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Erkenntnistheorie und politische Praxis - Seit 1973 - Redaktion: Horst Lummert
1975-01-00
Es gibt heute keine Sprache, die Sensibilität & Ehrlichkeit hätte bewahren können: alles ist in der offiziellen ertränkt.
Auch die Worte hier sind offizielle, gelesen sind sie a priori unwahr.
Wahrheit ist bestenfalls schattenhaft, vage dort, wo Angst den Käfig der Sicherheit zu durchbrechen vermag, als Schrei vom Schrecken jener kündet; aber Angst auch, die nicht sein müßte, es nie hätte zu sein brauchen.
Die standardisierten Chiffren wären bloß Sprungbrett, sicher jedenfalls, daß sie ins Mißverständliche zielen.
Wer hat schon Lesen & Schreiben gelernt? & wer wollte sich noch lange mit den Überlegungen, mit jenen verzweifelten Versuchen aufhalten, eine Antarktis dieses Bewußtseins zu finden, wenn währenddessen - süchtig - im existentiellen Terror die privaten Stunden des Atmens verrinnen.
Gerade deshalb geht es hier um Exterritoriales; um schließlich nur eine einzige Frage: ist es möglich & spürbar, den Deformationen dieser aller Zivilisationen zu entrinnen?
Gibt es noch Sperrzonen, die tabu, weil noch gefährdend und gefährlich sind; die sich noch undeformiert erhielten, noch nicht zurechtgebogen, dem Schreien seine Ehrlichkeit belassen?
Ist hinter die Sperren zu gelangen, noch bevor diese Zonen, falls es sie gäbe, falls sie erreichbar sind, eingesaugt sind in den weltweiten Verkehrungsprozeß & und damit ungefährlich werden?
Gibt es noch Spuren, die nicht affin sind, unidentifizierbar vom Apparat, Subversion?
Einig können wir uns darüber sein, daß die Kultur es verstanden hat, das Unbehagen zu verschlucken.
Auch Sexualität ist erneut korrumpiert worden, die Erotisierung des Alltags verlor ihre Sprengkraft, noch bevor sie diese hätte erreichen können.
Als großer irrationaler Bereich schrumpfte sie auf kleine Verrichtungen in ausstaffierten Automobilen & überfüllten Wohnzimmern, von den Schlafzellen wollen wir überhaupt nicht mehr reden.
Ein Gefühl hat heute alles durchsickert & angeätzt: das mechanischer Inbesitznahme. Vielfach variiert, läßt es selbst schon Angst nur in ihrer inversen Form zu; man fühlt sich von anderen abhängig & versucht bestenfalls, den Spieß umzudrehen oder zu verlängern.
Oder dem nicht topfunktionalen Bündel Mensch wird gruppendynamisch zugesetzt: die Gefühle, zu denen der Einzelne längst nicht mehr fähig ist, sollten verbalisiert werden.
"Eine benannte Sache ist eine tote Sache" (1), und "jedes echte Gefühl ist in Wirklichkeit unübersetzbar. Es ausdrücken heißt, es verraten" (2).
Die Sprache, die man spricht, der man zugesprochen wird, erledigt auch das Fühlen für das Individuum.
Natürlich, eine Ahnung von Liebe abschildern zu wollen heißt, jede Möglichkeit von Liebe vernichten, konsumierbar sie ins Durchführbare verlegen.
Liebe heute ist, am deutlichsten bei jener humanisierenden, nur mehr als Haß ausdrückbar; Zorn über den momentanen Endpunkt der Entwicklung & dessen Tendenzen.
Im Gegenteil wären die Ideen, die inständig verraten & verkauft werden, auffindbar: für die wenigen, die die beherrschende & beherrschte Sprache, das rationale Kalkül zu durchlöchern versuchen.
Halbtote Reflexe sind es, die das Individuum noch am Leben erhalten - als irrationler Mechanismus, wie es sich gehört.
Seiner Kontrolle sind sie weitgehend entzogen, gesteuert von der Psychoindustrie terrestrischer Prägung, lebenslänglich, sozusagen als Entgelt einer Abtreibung des Nichtverwertbaren & Nichtnormierten: um möglichst niemandem die Möglichkeit zu geben, mit der diffusen Brutalität aufzuräumen, um Amok abzuriegeln.
Wer glaubt, sich davon freimachen zu können, der hat schon kapituliert.
Wir, die wenigen Überlebenden heute, nicht besser & auch nur schlechter dran, können diese Vorgänge an uns selbst beobachten.
Einig darüber, daß ein Aufräumen längst schon fällig gewesen wäre, es aber weniger denn je drin ist. Bequem dann auch, Geschichte liefert den Pessimismus, Revolten verliefen immer im Sand, spurlos.
Der Surrealismus auf den Kunstmarkt, sozialistische Ideen, sofern sie den letzten Krieg überlebt hatten, zwischen die fleischig feuchten Hände der Politmakler, Dada-Exzesse in die Bücher straighter Kunstwissenschaft, Drogen in die ordinäre Maschinerie der Gangs, Atonalität in Plattentaschen, Protest ins Humane, Geplänkel, in Beterei; einzig Gewalt schockiert noch, wenn sie nackt ist, unmaskiert, vor allem aber nicht in den Berechnungen des Apparats enthalten ist.
Ästhetische Versuche waren schmerzlos, jeweils Abwechslung für die Zuschauer in Marmorhallen oder im Wohnzimmer, bestenfalls Unfälle; der schlagende Beweis für das Funktionieren einer erfundenen Pluralität & insgesamt karnevalhafter Demokratie.
Ein schmuckes Alibi, daß ohnedies Alles & Immer in Ordnung ist, bis auf neue zusätzliche Schnörkel & geschmacklosen Zierat, Plunder.
Die Sprache, die wir sprechen müssen, ist abgesprochen. Sie hat uns - natürlich über unsere Köpfe hinweg - in Beschlag genommen: verseucht. Wir sind gezwungen, das Vorgesprochene nachzuplärren, beide Male.
Wie es von alten Gebäuden heißt: abgewohnt. & wie es vom heimlichen Augenzwinkern heißt: verabredet. & in der halbwohligen Atmosphäre das kauernde Individuum, das, schafft's es, sich aufzuraffen, gegen Luftblasen schlägt.
Wenn nach einer Möglichkeit von Mitteilung gefragt wird, dann heißt das, es wird nach einer Möglichkeit von Zerstörung gefragt - vom Apparat, der das Nichtentsprechende in den Individuen austilgt, & als Versuch eines Konterschlags: um Risse in den Apparat, in die ins Individuum eingebauten Kontrollmechanismen zu bringen.
Der Schrecken, der sich schlicht & liberal Geschichte nennt, wäre akut zu machen, Reservoir des Sinnlosen & damit von Veränderung.
Ein Umbau in jener Natur des Menschen, in jenem Skandal, auf den alle möglichen Wechsel gezogen werden, der Terror, Schrecken möglich macht, um sie einmal unnötig, unmöglich zu machen.
Nur durch das Ausradieren von dem, was heute Mensch heißt, wäre dem Menschen zum Leben zu verhelfen; das Humane ist die glatte Gewalt, die es auszulöschen gälte.
Wie immer schon in der fündigen Geschichte, gibt es auch heute nur wenig, dem noch so etwas wie Sinn abzugewinnen wäre.
Weder die Technologie des Planeten, noch seine Kunst. Kein Ereignis, das nicht vom Blut der Individuen, die leer, schal, sinnlos, umsonst gelebt haben, übertüncht wäre.
Nur hier & da ein Aufflackern von Ahnung... wo zufällig eine eigentümliche Konstellation der Worte, die fungibel, alles bedeuten & für ALLES verwertbar sind, den Blick auf abgedunkelte Zonen freimacht; Augenblicke, die offiziell das Gegenteil, so etwas wie magische Hieroglyphen wiedererkennbar machen.
Klar, daß auch sie zumeist übersehen werden: es nähme wunder, wenn die Artaud-Interpretation hier nicht kapitulieren würde: Magie hieße ja Befreiung, & das Wiederaufrollen von Metaphysik, wie sich der Text offiziell aufführt, bedeutete ihr Ende.
Die ordinären Textanalysen korrumpieren den Inhalt, beuteln ihn unterm animalischen Griff besorgter Humanität.
Die Schüttelreime, die zu Boden fallen, sind Exkremente der in Gold gefaßten Pest.
Aber trotz der Notwendigkeit, das ganze Grauenhafte hier & heute niederzubrennen, die infizierten Landstriche auszuräuchern, ist niemand dazu imstande.
Amok, der wilde Aufschrei des sich windenden, des verreckenden Menschen, findet nicht statt.
Offiziell bleibt das glatte baby-face, hinter dem wir uns selbst ins Aus befördern müssen.
Bestrafung für den Wunsch - exzellent geübt das Verbot - zuzuschlagen, die technologische Zivilisation wegzufegen; & dann der ohnmächtige Ersatz, die private Verweigerung, die heimliche Umgehung des Verbots, das Leiden abzukürzen, dem Terror für sich ein Ende zu machen.
Die bewährten praktischen Verhaltensweisen der Individuen sind jederzeit, ohne lang zu fackeln oder sich lange in Reflexionen einlassen zu müssen, mit ziemlicher Genauigkeit abzuschätzen & vorherzusagen.
Es gibt im sozialen Bereich überhaupt nur ein paar starre Formeln, identische Bewegungen & Ausdrücke - sie drücken das Bündel Mensch zu Boden, reduzieren alles auf die close-ups vom Fernsehschirm.
Was dort nicht vorkommen kann, ist fremd & defekt zugleich; es wird, paßt es nicht ins Verkaufsprogramm der Mode, ausgerottet, langsam & human; wie es sich gehört, um den Anstrich der Staatsdeklarationen nicht zu beeinträchtigen.
Daß ist der Kern der Fatalität der Geschichte bis heute & des heutigen Schreckens.
Standardisiertes Verhalten & die Kontrollen der Einhaltung: sie ermöglichen, die Menschen als Apparate zu führen, als Instrumentarium ohne Zie1 & Sinn, als Maschinen, wie sie sie produzieren, als bestimmbare Funktionen.
Der Zwang, das Regulierte & Normierte als Freiheit zu betiteln, ist sehr gut gelernt. & es sind die Fabrikationstoleranzen der Menschen, die Paßgrenzen, die anwidern: die Zauberkunststücke an Gelehrsamkeit, die szientifische Willkür approbierter & geschminkter gestriger Tage & die unisono angestimmte idiotische Akklamation der Verfügungen & Maßnahmen, mit denen die Kontrollen verschärft werden.
Narkotisierte Wilde, die zwar gelernt haben, an Computern Tasten zu drücken & Zeitschriften & Bücher vollzuschmieren, dabei nie aus dem Stadium hinter den sogenannten wilden Tieren herausgekommen sind.
Gezähmte Tollwütige, die sich in Bescheidenheit ergehen & den spärlichen Geifer in die psychosomatischen Kanäle schlagen, oder heulen, wenn sie nicht schnell genug ihre kleinen goodies kriegen.
Wie sollte es da Einzelnen noch möglich sein, über den gesamten Schatten ihrer Art zu springen?
Die Nutzenrechnungen überdies erstrecken sich längst schon auf Menschenleben, nicht nur bei Befriedungsaktionen.
Flugzeugentführungen sind der hervorspringende Beweis dafür, daß die miesen Bündel Kot auf ihren parlamentarischen Polstersesseln Selbstherrlichkeit & Wichtigtuerei für mehr wert nehmen als zehn, fünfzig oder auch ein paar Millionen am Boden gehaltener Existenzen.
Schließlich konzentriert sich ja Gemeinwohl auf den parlamentarischen Polstern.
Von Rancune ist hier nie zu reden gewesen, dieses Stadium hieß nur totale Entartung, Perversion im Exzeß. & auch hier ist der beglückwünschte Mörder in Uniform nur persifliertes Exempel für die längst legitimierten Maßnahmen; Korrekturen, die immer schon die aus dem Weg räumten, die hinter die seidigmatt glänzenden Vorhänge geschminkter Studioszenerie, glatte Phrasen & verschleierte Willkür gesehen haben.
Wer bei der planetarischen Komödie nicht mithält, wird aus dem Weg geräumt, wer nicht mitlacht, wird interniert.
Die Atomisierung des Individuellen gleicht dem Gesamtprozeß.
Auch atomkraftgespeiste Satelliten, die jetzt noch ruhige Kreise um den Planeten ziehen, na & in ein paar Jahren selbsttätig in die Atmosphäre tauchen & den Smog dann mlt radioaktiver Würze schmackhaft machen, müssen vergessen werden, schließlich geht es darum, jetzt die SCHÖNEN TAGE zu genießen.
Mit unprofitablen Dingen sollen sich die Kadaver später beschäftigen, sollte es dann noch welche geben.
Überhaupt muß man den Generationen, das Gefühl ist ja erlaubt, Andenken hinterlassen. Tabue Paläste, schließlich gibt's das Märchen vom Dornröschen, es war nun halt einmal so, tödlich strahlende Monumente konzentrierten Irrsinns; wir halten uns die Ingenieure zum Palaver, & die Manager der perversen Bescherungen wegen.
Es bedarf der gezielten Ansprache, der Betonung der Notwendigkeit, schon auch etwas Luxus, um die Menge zum beifälligen Gemurmel zu veranlassen.
Im Spektakel sorgt für erheiternden Effekt, wer am sinnfälligsten mit den Destruktionsmechanismen spielt, sie in Balance zu halten versteht - je potenzierter die Gefahr, desto bewundernder das zustimmende Mhmm.
Zwar wäre es richtig & verständllch - wir wollen das Theater der Historie verlassen, in den kühlen Abendwind treten, ohne Deodorantgeruch -, die Zuhälter der Meute hinzurichten, sie reihenweise abzuschießen, da das die einzige Sprache ist, die Wirkung zeigen kann.
Nur ist es sinnlos, da an deren Stelle Neue aber Gleiche treten. Die Stupidität bliebe ident, sie würde die Falschen lynchen.
Heute gibt das Theater der Grausamkeit seine Vorstellungen in den Straßenschluchten, blutige Wochentage in den Kaufhäusern & Büros, Freizeitterror.
Die Fakten & Kalküle sind ausgewechselt: in den Theatern und Kinos (oder am Fernsehschirm) legen die Farben ein Bekenntnis ihrer Unschuld ab...
Das tagtäglich Gleiche ist eine peinliche Kadenz, & wenn ihre Farben schal werden, ist der Zynismus erträglich.
Das anscheinend Wechselnde quält nur die, die schreien wollten, wenn sie es noch könnten.
Die Folteranstalten der unzähligen Kriege haben ihr Aussehen verändert, vor allem sind sie subtiler geworden.
In der Warenwelt ist jeder sein eigener Folterknecht, heiter wie jeweils, im Endeffekt dasselbe.
Zwar schließlich heute allgemein & ohne das, was als sadistischer Beigeschmack des Mordens die Zungen heimlich wäßrig macht.
Höflich legen sich die Henker voreinander, nahezu zärtlich auch gegenseitig den Strick um & pfeifen dazu eine Polonaise.
Auch darum ist der Versuch einer Aktivierung der Bühne & ähnlicher Formen (wie Fernsehen & Film) sinnlos geworden.
Wenn schon, wäre Magie im Alltag freizusetzen, das Abnorme des Gewöhnlichen zu zelebrieren.
Die Grausamkeit der Standards könnte einigermaßen nur dadurch klar werden, daß deren letzte und tiefste Potentialitäten ausgeschöpft würden, die Zauberei, die uns arme Teufel in Bann hält, entzaubert wird: Grauenhaftigkeit zum Grauenhaftesten bekehrt.
Bis zum Kollaps aus Todesangst, bis zum grinsenden Massenselbstmord.
Der Schrecken muß unerträglich werden. & der Einzelne ist unwichtig - es geht nicht mehr um das Individuum, es geht um Topografien, & es ist dort anzusetzen, wo Angst unmittelbar wird, das Allgemeine überschwemmt.
Die Zerstörung eines Atomkraftwerks etwa wäre nur die Vorwegnahme eines in den nächsten Jahren wahrscheinlichen & vom Apparat ohnedies schon eingeplanten Unfalls.
Es ginge darum, die vom Apparat auf Kosten aller & zur Potenz Einzelner nicht programmierten, obschon kalkulierten Risiken zu nutzen.
Systematisch den Trance-Index der Worte vernichten, oder Chorea, Hypnose.
Nicht dem technologischen Hintergrund des Apparats zur Wahrheit, die keine ist, verhelfen, sondern den Hintergrund vorrollen.
Das Wort Angst muß endlich seinem Ausdruck Platz machen, es muß wirklich werden. Das wäre die Magie, die Artaud gemeint hat.
Die Karikatur der mißverstandenen Worte & Gesten, die mit dem Ernst zu spaßen aufhört, das Witzige anulliert.
Verwirrung des Unentwirrbaren. & die synchrone Taktik: die neurotischen Individuen, die ihre ganze Kraft dafür benötigen, sich weiterhin in Funktion zu halten, wo immer sie erreichbar sind von einer Psychose in eine andere treiben, zum Austreiben - Umsturz des Bewußtseins - die längst fällige Neudefinition jenes neurotisch Verzerrten - automatische Reflexe sind als Psychopathien zu behandeln, & wer sich vor dem Erlöschen des Verstandes schützen will, mit öffentlichen Elektroschocks.
Überhaupt Gleichschaltung als Abnormität behandeln, das tägliche Verhalten auflösen, in ein Einmaliges verrätseln.
Nichts kommt wieder, hieß es, keine Variante.
Es ging um die Aufladung der indizierten Worte, um ihren Neugebrauch, & schließlich die Unverständlichkeit, weil nur sie vor Heteronomie bewahren könnte.
Alles muß Alles & nichts mehr heißen: statt die Essays lesbar, geht es darum, die Alltagssprache unverstehbar zu machen. &, schon die kleinsten Nuancen stiften Verwirrung: es gälte jene subtilen mehrdimensionalen Zustände zu installieren, die der feinsinnige Dr. X als schizoides Verhalten zu benennen wüßte.
Auch ließen sich durchaus Synthetika in Weingläser schieben oder Aerosole in die Hand nehmen: die Schulen, Büros & Kaufhäuser lahmlegen, in ungesehene lallende Zonen treiben lassen.
Zielloser Terror bewirkt den bekannten Regressionseffekt, warum nicht gleich zynisch sein; zudem interessiert der Einzelne nicht, die ethische Revolte schont ihn, denn sie ist moralischer als der Apparat - gerade auch, weil sie nicht kalkuliert: sie setzt sich ein, vollständig, keine Fangarme, keine vorgeschobenen Mechanismen.
Wenn wir nur verzweifelt genug wären, könnten wir noch ein Brandmal schaffen, Eiterherde, Gegenviren.
Fraglich jedoch, ob der Griff der Kultur zu fest im Nacken sitzt.
Zwischen den Strapazen der Vorstellungskraft & den nervösen Impulsen, um dreinzuschlagen, sitzt das kleine Abbild des Apparats, es begleitet uns lebenslänglich.
Wir sind nur marode Selbstmörder, die sich mit "der Klangfülle jener Worte, die uns betrügerischer Weise zu Diensten stehen" (3), gegenseitig versichern, wie erträglich diese erpreßte Existenz doch noch immer ist.
Wer hätte schon Mut, seinem Gegenüber den Tip zu geben, sich ein für allemal aus dem Grauen zu katapultieren, die Tischschublade zu öffnen & auf schwarzglänzende Metallgeräte zu weisen.
Die Feigheit - & dazu gehört auch die Weigerung, das Abdrehen vor der endgültigen Konsequenz - ist zu tief verwurzelt & zu sehr verziert, vor dem Aus angelangt, holen wir alle moralphilosophischen Sprüche aus den Hosentaschen & schlagen mit ihnen die Leitplanken zurück ins Kanalisierte, ins Sichere, in den allgemeinen Glauben & das allgemeine Einverständnis.
Selbstmord wird nur dann öffentlich gestattet, wenn die politische Absicht, nämlich partikularem Schrecken Einhalt zu gebieten, von der Öffentlichkeit durchschaut, insgesamt natürlich also: mißverstanden wird.
Die Ereignisse der letzten Zeit stellen das klar genug.
Deutlich, daß eine Nutzenmaximierung auch im Bereich klassischer Ideologie bereit ist, einen Teil ihrer makabren Vorstellungen zu korrigieren, wenn es um die Sicherung der Lethargie, was konsequent heißt: der gesamten Scheiße, geht.
Das Theater hat "mit der Gefahr... gebrochen" (4), wie alle anderen Formen von Kultur, die sich jeweils als Kunst haben handeln lassen.
Aussichtslos ist es, in die überkommenen Ausdrucksstilisierungen zu schlüpfen, etwa um sie neu aktivieren zu wollen. Damals wie heute.
Es hieße Unterwerfung unter vorgegebene Bedingungen einer Auseinandersetzung, die zur Unterhaltung wurde.
Statt die Form mit neuen oder besseren Inhalten aufzufüllen, müßte sie mitsamt ihren Inhalten zertrümmert werden.
Nur so wäre zu neuen Architekturen zu kommen.
Es ginge um Eingriffe, die nicht mehr weghängbar, abstellbar sind, die Bahnen verändern.
Als das gemalte Bild aus seinen zwei Dimensionen herausgerissen wurde (durch aufgeklebte Gegenstände, die Collagen der zwanziger Jahre sind in Erinnerung), blieb es immer noch rechteckig & vor allem immer noch an die Wand hängbar.
Den Rahmen zu zerreißen & auf alle Gegenstände auszudehnen, haben nur wenige versucht, dann war's bereits ein gutbezahlter Gag.
Als der grammatikalische Satz zerstört wurde, ließ sich CUT UP immer noch drucken & mit vom Apparat redigierten Assoziationen beladen.
Impulse, den ein kolorierter Ästhetik-Journalismus registriert & als Saisonneuigkeit verdaut.
Dokumente bezeugen nur das Versäumte, das, was, als es geschah, schon wirksam geworden, dem Apparat einverleibt war.
Die bisherigen Versuche ordneten sich stets zwar mehr oder weniger willig, immer jedoch dem Kontinuum unter. Erreicht haben sie vor allem jene, die ohnedies halbwegs intelligent waren, um das Chaotische zu verspüren, das währenddessen gefahrlos weitergeht.
Das Theater, jede Vermittlungsstelle, hat mit der Gefahr gebrochen, weil sie nie Gefahr war. &, wo Vermittlung institutionalisiert ist, darf sie ruhig in einem schärferen Ton sprechen, die Kanalisierung schafft auch das.
Das Theater konnte sich reproduzierte Aggression leisten, weil die Beschimpften sich willig beschimpfen ließen, es als Abwechslung verstanden; vor allem aber nur die sich beschimpfen ließen, die gar nicht zu beschimpfen gewesen wären.
Nicht zu vergessen, daß die verbale Aggression zahm ist, gestattet - um etwa kontrolliert Aggressivität abzulassen: ein Ventil.
Zudem akzeptiert sie bestehende Figurationen, nicht nur, weil sie sich der Sprache willig opfert.
Karnevalgehabe, etwas Derbheit & Narretei, es braucht sie in vielerlei Variationen.
Der Kulturverzehrer spätbürgerlicher Prägung klatscht Beifall &/oder dreht ab.
Darum müßte auch, gelänge es, hinter dem Rationalen & synonym technologisch/ökonomisch Rationellen auf Ausdrucks- & Wahrnehmungsschichten zu stoßen, die ohne kontrollierte Umwege das zerfaserte trieblich energetische Potential zusammenfaßten & akut werden ließen, das im alltäglichen Kontinuum geschehen.
Eine Beschränkung auf bloßes Theater oder simples Schreiben & dergleichen ist schon neurotisches Symptom: nichts als die Abstattung von Dank an die Gesellschaft, überhaupt etwas zu dürfen.
Ein Relikt gelungener frühkindlicher Konditionierung, die Selbstbenotung des Trainings.
Die Aufforderung, dort direkt einzugreifen, wo ohnedies jeder Bescheid zu wissen glaubt: auf den verdreckten Straßen & in den kitschigen Zimmern, ist eine zur Störung.
Ihr ginge es darum, die sentimentalen Erwartungen der Menschenbündel zu terrorisieren.
Auf jeden Fall ist die Vorstellung, nur Geschichten schreiben zu wollen, oder in Ruhe zu malen oder was auch immer, verdächtig.
Der Vorbehalt, aus bestimmten Bedürfnissen profession zu machen, auf Bestellung zu arbeiten, wäßrige & leicht verbrämte Sachen lassen sich überall, auch gegen reizende Bezahlung ansiedeln, betrügt jedenfalls.
Auf die Wirksamkeit hintersprachlicher Mittel deutet wenig hin.
Vorstellbar durchaus, daß solcherart Verzauberte noch praktikabler für ihren eigenen Untergang brauchbar sind, als das heute schon der Fall ist.
Oder vielmehr auch - wie es in einem der zynischen amerikanischen Schlager heißt: "Happiness is different things to swinging people".
Wenige, die über ihre Hoffnungslosigkeit verzweifelt sind, was gäbe es mehr zu tun, als sich in Selbstmitleid zu baden?
Der Suggestivität des Apparats hält kein Gegenmittel stand, aber seine Ausbrüche von Grausamkeit lassen sich verfolgen, festhalten, notieren, das, um wenigstens halbwegs ehrlich weitervegetieren zu können - vor dem Ende scheut man ohnedies zurück.
Die Darstellung des Grauenhaften, nicht Spiel mit infizierter Farbe und Sprache, mit Fragmenten des Chaos, die sich in die Haut einschneiden, mit verschütteten Bruchstücken, um Spuren vor der völligen Auslöschung zu schützen: um fähig zu bleiben, sich nicht vollends selbst zu denunzieren.
Zumindest so lange, als die Gratwanderungen des konkreten Daseins nicht auch zur Masche gemacht sind.
In diesen Zeiten ist alles verwertbar.
Möglich, daß in kurzer Zeit die Hörspiele, die manche Autoren schreiben werden, um sich für das Geld privat halbwegs bei Besinnung halten zu können, zu deren freudloser Geschichte werden.
Konsequent: der Selbstmordversuch bei laufender Bandmaschine.
Auch das Grauen ist, reproduziert, ein Unterhaltungskalkül.
Nur, bis es so weit ist, wäre die Benennung & damit Unschädlichmachung des Chaotischen, des Kontervirus, nicht den behördlich & kulturbetrieblich angestellten Gleichmachern zu überlassen.
Die Wirksamkeit wäre aufzubewahren, ein Wunsch nur, sie umzusetzen & allgemein zu machen.
Wie erwähnt, jene Möglichkeiten sind nichts auderes als Vorentwurf, nur in diesem Status haben sie Bestand & sind sie - paradox - wirksam.
Inmitten der breiten & weltweiten Behaglichkeit, bis auf vage Randzonen innerhalb der Verschwendung, das Elend ist ohnedies zur Unterhaltung geworden, bleibt Widerstand nur Konzept.
Natürlich somit auch die geschichtliche Entwicklung der Menschen zumindest bis heute immer wieder falsch.
Die einzige Hoffnung, die noch geblieben wäre, könnte ein unbewußt installierter Manipulationsmechanismus sein, ungewollte Mutation; vielleicht durch die kommende atomare Verseuchung, vielleicht auch durch das Durchschlagen der latenten Schizophrenie der Gattung: perfekte Kontrollen können in ihr Gegenteil umklappen, die kanalisierte Destruktion schlagartig zum Zusammenbruch führen; auch Stauseen brechen.
Jedenfalls liegt der Schlüssel, falls es einen gibt, im Ungewissen, er ist fremd. & wir, die Diffamierten, bleiben auf Entwürfe von Versuchen angewiesen, auf private Scharmützel & auf private Lösungen, um die Komödie, den Karneval abzukürzen.
Auf Spekulation, auf das Aufschlagen der Köpfe an den Grenzen & auf matte, verzweifelte Hoffnung; wie immer schon.
Anmerkungen
1) Antonin Artaud: Heliogabal..., München 72, S.65
2) A.A.: Das Theater und sein Double, FFM 71/72, S.76
3) a.a.O., S.165
4) a.a.O., S.44
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1976-05-00
Es geht heute nicht mehr um Information oder um bessere Information, wie Strategen diverser gesellschaftspolitischer Provenienz - in kritischer Absicht - gern meinen.
Im Zug der Informationsüberschwemmung mit Phrasen - stets die gleichen, nur in unterschiedlicher Chromatik & Melodik, & auch das wird geringer, beobachtet man ab & zu die Politkommentatoren in den Medien - kann es nur um die radikale Beendigung von Information gehen.
Zwischen professionellem Schreiben, sei's Belletristik, Journalismus oder anderes Zeug, & ebenso berufsmäßigem Schweigen (der Zuseher hat bestenfalls beifällig zu murmeln) bleibt für das Denken kein Platz.
Auch ist das Wort beinahe schon zu griffig, um es für die Unternehmung noch zu nehmen, die es einst bezeichnen wollte.
Gedacht wird heute offensichtlich nur im Sinne von "ich hatte mir...", sonst bleibt die ratio, die sich im Sozialen so penetrant aufführt.
Sprachspielchen mit dem "Besen" oder das Zurückschaudern, "der Satz sei etwas Merkwürdiges", letztlich das ganze traktierende, doch selbst friedlich abrollende Gezänk um die analytische Haltung, neuerdings auch semantische Repetitionen & Wiedererweckungen - nun, man wird geahnt haben, wie anzubiedern oder auch zu metaphysikalisieren sei.
Denken schreitet seine Wege ab, im ländlichen Milieu, weil in den städtischen Straßen doch zu viel Dreck ist & überhaupt dieser Lärm & das Treiben; fallweise auch wieder bunter.
Die Aktionen der Säuberung, Papierkörbe, & auch, man holt die Autowracks aus der Natur, um diese fürs Denken oder fürs stundenweise Anstarren frei zu halten.
Seifen & Deodorants, sie stehen synonym für die Unerträglichkeit des Gestanks, der nicht chemisch erzeugt wurde.
Für mich war die Waschmittelwerbung schon immer die standfesteste; schließlich: Hygiene muß sein, auch Adorno wollte nicht in einer Höhle hausen, sondern in einem sauberen Haus. &: wer wollte nicht Zähne putzen, wenn in der Zukunft der schnöden Tage, die man sich doch noch ausrechnet, der Zahnarzt mit seinem Bohrer droht.
Ich nenne das: Denken. & zwar, weil schließlich nichts über Schmerzen geht; & weil auch diese die wahrhafte Daseinsberechtigung der kulturellen Frozzelei sind.
Zwischen Alkohol (oder Drogen, je nach Belieben & Subkultur) & U-Musik diverser Provenienz im background, Auto & defekter Sexualität, schreitet das Denken seine getönten Pfade & gepflasterten Gäßchen ab.
Es geht ihm darum, möglichst an der Oberfläche zu bleiben, weil nur dort die Sonne die fahle Haut am Leben hält. Außerdem verkriechen sich ins Dunkle nur Ratten.
Einem wie Artaud ist heute schon Zukunft beschieden. Sicher, daß zu seinem hundertsten Geburtstag oder zu seinem fünfzigsten Todestag die Kulturseiten einige Spalten ausspucken & das Fernsehen eine Fotografie in die Wohnzimmer liefert; es wird schöne Worte geben.
Schließlich leben ja alle Museen nur vom beständigen Zukauf. Bescheiden die Hoffnung, daß bis dahin der Planet in Agonie liegt; der Schlußakt zieht sich ohnedies schon zu lange hin & das ist, einmal die Welt beim Wort genommen, inhuman.
Für uns jedoch bleibt Zeit: zu wenig, um zu Menschen zu werden, und zuviel, um ein letztes Glas Wein zu trinken; Zeit also, um sich mit den spärlichen Möglichkeiten, den verdrehten Sachverhalten auseinanderzusetzen.
Sprachlich, weil sich das Denken nur so bewegt, nur formuliert möglich ist - & heute ist es so, daß man die Mittel, die man hat, auch benutzen muß, da gibt es keine Ausrede.
Alles drängt zur Konsumtion von Allem, & der biedere Sparbürger ist längst schon anachronistisch.
Eine falsche Bescheidenheit, die wehmutig wirkt, nostalgisch uns zu berühren vermag. Auseinandersetzung also, nicht Kontemplation, wie es sich Aristoteles noch wünschte, & danach die Zen-Jünger oder der mitteleuropäisch-nordamerikanische Yoga-Fan.
Wer schreibt & sich vor der Auseinandersetzung mit seinen Produkten drückt, wäre zur Verantwortung zu ziehen.
Nur drückt sich heute fast jeder, oder er beläßt's bei hohlen Phrasen, darum zahlt es sich auch nicht mehr aus.
Auszahlen - weil alles schon bezahlt wird, & man auch dann von Auszahlen spricht (& durchaus ökonomisch handelt), wenn's um das Verfluchen des Auszahlens geht.
Wichtiger jedoch, daß die Leute schreiben wollen, natürlich auch dafür kassieren. Die Mechanismen sind gut eingespielt; auch diese Zeilen dürsten nach Honorar, könnte man sagen.
Aber auch unbezahlt: Kritik & radikalere Fragen kommen nicht oder nur am Rande zu Wort. Aber wozu auch? Publikum hätten sie ohnedies keins.
Der Schreiberling heute - egal, wie klein oder groß die Quantitäten seiner Tantiemen sind, oder sein Ruhm ist, oder wieviele Preise (unweigerlich denkt man ans Zuchtvieh in den Alpen) er hat - er schreibt unbedarft von Ehrlichkeit, ab & zu vielleicht, wo's opportun ist, oder genehm, als kleines Schnörkel; gefallen muß es jedenfalls.
Fungibel ist der Autor, wie der Zuchtstier eines Tiroler Bergbauern, der mir noch gut in Erinnerung ist, man schiebt ihn, mit zwei Ketten natürlich, in die richtige Position, zum Decken ebenso.
Auch der Widerstand, falls er noch dazu imstande ist, kommt fungibel zum Vorschein, Ketten bleiben jedenfalls; Gewöhnungen, Eifersüchteleien &sw, Zahmheit obligat.
Daneben die sentimentalen Träume vom Aufbruch & vom Verlassen der Wahrheit.
Die Vorstellung, daß man den beharrlichen & werbewirksamen Umweltschutz verlassen könnte, ist allein schon der Internationalität jenes wegen naiv geworden.
Grotesk, daß einer mit Gleichgesinnten noch irgendwo & irgendwie in Frieden & Glück & ähnlichem, wann immer praktiziert: Banalem, vegetieren könne. Nein, spätestens von Geburt an sind wir Abziehbilder einer zerschlissenen, grauenhaften, völlig destruktiven, wahnwitzigen Welt.
Artaud ging es um die Zerstörung dieser Welt.
Nicht in politischen Kategorien - es hätte um weit mehr, um die Zerstörung der gesamten psychischen Struktur gehen sollen.
Die Sprache verlassen - denkbar durchaus - natürlich: internierungsfähig.
Artaud, soweit er dem deutschsprechenden Leser zugänglich wird, ist der personifizierte Versuch, hinter die Schranken der westlichen Kultur oder über sie hinaus zu kommen.
Er wäre, wie etliche andere auch, vor Unterstellungen, vor einer Funktionalisierung zu bewahren.
Tote Literatur ist, wie Sartre einmal bemerkt hat, von diesen Verwertungen besonders betroffen; sie hat aufgehört, gefährlich, Ernst zu sein, wenn der Autor verschwunden ist.
Das trifft auf alles Geschriebene zu. Nach dem Verrecken traut sich das analytische Unbehagen aus den Erdlöchern, dann wird ungestraft katalogisiert, dissertiert, & ruiniert; vor Vivisektionen scheut der kleine & schäbige Einbaumechanismus der Kultur zurück.
Artaud geht es um jene metapsychische Struktur, die von der Sprache & ihrem kulturellen Klimbim verkittet wurde.
Der Rückgriff auf balinesische und mexikanische Denk- & Erfahrungsweisen ist nichts andres als ein Hilfsmittel eines Taumelnden, eines Verzweifelten.
Verzweiflung läßt ihn zum Kreuz kriechen & dann wieder aufschreien, schließlich an den Foltermethoden der Irrenanstalten zugrunde gehen.
Artauds Notizen sind Eruptionen aus einem eindimensionalen Kontinuum, sie täuschen, als Haltegriffe, Ontologismen nur vor.
Dies, weil ausgesprochen, ausgespuckt werden will, was umsagbar ist, weil durchbrochen werden soll, was als zweite Natur fest mit biologischem Substrat sich vermischt zu haben scheint.
Die Biologismen Batailles, die Anthropologismen des Bretonschen Surrealismus, auch die Ontologismen Sartres, sie sind im & unter dem Zwang desselben Sachverhalts entstanden.
Vor allem geht es um die Auslöschung repressiver Kategorien, um das Vortasten in jene Schichten, wo Ästhetik faktische Existenz bedeutete, nicht um kleinliche, hedonismische Utopismen - vorab um ein Hier & Jetzt, für die Zukunft.
Was Artaud in greller, weil auch dringlicherer Weise meint, ist Thema - bleiben wir am Boden & räumen wir im falschen Überschwang nicht mit allem vor uns ab, als würden gerade wir Neuland betreten - alt wie die Vernunft, mit deren Aufstreben es ja aktuell wurde: Synthese, vielmehr Resynthetisierung des Individuums: Wiederherstellung eines trennungslosen Kosmos.
Deutlich, daß zwischen Artaud & der Welt heute dreißig, vierzig Jahre nicht spurlos vorübergegangen sind.
Nur flüchtig hat sich wenig geändert: die Reprise wäre heute nicht mehr, wie damals, die Unternehmung, ihrer Reflexion um Jahre voraus. Dafür ist der Riß zwischen beiden offensichtlich.
Der Dialog scheint unmöglich, auch wenn noch soviel von Diskurs gesprochen wird.
Alles ist überschwemmt vom imagepflegeleichten Gehabe, konsumhaft plärrt es jede Spur nieder, die über Unverbindliches hinausgeht.
Bestenfalls Nadelstiche im Hintergrund; aber wo, wo es anderes als Peinlichkeiten gäbe?
Das Auftrumpfen der Klein- & Großkulturellen, der bescheiden sich gut benehmende Leser, kleinliche & kleine, sparsame, gezähmt-wilde Aktivitäten.
In der Narkose bleibt die Zersplitterung der spiegelnden Oberflächen unwahrgenommen.
Niveaulos wie ALLES bleiben Anleitungen & Ableitungen wenig trag-, bestenfalls saugfähig.
Kleine Geplänkel, in die Metaphysik der Worte, in die Metaphysik der Intimsphären; der Repräsentanz & der Minimalvorteile eingetunkt.
Wie in Schokoladenbrühe.
online-Fassung
kuckuck 13/14
76/77, Herbst/Winter
erscheinend im April 1977
kokhaviv press:
Horst Lummert in kuckuck (kulikri)
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