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Erkenntnistheorie und politische Praxis - Seit 1973 - Redaktion: Horst Lummert

Nachzulesen im Sammelband:
Horst Lummert in kuckuck (kulikri)
1973 bis 2000 & unveröffentlichte Texte aus 40 Jahren Wüste. Die vielsandigen Vordenklichkeiten des Avram Kokhaviv.
Band 4. Psychologische Kriegführung
Herausgegeben von Alexander Becker / Baraq Kokhaviv
© 2000 kokhaviv publications

1987-00-00

Horst Lummert

Verschwörung oder simple Klassenpolitik wider das Volk?

Was man verstehen muß:

Ohne Nazis und Sozis läuft hier gar nichts

Bildlich gesprochen kommen "Hitler-Tagebücher" und "Alleintäterschafts"-Legende aus derselben Werkstatt.

Politisch unterscheiden sie sich nicht von den Attacken gegen den "konservativen Revisionismus".

Strategisch geht es ihnen um die Vernichtung der demokratischen Geschichtswissenschaft.

Eckhard Jesse ist dafür nicht völlig blind gewesen, wenn er entdeckt:

Umso wunderlicher ist das Phänomen, daß so gut wie alle "Funktionalisten" die Alleintäterschaft van der Lubbes betonen (z.B. Martin Broszat und Hans Mommsen), die sogenannten "Intentionalisten" (z.B. Klaus Hildebrand und Walther Hofer) hingegen von der Täterschaft der Nationalsozialisten ausgehen (Recht und Politik 4/86, S. 196).

Nicht wunderlich und kaum verwunderlich, wenn man's erst einmal verstanden hat.

Es wird nämlich klar, daß die "konservative" Richtung die demokratische (!) ist, darauf bedacht, das eigene Haus von nazistischem Dreck und Verbrechen freizumachen, die Naziclique auszuschalten und auszuschließen, um damit souverän und international akzeptabel zu werden.

Dies aber sind die "Intentionalisten".

Dagegen ist es die zweifellos antidemokratische (!) - "funktionalistische" oder "strukturalistische" - Position, die nazistische Führungsclique und Herrschaftsklasse dadurch entlastet, daß sie via "Kollektivschuld" das ganze "Volk" für die Verbrechen verantwortlich macht - und damit die Verführer und "Führer" zu bloß Ausführenden eines "kollektiv" im "Volke" gewachsenen politischen Willens.

Seit 1945 lautet die zentrale Selbstverteidigungsformel der NS-Verbrecher: "Befehlsnotstand".

Neu ist hingegen der Oberbefehlshaber.

War früher der "Führer" das Ziel aller Projektionen, so richtet sich der Zeigefinger jetzt aufs "Volk".

Die verantwortliche Führungs-, Herrschafts- und Trägerklasse des Nazismus versteht sich offenbar als eine Drehscheibe - oder als privilegierten Wetterhahn, der, wohin er sich kehre, stets nur Befehle ausführt und seine Pflicht erfüllt.

Mit dem neuen Dreh, wonach nicht der "Führer", sondern das "Volk" befahl, kann jetzt auch ein "Führerbefehl" zur Vernichtung der Juden völlig ausgeschlossen werden.

Es war das "Führungschaos", gewissermaßen "pluralistisch" gewachsen, aus dem heraus, man denkt unwillkürlich an die pluralistischen Zustände in der Bundesrepublik, dieser ganze Nazismus mit seinen gar nicht zu kontrollierenden, aber historisch natürlich gesetzmäßigen Vernichtungs- und KZ-Lagern, die ja in die Hunderte gingen, geradezu naturwüchsig hervorbrach, was man bei so einem "Volk" auch nicht anders erwarten kann, und darum wäre es wohl besser, es wieder mal fester an die Kandare zu nehmen, denn man sieht ja nun, wohin die ganze Demokratie mit ihrer Freiheit letzten Endes führen muß.

Die antidemokratische (!), gegen das "Kollektiv" der Bevölkerung gerichtete Position ist zugleich selbst die kollektivistische (!), die auf diesem Umweg und unter Berücksichtigung der besonderen Verhältnisse seit 1945 auf neue Weise die alte "Volksgemeinschaft", diesmal halt mit negativem Vorzeichen, reproduziert.

Die Nazicliquen haben der deutschen Bevölkerung nämlich niemals verziehen, daß die sich von ihnen so unerwartet schnell zu lösen und zu demokratisieren verstand.

Die von den Neo- und Altfaschisten immer wieder beklagte "Umerziehung" der Deutschen durch die Alliierten und die angebliche Charakterlosigkeit dieser Deutschen, die jetzt auf einmal vom Nazismus nichts mehr wissen wollten, trifft allenfalls auf ein paar Opportunisten aus ihren eigenen Reihen zu.

Tatsächlich verbirgt sich hinter der ewigen Nachkriegsklage der Nazis über ihr verlorenes Volk eine ganz andere Wahrheit.

Die Umerziehung der Deutschen durch die Nazis in den Jahren 1933 bis 1945 war letzten Endes ohne nachhaltigen Erfolg geblieben.

Die Bevölkerung konnte darum ohne jeden Gesichtsverlust sehr wohl 1945 aufatmen und nach der wahnsinnigen Unterbrechung weitermachen.

Das "deutsche Volk" individualisierte sich wieder mehr und mehr.

Die ehemaligen NS-Führungscliquen und -schichten mußten nach dem Kriege sehr einfallsreich sein, um ihren Einfluß wieder zur Geltung zu bringen.

Ungetarnt war es ihnen unmöglich, über ein paar Prozente bei demokratischen Entscheidungen hinauszukommen.

Sie waren immer wieder darauf angewiesen, mit undemokratischen Mitteln, Manipulationen, Postenbesetzungen, Intrigen, taktischen Finessen und Täuschungsmanövern ihre politischen Ziele zu verfolgen.

Daß es ihnen "die Deutschen" so schwer gemacht haben, werden sie denen nie vergessen, und das hat diese nationalsozialistischen Patentgermanen wieder zu dem gemacht, was sie ohnehin immer waren: Antidemokraten, Volksbetrüger, politische Verbrecher.

Die große Enttäuschung für die Nazis war nicht die Niederlage von 1945, auch nicht die gesellschaftlich-machtpolitische Entwicklung seither.

Die große Enttäuschung war für sie das "deutsche Volk", von dem sie zuletzt doch geglaubt hatten, sie wären in ihm längst aufgegangen, so daß sie diesmal den demokratischen Weg für gangbar hielten.

Die Erfahrung hat nun gelehrt, daß dieser demokratische Weg ihnen versperrt blieb, sobald sie offen als die auftraten, die sie waren und sind.

Die Verbindung von "demokratischem Weg" und "Entideologisierung", d.h. eine spezifische Form von Tarnen&Täuschen-Demokratie, hat der Bundesrepublik zu schaffen gemacht.

Erstaunlich ist hierbei nicht der relative Erfolg unter diesem oder jenem Markenzeichen.

Erstaunlich und ein Zeichen für ein beachtlich gereiftes, kritisches demokratisches Bewußtsein ist vielmehr der breite Mißerfolg all solcher Machenschaften.

Wir haben hier einen deutlichen Beweis für die Unhaltbarkeit der Kollektivschuld-These.

Unter demokratischen Bedingungen hatten und haben die faschistischen Kräfte keine Chance.

Ihre Möglichkeiten stecken in wirtschaftlicher Macht, bürokratischer Verfügungsgewalt und Entdemokratisierungstendenzen bzw. der unauffälligen Einleitung und Beförderung entsprechender Prozesse.

Und hier ist schließlich auch der Ansatzpunkt für eine kritische Klärung.

Sobald die demokratischen, sich ausbalancierenden Bestimmungsstrukturen beschädigt und durch demokratie-destruierende Pressure-Elemente ersetzt werden, verliert der Souverän der Republik, also die Bevölkerung des Landes, die Entscheidungsfreiheit.

Widerstand ist nur als Widerstand in der Demokratie gegen ihre Feinde denkbar.

Ein Widerstand, der sich erst besinnt, wenn die Demokratie schon abgeschafft ist, rechnet von vornherein mit seinem Scheitern.

Die hochentwickelten Mechanismen - ungeteilter - moderner Machtapparate dürfen als prinzipiell unbezwingbar gelten.

Alle die Gewaltenteilung überbrückenden Beziehungsstrukturen gefährden demnach potentiell die Demokratie im Sinne der geschriebenen Verfassung.

Die Gefahren, die für die demokratisch ausgleichende Wirklichkeit ständig akut sind, schlummern tatsächlich nicht im "Volke", sondern in den staatlichen Institutionen, den Bürokratien der drei Gewaltenteile, deren jeweilige Unabhängigkeit zur Ausschließlichkeit wird, wenn ihre Kontrolle an den Bereichsgrenzen nicht mehr funktioniert.

Die geschichtliche Tatsache, daß die Bundesrepublik eine postfaschistische Gesellschaft repräsentiert, bezieht sich weniger auf die Strukturen als vielmehr auf deren personelle Besetzung und ihren Mißbrauch zu demokratiefremden bis -feindlichen Zwecken.

Das Generationsproblem ist erkennbar zugleich von klassenpolitischem Gewicht, da Folgegenerationen interessenlogisch mit ihren Vorgängern eng verflochten bleiben.

Das 1945 kaum in Frage gestellte, 1949 mit Gründung der Bundesrepublik Deutschland historisch (weil umfassend gesetzlich) fortgeschriebene Privileg der NS-Führungssippen brennt sozusagen auf den Nägeln.

Diese Erbschaft hat viele Gesichter.

Vielleicht kann von folgender Theorie ausgegangen werden:

Bestimmte ideologisch-propagandistische Bewegungen haben einen gemeinsamen Ursprung.

Sie entstehen aus publizistischen Aktivitäten und initiativen Operationen auf dem Felde der Zeitgeschichte, ihnen eigen ist ein dirigierender Charakter.

Ihr Auftreten erfolgt sporadisch, später rekapitulierend massiv.

Den dirigierenden und tendenziell exklusiven Charakter erhalten sie nicht konsequent aus einer sachgebundenen, korrekt dargelegten, zwingenden Überzeugungskraft, sondern vermittels breiten Einsatzes propagandistischer Kampagnen, verbunden gewöhnlich mit einem wissenschaftlichen Anspruch, dessen Überprüfung jedoch durch die gewählte Form der Kampagne von vornherein abgeschnitten ist.

Laut- und Lichtstärke sind nicht die einzigen, aber doch hervorstechende Indizien dafür, daß es sich um spektakuläre Artikulationen und Demonstrationen eines regelwidrigen Machtanspruchs gesellschaftlicher Interessengruppen handelt, die die Meinungs- und Pressefreiheit ausnützen, um sie praktisch ad absurdum zu führen.

Die Meinungsproduzenten von Zeit, Spiegel und stern verfolgen in den wesentlichen zeitgeschichtlichen und politischen Fragen die gleiche Tendenz.

Sämtliche Kampagnen der hier erörterten Sorte sind von ihnen ausgegangen.

Dies hat eine lange Geschichte.

Die Erinnerung an die Hetze des Henri Nannen gegen den Journalisten und Schriftsteller Hans Habe, der nach dem Kriege die unvergessene Neue Zeitung ins Leben gerufen und damit ein Fundament gelegt hatte: für eine freie demokratische Presse auf hohem Niveau - diese Erinnerung brennt und will nicht verlöschen.

Wer diesen Stil bei der Zeit für unmöglich hielt, wurde mit ihrer Kampagne gegen Hofer und Calic eines Besseren belehrt.

Spiegels Augstein hat die Hamburger Polit-Presse-Szene vielleicht am vollkommensten personifiziert.

Seinen nationalen Neutralismus hat er jüngst in Druck und TV-Bild einem breiten Publikum vorgetragen.

Im Spiegel-Archiv waren schon oder noch Anfang der siebziger Jahre die Materialien über die Hintergründe des bundesdeutschen National-Neutralismus für Veröffentlichungen gesperrt.

Daran wird sich auch jetzt nicht viel ändern.

Sogenannte informelle Kontakte reichen in alle macht- und einflußrelevanten Bereiche des im engeren Sinne staatlichen, administrativen, behördlichen Sektors.

Wo die subjektiven Interessen ein vergleichsweise undemokratisches, tendenziell "system"veränderndes, elitäres Bewußtsein zulassen oder gar diktieren, liegen die Gefahren auf der Hand, wenn sich in der Meinungspublizität zunehmend ein antidemokratischer, republikfeindlicher Konsens breitmacht.

Die Bedrohung, die für die demokratische Gesellschaft von selbsternannten "Eliten" innerhalb der republikanischen Machtstrukturen ausgeht, ist offenkundig.

Die deutsche Rechtfertigungsideologie für eine Zeit "danach" ist allemal erprobt, wie wir wissen.

Denn merke:

Da werden Entmündigte zu Auftraggebern, zu einer kollektiven Diktatur, und die leitenden Kriminellen, die Initiatoren und verantwortlich Durchführenden des Verbrechens waren nichts als Gehorsamspflichtige im Befehlsnotstand.

Die Täter wissen also, daß sie die zeitgeschichtliche und politische Aufklärung verhindern müssen.

Ihr Erfolg hängt davon ab.

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kuckuck 55
1987

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