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Erkenntnistheorie und politische Praxis - Seit 1973 - Redaktion: Horst Lummert

Rückblick

1982-12-07

Horst Lummert

Brief an Alice Schwarzer

Liebe Alice Schwarzer,

in Ihrem Streit mit Broder bleibt meines Wissens die wesentliche Frage ausgeklammert, nämlich wie Sie es anstellen wollen, Feministin und nicht zugleich auch Antisemitin zu sein.

Der Feminismus ist doch im Kern ein Antisemitismus, wie auch der überkommene Antisemitismus imgrunde immer ein Feminismus war.

Wenn Ihnen beziehungsweise Ihrer Zeitschrift Emma ein entsprechender (Antisemitismus-) Vorwurf gemacht werden kann, so aus eben diesem Grunde - nicht aber, weil Sie Partei genommen haben für die Palästinenser in deren Auseinandersetzung mit den Israelis, nicht wegen Ihrer gegen den Zionismus gerichteten politischen Position, soweit diese, woran ich keineswegs zweifle, wirklich auch politisch motiviert ist.

In Ihrer Dezember-Kolumne ("Strauß & Schwarzer") beklagen Sie unter anderm, daß in den Medien mit der Vorführung des "Flintenweibes" von den "feministischen Inhalten" abgelenkt werden solle.

Was wir in der Tat zu beklagen haben, ist der völlige Mangel an ideologiekritischer Aufarbeitung besagter Inhalte.

Aber Ihre (vermeintlichen) Gegner werden sich hüten, dergleichen zu tun.

Die haben nämlich Ihren frühen Rat ("Wenn ich ein Mann wäre, würde ich kämpfen") keineswegs befolgt, sie haben kapituliert.

Deshalb können Sie auch nicht recht froh werden.

Der Feminismus in seinen großen Zügen ist längst zu einer Art Weltanschauung des modernen Kapitalismus geworden, mit seinen ganz spezifisch deutschen Merkmalen hierzulande.

Im Innern ärgern sich die Kapitulanten natürlich über ihre selbstverschuldete Niederlage.

Aber wir kennen das ja von der letzten Fußballweltmeisterschaft: das sind eben alles schlechte Verlierer.

Da müssen Sie wohl auch die Gründe suchen, wenn Sie nicht politisch, nicht zur Sache, sondern mit persönlichen Sticheleien und Gehässigkeiten angegriffen werden.

Und der etablierte Feminismus möchte natürlich auch nicht ständig an seine mehr oder weniger arme Verwandtschaft erinnert werden.

Ich wollte Sie gleich zu Beginn bitten, diesen Brief zuende zu lesen.

Dazu ist es zu spät.

Doch bitte: nehmen Sie meine Definition des Feminismus (= ein Antisemitismus) ernst.

Ich sehe da gewisse Ambivalenzen, die eine diesbezügliche Klärung auf Ihrer Seite durchaus zuzulassen scheinen.

Das kann ich Ihnen nicht abnehmen.

Vielleicht wäre schon mit einer bescheidenen Klassensolidarität jener Makel abzuwaschen, teilweise wenigstens.

Die Hauptarbeit scheint mir jedoch zunächst theoretischer Natur zu sein.

Wenn Sie das ernstnehmen, worum ich Sie, wie gesagt, bitte, dann beneide ich Sie allerdings nicht um das, was Ihnen bevorsteht.

Im beigefügten kuckuck (37/38/39) finden Sie ein paar Sachen zum Thema.

Einstweilen dies mit herzlichen Grüßen:
gez. H. Lummert

kuckuck
Vierteljahreshefte
(Stempel)

online-Fassung

kuckuck 48
II/85
18. Mai 1985

kokhaviv press:
Horst Lummert in kuckuck (kulikri)

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