1981-02-06

Christoph Marx
Der Spiegel

Briefe um Einstein

Der Anlaß

Daumen drauf

Mehr als 25 Jahre nach dem Tode Albert Einsteins werden seine nachgelassenen Schriften und Papiere noch immer unter Verschluß gehalten. Die Affäre beschäftigt nun hohe amerikanische Gerichte.
(...)
Als Verwalter seiner schriftlichen Hinterlassenschaft... hatte Einstein testamentarisch einen seiner Mitarbeiter, Dr. Otto Nathan, eingesetzt. Dem ließ er anscheinend freie Hand, und der hält seither den Daumen drauf.
(...)
Er hinterließ... Konvolute von Aufzeichnungen und Briefen, darunter Korrespondenz mit den führenden Forschern seiner Zeit, mit Staatsmännern und Persönlichkeiten wie Sigmund Freud, Bertrand Russell und George Bernard Shaw. Die rund 43000 Dokumente werden im Princeton Institute for Advanced Study aufbewahrt, einem amerikanischen Elfenbeinturm, der nach der Emigration Einsteins Refugium wurde.
(...)
Herausgegeben hat Nathan davon bislang nur eine kleine programmatische Auswahl, die Einstein als Pazifisten ausweist.* Nicht einmal etliche Photos und Briefe, die das Smithsonian Museum in Washington 1979 für eine Ausstellung zu Einsteins 100. Geburtstag als Leihgaben erbeten hatte, ließ er aus den Fingern.
Dabei hatte Nathan bereits 1971 der Princeton University Press vertraglich zugestanden, den Nachlaß, der wohl 20 Bände umfassen wird, zu publizieren. Anfang 1977 akzeptierte er auch den Physiker John Stachel von der Boston University als Herausgeber.
(...)
Noch im selben Jahr besann Nathan sich ganz anders: Dem Physiker Stachel, der alsbald mit dem Katalogisieren und Kopieren der Einstein-Dokumente begonnen hatte, mangele es an "Integrität". Das beratende Wissenschaftler-Gremium hingegen fand den Herausgeber ohne Fehl.
(...)
Jetzt allerdings will die Princeton University sich nicht länger hinhalten lassen. Sie gab bekannt, ihre Bibliothek werde die Kopien der Einstein-Papiere "qualifizierten Forschern" zugänglich machen.
Dr. Nathan hofft indes, sein Lebenswerk auf seine Art zu krönen. Um die Veröffentlichung zu verhindern, erklärte er dieser Tage, werde er durch alle zuständigen Gerichtsinstanzen gehen, bis vor den New York State Supreme Court und den Court of Appeals.

*Otto Nathan, Heinz Norden (Hrsg.): Albert Einstein - über den Frieden. Peter Lang Verlag, Bern

(Der Spiegel 6/81, S.196)

Zitat (kkk)

Die Briefe

Christoph Marx

Leserbrief (6.2.81)
an den Spiegel

Einstein - "Daumen drauf" in Nr. 6

Sehr geehrte Damen und Herren,

Der schriftliche Nachlaß Albert Einsteins wird auch deshalb unter Verschluß gehalten, weil am Ende die Zernichtung seines Theoriengebäudes - und damit unseres Weltbildes - nicht nur droht, sondern sich als Tatsache erweist. Dieser Nachlaß nämlich enthält Dokumente über die von allen Biographen schon totgeschwiegene Verbindung Einsteins zu Immanuel Velikovsky, dem Analytiker, der die Rekonstruktion der Natur- und Menschheitsgeschichte vorlegte. Mit dieser Rekonstruktion, die ein vom gelehrten völlig verschiedenes Geschichtsbild dokumentiert, wird auch belegt, daß der Raum nicht von der schwächsten aller bekannten Kräfte, der "unmittelbar überall" wirkenden Gravitation beherrscht wird, sondern gleich wie der Mikrokosmos von Elektrizität, resp. Elektromagnetismus. Die "Schwerkraft" oder Gravitation ist lediglich ein aus dem Zusammenwirken dieser Kräfte resultierendes Phänomen lokalen Charakters in einem zeitweise elektrisch ausgeglichenen System.

In der ersten Hälfte der 20er Jahre redigierte Einstein für Velikovsky "Mathematica et Physica". Im Verein mit "Orientalia et Judaica" handelte es sich um eine Sammlung wissenschaftlicher Arbeiten bekannter jüdischer Forscher, deren zwei Bände Scripta Universitatis atque Bibliothecae Hierosolymitanarum den eigentlichen Grundstein zur Universität von Jerusalem legten. Später emigrierte Einstein nach den Vereinigten Staaten, während Velikovsky als erster Psychoanalytiker des heutigen Staates Israel in Jerusalem und Tel Aviv praktizierte.

Nach dem Krieg und seiner fundamentalen Arbeit in den Bibliotheken New Yorks ließ auch Velikovsky sich in der Universitätsstadt Princeton nieder, um sich dort der detaillierten Ausarbeitung seiner 248 Thesen zur Rekonstruktion der Alten Geschichte (1945) und von Kosmos ohne Gravitation (1946) zu widmen.* Als 1950 sein erstes Buch Welten im Zusammenstoß erschien, "belegte ihn die Zunft der Astronomen mit Bann" (Der Spiegel, 26.11.79), drohten (sie) dem Wissenschaftsverlag Macmillan mit einem landesweiten Boykott seiner Lehrbücher bis zur Aufgabe des Velikovsky-Titels und verhalfen damit anderen wissenschaftlichen Disziplinen, aber auch anderen Gruppierungen des Establishments, zur Verdrängung von Velikovskys Aufklärung der Vergangenheit. Diese Vorgänge berührten auch Albert Einsteins zentrale Theorien und unser Weltverständnis seit Newton, Lyell, Darwin und Marx überhaupt.

Die letzten eineinhalb Jahre seines Lebens waren für Albert Einstein durch einen immer enger werdenden Kontakt zu Velikovsky ausgezeichnet. Einstein scheute sich nicht - wie so viele seiner kleingeistigeren Kollegen -, sein Lebenswerk in Frage stellen zu lassen und selbst in Frage zu stellen. Mit Velikovsky einigte er sich, von der Welt der Wissenschaft experimentelle Nachweise zu verlangen für die Vorhersage von Befunden, die laut Velikovsky zukünftig gemacht würden. Einer davon betraf die Folgerung, daß der heutige Planet Venus als neues, nur einige tausend Jahre altes Glied des Sonnensystems noch heute "glühend heiß" sein müsse - was mittlerweil am Ort bei 480o C nachgemessen wurde. Ein anderes Experiment sollte die Suche nach "Radiostrahlung vom Planeten Jupiter" sein, ein laut Velikovsky - als Geburtsgestirn der Venus - fast sonnengleich aktiver Himmelskörper, ganz im Gegensatz zur damaligen Lehrmeinung, es handle sich um eine praktisch tiefgefrorene Methankugel! Am 5. April 1955 eröffneten Dr. Bernard F. Burke und Dr. Kenneth I. Franklin einer Versammlung der American Astronomical Society ihre zufällige Entdeckung starker, vom Jupiter ausgehender Radiostrahlung. Nach dieser Enthüllung, die in allen ihren Konsequenzen letztlich Einsteins Gedankengut nach dessen eigener Meinung zernichten muß, und die meisten unserer Weltbilder dazu, starb Einstein nur wenige Tage später, am 18. April. Offen auf seinem Arbeitstisch lag Welten im Zusammenstoß - mit Randvermerken versehen, auf welche Dr. Otto Nathan, der Verwalter der schriftlichen Hinterlassenschaft, den Daumen hält.

*Rekonstruktion der Menschheitsgeschichte in den Büchern der Reihe Zeitalter im Chaos: Vom Exodus zu Echnaton, Oedipus und Echnaton, Ramses II und seine Zeit, Die Seevölker; der Naturgeschichte in Welten im Zusammenstoß, Erde im Aufruhr.

Mit der Bitte um Veröffentlichung und freundlichen Grüßen,

(gez.) Marx

PS: Ich lege einen Artikel Velikovskys aus The Jewish Quarterly (Vol.26, No.1,1978) sowie das Faksimile eines Schreibens Einsteins an Velikovsky vom 17.3.55 - einen Monat vor seinem Tod - bei, in welchem Einstein sich für das Geschenk des 1952 erschienenen ersten Bandes von Ages in Chaos bedankt.

Eine nicht autorisierte Veröffentlichung von zwei Abschnitten aus Velikovskys Manuskript The Dawn Breaketh, einem Buch über seine Diskussionen und Untersuchungen mit Einstein, findet sich in Neues Lotes Folum 2 & 4 (Impuls Verlag, Bremen 1980) unter dem Titel "Gespräche mit Einstein" (vielleicht auch für Ihre Wissenschaftsredaktion ein Hinweis, weil sonst auch im englischen Sprachraum nicht erreichbar).

***

Hinweis: Christoph Marx übersetzt, neben anderen, Velikovsky für Umschau ins Deutsche und betreut in Basel das Podium Akademische Freiheit (P.A.F., Postfach 3870, CH-4002 Basel), wo, samt Literaturliste, auch eine Übersicht zur Geschichts-Rekonstruktion nach Velikovsky erhältlich ist. kkk

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Der Spiegel antwortet:

13. Februar 1981 Ku/kl

Sehr geehrter Herr Marx,

vielen Dank für Ihre Zuschrift zu unserem Beitrag über Albert Einsteins Nachlaß. Was Velikovsky angeht, möchten wir allerdings mit Einstein "die ganze Episode von der drolligen Seite" nehmen und es bei der herkömmlichen Konstruktion von Natur- und Menschheitsgeschichte belassen.

Mit freundlichen Grüßen
DER SPIEGEL
Wissenschaftsredaktion (Albrecht Kunkel)
gez. Kunkel

Marx vermerkt auf dem Original des Briefes:

Endlich die lang gesuchte schriftliche Bestätigung der gegenüber Aufklärung reaktionären Haltung beim SPIEGEL! Eindrucksvoll, daß man die Konstruktion - etwas im Grunde ja immer Gekünsteltes - der Rekonstruktion - die sich an vorliegende Tatsachen halten muß - vorzieht und das Prinzip zugleich ansetzt, Einsteins gerade gegen diese Haltung gerichteten Worte im Brief an Velikovsky vom 17.3.55 um 180° zu verdrehen...

Eine spontane und schon daher psychoanalytisch wertvolle Reaktion!

17.2.81:cm

- und schreibt diesmal an die Chefredaktion des Spiegel:

Sehr geehrter Herr Engel oder Herr Böhme,

ich bitte Sie, die mit der beiliegenden Kopie des Briefes Ihrer Wissenschaftsredaktion vom 13.ds angesprochene Sache einer objektivierenden Beurteilung zuzuleiten. Sie führen ein Dossier über die "Velikovsky-Affäre" seit Beginn der 50er Jahre, und eigentlich noch vor einem halben Jahrzehnt war Ihre Haltung keineswegs so verschlossen.

Es würde mich natürlich freuen, wenn mein Leserbrief, der immerhin einen Ihren Artikel über den Einstein-Nachlaß ergänzenden Stoff bietet, doch veröffentlicht würde.

Mit freundlichen Grüßen, gez. Marx
Beilage erwähnt.

Wiederum kommt die Spiegel-Antwort aus der Wissenschaftsredaktion
(23. Februar 1981 Pe/kl; gez. Kunkel):

Sehr geehrter Herr Marx,

gegen Ihre psychoanalytische Ausdeutung meines Schreibens vom 13. Februar habe ich gar nichts einzuwenden. Gegen den Mißbrauch des Begriffes Aufklärung allerdings wende ich mich entschieden: Bitte verschonen Sie deshalb diese Redaktion mit weiteren Elaboraten von und über Velikovsky.

Hochachtungsvoll

Christoph Marx schreibt (am 7.3.81) noch einmal an die Spiegel-Chefredaktion:

Sehr geehrter Herr Engel oder Herr Böhme,

laut Beilage schrieb ich Ihnen unter dem 17.2.81 mit der Bitte um eine objektivierende Beurteilung. An deren Stelle erhalte ich die noch emotionaler als früher ausgefallene Mitteilung vom 23. Februar Ihres betroffenen Mitarbeiters, ich hätte Sie mit weiteren "Elaboraten" zu verschonen. Soll mir diese Arroganz genügen?

Ich halte dafür, daß gerade ein Wissenschaftsredakteur seine offensichtlich privaten - religiös oder sonst irgendwie mystisch begründeten - Ansichten nicht derart in die Öffentlichkeit tragen dürfte, daß er ihm (oder gewissen sektenhaft operierenden "etablierten" Wissenschaftlern) nicht in den Kram passende Tatsachen zensuriert oder (wie etwa in Nr.17/1978, S.49f.) nur eingebunden in verlächerlichende Zusammenhänge wiedergibt. Auch wenn Sie Ihr Blatt nicht als wissenschaftliche Zeitschrift einstufen, muß ich als wirklich sehr langjähriger Spiegelleser doch erwarten dürfen, daß auch die "Wissenschafts"redaktion nicht ideologisch unterlaufen wird. Eine unkritisch-devote Liebedienerei gegenüber anderen Medien-Populärwissenschaftlern (v.Ditfurth, H.Haber usw.) entspricht gewiß nicht dem aufklärenden Journalismus, der von Ihnen erwartet werden darf.

Ich ersuche deshalb um eine direkte Antwort aus Ihrer Etage, zum einen, und um Veröffentlichung meines Leserbriefes vom 6.2.81 zum zweiten. Mit bestem Dank im voraus und freundlichen Grüßen,

gez. Marx.

Vergebens. Antwort von der Wissenschaftsredaktion (17.3.81 Ku/kt):

Sehr geehrter Herr Marx,

unsere Chefredaktion hat mir Ihren Brief vom 7. März zur Beantwortung übergeben. Obwohl ich Ihnen Rechenschaft über meine Arbeitsweise nicht schuldig bin, möchte ich Ihnen doch erläutern, aus welchen Gründen ich eine Korrektur meines Artikels durch Veröffentlichung von Leserbriefen anderen Tenors nicht hinzunehmen brauche und deshalb ablehne.

Zur Geschichte über den Einstein-Nachlaß habe ich ausführlich recherchiert. So bin ich selber in Princeton gewesen und hatte seit Jahren mehrfach Gelegenheit, die Praxis der Nachlaßverwaltung kennenzulernen. Auf andere als die genannten Ursachen dafür, daß der Nachlaß praktisch unter Verschluß gehalten wurde, fand ich auch in wissenschaftlichen Publikationen und in Gesprächen mit betroffenen Wissenschaftlern keinerlei Hinweise. Die Aussagen meines Artikels stimmen mit denen seriöser amerikanischer Publikationen überein.

Wenn Sie "um eine objektivierende Beurteilung" Ihrer Zuschriften bitten, so muß ich anmerken, daß ein Verdacht, wie Sie ihn äußern, eben jenen strengen Kriterien nicht standhält, die wir vor Veröffentlichung anzulegen gewohnt sind.

Hochachtungsvoll

DER SPIEGEL
Wissenschaftsredaktion (Albrecht Kunkel)
gez. Kunkel

Christoph Marx an Albrecht Kunkel (Spiegel) - 20. März 1981:

Sehr geehrter Herr Kunkel,

besten Dank für Ihre Auskunft über Ihre Recherchen bezüglich des Einstein-Nachlasses. Sie bestätigen damit, daß Sie das Thema der Verbindung Einstein-Velikovsky und dessen Einfluß auf die Zugänglichmachung des Nachlasses (wozu auch die angemerkten Bücher Velikovskys gehören) überhaupt nicht aufs Tapet brachten. Daß Sie auf verschiedene Ursachen in Gesprächen mit Wissenschaftlern und in wissenschaftlichen Publikationen keine Hinweise fanden, ist angesichts der bei Ihnen doch wohl vorauszusetzenden Kenntnisse um den Velikovsky-Komplex eine recht pedantische Aussage, wie ich sie nun grade vom SPIEGEL nicht erwarten muß, wenn es um die Aufdeckung von Hintergründen geht!

Bei Ihnen liegt immerhin ein gefülltes Dossier betr. Velikovsky. Sie wußten um dieses heiße Eisen, und ich finde es eigentlich unverzeihlich, daß - wenn Sie schon in Princeton waren - Sie nicht den Versuch unternahmen, den Einstein-Velikovsky-Hintergrund in bezug auf dann nicht nur Einsteins, sondern beider Nachlaß aufzuklären. Daran hinderte Sie, wie ich es auf Grund unseres bisherigen Briefwechsels sehen muß, eine gewisse Voreingenommenheit zu Gunsten eines Establishments, dessen Treiben Ihre Maßstäbe setzt. Die Aussagen Ihres Artikels mögen in diesem Sinne mit denen "seriöser amerikanischer Publikationen" übereinstimmen, aber sie sind deshalb noch längst nicht vollständig und verschweigen insbesondere ein Problem, dessen Kenntnis gerade für Ihre kritische Leserschaft unumgänglich und wichtig ist.

Ich beharre deshalb auf der Veröffentlichung meines Leserbriefes in der Meinung, daß eine so weit gehende Zensur von Hintergrundmaterial nicht angängig ist.

Beiliegend schicke ich Ihnen noch meine Übersetzung zweier Abschnitte aus Velikovskys Einstein-Buch (The Dawn Breaketh), das noch nicht veröffentlicht ist. Außerdem eine kurze Darstellung der Verhältnisse im deutschen Sprachraum sowie der Bedeutung der Rekonstruktion für die Bewältigung der Vergangenheit. Es sind ja auch die Gründe für die enorme Bekämpfung der Rekonstruktion an sich einsichtig zu machen.

Mit vorzüglicher Hochachtung,
gez. Marx.

23.3.81 - Kunkel an Marx:

Sehr geehrter Herr Marx,

leider muß ich Sie noch einmal darauf aufmerksam machen, daß Sie Ihre Argumentation permanent mit beleidigenden Unterstellungen durchsetzen. An dieser Art Korrespondenz bin ich nicht weiter interessiert.

Hochachtungsvoll
DER SPIEGEL
Wissenschaftsredaktion
gez. Kunkel (Albrecht Kunkel)

27.3.81 - Marx an die Chefredaktion (Der Spiegel):

Sehr geehrter Herr Engel oder Herr Böhme,

bitte nehmen Sie jetzt meinen beiliegenden Brief mit Beilagen an Ihren Wissenschaftsredakteur zu Händen. Ich schrieb Ihnen bereits unter dem 7.ds mit dem Ersuchen um eine objektivierende Beurteilung meiner als Leserbrief gefaßten Ergänzung zum Artikel über den Einstein-Nachlaß von Herrn Kunkel. Sie überließen die Antwort Ihrem Mitarbeiter, der sich laut beiliegender Notiz nun darüber beleidigt zeigt, daß ich ihn - zur Begründung meines Beharrens auf der Veröffentlichung des Leserbriefes - darauf anspreche, wie seine Recherchen gerade auf Grund des schon bei Ihnen liegenden Hintergrundmaterials unvollständig ausgefallen sind, den Sachverhalt verdunkeln und einen wichtigen Grund für die Geheimhaltung des Einstein~Nachlasses der Aufklärung entziehen.

Die Zensur durch Verschweigen oder Entwürdigen auf Grund rein persönlicher Vorurteile - wie sie im Schriftwechsel greifbar sind - halte ich für wissenschaftlich und journalistisch unhaltbar. Ich bitte Sie deshalb mit Besorgnis, sich doch nun selbst ein Bild von Umfang und Bedeutung der Angelegenheit zu machen und dem Trend entgegenzuwirken, daß nur einem gewissen wissenschaftlichen Establishment genehme Meinungen kritiklos und bejahend zur Darstellung gelangen. Nach wie vor ersuche ich in diesem Sinne auch um Veröffentlichung meines Leserbriefes vom 6.2.81.

Mit freundlichen Grüßen,
gez. Marx

31.3.81 - Albrecht Kunkel an Christoph Marx.

Sehr geehrter Herr Marx,

es tut mir leid, Ihnen mitteilen zu müssen, daß auch unsere Chefredaktion Ihre Korrespondenz nötigend, ermüdend und untauglich findet. Einen Sinneswandel bewirken Sie damit sicherlich nicht. Velikovsky ist für den SPIEGEL kein Thema; andere Stellungnahmen haben Sie nicht mehr zu erwarten.

Hochachtungsvoll
DER SPIEGEL
Wissenschaftsredaktion
gez. Kunkel

Der Empfänger merkt an:

Was hier für den SPIEGEL "kein Thema" ist, besteht aus einer Fülle von wissenschaftlicher Literatur, Symposien (im englischen Sprachraum) und hitzigster Disputation um eine neue Kopernikanische Wende zu einem realeren Weltbild, insbesondere durch Aufklärung des historischen Erregungshintergrundes irrationalen Kollektivverhaltens - so gesehen von der progressiven Seite; und um eine mit allen Mitteln zu bekämpfende Verteufelung des Darwin/Marx/Einstein-Weltbildes auf allen Ebenen sowohl westlicher als auch östlicher Philosophien, Religionen und Wissenschaften - so aus konservativer Sicht: - : Das alles "kein Thema" für den SPIEGEL???
gez. Marx.

5.4.81 - Marx an Kunkel:

Sehr geehrter Herr Kunkel,

ob Ihre Chefredaktion mit Ihnen gleicher Meinung ist, glaube ich dann, wenn ich es von ihr selbst höre. Unser Briefwechsel führt nicht zur Überzeugung, daß einer Ihrer Chefredakteure auch nur ein Wort davon gelesen hat oder zu Gesicht bekam; verweigerte mir ein Geschäftspartner - und als Käufer und Leser des SPIEGEL ist man noch mehr als das - die Gesprächsbereitschaft oder gar nur eine direkte Antwort wie im vorliegenden Fall, so müßte ich als extreme Unhöflichkeit auffassen, was so als eine Kombination von Mängeln der Großbetriebsstruktur, eines (wohl nicht vorhandenen) Systems der Selbstkritik und in der Redaktion installierter Vorstellungskraft zu registrieren ist. Befangen in diesem Ungenügen haben Sie sehr recht, die von mir Ihrer Gesinnung entgegengehaltenen Tatsachen (sachliche Argumente von Ihnen stehen noch aus!) als "nötigend" und "ermüdend" zu empfinden - das ist nun mal so mit Unerwünschtem. Selbstredend schieben Sie die Begriffe unter als Scheinargument für die "Untauglichkeit" der Sache, bei Ihnen einen Sinneswandel bewirken zu können: allerdings geht es nicht zuletzt gerade darum, im Rahmen der Velikovsky-Affäre diese Haltung einer nach allen Maßen öffentlichen Institution wie des SPIEGEL wissenschaftlich verwertbar zu belegen.

Ich halte Sie nicht für befugt, die Ihrem Unternehmen zugestellten Informationen nur deshalb zu refüsieren, weil ihr Inhalt offenkundig nicht in Ihr persönliches Weltbild paßt oder weil damit nachgewiesen wird, daß Sie kaum vorurteilsfrei recherchiert haben und auch für die Zukunft zu vermuten steht, daß Ihnen nichts an einer objektiven Diskussion liegt ("Velikovsky ist für den SPIEGEL kein Thema", behaupten Sie im Namen Ihres Unternehmens). Vielmehr haben Sie das beiliegende Material dem Velikovsky-Dossier hinzuzufügen, damit die Affäre für nach uns Interessierte einsichtig bleibt. Schließlich steht es Ihnen auch nicht frei, das bislang angesammelte Material zu verbrennen: Im übrigen drängt sich der Gedanke auf, Sie möchten das Dossier einmal durcharbeiten.

Ich wiederhole meine Erwartung, daß Sie meinen Leserbrief nun zur Veröffentlichung geben.

Mit vorzüglicher Hochachtung,
gez. Marx.

Christoph Marx an Rudolf Augstein - 5. April 1981:

Sehr geehrter Herr Augstein,

1950 wurde der Macmillan-Verlag durch einen Kreis mächtiger Wissenschaftler in seiner Existenzgrundlage derart bedroht, daß er ein wiederholt von Experten überprüftes Buch des Autors Immanuel Velikovsky auf dem Höhepunkt der Verkäufe zurückziehen und sich vor der AAAS entschuldigen mußte. Später in den 50er Jahren wurde Kohlhammer gezwungen, die deutsche Ausgabe aufzugeben und die Veröffentlichung der Folgebände abzulehnen. Neuestens sieht sich der letzte deutsche Verleger, Umschau, nicht nur derselben Art Druck ausgesetzt, sondern nach dem Tod des Autors im November 1979 opponiert man aus den USA weiteren deutschsprachigen Ausgaben auf Grund des Kerngedankens, der (jüdische) Autor "rechtfertige" mit seinem Ansatz der Vergangenheitsbewältigung das vergangene (und ein nächstes) Holokaust.

Ihre Wissenschaftsredaktion hat dieses Geschehen teilweise verfolgt, allerdings meist sehr beschränkt auf einige naturwissenschaftliche Zusammenhänge (unter Auslassung der gesellschaftspolitischen und historischen Aspekte). Immerhin liegt bei Ihnen neben allgemeiner Literatur auch Korrespondenz mit Velikovsky selbst, und unter dem 15.5.68 ist schon einmal versucht worden, Sie persönlich über den damaligen Stand zu informieren (Brief mit Beilagen von Dr. R. Müller).

Eine unvollständige Reportage über den nach wie vor unter Verschluß gehaltenen literarischen Nachlaß Albert Einsteins, eines persönlichen Freundes Velikovskys, erforderte m.E. eine Ergänzung, die ich als Leserbrief formulierte. In der Folge bestätigte sich eine mir bereits vom Umschau Verlag her mündlich vorliegende Information, wonach Ihr Wissenschaftsredakteur Herr Albrecht Kunkel namens des SPIEGEL eine - kritisch-journalistischer Übung entgegengerichtete - Meinung vertritt, die den eingangs erwähnten Bemühungen wissenschaftlicher Kreise um Boykott und Zensur durch Verschweigen und Verunwürdigung unmittelbar gleichgeschaltet wirkt.

Ich bitte Sie um AbhiIfe, am besten wohl durch Rückführung der Diskussion auf die Sache. Die letzte Äußerung Ihres Mitarbeiters lege ich im Sinne eines Ansatzes bei.

Mit freundlichen Grüßen,
gez. Marx.

***

Solange die Moral eine ausschließliche Behörde der Priesterschaft und die Politik das anmaßliche Geheimnis der Höfe und Kabinette ist, müssen sich diese und jene zu Werkzeugen der Täuschung und Unterdrückung mißbrauchen lassen; das Volk wird das Opfer schändlicher Wortspiele, und die Gewalt erlaubt sich alles und darf sich alles ungestraft erlauben, da es von ihrer Willkür abhängig, Unrecht zu Recht, Recht zu Unrecht zu stempeln, und das, wovor sie sich am meisten fürchtet, die Bekanntmachung der Wahrheit, zum Verbrechen zu machen und als solches zu bestrafen. Nicht so, wenn sich die Vernunft ihrer ewigen und unverjährbaren Rechte wieder bemächtigt hat, um alle Wahrheiten, an denen allen alles gelegen ist, wieder ans Licht hervorzuziehen und ihnen mit Hilfe aller Musenkünste, unter allen nur ersinnlichen Gestalten und Einkleidungen, die möglichste Popularität zu verschaffen. Eine Menge berichtigter Begriffe und Tatsachen kommen dann in Umlauf; eine Menge Vorurteile fallen wie Schuppen von den Augen...

C.M. Wieland, Sämtl.Werke, Leipzig 1857, Bd.81, S.208f.

Nach Jürgen Habermas, Strukturwandel der öffentlichkeit; Neuwied 1962. S.118

§ 13 Publizität als Prinzip der Vermittlung von Politik und Moral (Kant)

kkk

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Am 25. Oktober 1981 schreibt Christoph Marx noch einmal an die SPIEGEL-Redaktion:

Sehr geehrte Damen und Herren,

bitte veröffentlichen Sie die nachstehende Reaktion auf die Serie Das geplante Inferno, die an einem so bedenklichen Mangel - obwohl von einem Psychologen stammend - an psychoanalytischem Scharfsinn leidet, daß ihr Inhalt - trotz manchmal gut gezeichneten tatsächlichen Aussagen über irrationale Verhaltensweisen der Menschheit - nichts ist als ein vollkommen irreführender Unsinn. Die Serie ist selbst Ausdruck des zur anvisierten Katastrophe führenden irrationalen - mediengetragenen - Kollektivverhaltens, wie es nicht zuletzt auch den immer unkritischer werdenden Bestsellerwissenschaftler-Gefolgschaftsjournalismus beim SPIEGEL prägt.

Kämen in der Zukunft tatsächlich "intelligente Wesen von einem anderen Stern" auf eine leblose, von den Menschen selbst in ein "Inferno" gestürzte Erde: Allein schon die Fähigkeit, hierher zu gelangen, die literarischen Quellen und daraus einigermaßen den Charakter der Menschheit entziffern zu können, würde subsumieren lassen, daß ihre Psychoanalytiker nicht so wie der Autor von Das geplante Inferno (die Geschlchte würde vielleicht im SPIEGEL-Archiv aufgefunden) die jedem Anfänger schon eingetrichterten Regeln unter den Tisch wischen.

Eine erste Regel besagt, daß irrationales Verhalten - und das Atomholokaust, auch wenn es zum Selbstmord der ganzen Menschheit führt, ist irrationales Verhalten - vielleicht auf verdrängte Ereignisse in der Vergangenheit des Kollektivs ebenso wie in der Kindheit eines Individuums zurückzuführen wäre; und daß solche Ereignisse, solange sie im Unterbewußtsein verdrängt sind, zwangsneurotisch vom Kranken unaufhörlich wiederholt werden. Eine zweite Regel besagt, daß der verdrängte Erregungshintergrund aufzudecken ist, indem die Vergangenheit rekonstruiert wird: Allerdings ist dafür ein hohes Maß an Scharfsinn erforderlich (Beispiele sind bei Freud und Velikovsky nachzulesen), da besonders auch alle als "unsinnig, unwichtig und nicht dazugehörig" beiseite geschobenen Aspekte der Berichte des Kranken über seine Vergangenheit in die Analyse mit einzubeziehen sind. Und schließlich besagt eine dritte Regel, daß - werden die furchterregenden Ereignisse vom Arzt tatsächlich ergründet - eine Heilung höchstens dann eintreten kann, wenn der Patient die Analyse selbst nachzuvollziehen in der Lage ist.

Bereits die Entzifferung wissenschaftlich gewonnener Daten und ihr Vergleich mit dem Inhalt von Schulbüchern auf der ganzen Welt offenbarte den "fremden Wesen" die Schizophrenie im prinzipiell überall gelehrten Weltbild, das z.B. von einer sog. "uniformen Evolution" im Verlaufe von Abermillionen und gar Milliarden terrestrischer Jahre sprach, während doch gleichzeitig geologische, paläontologische und zuletzt noch vor der Katastrophe sämtliche Befunde der Forschung von nichts anderem als immensen Kataklysmen auf der Erde innerhalb menschenhistorischer Perioden zeugten, hervorgerufen durch Vorgänge zwischen den Himmelskörpern des Sonnensystems. Sogar der noch immer glühend heiße Nachbarplanet Venus - laut einfachsten Kalkulationen der tatsächlich intelligenten Besucher konnte er schon infolge seiner Resttemperatur nicht früher entstanden sein als um die 6000 Jahre vor dem Atomkrieg - war den herrschenden Wissenschaftlern keine Mahnung zum objektiven Umgang mit ihren Messungen gewesen: Philologen der Expedition zur Erde fanden die Erklärung ohne große Mühe im Umstand, daß eben dieser junge Planet Venus etwa dreieinhalb bis vier Jahrtausende vor dem scheinbaren Menschheitsselbstmord beinahe alles Leben auf der Erde zerstört hätte, als er - heißer als flüssiges Eisen, "infernalisch" hell strahlend - auf seiner erratischen Umlaufbahn zu nahe an der Erde vorbeizog. Die Überlebenden jener Katastrophe und ihre daraus mutierten Nachkommen hatten die Taten des - mangels naturwissenschaftlichen Wissens natürlich als Große Gottheit begriffenen - Himmelskörpers zunächst mündlich und dann in Kunst und Schrift überliefert; die existenzgefährdend erlebten Vorgänge blieben in den Sprachen - dem Gedächtnisspeicher des Menschheitskollektivs - haften und wurden so auch dann noch tradiert, nachdem die vermeintliche Gottheit etwa acht Jahrhunderte später dem Blick des unbewaffneten Auges entwichen war.

In den von den Menschen so genannten "Mythen" fanden die wahrhaft interdisziplinär arbeitenden Wissenschaftler vom fremden Stern ihre naturwissenschaftlichen Befunde in jeder Hinsicht bestätigt. Sie erkundeten auch, wie die herrschende Geschichtsschreibung mittels einer lächerlich inadäquaten aktualistisch-"astronomischen" Kalkulation eine völlig falsche Chronologie des Altertums zeichnete, und wie auf dieser Grundlage die Menschheit sich - aus dem Bedürfnis nach Existenzsicherung heraus - in ein absurdes Gedankengebäude, genannt Evolution, zurückzog, in welchem - oft im individuellen Bereich, aber ebenso durch kollektive Institutionen maßgebend - die tradierte Gottheit in immer wahnwitzigerem Maße beschwört wurde. So ist ihr von ihrem römischen Hohenpriester, der sich zur Durchführung seiner traditionsreichen Fascesträger, der Faschisten, als seines weltlichen Armes bediente, ein großer Teil des von ihr selbst auserwählt geglaubten Volkes in Form eines sog. Holokaust, d.h. Ganz- oder Vollbrandopfer, in ritualisiertem, irrationalem Verhalten dargehöht worden - die Opfer selbst, so erkannten die Außerirdischen aus den Quellen, hatten sich im ähnlich gelagerten religiösen Wahn ohne nennenswerten Widerstand vor den Blicken der übrigen Menschheit in diese vermeintliche Darhöhung an ihre vermeintliche Gottheit ergeben, ein weiterer Nachweis für die psychoanalytische Erklärung. Natürlich war der Holokausthandlung - nur im Wahn an die Gottheit, eigentlich aber an die tote Materie des Nachbarplaneten gerichtet - nicht der erwartete Erfolg beschieden, die Gottheit wiederzubringen, das seit Jahrtausenden herbeigesehnte "Reich GOttes" zu installieren. Nur wenige Jahre nach dem abscheulichen Opfer, bei dem mehr als 6000000 Menschen verbrannt worden waren, behauptete der Pontifex Maximus deshalb in seinen Medien das persönliche Erscheinen der Gottheit vor ihm mit der Forderung, es sei ihr nun der gesamte Osten, der damalige sog. Ostblock, zu "weihen": in Weihrauch aufzulösen offenbar, denn die erzwungene Weihung mittels Atombombeneinsatz - das Instrument war kurz zuvor erfunden und erstmals eingesetzt worden - wurde namens der Gottheit von ihrem Stellvertreter angedeutet.

Indessen waren damals, unmittelbar nach dem großen Faschistenkrieg, nicht mehr genügend Krisenfaktoren vereinigt, um die Auslösung des neuerlichen Holokaust zu erwirken. Sie sollten erst wieder zusammentreffen in der großen Bevölkerungs- und Biosphärenverschmutzungs-Explosion, als die Führung der christlich jüdischen sog. "westlichen" Nationen - deren Verfassungen durch die Präambel "im Namen GOttes, des Allmächtigen", der tradierten Venus-Gottheit also, legitimiert waren - in den Händen eines wiederum von der Madonna, der Isis-Venus des Mittelmeerraumes, faszinierten Hohenpriesters aus dem ihm in blindem Religionswahn folgenden Volk der Polen lag; in den Händen des zu seinem Glauben gehörenden Außenministers der Vereinigten Staaten; und in den Händen von seinem Präsidenten, dessen religiöses Bekenntnis das anglo-amerikanische Puritanertum umfaßte: Geprägt vor allem durch die Apokalypse, eine in die Zukunft verlegte Erinnerung an die von der Gottheit verursachten Naturkatastrophen, die den Menschen das unmittelbar bevorstehende Kommen einer "Endzeit" und damit des "Reiches GOttes" vorspiegelte. In diesem "Offenbarung" genannten "Evangelium" gibt sich der sog. "Christus" - die begriffsbildende, historisch aber nicht nachweisbare Figur der führenden westlichen Religion - als vom Kollektiv unter seine Glieder projizierte ("Menschensohn") Gottheit zu erkennen, die sie im Unterbewußtsein wahrhaftig darstellte: "Ich, Jesus,... bin... der hell strahlende Morgenstern" (Offenbarung 22:16).

Was die Astrophysiker unter den Besuchern der nun selbst strahlenden Erde allerdings verwunderte, war ihr noch immer weiterbestehendes Sonnensystem. Denn die irdischen Physiker hatten sich, nach vielversprechenden Ansätzen etwa zwei Jahrhunderte vor der unabsichtlichen Selbstzerstörung, mystischen "mathematischen" Zauberformeln zugewendet, die alles und nichts bedeuteten. Daraus hatte man auf Prozesse geschlossen, etwa eine Kernverschmelzung in Sonnen, die unter druckkompensierenden Einwirkungen der "Schwerkraft" in Gang kommen und ablaufen sollten. Entgegen allen verfügbaren Beobachtungen und schließlich Messungen schrieb man die Vorgänge im Makrokosmos der schwächsten aller faßbaren Kräfte zu, der Gravitation - und nie der stärksten, der Elektrizität. Nur Außenseiter entwickelten - zu spät - eine Vorstellung davon, wie Sonnen aus dem interstellaren Raum einstrahlende Energie zu Licht und Wärme wandeln, und wie der veränderliche elektro-energetische Zustand innerhalb eines Planetensystems die - somit ebenfalls veränderliche - Gravitation bestimmt. Unter falschen Voraussetzungen angesetzte Fusionsexperimente hätten also, wäre das Atomholokaust nicht dazwischen gekommen, dennoch zur Zerstörung nicht nur des Lebens auf der Erde, sondern des Sonnensystems insgesamt führen können...

Einige wenige Quellen - wie sie etwa im Archiv der Zeitschrift DER SPIEGEL aufgefunden wurden - zeigten, daß nur eine winzige, von allen Seiten bekämpfte Minderheit die analytische Rekonstruktion der Menschheitsgeschichte erarbeitet und Ansätze entwickelt hatte, den verdrängten Erregungshintergrund in das Bewußtsein des Kollektivs zu heben - wohl in der nicht sehr erfolgversprechenden Erwartung, dadurch - wenn auch über Generationen hinweg - eine Heilung von der diagnostizierten Zwangsneurose in die Wege zu leiten. Doch gerade auch im erwähnten Archiv zeigten Unterlagen, daß - obwohl das Nachrichtenmagazin von einer breiten Öffentlichkeit als eigentlicher Prototyp für aufdeckenden und sogar objektiven Journalismus eingeschätzt wurde - die zensurierenden Kräfte bis zuletzt natürlich die stärkeren blieben: Die Rekonstruktion, so besagt eine endgültige Stellungnahme der Wissenschaftsredaktion, sei "für den SPIEGEL kein Thema" (31.3.81).

Eine Kopie dieser Zuschrift schicke ich an Herrn Prof. Dr. Richter (den Autor der Spiegel-Serie. kkk) mit der Bitte, sich für ihre Veröffentlichung einzusetzen; und mit der Anfrage, wie der Psychologe dazu kommt, an Stelle fachwissenschaftlicher Fragestellungen, die weder weit her geholt noch in der Literatur unauffindbar sind, mit wilden Spekulationen nicht einen für irrationale Kollektivverhaltensweisen vermutbaren Erregungshintergrund zu erforschen, sondern Verdrängung und oberflächlicher Tatsachenverfremdung Vorschub zu leisten.

Mit freundlichen Grüßen, gez. Marx.

***

Juno ward die Gemahlin des Jupiters. Ueber ihre Verheurathung trug man sich mit einer doppelten Sage. Einmal versezte man diese Verbindung auf die Insel Samos. Hier soll ihr Jupiter lange nachgestrebt haben. Als sie einst beym Spatziergehen von ihren Gefährten entfernt sich auf dem Berg Thornax niedersezte, erregte Jupiter plötzlich ein großes Ungewitter. Mitten in demselben stürzte ein Kukuk vor Nässe und Kälte zitternd sich zu ihren Füßen nieder. Juno glaubte eine mitleidige Handlung zu begehen und schlug ihren Mantel um das erstarrte Thier. Dieser Vogel war aber Jupiter selbst, der seine wahre Gestalt annahm und sie zu umarmen suchte, auch, wenn sie diese Umarmung gestatten wollte, sich mit ihr zu vermälen versprach. Juno gieng die Verbindung ein; der Berg erhielt davon den Nahmen Coggygius, Kukuksberg. Juno selbst aber führte seitdem einen Kukuk auf ihrem Scepter. So Schol. Theocr. 15,64. cf. Paus. II,17.

Stichwort: IUNO

Neues Mythologisches Wörterbuch nach den neuesten Berichtigungen für studirende Jünglinge und angehende Künstler zusammengetragen von Paul Friedrich Achat Nitsch Pfarrer zu Wündsch. Leipzig, bey Johann Benjamin Georg Fleischer 1793. Seite 1179.

kkk

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kuckuck 33/34
1981/1982, Herbst/Winter
22. Januar 1982

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Horst Lummert in kuckuck (kulikri)

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