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Erkenntnistheorie und politische Praxis - Seit 1973 - Redaktion: Horst Lummert
1976-00-00
Die Beiträge von Bernd Mattheus und Daniel Dubbe zum Thema "Wahn und Sprache" in kuckuck 12 habe ich nicht nur als hommage à Antonin Artaud gelesen, sondern als Reklame für ein utopisches Potential kreativer Schizophrenie, exemplifiziert am Erfinder des Theaters der Grausamkeit, eine einzige Apotheose von Logik, die weder diskursiv-zweiwertig (0-1-Kybernetik) noch dialektisch sein will.
Die Absage an Kommunikation und intersubjektiven Konsensus gipfelt in B.M.s These aus kuckuck 8: "Der Schriftsteller wird wie ein Schizophrener sein, oder er wird nicht sein."
Unter dem romantisch-irrationalen Markenzeichen Genie und Wahnsinn wird hier, um die Sprache noch diesseits aller weltabbildenden Funktion sich selbst feiern zu lassen, einmal mehr der Wilde, das Kind und der (von der Schulpsychiatrie verratene) Irre gegen das noch in seiner kritisch-analytischen Intention stinknormale bürgerliche Sensorium ausgespielt.
Vielleicht ist es mir erlaubt, zur Sache zu sprechen:
Ich selbst habe einige psychotische Schübe hinter mir, eine Nervenklinik als Patient von innen gesehen und bin Sonntagsschriftsteller.
Taugt schizophrene Schreibe wirklich als eines der letzten Schlupflöcher aus dem tristen Sinngefängnis reibungslos funktionierender Überangepaßter, also derer, die sich für das Gegenteil davon halten?
Ich versichere an dieser Stelle eidesstattlich, daß meine amtlich attestierte Schizophrenie mir auch in den kritischen Phasen autistischer Dekompensation keine neuen Erkenntnis- und Offenbarungsquellen exklusiver Natur erschlossen hat.
Herr Mattheus und alle Sucher nach dem Krypto-Sinn im Irrsinn werden mir entgegenhalten, Artaud sei geisteskrank geschrieben gewesen, aber nicht jeder Irre sei eben Artaud.
Das geht sogar so weit, sehr geehrter Herr Mattheus, daß es unter den Schizos statistisch weniger Genies gibt als unter den vergleichsweise Geistesgesunden.
Ich wünsche Ihnen nicht, daß Sie je "wie ein Schizophrener" schreiben müssen, und halte Ihnen zugute, daß Sie vermutlich nicht wissen, was Sie sagen.
Aus der Tretmühle in die Klapsmühle und zurück, das wollen Sie nicht, gut, Sie wollen den, der durchdreht, weil er durch den Wolf gedreht wurde, den Klinikern entreißen und den Wahn selbst sprechen lassen, statt die Psychiater über ihn reden zu lassen.
Befreit aus der Zwangsjacke und Gummizelle sedierender Psychopharmaka und E-Schocks und kasernierender Kategorien wird der, welcher verrückt ist, weil andere ihn für verrückt erklären, unter bloßer ärztlicher Reisebegleitung à la Ronald Laing und David Cooper seine Exkursionen ins gelobte Land neuer unsäglicher Sagbarkeiten antreten, auch und gerade zum Nutzen einer nicht-affirmativen Literatur?
Ich will gar nicht wiederholen, daß solche holden Schwarmgeistereien immer auftauchen, nachdem die aktivistische Hoffnung auf revolutionäre Änderung sozialer Systembedingungen wieder einmal dem Katzenjammer einer Tendenzwende geopfert werden mußte.
Der berüchtigte Rückzug auf politisch resignierende Innerlichkeit landet am anderen Spektralende der Subjektivität, dort, wo sie schon wieder in ihre objektiven Bestandteile zerfällt, dort, wo das angebliche Rumpf-Ich in seiner Weltlosigkeit depersonalisiert ist, dort, wo dialektisch im Herzen des selbstverkrochenen Ich die ausgeblendete Konformrealität als blindes factum brutum hinterrücks wieder ins retraitierende Subjekt einbricht und es zum hilflosen Schauplatz undistanzierbarer Autodestruktivität macht.
Der Wahnsinnige ist ein Mensch mit gescheiterter Ich-Integration, er ist nicht mehr Herr im Haus der eigenen Haut, er stößt im Herzen seiner eigensten Autonomie auf ichfremde Regungen, er verwechselt sich mit dem, was er nicht ist, er erleidet seine ureigene Spontaneität, als wäre sie die Aggression einer fremden Person gegen ihn.
Kurz: er lebt nach dem paradox logisch gelogenen Schluß: Ich bin anders als ihr, ihr seid anders als ich, also bin ich anders als ich selbst, also bin ich vielleicht doch wie ihr gerade darin, wo ich nicht wie ihr bin.
Leute wie Mattheus begrüßen es nun, daß autistisch Regredierende die Fähigkeit verlieren, ihre idiosynkratische Privatsprache, mit der sie sich einschließen, um nicht durchschaut zu werden und um sich einzumauern in illusionäre Unverwundbarkeit, ins umgangssprachliche Allgemeinverständliche zurückzubringen.
Er münzt diesen Verlust in einen Gewinn um, wie der Schizophrene ja aus der Not, Kommunikation aus Angst vor dem imaginären Verfolger abbrechen zu müssen, die Tugend autarker Autonomie und narzißtischer Gigantomanie macht.
Schließlich ist ja die Allmachtsphantasie vor dem jungfräulichen Stück Papier eine der psychoanalytischen Wurzeln des Schreibens überhaupt.
Der quasi-schizophrene Schriftsteller stellt nun die Realitätsflucht nicht mehr in den Dienst erhöhten Realitätsbewußtseins, und die Unkommunizierbarkeit von Sinn ist kein Kriterium übersinnlicher Inspiriertheit.
Der antike Sophist Gorgias dekretierte: Es gibt keine Wahrheit. Wenn es eine gäbe, wäre sie unerkennbar. Wenn sie erkennbar wäre, wäre sie nicht mitteilbar.
Das ist genau die Binsenweisheit aus dem Lande Schizophrenie.
Die hermetischen Glossolalien und Neologismen des einsamen Wahns sind motivierte Mystifikationen trivialer Mythen, nur von Spezialisten dechiffrierbar, aber die Präsentation ist ebenso barock bombastisch wie der maskierte Gehalt dürftig ist, so starr, stereotyp und armselig wie die Formelkonstanten des archaischen Unbewußten überhaupt, immergleiche Strategien, ein punktuell innerstes Heiligtum durch ein Fassadenlabyrinth artifizieller Pseudoidentitäten vor dem Mordanschlag der bösen Außenwelt zu schützen.
Diese Kranken haben keine gloriosen Visionen jenseits konformistischer Erfahrungsschablonen, sondern verbergen vor sich und uns, daß sie ein höchst banales formelles Selbst vor der als gefährlich empfundenen Verständlichkeit verstecken.
Allerdings ist es leichter, höchst esoterische Kunstgebilde zu deuten, als in jahrelanger Kleinarbeit das aus dem sprachlichen Konsens exkommunizierte Bewußtseinsmaterial eines Schizos in seinem Sinn zu rekonstruieren.
Auch die Rationalisierung der Abwehrhaltungen eines Neurotikers gegen die Widerstandsaufhebung seiner Verdrängungen ist leichter zu durchschauen als die Kodierung geheimer Bedeutung schizoider Devianzen und Absonderlichkeiten, aber der klinischen Hermeneutik heute schon sehr gut zugänglich.
Herr Mattheus scheint sich nun gerade für das bis zum Absonderlichen Besondere der symbolischen Spezialschöpfungen und des schizoiden Privatmythos zu begeistern, für die Paralogismen, Aporien und Paradoxien der Psychopatho-Logik.
Ihn interessiert die Unverständlichkeit der Attitüden dieser Kranken, aber es hilft nichts: die Schizosophien sind heute durchschauter, als Herrn Mattheus lieb sein dürfte, ihre Strategeme stehen kurz vor der Linnéschen Endklassifikation, es tut mir leid.
Man lese Laings Knoten und ahnt das beschränkte Repertoire der Signifikanten hinter dem ornamentalen Multiplikationsreichtum der Verkleidungen.
Der Schizo steht heute vor der gleichen Entzauberung wie die Hysterikerin um 1900.
Man lese den Locus solus von Raymond Roussell.
Die bestrickenden Rätselmaschinen im Park dieses Romans sind typische schizoide Konstrukte, Schutzpanzer gegen die rollenden Panzer der Umwelt fürs mimosenhaft hinter lebenden Computern und cybernetischen Menschen verschwindende Subjekt.
Schizophrenie ist ein verzweifelter Restitutionsversuch, die Weltuntergangsleere des Ich nach dem Zusammenbruch aller Objektbesetzungen auf niedrigerer Ebene wieder zu füllen mit den wiederbelebten idealisierten "guten Urobjekten" der frühen Kindheit, wie nährender Mutterbrust als Kruzifix gegen die Abwesenheit der Mutter, die als Anwesenheit des bösen Verfolgers erlebt wird und umgekehrt.
Ich kann hier die Theorien der Schizophrenie nicht entfalten.
Am Irren fasziniert den frustrierten Bürger die scheinbare Freiheit der Triebdurchbrüche, das Zerbrechen aller sekundären Überarbeitungen der frei flutenden seelischen Primärprozesse, die anarchisch-archaische Aggression.
Am Verrrückten wird die Lüge des selbstbeherrschten Ich flagrant, er unterläuft die zur hemmenden zweiten Natur gewordene Zensurkontrolle seiner Naturregungen. Aber er wird zum ohnmächtigen Spielball seiner naturhaften seelischen Rohstoffe, statt sich ihnen angstfrei überlassen zu können, was ein ausdifferenziertes Ich voraussetzt.
Wenn ein Geisteskranker in der Krise anfängt zu schreiben oder zu malen, baut er an symbolischen Dämmen zur Kanalisierung dieser inneren Deichbrüche gegen früheste libidinöse und aggressive Affektstürme, die ihn in die Dissoziation der unwirtlichen inneren Natur zurückzerren wollen, denen das Ich biographisch und gattungsgeschichtlich entronnen war.
Diese schizoiden Elaborate sind manierierte Bannformellitaneien, und wer ihre Funktion im seelischen Haushalt versteht, ist nicht verwundert, daß sie bei aller seriellen Endlosigkeit geschlossenere Zwangssysteme sind als die Anstalten, in denen sie vor sich und uns geschützt werden.
Wenn Leute wie Artaud, Céline und Roussell gleichwohl Frappantes heraufholen, dann nicht kraft, sondern trotz dieser Katastrophen, gegen ihre Krankheit.
Das Rest-Ich muß noch stark genug sein, von seiner Selbstzerstörung profitieren zu können: der Schizoide darf nicht schizophren werden, wenn er nicht noch zurückfallen will hinter die armseligsten Standards spießigster Talmi-Kultur, wenn er nicht am Lore-Roman seiner selbst schreiben soll.
Darauf hat der Einzelne aber keinen Einfluß, auf die kreativ gerade noch günstige Konstellation seiner primären Sozialisation in der Herkunftsfamilie.
Das gegen die zivilisationsmüde und reizhungrige Glorifizierung des Wahnsinns als vermeintlichen Bauchredners einer entfesselten Sprache an sich, die sich in der Psychose vom Menschen emanzipert, statt er sich in ihr.
Die linguistischen Strukturen werden zum Subjekt und Objekt ihrer selbst und bedienen sich des Individuums nur noch als eines Sprachrohrs, um eine unkritisierbare präsubjektive Ordnung von Signifikanten zu errichten, die meist nur die unreflektierte Macht des Bestehenden spiegelt und im Einzelnen durchsetzt.
Die unbewußten Sachvorstellungen werden dann nach Freud von vorbewußten Wortvorstellungen, die immerhin ein relativ freies Probehandeln im Kopf erlaubten, einfach losgekoppelt, und schon sind die Worte selbst zu den Dingen geworden, die sie nicht mehr benennen: die Zeiger werden zum Gezeigten, das Mittel wirft sich zum Selbstzweck auf: Signum unserer Zeit ohnehin.
Die Worte selbst werden so libidinös besetzt wie die Liebesobjekte, die sie einmal anriefen und an deren Stelle sie sich setzen, beim Schriftsteller immer eine präschizoide Versuchung und Gefahr.
Auf der anderen Seite, Kehrseite derselben Medaille, foltern die unbewußten Sachvorstellungen, die archaischen Selbst- und Objektrepräsentanzen der frühesten Kindheit, den Geisteskranken so, daß die Sprache nicht mehr als Instrument zur Verfügung steht, sie distanzierend zu bannen und zu relativieren.
Die Hoffnung auf die freie Sprache des Wahns ist selbst wahnhaft.
Im übrigen kann niemand schreiben "wie ein Schizophrener", sowenig wie ein Arbeiter wie ein Bürger und umgekehrt.
Man kann nicht verrückt spielen, ohne zu simulieren, d.h. zu betrügen.
Der Verrückte hat keinen heißen Draht zur terra incognita, zu exotischen Gegenkulturen, zu alternativen Ursprünglichkeiten, zur unverschandelten Natur, keinen Königsweg zu reineren Wassern aus dem dreckigen Rhein, er ist gewöhnlich nicht origineller als andere.
Er hat es im Gegenteil nicht einmal gebracht bis zu dieser Minimalausrüstung an Ichfunktionen, die beim Neurotiker immerhin zu einem symptombeladenen Kompromiß zwischen den Ansprüchen des Es und denen des Überich führen, zu einem heillosen Lavieren zwischen dem, was er möchte, und dem, was er nicht soll.
Psychotiker sind wie Neurotiker "Stützen der Gesellschaft": ihre einzige Revolte ist eine passive: ihre Unverwertbarkeit und Kostspieligkeit.
Aber es scheint für die Gesellschaft immer noch rentabler zu sein, Irre zu produzieren als Betriebsunkosten; als die Züge an sich in Frage zu stellen, die verrückt machen.
Habe ich nun mit dieser Philippika das "wahnsinnige Genie" wieder der ignoranten Psychiatrie ausgeliefert?
Ich wollte nur einem linksgängigen Fehlschluß entgegenargumentieren: Wenn die Gesellschaft es ist, die krank ist, dann ist deshalb der Kranke, den sie herstellt, nicht der Gesunde!
An ihm wird die Schizophrenie der Gesellschaft nur flagrant, er ist fast die einzige Spitze des Eisbergs.
Der Paranoiker mißversteht nur konkretistisch, was gesellschaftliches Prinzip ist: die universale Verfolgung des Einzelnen durchs Ganze, d.h. durch alle Einzelnen, den Krieg aller gegen alle, von allen geführt und erlitten zugleich.
Wenn Artaud Stimmen hört und halluziniert, wenn er unterm Diktat dieser Stimmen oder gegen sie schreibt, ist diese Muse die verinnerte böse Hexenimago einer phantasierten Rabenmutter, oder ist es der kastrationsdrohende oder homosexuell verführende Vater?
Die halluzinierten Stimmen sind die Befehle des strafenden Überich wie bei Strindberg, die Donnerstimme der Eltern als Agenten der repressiven Sozialnormen, das alles ist sattsam bekannt, wird man sagen.
Artaud wollte die Distanz zwischen Kunst und Leben einziehen, er will sein inneres Inferno nicht nur in Psychodramen ausdrücken oder verdrängen (was er ohnehin nicht mehr schafft).
Sein Theater der Grausamkeit sucht keine aristotelische Katharsis mehr durch ansteckende Affektreinigung, sondern ich fürchte, er hat die Welt als Theaterbühne zum realen Ausagieren seiner unsublimierbaren sadomasochistischen Phantasien gefordert.
Was ist das Progressive an diesen tiefen Regressionen, die man Geisteskrankheiten nennt?
Wird der Wahnsinn da irgendwo zum Wahrsinn statt zum Unsinn?
Schließlich geht es nicht um die Rehabilitierung des Narren, der am Königshof als einziger die Wahrheit sagen darf.
Die Narrenfreiheit ist nicht Freiheit von blutiger Narretei.
Artaud, Living Theater, Urschreitherapie: ich sehe hier keine Befreiung, sondern das Gefängnis des losgelassenen Spießers, den Amoklauf des Berserkers, den zwanghaft narzißtischen Tobsuchtsanfall des jähzornig Verdrückten: wehe, wenn sie losgelassen.
Ich meine jetzt nicht Leute wie Artaud selbst, sondern ihre Promotoren und ideologischen Adepten, die Freiheit mit der Entsublimierung verwechseln, dem Blutrausch einer durch zu lange Knebelung rachsüchtig gewordenen Servilität der Unterdrückten, die Freiheit vom Überich als Kettung ans verdrückte Es.
Ich habe keine Angst vor Artaud, sondern vor Leuten wie Mattheus, der sicher ein sehr sanfter und kultivierter Mensch ist.
Solche Freiheiten haben sich längst von sich selbst befreit, die so leicht zu haben wären.
Die Freiheit à la Mattheus ist die des Hilfsarbeiters, der sich freiwillig an die Selektionsrampe des KZ meldet.
Jedenfalls ist die Rettung der Schizophrenie vor der Psychiatrie für die Kunst etwas dialektischer als Herr Mattheus und Herr Dubbe es gern hätten.
Ich möchte also das Moment an Wahrheit in ihren Plädoyers nicht unterschlagen, ohne deshalb in Irrationalismus zu verfallen.
Mattheus moniert in der abgedruckten Korrespondenz mit Lummert, alle rationale Kritik verfalle dem von ihr Kritisierten, weil sie sich zu dessen Sprache herablasse: deshalb sei das Schizophrenesisch besser.
Welche Konfusion!
Als wäre ein Gegner anders als mit seinen eigenen Waffen zu schlagen: indem man das, was er faktisch ist, an dem Anspruch mißt, mit dem er selbst auftritt.
Die Schizofremdsprache ist kein faktisches Jenseits zu den Fakten, sondern bis ins Innerste ohnmächtiges Opfer und Mahnmal des schlechten Ganzen.
Adorno hat dagegen eine Weltverfassung favorisiert, in der das Ich, dieser sture Selbsterhaltungstrieb des naturbeherrschenden Prinzips, nicht mehr seine Objekte fressen muß, um nicht von ihnen gefressen zu werden.
Einst könnte dieses selbstidentisch-zwanghafte Ich=Ich sich freiwillig an sein Nicht-Ich hingeben, ohne daß seine Selbstentäußerung an die Objekte eine Selbstentfremdung würde, die in der Schizophrenie kulminiert, sondern das Glück selbst wäre.
Das Ich muß sich an die Dinge verlieren dürfen, ohne fürchten zu müssen, verdinglichend von ihnen zermalmt zu werden.
Erst in einer wirklich freien Welt wäre Schizophrenie nicht die Hölle der fehlbearbeitet inneren Natur, sondern der Himmel auf Erden.
In einer unfreien Gesellschaft hingegen ist der Irre verrückter noch als der universale Irrsinn, den er zu wörtlich nimmt.
Das rationale Ich wäre in einer befreiten Menschheit so überflüssig, wie es heute als Zentrum aller Resistenz wichtiger ist als alles regressive Wegtauchen unters reale Unheil.
Das Ich als rationalisierter Genitalprimat müßte seine Desintegration ins Auge fassen können, die Dissoziation in divergente Partialtriebe, ohne fetischisierend infantil auf sie fixiert zu bleiben.
Die Ichstärke ist rational nur zu begründen als Instrument des Widerstandes gegen eine Welt, welche die dissoziative Re-Desintegration des sturen Ich mit dem Untergang bedroht, mit dem Abgrund des Wahnsinns.
Wo der Narzißmus Abwehrmechanismus wird gegen antiautoritäre Risikobereitschaft, ist das Ich nur zu legitimieren als hochdifferenziertes Sensorium und als Widerstandskämpfer, als psychisches Zentrum aller Resistenz, als Absage an alles Überich, als Advokat eines Es, dessen Organ das Ich sein dürfte, ohne es zum Überich zu machen.
Die Ichstärke, das erklärte psychoanalytische Ziel, ist zu rechtfertigen nur als Widerstandskraft gegen die Macht eines Normensystems, dessen Befolgung eine Weltverfassung verewigt, die Schizophrenie nur als Krankheit, nicht als den Spitznamen für das Glück kennt.
Schizophrenie ist nicht anders das Negativ der Glückseligkeit, wie die Neurose das Negativ der Perversion bildet.
Adorno plädiert für eine Gesellschaft, in der das Glück nicht die Maske des vollendeten Leidens trüge, in der die Schizophrenie nicht die Karikatur der Utopie wäre, die Aufgabe der Selbstbeherrschung und des Rollenspiels nicht die Katastrophe schlechthin, sondern die Rettung vor ihr.
Wenn es im falschen Leben kein richtiges, in der unfreien Gesellschaft keinen einzigen Freien gibt, dann auch keinen Glücklichen, der das objektive Glück nicht in der subjektiven Verzweiflung findet und subjektiv glücklich sich nur fühlt, wo er objektiv verzweifelt ist.
Diese Dialektik hat die kritische Theorie herausgearbeitet, ohne den Irrsinn des Normalen zur Gesundheit des Kranken zu nivellieren.
online-Fassung
kuckuck 13/14
76/77, Herbst/Winter
erscheinend im April 1977
kokhaviv press:
Horst Lummert in kuckuck (kulikri)
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