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Erkenntnistheorie und politische Praxis - Seit 1973 - Redaktion: Horst Lummert
1977-00-00
Mattheus attestiert mir schon im Titel "impotenz als tugend" und mobilisiert seine ganze (Omni?-)Potenz gegen mich frustrierten "wichtel", obwohl er sonst den "organlosen körper" so gern gegen die Geschlechtsorgane verteidigt (in denen wohl noch zuviel integrierendes Lustprinzip und Fortpflanzungsrisiko steckt).
Ich hatte die Hoffnung auf die freie Sprache des Wahns selbst wahnhaft genannt und die Schizophrenen gegen ihre neuen Fans verteidigt. Vor allem störte die "eiskalte Distanz" des analytischen Blicks: "... denn wir haben von ödipus-komplex, kastration, ich, es, über-ich etc., etc., der terminologie orthodoxer psychoanalyse die schnauze voll. sie macht uns gähnen!"
Das sind meine "referenzsysteme (noch dazu die verstaubtesten)" als "vorgestriger" Infantrist und Infantilist von "general freud". Nach Adorno gilt bekanntlich alles für veraltet, was nur verdrängt ist. So wird auch meine nachhakende Bitte um Präzisierung ängstlich als unstatthaft abgewehrt: man könnte den schönen Seelen auf den morastigen Grund kommen.
Kollmann und Mattheus sind natürlich längst über Freud und Konsorten hinaus, bei Theoretikern wie Foucault, Deleuze und Guattari, die keine Neurosen heilen, sondern Psychosen zu psychiatrisierten Zerrformen echter Revolte, kritischer Abweichung und wahren Lebens verklärt haben.
Das Vokabular der Neuen Irrationalisten ist dem Anti-Ödipus (Frankfurt 1977) von Deleuze/Guattari entlehnt, dessen Rezeption auch die derzeitige Artaud-Renaissance eingeläutet hat. Vernunft ist Herrschaft, Herrschaft ist böse, also weg mit der Vernunft; so einfach ist das.
In einem Aufwasch fallen Sinn, Form, Bedeutung, Logik, Sprache überhaupt. Was bleibt? "asignifikanten", "decodierung", "dekonditionierung", "transgressionen", "entgrenzungen" und postökonomische "verausgabungen" à la Bataille gegen bürgerlichen Spargeiz und Akkumulationsfleiß.
Gegen technokratisch-administrative Systemrationalität werden (recht technische) "wunschmaschinen" aufgeboten und der "schizoide fluxus organloser körper" gegen alle Definitionen und "konfinierungen".
Da fließt und strömt und flutet es recht libidinös spermativ gegen alle beschränkenden Dämme und Kanalisierungen, wirklichen Mängel und bösen Reglementierungen und "adjustierungen".
Mit der analytisch-positivistischen Vernunft fällt auch - nicht erst seit dem GULAG-Damaskus der französischen Neuen Philosophen - die dialektische Logik dem neuen Lebenswillen zum Opfer. Mit dem Verstand sollen wir gefälligst auch die Verständlichkeit unserer Sprache verlieren (wohl damit die Herrschenden nicht mehr verstehen, was wir gegen sie vorhaben?).
Mattheus genügt es, sich selbst zu verstehen, seine liebevoll ausgemalten Privatmythen pfeifen auf unser Verständnis - und unserem bösen Analytikerblick sind seine Selbstverständlichkeiten um so sicherer entzogen, vermutet er in uns doch paranoisch einen Machtwillen, der seine Mysterienkulte stört.
Aber leider fallen die meisten vermeintlichen Überwinder Freuds nur hinter ihn zurück. Im übrigen fällt mir als Programmierer auf, daß die neue Terminologie des Anti-Ödipus einem meiner Kybernetik-Lehrbücher entstammen könnte: technics to end all technics? decodierung, fluxus, wunschmaschine...
Dieser redselige Sprachverächter hat es gut: angegriffen, kann er sich stets in die Unkommunizierbarkeit seiner untangierbaren Exklusivoffenbarungen zurückziehen, für die wir alle zu doof sind.
Vegetative Nervenrhythmen, synästhetische Empfindungsexperimente, koenästhetisches Erleben diesseits der Subjekt-Objekt-Spaltung sollen den "kapitalismus des bewußtseins" stürzen; da wird den Kapitalisten angst und bange.
Die falschen escapes werden gebrandmarkt: sozialistischer Reformismus, makrobiotischer Agrarfetischismus der Humus-Humanisten, Ökonaturalismus, hedonistische performance-shows à la Mühl/Nitsch, Zen&Yoga, Alternativghettos, drug luck etc..
Abgewehrt wird der Vorwurf, auch der Schizophrenist sei auf Innerlichkeitsrückzug. Mattheus will sich auf nichts festlegen lassen, Mensch, der er ist als das nicht feststellbare Tier (Nietzsche). "wir ziehen es vor, mobil zu bleiben": als wären Mobilität und Flexibilität nicht gerade Anpassungsleistungen, die heute von jedem überlebenswilligen Kleinbürger verlangt werden.
Das nomadische Zigeunerglück endete längst in den Völkerwanderungen der Deportationszüge und des Massentourismus. Aber natürlich ist das wieder nur innerlichst gemeint, on the road of the mind, Artauds Mexiko im organlosen Körper.
Idol ist der aus psychiatrischer Kasernierung befreite Schizo als Symbol aller Anomie und ekstatischen Acedie. Natürlich scheut man den Abgrund des wirklichen Wahnsinns, er soll "praktiziert" und "kontrolliert" instrumentell genutzt werden, synthetisch dosiert: heilige Technologie und pragmatische Unvernunft.
Diese neuen Heiligen wissen durchaus noch, wann die Züge fahren. Eine Technik, ganz hier und doch anderswo zu sein, immer anderswo, als man vorgibt: ich nenne das schlicht Unaufrichtigkeit. Das ist aus André Gides indisponibilité geworden, aus den acies gratuits der Surrealisten! Schizoide Dialektik, stets jenseits seiner selbst zu sein?
Realität wird verharmlost zum bloßen Aufhänger, Kondensationskeim und Initialzünder halluzinatorischer Phantasmagorien, sie verkommt zur Droge selbst. Immer auf der Flucht vor analytischen Urteilen, die die verbotenen Binnenspiele verurteilen könnten. Was ist daran aber subversiv außer der Nutzlosigkeit und vorläufigen Unverwertbarkeit fürs Kapital?
Ich will diese inneren Emigrationen nicht lächerlich machen und die "exterritorialisierten", organlosen (kastrierten?) Körper nicht den heutigen Arbeitshäusern wieder zuführen, zu denen auch der Marxismus die Welt zu machen droht.
Ich bin nicht im Stand der schizoiden Gnade (nicht mehr, nach einigen psychotischen Schüben) und möchte diesen "Universumstulp" nicht noch einmal durchmachen, auf den Mattheus hinmeditiert.
Alle Lust ist gemeisterte Angst vor der selbstvergessenen Hingabe an das, was einem nicht gleicht, ich weiß wohl, und Mattheus muß viel weiter sein als ich, wenn er aus seinen Ängsten so viel Lust bezieht.
Er geißelt meine ängstliche "flucht nach vorn in die selbstbeherrschung", während ich doch mit Selbstbeherrschung das Gegenteil meinte: Herrschaft nicht über die innere Natur, sondern über das zur zweiten Natur gewordene naturbeherrschende Prinzip des Geistes.
Emanzipation ist für mich keine "emanzipation des bewußtseins von der sprache", sondern die "sprache als subjekt der herrschaft", wozu sie nur Linguisten und Psychotiker verabsolutieren, ist auch potentielles Medium der Befreiung des Subjekts von Herrschaft.
Sicher, Sprache und Vernunft sind Instrumente der dingfestmachenden Identifizierung, und Mattheus und Kollmann wollen zu Recht die stur bornierte, zwangsneurotische Selbstidentität des Subjekts aufbrechen helfen, seinen terroristischen Selbsterhaltungsfuror.
Das autonome Individuum, das bürgerliche Persönlichkeitsideal, bleibt sich selbst immer gleich und treu, komme, was wolle. Es hat alle Substantialität und tautologische Beschränktheit an sich gerissen, reines ICH=ICH, das Ich ist das Ich ist das Ich.
Dagegen will Mattheus mal dieses, mal jenes wenden dürfen, heute so , morgen so , statt heute so und morgen so. Er will immer anders sein als er selbst, je nach dem Gegenstand seiner selbstüberschreitenden Hingabe und selbstvergessenen Entäußerung.
Das ist die lebendige Leidenschaft des permanenten Übersichhinausgehens, und ich unterstelle keineswegs, daß er sich ans Nichtich nur weggeben will, um, bereichert ums Ganz-Andere, zu sich zu kommen, als amortisationssüchtige Totalselbstinvestition.
Da soll durchaus über Hegel hinausgegangen werden, bei dem das Subjekt sich ans Andere nur veräußert, um es zu verinnerlichen und im gefräßigen Bauch des idealistischen Ich verschwinden zu lassen und zu verdauen.
Etwas begreifen hieße da nur, es intus und gefressen haben, oralkannibalisch sich einverleiben oder analsadistisch sich an-eignen oder phallisch durchdringen in biblischem Erkennen.
Der Verstand soll den Widerstand seines Gegenstandes nicht brechen und ihm objektivistische Geständnisse abpressen, gut. Die Vernunft wird verworfen, weil sie die Eigenart ihrer Objekte nicht in "dankendem Denken" (Heidegger) hinnimmt und wahrnimmt, sondern hochnotpeinliche Vernehmung geworden ist. Das Hinhören wird zum Verhör und Vernunft ein Resultat ganz zwangloser Einigung von Vernehmern und Vernommenen.
Für Absage an solchen Verstand habe ich jenes Verständnis, auf das Mattheus pfeift, weil er dahinter Einverständnis mit dieser Vernunft wittert.
Wenn ich sage, daß eher zuwenig Rationalität in der Welt ist als zuviel, dann verstehe ich unter Vernunft, die ich annehmen möchte, doch gerade die kritische Transzendenz jeder positivistischen Gegebenheit, jeder vom Verstand gesetzten Grenze, jeder natürlichen Mangellage.
In dieser Art Vernunft arbeitet die ekstatische Leidenschaft selbst, das Pathos der Überschreitung und Dreingabe, nicht kalte Selbstbeherrschung.
Die reflexive Distanzierung von allem schlecht Gemachten und borniert patzig auf sich Pochenden ist nicht die Distanz des sadistischen Zuschauers im Welttheater. Diese Vernunft setzt sich mit dem Erreichten aufs Spiel, stellt sich infrage, ist nichts anderes als diese Artikulation der Fraglichkeit und Fragwürdigkeit von allem - samt ihrem eigenen Herrschaftsanspruch über das von ihr Transzendierte.
Sie ist auch kein Selbstzweck, sondern will Lebensmittel sein. Ursprünglich war ja ihr Sinn, die Herrschaft der unwirtlichen inneren und äußeren Natur über den Menschen zu brechen, die tödliche Naturverfallenheit zu transzendieren, die im Mythos sich rechtfertigte.
Heute ist sie sich selbst zur mythisch zweiten Natur geworden, die sie brechen muß, ohne in die Knechtschaft der ersten Natur zurückzufallen. Diese Gefahr übersehen alle maschinenstürmenden Naturfreunde.
Die giftigen Idyllen der ersten Natur taugen nicht zum Racheaufstand gegen die zweite Natur der Vernunft, deren Faktizität von höherer logischer Ordnung ist als die beherrschten Fakten.
Die rationalen Begriffe greifen inzwischen ihre eigene Naturbasis an, ihre sinnlich-mimetische Grundlage. Aber nur die Vernunft selbst kann sich vor sich selbst bewahren, durch mehr Vernunft, diesen affektiven Antiaffekt seit Spinoza.
Die subversiven Ströme und Fluten des organlosen Leibes sind nicht das unmittelbare reine Leben, das alle darin eingezeichneten kulturellen Interpretationen trägt und abschüttelt, sondern zutiefst gezeichnet von der Vernunft, Fertigprodukte statt jungfräuliches Rohmaterial.
Im Anti-Ödipus wiederholt sich Irrtum und Betrug des positivistischen Empirismus: die angeblich passiv registrierten sense data sind vom Verstand längst präformiert und zugerichtet. Das gilt ebenso für die "exterritorialisierten" und scheinbar "dekodierten Wunschmaschinen" des Wahns mit seiner "Wunschproduktion": die technischen Termini verraten das ungewollt.
Die Wunschmaschinen sind rationale Konstrukte des Bewußtseinskapitalismus selbst, Larven und Rationalisierungen verdrängter anderer Begierden/Ängste, über die Freud noch immer einiges sagen könnte.
Aber Mattheus und Kollmann wollen die Sprache ja verabschieden, die sie zwischen sich und dem Objekt ihrer unendlichen Begierde wähnen. Die Sprache soll nur noch sagen, daß sie eigentlich nichts sagen und vor dem Unaussprechlichen verstummen sollte.
Dieses Unaussprechliche aber ist ja nach Wittgensteins berühmtem, immer wieder falsch verstandenem Wort nicht der besondere Gegenstand unserer Wünsche, sondern im Gegenteil die logische Art, in der wir ihn be-/verurteilen.
Wittgensteins Sprechverbot richtet sich auf die Art und Weise, in der die Sprache die Welt abbildet. Genau dieses Denkverbot gilt es zu übertreten: wir wollen die Vernunft sprechen lassen über sich selbst, über die Art, in der sie uns zwingt, zur Vernunft zu kommen und uns von logischen Urteilen verurteilen zu lassen zur Einheit mit ihr.
Der Begriff muß begreifen, daß er nichts begreift, wenn er sein Objekt subsumiert, vergewaltigt, kastriert, um sein unverwechselbar Besonderes bringt, umbringt.
Erfahrung ist Erfahrung des Besonderen, Unaustauschbaren, der sensitiven Gebrauchswerte, die in den Tauschwerten der Warenwelt gleich-gültig werden, unter den Allgemeinplätzen des Kalküls, das alles Individuelle über seinen Kamm schert, um es fungibel zu halten.
Der Begriff greift sich nur das an den Einzelnen heraus, was ihm in den Kram paßt, etwas Partikulares, das sich zum allgemeinen Wesen der Sache aufspreizt.
Umgekehrt ist das Individuelle selbst dialektisch das Allgemeinste: alle Individuen kommen schließlich darin überein, daß jedes etwas ganz Besonderes ist und sein soll. Die Allgemeinbegriffe der ratio kupieren das Besondere ihrer Gegenstände, statt sich selbst als partikular beschränkt zu begreifen. Das leistet erst die Selbstkritik der Vernunft, die ihre gewalttätigen Projektionen des Subjekts aufs Objekt schrittweise selbstkorrektiv in sich zurückzunehmen hätte, bis das Objekt sich von ihm selbst her zeigen und darbieten kann und ich mich ihm gelassen anschmiegen darf und es nicht fressen muß aus projizierter Angst, von ihm gefressen zu werden.
Die repressive Subordination der Partialtriebe unters fungible Genitalprimat des Verstandes und seiner Ichfunktionen dürfte sich lockern erst dann, wenn das Ich als Zentrum allen antiautoritären Widerstandes überflüssig geworden wäre.
Lebten wir in einer freien Welt, dürfte es ungestraft zergehen und hätte seine Schuldigkeit getan. Die Auflösung des selbstverbissenen Ich, seine Desintegration wäre historisch fällig samt aller ödipalen Triangulierung von Mammi-Pappi-und-ich, dieser heiligen Dreieinigkeit der psychoanalytischen Dialektik.
Mattheus und Kollmann und andere machen einzig den Fehler, auf eigene Faust privatistisch erzwingen zu wollen, was gesellschaftlich zu erarbeiten ist, durch solidarisch reflektierte Praxis, die derzeit blockiert scheint und zu verzweifelten Kurzschlußakten verleitet.
Freud sagt, wer nicht darauf warten könne, dem sei moralisch unbenommen, sich zu holen, was er brauche, falls er könne. Nur soll er keine Ideologie daraus machen wie Mattheus und Kollmann, die vor lauter Sprachlosigkeit geschwätzig werden.
Sie wollen die Stillung der unendlichen Begierde hier und jetzt, unvermittelt, das prompt Absolute als Schlaraffias gebratene Tauben in den Mund, der schreit nach dem Liebesobjekt, statt es anzurufen in Worten.
Die weltlichen Vermittlungen sollen übersprungen und unterlaufen werden, gesucht ist das "oceanische Gefühl" (Freud über Rolland), die primärnarzißtische Ursymbiose mit projizierten Mutterintrojekten durch autoplastische Selbstmanipulation.
Da wird die Libido doch zum Todestrieb jenseits des Lustprinzips, zum Wunsch, die unlustvolle Vitalspannung der realitätsprüfenden Ichtriebe loszuwerden durch Rückkehr zum entspannt Anorganischen.
In den Briefen über die Sprache taucht der Suizid immer wieder in aller Ambivalenz auf als lockend-drohende Einkehr des Individuierten in die frühe Mutterkindeinheit des Primärnarzißmus, als tremendum et fascinosum: der Todesschuß des imaginierten Allverfolgers Gesellschaft wird vorwegnehmbar als Lust an der suizidalen Aufkündigung der verfluchten Selbstidentität, die als Exil, als Verbannung vom Untergang in Mutterimagines erlebt wird.
Das legiert sich mit immer vorhandenem paranoiden Narzißmus der Künstler zur Sehnsucht nach "thalassalischer Regression" (Rank) in entgrenzten Akten, durch die das Ich sich verlieren will, wie die Tinte vom Löschblatt aufgesaugt wird.
Die geforderte "suspendierung von identität" soll zu einer neuen "unbewußten identität" führen - also doch wieder zu Identität, allerdings nun hinter dem Rücken des Ichs selbst, unanalysiert.
Dieses tolle "leben des unbewußten" wird dann an anderer stelle sofort wieder abgewertet: "es gibt kaum etwas mechanischeres, stupideres als die aufgelockerten gründe des unbewußten" (notizen von B. Mattheus in KONKURSBUCH 2).
In diesem Nachtbrei des Ungefähren treiben sie sich herum, die Jünger Artauds, Nervals, Batailles, Keats. Es rächt sich, daß der dürre linke Rationalismus Phantasie, Mystik, Ekstase und Passionen rechts liegen läßt; schon einmal hat der Faschismus sich der Menschen bemächtigt, die danach hungern.
Die neuen Schwarzen Romantiker handeln jetzt Artaud (liebevoll fäkal a.a. genannt) wie ihren Christus, als dehistorisiertes Gefäß des Absoluten. Können die Linken denn gar nichts anfangen mit Rimbauds Forderung nach "systematischer Verwirrung aller Sinne", um das Leben selbst zu ändern? Muß Genet für proletarisches Bewußtsein, was immer das ist, ein perverser Schmarren bleiben? Bald werden sie uns auch Vesper, Nizan und Hölderlin noch einmal klauen. Rilke, nur ein Reaktionär?
Aber was halte ich mich bei der Kritik der programmatischen Beteuerungen der neuer Denker auf. Wie sehen ihre neuen unsäglichen Erfahrungen denn nun wirklich aus? Die Manifeste von Mattheus und Kollmann verstehe ich nur zu gut, besser, als ihnen lieb sein dürfte.
Konkret werden sie dort, wo sie ihre Offenbarungen künstlerisch gestalten, weniger mitteilen - denn sie teilen ja nichts mit uns - als auskotzen.
Wo sind sie, die morgenrotzarten und bluttriefenden Ursprünglichkeiten aus der schizoiden Inspiration? In der Zeitschrift GASOLIN 23 (No.5, Sept.77) finde ich z.B. einen Prosatext von Karl Kollmann: Intime Details. Und da sind sie, die Rupturen aller Kontinuität und Kohärenz, der hingefetzte psychedelische Edelkitsch, der kybernetische Impressionismus:
War mit dem Wagen gekommen und ging aus dem Schizodunst (!) hinaus auf die Straße... Die Connections sind aufgelöst, die Zeit zerbrochen... dazu ein bißchen kotzen, und die alte Angst schreit nach Revolution, nach dem Aufhören, nach dem Ende... das Röcheln der G-men, die dichtgemachten Mösen... Bullen stürmen das Lokal und erschießen ein paar fickrige Arschlöcher... Das radioaktive Comeback der dirty sixties, sich eine klare MP schnappen und die Realität verschaukeln... Traumhaftes goldgelbes Licht strömte auf das Kopfsteinpflaster, der Geruch nach Lindenblüten, ein alter Blues, ganz leise... Finaler Feedback mittels zweitklassigen Eintrittskarten und Kaffeetassen... Der Instruktor tanzt den Porno-Rag... Dann tauchte Eve auf. Playbackte das Anarchische mit dem Geklimper der Silbermünzen... Einen verstaubten Joint, um die Metamorphose der Schamhaare zu verstehen... die Schatten umschnallen, wir können uns nicht mehr leisten, die alten geilen Schenkel aufzupumpen... Der Ober servierte Stahlruten und einen mentalen Komplex... eine Bourbonflasche brachte sowas wie libidinöse Interferenz zustande... die städtischen Schleimhäute explodieren... Ein Stück Metall tippt an meine Rippen. "Wie wär's mit ein bißchen Gymnastik", die asthmatische Stimme hinter mir hüstelt dürr, "du schaust dir das aus der Nähe an, hm, buddy?" Wieder der Weg über den Glasfußboden, die Lichtkaskaden, die Kunststoffschemata... retour in den lila Schatten... ich habe nie das nötige Kleingeld für ein Ticket mit...
Statt dieser pubertären Pickelsentimentalitäten dann doch lieber die Gedichte des wirklichen Schizophrenen Ernst Herbeck, genannt "Alexander". Oder?
kuckuck 23/24
1979, Frühjahr/Sommer
kokhaviv press:
Horst Lummert in kuckuck (kulikri)
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