|
Erkenntnistheorie und politische Praxis - Seit 1973 - Redaktion: Horst Lummert
1985-00-00
Auch das Theater ums Faßbinder-Stück wirft ein grelles Licht auf einen weitgehend faschisierten Kultursektor, der seinerseits ein starkes Interesse artikuliert, mit Deutschland beziehungsweise der Bundesrepublik Deutschland identifiziert zu werden.
Die breite Publizität, die damit der Faßbinder-Schmiere ähnlich wie dem jüngsten Bhagwan-Spektakel zuteil wird, gehört gleichsam in die "neue Phase der Entspannungspolitik", deren wesentliche Voraussetzung es ist, daß die Leute erst einmal wieder verrückt gemacht werden müssen.
Es wird Zeit, daß die Medien aus dem Instrument einer neuen nationalsozialistischen Kulturmafia endlich zu einer Informationshilfe für die innere Demokratie werden. Als Einfluß- und Verwirragenturen sind sie bald nicht mehr zu ertragen.
Auf dem Nachrichtensektor sind sie großenteils nur noch der subventionierte Propagandaapparat einer ideologischen Minderheit von schlimmstenfalls zehn Prozent der bundesrepublikanischen Bevölkerung; und nimmt man die DDR-Deutschen dazu, kommen wir allenfalls auf fünf Prozent insgesamt.
Wenn der Zuschauer erfahren will, was die große demokratische Mehrheit denkt und tut, braucht er, von reinen Unterhaltungssendungen einmal abgesehen, das Fernsehgerät gar nicht erst einzuschalten.
Dieses Heft - kuckuck 50 - erinnert an die Ursprünge und Grundbedingungen unserer Demokratie - unserer Demokratie, o ja! Denn wenn unsereins zur Gründung dieser Republik auch noch nichts beitragen konnte, so konstituiert die sich doch eigentlich erst, spätestens, wenn wir sie gegen ihre inneren und äußeren Feinde in Schutz nehmen, sie also verteidigen.
Momente und Gelegenheiten, da sich die Geister scheiden, kehren immer mal wieder, und die Faßbinder-Aufführung ist so eine Gelegenheit.
Den organisierten Versuchen einer gründlichen Destabilisierung des öffentlichen demokratischen Bewußtseins ist etwas entgegenzusetzen. Man sage später nicht, das Volk sei wieder an allem schuld gewesen.
Die Dichter und Denker waren nicht nur empfindliche Seismographen, sie waren auch die ersten Hereingefallenen und Betrogenen - Selbstbetrüger und Scharlatane.
Es gibt zu viele Parallelen zu dem, was heute geschieht, in den langen Jahrzehnten vor dem europäischen Faschismus, als daß ein idealistischer Ansatz bei der kritischen Sondierung von Literatur und Künsten, von Philosophie und dem publizistischen, nicht selten feuilletonistischen Vorfeld der Propaganda sich nicht als nützlich erweisen könnte.
Die seit mehr als hundert Jahren bei Schriftstellern zu beobachtende Selbstbefreiung aus der intellektuellen Verantwortung hat natürlich auch etwas damit zu tun, daß der philosophische Materialismus, sobald er sich von einer brauchbaren Methode zur Weltanschauung erhöht, alle Last der Geschichte dem Volke, den "Massen", weil der "Materie" aufbürdet.
In der Demokratie gilt selbstverständlich jeder Bürger als mündig und also auch verantwortlich - ein Grundsatz, der aber gewiß nicht irgendwelchen selbsternannten "Eliten" einen Freibrief gibt.
Die Wirklichkeit ist von solchen demokratischen Grundsätzen weit entfernt, eben weil sich in der heutigen Gesellschaft noch immer und neuerdings wieder minoritäre, quasi-feudalistische Elemente als organisierte Machtfaktoren breitmachen und sich auch gleich mit einer eigenen neuen Ideologie ausgestattet haben ("elitäre Demokratie", "neue Aristokratie" u.ä.).
Die persönlichen Verwurzelungen dieses neuen, inzwischen internationalisierten Faschismus in den Führungssippen des alten sind zumindest hierzulande schon fast die Regel (Mitläufer exklusive).
Es gibt aber auch in Deutschland eine Tradition, die sich nicht zu schämen braucht. In diese geschichtliche Orientierung gehört Kurt Schumacher. Wir haben aus der Illustrierten Republikanischen Zeitung, die im politischen Umkreis und mit Unterstützung des Reichsbanner herausgegeben wird, ein paar wirklich aktuelle Beiträge übernommen.
Im kuckuck ist das Reichsbanner bisher in einem ganz anderen Zusammenhang bekannt geworden. Wogegen sich die konspirativen Machenschaften in der Redaktion des Reichsbanner seinerzeit inhaltlich richteten, das wird diesmal sehr deutlich.
Zum Komplex Unterwanderung hat Nikolaus Ryschkowsky dem kuckuck weiteres Material zur Verfügung gestellt, auf das wir zu gegebener Zeit noch zurückkommen werden.
Im vorigen Heft hieß es, die innere politische Verheerung der SPD betreffend: "Die neuen Sozialdemokraten à la Knapp, Griesmayr, Ryschkowsky, Lüth, Eppler kamen tatsächlich von rechts. Das ist nachzuvollziehen."
Von Ryschkowsky stammendes Werwolf-Material sowie seine Beurteilung des BDJ ließen "m.E. durchaus die Frage zu, ob Ryschkowsky in seiner Eigenschaft als CIC-Mann möglicherweise auch damit beschäftigt war, die ihm aus eigener Anschauung bekannten und offenbar auch zugänglichen NS-Werwolf-Verbände schlichterdings in den BDJ überzuführen, dabei jedenfalls aufs alte Führungspersonal zurückzugreifen" (S.3).
Dies, so Ryschkowsky, verfehle jedoch den Sachverhalt. Er schreibt:
Daß die im kuckuck 49, S.3 und 4, erwähnten Dokumente (Werwolf-Besprechung 1945 und BDJ, 1983) aus dem gleichen Archiv stammen, macht es optisch - und für den kuckuck wohl auch reizvoll - hypothetisch zu überlegen, daß ich die Ex-Werwölfe aus der letzten Phase des Zweiten Weltkriegs schlichterdings dem Technischen Dienst des BDJ hätte zuführen können. Dem war aber nicht so. An die Werwolf-Geschichte geriet ich durch Zufall schon 1945; der BDJ interessierte mich allein wegen seiner nazi-kritischen Informationsdienste. Ich habe mit ihm weder sympathisiert noch koaliert, und es gibt auch keinen Grund dafür, mich in eine Reihe von Namen einzuordnen, die angeblich von rechts zur SPD gekommen sind.
Er möchte "auch hypothetisch nicht gern in solche Kumpanei geraten".
Ich habe übrigens niemals irgendwelche Netze geknüpft, mein Handwerk war in der US-Army ganz unromantisch das eines Angehörigen der militärischen Abwehr, bis ich 1953 ins Zivilleben zurückkehrte.
Flankenschutz erhielt ein "rechtsradikaler Westler" aus "nationalrevolutionären" Kreisen, eine gar nicht so komplizierte Geschichte, die allerdings noch nicht ausgereift ist. Oder es sind Leute am Werk, die über ihre eigenen Angelegenheiten nicht ausreichend Bescheid wissen. Festzuhalten ist, daß in neu-alten NS-Kreisen schon wieder geheime "Dossiers" angelegt werden.
Das Thema Friedensvertrag und Deutschland beschäftigt politische Gruppierungen aus verschiedenen Richtungen.
Die im kuckuck seit langem vorgestellten und kritisierten Sichtweisen und Konzeptionen stoßen jetzt aufeinander.
Der Bogen von Schumacher in die Gegenwart ist sicherlich mehr als ein irreales Spiel.
Raymond Arons Vortrag aus dem Jahre 1963 hat von seiner Aktualität nichts eingebüßt.
Rolf Schütt befaßt sich diesmal intensiv mit Theodor W. Adorno. Damit wird nun auch an der Kritischen Theorie fortgesetzt, was zur Überprüfung der ideellen Keime unserer historisch-politischen und gesellschaftlichen Wirklichkeit beitragen soll.
Hubert Holzinger legt den Finger auf einen weitgehend verdrängten Bereich geistiger Umweltverschmutzung, das Problem des Alkoholismus.
Am Beispiel Bergfleths warnt Hans Eisel vor den politischen Konsequenzen einer "neuen Jämmerlichkeit" in der philosophischen Literatur.
Damit schließt sich der eine, eingangs mit Faßbinder benamte Themenkreis in diesem Heft.
Der andere, mit dem Namen Schumacher bezeichnete besetzt die Gegenseite der Palette.
Es geht um den Kuchen, nicht um seine Abschaffung.
kuckuck 50
IV/85
kokhaviv press:
Horst Lummert in kuckuck (kulikri)
kokhaviv publications > kuckuck network > archive
© Copyright 1999 - 2002 kuckuck · kokhaviv publications