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Erkenntnistheorie und politische Praxis - Seit 1973 - Redaktion: Horst Lummert

1977-00-00 (?)

Bernd Mattheus

IMPOTENZ ALS TUGEND

rolf schütt wäre nicht der erste, dem die proskynese vor der psychoanalyse - und zwar der vorgestrigen von general freud - aporien der folgenden art einhandelte: "Nicht umsonst erinnert die Tintenfeder des Autors ans pissende Zeugungsorgan. Nicht abwegig auch der feminine Gebärneid des Literaten..." (1) was hänschen! wie verhält es sich dann bei den schriftstellerinnen, die im rahmen solch platter theoreme keine andere motivation haben dürften als penisneid? daß ich nicht lache.

"Allmachtsphantasie(n) vor dem jungfräulichen Stück Papier" scheinen eine spezialität von "Sonntagsschriftsteller(n)" (2) zu sein, deren fantasietätigkeit auf dem papier beginnt und endet.

ohne auf schütts feindseligkeiten aus frustration und unverständnis in seinem aufsatz (3) eingehen zu wollen, nötigt mich der gleiche, von ignoranz zeugende unverschämte ton, den er gegenüber karl kollmann anschlägt (4), um ihn politisch zu diffamieren, zur näheren betrachtung einer allergie, welche für leute wie schütt symptomatisch ist.

mehr als überheblich wirkt schütts gestus, mit dem er kollmann eine "Auseinandersetzung vor dem gemeinsamen Gegner"(5) konzedieren will - ich bezweifle stark, daß letzterem an der vertretung seiner sache durch einen wichtel wie schütt liegt.

seine moralisierende belehrung über das erpresserische des suizids (5) hätte er sich ersparen können. kollmann droht nicht billigerweise mit dem suizid, der niemals aus freien stücken erfolgt, er sagt vielmehr, daß der tod den betrug der wirklichkeit enthüllt und daß einer, der den tod seinen berater nennt, die fragen anders stellt.

schütt unterliegt einem irrtum, wenn er unterstellt, kollmann bitte "um unser Verständnis" (6): es besteht absolut keine notwendigkeit, daß wir uns verstehen. uns interessiert der bruch, nicht das fortleben des despotischen signifikanten und, im besonderen falle des schizo, daß dieser dekodiert und deterritorialisiert. schütt fordert präzisierung (7) dort, wo sie unangebracht ist. wenn karl kollmann von einem "eigenen Denk- und Wahrnehmungssystem oder dem subjektiven Auseinanderfallen aller Ordnung" spricht, meint er damit, daß das innere geschwätz aufzuhören habe und mit ihm die aufrechterhaltung der sanktionierten realität; von bewußtseinsveränderung, genauer: emanzipation des bewußtseins von der sprache (8) war die rede (nicht von einem "Heilmittel", wie schntt glaubt), also von einer persönlichkeitswandlung, an deren äußerster grenze suspendierung von identitat - bewußtlose identität - steht.

"Er ((kollmann)) will den endlosen Zirkel von Rede und Widerrede auch nicht durch Handeln unterbrechen" (4), und darauf - wie auf kollmanns absage an den altruismus - reagiert schütt allergisch, weil er einerseits nicht einsieht, daß alles handeln alternativen erkenntnissen den weg versperrt, weil er offenbar dem primat der aktion vor dem wort* verpflichtet zu sein scheint und weil er letztlich opportunismus mit anpassung verwechselt: "Vor diesem stolzen Verstummen () haben obstruktive Künstler, Kritiker und Irre eines gemeinsam: sie machen das Spiel mit, das sie kritisieren und dessen Regeln sie analysieren und - indem sie es angreifen" (6).

*Zur Primat-Frage schreibt Bernd Mattheus an anderer Stelle: "so gern wir auch verneinen und die aktion verbaler kraftmeierei vorziehen werden..." (kuckuck 8, S.27). kkk

einen paralogismus stellt die behauptung dar, "Karl Kollmann will sich selbst verändern, um die Welt nicht mitverändern zu müssen" (6), desgleichen die Platitüde, daß der "Wahnkranke" die "Realität in Gedanken" verändere. davon abgesehen, daß von der klinischen entität des wahnkranken, an der schütt festhält, bei uns nicht mehr länger die rede war, muß man nicht opfer von allmachtsfantasien sein, um zu begreifen, daß der ausgang eines schachspiels davon abhängt, wie einer sieht bzw. gesehen hat, oder daß die beschleunigung und in der folge davon: linearität die wahrnehmung umstülpt. soll heißen: die wirklichkeit ist uns nur in ihrer abbildung gegeben, und die wahrnehmung der wirklichkeit selbst wird u.a. determiniert durch die mit der kommunikation in übereinstimmung gebrachten sinnesempfindungen oder, um schütt zu zitieren: "Das pralle unmittelbare Leben ist doch nun einmal direkt nicht zu haben" (9).

deshalb kann ich es nur als boshaftigkeit betrachten, wenn schütt bewußtseinsveränderung obstinat mit regression ins "Familiäre, Private, Intime, Imaginäre" (6) gleichsetzt. "Jede Flucht ist erlaubt" (6), danke! doch nicht kollmann flieht, er läßt fliehen: ströme, die ausdruck des wunsches sind und die den apparat unterlaufen, der auf ihre domestikation, organisation, reglementierung und kanalisierung spannt. kollmann und ich streben keineswegs an, "je Herr im Haus der eigenen Haut zu werden" (7), wir verabscheuen die atmosfäre familiärer intimität von häusern ebenso wie identität und identifikation, wir ziehen es vor, mobil zu bleiben, ohne jemals unsere ziele und zwecke bekanntzugeben.

kollmann empfiehlt schütt und allen, die ihm ähneln, nicht naiverweise mehr "Fühlungnahme mit dem Leben" (7), er fordert ihn dagegen auf, sich zuallererst selbst zu entblößen statt sein bewußtsein jeweils auszuklammern, sobald er sich in referenzsysteme (noch dazu die verstaubtesten) hineinrettet, mittels derer er objektivität vorzuspiegeln sich bemüht.

außerdem geht es nicht um das "unmittelbare Gefühl" (7), sondern um das immanente, unbewußte leben, das leben des unbewußten, das an keinem ende welcher vermittlung auch immer steht, das aber präsent ist als potentielle gefahr für all jene reformler, denen die sozialisation der wirklichkeit immer noch unzureichend vorkommt, so daß sie für "Aufklärung, Schaffung der Systembedingungen für allgemeinen und chancengleichen Teilnahmezugang zu diesen reflexiven Diskursen..." (7) plädieren. nicht allein, daß reformen den status quo untermauern - der allgemeine und chancengleiche teilnahmezugang setzte den stil der sekundärkunst, konventionelle ausdrucksmittel voraus, prämisse wäre verständlichkeit um den preis reaktionärer kunst, in meinen augen gibt es kaum etwas idiotischeres als reflexion, wie sie schütt betreibt, als unermüdliches zurückführen nämlich auf den "inzestuös-vatermörderisehen Ödipus im Künstler" (7), ödipus, den zu heiraten wir schütt anraten, denn wir haben von ödipuskomplex, kastration, ich, es, über-ich etc., etc., der terminologie orthodoxer psychoanalyse die schnauze voll. sie macht uns gähnen!

"Verdrängung erzeugt Angst" (7) und vice versa; "wer diese Spannung nicht aushält, ist zur Regression verhalten..." (9), doziert schütt - vermutlich auf eigene erfahrungen gestützt -, die flucht nach vorne in die selbstbeherrschung antretend: "Wie kann ein Ich sich seinen eigensten Triebwünschen relativ angstfrei hingeben, ohne reflexiv seiner selbst ein wenig mächtig zu sein?" (9). die als disziplinierungsmittel universell angewandte angst in lust zu verwandeln - auf den gedanken kommt schütt nicht bzw. er versagt ihn sich, eine perversion witternd, noch sieht er, daß er mit seinem ich im gepäck niemals den mond erreichen wird. kollmann warf schütt, mit recht, eiskalte distanz vor, d.h. zugleich unfähigkeit zu partizipation und unvermögen, sich selbst ins spiel zu bringen, in frage zu stellen. (kollmann entwickelt seine ästhetischen kriterien anhand des beweglichen subjekts, nicht der werke. übrigens eine ästhetik der willkür und unberechenbarkeit.) der stil der avantgarde ist gewiß derjenige, der früher oder später vereinnahmt wird, und uns liegt an dem titel nicht, sei es: "die politik verhindert, die kultur der zukunft vorauszusehen. folglich hat die avantgarde der heutigen zeit und in der westlichen gesellschaft eine begrenzte aufgabe: beseitigen und theoretisieren, was sie tut" (10). dies nur der "doppelten Negation" (6), diesem blackout der logik, entgegengehalten, die banalerweise eine einfache affirmation ist, keine doppelte.

"Eigentlich kann ich nur hoffen, daß meine Replik nur in den Punkten brauchbar ist, wo sie mißlungen ist" (9). in diesem sinne darf man rolf schütt vollkommene brauchbarkeit seiner ausführungen bestätigen, doch mir sind leute suspekt, die impotenz zur tugend erheben.

anmerkungen

(1) schütt, r.: Literatur und Psychoanalyse. kuckuck 13/14, p.4

(2) schütt, r.: Soll der Schriftsteller wirklich wie ein Verrückter schreiben? kuckuck 13/14, p. 57,56

(3) schütt, r.: (2)

(4) schütt, r.: Leben oder schreiben wie ein Verrückter? Versuch einer Antwort auf Karl Kollmanns Anmerkungen. im folgenden aus dem manuskript zitiert.

(5) schütt, r.: (4) p.1

(6) schntt, r.: (4) p.2

(7) schütt, r.: (4) p.3

(8) als dem subjekt der herrschaft.

(9) schütt, r.: (4) p.4

(10) roland barthes in einem interview mit claude jannoud (le figaro littéraire, 27-7-1974).

kuckuck 23/24
1979, Frühjahr/Sommer

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Horst Lummert in kuckuck (kulikri)

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