, daß nicht das Gutachten an sich zur Verhandlung stand.
Die erste Fassung wurde auch nicht beschlagnahmt.
Gegenstand des Prozesses ist vielmehr die sogenannte Remer-Aktion, die von O.E. Remer eigenmächtig oder in Gemeinschaft mit Rudolf herausgegebene, mit einem polemischen Vorwort versehene Fassung des Gutachtens.
Es geht eigentlich um die Verpackung des Gutachtens, nicht um dieses selbst.
Die Strafkammer hat geschickt die Klippen evtl. Bedrohung wissenschaftlicher Freiheit umschifft.
Es ging nicht um Wissenschaft, sondern um deren Mißbrauch zu hetzerischem Zwecke.
Scheinbar ohne Zusammenhang:
Bezüglich Rußland bin ich ambivalent eingestellt.
Einerseits hat Rußland die Macht, mit dem Holocaust-Spuk innerhalb kürzester Zeit aufzuräumen, andererseits war es für Mitteleuropa schon immer tödlich, sich vom östlichen Riesenreich abhängig zu machen.
Man sollte das eine zu erreichen versuchen, ohne das andere einzugehen.
Bismarckisch eben.
Aber für eine solche Politik fehlen uns die Köpfe und die Herzen in den dafür ebenfalls nicht vorhandenen Führern (GR an HL, 26.1.95).
Eiskalt macchiavellistisch hat Wilhelm II. gedacht und gehandelt, als er in Brest-Litowsk Rußland zerbrach - nicht vollständig genug, mag man einwenden, und vor allem hatte er nicht mehr die Möglichkeit, die Bruchstücke zu stabilisieren.
Ein riesiger cordon sanitaire von vor St. Petersburg bis inklusive des Kaukasus, bestehend aus lauter deutschen Verbündeten - ein Alptraum des Westens - war wohl auch das Ziel Hitlers, das wohl auch dank des dummen Rassismus nicht erreicht wurde.
Heute präsentiert man uns die Einzelteile Rußlands frei Haus, und unsere Regierung hat nichts Besseres zu tun, als die Annahme zu verweigern (GR an HL, 30.1.95).
Wir müssen beachten, daß Rudolf - im Sinne der NS-revisionistischen "Bewegung" (Graf) - eine ganze Reihe von Kardinalsünden begangen hat, die den weiteren Verlauf seines Strafverfahrens beeinflussen können und - wie ich behaupte - werden.
Mit der Beschlagnahme der Computer-Unterlagen wird alles "Aktenkundige" tendenziell einer zunächst begrenzten Szene zugänglich, d.i. aber zuerst die rechte "Bewegung" selbst.
Rudolf korrespondiert mit einem Juden, macht sich in dieser Korrespondenz über "Völkische" und "Revisionisten" lustig, bürstet die rechte - deutsch-russische - Bündnis-Strategie gegen den Strich.
Rudolf wird damit zum Verräter an "unserer Sache".
Sein Schicksal ist besiegelt.
Die Gefahr kommt aus einer Richtung, gegen die er nicht gewappnet ist.
Die zwischengeschobenen Zitate sollen verdeutlichen, daß Rudolf sich hoffnungslos verstrickt hatte.
Der gerechte Vorwurf trifft den politisierenden Wissenschaftler, der mit seiner Wissenschaft der Politik zu Diensten sein wollte, im Effekt nun aber mit der politischen Intention sich die wissenschaftliche Autorität (und Integrität) zerstört hat.
Die Selbstdisqualifizierung des Doktoranden Rudolf mag allen ein Rätsel bleiben, die sich mit diesem Resultat begnügen wollen.
Das Gericht hat Rudolf (Scheerer) wegen gemeinschaftlicher Tat verurteilt, seine Mittäter jedoch nicht zur Rechenschaft gezogen.
Mittäter - ich sage: die wahren Hintertreiber - werden indes mit vollem Namen genannt.
Sie treten als Zeugen auf, täuschen das Gericht und verschlimmern dadurch die Lage des Angeklagten.
Zur Strafzumessung schreibt das Gericht:
Der Angeklagte handelte auf Grund einer ausgeklügelten und besonders raffinierten Strategie, die mit großem Vorbedacht gewählt worden war, zahlreiche Täuschungen und Manipulationen beinhaltete und deswegen besonders schwer zu durchschauen war (237).
So führte er seinen massiven Angriff auf den sozialen Frieden unter der Maske bürgerlicher Wertvorstellungen und unter Berufung auf deren fundamentale Errungenschaften wie etwa die Freiheit der Meinungsäußerung und der Wissenschaft durch.
Auch war er, um seine politischen Ziele durchzusetzen, bereit, auf rücksichtslose Weise selbst die sensibelsten Bereiche persönlicher Schicksale und des gesellschaftlichen Lebens anzutasten.
Erschwerend zu berücksichtigen war auch, daß seine Handlung die Grundlage für möglichst zahlreiche Taten ähnlicher Art durch Personen sein sollte, welche sich auf sein Gutachten berufen.
Dabei kam es ihm insbesondere darauf an, auf subtile Weise Unruhe auch in die Teile der Bevölkerung zu bringen, die rassistischen und nationalistischen Vorstellungen fernstehen (238).
Sie redet am Verfahren vorbei, wenn sie auf die wissenschaftliche Seite des Falles pocht.
Dem war die Kammer längst zuvorgekommen.
Ende des Jahres 1990 verfaßte der Angeklagte anläßlich der geplanten Übersetzung des Buches The Holocaust on Trial von R. Lenski, welches sich mit dem Prozeß gegen den neonazistischen Revisionisten Ernst Zündel in Kanada befaßt, ein Strategiepapier (16).
Hierbei ist zu beachten, daß Rudolf erst im Jahr darauf - Mitte August 1991 - erstmals - gemeinsam mit K.P.* - nach Auschwitz fährt.
* Vgl. Brief Jürgen Graf an Lummert vom 11.6.96, dokumentiert in kkk-feder 8, S. 47
In seinem Strategiepapier geht er also - bezüglich der Gaskammern in Auschwitz - von Sachverhalten aus, die ihm - aus eigener Erkenntnis - Ende 1990 noch gar nicht bekannt sein konnten.
Man denkt doch, daß er sich in Auschwitz erst einmal Gewißheit verschaffen wollte.
In seinem Strategiepapier von l990 nimmt er die Forschungsergebnisse von 1991 bereits vorweg.
Eine fragwürdige Methode.
Rudolfs Strategie:
Die meisten Menschen reagieren auf einen Angriff gegen den (Gaskammer) Mythos wie Pawlowsche Hunde.
(...)
Ziel muß es sein, den Kern des Aberglaubens zu vernichten.
Die Strategie muß so ablaufen, daß man die Pawlowschen Hunde möglichst nicht zum Bellen bringt.
Für die Taktik heißt dies: die Position des Gegners einnehmen, also das volkspädagogische Erwünschtsein der Dogmen nicht in Zweifel ziehen und es nicht angreifen, sich sogar mit ihm einverstanden erklären.
Keine Parteilichkeit für die eigene Sache zeigen, allein auf dem Recht auf Zweifel angesichts widersprüchlicher Befunde beharren und nach Salamitaktik vom Kirchengebäude Auschwitz ein Stück nach dem anderen zum Einsturz bringen.
(...)
Unter den oben beschriebenen Voraussetzungen ist eine möglichst große Zielgruppe auch außerhalb des einfacher zu bekehrenden nationalen Kreises anzusprechen (d.h. das trojanische Pferd in die Festung bringen).
Aus diesem Grund scheint es um des Erfolges willen absolut vordringlich, den Bericht möglichst sachlich und neutral erscheinen zu lassen...
Sachlich und neutral heißt hier: im Sinne des Gesellschaftskonsenses, also bestückt mit der Nomenklatur und den Beurteilungsnormen der veröffentlichten Meinung (trojanisches Pferd) (16 f.).
Am Anfang stand also - von der Verteidigung unwidersprochen - eine politische Strategie, nicht die Suche nach historischer Wahrheit.
Seit Ende der achtziger Jahre war Rudolf Parteimitglied der Republikaner, was er dem Gericht verschweigt.
Erst eine spätere Zeugenaussage bringt es zutage (14 u.a.).
Die Mitgliedschaft endet 1991.
Nach Auffassung des Gerichts waren ihm die Republikaner nicht radikal genug.
Spätestens Mitte 1990 nimmt er in Publikationen zu NS-Verbrechen Stellung, versucht,
den Eindruck zu erwecken, als seien die Darstellungen über den Holocaust nur eine Erfindung der Siegermächte des Zweiten Weltkrieges und jüdischer Kreise zu dem Zweck, Deutschland unter Druck zu setzen, die Entwicklung des Landes zu bestimmen und es politisch und finanziell erpreßbar zu machen (15).
Spätestens ab Sommer l990 nahm der Angeklagte mit zahlreichen Personen der revisionistischen Szene, die durch Korrespondenz, Versammlungen und Publikationen international in großem Maße vernetzt ist, intensiven persönlichen und brieflichen Kontakt auf, darunter auch mit rechtsradikalen Kreisen, wie sie um die Zeugen Dill im Umkreis von Stuttgart und Remer in Bad Kissingen bestanden (16).
All dies geschah, wie gesagt, bevor der arglose junge Wissenschaftler den ersten Schritt nach Auschwitz tat.
Das Ergebnis seiner naturwissenschaftlichen Nachforschungen an den Gaskammern in Auschwitz stand bereits fest.
Eigentlich könnte man damit schließen; sein Beitrag zur Zeitgeschichtsforschung ist demnach alles andere als seriös.
Aber es geht noch weiter.
So verschickte der Angeklagte in einer ersten Versendungsaktion vom 26.3.1991 (also fünf Monate vor seinem ersten Auschwitz-Besuch! H.L.) per Formularschreiben als Vorstudie zum Gutachten eine Ausarbeitung zum Thema "Langzeitstabilität von Cyanidverbindungen" an verschiedene Revisionisten (28).
Ernst Zündel hatte ihm bereits mit Schreiben vom 29.8.90 (!) gedankt:
Sie glauben nicht, wie ich mich über Ihren Brief gefreut habe! (Von diesem Brief gibt es keine Kopie. H.L.).
Endlich ein deutscher Mensch vom Fach, der sich dieser wichtigen Sache annehmen will!
Gott sei gedankt!
Seit Jahren hoffe ich auf jemanden wie Sie! (28 f.).
Auch die ersten Kontakte zu David Irving und Günther Deckert entstanden vor Rudolfs erstem Auschwitz-Besuch.
Die revisionistischen Erwartungen an ihn waren also hoch.
Der Zeuge Klaus Ewald, "väterlicher Freund" Rudolfs, gehörte zum engeren Kreis um Hans Joachim Dill.
Dill, ehemaliger Wehrmachtsoffizier,
der sich uneingeschränkt zum Nationalsozialismus bekennt, spielte eine führende Rolle in einem ca. 80 Personen umfassenden Kreis mit radikaler revisionistischer Einstellung, in dem Auschwitz als das Thema Nr. 1 bezeichnet wurde (33).
Dill koordinierte Informationen, intern, organisierte Veranstaltungen, an denen Revisionisten wie Zündel, Leuchter und Irving mitwirkten, sorgte für Entstehung, Finanzierung und Verbreitung rechtsextremer Schriften, engagiert sich für die Remer-Depesche, die er in Mengen bis zu 1000 Stück bei Remer kaufte, um sie weiterzuverteilen.
Bezüglich der Remer-Depesche wurde Dill vom Schöffengericht Stuttgart am 25.2.94 wegen Volksverhetzung u.a. zu 10 Monaten Freiheitsstrafe mit Bewährung verurteilt (33).
Der "väterliche Freund" Klaus Ewald ist Übersetzer des Buches über den Zündel-Prozeß, The Holocaust on Trial.
Der Angeklagte hatte zu Ewald bereits im Jahre 1990 ein so vertrauensvolles Verhältnis, daß er ihm seine Überlegungen zur Strategie des Revisionismus, die er ansonsten geheim hielt, völlig ungefiltert darlegte (s.o.).
Er wirkte auch an den Grundlagen zur Zeitgeschichte mit, war außerdem an den Vorbereitungen zur Veröffentlichung des Gutachtens beteiligt.
Ewald führte während des Rudolf-Prozesses ein "Beobachterprotokoll", in dem er u.a. meine Zeugenaussage vom Januar 1995 festhielt:
Horst Lummert aus Berlin, 63, Zeuge am 9.1., untersetzt, mit weißem Vollbart, war von der Verteidigung (ohne mein Wissen - H.L.) eingeführt, und zwar ebenfalls zur Geisteshaltung des Angeklagten.
Er hat seit etwa einem Jahr lediglich brieflichen Kontakt mit dem Angeklagten, der sein Interesse als Geschichtsforscher erweckt hatte, weil ihm, obwohl doch Mitarbeiter des hochrenommierten Max-Planck-Instituts, der Vorwurf gemacht wird, ein Machwerk mit volksverhetzender Wirkung veröffentlicht zu haben.
Als Jude nannte sich Lummert besonders sensibel Unwahrheiten gegenüber, sagte aus, er habe, nachdem er von dem Gutachten und den Umständen Kenntnis genommen hatte, in einem Schreiben an den Angeklagten jede Lüge als eine Quelle von Unfrieden, Haß und Unglück* bezeichnet und ihn ermutigt, seine wissenschaftliche Arbeit als Wahrheitssuche fortzusetzen.
Er sagte den Richtern, daß also eigentlich er selbst es sei, der in diesem Gericht auf der Bank des Angeklagten sitzen müßte, und stellte den Richtern die Frage, ob hier ein politischer Prozeß stattfinde.
Es entstand der Eindruck, als sei das Gericht vom Auftritt dieses Zeugen recht unangenehm berührt gewesen.
* Unser Briefwechsel lief zunächst vom April bis zum Juli 1994.
Mein Schreiben vom 11.7.94 endete mit den Sätzen:
Ich lege Wert darauf, daß meine Anmerkungen zu dem Unrecht, das den Deutschen angetan wurde und angetan wird, gültig sind im Sinne eines höheren Rechts, vor Gott, wenn Sie so wollen.
Ich habe die Texte (in kkk-feder 3 u.a. - kkk) aus gutem Grund mit dem hebräischen Namen Avram Kokhaviv unterschrieben:
1. Damit wird suggeriert und demonstriert, daß ein Jude der Autor ist.
2. Wenn Kokhaviv schreiben darf, was Müller, Schulze, Lehmann und Lummert oder sonstwer hierzulande nicht dürfen, dann ist die Gleichheit vor dem Gesetz aufgehoben und damit der Rechtsstaat...
Noch einmal: Recht, nicht Blut.
Recht .
Die Position des Richters, der - ohne Ansehen der Person - sein früheres Urteil überprüft und nun ein Wiederaufnahmeverfahren beantragt.
Am 20.9.94 schickte ich an Rudolf ein Faxschreiben, aus dem ich zitiere:
Ich möchte den bisherigen Briefwechsel nicht einschlafen lassen; zu viele Fragen sind noch zu klären...
Als ich seinerzeit mich in den Fall Rudolf einmischte, ebenso bescheiden in den Mitteln wie unbefangen, faszinierte mich daran, daß ein freier, mutiger, unabhängiger junger Wissenschaftler es mit der ganzen Zunft und der ihr assistierenden Öffentlichkeit aufnahm, dabei seine Karriere, ja, unter den gegebenen Umständen, seine gesellschaftliche Existenz riskierte: um der Wahrheit willen.
Ihre geistige Unabhängigkeit brachte - im Sinne einer historischen Gerechtigkeit für Deutschland und die Deutschen - mehr zuwege, und dies innerhalb kurzer Zeit, als alle mehr oder weniger organisierten nationalen Versuche nach dem Kriege zusammen.
Heute frage ich mich, ob Sie nicht den Grundsatz wissenschaftlicher Unabhängigkeit inzwischen verletzt, ob Sie nicht doch einen Fehler gemacht haben.
Das ist eine wichtige Frage, glaube ich, die Sie sich womöglich schon selbst gestellt haben.
In einem Ihrer Briefe fragten Sie mich nach der moralischen Zulässigkeit Ihrer Arbeit, deren mögliche Folgen Sie bedachten, etwa hinsichtlich Israels.
Ich meinte und meine, daß es zur Wahrheit keine Alternative gibt; daß Sie nicht zögern sollten, Ihre Arbeit fortzusetzen.
Außerdem gilt:
Wenn die Lüge krank macht, macht sie uns alle krank.
Gemeint war und ist:
Juden wie Deutsche.
Meine Bedenken, heute, wie gesagt, sind anderer Art:
Sie haben Ihre Arbeit an einen Verleger abgegeben und damit in einen Kontext hinein, der dem Außenstehenden signalisieren muß (oder jedenfalls kann), daß der bislang unabhängige Einzelkämpfer Germar Rudolf sich vielleicht schon in die Nesseln gesetzt hat, vor allem jedoch die Früchte seiner wissenschaftlichen Arbeit in Gefahr sind, ideologisiert und damit entwertet zu werden.
Sie haben zudem, was Sie eigentlich nicht tun dürften, das Feld Ihrer Wissenschaft verlassen und sich zu besagtem Thema Ihrer Forschungsarbeit auch, sagen wir, inkompetent geäußert.
Das bleibt Ihnen natürlich grundsätzlich unbenommen, und es ist mir allemal sympathisch, wenn ein Mann aus seinem Herzen keine Mördergrube macht, sondern unbekümmert und freiheraus seine Meinung sagt.
Das ist nicht das Problem.
Auch nicht, daß Sie sich politisch bekennen.
Ich frage mich nur, ob es in Ihrem besonderen Falle klug war, so vorzugehen; um der Verbreitung Ihrer wissenschaftlichen Erkenntnisse willen!
Waren es solche Einwände, die mich in den "Verdacht" brachten, "als trojanischer Esel in die revisionistische Bewegung eingeschleust worden" zu sein, wie es Jürgen Graf in seinem schon erwähnten Schreiben an mich formulierte?
Mein Freund K.P. hat offensichtlich recht gehabt, als er mich vor Ihnen warnte und darauf hinwies...
Jürgen Graf gehörte wohl nicht zum inneren Kreis der Eingeweihten.
Im Brief des Angeklagten an Jürgen Graf vom 2.12.1992 ist davon die Rede, daß das Gutachten wegen "Eingreifgefahr des Staates" in einem Verlag im sicheren Ausland erscheinen werde; außerdem, daß aus "juristischen und sicherheitstechnischen Gründen" Geheimhaltung erforderlich sei (205).
Möglicherweise mußte "Freund K.P." vor dem kuckuck/Lummert warnen, weil von diesem die "Gefahr" drohte, den Wissenschaftler Rudolf vor dem Demagogen zu retten, vor dem dünnen Eis zu bewahren, auf das zu führen der K.P.-Kreis den Germar gerade zugerichtet hatte.
Das ist meine Version.
Das kann auch ein Irrtum sein.
Immerhin ging, wenn man dem Gericht, dem die Verteidigung nicht widersprach, glauben darf, die erste "revisionistische" Kontakt-Initiative von Rudolf selber aus.
Auch der konspirative Ansatz ist bereits da.
Das ging dann bald hin und her.
Zündel schickte an Rudolf über den Fax-Anschluß von Dill am 14.10.91, also bald nach dem Auschwitz-Besuch, einen Brief, worin es heißt:
Herr Neumaier hat mir gerade von Ihrer Bereitschaft auszusagen berichtet, sofern Sie vom Gericht dazu vorgeladen würden!
Das wird nicht geschehen - und dadurch räumen Sie dem Gericht das "...(unleserlich)recht" über Ihre Ergebnisse Ihrer Untersuchungen in Auschwitz ein.
Unsere Sache wird vielleicht dadurch für Jahre nicht in den Genuß Ihrer Untersuchungsergebnisse kommen.
Das sollte eigentlich vermieden werden.
(...)
Mein Kompromißvorschlag ist nun:
Sie erstellen ein Gutachten über Ihre Befunde in Auschwitz und anderswo, entweder im Zusammenhang mit dem Leuchter oder Jahn Sehn Inst. Gutachten und haben dieses Dokument in Stuttgart von einem bekannten Notar, oder sogar durch einen Richter, auf Echtheit bestätigen lassen - Minimum drei Kopien - die allesamt mit schönem großem Siegel, Stempel, Unterschrift usw. versehen werden sollten.
In anderen Worten:
Ich ersuche Sie hiermit, mir ein Germar Rudolf à la Leuchter Gutachten zu erstellen, zur Vorlage vor dem Gericht in München.
Im Falle, daß Sie persönlich nicht zugelassen werden, kann Rieger das als Beweisdokument der Verteidigung einreichen oder es wenigstens versuchen!
Jetzt kommt der wichtige und wunde Punkt!...
Egal was in München innerhalb des Gerichtssaales verboten oder nicht zugelassen wird, was abgelehnt wird etc., wir fahren, wie üblich bei Zündelverfahren, mehrspurig zugleich!
Der Kampf wird von Anwalt Rieger innerhalb des Gerichtssaales mit Versuchen, Zeugen und Dokumente zugelassen zu bekommen, geführt.
Sie als Experte in Chemie, Neumaier als Ingenieur usw..
Draußen vor der Tür wird eine oder mehrere Pressekonferenzen abgehalten, wo die Leute von der Presse den Leuchter-Report, die von mir erstellten Auschwitz-Modelle etc. und Ihre Expertise in Fotokopieform in einer Presseinformationsmappe ausgehändigt bekommen.
Dann kann der Richter verbieten drinnen was er will ... aber die Katze wäre dann aus dem Sack!
Die Information wäre aus dem intellektuellen Brückenkopf ausgebrochen und würde sich von uns durch gezielten Post- und Faxversand in der Presse ausbreiten wie ein gebrochener Damm das Wasser durchläßt.
(...)
Um Sie abzusichern und um einen Puffer oder eine Art Sicherung für Sie einzubauen, schlage ich vor, daß Sie von Rechtsanwalt Rieger einen juristisch ausgefeilten Brief mit der Bitte um Expertise oder ein Gutachten in die Hand bekommen - das Sie jedem Zeitungsmann, Anwalt, Staatsanwalt, Richter, usw. um die Ohren knallen können, denn letzten Endes haben Sie ja die staatsbürgerliche Pflicht mitzuwirken, daß es in Gerichtssälen wissenschaftlich kompetent, a-politisch und moralisch sauber zugeht! (103 ff.).
Es scheinen mir die richtigen Leute für den Umgang mit der Wahrheit zu sein.
Rudolf schrieb denn auch - zwei Tage nach Erhalt des Zündel-Faxbriefes - an Rechtsanwalt Herrmann:
Würde es nicht seriös erscheinen, wenn Sie mir offiziell einen Auftrag zur Erstellung eines Gutachtens o.ä. erteilen?
Der entsprechende Briefverkehr müßte dann zurückdatiert werden (106).
Wohlgemerkt:
Rudolf war inzwischen in Auschwitz und hat beim Institut Fresenius die Laboruntersuchungen an den mitgebrachten Mauerproben durchführen lassen.
Alles ohne Gutachter-Auftrag.
Zündels Vorschlag für seinen Fall wird nun vom "Gutachter" auf den Fall Remer bzw. dessen Anwalt Hajo Herrmann angewandt.
Aber wie kam Germar Rudolf erst einmal nach Auschwitz?
Rudolf lernte den einstigen Generalmajor Otto Ernst Remer, der als Kommandeur des Wachregiments in Berlin den Aufstand vom 20. Juli 1944 niederschlug, spätestens im Februar 1991 kennen - anläßlich eines Seminars sudetendeutscher Jungakademiker in Remers Haus in Bad Kissingen.
Den weiteren Kontakt vermittelt der Zeuge Philipp - Karl Philipp ("K.P.") -, dessen Beziehung zu Rudolf laut Urteilsbegründung spätestens im Mai 91 begann.
Binnen kürzester Zeit entstand zwischen Philipp und dem Angeklagten eine geradezu symbiotische Beziehung, wobei dem Angeklagten die antisemitische und aggressive Ausrichtung der Aktivitäten Philipps und seiner Umgebung von Anfang an klar war (47 f.).
Philipp schreibt am 8.5.91 (!) an Rudolf einen Brief, mit dem er eine Anzeige der J.G. Burg Gesellschaft zum Holocaust im Münchener Anzeiger vom 30.4.91 sowie ein Interview mit Achmed Rami in dem Münchner Anzeigenblatt trabant anzeiger übersendet.
In diesen Unterlagen ist davon die Rede,
daß deutsche Chemiker Dissertationen über die "Blausäure-Problematik" schrieben (48).
Rudolf reagierte prompt.
Mit Schreiben vom 13.5.91 an Remer stellt er klar, daß er über dieses Thema zwar recherchiere, aber nicht promoviere.
Er bat aber um eventuelle Adressen von Chemikern, die über dieses Thema promovieren (48).
Mit Philipp geht es schnell voran.
Das Gericht nennt ihn
eine entscheidende Hintergrundfigur des Remer-Kreises (173).
Am 16.5.91 bedankt sich K.P. brieflich bei Rudolf
für Ihre großartige Arbeit bezüglich preußisch Blau (49).
Mit Blick auf die Anzeige im Münchener Anzeiger vom 30.4.91 kommentiert Philipp: "Galinski im Schockzustand."
Und: "nächste Aktion im Anrollen".
Am Schluß Philipps Wunsch, Rudolf gern bald zu treffen.
Antwort Rudolfs vom 20.5.91
signalisierte ebenfalls Interesse an einem persönlichen Kennenlernen
und wünscht Philipp
viel Erfolg bei allen Aktionen (49).
Zur persönlichen Begegnung Rudolf/Philipp kommt es spätestens am 29.6.91 anläßlich einer Veranstaltung der J.G. Burg Gesellschaft im Großraum Nürnberg: "geschlossene revisionistische Veranstaltung".
Grußwort: O.E. Remer.
Lageanalyse: Karl Philipp. U.a.
Die unmittelbare Folge der Münchener Veröffentlichungen und dieser Tagung war die Herausgabe der Remer-Depesche, die im Juli 1991 erschien (49f.).
Inzwischen hatten der Angeklagte und Philipp ihre gemeinsamen Interessen festgestellt und beschlossen, hinsichtlich des Gutachtens eng zusammenzuarbeiten (50).
Mitte August 1991 fahren Rudolf und Philipp in dessen PKW nach Auschwitz.
Rudolf nimmt aus dem Mauerwerk Analyseproben.
Philipp fotografiert.
Die Bilder erscheinen später im Gutachten (50).
Auf dem Rückweg von Auschwitz machen Rudolf und Philipp bei Remer in Bad Kissingen Station.
Am 23.8.91 bringen sie
die Analyseproben persönlich zur Auswertung ins Institut Fresenius, eine renommierte chemische Firma in Taunusstein bei Frankfurt, die über die Hintergründe des Auftrags nicht informiert wurde.
Beide nahmen auch persönlich an der Auswertung der Proben teil (50 f.).
Karl Philipp* beriet
den Angeklagten in allen Fragen der Formulierung und Veröffentlichung des Gutachtens.
Er war aktiv an den Manipulationen im Zusammenhang mit der Remeraktion und der Cromwell-Fassung des Gutachtens beteiligt.
Unter anderem fungierte er unter dem Namen "Rüdiger Kammerer" als Herausgeber und Inhaber des Copyrights der Cromwell-Fassung sowie der Werbebroschüre "Wissenschaftlicher Erdrutsch durch das Rudolf-Gutachten", ein Name, der bereits ab Februar 1992 als Herausgebername für die geplante Buchversion des Gutachtens vorgesehen war.
Philipp war beteiligt an der Besprechung über die Veröffentlichung des Gutachtens, die Ende August 1992 beim Zeugen Dill stattfand.
Er sorgte für die publizistische Ausschlachtung des Gutachtens in rechtsradikalen Pamphleten, darunter der Remer-Depesche.
Auch sonst arbeitete er mit dem Angeklagten aufs engste zusammen.
So nahm er, wiewohl am Buch Grundlagen zur Zeitgeschichte nicht unmittelbar beteiligt, am Treffen der Mitarbeiter an diesem Buch am 3. und 4.4.1993 in Ottobrunn teil.
Des weiteren verwahrte er für den Angeklagten Sicherungskopien von Disketten mit den Schriften des Angeklagten und beteiligte sich an Manipulationen zur Verschleierung der Tatsache, daß der Angeklagte fest in das rechtsextremistische Milieu eingebunden war (50a f.).
* Karl Philipp, Funktionär der NPD, für die er auch bei Wahlen kandidierte, ist Teil des internationalen Netzwerks der Auschwitzleugner, verfügt über weitreichende internationale Kontakte, z.B. zur British National Party, und arbeitet eng mit dem marokkanischen Auschwitzleugner Ahmed Rami von Radio Islam in Stockholm zusammen.
Handbuch Deutscher Rechtsextremismus, Berlin 1996
Rudolf leugnete zunächst seine Mitarbeit an der Remer-Broschüre "Die Zeit lügt!", die im Oktober 92 erschien.
Herausgeber: O.E. Remer.
Autoren: H.K. Westphal, Dipl-Ing.; Dr. W. Kretschmer, Jurist; Dr. Ch. Konrad, Historiker; Dr. Dr. Rainer Scholz, Chemiker und Pharmakologe.
In seiner Verteidigungsstellungnahme wegen "Die Zeit lügt!" schrieb Rudolf:
Mit allen vier Herren stehe ich seit Ende 1991 in wechselnd intensivem Kontakt, was den Austausch von Informationsmaterial und Daten einschließt.
Es kann daher nicht verwundern, wenn Passagen meiner Arbeiten von diesen Herren aufgegriffen worden sein sollten, was mir allerdings noch nicht aufgefallen ist (153).
Später kam heraus, daß es sich um Pseudonyme Rudolfs handelte, unter denen er auch anderswo publizierte (53).
Germar Rudolf/Scheerer, der integre, unbescholtene junge Wissenschaftler und Wahrheitssucher, hat das Gericht belogen und getäuscht, bis er klein beigeben mußte, weil ihm Stück für Stück belegt werden konnte, was er hartnäckig abgestritten hatte.
Manfred Köhler, Autor der Broschüre "Auch Holocaust-Lügen haben kurze Beine", ist Germar Rudolf.
Bei Cromwell Press in England erschien im Jahre 1994 das Heft "Der Fall Rudolf".
Wilhelm Schlesiger befragt darin den jungen Wissenschaftler zur Person.
Einen "Wilhelm Schlesiger" gibt es gar nicht.
Rudolf hat das alles selbst verfaßt.
Er erzählt darin von seinem katholischen Elternhaus, der katholischen Jugendarbeit.
Rudolf (Schlesiger) fragt Rudolf:
Wo sehen Sie sich heute politisch?
Rudolf antwortet Rudolf (Schlesiger):
Im Niemandsland. Ich versuche heute eine wissenschaftliche Frage sachlich zu bearbeiten und jede Politik herauszuhalten... (59 ff.).
So geht das fort - mit dem Deutschland-Report, der Remer-Depesche, der Remer-Fassung des Gutachtens, wobei es juristisch um die hetzerische Begleitmusik zu tun ist: er hat nichts damit zu schaffen, bis ihm die Beweise auf den Tisch geknallt werden.
Zuletzt ist er abgehauen, nach Spanien, zu Remer.
In einem widersinnigen Verfahren übernahm das Gericht die Rolle des - moralisch erfolgreichen - Rechercheurs.
Es wäre die Aufgabe der Presse gewesen, die politischen Aspekte der ganzen Geschichte auszuleuchten.
Doch offenbar sollte die Sache unter der Decke bleiben.
Die Politik will die Aktualisierung der europäischen "Frage Nr. 1" hinausschieben.
Darum schaut beim Stichwort "Revisionismus" alle Welt nach Israel, zum Jüdischen Weltkongreß und nach Frankfurt zu Bubis und Friedman.
Der Kalte Krieg ist vermeintlich zu Ende, so können wir uns endlich wieder der "Judenfrage" zuwenden.
Die Fixierung auf die "Judenfrage" ist Teil einer neuen Strategie des "heißen Friedens".
"Revisionismus" und der "Fall Rudolf" sind ein Sicherheitsproblem.
"Revisionismus" heißt der Hebel zur Destabilisierung Deutschlands, Europas und der transatlantischen Welt.
Es gibt eine Macht, die an dieser Destabilisierung interessiert ist:
Rußland.
Rußland will - und muß nach seinem geopolitischen Selbstverständnis! - die europäische Einigung verhindern.
Es setzt dabei auf die - illusionäre - Hoffnung der deutschen "Revisionisten".
Rußland ist am "Revisionismus" - nicht an einer Revision der Geschichte im Sinne des "Revisionismus" - interessiert.
Das - nicht Auschwitz - ist unser "Thema Nr.1".
Das ist zu bedenken.
Alles andere ist Pennälerkram.
Der "Revisionismus" als Wissenschaft ist tot.
Noch ein - intelligenznomadischer - Beitrag zur "Revisionismus"-Forschung:
Der heißt wahrscheinlich Müller oder Meier,
sagt meine Frau.
"Zündel" klingt nach Programm.
online-Fassung
kuckuck
feder 9
IV. quartal 1996
14. Aug. 1996
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Horst Lummert in kuckuck (kulikri)
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