1979-07

Christoph Marx

Velikovsky im deutschen Sprachraum*

Eine verlorene Generation?

Der deutschsprachige Leser eines Buches von Immanuel Velikovsky mag sich zu Recht fragen, was es denn bei uns mit diesem Velikovsky auf sich habe, von dem man bis vor kurzem praktisch überhaupt nichts - oder besser: seit den frühen sechziger Jahren nichts mehr - hörte.

Lediglich eine Bemerkung im ersten Beitrag des Buches Velikovsky Affair von Alfred de Grazia spricht von "kirchlich-historischen Kreisen", die den Verleger Velikovskys in den fünfziger Jahren, Kohlhammer, unter Druck gesetzt hätten.

In der Tat waren Welten im Zusammenstoß 1952 ein großer Erfolg, vom wissenschaftlichen Verlagshaus Kohlhammer im Börsenblatt für den deutschen Buchhandel am 23. November 1951 massiv angepriesen:

Unsere Vorwerbung hat den Kaufwunsch in weiten Kreisen angeregt, u.a. durch
+ 12seitige Besprechung von Fulton Oursler in "Das Beste aus Reader's Digest" vom August 1950
+ 3seitige Bildreportage von Hans Liska in "Quick" vom 24.12.50
+ 7seitige Besprechung von G.H.Wilk in "Der Monat" vom Feb.1951
+ auszugsweisen Vorabdruck von 10-12 Folgen in "Kristall" Nr. 16ff., Sommer-Herbst 1951 (davon 8 erschienen).
Ihre Werbung fällt daher auf fruchtbaren, gutgepflügten Boden. Wir stellen Ihnen wirksame Werbemittel zur Verfügung, u.a. sorgen wir für rechtzeitige Besprechungen in führenden Presseorganen und liefern Ihnen einen farbigen Prospekt DIN A5, sowie ein dreifarbiges Aufstellplakat zur Gestaltung eines wirkungsvollen Sonderfensters (s.Abbildung).

Die Abbildung war eine imposante Darstellung des strahlenden Kometen, der mit der Erde interplanetare Blitze austauscht und von den im Vordergrund knieenden Menschen in Ehrfurcht angebetet wird.

Flankiert wird das Bild links von einem Werbetext für das Buch, das damals eigentlich unter dem Haupttitel Als die Sonne still stand bekannt wurde, und rechts von folgendem Hinweis:

Ein Skandal entstand bei Erscheinen dieses Buches in der internationalen Buch- und Gelehrtenwelt. Die Wissenschaftler empörten sich über die Aufstellung einer Behauptung, die der von ihnen vertretenen Auffassung, nämlich daß unser Sonnensystem seit Jahrmillionen unverändert besteht, völlig zuwiderläuft.
Die Folge dieses Aufruhrs war, daß der größte wissenschaftliche Verlag der Welt, Macmillan, die Rechte nach Verkauf von mehr als 50.000 Exemplaren an einen anderen Verlag abtreten mußte, um dem drohenden Boykott seiner wissenschaftlichen Produktion zu entgehen. Wir wagen es, das Buch dennoch dem deutschen Leser vorzulegen, weil wir es für hochinteressant und erregend halten. KOHLHAMMER.

Glaubte der Verleger, deutsche Wissenschaftler seien nicht fähig zu dem, was brutales Puritanertum in Amerika vermocht hatte?

Velikovsky hatte die Rechte für den deutschsprachigen Raum dem schweizerischen Europa Verlag in Zürich von Dr. Emil Oprecht anvertraut.

Dutzendfach waren Angebote von deutschen Verlagshäusern für die Rechte in Deutschland eingetroffen, und neben der selbstverständlichen wissenschaftlichen Seriosität waren es zwei Gründe gewesen, die schließlich zu einer Vereinbarung mit dem Hause Kohlhammer geführt hatten: während der ganzen Hitlerzeit war sein Katalog frei geblieben von Nazititeln, und man hatte Dr. Oprecht zugesagt, mit derselben Festigkeit jedem Ansinnen von Seiten der etablierten Wissenschaft widerstehen zu können und zu wollen.

Das Buch kam an.

Ich hatte zwar schon das amerikanische Buch kennengelernt, aber in dieser Zeit der Studienjahre versprach die deutsche Ausgabe einen breitangelegten, echt neuen Ansatz für die Beurteilung einer großen Anzahl ungelöster Fragen zu liefern.

Aus jenen Tagen stehen in der Universitätsbibliothek Basel gleich drei Exemplare des Titels.

Eine Ethnologin der Universität Tübingen schrieb an Velikovsky, sie habe ihr Exemplar schon an mehr als 50 Personen ausgeliehen:

Ich habe Ihr Buch Welten im Zusammenstoß gekauft, gelesen und an ein halbes Hundert hiesiger Akademiker und Studenten ausgeliehen, die es alle mit größtem Interesse und zum großen Teil mit Bewunderung lasen... Ich wollte Ihnen sagen, wie gewaltig mich Ihre Schau gepackt hat, wie sie an viele Rätsel gerührt hat, die ich immer wieder mit meinen Schülern vergeblich zu lösen versuchte... Ich habe die Überzeugung, daß Ihre Bücher, sollten sie auch für den Augenblick in allen Einzelheiten 'widerlegt' werden können, einen gewaltigen Antrieb zu einer Revision unseres Wissensgutes geben werden, der so bald nicht zur Ruhe gebracht werden kann. Ich bewundere Ihren Mut und Ihren sachlichen Fanatismus!

Der Antrieb zur Revision unseres Wissensgutes kam auch in Deutschland nur zu bald zur Ruhe.

Stellt man in Rechnung, daß Velikovsky schon 1946 an Prof. Harlow Shapley herantrat, und daß es von diesem Zeitpunkt an 5 Jahre bis zur Unterdrückung von Worlds in Collision dauerte, so ging es bei Welten im Zusammenstoß auch nicht länger.

Die Methode war allerdings zugleich eleganter als auch wirksamer, wie der junge Mensch, der dies liest, selbst festzustellen vermag: das Gesamtwerk Velikovskys wurde unter einer Front des Schweigens begraben, wie es einmütiger und wirkungsvoller wohl noch nie von allen Hochschulen eines Sprachgebietes praktiziert worden ist.

Abgesehen von wenigen Rezensionen einiger Unverbesserlicher - die Besprechung "Ein nahrhafter Komet" in Sternenwelt Nr.4, 1952, ist ein Musterbeispiel von Perfidie - ließ man den Titel in Ruhe, der in Deutschland innert 3 Jahren 5 Auflagen erreichte (für die Schweiz folgte 1959 noch eine 6. Auflage).

Anstatt durch ganz unakademisches Kriegsgeschrei noch zusätzlich auf die Probleme aufmerksam zu machen, mußte man nur rechtzeitig Einfluß auf die Veröffentlichung des nächsten Buches zu gewinnen suchen.

1959 erschien der erste Teil von Ages in Chaos - der Zeitalter-im-Chaos-Reihe.

Es ist ja so, daß Welten im Zusammenstoß nicht einfach eine aus der Luft gegriffene Theorie über eine präkonzipierte Idee ist.

Die Einsicht, daß sich in historischer Zeit interplanetare Katastrophen zugetragen haben, folgt vielmehr zwingend aus der Analyse eines Teils der Altertumsgeschichte - der politischen Geschichte! -, die aus psychologischen Gründen falsch gelehrt wird.

Bei dieser Rekonstruktion der Geschichte folgt Velikovsky dem Prinzip, Ereignisse miteinander zu vergleichen, die in voneinander unabhängigen Quellen geschildert werden - im Unterschied zur Methode der Orientalisten, die ihre Wissensteilchen in ein vorausgesetztes chronologisches Gerüst (in das sogenannt "astronomische" Sothis/Manetho-Schema der ägyptischen Geschichte) einbauen.

Wir können das so vergleichen: die bei den Naturwissenschaften entliehene heuristische Methode hat aus den bekannten Einzeldaten beim Historiker ein zwar farbenprächtiges, aber nach den Wünschen des Künstlers ausgerichtetes Mosaik entstehen lassen, indessen Velikovsky sich bewußt war, ein Puzzle zusammensetzen zu müssen, das nur ein einziges, nämlich das tatsächliche Geschichtsbild darzustellen vermochte. -

Vor dieser Rekonstruktion waren also nach Meinung der Gelehrten ihre Studenten und das breite Publikum zu bewahren. Erst 1962 brachte der Europa Verlag zwar für die Schweiz noch eine Übersetzung heraus, und eine Anzahl von Exemplaren fanden natürlich auch den Weg nach Deutschland und Österreich.

Aber schon lange vorher war die Verbindung mit Kohlhammer unvermittelt abgebrochen.

Aus Leserbriefen erfuhr Velikovsky, daß man Zeitalter im Chaos in Deutschland nicht mehr zu publizieren gedenke, eine Entscheidung, die auf Vorstellungen aus der Mitte von "Hauptauftraggebern" hin erfolgt sei.

Am 17. Mai 1954 schrieb eine Korrespondentin an Velikovsky, diese Auskunft sei ihr bei Kohlhammer mündlich erteilt worden und bedeute, daß

kirchliche Kreise starken Druck ausgeübt hätten, den Verlag davon abzuhalten, weitere Bücher von Ihnen zu verlegen.

Dreizehn Jahre später habe ich anläßlich der bevorstehenden Neuausgabe von Velikovskys Werken um Quellenmaterial über die seinerzeitigen Pressionen nachgesucht, die offenbar vor allem auf Kreise an der Universität Tübingen zurückgehen; aber

in unserem Archiv befinden sich über das Werk keine Unterlagen mehr. Derartige Quellen können wir Ihnen daher leider nicht zugänglich machen.

Ein Verlust für die zukünftige Forschung.

Was Nazis nicht vermocht hatten, wurde durch die Wissenschaft mit Leichtigkeit - und in Deutschland mit Abstand eleganter als in den anglikanischen Ländern - geschafft.

In der UB Basel gibt es weder eine englische, noch die deutsche Ausgabe von Zeitalter im Chaos.

Und sagt man heute im deutschen Sprachraum zu einem Studenten oder jüngeren Dozenten "Velikovsky", oder verweist man gar auf die "rekonstruierte Altertumsgeschichte", so steht man vor vollkommen leeren Gesichtern: eine verlorene und von ihren Lehrern um ganz grundsätzlich neue Einsichten betrogene Generation.

Neuer Anfang

Ich ersuche Sie um sofortige Streichung meines Namens in der Aufstellung Ihrer ständigen Mitarbeiter im Impressum. Nach über 25jähriger angenehmer Zusammenarbeit bedauere ich diesen Schritt sehr. Ich kann aber nicht zulassen, daß mein Name als Wissenschaftler unmittelbar (UMSCHAU 78, Heft 3, S.96 und vorletzte Umschlagseite) mit einer Anzeige des Buches von Velikovsky, Welten im Zusammenstoß, konfrontiert wird...

So Prof. Dr. Winfried Petri vom Institut für Geschichte der Naturwissenschaften der Universität München, derselbe Mann, der 1952 den oben erwähnten Verriß in der - mittlerweile eingegangenen - Sternenwelt veröffentlicht hatte, an den Umschau-Verlag, Velikovskys neuen Verleger.

Es ist wichtig, daß zukünftigen Erforschern der Geschichte der Wissenschaften derartige Reaktionen zugänglich bleiben, denn sie sind von öffentlichem Interesse.

Ein Diplomphysiker am Fraunhofer-Institut in Freiburg i/Br., "seit 1960 Abonnent" der Umschau in Wissenschaft und Technik, rät dem Chefredakteur, dafür zu sorgen, daß Velikovskys Bücher "unter einem anderen Verlagsnamen" erscheinen, denn sie seien "a) eine Schande für den Verlag" und "b) eine Beleidigung des Urteilsvermögens".

Das Institut für physikalische Weltraumforschung in der Fraunhofer-Gesellschaft ist mit einem Experiment am Pioneer-Venus-Unternehmen (1978) der amerikanischen Weltraumbehörde NASA direkt beteiligt:

Aber die Verfilzung der NASA-Forschung mit der Anti-Velikovsky-Clique vor allem an der kalifornischen Cornell University (unter Führung von Prof. Carl Sagan) ist wohlbekannt, und mit ihr - sowie mit den damit verbundenen enormen industriellen Aufträgen - erstrecken sich die "Korridore der Macht" über den Atlantik bis in die deutsche Forschung.

Shapleys Geist erweist sich bei uns wirksamer als jeder Radikalenerlaß, die "Freiheit" der Naturwissenschaften vor Velikovsky zu bewahren.

Schon die ersten Reaktionen legen nahe, daß ein wissenschaftlich seriöser Verlag heute mit einem neuen Anfang ein keineswegs kleineres Wagnis eingeht als seinerzeit Kohlhammer.

Der erste Eindruck könnte zwar vermuten lassen, die offensichtlich der volksgängigen Auffassung wissenschaftlicher "Objektivität den Daten gegenüber" kraß widersprechenden Angriffe - die bis zum "Töten", dem Totschweigen, angefeuert werden - seien vielleicht der Ausdruck von zwei Befürchtungen:

- der Angst um den persönlichen Status als Wissenschaftler, dessen Lebenswerk (und sogar jenem seiner verehrten Lehrer) unterschoben wird, es sei von ganz abwegigen Voraussetzungen ausgehend zu ebenso unhaltbaren Ergebnissen gelangt;

- dem Bedenken um die immensen wirtschaftlichen Interessen und Summen, die in der Veröffentlichung dieser Irrlehren investiert sind.

Obwohl wir im dritten Abschnitt den sehr viel tiefer liegenden Erregungshintergrund noch kennenlernen werden, sind solche Ängste natürlich trotzdem vorhanden und auch nicht einfach zu entschuldigen.

Ebenso persönlich wie die Naturwissenschaftler - und vor allem jene, die mit dem Himmel zu tun haben - fühlen sich die Althistoriker vom neuen Anfang betroffen.

Sie sind es, die sich gegenüber der verlorenen Generation für das Totschweigen zu verantworten haben werden.

Zur Rede gestellt, belehrt da etwa der Ägyptologe an der Universität Basel, Prof. Dr. Erik Hornung, eine Studentin,

daß wir angesichts der Fülle von wissenschaftlichen Aufgaben in unserem Fach uns höchstens bei Seminarfesten den Luxus erlauben können, uns mit Autoren wie Velikovsky, Däniken, Kolpatschky usw. zu beschäftigen.

Erich von Däniken, dessen famose Kosmonautentheorie sich zwar aufgrund von Velikovskys Geschichtsrekonstruktion, nicht aber im Rahmen der Kathederlehren echt widerlegen läßt, ist bei den heutigen Gralshütern natürlich außerordentlich beliebt geworden: als Alibi dafür, "sich nicht mit allem auseinandersetzen zu müssen".

Der bekannte Ägyptologieprofessor Dr. Hellmut Brunner kann Westermanns Monatshefte (11, 1978, S.10)

nur auf das Dringendste bitten, den Ruf Ihres Blattes nicht zu gefährden, indem Sie die Velikovskysche Chronologie auch nur ironischerweise übernehmen.

Prof. Brunner arbeitet am Ägyptologischen Institut der Universität Tübingen, von wo in der Stuttgarter Zeitung vom 26.4.79 auch verlautet, "es gehöre im Grunde schon eine Frechheit ohnegleichen zu der Behauptung, die Historiker hätten unrecht" (in bezug auf die Rekonstruktion in Die Seevölker; dem abschließenden Band der Reihe Zeitalter im Chaos), und daß man sich darüber im unklaren sei, "wer hier am meisten gegen den letzten Rest von Anstand gesündigt habe: der Autor oder der Verlag, oder beide".

Laut dieser Rezension "urteilen Fachkenner über das Buch unverblümt etwa mit Ausdrücken wie höherer Blödsinn", und schließlich "scheint es dringend nötig, die Leser vor diesem Buch zu warnen... Wer trotzdem dafür Geld ausgeben will, habe es sich selbst zuzuschreiben". Mit hier ausgelassenen Stellen übergehe ich natürlich nicht etwa sachliche Argumente, nach denen leider immer vergeblich ausgeschaut werden muß.

Um den opponierenden Wissenschaftlern einen neuen Anfang zu erleichtern, wurde vom Podium Akademische Freiheit (Basel) zum Buch Die Seevölker und angelehnt an die Stichworte des im wissenschaftlichen Verlag Harrassowitz erscheinenden Lexikon der Ägyptologie eine Konfliktliste erarbeitet, die als Computerausdruck rein sachlich die Unterschiede zwischen der kathedergelehrten und der rekonstruierten Geschichtsschreibung zur Diskussion aufbereitet.

Dafür zeigt sich Prof. Dr. Horst Beinlich vom Institut für Ägyptologie an der Maximilians-Universität in Würzburg folgendermaßen erkenntlich:

Haben Sie vielen Dank für die Zusendung des Romans von I. Velikovsky Die Seevölker. Ich muß gestehen, daß man nicht jeden Tag so viel blühenden Unsinn in solch komprimierter Form auf den Tisch bekommt.
Es ist mir unverständlich, wie ein auch nur halbwegs denkender Mensch auf die Scharlatanerien von Leuten wie Velikovsky, Vandenberg, Däniken (sic!) und anderen hereinfallen kann.
Ich halte es für eine Frechheit, diesem antiwissenschaftlichen Geschwätz auch noch ein Mäntelchen wissenschaftlichen Gepräges umzuhängen und empfehle Ihnen eine Umbenennung in Podium Akademische Frechheit.

So hat der Neue Anfang immerhin den Fortschritt gebracht, daß neben der totschweigenden Rücksendung von Leseexemplaren wenigstens eine kleine Anzahl von Hitzköpfen unter den Historikern ihren Kollegen aus den "harten" Wissenschaften folgen.

Ob das aber die Manager der wirtschaftlichen Interessen in Bewegung zu setzen vermag, ob es sie dazu bringt, sich ein eigenes Urteil darüber zu bilden, inwieweit Honorarzahlungen für im vorhinein veraltete Lehr- und Textbücher, ihre Investitionen in den Druck von gelehrten Arbeiten und darauf gestützter Lexika noch berechtigt sind?

Das schon erwähnte Lexikon der Ägyptologie, auf 7 Bände angelegt und im Frühjahr 1979 noch längst nicht bis zur Hälfte veröffentlicht, liefert, an der rekonstruierten Geschichte gemessen, zu rund je einem Drittel direkt falsche, irreführende oder zumindest indirekt mißverständliche Auskünfte, soweit sie im Zusammenhang zu beurteilen sind.

Dies, obwohl das Lexikon "sich bereits dem Urteil der berufenen Fachwelt gestellt" hat (Vorhalt des Verlagsleiters), die sich allerdings, laut einem nicht genannt sein wollenden Ägyptologen, "immer nur aus denselben achtzig Leuten" zusammensetzt - aus deren Mitte dann wiederum die Lexikonbeiträge stammen: ein echter Circulus vitiosus!

Die kleinen Teufelskreise steuern die großen.

Der eben nach mehr als 8 Jahren mit dem 25. Band abgeschlossene neue "Große Meyers" - Meyers Enzyklopädisches Lexikon - ist von "Ägypten" bis hin zu "Zypern" einem irrenden Weltbild verhaftet, das im Vergleich mit den tatsächlich vorhandenen und wissenschaftlich ermittelten Daten in allen vielfältig verästelten Zusammenhängen dem geozentrischen Weltbild aus der Zeit vor Kopernikus gleicht.

Im Bibliographischen Institut, das unter anderen auch den Dudenverlag, den Jugendbuchverlag und den B.I.-Wissenschaftsverlag umfaßt, hat man das Problem in bester Tradition gleich an der Wurzel ausgerottet:

Wir werden Herrn Dr. Immanuel Velikovsky (gar) nicht in unser Lexikon aufnehmen und sind nicht aus Unkenntnis auf die revidierte Chronologie nicht eingegangen. Dabei befinden wir uns im Einklang mit seriösen (vom B.I. hervorgehoben), sachkundigen Fachwissenschaftlern.

Solche Fachwissenschaftler haben wir oben kennengelernt. Wo das Meyers entsprechende Werk im englischen Sprachraum, die Encyclopaedia Britannica, doch genügend objektiv ist, um dem Wißbegierigen den Ansatz nicht vorzuenthalten, da verstecken sich die Lektoren und Redakteure der deutschen Standardwerke - denn auch Brockhaus ist dabei - hinter serviler Wissenschaftsgläubigkeit.

Gleiches gilt im deutschen Sprachraum auch für die Massenmedien. Wo in der englischsprechenden Welt auch wissenschaftliche Nachrichten, von NASA-Meldungen bis zur C14-Datierung altägyptischer Pharaonen, kritisch gewürdigt werden - sei das nun in pro- oder anti-Velikovskyschem Sinne -, da werden bei uns die offiziellen Verlautbarungen höchstens noch stilistisch überarbeitet.

Beim Spiegel mag es in einer UFO-Geschichte (24.4.78, S.49) noch zu einem verwegenen Seitenhieb auf Verlag und Autor reichen (on dit, Der Spiegel sei der Meinung, an und ab ja schon Verrückte vorstellen zu können, Velikovsky hingegen falle sogar noch aus diesem Rahmen); die Wissenschaftsredaktionen bei Fernsehen und Rundfunk aber stehen unter der Aufsicht ihrer "Berater", der bekannten Medienprofessoren, wie etwa Hoimar von Ditfurth (Der Geist fiel nicht vom Himmel) einer ist. Sie nehmen sich der Aufgabe an, das Volk vor dem Ketzer zu schützen und den neuen Anfang aufzuhalten.

Die Bedeutung

Die Velikovskyanische Wende, vor der wir heute stehen, wird für die deutschen Völker in unmittelbarer Zukunft eine noch größere Bedeutung haben als für die übrige weißrassige Welt, denn "Bewältigung der Vergangenheit" bezieht sich bei uns auf handfeste Forderungen an eine Wissenschaft, die ihren Namen wert sein soll.

Nur deshalb sei hier erstmals ein knapper Abriß gegeben, der allerdings nicht vor tieferem Studium bewahren kann.

Velikovsky ist Mediziner und vor allem Psychiater. Seine Analyse der Altertumsgeschichte ist von der Tiefenpsychologie her geprägt, deren Methoden hier zwar nicht auf das Individuum, sondern auf das Kollektiv angewendet wird.

Verhält es sich irrational - und niemand wird Krieg, Terror oder gar Holokaust als rationales Verhalten einstufen wollen -, so dürfen Wahnbildungen vermutet werden, die von verdrängten Erfahrungen in der Vergangenheit erregt werden.

Demzufolge sucht der Psychiater in den Erzählungen seines Patienten nach unbewußten Zusammenhängen, die auf solche Ereignisse hinweisen, welche einmal die Existenz des Individuums, und hier nun eben des Kollektivs, zu bedrohen schienen, oder deren Erfahrung diese Bedrohung noch immer aufrechterhält.

Nichts scheint so selbstverständlich wie dieser Gedanke, obwohl er selbst Freud nicht eingefallen ist.

Velikovsky ist damit aber der einzige echte Fortschritt in der Psychoanalyse gelungen (mit Ausnahme wohl der Sprachanalysen von Arno Schmidt - denn Sprache ist der Gedächtnisspeicher des Kollektivs, aus welchem noch viel umfangreiches Wissen zu schöpfen sein wird).

Bereits die Analyse der Überlieferungen aus dem Altertum, von der Mitte des 2. Jahrtausends bis in die Zeit Alexanders des Großen um -300, läßt hinter der Tatsache, daß zwischen der gelehrten ägyptischen und der unabhängig davon geschriebenen hebräischen Geschichte lediglich - über tausend Jahre hinweg! - zwei oder drei gekünstelt klingende Synchronismen bekannt sind, grobe Irrtümer in der Dateninterpretation vermuten.

Dieser Verdacht bestätigte sich, nachdem Velikovsky praktisch alle Ereignisse, die aus unabhängig voneinander erstellten Quellen bekannt sind, zusammengestellt und so eine dem tatsächlichen Ereignisablauf folgende neue Chronologie errichtet hatte.

Sie wurde erstmals 1947 im Rahmen der 248 Thesen zur Rekonstruktion der Alten Geschichte der Fachwelt vorgestellt und liegt heute im einzelnen begründet und dokumentiert in den Büchern der Reihe Zeitalter im Chaos vor.

Zugleich stellte sich heraus, daß die Ägyptologie die ägyptische Geschichte um rund 500 Jahre dadurch verlängert hatte, daß Überlieferungen der griechischen Historiker den aus Ägypten selbst bekannten Quellen hinzugefügt wurden, anstatt daß sie damit synchronisiert worden wären.

Dieser Fehler konnte sich dadurch einstellen, daß ein den Alten Ägyptern selbst völlig unbekannter sogenannter "Sothiskalender" ihrer Geschichte unterschoben wurde, der dann nicht mit geschichtlichen Ereignissen, sondern mit Pharaonennamen auszufüllen war.

Da mit Ausnahme der Juden aber alle anderen Völker des Alten Orients über keine eigenständige Chronologie verfügen, sind sie aufgrund archäologischer Funde zwangsläufig mit der Chronologie Ägyptens verkettet; und so kommt es, daß auch die Geschichte dieser Völker um 500 Jahre verlängert ist, eine Zeitspanne, die sich in den sog. "Dunklen Zeitaltern" - z.B. Griechenlands und Anatoliens - niederschlägt.

Die kathedergelehrte Altertumsgeschichte erwies sich also als erste Großwahnbildung des Kollektivs.

Was aber sollte durch diese Großwahnbildung verdeckt werden?

Die Fortführung der Analyse deckte auf, daß in der untersuchten Periode eine Anzahl von Naturkatastrophen sich ereignet hatten, deren Ausdehnung über die gesamte Erde hinweg auf eine außerirdische Ursache schließen ließ.

Auch diese Rekonstruktion bestätigte sich, und zwar nicht allein im Rahmen der historischen Berichte, sondern auch im Zeugnis der erdgeschichtlichen Befunde:

In der Mitte des 2. Jahrtausends ist die Erde bei einem "Zusammenstoß" - es handelt sich um die gegenseitigen Einflußsphären - mit dem damaligen Kometen und heutigen Planeten Venus nur knapp der völligen Verwüstung entgangen, und 700 Jahre später ereigneten sich im Verlaufe von rund 100 Jahren vier vom Planeten Mars verursachte Katastrophen, mit allerdings weniger gefährlichen Auswirkungen.

Die Rekonstruktion dieser naturgeschichtlichen Ereignisse ist Velikovsky in seinem berühmten Buch Welten im Zusammenstoß gelungen, die erdgeschichtlichen Spuren der Katastrophen werden in Erde im Aufruhr dargelegt.

Das Aufsehen, das Welten im Zusammenstoß erregte, hat aber viele Leser und Kritiker darüber hinweggetäuscht, daß hier lediglich zwingende Schlüsse aus der voranstehenden Geschichtsanalyse gezogen werden.

Somit verdeckt die Großwahnbildung "Sothis-verkettete Altertumsgeschichte" die folgenden, offensichtlich verdrängten Tatsachen:

1. Die Erfahrung (aus der Sicht der Überlebenden) einer immensen, die Existenz des Menschheitskollektivs gefährdenden Katastrophe im 15. Jahrhundert sowie die Bedrohung durch weitere Katastrophen im 8./7. Jahrhundert v.u.Z., herbeigeführt beide Male durch außerirdische Mächte (Gottheiten).
2. Die Erfahrung des plötzlichen Verlassenseins durch diese Gottheiten im 7. Jahrhundert v.u.Z. überläßt die Menschheit in existenzgefährdender Weise einem unbekannten Geschick, das durch keine reale, höhere Instanz (die Gottheiten) mehr geleitet wird; die Existenz erscheint dadurch gefährdet, daß keiner höheren Gewalt mehr etwas an ihr liegt.

Mit der Verdrängung dieser unerfreulichen und deshalb unerwünschten Tatsachen gerieten auch noch folgende in Vergessenheit:

3. Daß bis zur Wende im 7. Jahrhundert immer nur Realgottheiten, d.h. jedermann jederzeit am Himmel sichtbare "höhere Lebewesen" die Welt beherrschten und von den Menschen angebetet wurden.
4. Daß sich nach der Wende im 7. Jh.v.u.Z. die Rituale lediglich noch an Verbalgottheiten richten konnten, an die Schatten der nur in der Sprache der Überlieferungen noch weiterlebenden Götter.

Noch hinter dem verdrängten Geschichtsbild verborgen sind also auch die ersten Ansätze der Ausbildung von philosophischen und religiösen Systemen.

Sie sorgten dafür, daß die verdrängten Ängste durch die alten Rituale - die vom Gebet bis zum Menschenopfer reichen - immer nachhaltiger ihre Opfer verlangten, auch wenn der Sinn dieser Kulthandlungen überhaupt nicht mehr einsichtig war.

Damit gewinnen wir den ersten Einblick in die Mechanismen, die zum modernen Holokaust geführt haben und zu einem noch grauenhafteren führen werden, wenn die Lehren aus Velikovskys Werk nicht rechtzeitig gezogen werden.

Auf der Grundlage der rekonstruierten Altertums- und Naturgeschichte läßt sich zusammenfassend die Entwicklung aufzeigen.

Typhonsbrut: rot, links, aus dem Osten = böse

Der Komet, der um -1475 die Katastrophe der biblischen Plagen über Ägypten brachte, kam aus dem Osten, der für die nach Süden orientierten Ägypter links liegenden Himmelsrichtung.

Er wurde von den Völkern nicht als Einheit aufgefaßt, vielmehr wurde der Schweif als Drachen oder Schlange gesehen, die im Kampf mit einem Lichtgott, dem gleißend hellen Kopf des Kometen, lag.

Allein die Israeliten, die in Richtung auf den Himmelskörper zu aus Ägypten gegen Osten flohen, sahen im Schweif die richtungsweisende Wolken- resp. Feuersäule.

Als die Erde in den Schweif eintauchte, färbte sie sich rot mit dem "Blut" des Drachenungeheuers, das unter den vielen anderen die Namen Seth, Tiamat, Pallas und Typhon erhielt.

Im Schutze der Katastrophen aber fielen die Hyksos oder Amu in Ägypten ein und knechteten dessen Bevölkerung auf grausamste Weise über 400 Jahre lang.

Die Israeliten waren diesen Hyksos auf dem Auszug aus Ägypten begegnet und litten ebenfalls während der ganzen Zeit der Richter unter ihrer Terrorisierung Palästinas: im Alten Testament werden sie Amalekiter genannt.

Keines der Alten Völker vergaß je die alles überbietende Grausamkeit Typhons und seiner Geschöpfe, die man ihm auch zum Opfer darbrachte (Welten im Zusammenstoß, Teil 1; Zeitalter im Chaos, Kapitel 1).

Antisemitismus: Verwechslung der Juden mit den Hyksos

Vor Manetho, dem ägyptischen Priester und Geschichtsschreiber des 3. Jahrhunderts v.u.Z., dessen Dynastientabellen von den modernen Ägyptologen zusammen mit der Sothisperiode als das Alfa und das Omega der Chronologie angesehen werden, hat es keinen Antisemitismus gegeben.

In seiner Geschichte Ägyptens aber, die uns von Kirchenschriftstellern überliefert wird, setzt Manetho den Aufenthalt der Israeliten in Ägypten der Zeit der Unterdrückung dieses Landes durch die Hyksos gleich.

Später übernimmt der jüdische Geschichtsschreiber Flavius Josephus diese Auffassung, die bis heute Anhänger findet (Zeitalter im Chaos, Kapitel 2).

Die Juden kommen aus dem Osten nach Europa

Wie Arthur Koestler nachgewiesen hat (Der dreizehnte Stamm), verbreiteten sich die Juden in Europa nach dem Fall ihres Chasarenreiches an Wolga und Don.

Sie kamen im Hohen Mittelalter, und Koestler behauptet, es handle sich bei ihnen um einen Türkenstamm, der die hebräische Sprache und Tradition lediglich aus Opportunismus - um dem Druck der Christen auf der einen, demjenigen der Muslim auf der anderen Seite zu entgehen - angenommen habe; aber von Koestler unberücksichtigt gebliebene Merkmale, wie Namen, die im Israel des 8. Jahrhunderts v.u.Z. üblich gewesen waren, weisen auf die Herkunft der Chasaren hin: sie - und damit der allergrößte Teil der heutigen Juden - sind die Nachkommen der von den Assyrern nach dem Fall von Samaria (-721) zu Hunderttausenden bis an die äußersten Grenzen des Reiches deportierten Zehn Stämme.

Venus ist in all ihren Erscheinungsformen die gefürchtetste und am meisten verehrte Gottheit

Die verwirrenden Gegensätzlichkeiten von Gut und Böse in allem, was mit dem "Neuankömmling" (deutsch für das lateinische "venus") zusammenhängt, hat die modernen Gelehrten immer wieder vor unlösbar seheinende Fragen gestellt.

Velikovskys Rekonstruktion der naturgeschichtlichen Vorgänge bietet indessen die Erklärung an:

Bis zur Zeit des Exodus (ca. -1475) ist einmal zu unterscheiden zwischen Kometenkopf und Kometenschweif des "Haar"- oder "Ruten"-Sternes (die Rutenbündel - Faszes - finden wir dann wieder im Staatssymbol von Mussolinis Italien und im Wort Faschismus selbst); nach der Begegnung mit der Erde, bei welcher der Schweif aufgelöst wurde, birgt das "Heraufkommen" (Herannahen) des gleißenden Himmelskörpers aus dem Osten (Phosphoros, Morgenstern) das Böse, sein Entschwinden im Westen (Hesperos, Abendstern) das Gute.

So ist Luzifer identisch mit der Großen Himmelskönigin, mit Ischtar und Inanna, die einst "weithin wie die Sonne leuchtete", mit der Athene der Griechen und neben all den anderen mit der Isis der Ägypter, die sich zur Madonna unserer Zeit wandelte.

Wenn sie (oder er: auf die androgynen Merkmale sei hier nur am Rande und im Zusammenhang mit dem Verlust des Schweifes - der Rute -, resp. der Haare hingewiesen, womit zugleich der vielfältige sexuelle Erregungshintergrund angedeutet ist) in Erscheinung tritt, geschehen sogar heute noch dieselben Zeichen und Wunder wie früher: die Sonne bleibt stehen, d.h. sie bewegt sich merkwürdig, im Bericht Josuas (Welten im Zusammenstoß, Teil 1, Kapitel 1) gleich wie am 30. Oktober 1950, als die Madonna Papst Pius XII. erscheint.

Das Hohepriestertum des Altertums und der Moderne sind identisch

"Jerusalem und sein Volk sind nicht mehr die Stadt und das Volk Gottes. Rom ist das neue Sion...", ruft Pius XII. 1936, zur Zeit, als die Judenverfolgung in Schwung kommt.

Jerusalem ist wohl die älteste Heilige Stätte der Venusverehrung, und der Anspruch darauf im Zusammenhang mit den uralten Ritualvorschriften, mit der unerkannten Existenzangst, mit sexuellen Hintergründen, mit den kollektiv verdrängten Forderungen, der Gottheit ihre Geschöpfe zu opfern: all das und mehr macht aus dem Pontifex (von "Punt") zu Rom nicht nur den "passiven Stellvertreter" Hochhuths.

Die vorrangige Bedeutung des Werkes von Immanuel Velikovsky für den deutschen Sprachraum liegt für uns im Ansatz, in der Tat mit der Bewältigung der Vergangenheit beginnen zu können.

Die "nimmer ruhenden Glutöfen der Venus von Dilbat", in denen die Menschenopfer dargebracht wurden, steigerten sich zu den Öfen von Auschwitz, die wiederum das Vorspiel zu den wirksameren Atomöfen der Bombentrichter sein können (am oben erwähnten denkwürdigen 30. Oktober erscheint im Vatikangarten die Madonna dem Papst, um ihn aufzufordern, ihr Rußland - die Roten, die Linken - zu weihen: Pius XII. läßt erkennen, daß sie sich zu diesem Zweck auch einen Atomkrieg vorstellen könnte).

Holokaust ist nicht das Werk von ein paar verrückten Individuen unter einer großen Menge passiver Zuschauer. Holokaust ist das Opfer an den Morgenstern, dargebracht von einem unter Wahnbildungen leidenden und deshalb neurotisch handelnden Kollektiv (offensichtlich der weißrassigen Menschen), durchgeführt vom weltlichen Arm der geistigen Macht.

Insbesondere deutsche Wissenschaftler sollten deshalb nicht, wie wir nachgewiesen haben, Velikovsky unbesehen ablehnen.

*Unveröffentlichte Arbeit für Goldmanns De-Grazia-Ausgabe (The Velikovsky Affair)

online-Fassung - kkk

kuckuck 33/34
1981/1982, Herbst/Winter
22. Januar 1982

kokhaviv press:
Horst Lummert in kuckuck (kulikri)

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