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Erkenntnistheorie und politische Praxis - Seit 1973 - Redaktion: Horst Lummert

1977-00-00

Karl Kollmann

Einige unsystematische Anmerkungen zu Rolf Schütts
"Soll der Schriftsteller wirklich wie ein Verrückter schreiben?"
in kuckuck 13/14

Es ist ziemlich einfach, sich zum Anwalt einer Sache zu machen, die nicht seine ist. Der x-beliebige Bürger demonstriert das tagtäglich, wenn er politische Schlagzeilen wiedergibt, sich so zum Fürsprecher und Wortführer von ihm fremden Angelegenheiten, zum Befürworter seiner eigenen Domestikation und Versklavung macht. In Bernd Mattheus' gleichsam erkenntnistheoretischer Konzeption, wie in Schütts Einrede dazu, geht es um destruktives Erkennen - das rechtfertigt, zu reden, wo sonst Schweigen angebracht ist.

Rechtens hat einer zu Allerweltspamphleten tagespolitischer oder kulturlinkischer Machart zu schweigen, da dieser eine sonst - nähme er ernst, was ihm tagtäglich ins Haus kommt - das einzige Argument entwertete, das ihm blieb: den eigenen Tod.

Kraft meines Todes melde ich mich zu Wort. Das Leben zählt nicht, es ist tot. Wer lebte noch? Und schon das klingt banal, oder metaphorisch, oder in hoffnungsloser Bedrückung, oder angekränkelt, romantisch wehmütig-süchtig.

Das eigene Leben, was heißt: der eigene Tod hat keine Schneide mehr, die ätzende Schärfe geht ihm ab. Man verreckt, und gefragt wird, was man hinterlassen habe, an Eigentum, Geld oder sonstigem Vermächtnis.

Nun, selbst das könnten sprachliche Spielereien sein, Lust noch aus dem Grauen oder gerade deshalb. Adorno, Bataille, es ließe sich ein ABC derer, die schrieben, durchgehen; auch derjenigen, die besserer Einsicht zum Trotz noch immer ihre Feder kratzend über das Papier führen, die an der Schreibmachine sitzen und deren Finger ins Schwitzen kommen.

Sprache als Spiel - weil das Geldverdienen mit ihr verwehrt ist? Sprache als Haltegriff, da einer sonst in die Tiefe stürzte?

Unbehagen auch. Wer schreibt aus Rache, aus Haß? Wörter als Mittel, aber "das Mittel wirft sich zum Selbstzweck auf: Signum unserer Zeit ohnehin" (Schütt, S.59).

Das geht nicht nur den literarischen Text an, es trifft auch Kritik. Diagnostiziert sie, daß ALLES vor der kritischen Beobachtung fällt, dann auch sie. Wo sie nicht verstummt, tendiert sie dazu, Selbstzweck zu werden. Ein monotones, automatisches Aussenden von Zeichen, als Lebenszeichen - vor allem für sich.

Das, was vom Subjekt verblieben ist, das Restsubjekt intellektueller Bildung, wütet mit Kritik, wo andere, unbedarft von Bildung, auf den Autobahnen oder in familiären Wohnungen wüten.

Wo die Mehrheit drauflosschlägt, oder sich alkoholisch entspannt, schlägt die Kritik zu. Ihr Schlag schlägt zurück.

Alles ist negierbar, nichts hält stand. Das läßt von der Allmacht des Subjekts ahnen. Nur negativ, als Kritik, gibt es Omnipotenz. Die Nemesis des Gesellschaftlichen aber folgt. Indem es ALLES verwirft, rächt sich das SubJekt an seiner Kultur, straft aber für solchen Frevel sich selbst. Keine Haltepunkte findet es mehr, nichts, das bestehen würde, auf das sich einer noch zurückziehen könnte. Das kritische Subjekt geht rettungelos in die Irre, ist es konsequent in seiner Kritik: lebt es sie.

Jedoch, solche Irre ist kein Wahn, kein Aberwitz, nichts 'Falsches', Pathogenes. Bloß jenes irrlichternde Flackern, das ruhelos auf den Hügeln menschlicher, geschichtlicher Schweinerei herumspringt, von Begriff zu Begriff taumelt, hastet, stürzt, sich aufrappelt, blutüberströmt weiterhetzt, wankend, schwindlig, sich erbrechend, bis es fällt.

Nur der Tod ist gewiß. Das steht vor allem Einwand. Und hinter jedem. Daran bemißt sich ALLES. Der Tod ist der einzige Prüfstein für Ideale und Realitäten. Ihn wegzulösen, ist die Intention jeder umfassenden Kulturkritik. Gewissermaßen eine verzweifelte Suche nach Wegen, die der Verzweillung Herr werden lassen.

Natürlich: sublimierte Antriebe, stecken sie doch hinter ALLEM, was ein Mensch, eine Masse von Menschen, auch tut. Auch dies entlarvt die Kritik, mithin sich selbst.

Dialektische Kritik, auch die Schütts, löste sich auf, wäre sie konsequent, bräche sie nicht dort ab, wo der Mensch selbst ins Spiel gerät.

Keine Hegelsche Aufhebung in ihren drei verschnittenen Bedeutungen, auch nicht in einer der drei, sondern schlicht ein Zerfall, ein Vergehen, das Sinnloswerden von Kritik. Hier würde sie innerviert, ginge sie in das Sensorium ein, das keines mehr ist, nur automatenhafte Reaktion, fernsehkonsumentenhaft. Jeder kennt es, dieses Bedeutungsloswerden der Umwelt, wenn einer unter Kopfschmerzen stöhnt und die Wirklichkeit - die Außenwelt, wie sie romantisch heißt - zu Bedeutungslosigkeit verkommt und nur der Schmerz bestehen bleibt, der das Individuum in die Knie zwingt, es auf die Couch hinwirft, damit es durch ein Sichwinden und Stöhnen Erleichterung suche. Bekannt - und schnell vergessen, wenn ein Medikament wirkt.

Das ist das Tragische daran. Darum geht auch Kritik über ihren Verfall weiter; stößt sie auf ihre Sinnlosigkeit, blendet sie ab, wendet sie sich anderen Dingen zu, anderen Themen.

Wo der Künstler heimlich nach Ruhm und Anerkennung strebt, da auch derjenige, welcher kulturkritische Essays verfaßt.

Beidemale geht es um Gleiches. Um das, worum es auch dem nicht weiter auffälligen Bürger geht: soziale Anerkennung.

Doch - und das hat RoIf Schütt sich nicht eingestanden - hat es der kritische Autor einfacher. Kann er doch Abwehr antizipieren und sich gerade dadurch bestätigt fühlen. Sein Publikum mag die Geschichte sein, sein Dialog einer mit philologisch veredelten Werken, sein Maßstab der, wie er gegen die Geschichte des Denkens argumentiert.

Er ähnelt einem Schachspieler, der mit sich allein spielt - er ist zwei Personen in einer. Denn wo einer Kritik anfaßt, beginnt, kommt Rede und Gegenrede aus einem Mund.

Alle Werke sprechen durch ihre Leser, diese rekonstruieren ein System und destruieren es, in einer Person.

Denken und Sprechen sind zusammengeklappt. Getrennt sind sie vom Empfinden, vom Fühlen - das ist nicht neu, das ist Schulpsychologie, ja. Gemeinsam haben sie, daß sie gesellschaftlich konstituiert sind - das ist Schulsoziologie.

Den Affekten ist zu mißtrauen, Schütts Gewährsleute, Adorno und Freud, mißtrauten ihnen gründlich. Aus dem Es Ich machen, so die Devise, auch die hochbemühte therapeutische Anweisung zu partikularer Befreiung aus überholten Zwängen.

Das führte zum akzeptierten Gebrauch des Obszönen, zur "neue(n) Prüderie der gefallenen Hüllen", wie Rolf Schütt bemerkt (Literatur und Psychoanalyse in kuckuck 13/14, S.3).

Nun ja, der Jargon des Industrieproletariats um die Jahrhundertwende ist heute bürgerliches Kulturgut. Aber das soll jetzt nicht interessieren.

Warum die Affekte vermeiden, so es tunlich ist? Weil sie die Rationalität durchkreuzen, weil sie als deren irrationales Zubehör in ihrem Dienst stehen.

Nur stilisiertes Empfinden gälte noch. Doch auch hier lieber Erkenntnis, lieber Ich.

Für Adorno war die strukturelle Wahrnehmung von Musik das Ziel (so in der Einleitung zur Musiksoziologie). Technisches, kritisches Hören, welches den Plan der Komposition auffaßt, ohne Empfindung, oder wenn, dann nur als Beigabe gewissermaßen. Abscheu spricht aus solchem Standpunkt. Abscheu vor Auschwitz.

Aber ist es nicht neurotisch, wenn einer ängstlich darauf bedacht ist, Gefühle zu vermeiden. Schleicht sich hier nicht die Neurose ins Werk, in den Text, obgleich postuliert ist, daß einer nicht durch seine Neurose schreibe?

Der Betrachter-Typ, der sich von allem, was ihn tangieren könnte, zurückhält und aus ängstlich gehaltener, kühler Distanz "erkennt", der sich nicht von einem Werk mitreißen läßt, der nicht in den ihm vorgesetzten Stoff schlüpft und ausruft: "So ist es!" - sondern der nüchtern an die Analyse eines Werkes, an die Vivisektion der Menschen geht, auf das, was an technischem Standard und sozialem Gehalt in einem Werke sei: ähnelt der nicht den Laboranten des Apparats mehr? Mehr als einer, der aus Verzweiflung irr wird, oder Amok läuft, oder sich den Tod gibt.

Vor der Innerlichkeit, aus Mißtrauen gegen sich, flüchten - in Kontemplation, technisches Wissen. Gefühl verbergen, es durchrationalisieren - häufig dem Apparat zugeschrieben, daß Affekte ins Rationale des Systems passen - ist psychopathisch.

Daß Denken psychopathische Züge hat, daß, zugespitzt, die Reflexion ein Wahn ist, bleibt evident. Aber was macht es für den, der in ein solches Denken, in ein solches System geboren ist? Dabei geht es nicht um den Wahn als Ziel aller Glückseligkeit. Nein, nur um mehr Konsequenz.

"Die Hoffnung auf die freie Sprache des Wahns ist selbst wahnhaft" (R.Sch./Heft 13/14, S.59). Wahnhaft jedoch nur, weil unser Denken, unsere Sprache, alles das, was jenseits von ihr läge, vorweg mit deviant, mit krankhaft bedacht ist. Als Wahnwitz.

Die statistische Normalität und der von dieser kreierte Wahn sind zwei Systeme in einem. Weil Normalität schon Wahnsinn ist, ist es auch der klinisch oder sonstwie kategorial diagnostizierte Wahn.

Wehrt sich der Irrwerdende gegen die gesellschaftlichen Zwangsmechanismen, so bleibt er von ihnen dennoch durchtränkt, ja. Dafür spricht schon seine soziale Genese, seine Biografie, die von der Gesellschaft verschuldet ist, in der er traktiert und indoktriniert, korrumpiert und sadistisch gequält wurde - alle Erziehung, alle Bildung ist Sadismus, zuletzt im Betroffenen, ein masochistisch herbeigesehnter Sadismus.

Der Einzelne bekommt nur die Mittel in die Hand, das zu werden, wozu ihn seine Umstände machen. Ob einer halluziniert oder dialektisch kritisiert, ist gleichgültig. Zufall.

Die Grenzen des Systems sind in weiter Ferne. Kritik und Irrsinn, beide machen's gleicherart: sie "schlagen" ihren Gegner - Gesellschaft zu guter Letzt stets - "mit seinen eigenen Waffen" (60) - aber das nützt nichts.

Ob, simpel gesagt, Wahnsinn oder Kritik das Bessere sei, das ist nicht eine Frage des logischen Arguments - dies nur nebenbei, bleibt doch das Abdrehen, das Ende der Kritik, das Verstummen logischer, so man so will -, sondern des subjektiven Nutzens. Was zählt, ist nur, was dem Verdammten nützt.

Ein Detail scheint es, bringt aber Mißverstehen in den Text des Rolf Schütt, nur ein Wort. Mattheus' Satz: "der schriftsteller wird wie ein schizofrener sein, oder er wird nicht sein" (kuckuck 8, S.24) heißt nicht: der Schriftsteller wird ein Schizophrener sein.

Das Mißverstehen aber wird verständlich, wenn das im Aufsatz Literatur und Psychoanalyse skizzierte Verständnis von Literatur, wenn die Kritik des Schreibens auf den Schreibenden angewandt wird.*

*Im selben Beitrag von Bernd Mattheus steht (kuckuck 8, S.26): "ich denke aber nicht an einen künstler vom typ sender, der stellvertretend für alle die weichen stellt und die richtung anzeigt, während er selbst funktionabel bleibt. hier ist die rede von jenem schizofrenen, der seine schizofrenie im griff hat und sie bewußt gegen sinn und vernunft ausspielt." Auch das macht ein Mißverstehen verständlich. kkk

Rolf Schütt, d.h. eher sein Text, muß es sich gefallen lassen, daß unter gleichem Blick an ihn herangegangen wird, wie er es tut. Mit anderen Worten, der Text wäre auf sich zurückzubiegen. Daß es der Text, mithin der Autor, nicht selbst tut, mag täuschen. Dennoch bleibt Schreiben mit jenem exhibitionistischen Moment verschlossen, das - Biographen leben davon - dem Autor zum Fallstrick wird. Auch in der Kritik schreibt einer seinen Roman.

Es heißt: "Keine Selbsterforschung ohne Selbsttäuschung, die der Selbstenttäuschung zuvorkommen will", auch "dieses lustvolle Buhlen um Beifall über so viel Kühnheit" (13/14, S.5).

Dies trifft den Autor; unterstellt kann werden, daß er sich treffen wolle. Unbewußt scheint er hier seine Rehabilitation zu versuchen, eine Selbstdarstellung zu geben. Auch so kann Identifikation mit dem Aggressor sich ausdrücken. Der gesellschaftstheoretische, kulturkritische Text belegt, daß er von einem stammt, der eiskalt die ihm zuhandene Logizität auf höchste Ebene treibt. Gleichermaßen gegen Wahn und Normalität sich wendend, das bekräftigt, daß einer seinen Irrtum einsah.

Wollte man zynisch sein, ließe sich sagen, die Kritik an der Gesellschaft verhülle nur die Anpassung an sie. Lieber noch dem Aggressor Sympathie abgewinnen als dem Verurteilten, dem Angegriffenen. Und lieber noch kühle, kritische Distanz als Konsequenz. Dabei, auch hier, erkennen, um erkannt, also geliebt zu werden (vgl. 13/14, S.6). Die Ohnmacht des Denkens, wie die Kritik des Gedachten, ist die "Freiheit des Unterdrückten, sich mit dem Aggressor zu identifizieren" (S.4). Das Denken selbst, Rationalität ist der Aggressor, repräsentiert es doch den sozialen Mechanismus wie nichts anderes so deutlich.

Das Defizit gesellschaftskritischer Überlegungen liegt im Unvermögen, auf den konkreten Einzelnen einzugehen. Vor seinem unsagbaren Leid - und auch dieser Ausdruck ist abgeschmackt - kapitulieren sie. Notgedrungen. Ihr Standpunkt: "Wer durch ein Kunstwerk betroffen ist, ist nie betroffen genug" (S.4) - zu Recht, denn Kunst verschönt den Schrecken mit seiner Stilisierung - führt allerdings zur Immunisierung.

Unausgesprochen, daß die von Kunst unberührte Betroffenheit überwältigend sein muß, so sehr, daß das Kunstschöne nicht ein bißchen auf sein Konto buchen kann.

Wo Betroffenheit wäre, da jedoch Schweigen - darum, wo der Satz noch geschrieben wird, ist Betroffenheit weggeschafft: man hat den Satz derart innerviert, daß nichts mehr betroffen macht. Kritik wurde zu Kontemplation.

Ihr Diktum - paraphrasiert ungefähr: Über ALLEM geht es um MEHR - ist gleichsam Goethe'sche Ruh', verzagt vor den Schmerzen des Einzelnen.

Gesellschaftskritik ist eine trostlose Philosophie; darum nicht unwahr - das ist schon richtig. Nur deswegen, weil eine Ideologie tröstlicher wäre, diese vorzuziehen, bleibt naiv. Es ist nur richtigzustellen: Kritische Überlegungen sind nicht die ultima ratio des Menschen, sie sind kein Letztes.

Das Spannungsfeld von Literatur und Theorie, so beide authentisch sind, zugleich die Kluft zwischen ihnen, die diskursiv nicht zu schließen ist, wird vom subjektiven Schrecken, der verfremdet noch Genuß bieten kann, und von, vom Leben losgekoppelter Kontemplation gebildet.

Auch Theorie vermag Genuß zu geben. Die Auseinandersetzung mit der Sprache ist ihnen gemeinsam, nur muß Theorie kapitulieren, wenn sie ALLES verstehen will. Schließlich versteht sie dann nur mehr das, was sie vorab, eingangs, bei ihrem Beginn schon verstehen wollte.

Logisch konsequent ist, die Sprache zu verlassen, sich nach anderen Erkenntnisvehikeln umzusehen, wenn erkannt wird, daß Sprache Heteronomie perpetuiert. Zumindest der Versuch, aus den geläufigen Ordnungen herauszutreten. Sonst beginnt das Unternehmen - auch Theorie - damit, "sich selbst feiern zu lassen".

Die geläufige Sprache verlassen - das meint, "wie ein schizofrener" sprechen wollen; Psychopathie ist nicht als Kontrastmittel hergerichtet. Wer aus freiem Entschluß auf die geläufige Kommunikation verzichtet, läßt sich zwar nach wie vor als Psychotiker bezeichnen, ist aber ein qualitativ Anderer. Das unterscheidet den konsequenten Menschen, der seine Absage macht, von dem, der notgedrungen in die Psychopathie ausweicht, gewissermaßen dazu verhalten.

Wie ein Schizophrener sein, das meint, Erwartungen haben, die die Kultur nicht erfüllen mag, jedoch auf deren Erfüllung hinsteuern.

Sieht es auch nach einer poetischen Wendung aus, so will die Intention des Bruchs mit der Kultur doch eines, was Kulturkritik nicht leisten kann, sich nicht leisten möchte: daß das Leiden ein Ende habe und das Individuum sich seine Welt nach seinem Geschmack einrichte, egal ob dieser nun falsch oder richtiger sei.

Am Anfang dieses knappen Textes war vom Tod die Rede - natürlich sind heute die meisten-Menschen einfältig, bewußtlos, was ihre Existenz angeht; aber ist es nicht für den konkreten Einzelnen besser so?

Das ist der Entscheid, der immer wieder verschoben wird: ist das Unglückliche Bewußtsein der Glücklichen Bewußtlosigkeit tatsächlich vorzuziehen? Was hat der Einzelne davon, wenn er weiß, daß die Welt glücklich sein könnte, zugleich aber wissen, schmecken, spüren muß, daß es unmöglich ist, Glück herbeizuführen. Glück in der Art, die von der Kulturkritik offengelassen wird. Klarerweise werden muß, das ist kein Vorwurf, eher ein Eingestehen der Grenze, die sie sich, kraft ihrer Logik, selbst setzt.

Einer, dem seine Schmerzen, dem diese Welt und Wirklichkeit unerträglich werden, hat der nicht alles Recht, das es nur irgend geben kann, auf seiner Seite, wenn er versucht, das Unlustvolle, den Ekel, den Schmerz, das Grauen abzustellen?

Warum nicht sich verändern, statt nur eine Umwelt? Sich in höchster Anspannung ver-rücken. Was zählen da Einwände - aus der Verbesserung des Gesellschaftlichen spricht Altruismus, weiter dann Ruhmsucht, zumindest in Spuren, auch Revanche. Ist nicht derjenige der Konsequenteste, der von alledem absieht, der sich neu zu konstruieren versucht?

Die andere Seite, gewissermaßen, ist die Unfaßbarkeit. Darum heißt es auch "wie ein schizofrener" - solange einer noch schreibt, kann er nur andeuten, anzielen. Er gesteht dabei, daß er noch der Kultur verhaftet blieb, deutlicher als die Kritik, die immer so zu tun scheint, als wäre sie schon darüber hinaus, als befände sie sich jenseits des Affirmativen.

Da schreibt jemand und versucht sich mittels Schreiben auf jene Stelle hinzuarbeiten, die Lösung, Herauslösung aus dem heteronomen Gehäuse (zumindest für ihn) bedeuten kann, schon will ihm die Kritik das ausreden, ihn wieder zu Gesellschaft zurückweisen.

Etwa indem sie diagnostiziert: "Der Wahnsinnige ist ein Mensch mit gescheiterter Ich-Integration, er ist nicht mehr Herr im Haus der eigenen Haut" (S.57).

Gut - wer ist es noch? Niemand.

Wenn einer im Supermarkt steht und zu einem Regal hinhastet, was drängt ihn dann dazu?

Die Menschen können sich nicht Rechenschaft abgeben über das, was sie und warum sie es tun, weil einfach der integralen Mechanismen zu viele sind, die Suggestivkräfte zu groß. Selbst der kritischste Systemkritiker ißt und trinkt, und wenn er dies und das ißt, ist er heteronom, und anderwärts ebenso.

Herr im eigenen Haus sein zu wollen, nützt nichts; wer das erfährt, dem ist Erkenntnis kein Erstes mehr, sondern zuerst kommt diesem dann sein Leben, das heißt: sein Tod.

Rückzug auf theoretische Durchdringung der vertanen Chancen dämmt die Flut der Hoffnungslosigkeit nur für gewisse Zeit - wo die Dämme brechen, da zählt, objektiver als alles Vermittelte, nur mehr der Schweiß, den man schwitzt, und das Blut, das man am Gaumen schmeckt, und der Schmerz, dem man gelähmt ausgeliefert ist.

Der Versuch, sich von dieser Wirklichkeit loszusagen, hat mit Urschrei- und anderen Therapien nichts zu tun; Bernd Mattheus beabsichtigt keine Katharsis, keine therapeutische Übung, es geht ihm um Konsequenzen.

Konsequent ist, sich dem System zu entziehen versuchen, wenn man es verachtet. Weisen solchen Entzugs gibt es mehrere, Abbruch der Kommunikation, Selbstmord, ein eigenes Denk- und Wahrnehmungssystem oder das subjektive Auseinanderfallen aller Ordnung.

Für die letzteren steht kürzelhaft Wahnsinn. Vor denen, die nicht verbal sich rechtfertigen, sondern die sich verändern wollen - ihres Risikos bewußt -, sollte auch die Kritik so etwas-wie Respekt haben. Das war anzumerken. Sicher nicht viel. Aber was ist das schon? Letztlich schreibt auch hier einer über seine Inkonsequenzen; einer der Angst hat, dem ekelt, dem graut - vor dem Gesellschaftlichen, das mit ihm sein Spiel treibt. Was taugen Worte? - sie vermögen, wie billig, so wenig.

kuckuck 23/24
1979, Frühjahr/Sommer

kokhaviv press:
Horst Lummert in kuckuck (kulikri)

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