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Erkenntnistheorie und politische Praxis - Seit 1973 - Redaktion: Horst Lummert
1982-03-10
bis
1984-03-30
1982-03-10:
"Verbündete in Frankreich"? Erst wenn wir zeigen können, daß wir notfalls mit unsern Problemen auch selber fertig werden, dürfen wir uns in diesem Sinne als bündnisfähig betrachten.
Vielleicht geht der Schub auch vorüber. Hinterher hat's sowieso keiner gewußt.
Vieles hängt ab von der politischen Großwetterlage.
Es ist sehr viel aufzuarbeiten, die täglichen Überraschungen sind zu interpretieren. Wer soll das tun? (10.3.82)
1982-04-06:
Etwas irritiert mich an Ihren Beiträgen: Wie kann ein Mann wie Sie, der Sie doch rational zu argumentieren pflegen, auf dieser antiamerikanischen Welle mitreiten?
Das verstehe ich nicht.
Die USA "unser Lebensfeind"?
Sehen Sie nicht das gleiche massenpsychologische Muster, nach dem in den fünfziger Jahren der genauso unreflektierte Antikommunismus die deutsche Kollektivseele bewegte?
"Wissen Sie", sagte mir in Flensburg ein Mann ganz treuherzig, "ich habe nichts gegen die Juden, aber ich kann ihnen niemals vergessen, daß sie uns Deutsche alle umbringen wollten."
Für den Hausgebrauch ist mir die "Friedensbewegung" schon liebgeworden.
An dem, was sie zu "fürchten" vorgibt, an ihren "Angst"-Inhalten, die sie in alle Welt hinausschmettert, glaube ich zu erkennen, was sie im Schilde führt. (6.4.82)
1982-04-20:
Wenn ich Sie richtig verstehe, liefe Ihre Politik, der inneren Konsequenz nach, darauf hinaus, die Bundesrepublik zu isolieren und zu teilen, d.h. den Norden vom Süden (sprich: von Bayern) zu trennen.
Es träte genau das ein, was nach meiner Beurteilung die Weltmächte im Sinn haben müßten, falls sie daran denken, sich aus Europa zurückzuziehen (vgl. kuckuck 33/34, S.52 - kkk).
Man konnte die Dinge von vornherein auch unter einem andern Blickwinkel betrachten - etwa so: Wer sagt denn, daß - zum Beispiel - die Politik Reagans seit Anbeginn nicht exakt die Reaktionen einkalkuliert, ja sie zum Ziele gehabt habe, die hier in Europas Mitte etwa in Gestalt der Friedensbewegung hervorgerufen (!) worden sind?
Wer so mit dem Säbel rasselt, will verhandeln.
Natürlich nicht mit uns, sondern über unsere Köpfe hinweg.
Robert Havemann ist (bzw. war) kein "Völkischer", auch kein sogenannter "Linker".
Havemann war ein Widerstandskämpfer, ein Antifaschist mit nobler Haftvergangenheit, ein Kommunist, der sich der "Friedensbewegung" wohlweislich nicht anschloß - weil sie ihm nämlich prinzipienlos erscheinen und damit politisch - zumindest potentiell - verdächtig sein mußte.
Ich stimme mit Havemanns Politik nicht durchweg überein; man müßte die Entwicklung der vergangenen Nachkriegsjahrzehnte im einzelnen durchgehen, um darlegen zu können, wo Havemann Illusionen nachhing, die ein Produkt falscher Einschätzung der politischen Kräfte gerade auch in seiner näheren Umgebung waren, und wo er grundsätzlich Richtiges formuliert, aber vielleicht zur falschen Zeit...
Wahrscheinlich nehme ich es mit einem Prinzip noch genauer als Havemann, dem der Klassenproblematik nämlich.
Von da her entscheidet sich für mich denn auch die Legitimität einer anderen Fragestellung.
Die sogenannte nationale Frage, die ich selbstverständlich genau wie Sie (und genau wie Havemann) nicht "ethnisch" begreife, sondern ganz praktisch, politisch, historisch (das heißt also auch und wohl vor allem sprach-, kultur-geschichtlich), ist beziehungsweise war in meiner Sicht nach dem Hitlerkrieg, der ja mehr und etwas spezifisch anderes als "Krieg", der ein zivilisationshistorisches Verbrechen gleichsam am heiligen Geist war, nur noch von solchen Kräften zu stellen, deren Hände sich nicht beschmutzt, deren Gedanken sich nicht verunreinigt hatten.
Havemann, hier als einer von wenigen Einzelnen genannt, war dazu berechtigt, denke ich.
Und als kollektive Kraft, als Schicht, als Klasse, da dachte ich natürlich ans Proletariat, das im Kampf gegen Hitler die ersten Opfer gebracht hatte, längst nicht wieder erinnerte Opfer.
Aber für die politische Praxis ist das erst einmal für lange Zeit zu den Akten zu legen.
Mit dem, was ich die "freiwillige Selbstfaschisierung" nenne, hatte ich nicht gerechnet, jedenfalls nicht in dieser ekelhaften Form, wie man sie in den letzten Jahren und Monaten erleben konnte.
Noch einmal: unter bestimmten gesellschaftlichen Bedingungen, bewußt in der Tradition der europäischen Aufklärung, des Humanismus, des verständigen Versuchs, nicht zuletzt über sich selbst Klarheit zu gewinnen - usw. usw., ich sage das hier alles ohne Schwulst, nenne nur ein paar Erkennungsworte -, wären wir selbstverständlich legitimiert, uns auch über die sogenannte nationale Prage zu unterhalten.
Aber jetzt geht das nicht mehr. Dafür ist die geistige Umweltverschmutzung zu weit fortgeschritten.
Es ging bei dieser "nationalen" Frage praktisch immer nur um die Vereinigung der nach45er Besatzungszonen Deutschlands, d.h. imgrunde um die Konsolidierung der Kriegsergebnisse.
Die Teilung ist ja kein Kriegs-, sondern ein späteres Nachkriegsergebnis.
Ausgehend vom Prinzip des Selbstbestimmungsrechts, dachte ich zunächst an das Recht der Ostdeutschen - und die wollten (und wollen) - keine Frage - natürlich mit uns "vereinigt" werden.
Doch, wie gesagt, ich vermag unter den heute gegebenen - gesellschaftsspezifischen - Umständen nichts dazu beizutragen (machtmäßig falle ich sowieso aus).
Sie erwähnen Adenauer.
Außenpolitisch war ich immer ein Anhänger seiner Politik (was von vielen nicht verstanden wurde).
Die Deutschen brauchen vor allem einen klaren Kopf.
Das heißt, sie müssen sich der Tradition des europäischen Westens, seiner Demokratien, zuwenden.
Nur unter den politischen Bedingungen der parlamentarischen Demokratie (es gibt in der Geschichte nichts Besseres bislang) hat die Arbeiterklasse eine Chance, zu sich zu kommen.
Es ist ja doch bezeichnend, daß die allgemein zu beobachtende Nazifizierung synchron läuft mit den Tendenzen und Unternehmungen, die Bundesrepublik aus dem Westen herauszulösen.
Das Bündnis mit dem Westen hat den Frieden nicht gefährdet, sondern gesichert in Europa: über dreißig Jahre lang.
Erst seit es hier wieder eine "Friedens- und Entspannungspolitik" gibt, reden die Leute von der akuten Kriegsgefahr.
Das "Bauch- und Zitzenvieh" (u.a.) habe ich Ihnen übelgenommen.
Mit der Sprache des Unmenschen fängt es an.
Ich möchte den nächsten Völkermord nicht vorbereiten; sondern ihn verhindern helfen.
Damit fängt's nämlich in den Köpfen an.
Es sind in den vergangenen zehn bis fünfzehn Jahren lebenswichtige Schwellen beiseitegeschoben worden.
So löst man keine Probleme, so potenziert man sie.
Ich bin auf der Seite jener indischen Frauen, die, wie berichtet wurde, die staatlichen "Familienberatungsstellen" (heißt: Verhütungsagenturen) aufsuchten, um sich zu erkundigen, wie sie mehr Kinder bekommen und sie besser pflegen können.
Von denen müssen wir lernen!
Ganze Frauengenerationen werden mittels Pille zu halbdepressiven und aggressiven Hormonkrüppeln manipuliert.
Genug.
Die Afrikanerinnen, die Asiatinnen und die Südamerikanerinnen machen das einfach nicht mit.
Aus China hörte ich: Frauen, die für ihr zweites und weiteres Kind Geldstrafen zahlen mußten, taten dies mit Freude: "Ich spiele lieber mit meinem Kind als mit einem 100-Yüan-Schein."
In diesen kleinen Alltäglichkeiten konstituiert sich eine Gesellschaft qualitativ.
Was bei uns angerichtet wird, wenn Frauen in Gegenwart ihrer Kinder über deren mißlungene Verhütung diskutieren...
Da wird mentaler Faschismus praktiziert und produziert...
Das ganze Geburtswasser, die freie Luft zum Denken: alles vergiftet.
Dagegen ist ein qualmender Schornstein ein Kinderspiel, das man mit einem kräftigen Wort einschränken könnte.
Nazis raus aus Deutschland - und wir hätten hier keine Bevölkerungs-, Wohn-, Über"fremdungs"probleme und dergleichen mehr.
Die Emigranten und ihre Kinder und Kindeskinder und Freunde und Genossen - sie seien eingeladen, in Deutschland zu siedeln.
Bei Eike Geisel las ich neulich (in seinem Buch über das alte Berliner Scheunenviertel): "Tausend galizische Juden, und die Straße wäre gerettet."
Die lebenden Opfer der Nazibarbarei und die Hinterbliebenen der Gemordeten: sie würden dann auch wieder die sogenannte "nationale Frage" stellen dürfen, falls es sie interessiert.
Vor allem aber müßten alle Türen und Fenster wieder geöffnet werden, damit der Geist Einlaß finde, den die Deutschen sich damals ausgetrieben hatten. Sie sehen, meine Hoffnungen sind schier unerfüllbar.
Zum Katholizismus:
Für mich ist wesentlich, zu unterscheiden zwischen der religionsphilosophischen, der geschichtlichen und der heute aktuell politischen Fragestellung.
Wenn die alten und neuen Nazis gegen Rom Front machen, bin ich auf seiten Roms - und zwar aus allen drei Gründen gleichermaßen.
Ich kann mich aus dem traditionellen Christentum nur mit klärendem Denken "erlösen" - nicht mit heidnisch-faschistischem Ahnenspuk, nicht einmal, so meine ich, auf dem Wege der sogenannten Reformation.
Entweder befreien wir uns, oder wir lassen es einstweilen - aber diese halben evangelischen und die falschen Nazischritte sind mir zuwider.
Politisch ist mir die katholische Kirche sympathischer wegen ihrer Internationalität, ihrer geistig-geistlichen (nicht ethnischen!) inneren Verbundenheit; ihr Horizont ist einfach weiter als der der protestantischen Landeskirchen.
Johannes Paul II. hat den Massenmord auf der Münchner Oktoberwiesn zum Anlaß genommen, das zu tun, was die Linken hätten tun müssen, aber nicht getan haben: der Toten und Schwerverletzten zu gedenken.
Vor allem aber: Zigtausende hörten ihm zu, als er sagte: Nie, nie wieder dürfe geschehen, was damals geschah in Europa.
Ja, sein antifaschistisches Bekenntnis auf deutschem Boden hat ihm hier viele Feinde beschert. Darum ist er, politisch, mein Mann. (20.4.82)
1982-04-25:
Starke separatistische Tendenzen beobachte ich seit vielen Jahren bei den Spiegel-Chauvinisten - mit gleichzeitiger Schuldabschiebung an die Bayern.
Manchmal glaube ich, daß sie dem Strauß anlasten: er tut nicht, was er in ihrem Sinne tun sollte: bayrischen Isolationismus betreiben.
Werfen ihm öffentlich natürlich das genaue Gegenteil vor.
Bayern weg, und dann evtl. so etwas wie eine Konföderation mit der DDR (vielleicht ohne Sachsen?).
Dadurch entstünden neue, genauer: wieder die alten Fronten, wie wir sie vor zwei-, dreihundert Jahren hier hatten: vor allem Nord-Süd-Konflikte stünden ins Haus.
Eine erhebliche Entlastung für die Russen auch.
Daß die Neupreußen sich mit dem Kleindeutschland schließlich nicht begnügen würden, ist für mich so sicher wie der zweite Schritt, den man nach dem ersten tun kann.
Auch Ihre Konzeption schafft tendenziell erst wieder die Voraussetzungen für innereuropäische Gewaltkonflikte.
Von besonderer Brisanz, weil man die Geschichte nicht zurückdrehen kann: es entstünde ein explosives Situationsgemisch aus Dreißigjährigem Krieg und den Kriegen, die ihm nachfolgten.
Methodisch wäre gerade das (allenfalls) möglich nach der Art Metternichs und seiner Zeit: mittels Täuschung, Druck, Intrigen.
Ich bin nun wirklich kein (Kriegs-) Mann Napoleons, aber sein Horizont ist mir sympathisch.
Apropos Frankreich.
Ich glaube nicht, daß es die Rolle noch zu spielen vermag, die Sie ihm zugedacht haben.
Es hat, fürchte ich, die Niederlage von 1940 und alles, was darauf folgte, nicht zuletzt die breite Kollaborationsbereitschaft, nicht verwunden.
Es gab in Frankreich eine Résistance - aber zu spät.
Und 80% von dem, was man hört, ist eine tapfre Legende.
Hinzu kam das Dilemma der Kommunistischen Partei, die erst einsprang, nachdem die USSR angegriffen worden war.
Bis dahin vertrat sie den Hitler-Stalin-Pakt und sah im Widerstand gegen Hitler einen konterrevolutionären Akt.
Ich denke, daß die Deutschen zuviel über die innere Misere des Landes wissen - aus ihrer Besetzerzeit. Frankreich ist da sicherlich immer auch erpreßbar - wie Holland, wie Belgien... (25.4.82)
1982-05-05:
Sobald Polen nämlich zu sich käme (das historische Pendant zu Frankreich, übrigens), würde sich das europäische Gesamtbild von Grund auf wandeln.
Die deutsch-russische Barbarei zielt auf die europäischen Köpfe...
Mit der völkisch getönten Friedensbewegung (in meinen Augen eine Kriegsbewegung à la 33) wird nun in der dritten Nachkriegsphase die Nachkriegszeit selbst liquidiert, die Naziideologie selber - in leicht modifizierter Form - wieder eingeführt.
Ich sehe seit dem Mauerbau, seit der Spiegel-Affäre (genau: der Reaktion auf sie) eine Strategie am Zuge, die auf eine eindeutige Restauration des NS-Staates aus ist.
Zu den bezeichnenden Vorgängen der siebziger Jahre gehörte die kulturpolitische Machtübernahme - in Fernsehen, Filmproduktion, Buchproduktion, Ausbreitung "alternativer" Publikationen.
... Daß - übrigens - die SPD nichts gegen die Nazis im Öffentlichen Dienst tat - ja, was hätte sie tun können?
Sie hätte ja auch ihre eigenen Nazis aus der Partei ausschließen - mit andern Worten: sich auflösen können.
Ich gab vor vielen Jahren, damals in der Sozialversicherung tätig, meine Pressearbeit bei der Gewerkschaft auf, weil man dort meine Artikel nicht mehr drucken wollte.
"Wir müssen schließlich Rücksicht nehmen auf die ehemaligen Nationalsozialisten in der ÖTV."
Ich nahm Rücksicht und ging.
Bevor ich ging, machte ich - so die Regel, es wiederholte sich nämlich, was ja auch eine Temperamentsfrage ist - einen kleinen Aufstand, aber was half's.
Zuletzt steht man immer allein da - eben weil es offenbar auch eine Temperamentsfrage ist.
Was sucht ein Mann wie dieser Griesmayr, der Nachfolger Alfred Rosenbergs werden sollte, in der SPD!
Was machte Helmut Schmidt nach dem 20. Juli 44 im Gerichtssaal Freislers?
War er nicht privilegiert? Er war es!...
Und jetzt?
Nehmen Sie ein x-beliebiges Schmidt-Porträt und malen Sie ihm einen Hitler-Schnurrbart ins Gesicht, Sie werden staunen!
Ich meine, in dem Schmidt (nicht in Adenauer) erkennen die Deutschen (wohl unbewußt) ihren "Führer" wieder.
Ich gehe davon nicht ab:
Es wird sich nichts ändern, nichts wesentlich ändern, solange sich nicht an der Basis - und zwar an der gesellschaftlichen Basis der arbeitenden, produktiv arbeitenden Proleten - Wesentliches ändert...
Die Arbeiterklasse muß intellektualisiert, die Intellektuellen müssen proletarisiert werden: für Deutschland geradezu undenkhar.
Darum haben immer wieder - genau wie in dem anderen rückständigen Land: Rußland - Kadertruppen ihre Stunde.
In Polen erleben wir vielleicht eine neue Qualität gesellschaftlicher Emanzipation.
Noch einmal: solange die Arbeiterklasse nicht frei, durch Selbstbefreiung - und das fängt in den Köpfen und Herzen an - frei wird, sind wir unseres Lebens nicht sicher.
Denn aus demselben Reservoir rekrutieren die Henker ihre Knechte.
Das macht die Klassenfrage zu einer zentralen Zukunftsfrage.
Bei dem Gedanken an Befreiung kommen wir weder an Marx noch an Freud vorbei - nur müssen wir selbstverständlich mit emanzipiertem Denken an die Dinge herangehen.
Die vorgedacht haben, sollen ja nicht uns das Denken abnehmen, sondern ihm bestenfalls eine Hilfe sein.
Sie erwähnen das Individuum, um dessen Rettung es Ihnen gehe.
Ich gebe dabei das Klassenproblem nicht auf (der Antagonismus ist schließlich nicht von denen verursacht, die sich befreien müßten, sondern von den Sklavenhaltern), denke immer nur an eine individuelle Befreiung.
... den Weg zu einer - Marx gleichsam weiterentwickelnden - proletarischen Individualität (vgl. kuckuck 1)...
Ich habe den Eindruck, daß Sie zu denjenigen gehören, die sich innerhalb des "Apparats" (ob Partei, ob Behörde, ob ob...) allzu lange allzu viele Illusionen machten.
Daran war aber nicht der Verfassungstext schuld, sondern die Verfassungswirklichkeit.
Gegen den deutschen Nationalismus einfach auf einen französischen (à la de Gaulle) umschalten zu wollen, halte ich jedenfalls für keine brauchbare Methode.
Vernünftige Leute waren noch immer - woher sie auch kamen - ihrer "Nation" enthoben, trafen sich letzten Endes in einem internationalen oder kosmopolitischen Himmel - des besseren Überblicks wegen, nicht um zu träumen, wo es zu denken galt, und zuallerletzt, sich der politischen Verantwortung zu entziehen.
Ein Glück, daß es die Neutronenbombe gibt. Überhaupt: die Epoche der Kernwaffen ist die Zeit des kleinen Mannes. Endlich haben auch die "Großen" etwas zu verlieren, wenn es ernst wird!
Zur Bekräftigung meiner Ansicht bezüglich "Überbevölkerung"...
Warum wollen Sie denn aber auch im Niltal oder in Kairo die Hosen runterlassen?
Das machen Sie doch auch nicht in Köln oder Hamburg oder Berlin, wo soviele Menschen auf der Straße unterwegs sind.
Das sind ja keine Argumente gegen meine These, die Geschichte von der Übervölkerung der Erde sei reine - bürgerliche, "weiße" rassistische - Propaganda.
In Libyen leben auf einem Quadratkilometer kaum zwei Menschen.
In China sind es kaum 80.
In Deutschland und Belgien kommen wir bereits auf rund 400.
Östrogen in der Babynahrung - zum Beispiel. Die (feministische?) Manipulation?
Vorsicht!
Wir sind in Deutschland.
Die einst in den Konzentrationslagern betriebenen "Forschungen" am Menschen sind wieder aufgenommen worden.
Auch das Thema "Euthanasie" ist schon wieder in der Öffentlichkeit.
Vorsicht!
Da werden Hemmschwellen beseitigt, Schleusentore gelöst.
Da sollen die Verbrechen von gestern legalisiert werden für morgen!
Hinter manchen Kämpfen gegen "alten Zopf" verbirgt sich blanke Perfidie aus den SS-Führungsstäben. (5.5.82)
1982-05-09:
Ich bin kein Katholik und habe auch keine Beziehungen zur Katholischen Kirche.
Wenn ich für sie ebenso wie für Bayern dann und wann "Partei" nehme, so vor allem wohl, weil ich hier in Preußen sitze.
Als Münchner oder Bamberger würde ich wahrscheinlich manches anders akzentuieren...
Im Moment sehe ich in der Katholischen Kirche die einzige Institution, die bestimmte essentials jeder Humanisierung nicht, und zwar grundsätzlich nicht in Frage stellt.
Die Kirche hat in der Nazizeit nichts gegen die kollektive Ermordung der Juden unternommen, nichts gegen den praktisch angewandten Rassismus, der außer den Juden andere Völkerschaften als "minderwertig" der Versklavung und Ausrottung buchstäblich zulieferte.
Sie hat etwas getan gegen die Euthanasie, grundsätzlich, aus ihrer Theologie heraus.
Bei Auschwitz war sie theologisch belastet.
Meine Kritik am Christentum setzt genau da an, wo die Kirche - ihrem theologischen Selbstverständnis nach - sich zu politischen Parteinahmen, Handlungen oder Unterlassungen womöglich veranlaßt sehen "mußte".
Die Reformation sehe ich insgesamt als mißglückt an, ihr fehlte das Niveau, die historische Weitsicht; sie führte zuletzt in nationale Religionen und Sektiererei.
Die mit der Reformation begonnene Zellspaltung des institutionalisierten Christentums hat ja bis heute kein Ende.
Eine Alternative zum katholischen Christentum ist nicht ein so oder so reformiertes.
Die Alternative ruht vielmehr in der vergessenen, verleugneten (und verleumdeten) Überlieferung.
Das Buch, das die Christen einst den Juden klauten, ist der Träger jener Kriterien, anhand derer das sogenannte Neue Testament nichtig wird.
Die innerchristliche Revolution besteht in der Besinnung auf Torah und biblische Propheten.
Der Haß auf den Vater, der Haß auf die Vaterreligion, und das heißt letztendlich: der Mord an den Juden, als den väterlichen Vorläufern der Christen, als den Trägern der Religion der Väter - ist für die christliche Sohnes-Religion gleichsam konstitutiv.
Es reicht nicht aus, daß katholische Priester vom Zölibat lassen wollen - das widerspräche der inneren Logik des Katholizismus ebenso, wie es - dem Neuen Testament nach - historisch-ontologisch widersinnig wäre.
Das weiß der Papst besser als die fortschrittlichen unter seinen Priestern.
Das ganze Christentum muß erwachsen werden, metaphorisch gesprochen:
Jesus muß sich ein Weib suchen, Kinder zeugen, der Legende abschwören, das Gesetz wieder aufrichten, Jude werden, Hebräer, Orientale.
So gesehen, ist das Patriarchat eine Utopie, die heute immer mehr in eine finstere Vergangenheit zurückgeschoben wird.
Es gibt hier keine Väter mehr, nur noch dumme Jungens, die den hilflosen Frauen statt auf die Schenkel auf die Schultern klopfen: Gegen die Unterdrückung der Frauen durch uns Dummköpfe! Recht getan. (9.5.82)
1982-07-03:
Ein Grundsatz vorab: Freiheit vor Sicherheit, am liebsten natür1ich beides zusammen.
Und beides zusammen ist gefährdet.
In Europa gingen die Gefahren in diesem Jahrhundert vom deutschen und vom russischen Imperialismus aus.
Die "Friedensbewegung" müßte sich also um 180 Grad drehen...
Gegen Diktaturen, Tyrannei, Unterdrückung, Lüge. Knebelung der Meinungsfreiheit, des Denkens und Handelns...
Wenn die europäische Geschichte überhaupt einen Sinn haben soll, dann sind diese Prinzipien der Freiheit und der Gerechtigkeit wieder in die Waagschale zu werfen - und zwar diesmal von den Untersten...
Nix Neutralismus, sondern revolutionäre Befreiung, aber mit den Erkenntnissen, den Erfahrungen dieses Jahrhunderts...
Nicht Schlagetots machen die Revolution, sondern der gesamtmenschliche Zustand muß sich revolutionieren, das fängt damit an, daß man sich überhaupt erst einmal klar wird auch über die Spiele, die so getrieben werden.
"... universels..." - aber selbstverständlich! (3.7.82)
1982-07-06:
Ihr Verdacht, daß da Nazis und Stalinisten usw. sich wechselseitig die Hände waschen bzw. kooperieren, wurde schon früher regelmäßig von Grézer geäußert: aber daß dieses Händewaschen und Kooperieren genau auf jenem "Dritten Weg" sich ereignet, der für Sie (etwa Achberg, ausgerechnet) offenbar als letzter Ausweg übrigbleibt, muß natürlich dazugesagt werden.
... Ihr so hochgelobter Mittelstand hat sich seit 33 allenfalls in der Farbe, im Stil, in der Sprache geändert - d.h. er hat sich den heutigen Gegebenheiten angepaßt.
Kritik an Marx, will sie authentisch sein, kann immer nur von der Klasse ausgehen, die er als revolutionäres Subjekt im Auge hatte, die er gleichwohl zu bevormunden gedachte. (6.7.82)
1982-07-11:
Ich frage mich, wie Sie mit Ihrem Konzept Erfolg haben wollen, wenn Sie an den Menschen bloß die Namen ändern.
Ob die Deutschen nun so heißen oder anders, desgleichen die Gegend, wo sie wohnen, die Leute und die Landschaft bleiben ja doch die gleichen.
Nur Öffnung der Grenzen, ja ihr Verschwinden gibt da eine Möglichkeit zum Besseren.
Sie finden das Sowjetsystem gar nicht so betrüblich.
Na denn.
Da werden die "Nationalitäten", die "Ethnien" aufrechterhalten wie bekloppt.
Ganz anders in den Vereinigten Staaten.
Und daß die Sowjets 45 als Befreier auftreten konnten, verdanken sie allein dem Verrat ihres einstigen Komplizen Hitler.
Gewiß, in Polen trieb der Antisemitismus unschöne Blüten. Aber in Polen war's immerhin, wo sich über Jahrhunderte hin eine jüdische Kultur entfalten konnte.
Natürlich hat die Arbeiterklasse nur recht, wenn sie recht hat, nicht von vornherein als "Arbeiterklasse".
Aber aufgrund ihrer Geschichte hat sie immerhin in der Theorie ein klein wenig die Chance, "recht zu haben".
Ihre natürliche Gegenklasse hat noch nicht einmal mehr diese Chance.
Daß das Industrieproletariat bisher nirgendwo die ökonomische Revolution auf seine Kappe nahm, hat möglicherweise gute Gründe.
Die Proleten werden sich hüten, die politischen Konzepte ihrer Ingenieure, Vorgesetzten usw. zu verwirklichen. (11.7.82)
1982-08-11:
Ich erinnere mich: Ulrike Meinhof hatte ich immer sehr ernstgenommen, und nicht nur sie.
Eines Tages wollten sie, im Geiseltausch, von Stammheim nach Nordkorea oder Jemen oder so ausgeflogen werden, da wußte ich, daß ich meine Sympathien verschleudert hatte.
Die einstige "Führer"-Dichterin und zeitweilige Demokratin, Luise Rinser, hat in ihrem Kim Il Sung einen neuen "Führer" entdeckt, und Ihr Roland Vogt hatte, noch ehe es ihn zu Ghaddafi zog, längst seine Schwäche für Gurus und Leitwallache offenbart.
Jetzt soll er sich wohl aus dem Bundesvorstand der Grünen zurückziehen, aber wenn man sich das Stimmergebnis genau ansieht: da liegt's also etwa fift/fifty pro und contra.
Bei Schily hatte ich schon lange keine Zweifel mehr, aber es ist gut, wenn eine größere Öffentlichkeit erfährt, wohin es die, die hier was bessern wollen, zieht.
Und die Startbahn-Trude (Schilling) findet den reichen und schicken Despoten jedenfalls attraktiver als den Parlamentarismus.
Direkte Demokratie, nennt man sowas, den kurzen Weg zum "Führer", ohne viel Umstand und demokratische Prozedur.
Außerdem hat der ja auch die Reise bezahlt.
Das sind Ihre politischen Freunde?!
Und die SA-Rabauken am Reagan-Tag, die "Berliner sind nur politisch entwickelter, sind in dieser Hinsicht die Bewußtseinsspitze der Friedensbewegung" (so Erich Knapp in erwähnter NP/VII/82).
Wie fühlen Sie sich eigentlich unter so vielen Völkischen Beobachtern?
In besagter NP-Nummer ist jedenfalls die VB-Schule kaum mehr zu überlesen.
Das macht unsere Korrespondenz so "rasant": der Widerspruch zwischen dem Privatmann und Briefschreiber Erich Knapp - und dem politischen Akteur und Demagogen gleichen Namens.
Aber vielleicht wollen Sie den Quatsch bloß auf die Spitze treiben, damit er abkippt.
Ich schrieb übrigens nicht "Desinformiertheit!", sondern Desinformation - in bezug auf Ihren Artikel neulich in den Studien... (6/82, Mai-Blatt - kkk); denn ich habe tatsächlich den Eindruck, daß da richtige Einzelheiten zu einem falschen Ganzen gebastelt, mit kleinen Fehlern versetzt und insgesamt dann mißinterpretiert worden sind.
Das ist, soweit ich politische Absicht dahinter vermute, natürlich eine Unterstellung.
Aber ich sag's Ihnen ja, Sie können mich notfalls korrigieren.
Das berührt überhaupt nicht meine Überzeugung, daß da ein Mensch am Werke ist, der, sobald er mit notorischen Wirrköpfen zusammengerät, an bestimmten Prinzipien festzuhalten versteht, obwohl die ganze Taktiererei im politischen Alltag selbst arg zur Verwirrung beiträgt, so daß es mitunter schon schwer wird, da noch genau durchzublicken.
Die Gefahr besteht, daß Erich Knapp hinter seiner eigenen Polit-Fassade verschwindet, nicht mehr als der wahrgenommen wird, der er eigentlich ursprünglich sein wollte.
Meine ewige "Klassenfrage" ist ja schon zu einer rhetorischen Figur geworden, auf die ich gern verzichten würde, aber wie kann ich das, solange es noch Leute gibt, die sich darüber ärgern?
Eben weil Sie recht haben, daß mit der sogenannten Arbeiterklasse nichts, bestenfalls aber ein "Staat" zu machen ist, andererseits aber ohne sie nichts wesentlich sich ändern wird, interessieren mich "revolutionäre" Konzepte, die sozusagen übers Literarische, "Geistige" hinausgehen, überhaupt nicht - allenfalls als mögliche Gefährdung so gedachter revolutionärer Aufklärung.
Dazu gehört nicht zuletzt auch die Klassenanalyse.
Auch der neurechte Putschismus mit dem "Links"-Image soll da nicht im Trüben (und Drüben) fischen dürfen.
Bundesrepublik hin, BRD her - nichts Besseres in Sicht momentan und Jahrhunderte zurück oder voraus.
GRAL ab nach Bayreuth...
Woher wissen Sie, daß es ein HJ-Komplott zwischen Ost und West nicht gebe?
Da sei Moskau vor?
Vielleicht fühlte es sich sicherer als jetzt...
Sie spielen nebenbei mit einem Brückenschlag Westeuropas, vor allem Frankreichs, über die Deutschen und die Polen hinweg nach Rußland.
Okay.
Zugleich schreiben Sie von einer notwendigen Anerkennung der Oktoberrevolution bzw. ihrer Früchte.
Steht (und fällt) aber nicht die Oktoberrevolution mit dem russisch-deutschen Brückenschlag?
Was ich nicht immer so sah, mir aber allmählich aufging bei genauerer Betrachtung der geschichtlichen Abläufe: die sogenannte Oktoberrevolution war in Wahrheit ein minoritärer konterrevolutionärer Putsch.
Die Revolution fand im Februar statt.
Und genau sie blickte nach dem Westen.
Lenin stellte imgrunde die alte Zarin-Zar-Rasputin-Brücke nach Deutschland wieder her.
Im Oktober wurden die jungen Keimlinge der russischen Demokratie zertreten.
Natürlich gibt es in den USA Rassismus, vielleicht mehr als in der Sowjetunion.
Aber in der USSR werden die Ethnien künstlich - von Staats wegen - am Leben erhalten...
Nicht zur Kapitalistenklasse zähle ich Sie, Quatsch. Sie persönlich will ich überhaupt nicht einordnen.
Aber politisch reden Sie sich rot-grün-links, sozialistisch bis ökologisch und wer-weiß-was-noch heraus aus der offenkundigen Mittelstandsposition DRITTER UnbeWEGtheit.
Dabei räume ich Ihnen durchaus die Rolle eines Hechts im grünen Karpfenteich ein.
Aber erstens weiß jeder Karpfen: der Hecht ist eine meiner Lebensbedingungen.
Zweitens: hinter der Unschuld der Karpfenmäuler wächst der Hai schon heran.
Das wissen die Karpfen wahrscheinlich nicht. Der Hecht muß es wissen.
Neutralität gibt es nicht.
Atomkraft ist ökologisch vernünftig.
Auf eine Katastrophe mehr oder weniger kommt es sowieso nicht mehr an?
Kalter Krieg sichert den Frieden.
Die Friedensbewegung (oder wie immer sie sich nennen mag) steuert auf Kriegskurs.
In ihrem Schoße wächst ein nächster und übernächster "Holocaust" heran.
Unter den Gasmasken dieser selbsternannten Feuerwehr grinsen die Brandstifter.
Major Karl-Heinz Triller-Hansen ist ein Scharlatan wie Ekkehart Krippendorff - keine aufrechten Demokraten haben wir da vor uns, sondern Feiglinge, die gegen die liberalen Amis motzen und vor den diktatorischen Russen den Schwanz einziehn.
Da sind Untertanen am Werk, die mit ihrer Freiheit nichts anzufangen wissen, deren Sehnsucht nach Zwang und "Führung" schier unermeßlich ist, deren blaue Blicke nach Kim Il Sung oder Ghaddafi schmachten - in Ermangelung eines nationaleigenen Obergurus.
Die Giftmischer als basisdemokratische Schüsselreiniger und Transformatoren des Parlamentarismus...
Ein paar wildgewordene Kleinbürger sehnen sich nach Zucht und Ordnung, lechzen nach der Knute...
Friedensordnung.
Ruhe und Frieden und Ordnung.
Ruhe und Ordnung.
Nieder mit der Republik!
Ran an die Basis, ans Volk, ans deutsche, an seinen Seelengrund, den antidemokratischen, majoritären, minoritären, wer weiß.
Blut & Basis.
Die Blutblasen der Demokratie...
Reicht es?
Die Sonne kommt eben wieder hervor. Ich habe doch allerlei Gewölk mir vom Herzenshimmel geschrieben.
Privat, wie gesagt, als zorniger Schreiber, literarisch, korrespondierend, da sind Sie mir sympathisch; aber wo Sie Ihren politischen Alternativ-Stuß vortragen - gräßlich...
Na ja, denke ich mir, vielleicht macht er sich nur seinen Jux, vielleicht ist das alles bloß Theater.
Der Mann ist ja viel zu klug, um es nicht besser zu wissen.
Vorsorglich hatte ich den kuckuck für "Kunst, Literatur..." und so weiter konzipiert, man konnte ja nie wissen... Wie gut. (11.8.82)
1982-08-11:
Ihnen politisch gerecht zu werden, ist wirklich schwer.
Oder viel zu leicht, wenn man Sie nur von Ihren friedensgrünen Veröffentlichungen (etwa in der Neuen Politik) her kennt.
Fangen Sie jetzt bitte nicht wieder mit Ihrem Ethnismus an, der steht hier nämlich gar nicht zur Debatte.
Es geht um die Spezifität (nämlich die demokratische Qualität) der politischen Auseinandersetzung, um ihren rationalen Gehalt, ihre Glaubwürdigkeit...
Der widerliche Zustand der Prolet-"Klasse" ist nicht zuletzt darauf zurückzuführen, daß es so viele Aufsteiger gibt.
Schaun Sie sich die Parteien und Gewerkschaften und sonstigen Bürokratien an: wieviele ehemalige Arbeiter oder Arbeiterkinder darunter.
Wären die alle "unten" geblieben...
Wenn die "Köpfe" alle davonlaufen - was bleibt dann übrig?
Es ist eben ein Irrtum, zu glauben, die "Klasse" komme zu politischer Macht, wenn ihre "Besten" sich an die Schalthebel setzen.
Das Regieren sollte man einstweilen den (Groß-) Bürgerlichen überlassen, das Regieren und die damit verbundene Verantwortung.
Bis es überflüssig wird.
Dadurch, daß die Menschen "unten" reif und erwachsen geworden sind. Jede Manipulation ist da von Übel. (11.8.82)
1982-08-24:
Wer eine Waffe auf mich richtet, will mich wahrscheinlich damit bedrohen.
Ich sollte mich dagegen wehren.
Pershing II richten sich, wie ich las, gegen Moskau. Es ist vernünftig, wenn Moskau sich dagegen wehrt.
Aber die Pershings stehen noch gar nicht. Hingegen aber die SS 20, die sich auf mich richten. Es wäre also vernünftig, sich dagegen zu wehren.
Aber wie? Soll ich die Raketen übers Knie brechen? Soll ich auf die Straße gehen? Eine meiner Kuckucksweisheiten lautet: Massen bewegen nichts, Massen werden bewegt. Ergo?
Ich weiß, daß ich hilflos bin, ich mache mir über meine Ohnmacht keinerlei Illusion. Macht habe ich bestenfalls über mich, über mein Denken, über meine Sinne, über mein Handeln. Ich werde versuchen, darin autonom zu bleiben.
Eine Faustregel: mehr als fünf Menschen auf einem Haufen oder eines Sinnes - schon besteht die Gefahr einer Hysterisierung.
Sie wissen doch, sobald der Geist auf die Straße geht, wird er Ungeist. Wenn alle verrückt spielen, will ich beiseitetreten und mir das Theater ansehn. Indem ich das tue und über meine Einblicke nachdenke und meine Gedanken aufschreibe, verändere ich am Zustand der Welt nur ein winziges Körnchen zur Wahrheit hin, vielleicht - aber unermeßlich mehr als die Statisten auf der Straße, in Organisationen... (24.8.82)
1982-08-25:
Grüner Frieden... Wenn ich Ihnen sage, das sei Krieg, so bestreiten Sie es, um es ein paar Sätze später dann doch zu bestätigen.
Ich sage, das ist ein großangelegter Schwindel. Die Friedensbewegung ist eine Kriegsbewegung und im übrigen nur die sichtbare Spitze eines Eisbergs. Und da fragen Sie mich, warum ich mich nicht daran beteilige!
Sehen Sie mal: das Erdgas-Röhren-Geschäft... Für wen Sie da mobil machen.
Als der Ludendorff dem Lenin aus der "Abwehr"-Kasse Geld gab und die Reichswehr die Rote Armee aufbaute, da wusch halt eine Hand die andere...
Die Anwendung dieses Modells können Sie immer wieder entdecken - ob in Deutschland oder der Dritten Welt.
Auch Ihr Ägypten war so ein Beispiel.
Und "Nichteinmischung in die inneren Angelegenheiten" bedeutet dann immer: Wenn Du meine Leute in Deinem Land killst oder einsperrst, will ich mich nicht einmischen. Und das auf Gegenseitigkeit.
Natürlich gibt's bei den Grünen auch vernünftige Leute, aber das sind meist die Mitläufer, die gar nicht wissen, wo sie an Bord gegangen sind.
Wenn ich so sehe, wie stark bei den Initiatoren und Ideologen der Anteil der Militärs, der Nachrichtendienstler, der Leute aus dem diplomatischen Dienst ist, dann denke ich natürlich eher an organisisierte Konterrevolution als an irgendetwas anderes, nicht wahr.
Und eben weil der Grüne Frieden so ein bißchen links und ein bißchen rechts gestrickt ist, so von rot zu braun hin changiert, in den verschiedenen Abtönungen, die regional, von Fall zu Fall, opportun erscheinen mögen, weil er eben allen was verspricht: dies Schillern, dieses Reflektieren auf den verdrückten Spießer aus allen politischen und unpolitischen Himmelsrichtungen, dieses demagogische Spekulantentum - das eben läßt auf seinen im Kern faschistischen Charakter schließen.
Stammheim. Ja, wissen Sie, das war eine merkwürdige Sache.
Mir erschien es wie eine Geiseltötung, nachdem der Schleyer umgebracht worden war.
Aber weil das alles so merkwürdig, weil das so einen schwarzen Schatten auf die Bundesrepublik warf, sagte ich mir, Holzauge, sei wachsam, da wurde dran gedreht, aber nicht unbedingt von denen, die jetzt plötzlich in Verdacht gerieten.
Wenn es eine Killertruppe gab, so mußte man die möglicherweise unter den falschen Freunden der Getöteten vermuten.
Und daß man sich derer nicht weiter annahm, hatte diesen schlichten Grund: die waren inzwischen viel zu stark geworden, an die wagte sich keiner mehr ran.
Mit denen mußte man sich mittlerweile arrangieren.
Auch Willy Brandt mußte das sehr schnell erkennen.
Die von Ihnen erwähnte resignative Haltung war sicherlieh ein Zeichen dafür.
Da sollte der antifaschistische Demokrat die faschistische Restauration einleiten, decken, salonfähig machen.
Nun gut.
Es gibt andere Interpretationen.
Die europäische Sozialdemokratie von Kreisky über Nenning bis rauf zu Palme, von da wieder runter bis nach Libyen.
Daß Ghaddafi von Schweden modernste Technologien (elektronische Ausrüstungen) erhält, ist viel zu wenig bekannt.
Und Schweden hält sowieso still, sonnt sich im Scheine friedlicher Vernunft und Neutralität.
Mir ist das alles nicht durchsichtig genug.
Sie schreiben: die USA brauchen Krieg, um die osteuropäischen Märkte aufzubrechen usw. oder so ähnlich.
Wissen Sie, zugleich fragen Sie mich, in welcher politischen Perspektive ich bzw. der kuckuck arbeite oder so ähnlich.
Ich sag ja immer wieder: alles vergessen, was gelehrt wurde, und dann den kuckuck lesen.
Ganz einfach: Wer schreibt, ist der Wahrheit verpflichtet. Sie allein ist revolutionär.
Wahr ist, daß die Sowjetunion den Frieden verloren hat. Wer den Frieden verliert, sinnt auf Krieg. Aber das ist in großem Maßstab nicht mehr so einfach. Objektiv, meine ich das: die UdSSR braucht Krieg: aus wirtschaftlichen, ideologischen, sowohl innen- wie auch außenpolitisch und vor allem bündnispolitisch sich auswirkenden Gründen.
Aber natürlich "will" die Sowjetunion keinen Krieg, jedenfalls keinen großen.
Sie befindet sich sicherlich in einem ernsten Dilemma - viel ernster als etwa die Krisen hier bei uns im Westen.
Das Interessanteste am kuckuck sind die Korrespondenzen, da spult sich so allerlei ab, was einen dann wieder auf neue Gedanken bringt. Ich wollte schon immer mal eine neue konkrete Klassenanalyse zusammen mit einer neuen Definition des Faschismus-Begriffs veranstalten, habe das immer wieder verschoben oder nur so ein paar Ansätze ausgestreut im kuckuck.
Meinem Denken liegen ja nicht irgendwelche politischen Zwänge oder Opportunitäten zugrunde, vielmehr ist es doch so, daß meine politischen, mehr oder weniger inkompetenten, Aussagen auf Denkergebnissen beruhen, daß sie also die bescheidenen Konsequenzen darstellen aus meinen schüchternen, sagen wir mal, Wahrheitserforschungen.
Ich mache mir da gar nichts vor, sehe, höre, urteile.
Faschismus. Ich glaube, der Kernfehler in seiner Definition besteht in seiner Identifizierung als angebliche Höchstform des spätkapitalistischen Systems.
Ich halte diese Definition für ein "marxistisches" Entgegenkommen in der Theorie, das es der Sowjetunion möglich machte, den Nazismus anfänglich als "revolutionär" einzuschätzen, ihn sich als Bündnispartner ideologisch zuzubereiten.
In Wahrheit waren ja sämtliche faschistischen Systeme - in Italien, in Deutschland, in Japan - an ganz anderen Merkmalen zu erkennen: sie waren der organisierte Ausdruck aufstrebender, nationalkapitalistischer, industriekapazitärer Mittelmächte gegen den imperialen Hochkapitalismus.
Sie sind's auch heute.
Auch die Sowjetunion stellt so ein System dar ("Sozialismus in einem Land").
Ihre längere Lebensdauer gegenüber den deutschen, italienischen, japanischen Faschismen verdankt sie einmal dem Verrat ihres Komplizen Hitler und zum andern der ideologischen Schizophrenie, die sie jedenfalls - bedingt durch historische Umstände, die sie unverhofft auf die "richtige" Seite katapultierten - länger durchgehalten hat.
Der faschistische Charakter ihres Herrschafts- und Unterdrückungssystems konnte vor allem im Lichte einer humanen und vernünftigen Theorie, wenngleich längst zur ideologischen Lüge verkommen bzw. eben dadurch, immer wieder als Auswuchs oder das Werk eines Mannes (Stalins oder Berijas oder...) hingestellt werden.
Die alte Herrschaftsweisheit, immer das Gegenteil von dem zu tun, was man sagt, wurde da jedenfalls konsequenter befolgt.
Hitler und seine Mitdummköpfe waren einem solchen System nicht gewachsen, auf längere Sicht.
Ihre Nachfolge-Spätlinge haben aber dazugelernt.
Im Verhältnis zum US-Kapitalismus ist das alles reaktionür, selbst der Internationalismus der sogenannten sozialistischen Staaten hat sich längst als hegemonialer Nationalismus entpuppt.
Tatsächlich sind ja auch sämtliche Emanzipationen innergesellschaftlicher Natur von Amerika ausgegangen.
Die Sowjets laufen den Amerikanern nach, aber der Abstand hat sich vergrößert, vergrößert sich immer mehr.
Die USSR ist ein hochgerüstetes Entwicklungaland, das seine Widersprüche nur ideologisch und expansionistisch überbrücken kann, d.h. mit Lügen und mit Gewalt.
Wie alle Faschismen.
Kapitalismus. ... vieles spricht dafür, daß die spezifisch deutsche Wirtschaftskrise (und des weiteren die europäische) weniger auf kapitalistische Zyklen als auf nationale Autarkiebestrebungen zurückzuführen ist, die jene Zyklen gerade stören. Also auf antikapitalistische Staatseingriffe.
Vielleicht fördern das die Amerikaner, weil ihnen ein freies, demokratisches, aufgeklärtes und zudem wirtschaftlich starkes Europa als Konkurrent auf allen Gebieten gefährlich würde.
Die Empfehlung, diese Ostfriedenspolitik in Gang zu bringen, kam ja wohl seinerzeit aus den USA.
Aber Amerika ist groß und vielfältig in seinen politischen Artikulationen, Interessenlagen usw..
Was mich an den USA immer wieder beeindruckt hat, ist die Fähigkeit, die größten Probleme, schwierigsten Krisen demokratisch und unkonventionell zu lösen.
Wo wäre eine innergesellschaftliche Bewegung denkbar wie die amerikanische gegen den Vietnam-Krieg, gegen Watergate.
Selbst die schweren Rassenunruhen (" ") sind auf amerikanische Weise politisiert worden...
Ich sage nicht, daß das nun alles vom Tisch sei, aber die Integrationsfähigkeit ist doch immer wieder erstaunlich.
Ich hatte früher auch die Einstellung, die Amerikaner, sympathisch, okay, aber imgrunde doch politische Kinder, längst nicht so reif wie wir Europäer mit unseren jahrhundertealten Erfahrungen.
Damals war ich selbst noch nicht reif.
Das Gegenteil ist nämlich wahr: Amerika ist ein Produkt europäischer Geschichtserfahrung seit Anbeginn. Die Erwachsenen wanderten damals aus. Die Kinder und Halbstarken sind hiergeblieben.
Der römische (und katholische) Internationalismus ist offenbar die einzige Kraft in Europa, die ein bißchen dazugelernt hat.
Johannes Paul XXIII.* ist kein "klerikalfaschistischer Mafioso" (Knapp), sondern ein ehrenwerter Antifaschist und Mentor gewaltfreien Widerstands.
Von dem in Aussicht stehenden römisch-britischen Bündnis verspreche ich mir noch einiges an - im übrigen unbegründeten - Hoffnungen in Hinsicht auf Horizonterweiterung.
Während die Befreiung aus dem Katholizismus in bzw. nach Amerika (Nord) gelang, ist dieselbe Befreiung in Europa in Gestrüpp und blutverschlammtem Boden steckengeblieben.
Oder ganz anders: wer Blut und Rasse in sich hatte, der ist rechtzeitig abgehauen vor Jahrhunderten. Die Zurückgebliebenen (!), na ja, die "forschen" nun immer noch und wieder nach "Blut" und "Rasse"...
Ja, diese Dünnblütigen, Farblosen, sie werden uns noch viel zu schaffen machen.
Es sind nämlich die Manipulierbaren, die Attrappen, die Überdressierten und Überangepaßten, die peinlichst Unterdrückbaren...
Ja, Herzblut und dann noch den Kopf gut durchblutet, das wäre schon mal was.
Was brauchen wir, eine "neue Aristokratie", Sie "Selbstbestimmungsdemokrat"?
Gab's da nicht mal einen reaktionären Ideologen (de Maistre), Gegenrevolutionär par excellence, der unter Autonomie und Souveränität immer nur die der Herrschenden und Tonangebenden verstand?
Aber abgesehen davon, daß ich wohl weiß: im grünen Neo-Konservatismus und Alt-Muff grassieren derlei "Elite"-Vorstellungen.
Meist meinen diese Vor- und Schausteller sich selbst, wenn sie von "neuem Adel" und dergleichen sprechen.
Nun fangen Sie auch damit an.
Wen meinen Sie?
Was mir da bis heute über den Weg lief, ich meine, ich kenne da noch ein paar mehr, und das hat mich ja so größenwahnsinnig gemacht: Schenke gegenüber schätzte ich das Verhältnis einmal mit ca. 1 : 300 ein.
Vielleicht ist das in Deutschland nicht einmal nötig in solchem Ausmaß.
Aber die Eliten, die wir hier haben, ich würde sagen: mein Enkelsohn Alexander (schwarzbraune Augen und schwarzbraunes Haar), der Junge ist jetzt sechs, ich denke, ich überfordere ihn nicht, wenn ich ihm sage: nach der Schule, aber noch vor dem Mittagessen, bürste die mal alle ab. Den Rest, falls noch was bleibt, mach ich dann im kuckuck.
Mal so: daß es mit der westdeutschen Demokratie so schiefgegangen ist, das liegt eben daran, daß das Volk noch dümmer ist als seine Eliten. Und daß es von denen, die Sie etablieren helfen wollen, schon vielzuviele gibt, ob etabliert oder nicht. Auf Ihrem Rezept steht kein Heilmittel, es ist der Name der Krankheit. Aber Sie haben ja nun den kuckuck kennengelernt, Sie können also hoffen.
Zu Ihrem Vergleich: Manch ein Auschwitz-Häftling wäre gern nach Stammheim gegangen, lieber als zu Franco nach Spanien.
Was für eine Sprache: "... wenn sichs um einen kranken Gangster handelt, die Schusternadel ins Herz!" Und was machen wir mit denen, die sich von ihm haben anstecken lassen?
Sie verwenden das Bild vom kranken Gangster für die Charakterisierung der "faschistischen" Bundesrepublik.
An anderer Stelle behaupten Sie, wie sarkastisch auch immer, auch Hitlers Nazireich war "demokratisch".
Wenn alle Katzen grau sind, muß es wohl Nacht sein. Darum meine ich, daß ein bißchen Licht nottut. Irgendwann geht die Sonne sowieso wieder auf. Darauf kann man sich einstellen.
Ich möchte jedenfalls nicht, daß wir da völlig aus der Gewohnheit kommen, nur weil der Norden uns neben der Finsternis auch noch so viele Wolken beschert.
Wer nicht bereit ist, für seine Freiheit einen Teil seiner Sicherheit zu riskieren, verdient weder Freiheit noch Sicherheit. So ähnlich steht es bei Benjamin Franklin.
Der "Frieden", von dem Sie immerfort reden, ist ein Fetisch. Das sagte ich schon vor zehn Jahren dem Schenke (und ich schrieb es wohl auch irgendwo in der NP).
Natürlich bin ich für den kalten Krieg, weil er den heißen verhindern hilft.
Kalter Krieg, das ist die geistige Auseinandersetzung, ist Kampf der Geister, der Argumente - mit der seltenen Chance, daß die besseren sich durchsetzen, kalter Krieg ist ein demokratischer Meinungsbildungsprozeß im gesamteuropäischen und globalen Maßstab. Wer diese Auseinandersetzung fürchtet, wird wissen warum.
Nur für ihn bedeutet Kalter Krieg: wenn das so weitergeht, muß ich aufgeben oder einen heißen anfangen.
Es war schon immer ein "Schicksal" Europas, sich mit Despotien herumschlagen zu müssen. Die kommen und gehen. Und dann kommen neue.
Daß der "Langfristplaner des Kapitalismus" der Vatikan sei, das mußte nun auch noch von Erich Knapp kommen, der sich mehr und mehr Lorbeeren verdient auf dem Felde der Gegenaufklärung.
Neuerdings erlebe ich Sie schon als antichristlichen Jesuaner, der seine Blicke nach Kaschmir richtet, wo der scheintote Jesus auf den großen Zusammensturz wartet. Offenbar sind ihm die vielen kleinen noch nicht genug.
Haben Sie das aus dem kuckuck (vgl. Die Scheintode des Herrn X von Peter Schnetz in Heft 31/32 - kkk), oder sind Sie einer Sekte beigetreten?
Wollen wir nicht mal zusammen ein Buch schreiben - zwei Versionen oder Variationen oder auch mehrere Versionen und/oder Variationen eines beliebigen oder auch nicht so beliebigen Themas?
Sie stellen mich auf den Kopf und ich Sie auf die Beine oder umgekehrt... - Wenn Sie recht haben mit Ihren Hoffnungen, dann habe ich auch recht mit meinen Befürchtungen... (25.8.82)
1982-09-08:
Sie sehen in der NATO (und im westlichen Bündnis überhaupt) eine Lebensbedingung für die NAZis in der Bundesrepublik.
Ich sehe darin gerade eine Fessel für sie.
Hätten Sie recht, wäre ich auf Ihrer Seite. Aber die Tatsachen sprechen gegen Sie. Die Ultrarechten wollen raus aus der NATO. Und - vor allem: die deutsche Schwerindustrie ist ganz offensichtlich ebenfalls daran interessiert. Das westdeutsche Kapital scheint doch in den letzten Jahren im internationalen Konkurrenzkampf ganz schön fußkrank geworden zu sein.
Mit den Sowjets ist das wohl so: Sie unterschätzen sie, fürchten sie aber, darum rennen Sie immer vorneweg und schreien: Nieder mit den Amerikanern!
Ich unterschätze die Russen nicht, aber ich fürchte sie nicht.
Wahrscheinlich müßten die sich sowieso erst einmal bis zum Atlantik müdelaufen, um endlich zur Besinnung zu kommen...
Schade, daß die Russen gar nicht gemerkt haben, was uns hier fehlt. Sie denken, ihnen fehlt was, nämlich das Preußische. Und die da ein bißchen was geworden sind, verachten das Volk.
Ihr Atomkrieg interessiert mich nicht. Der Weltuntergang interessiert mich auch nicht. Mich interessiert die gesellschaftliche Atmosphäre, der innere Zustand, also solche Qualitäten spezifischer Art. Faschismus oder Nichtfaschismus - darüber sagt mir dann etwas dieser innergesellschaftliche Zustand. Die Deutschen kommen immer wieder mal in Fieber, wenn ihnen ein Floh ins Ohr gesetzt wird.
Der durch das "links"-rechte Kurzschluß-Komplott verursachte Kabelbrand bereitet mir jedenfalls mehr Sorge als die Neutronenbombe.
Übrigens: Faschismus oder nicht, das ist keine Frage nach Vereinigung oder Nichtvereinigung mit der DDR.
Die Konföderation (Hamburg-) Bonn-DDR (ohne Bayern) ist ja eine alte Chose. Aber wenn ich nun schon für Selbstbestimmung bin, dann für alle, und Sie werden mal sehen, wie geschwinde die DDR nicht mehr da ist und die dortige Bevölkerung die Mauer einreißt.
Dann werden die Hiesigen natürlich wieder schreien (wie früher, als die Flüchtlinge herüberkamen, oder jetzt mit den Gastarbeitern), ihr nehmt uns bloß unsere Arbeit weg usw..
Ja, ich würde Ihnen ja gern einen Vorschlag machen, wie es weitergehen soll. Wenn Sie recht haben damit, "daß wir demnächst alle zugrunde gehen"...
Ich verstehe nicht, warum Sie sich dann noch so aufregen!
Wenn wir sowieso alle zugrunde gehen, sollten wir uns das Leben so lange noch ein bißchen lebenswert machen. Sterben müssen wir sowieso alle einmal. Von wem ist das schöne Wort: wenn ich wüßte, daß morgen die Welt untergeht, würde ich noch heute einen Baum pflanzen.
Hat Ihre Untergangsstimmung mehr instrumentellen Charakter, sozusagen als Erklärung für Ihre politischen "Konsequenzen" daraus? Oder hat sie was mit Ihrem Buddhismus zu tun?
Ich meine, meditative oder kontemplative Übung, denn darauf kommt es ja an, auf die Übung: da sollte ein Meister sein Nirvana erreichen in Seligkeit noch vor dem Untergang.
Die Mischung mit dem Hinduismus, die Sie vorschlagen, besagt ja nichts anderes, als daß alles imgrunde beim alten bleiben solle...
Diese Kasten- bzw. ständische Ordnung - was hat das mit Revolution zu tun? Es sei denn, sie käme von Ernst Jünger.
Und das Nichtwiederkehrenmüssen - der endgültige Abtritt - wäre ja wohl das Höchste vom Erreichbaren.
Auch Ihr Hinduismus-Buddhismus läßt mich erstaunt fragen: Was haben Sie eigentlich gegen den Atomuntergang einzuwenden?
Die große Kirche ist für mich eine politische Institution. Wie Sie mit dem Teufel sich verbünden würden gegen die NATO, so habe ich mir einstweilen diese Kirche erwählt gegen die nordische Restauration; als historischen Bündnispartner, wenn Sie so wollen.
Bei Johannes Paul (XXI)II* sind Sie aber hochgeschnellt - wie ich bei dem Woityla. Ich habe mich gewundert, daß Sie diese spiegelfaschistische Sprachregelung sich zu eigen gemacht hatten. Ich finde es jedenfalls interessant, daß solche Mätzchen wieder mal Anwendung finden, da es sich doch um einen polnischen Papst handelt.
Pacelli-Papst hat keiner gesagt.
Ich finde, diese ganze Geschichte hat inzwischen was äußerst Komisches an sich. Man sollte sich das nicht entgehen lassen. Nur leider sind die Deutschen ja so humorlos, daß sie solche Situationen in ihrer ganzen Kuriosität gar nicht wahrnehmen, und wenn, sie nicht darüber lachen könnten.
Für eine Literatur der neuen Heiterkeit hat sich da eine Goldgrube aufgetan. Ich bin noch nicht so weit. Ich wollte schon vor zehn Jahren nur noch harlekinische Geschichten schreiben, aber ich bringe dann doch meist auch gleich wieder so einen Bierernst mit ein, daß ich den Spaß hernach ganz vergessen habe.
Wie ist das eigentlich, wenn jetzt der kuckuck dem russischen Bären den Schnabel zeigt, muß ich damit rechnen, daß der hier einmarschiert oder seine Raketen auf die Skalitzer Straße einstellt?
Das haben die bürgerlichen Revolutions-Avantgardes natürlich niemals begreifen können, daß die proletarische Geschichte sie einfach rechts liegen lassen würde. (8.9.82)
1982-09-18:
Ich habe etwas dagegen, daß wir den Leuten in der sogenannten Dritten Welt vorschreiben, wie sie mit ihrem Nachwuchs umzugehen haben.
Ich vertrete allemal die freie Entscheidung des Einzelnen, wehre mich aber gegen eine Massenpropaganda, deren sozialpsychische Folgen noch gar nicht abzusehen sind.
Ebenso spreche ich der Kirche das Recht ab, den Leuten da dreinzureden, dazu hat sie ihren moralischen Kredit schon zu lange verspielt. Aber ich halte es für eine typisch europäische Frechheit, den Hungernden Verhütungspillen zur Sanierung der chemischen Industrie in die Dörfer zu schicken, statt sie sattzumachen.
Nachtrag zur Kindestötung:
"Aber selbst ein Deutscher sollte doch schon einmal, neben dem Wort Nirvana, gehört haben, daß jedes Lebewesen heilig ist?" (Knapp). Da scheint mir der Buddhist heilen zu wollen, was der katholisch-antikatholische Entwicklungshelfer eben angerichtet hat.
Buddhismus ist was für Junggesellen - insoweit natürlich die totale Bevölkerungspolitik in modischem Sinne.
Aber warum wollen wir die Menschen in Asien belehren, wo sie doch aus eigenen Brunnen schöpfen können?
Aber politisch ist der Buddhismus sicherlich in seiner geografischen Heimat eine Macht, wie das Kirchenchristentum eine politische Macht ist in Europa.
Es ist richtig, was Sie sagen: die schlimmsten - faschistischen - Antikatholiken waren selbst Katholiken: Goebbels, Hitler, Kaltenbrunner, Eichmann usw..
Wenn nun zum Beispiel die Anthroposophen so etwas wie eine fünfte Kolonne des Vatikans wären, mit der zwar und möglicherweise der gegenwärtige Papst nicht eben auf gutem Fuße, aber doch immerhin in geistlicher Verwandtschaft lebte?...
Damit wir uns nicht mißverstehen: es müssen nicht unbedingt und vor allem nicht allein die Anthroposophen sein.
Eine vatikanische Doppelstrategie - nicht von schlechten Eltern. Wie finden Sie das?
Oder anders, da Sie ja natürlich schon selbst darauf gekommen sind: kommt's da irgendwann zum gewissermaßen traditionschristlich antithetischen Umschlag?
An ein pures Spiel, rein experimentell, möchten Sie wohl auch nicht glauben, oder?
Es gibt gewisse - propagandistische - Tendenzen, die Sowjetunion militärisch zu "unterschätzen"...
Ob der Atomkrieg droht oder nicht droht: glauben Sie denn im Ernst, daß das, was Sie als politische Therapie dagegen empfehlen und praktizieren, überhaupt irgendetwas damit zu tun habe?
Die Panikmache hat nur eine, und das ist wohl auch die einzige relevante Erfolgsaussicht: nämlich die Leute verrückt zu machen.
Sie verwechseln spießergeborene Verrücktheiten mit Revolution. Es geht doch nicht um Zeitvertreib für gelangweilte Privilegierte, sondern um Befreiung der Benachteiligten...
Wahrscheinlich ist die ganze "Friedens"-Geschichte aber längst abgelaufen.
Ich vermute, da sind so viele Friedensströme zusammengeflossen zu einem Riesentümpel undurchsichtiger Suppe (aus der die Schwimmer sich allenfalls retten können, wenn ihnen der sechste Sinn politischer Weisheit zu Rate steht), daß das allgemeine Durcheinander momentan auch noch sehr gut davon ablenken kann, daß schon ganz andere Quellen angebohrt sind. Auf Wiedersehen im Jahre 1991, vielleicht. (18.9.82)
1982-09-29:
Ich bleibe dabei: der einzige Krieg, den der kleine Mann, die kleine Frau und die Kinder nicht zu fürchten brauchen, ist der Große Krieg - jedenfalls brauchen sie sich um den nicht zu sorgen.
Fragen Sie mal die Überlebenden des Beiruter Massakers.
Weltrevolution.
Versuchen Sie mal, die "realsozialistischen" Staaten als vorkapitalistisch zu werten, die Staaten der "Dritten Welt" möglicherweise als "vorsozialistisch": und wenn Sie dann zuschaun, wie da immer die einen den andern nachlaufen, dann wissen Sie auch, wo die alle hinwollen: zum US-Kommunismus.
Die historische Überwindung des US-Imperialismus (Gott segne ihn!) ist eine inneramerikanische Angelegenheit...
Als Dialektiker müßten Sie in der Tat sagen: Strauß an die Regierung in Bonn. Das schafft neue Tatsachen, das mobilisiert die Linken, wäre eine echte Chance für die Konstituierung einer proletarisch basierenden ganz neuen Linken...
Die Grünen sind bei aller Motzerei doch nur kleinbürgerliche Weichmacher, die im Wald so laut pfeifen, nicht, weil sie den sauren Regen... fürchten - sondern die Arbeiterklasse.
Was meinen Sie wohl, warum der Augstein den Strauß so verteufelt seit Jahrzehnten? Weil er ihn fürchtet? Quatsch. Augstein fürchtet die proletarische Revolution.
... mit Strauß könnten die Trennungslinien wieder deutlicher hervortreten. Revolution fängt in den Köpfen an. Die Proleten sollen nicht zu den weichen Sesseln "aufsteigen". Es braucht den proletarischen Griff in den Überbau.
Seitdem sich die "Superreichen" darum kümmern, besteht das "ökologische Problem" für mich nicht mehr. Das war mein Problem in den fünfziger Jahren.
Wer sich auf seine Nase halbwegs verlassen kann, hat längst gemerkt, daß die Gefahr in Angriff genommen wurde. Unser zentrales Problem sollte sein: die geistige Umweltverschmutzung...
Erinnern Sie sich an den nationalen Jubel, nachdem der Geiselmörder Kappler aus italienischer Haft herausgeholt worden war? Was schrieb der Rudolf Augstein: "Der nächste Kappler kommt bestimmt." (29.9.82)
1982-10-07:
Revolutionär war die Zeit Ludwigs XVI. Die sogenannte Revolution war in Wahrheit das Ende, nämlich die Ermordung der Revolution.
Wissen Sie, was heute in Deutschland revolutionär ist? Daß Sie unter den Grünen keinen einzigen Arbeiter finden, spricht für die latente revolutionäre Potenz der Arbeiterschaft. Ich merk schon, wie Sie ankochen.
Sie sehen: die heutigen Proletarier wollen weder ein 1917 noch ein 1919 noch ein 1933 riskieren, darum sind sie - im Gegensatz zu Ihren kleinbürgerlichen Friedensmitläufern Richtung Krieg - in puncto Massierung nur noch schwer zu manipulieren.
Heute laufen die Avantgarden allesamt ohne Körper und Schwanz herum, gut so, Prolet, du hast deine geschichtliche Lektion verstanden - als einer der wenigen.
Die Große Proletarische Verweigerung ist identisch mit der kleinen proletarischen Individuation.
Jeder so, wie er hat.
An Lenins Stelle hätte ich gehandelt wie Lenin. Heute haben wir hunderttausend und mehr kleine Lenins, und kein Hahn kräht mehr danach.
Ein rechter Pfiffikus, Ihr Freund Genscher: der hat sie alle reingelegt und ist dann fröhlich nach New York abgezischt. Herrlich.
Daß eine "EAP" aus dem kuckuck möglicherweise das Salz für ihre ideologische Suppe geschüttelt hätte, nun ja, Sie wissen, dieses Blättchen beunruhigt inzwischen die Medienlandschaft und nicht bloß die.
Wer möchte schon glauben, daß Transatlantik vom kuckuck (kulikri) gezeugt worden ist. kuckuck allüberall, bloß ich merk nichts davon.
Die Freimaurer von heute sind vielleicht gar nicht die von damals...
Ihre jesuanische Moral ist eine Sache, freilich eine halbe...
Wer ein klein wenig von Psychologie versteht, erkennt die latenten Gefahren auf Anhieb.
Meine Sadismus-Diagnose bei Rudolf Steiner beeinträchtigt dessen Heilslehre - nicht umgekehrt, wie Sie das neulich ganz allgemein zu behaupten wagten...
Darum ist der Puritaner Augstein gefährlicher als der barocke Strauß...
Ihr Generalsfreund Jaruzelski will's denen jetzt geben, doch sind die Polen wie die Bayern - schwarz und unnachgiebig.
Wußten Sie, daß Bayern die erste freiheitliche Verfassung in Europa hatte, schon im 12. Jahrhundert?*
* Das ist übertrieben. Die ersten verfassungsmäßigen Rechte erlangten die Landstände im 14. Jahrhundert. Die Verfassung (im eigentlichen Sinn) des Königreichs Bayern von 1818 gilt als eine der liberalsten. Bayern zählt in der Tat zu den ältesten Demokratien auf dem europäischen Kontinent. kkk
Polnisch-bayrische Heiraten haben Geschichte gemacht.
Ich glaube, von meinem Katholentrip bin ich noch lange nicht runter. So oder so - wir kommen uns näher.
Der Genscher hätte schon auf Afghanistan so reagieren müssen - damals war der ostpolitische (Kuh-) Handel endgültig gescheitert. (7.10.82)
1982-10-19:
Die Humanisierung des Nordens ist nie gelungen. Im Vergleich mit dem Nord-Mutter-Kult ist das Christentum ein humanitärer Fortschritt ersten Ranges.
Zu kritisieren und schließlich ideologisch aufzurollen ist das Christentum von seinen geistlichen Quellen her.
Alles andere ist Barbarei.
Der deutsche Nazismus war kein Kind des katholischen Christentums, sondern verstand sich als neue heidnisch-nordisch-germanisch-anti-römischkatholische "Religiion".
In den ungetrübt katholischen Gegenden Süddeutschlands konnten die Nazis, ganz im Gegensatz zum Norden, niemals richtig Fuß fassen. (19.10.82)
1982-12-02:
Mit Ihrer Einstellung zur Solidarnosc scheint es mir beinahe so zu sein, daß Sie mit ihr sympathisierten, solange sie "oben" war, sie aber verdammen, seit sie "verboten" ist.
Da finde ich es schon besser, die jeweils Starken zu kritisieren und die Schwachen in Schutz zu nehmen, sich spätestens jetzt mit ihnen zu solidarisieren. (2.12.82)
1982-12-31:
Michael Zielonka. Doktor der Theologie und der Philosophie. Lange Zeit an einem päpstlichen Kolleg in Rom, jetzt in Paris, früher Vikar in Viersen.
Schreibender Libertin.
Als ob sich die Seiten verkehrt haben. Zielonkas Rede an den "lieben Pfarrer" liest sich wie eine Rede an irgendeinen Dogmatiker von heute, egal welcher Richtung.
Es ist doch wirklich zum Lachen, daß ausgerechnet aus der alten reaktionären Kirche uns so leichtfüßige Menschenfreundlichkeiten vorgelegt werden, während die Fraktionen "Weltverbesserung" immer verbissener und verspießerter werden.
Es gehört ja auch Zivilcourage dazu, quasi als vatikanischer bzw. kirchlicher Beamter solche Gedichte unter die Leute zu bringen (vgl. Heft 37/38/39 - kkk).
Und darum wird "der Verein" noch lange leben, glaube ich.
So elegant, wie diese Kirche über die Jahrtausende, haben sich unsere modernen "Kirchen" nicht über Jahrzehnte gebracht.
Eigentlich ist es eine Katastrophe, daß die munteren Redewendungen eines katholischen Theologen mehr zu beleben vermögen als die "revolutionären" Sprüche allerorten.
Ja, Arbeiterklasse.
Wollen wir doch mal in aller Ruhe überlegen. Über die Scheiße brauchen wir kein Wort zu verlieren. Aber fragen wir mal tiefer.
In Ihnen keimt der Verdacht, die ganze APO könnte ein großes Verwirrspiel gewesen sein. Der kuckuck ist sozusagen ein Kind meines Verdachts.
Stück für Stück, aber irgendwo kommt man dann wohl aufs Koschere - so denkt man doch.
Für mich gab's immer ein paar Sachen, die außer Frage standen, z.B. die ersten Theorien und Theoretiker, wenn ich mich auch schon ziemlich früh mit ihnen kritisch auseinandersetzte...
Aber daß die ganze Chose womöglich ein ausgemachter Schwindel gewesen sein könnte, eben ein großartiges Stück modernen Theaters...
Ja, ich habe auch das ziemlich früh durchgespielt, aber dies Spiel macht auch Freude, bis man plötzlich merkt, Menschenskind, das war blutiger Ernst. Du rührst da in einer todernsten Angelegenheit herum. Jetzt keine Panik, man wird immer ruhiger dabei. Zuletzt glaubt man schon selbst nicht mehr, was man da entdeckt.
Arbeiterklasse.
Wenn das alles ein Riesenschwindel war - was haben wir dann noch den Proleten vorzuwerfen? Vielleicht haben sie, beinahe instinktiv, jedenfalls so ganz einfach aus ihrer alltäglichen Klassenlage heraus, genau das Richtige getan, als sie sich da fein raushielten, sich nicht verrückt machen ließen... Keine Aufregung, meine Herren.
Ich erinnere mich an eine Diskussion am Kranzler-Eck. Thema war damals in der APO (Basisgruppen und so) "Arbeiterkontrolle". Ein Student wollte einem Arbeiter, der da vorbeikam und mal mit zuhörte, das erklären, die Notwendigkeit der "Arbeiterkontrolle".
"Das könnte euch so passen", polterte der zurück, "auch noch die Arbeiter kontrollieren". Für ihn war die Sache damit ausgestanden, ein paar Erklärungsversuche natürlich hin und her, aber vor allem große Lacher über den "blöden" Arbeiter, der natürlich viel zu dußlig ist, das zu kapieren.
Aber hatte der nicht sehr gut begriffen? Wehrte er nicht "die Studenten" ab, weil er spürte, die sprachen und handelten nicht in seinem Sinne und seinem Interesse?
Drückte sich nicht in seinem Verhalten, das ja doch exemplarisch für die Arbeiter damals war, so etwas wie Klassenresistenz gegen ein Betrugsmanöver aus, dem wir erst allmählich auf die Spur gekommen sind, obwohl wir uns von Anfang an "rational" und "bewußt" und "progressiv" und was noch alles damit beschäftigt haben?
Das ist meine Frage heute im Hinblick auf die Arbeiterklasse. Gerade was sie nicht tut, was sie unterläßt, wenn das "Volk" angefiebert wird.
Aldous Huxley macht in seiner Brave New World eine interessante Bemerkung: "Even alphas have been conditioned."
Der Pädagoge Professor Heinsohn beschäftigt mich als einer, der langfristig Denkstrukturen, genauer: strukturelle Bedingungen menschlichen Denkens umprogrammiert.
In einem meiner Briefe an Christoph Marx erwähne ich die Bedingungen der Aufklärbarkeit (vgl. kuckuck 37/38/39).
Nicht nur Thema, sondern eben auch existentielles Problem des kuckuck.
Sohn-Rethel ist mir wichtig geworden, weil er auch aus seiner Sicht auf den Mittelbau eines Industriebetriebes hingewiesen...
Es "verrät den boshaften Knecht" (Knapp), wenn der Arbeiter den "angestellten" Betriebsbüttel "auflaufen" läßt?
Nein, er bleibt damit ganz nahe am Ball, schön materialistisch, immer peu à peu.
Wichtig ist dabei nicht, ob er seinen "Vorgesetzten" "für von oben kommend hält" (das wäre ja schäbiger Kleinbürgerkram), sondern ob er erkennt, daß der funktional sein Feind ist. Dabei kann dieser Angestellte persönlich ein ganz friedlicher Bürger und Arbeiterfreund sein...
Der Produktionsprozeß setzt sich da ohnehin "autoritär" durch.
Die Arbeiterklasse ist zu oft betrogen, irregeführt, im Stich gelassen worden...
Die Proleten halten still und schicken ihre Kinder auf bessere Schulen und Universitäten.
Ihre Feinde wissen die Gefahr wohl einzuschätzen.
Büttel Heinsohn propagiert bereits die Arbeiterkindestötung.
Die Bedeutung der Arbeiterklasse ist an den mittelklassigen Bekämpfungsstrategien abzulesen.
Ich meine imgrunde immer: das Weltproletariat.
Theoretisch reden Sie auch vom Proletariat, von der proletarischen Revolution und so weiter, auch in Ihrem Anti-Dutschke (vgl. Heft 40/41/42 - kkk). Aber ich kenne das Industrie-Proletariat wohl besser aus eigener Anschauung.
Ich gehe dann nicht in einen Welt-Betrieb zum Welt-Proletariat, sondern zu Brinkmann, Siemens, oder in die Landwirtschaft oder auf den Bau, hierzulande und anderswo, erst dann mache ich mir mein Bild von diesen Arbeitern oder jenen, von diesem Betrieb und von jenem Betrieb, und dann sind "die Arbeiter", ist "das Proletariat", naja: meine Kumpels.
Wenn ich sage: "Scheißarbeiter", dann so, daß meine Kollegen es hören, ich meine auch sie damit, und ich meine auch mich damit, das wissen sie.
Ich meine, wenn wir uns schon als Materialisten profilieren wollen, dann bitteschön auch physisch immanent, nicht wahr, sonst regt sich bei mir der Widerspruch, übrigens prolettypisch gegen jeden, der von draußen mitreden will oder Schlips und Kragen durch die Maschinenhallen trägt: "Der hat sowieso keene Ahnung."
Zurück noch einmal zur APO.
Ja, wie fing das damals an?
Ein Stichwort war schon Marcuse. Vieles kam aus Berkeley. Haben Sie übrigens die Feyerabend-Briefe gelesen (37/38/39 - kkk)?
Er schickte mir vor ein paar Tagen aus Berkeley Körnerfutter für den kuckuck. Daß Marcuse (z.B.) im Zweiten Weltkrieg für CIA, oder wie das damals hieß, gearbeitet hat, ist allgemein bekannt, die Information stammt von ihm selbst.
Die gesamte amerikanische Intelligenz stellte sich, insoweit hilfreich, im Krieg gegen den Faschismus wohl irgendwie zur Verfügung, das hört man immer wieder.
Krippendorff, Meschkat, Lettau, Dutschkes Frau - sie studierten, lehrten, lebten in oder stammten aus Amerika.
Man konnte annehmen, naja, New Left, und die Ausläufer kommen nun hier an in Gestalt der deutschen Studenten, die gerade drüben waren.
Fällt mir ein: Sohn-Rethel schreibt von einer vertraglichen Übereinkunft zwischen IG-Farben und dem Rockefeller-Ölkomplex, die sich bis in den Krieg mit Japan ausgewirkt haben soll. Es ging da um Arbeitsteilung: hie Naturkautschuk - hie Synthetisches. Das wurde durchgehalten, obwohl die USA militärisch dadurch in Schwierigkeiten gerieten; gab wohl sogar einen Prozeß deswegen.
Also gut: Die APO ein Geschenk der Amerikaner?
Dazu war das alles wiederum zu offensichtlich, vielleicht.
Es fanden seinerzeit einige Metamorphosen statt, z.B. das Theater um den Extradienst. 68. CSSR. Paris. Wer bzw. welche Kräfte wirkten wo zu welchem Zwecke. Woran war auf längere Sicht (also auch um mehrere Ecken) dabei gedacht usw..
Ich habe mich damals auch ein bißchen darum gekümmert. "Neue APO-Konstellation" (vgl.S.62 ff. - kkk)...
Apropos Verwirrspiele:
Ihr eigener Anteil daran sollte eigentlich auch noch mal durchdiskutiert werden. ... so richtig was für meinen Geschmack.
Ich bin mir bloß noch nicht so ganz sicher, ob einfach mal die Wut oder die Verzweiflung mit Ihnen durchgeht oder...
Wenn's Absicht ist, durchdacht, dann ist es allerdings nicht gut durchdacht, weil eins immer das andre gefährdet und kaputt machen kann. (31.12.82)
1983-01-20:
Zum Kotzen, diese Aufsteiger, die dann den kleenen Arbeitern auch noch den Klassenschneid beibringen wollen.
Da lob ich mir den Kollegen Walesa, der sich, seiner Klasse, seinem demokratischen Auftrag, seinen Prinzipien und seinen Arbeitskollegen treu geblieben ist, jetzt wieder als Elektriker arbeiten will, wie sich's gehört.
Ein Prolet, wie ich ihn mir vorstelle, einer unter vielen, die sich nicht weichkriegen lassen. Klassenbewußtsein, mein Lieber. Dagegen halfen auch all die kleinbürgerlichen Provokateure nicht, die am liebsten schon mit Bomben und Flugzeugentführungen die "Solidarität" kriminalisieren und den Bütteln ans Messer liefern wollten. (20.1.83)
1983-01-26:
Sie erwähnen C.F.v.Weissäcker. Halten Sie wohl für eine Autorität. Der hat mal entdeckt, daß das Atom, philosophisch betrachtet, gar keines mehr sei, wohl wegen der Teilungsmöglichkeit und so, und da funkte es bei ihm, dann müßte "das Kleinste" doch was anderes sein..., wenn doch das "Unteilbare"... teilbar, irgendwo geht das ja zu Ende, am äußersten dann müsse doch schließlich das Unteilbare seiner Auffindung...
Naja, alle stimmten sofort zu, aber natürlich, na klar, das ist richtig. Und da schlich sich ganz heimlich bei Carl-Fritz das offene, aber nach innen gerichtete Staunen ein...
Das ist er seither nicht losgeworden. Denn daß der ganze Hörsaal klatschte und nicht staunte, das vergißt er nicht mehr. Ich weiß nicht, wieviele Brüder er hat... Hier würde ich also sagen: "positive Auslese" - mit dem Zusatz: "deutsche..." Und die verwechseln seit Jahrhunderten die Wörter mit den Sachen. Das checken die nie. (26.1.83)
1983-02-01:
Mich interessieren hypothetische Vorgriffe auf die nächsten Jahrzehnte. Manchmal ist mir so, als hätte ich dem Dutschke sogar mal den Tip gegeben, auch an die "nationale Frage" zu denken - um sie den Nazis wegzunehmen.
Dutschke und Rabehl machten damals (wann war das: vielleicht 1967) in der Hasenheide eine Veranstaltung. Später kam es auf der Straße zu Diskussionen.
Ich sprach mit Rabehl, Dutschke kam dazu. Ich hielt die "nationale Frage" damals für wesentlich, weil das politisch-ideologische Klima mir demokratisch und sauber zu sein schien.
Sie wissen ja, daß ich diese Frage, was ihre Legitimität anbetrifft, abhängig mache von den Kräften, die sie stellen, und von der Art, wie sie gestellt wird.
Mein Faschismusvorwurf gegen die sogenannte Friedensbewegung hat ideologische und klassenpolitische Gründe.
Die DDR erkenne ich sowieso nicht an, obwohl ich sie bereits in den fünfziger Jahren in der Gewerkschaftspresse "anerkannt" hatte, womit wir uns damals eine Zensur unserer Redaktionsarbelt einhandelten, was zur Folge hatte, daß ich den Kram hinschmiß.
Also: "politiseh", auch "staatsrechtlich", obwohl's hier schon bedenklich wird, weil der 17. Juni 1953 die Machtfrage ganz anders beantwortet hat, "politisch" also habe ich die DDR sehr früh "anerkannt", einfach um weiter zu kommen - wir führten damals rege Diskussionen auch mit FDJlern aus Ostberlin (aus dem Wirtschaftsinstitut in der Clara-Zetkin-Straße), die uns allerdings doch nicht weiterbrachten, weil mit denen nicht zu reden war außerhalb ihrer Sprach- und Denkregelungen.
Aber historisch kann nicht ich diese Frage beantworten, klar.
Eine "revolutionäre" Frage also, mithin eine proletarische und offen.
Auch die Art, wie Sie die nationale Frage gestellt sehen möchten und verstehen, und ich stimme mit Ihnen ja überein, spezifisch, kann sich nur in einem historiseh und also geopolitisch vorgegebenen Rahmen abspielen. Juristisch ist das ja auch klar. (1.2.83)
1983-02-27:
Noch einmal zehn Jahre (kuckuck) zur Strafe für den Floh in Dutschkes Ohr? Vielleicht war er gar nicht der, für den Sie ihn halten. Man hätte ihn sonst nicht umgebracht. Obwohl mir seine demagogische Potenz immer auch ein bißchen unheimlich war.
Auf Versammlungen mußte man genau hinhören, wollte man nicht einfach von seinen Reden "hingerissen" werden. Er erinnerte mich in der Art, wie er sprach, immer auch ein wenig an Goebbels.
Aber was er sagte, hatte dazumal stets die humane Essenz. Wie gesagt, unkritische Zuhörer (nicht Leser, er war kein Schreiber und auch kein Denker, sondern ein Redner) waren potentiell gefährdet. (27.2.83)
1983-08-23:
Ich würde das Thema "Habsburg" ganz gern ein bißchen durchleuchten bei dieser Gelegenheit. Daß die Masaryk-Benesch-Republik zuletzt nicht lebens-, weil nicht widerstandsfähig war, sagt vielleicht auch etwas über das Illusionistische an dem Gedanken, Emanzipation in Europa sei möglich als nationale Heraustrennung aus einem "Reichs"-Verband.
Alles Bisherige spricht dagegen. Der Separatismus fördert vielmehr die Bildung neuer Großmacht-Zentren.
Er wäre denn stark genug, selber so ein Zentrum zu werden.
Hitlers nationalistische Selbstisolierung Deutschlands war ja, unter den Umständen der Völkerbund-Idee, so etwas wie ein erfolgreicher (" ") Separatismus im damaligen Europa.
Bei aller Wertschätzung des Demokraten Masaryk war dieser tschechische Weg objektiv falsch.
Im übrigen dürfen wir auch hier die ethnizistischen Elemente nicht übersehen, die z.B. die Sudetendeutschen (Knapp: "Sudetengauner") zu Bürgern zweiter Klasse machten (sie durften etwa nicht Beamte der CSR werden).
Ein Umstand, der der Henlein-Partei die "Heim-ins-Reich"-Parole auch ein bißchen in den Mund gelegt hat.
Ich weiß aus eigener Erfahrung, daß spätestens 1940 (!) die allgemeine Stimmung unter der sudetendeutschen Bevölkerung dahin tendierte: Bei "den Tschechen" wor's jo besser.
"Der Tscheche" hätte damals "große Fehler" u.ä. gemacht.
Die schönste Alternative sahen die Sudetendeutschen - und mit ihnen die Tschechen - im alten Österreich-Ungarn. Der alte Kaiser Franz Joseph einigte sie alle in ihren Träumen. Österreich war gleichsam ihr verlorenes Paradies. Und in Österreich selbst - Linz, Wels - habe ich es ebenso gehört.
Was im Sudetenland die "Altreicher", das waren in Österreich die "Piefkes" - und beides verstand sich immer mit dem Attritut "nazistisch".
Wenn Sie heute nach Wien kommen, finden Sie's wieder: diese meist schon unbewußte Sehnsucht zurück.
Selbst die moderne österreichische Literatur in ihrem ganzen Nihilismus trauert imgrunde der alten Monarchie nach. In Wien kann man einfach nur Monarchist sein, war einer meiner starken Eindrücke...
Kommen Sie heute nach Prag, so finden Sie unter der tschechischen Bevölkerung, wenn sie nicht nach Bonn schielt, genau diese alte Österreich-Sehnsucht, nicht nur bei alten Leuten.
Ich liebe dieses Böhmisch-Österreichische, das ich immer auch mit Mährischem und Galizischem zusammensehe.
Es scheint mir sogar dem ursprünglich Rheinischen, das ich aus eigener Anschauung nur ganz oberflächlich kenne, verwandt zu sein.
Andererseits sehe ich die reaktionären Elemente in allem, die in den Faschismus führen bzw. ihm im deutschen Nazismus ein starkes irrationales Potential zugeführt haben...
Ich weiß aber auch, daß ein Pfälzer, der sich auskotzt, oder ein Bayer, der die Saupreißn übern Tisch hakeln und ihnen im übrigen alles Böse an den Hals hexen möcht, nicht darum schon ein "Faschist" oder ein "Nazi" ist.
Wenn wir den Faschismus halbwegs klar definieren können, so können wir's auch entsprechend mit der deutschen Nazi-Ausgabe des Faschismus tun...
Auschwitz ist kein Erzeugnis des Hasses, der sich aus den gleichen Trieben nährt wie die Liebe. Auschwitz ist ein Produkt der Verklemmung, jenseits von Liebe und Haß. Wenn es wahr ist, daß "katholische Frauen sinnlicher" sind, dann ist auch wahr, daß der Faschismus andere als "katholische" Wurzeln haben muß.
Wenn Sie seine ideologischen Linien zurückverfolgen bis zu Karl dem Großen, finden Sie: er war reichsfeindlich, romfeindlich. Der weltanschauliche Gehalt der Auseinandersetzungen mit Charlemagne macht das viel deutlicher als die früheren germanischen Kriege gegen die Römer.
Vielleicht hätten die Juden, wie es einige ja taten, alle Muslime werden sollen - rechtzeitig im Mittelalter.
Es wäre interessant, herauszufinden, welchen Einfluß die offensive Politik Mohammeds, der Sieg Saladins und später der militante Islam der Osmanen auf die Judenverfolgung im christlichen Europa ausübten.
Christlicherseits mußte ja begriffen worden sein, daß mit dem Islam der alte Monotheismus, den man in Europa schon überwunden glaubte, plötzlich in einfacher, populärer, geradezu sozialistischer und alle kollektiven Unterschiede aufhebender Form auferstand.
So sehe ich die historische Richtung oder die Richtung der Geschichte als revolutionäre, menschheitliche.
Gegen den nordischen Wahn sind die im Katholizismus enthaltenen nordisch-wahnhaften hysterischen Elemente eine fabelhafte (!) Waffe.
Gegen das ideologische und hierarchische Spinnengewebe des kapitalistisch korrumpierten Christentums hilft der schlichte volksnahe islamische Monotheismus.
Erst gegen diesen scheint mir nun das monotheistische Hebräertum sich den Jahrtausendschlaf aus den Augen zu reiben.
Ich kann bis heute nieht begreifen, daß die Juden ihre Vernichtung hingenommen haben. Gegen die Nazis haben sie ihr Leben nicht verteidigt und ihre Lehre nicht. Sie tun's bis heute nicht.
Wenn es einen historischen Sinn, eine teleologische Bedeutung hat, so könnte es die sein, den Islam sehr eindringlich die Torah zu lehren und die Propheten.
Die Juden aber müssen wieder Revolutionäre werden. Das gehört zusammen. Daran zu erinnern, ist die historische Rolle des Faschismus/Nazismus samt Auschwitz. (23.8.83)
1983-12-02:
Apropos: Das (alte, römisch-katholische) Reich war föderativ strukturiert. Auch der eurosozialistische Föderationsgedanke modelliert so etwas wie ein Reich. Frankenreich gegen Bismarckreich und Habsburger-Reich? Darin aber enthüllt er zugleich eine gewisse Antiquiertheit.
Die Infrastrukturen sind heute andere - wenn ich auch nicht übersehe, daß es in der Geschichte gewisse Konstanten gibt, die das europäische Kräfteparallelogramm trotz aller historischen Veränderungen irgendwie doch stabil zu halten scheinen (Toleranzen, Abweichungen einschließend).
Ihr Europa-Modell hat jedoch einen Pferdefuß: es wäre überhaupt nur durch die USA zu garantieren. Die aber wollen Sie aus Europa vertreiben. Also ist Ihr Haus ein Kartenhaus. (2.12.83)
1984-01-26:
Trotzki und Lenin: Kronstadt war nur ein Fall unter vielen, vielen...
Kronstadt ist die "Oktoberrevolution".
Die "Oktoberrevolution" ist Kronstadt mal Kronstadt mal Kronstadt mal Kronstadt...
Die Entführung Schleyers.
Daß sich diese Aktion gegen den Unternehmer- und ehemaligen SS-Führer richtete, war richtig.
Daß Schleyer ermordet wurde, war falsch.
Da wurde die bürgerliche Handschrift sichtbar.
Hätte man ihn ein bißchen spazierengeführt, ihn gut behandelt, für Publizität gesorgt, sich - was Forderungen usw. betrifft - großmütig und großzügig, immer großzügiger als die etablierten Mächte gezeigt, um den Mann, nach zu erwartendem Mißerfolg der Aktion, freundlich wieder freizugeben: dann hätte jeder Arbeiter sich damit identifizieren können.
Wenn schon ins Unrecht setzen, dann bitte die Gegenseite!
Das Unrecht der Gegenseite sichtbar werden lassen.
Die angewandten Mittel müssen das angestrebte - utopische - Fernziel immer schon erkennen lassen.
Was geschah mit Schleyer?
Das von ihm verbreitete Bild erregte Mitleid bei den Betrachtern.
Jeglicher Terror ist konterrevolutionär, egal, wer ihn begeht. (26.1.84)
1984-01-28:
Was halten Sie eigentlich von meiner NS-Führungssippen-These? Der Gedanke scheint mir nur in Deutschland nicht gedacht zu werden. Hier findet man ihn natürlich "völlig absurd" beziehungsweise: "Wie meinen Sie das bloß...?". (28.1.84)
1984-03-27:
Das Märchen von der "CDU/CSU/NPD/MLKKKPPDen"-Koalition zu entlarven, ist ja wirklich keine Kunst; damit wird/wurde doch nur gefackelt, um von ganz anderen Koalitionen, Komplotten und Konspirationen abzulenken. Man braucht eigentlich nur dieser Spur nachzugehen, um immer wieder auf eben diese Komplotteure (sagt man so?) zu stoßen. (27.3.84)
1984-03-30:
... mit den "K"-Gruppen, "Maoisten" usw. kommen wir ja nicht weiter, wenn wir nicht wissen, was dahinter steckt.
Sehen Sie mal, ich kratze ein bißchen an der sogenannten Friedensbewegung und hervor tritt frischfröhlich der alte Nachkriegsunterwanderungsfaschismus.
Nun kratzen Sie mal an den sogenannten "K"-Gruppen, aber richtig, vielleicht finden Sie da nichts anderes.
Alles zu seiner Zeit, nicht wahr.
Schenke z.B. war so ein "Maoist".
Der Extra-Dienst kratzte früher ab und an mal an den "Maoisten", sagte aber nicht alles, was er gefunden...
Walter Barthel, der später den Bonner Extra-Dienst macht (gibt's den noch?), stand mit Frau Guggomos wie versteinert, nachdem er meinen NS-Report (kuckuck 8) gelesen hatte.
Das ging denen nämlich zu tief(gekratzt). Solange ich weniger tief schürfte, unterstützte mich der Extra-Dienst, als einziger übrigens... (30.3.84)
Die Wahrheit ist revolutionär. Das sieht man ja immer wieder. Langsam wird man hier (philosophisch) zum Idealisten...
Wahrheit und Emanzipation. Das gehört nun mal alles zusammen. Wer sie behindert, handelt konterrevolutionär.
Sie schreiben, es gebe eine "objektive Koalition der Rechten mit den Maoisten gegen den Sowjetblock".
Bei Ihrer Bündnispolitik muß ich ja nun erst mal fragen, was ist denn "rechts"?
Wenn wir uns darauf einigen können, daß die alten und neuen Nazis, daß der Über- und Unterwanderungsfaschismus, der die Republik abschaffen und den strukturellen Anschluß an den autoritären Kastenstaat wieder herstellen will, rechts ist, dann ist dazu zu sagen: Nach dem Kriege lehnte sich der innere Faschismus in der Bundesrepublik antikommunistisch an den Westen an, damit erwarb er sich eine begrenzte Handlungsfreiheit.
Jetzt lehnt er sich antiamerikanisch an den Osten an, damit erwirbt er sich das Gegenstück (= Pendant) Handlungsfreiheit.
Einmal Rückversicherung West, dann Rückversicherung Ost.
Frei und ordentlich, wie es sich (realpolitisch, nicht bloß bismarckisch) gehört.
"Maoismus", das diente außerdem auch als Etikett für die Studentenbewegung, soweit sie mit der chinesischen Kulturrevolution sympathisierte. Und das tat sie natürlich in ihrer großen Mehrheit. Mao Tse-tung war ja in der Tat ein bedeutender Revolutionär, und die Kulturrevolution war so schön weit weg von Europa, daß ihre Funken, die herübersprangen, eine befreiende Wirkung zeitigten.
Es war Krieg in Vietnam. Wirklich Krieg (kein Phantom bloß à la "Friedensbewegung").
Aber, man mußte natürlich immer sehr genau hinsehn, ob da nicht ganz andere Leute ihr Süppchen mitkochen wollten.
Ich erinnere mich sehr gut: "Bündnispolitik" wurde irgendwann das große Stichwort.
Was immer Sie tun, ein Bündnis mit Faschisten verbietet sich in Deutschland von selbst.
Ich ernenne nicht meine im demokratischen Rahmen politischen Gegner zu "Faschisten"; ich erkenne Faschisten ganz konkret anhand ihrer Politik, ihrer politischen Geschichte, ihrer Methoden, ihrer Sprache, ihrer organisatorischen Zusammenhänge.
Aber wem sage ich das. Sie wissen genau, was gespielt wird. Ich nenne es beim Namen.
"Spannkraft nach mehreren Seiten", schreiben Sie. Genau das.
Während des Vietnam-Kriegs z.B. drohten uns die USA den Teppich unter den Füßen wegzuziehen, gleichzeitig begann die verschleierte Koalition der Sowjets mit den deutschnationalen Kräften, deren Antiamerikanismus ihnen eine Sicherheit versprach.
Die emanzipatorischen Kräfte wurden damit verraten in Europa.
Aus dieser Situation sah ich nur noch den revolutionären Ausweg auf proletarischer Basis - und zwar durchaus mit einer international verständlichen Orientierung an der proletarischen Kulturrevolution in China, denn gerade an der chinesischen Revolution wurde für jedermann deutlich, was es auch in Deutschland niemals geben darf: eine "revolutionäre" Politik zusammen mit der nationalen Bourgeoisie, die in China mit Tschiang Kai-shek verbunden war und in Deutschland mit dem Schenkeschen Unterwanderungsfaschismus.
Die sowjetische Tschiang Kai-shek-Karte in China ist nichts anderes als die sowjetische "Schenke"-usw.-Karte in Deutschland.
Die faschistisehe "Maoismus"-Karte ist ein Druck- und Drohmittel der "Schenkes" gegen die Sowjetunion (gewesen), zugleich diente sie zur Diffamierung linker Kräfte, die man gern irgendwie immer mit Faschisten in Verbindung bringen möchte, wenn sie nicht die sowjetische Karte spielen. Aber das ist ja längst gelaufen.
Die Kulturrevolution hat sich letztlich als ein Druckmittel der Chinesen auf die USA entpuppt, um sie endlich in die UNO reinzulassen; seither ist der Ofen aus. Aber der Vietnam-Krieg ist auch vorbei.
Was für mich hernach wichtig war: die Art, wie die Amerikaner den Krieg zu Ende brachten und ihre Fernostpolitik umdrehten, hat mich beeindruckt.
Wie ein großes Volk seine Vergangenheit bewältigt: der größte Druck war immerhin aus Amerika selbst gekommen.
Und noch etwas: die eiskalte Reaktion Pekings (das war ja noch zur Zeit Tschu En-lais, den ich im übrigen für einen klugen Politiker hielt) auf den Völkermord in Ostpakistam zerschnitt sozusagen das Tischtuch zwischen mir und "Peking".
Sie sehen, Tatsachen wirken auf mich ein, sie überzeugen mich so oder so.
Ja, wären die Sowjets so groß wie die Amerikaner, wäre die USSR eine Weltmacht wie die USA eine sind (selbst wie das UK noch eine ist) - dann hätten sie sämtliche Emanzipationsbewegungen in ihren Blockländern - Polen, Ungarn, DDR, CSSR - in die Hand genommen, nach vorn geführt, sich Freunde geschaffen, der kommunistischen Arbeiterbewegung in Europa eine Perspektive eröffnet, die es allen progressiven Kräften in Europa leicht gemacht hätte, das zu tun, was sie nun unter Zwang, Druck und Drohungen tun sollen (und nicht tun können, wollen sie sich nicht ad absurdum führen): nämlich sich an "Moskau" zu orientieren. (30.3.84)
Die Hinrichtung des Personenkreises des 20. Juli 1944 durch den Nazismus und die Beseitigung der gesellschaftlichen Basis dieses Personenkreises bis zur Elbe-Saale-Linie durch den real existierenden Sozialismus haben die europäische Menschheit vor der Übermacht einer weiteren antidemokratisch-antihumanitären deutschen Herrenklassendiktatur bewahrt.
Der Bonner Staat, der in grundsätzlicher Hinsicht der Nachfolger der Klassen des 20. Juli 1944 ist, wie diese die Vorbereiter wie Nutznießer des Nazismus waren und ihn beerben wollten, ist zu klein, um allein auf sich gestellt noch einmal das Unheil anrichten zu können, das ein vereinigtes Deutsches Reich aus seiner Struktur heraus wieder angerichtet hätte.
Wir Demokraten in Westdeutschland haben deswegen - zu unserer Schwäche und Schande sei es gesagt - Hitler und Stalin zu danken, daß unser heutiger Feind, wenn auch uns gegenüber sehr stark, im Weltganzen eine Mittelmacht geworden ist. Es lebe die anti-reichisch-antinazistische Weltkoalition!
Aus: Beiträge zu den historischen Lügen der BRD (Der 20. Juli 1944)
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8. Mai 1984
kokhaviv press:
Horst Lummert in kuckuck (kulikri)
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