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Erkenntnistheorie und politische Praxis - Seit 1973 - Redaktion: Horst Lummert

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Immanuel Velikovsky

Gespräche mit Einstein

Teil 1: Abende mit Einstein

An einem Abend im Mai 1954, als ich mit Einstein in seinem Studierzimmer saß - ein paar Tage nach einer weiteren häßlichen Attacke gegen mich und meine Theorie -, sagte ich zu ihm: "Ich fühle mich ähnlich wie Solomon Molcho sich gefühlt haben muß im Palast des Papstes Clemens VII." Der Marrane war zum Tode verurteilt worden, weil er zu seinem jüdischen Glauben zurückgefunden hatte und in Rom von der Inquisition hätte verbrannt werden sollen, am Tag darauf aber lebend in den inneren Gemächern des Vatikans stand. Der Papst hatte einen anderen Häretiker dem Verbrennungstod ausgeliefert und Solomon Molcho versteckt. "Wüßte die Heilige Inquisition, wo er sich gerade aufhält!" Dies war meine Art zu sagen: "Was würden meine Gegner und Verleunder unter den Wissenschaftlern denken und empfinden, wenn sie ahnten, wo ich diesen Abend verbringe?"

An jenem Abend berichtete ich zum ersten Mal über das Verhalten der Wissenschaftler gegen mich. "Ist er ein solcher Ehrenmann, der ständig seine Taschen ausleert, zum Beweis, daß er nichts gestohlen hat?" zitierte ich Vladimir Jabotinsky. "Ich kann nicht laufend immer wieder von neuem beweisen, daß ich meine Quellen nicht falsch zitiert oder in anderer Weise mißbraucht habe. Doch das Schweigen eines Beschuldigten wird als Eingeständnis seiner Schuld begriffen." Einstein stimmte mir zu. Und als Beispiel einer weiteren Ungerechtigkeit erwähnte er Oppenheimer, dessen Entfernung aus dem Beratungsausschuß der Atomenergiekommission zu der Zeit gerade für große Aufregung gesorgt hatte.

"Aber Sie sind um nichts besser", sagte ich. Einsteins Gesicht zeigte Verwunderung. "Ich denke nicht an Sie persönlich, sondern an Ihre Kollegen, die Wissenschaftler." Er wünschte, mehr darüber zu erfahren. Ich ging hinunter und holte aus dem Wagen einen Aktenordner mit einer Anzahl der Briefe, die im vorliegenden Buch zitiert sind. Er las darin mit sehr großem Interesse. Aber wir kamen nicht weit genug; wir kamen nicht bis zum Brief von Whipple an die Adresse des Blackiston Verlags und nicht zur Behauptung von Shapley im Harvard Crimson. Einstein war nichtsdestoweniger beeindruckt. Als ich erwähnte, daß selbst die Kirche sich gegen mich ausgesprochen hatte, wunderte er sich: "Weswegen?" Ich antwortete: "Weil die Wunder als Naturphänomene erklärt werden." Einstein reagierte mit seinem lauten und herzlichen Lachen. Er meinte, die Briefe und das andere Material sollte man in die lesbare Form eines Berichts bringen, und er dachte daran, daß jemand mit einem Talent für Dramatik für die Ausarbeitung eines solchen Werkes gewonnen werden müßte: schon sorgte er sich um den Erfolg meiner Verteidigung. Er wünschte, noch weitere Briefe zu lesen - aber jetzt wollte ich das Problem zur Sprache bringen, das mich wirklich beschäftigte: meine Theorie.

An jenem gleichen Abend überließ ich Einstein die Manuskripte der Kapitel 7 bis 12 meines Buches Erde im Aufruhr, und wir gingen kurz vor Mitternacht auseinander. Im Anschluß an die Lektüre dieser Kapitel schickte er mir einen langen handgeschriebenen Brief mit Kritikpunkten. In diesem Schreiben befanden sich auch einige Passagen, in denen er noch einmal auf die Briefe zu sprechen kam, die er gelesen hatte. Er war der Meinung, daß das Verhalten von Shapley zwar "erklärt, aber nicht entschuldigt" werden könne. "Es ist dies die Intoleranz und Überheblichkeit nebst Brutalität, die man bei erfolgreichen Menschen, aber insbesondere bei erfolgreichen Amerikanern, oft vorfindet." Dann, in bezug auf Shapley, fügte er hinzu: "Man muß es ihm aber zugute halten, daß er sich auf politischem Gebiete mutig und selbständig verhalten hat und geradezu seine Haut zu Markte getragen hat. Also ist es einigermaßen berechtigt, wenn wir den Mantel jüdischer Nächstenliebe über ihm ausbreiten, wenn es auch schwer fällt."

In seinem Brief fragte Einstein auch, was ich von ihm erwarten würde: "Nun frage ich Sie: Was meinen Sie, wenn Sie von mir verlangen, ich solle meine Pflicht tun in dieser Sache? Mir ist es nicht klar. Seien Sie mir gegenüber nur ganz frank und offen. Dies kann nur gut sein in jeder Beziehung." Aber er hatte seine Meinung nicht geändert, daß das Material über die Unterdrückung meines Buches veröffentlicht werden müsse.

Bei Gelegenheit eines Briefes, den ich mehrere Wochen später schrieb, um unsere Diskussion weiterzuführen, kam ich noch einmal auf diesen Punkt zurück: "Zu früh haben Sie den Mantel jüdischer Nächstenliebe über Shapley geworfen: Sie haben nur den ersten Teil der Dokumente eingesehen, welche die Sterngucker und Grabschaufler und deren Anführer betreffen. Daß er ein Liberaler ist, entschuldigt ihn nicht, sondern kommt als erschwerender Umstand noch hinzu."

Ich fragte ihn nicht darum, für mich persönlich etwas zu unternehmen: Hätte ich ihn um ein Vorwort zu Sterngucker und Grabschaufler gebeten, das ich zu schreiben beabsichtigte, wäre er meinem Wunsch nachgekommen. In meinem Brief bat ich ihn vielmehr um etwas ganz anderes: es sollten zwei wissenschaftliche Experimente durchgeführt werden. Die Geschichte darüber erzähle ich auf einer anderen Seite.

In unserer Diskussion, die sich über 18 Monate erstreckte, steuerte ich immer näher auf einen Punkt zu, der zwar zur Gültigkeitserklärung von Welten im Zusammenstoß nicht erforderlich war, dafür aber an sich grundsätzliche Bedeutung hat: die Revision der Himmelsmechanik angesichts der zusammengetragenen Tatsachen, die eine elektrische Ladung der Himmelskörper nahelegen. Als ich ihm geschrieben hatte: "Der wahre Grund für die Empörung, die meine Theorie über globale Katastrophen ausgelöst hat, besteht in der Implikation, daß die Himmelskörper wahrscheinlich elektrisch aufgeladen sind", schrieb er an den Rand: "Ja".

Von der Tatsache globaler Katastrophen, selbst noch innerhalb der Erinnerungszeit der Menschheit, war er überzeugt; doch wollte er sie - in Übereinstimmung mit einem Manuskript, das er gelesen hatte - durch eine plötzliche Verschiebung der Erdkruste unter dem Einfluß eines asymmetrischen Wachstums der Polkappen erklärt wissen. Um die Erdkruste zu verschieben, würde eine geringere Kraft benötigt als dafür, den gesamten Erdball - Kern samt Kruste - in eine neue Position zu verlagern. Für einen Menschen inmitten der Katastrophe würde die Sonne stillstehen, auf ihrer Bahn zurückschreiten oder plötzlich untergehen - im einen wie im anderen Fall. Die gesamte Erdkugel aber könnte ihre Lage nur durch außerirdische Einflüsse verändern - mechanisch durch eine Staubwolke oder durch ein ausgedehntes magnetisches Feld, das in einer sich bewegenden und elektrisch geladenen Staub- oder Gaswolke entstehen könnte.

Die Geschichte unserer Beziehungen und Debatten, seit seiner erstmaligen Lektüre des Manuskripts von Welten im Zusammenstoß lange vor dessen Veröffentlichung und bis zu seinem Tod, ist ein Thema, das, wenn es zur Sprache kommen soll, gesondert erzählt werden muß. Wenn dies einmal der Fall sein sollte, wird der Titel des Buches lauten: Vor dem Morgengrauen. Als ich einmal ein kräftiges Gegenargument zurückschrieb - ein großer Teil unserer Diskussion wurde schriftlich geführt -, wollte ich nicht den Eindruck von Kompromißlosigkeit entstehen lassen und ließ ihm deshalb vom Überbringer die Worte zukommen: "Entlasse mich, denn das Morgengrauen ist aufgezogen. Er aber sprach: Ich entlasse dich nicht, du habest mich denn gesegnet." Die Stelle ist aus Genesis 32:26 - der Dialog zwischen dem Engel und Jakob, der mit ihm rang, "bis das Morgengrauen aufzog". Einstein gefielen diese Worte, und er wiederholte sie mehrmals an jenem Tag; er wunderte sich auch darüber, warum sich der Engel vor dem Tagesgrauen fürchten sollte.

Einstein zeigte sich sehr aufgeschlossen und verbarg seine freundschaftlichen Gefühle mir gegenüber nicht; einmal bat er mich, noch zu bleiben, um noch einige Stunden länger zu diskutieren - es war schon kurz vor Mitternacht, die Zeit, da wir uns gewöhnlich voneinander verabschiedeten. Er war von viel Liebe umgeben, doch war er auch ein einsamer Mensch. Mehr als einmal forderte er mich auf, seinem Beispiel zu folgen und mich mit der Isolation abzufinden. "Fühlen Sie sich nicht wohl, allein zu sein? Mich bekümmert das Alleinsein nicht." Tatsache war, daß die Physiker der jüngeren Generation - auch die, die mit dem Institute for Advanced Studies zusammenarbeiteten - fast alle gegen Einsteins spätere Theorien eingenommen waren, insbesondere gegenüber denjenigen, die mit der Quantentheorie - welche vom Prinzip des Zufalls, d.h. der Indeterminiertheit von Naturereignissen ausgeht - nicht übereinstimmten. Einmal erwiderte ich auf eine seiner Mahnungen: "Ja, es gibt in Princeton zwei Häretiker; doch nur einer von ihnen wird gepriesen, der andere aber verächtlich gemacht."

Einsteins Theorie vergrößerte in ungeheurer Weise das Interesse der Öffentlichkeit an der Wissenschaft: Wenn eine wissenschaftliche Theorie nur von einigen wenigen in der ganzen Welt verstanden werden kann, wie es am Anfang mit seiner Theorie der Fall war, was für eine außergewöhnliche Rasse müssen dann die Wissenschaftler sein! Wenn aber einer mit einer Theorie daherkommt, die, wenn sie wahr ist, eine große Anzahl von Gelehrten in den Augen der Öffentlichkeit als ziemlich dumm dastehen läßt, was soll dann von ihnen erwartet werden?

Einstein sagte wiederholt, auch in Anwesenheit seiner Sekretärin: "Die Wissenschaftler begehen einen großen Fehler, daß sie Ihr Buch (Welten im Zusammenstoß) nicht studieren, da es so äußerst wichtiges Material enthält."

Im Sommer und Herbst 1954 schrieb ich Sterngucker und Grabschaufler. Der erste Leser war Professor Salvador de Madariaga von der Oxford University, der mich in der Zeit seiner Gastprofessur in Princeton besuchte. Ein paar Monate danach gab ich das Manuskript auch an Einstein - im März 1955, also 10 Monate, nachdem er einige der darin eingearbeiteten Briefe gelesen hatte. Es handelte sich dabei um die vorliegende Fassung, der Abschnitt "Vor Jupiter's Thron" mit eingeschlossen, mit Ausnahme nur dieses und einiger abschließender Teile. Er versah die Seiten von Sterngucker und Grabschaufler mit handgeschriebenen Randbemerkungen, wie er es auch bei einigen meiner anderen Manuskripte getan hatte. Einige der Randvermerke sind sehr deutlich: "gemein" und "traurig" bei einigen Briefen, "bravo" bei anderen, und auf welcher Seite dabei seine Sympathien lagen, war klar erkennbar. Interessant ist eine Bemerkung, die er auf die Rückseite der Seite geschrieben hat, wo es um Larrabee's Artikel in der Zeitschrift Harpers Magazine geht, der im Januar 1950 den Inhalt von Welten im Zusammenstoß erstmals einer breiten Öffentlichkeit zugänglich gemacht hatte. Einstein sagte: "Ich hätte Ihnen geschrieben: Die historischen Argumente für gewaltsame Vorgänge an der Erdkruste sind recht überzeugend. Der Erklärungsversuch aber ist abenteuerlich und sollte nur als tentativ behandelt werden. Sonst verliert der wohlorientierte Leser auch das Vertrauen in das solid Begründete."

Diese Bemerkung kam Atwater's Urteil sehr nahe, das er als Lektor für Macmillan abgegeben hatte, und das seine Zukunft besiegelt hatte.

Aber diese Bemerkung war weit entfernt von Einsteins früherer Einschätzung, daß die Ereignisse, wie ich sie beschrieben hatte, so nicht hätten stattfinden können: die Erde wäre sonst auseinandergebrochen, und aus einem Kometen hätte kein Planet auf einer Umlaufbahn werden können. Im Nachwort zu Welten im Zusammenstoß überlasse ich zwar den Physikern die Wahl zwischen Alternativen zur Erklärung der Mechanismen der beschriebenen Phänomene; doch wäre es unaufrichtig mir selbst gegenüber gewesen, wenn ich diese Teile des Buches, von deren Richtigkeit ich überzeugt bin, als bloße Möglichkeiten hingestellt hätte. Ich muß dabei an den großen Kopernikus denken, der einen Schlaganfall erlitt, als ihm die Druckvorlagen seines Werkes De Revolutionibus mit einem anonymen Vorwort versehen gezeigt wurden: darin wurde der Autor des Buches als einer dargestellt, der nur teilweise von der Richtigkeit seiner eigenen Theorie überzeugt ist und sie als eine nicht unmögliche Alternative zur herrschenden Meinung ansieht. Das anonyme Vorwort war von Professor Ossiander eingefügt worden, der den Druck des Buches in Nürnberg überwachte.

Über seine Lektüre des ersten der drei Ringordner zu Sterngucker schrieb Einstein mir: "Den ersten Band der Memoiren zu Worlds in Collision habe ich bereits aufmerksam gelesen und mit einigen leicht zu radierenden Randbemerkungen versehen. Ich bewundere Ihr dramatisches Talent und auch die Kunst und Geradheit von Thackeray, der den brüllenden astronomischen Löwen dazu gebracht hat, einigermaßen den königlichen Schwanz einzuziehen unter nicht völliger Respektierung der Wahrheit. Ich würde glücklich sein, wenn auch Sie die ganze Episode von der drolligen Seite genießen könnten."

Teil 2: Vor Jupiter's Thron

Ein paar Wochen vergingen und es traf sich, daß wir Einstein bei einem Konzert im McCarter-Theater begegneten. Vielleicht hatte er sich vorgenommen, ein wenig von seiner Einstellungsänderung zu zeigen, um den Eindruck einer gewissen Zurückweisung - den ich vor gut einem Jahr bekommen hatte - wiedergutzumachen. Während der Pause stand er auf, begrüßte uns mit einem freundlichen Händedruck und bat mich, Platz zu nehmen, um uns miteinander unterhalten zu können. Ich nahm mir einen freien Platz in der Reihe vor ihm. Als ich Einstein daran erinnerte, wieviele Jahre wir uns schon kannten - seit der Zeit, da wir Scripta Hierosolymitana veröffentlicht hatten -, verwickelte er mich sofort in ein philosophisches Gespräch über das Zeit-Problem und darüber, daß Vergangenheit und Zukunft simultan zur Gegenwart ablaufen. Jedoch machte er eine Einschränkung gegenüber dieser Idee, da ihm die Möglichkeit einer "Erinnerung zukünftiger Ereignisse" unvorstellbar erschien. Das Problem ist sowohl ein philosophisches als auch ein psychologisches; und ich machte eine Bemerkung über Platons Vorstellung von der Reversibilität der Zeit und über Freuds Gedanken zur Parapsychologie. Einstein drückte den Wunsch aus, Freuds Brief an mich zu diesem Thema zu sehen.

Eine oder zwei weitere Wochen vergingen, und abermals besuchte Einstein - der für gewöhnlich nur wenige Male im Jahr zu gesellschaftlichen Anlässen auftaucht - dieselbe Konzerthalle. Wir begrüßten uns, und wieder bat er mich in der Pause, einen freien Platz neben ihm einzunehmen. Einige der Princeton-Doktoranden, die in meiner Vorlesung gegen mich argumentiert hatten, saßen in der Reihe vor meiner Frau, so daß sie deren Verwunderung über diese Kollegialität (nicht) überhören konnte; Einstein steht - wenn er sich in der Öffentlichkeit sehen läßt - natürlich im Zentrum der Aufmerksamkeit, obwohl man sich bemüht, das nicht zu offensichtlich werden zu lassen.

Später erhielten wir eine Einladung zum Tee mit den Einsteins. Am Tag vor unserem Besuch beim berühmten Mann fand ich in der Post einen Brief von einem Leser aus Seaford in England: "Die Autoritäten werden sich Ihrer Subversion ihres Lebenswerkes widersetzen, aber die entschiedenste Opposition wird von deren Mitläufern kommen. Diejenigen, die ihre Autorität behaupten, sind von einer Rebellion nicht so schockiert wie ihre Untergebenen. Diese fühlen sich doppelt betroffen, denn Sie bedrohen ihre Sicherheit und beleidigen ihr Urteil... Der einzige Katholik, dem ich zutraute, mit meinen Zweifeln an der Unfehlbarkeit zu sympathisieren, wäre Seine Heiligkeit selbst. Es sind die Hilfspriester und Sonntagsschullehrer, die schreien würden: Blasphemie!"

Am 8. November gingen wir zu Einstein. Nach einer Weile kam er aus seinem Zimmer zu uns, sein langes Haar gekämmt und sein Antlitz durch ein freundliches Lächeln aufgehellt. Er rückte einen Sessel mit einer sehr hohen Lehne zurecht, der im bescheiden eingerichteten Wohnzimmer bereits meine Aufmerksamkeit erregt hatte; als ich ihm mit anfassen half, sagte er: "Das ist mein Jupiter-Thron." Im Laufe unserer Unterhaltung nahm ich diese Bemerkung auf und äußerte: "Wenn ich einmal an einem Abend auf dem Campus jeden vorbeigehenden Studenten und Professor anhalten und fragen würde, welcher der Sterne Jupiter sei, wäre wohl kein einziger in der Lage, diesen Planeten am Himmel zu finden. Wie kommt es aber dann, daß Jupiter als höchste Gottheit in Rom verehrt wurde, und ebenso Zeus in Griechenland, Marduk in Babylonien, Amun in Ägypten und Mazda in Persien? Alle repräsentieren sie den Planeten Jupiter. Wissen Sie, warum gerade dieser Planet von den Völkern der Antike angebetet wurde und sein Name in aller Munde war? Seine Bewegungen sind nicht weiter aufregend; einmal in zwölf Jahren umkreist er den Himmel. Es ist ein leuchtender Planet, aber am Sternenhimmel ist er nicht besonders auffallend. Und Apollo, die Sonne - der Spender von Licht und Wärme - war nur eine zweitrangige Gottheit." Nachdem er mich noch weiter befragt und gehört hatte; daß Marduk der babylonische Name und Mazda der persische für Jupiter war, äußert Einstein sein Erstaunen darüber. Dann erzählte ich ihm, daß in der Ilias berichtet wird, wie Zeus mit seinen Ketten alle anderen Götter und die Erde zu ziehen vermöge, da er stärker sei als sie alle zusammen; und dazu heißt es in einem alten Kommentar (von Eustachius, einem byzantinischen Gelehrten), daß dies bedeute, Jupiters Anziehungskraft sei stärker als die aller anderen Planeten zusammengenommen, einschließlich der Erde. Einstein gab zu, es sei in der Tat sehr seltsam, daß in der Antike dieses Wissen bekannt gewesen sei.

Als wir - nach etwa einer Dreiviertelstunde, in der uns Tee serviert wurde - aufstanden, um zu gehen, bat uns Einstein, doch noch zu bleiben. "Wir haben doch gerade erst angefangen", sagte er. Um nicht zu langweilen oder als fanatischer Verfechter einer einzigen Idee zu erscheinen, wechselte ich das Thema der Unterhaltung wiederholt - was bei Einstein sehr einfach ist, dessen Assoziationen weittreibend sind und der so viele Interessengebiete besitzt. Es war ein sehr lebhaftes Gespräch. Wir kamen noch einmal auf das Zeitproblem zu sprechen, das ihn anscheinend damals sehr beschäftigte, sowie über Zusammentreffen und Zufall. Es sei ein Zufall von ungewöhnlicher Seltenheit, bemerkte er, daß sein Thronsessel gerade diese Lage im Weltraum einnehme; es sei indessen kein Zufall, daß wir beide zusammensäßen, denn Meschuggoim (Verrückte) zögen sich gegenseitig an. Bevor wir gingen, erzählte uns Einstein noch einen Traum, den er in der Nacht zuvor gehabt hatte, wobei seine Stimme einen ungewöhnlich warmen und leidenschaftlichen Klang annahm; er erinnerte sich auch eines Traumes, den er vor vielen Jahren einmal gehabt hatte und in dem er einen toten Kollegen, den er nie gemocht hatte, "auferstehen" ließ. Gemäß psychoanalytischer Regel bot ich ihm keine Deutung zum Verständnis der Träume an.

In den folgenden Wochen legte ich meine Forum-Vorlesung schriftlich nieder und diskutierte sie mit Professor Motz. Dann schickte ich eine Kopie davon an Einstein. Nach einigen Tagen lud er uns ein, um darüber zu diskutieren. Damit war die Mauer durchbrochen. Bis dahin, in unseren vorangehenden Unterhaltungen jenes Winters, hatten weder er noch ich irgendeine Bemerkung über mein Welten im Zusammenstoß fallen lassen. Doch im Verlauf des Besuches am 11. Februar 1954 wandte ich mich an Einstein und sagte, ihn in der zweiten Person anredend (wir sprachen deutsch): "Nun stellen Sie sich vor, der Herr habe Ihnen einen Botschafter mit folgenden Worten gesendet: Ich gab Dir, Albert Einstein, einen außergewöhnlichen Geist und, was noch seltener ist, die Anerkennung und Bewunderung Deiner Zeitgenossen. Erstelle mir nun einen Konstruktionsplan für ein andersartiges Universum: darin mußt Du zwar auf Schwerkraft verzichten, die sich umgekehrt zum Quadrat fortpflanzt, aber Elektrizität und Magnetismus darfst Du nach freiem Ermessen benutzen. Würden Sie das schaffen?"

"Dem Herrn würde ich antworten: Tue solches doch selbst!", antwortete Einstein lachend. Nach einigen Sekunden Nachdenkens sagte er aber dann: "Ja, unter der Bedingung, daß es sich dabei um ein dunkles Universum handle."

"Warum?" fragte ich.

"Die Aufladung der Planeten würde sich in photoelektrischen Prozessen verbrauchen."

Das Problem, das er für die Diskussion an jenem Abend heranzog - aus der Reihe von Problemen, die ich in meiner Vorlesung zur Sprache gebracht hatte -, war die kreisrunde Form der Sonne. Infolge der Eigendrehung müßte sie einigermaßen abgeflacht erscheinen; und außerdem rotiert die Sonne am Äquator mit größerer Geschwindigkeit als an höheren Breiten. Wir verbrachten den Abend damit, über diesen sowie einige andere Punkte meiner Vorlesung zu diskutieren. Als meine Frau und ich uns verabschiedeten, war es schon spät und Einsteins Augen waren ermüdet.

Nach einigen Stunden Schlaf wachte ich auf und notierte mir meine Antworten auf verschiedene Argumente, die Einstein angebracht hatte, insbesondere zur Entladung durch photoelektrische Effekte. Es schien mir, daß ein solcher Effekt einen neutralen Körper aufladen müßte. Am Morgen dachte ich daran, Miss Dukas anzurufen, um ihr einige Worte der Entschuldigung auszurichten wegen unseres zu ausgedehnten Gesprächs am Abend zuvor, als das Telefon läutete und Miss Dukas sich meldete: "Der Professor möchte Sie gerne sprechen." Seine Stimme klang voll und klar, und ich dachte, wenn man Einstein nur hört und nicht sehen kann, hat man das Gefühl, mit einem jungen Mann zu tun zu haben. Er sagte:

"Ich konnte nach unserem Gespräch letzte Nacht nicht einschlafen. Fast die ganze Nacht lang mußte ich an das Problem der Kugelform der Sonne denken. Schließlich gegen Morgen stand ich auf und machte Licht und rechnete aus, was für eine Form die Sonne haben muß unter dem Einfluß ihrer Eigendrehung, und ich würde Ihnen gerne das Ergebnis mitteilen." So sprach der große Wissenschaftler. "Angenommen, der Körper der Sonne hätte einen Durchmesser von einem Meter, dann würde wegen der Langsamkeit der Rotation - ich nahm eine Umdrehung von 25 Tagen an - die Deformation nur" - ich glaube, er sagte - "einen Viertelmillimeter betragen." Während er mir das sagte, errechnete ich in Gedanken, daß das ungefähr eine halbe Bogensekunde ausmachen müßte - da der Sichtwinkel der Sonnenscheibe ungefähr einem halben Grad oder 1800 Bogensekunden entspricht, könnte nach seiner Meinung eine so geringe Differenz der Beobachtung entgehen. Aber unabhängig davon, ob er eine brauchbare Erklärung für eine nicht beobachtbare Abflachung der Sonne gefunden hatte (Observationen wurden durchgeführt, die eine 20 mal so große Genauigkeit besaßen, ohne daß eine Abflachung festgestellt wurde): ich erwähne diese kleine Episode hier nur, um Einsteins Haltung gegenüber einem wissenschaftlichen Problem, das ihn interessierte, hervorzuheben, und noch mehr, um sein Verhalten einem Mitmenschen gegenüber deutlich zu machen.

Im März zollte die Welt Einstein anläßlich seines 75. Geburtstages erneut Tribut. Seine Post traf in großen Säcken ein. Ich schickte ihm ein Zitat von Emerson:

"Hab acht, wenn der Große Gott einen Denker auf diesem Planeten entfesselt. Dann sind alle Dinge gefährdet. Es ist, als ob ein Brand in einer großen Stadt ausgebrochen sei, und kein Mensch weiß, was er verschont oder wo er endet. Da gibt es keinen Teil der Wissenschaft, der morgen nicht schon überholt sein könnte; kein literarischer Ruf, kein angeblich ewig-ruhmreicher Name, der nicht überprüft und verdammt würde. Die tiefsten Menschheitshoffnungen, das Trachten der Herzen, die Religionen der Völker, Sitte und Moral des Menschen sind allesamt der Gnade der neuen Schlußfolgerung ausgeliefert."

Dieses Zitat war mir von einem Verehrer aus Elkins Park in Pennsylvania zugeschickt worden - aber ich dachte, zu Einstein würde es besser passen. Er rief mich telefonisch an, um mir dafür zu danken.

Quelle: Christoph Marx

***

Allein Jupiter nahm es also mit dem Typhöus auf. Anfangs schlug er ihn mit seinen Blitzen und der Götterwaffe, dem uralten sichelförmigen Schwerde bewafnet, in die Flucht. Beym Handgemenge aber verwickelte sich Jupiter in die Schlangen, in welche Typhöus sich endigte und fiel zu Boden. Hier nahm ihm Typhöus die Harpe, schnitt ihm damit die Nerven aus den Händen und Füßen, schleppte ihn auf seinem Rücken nach Cilicien, wo er ihn in die Corycische Höle verschloß, die ausgeschnittenen Nerven in eine Bärenhaut wickelte, und den Drachen Delphine zur Wache stellte. Allein Merkur und Aegipan stahlen ihn, heilten den Jupiter wieder und sezten ihn dann auf einen geflügelten Wagen. Von diesem donnerte endlich Jupiter das Ungeheuer nieder, und bedeckte es mit der Insel Pithecusa. S. Typhon. Vergl. Apollod. I,6,3. Hes.-, 280 f. Schol. Aeschyl. Prom. 351. Hymn. in Apoll. 306. (1198/1199).

Die gewöhnlichen Attribute, daran man den Jupiter erkennt, sind der Donnerkeil oder die zackigten Blitzstrahlen, welche er in den Händen führt... (1207).

Mit eben diesen Blitzen erschlug auch Jupiter den König Salmoneus, der den Donner Jupiters nachäfte, Apollod. I,9,7; ... Auch Capaneus, der zuerst die Mauern von Theben erstieg, Apollod. III,6,7... (1199).

Stichwort: IUPITER

Neues Mythologisches Wörterbuch nach den neuesten Berichtigungen für studirende Jünglinge und angehende Künstler zusammengetragen von Paul Friedrich Achat Nitsch Pfarrer zu Wündsch. Leipzig, bey Johann Benjamin Georg Fleischer 1793.

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kuckuck 33/34
1981/1982, Herbst/Winter
22. Januar 1982

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Horst Lummert in kuckuck (kulikri)

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