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Erkenntnistheorie und politische Praxis - Seit 1973 - Redaktion: Horst Lummert

1975-00-00 (?)

Erwin Stegenritt

Vom Schweiß (2 Briefe)

Da sind die Telefonanrufe, wenn du kaum an den Händen dich rühren kannst, merklich im Licht durch die Fenster, gegenüber, zur Seite.

Nichts rührt sich; die leiser werdende Stimme, ungefähr so:

Auf dem undurchsichtigen Lack der vorauffahrenden Autos, die Velums so vieler Vorstellung im niedergegangenen Nebel - zu Hause, die Photos aus dem Photomaton und die Lektüre der Berichte, die alle darauf deuten:

Nebeneinandergeschrieben sind die Spuren der Finger und hier im Telefon nur der Ersatz einer Anwesenheit, die immer weiter hinausgeschoben wird, auch wenn jetzt mit neuen Tarifen/ des Nachts/ gegenüber dem Tag für Tag einsetzenden Verlangen nach dem, was nicht mehr gesagt und nicht mehr getan werden kann.

Morgens kommt mit der neuen schlimmen Nachricht M. herein, noch bin ich angeschlossen an die Kommunikation, auch nachts am Telefon.

Was kannst du noch tun, kaum eine Anwesenheit in der Stimme oder in dem Gerede, lieber die Vorstellungen auf dem wo's rauskommt: vom Schweiß auf der Stirn, wenn ich mit dir spreche, oder auf dem Rücken, unter den Armen.

So unter der Haut, abgekühlt, wie stinkend, blau.

Morgens kommt herein. Etwa - und hier gleichen sich die Neuigkeiten, die mich unvorbereitet treffen, als hätte ich nie irgendwie nachgedacht und als hätte ich nur schwarze Brillen vor meinen Augen; sehen, ja sehen; ... (nein, dann und dann kann ich nicht, und du auch nicht, zunächst einige Tage, und dann werden wir sehen) - ich freue mich ja so! oder jemand geht nur noch vorbei; was wissen wir von anderen, die früher da waren.

Ich denke, daß aus den Vorstellungen, wie sie aus Zeiteinstellungen kommen, der Tag/ das Tag für Tag/ nichts, auch wenns manchmal Telegramme - dürftiger noch als die Zeichen von irgendwo, und ebenso wie die Kartengrüße; du siehst, alles was ich schreiben und dir schließlich noch schreiben kann, sind die möglichen Nachrichten, die nach und nach hochwachsen; stelle dir ein endgültig abgeschlossenes Zimmer vor, Läden und Türen schon längst geschlossen oder auch, daß sie gar nicht möglich sind, und jemand sitzt in seinem Zimmer, ohne darin sitzen zu können, was hältst du davon, und von den dünnen Verbindungen, die eigentlich nur ein Außen signalisieren und in Wirklichkeit nicht mehr nach außen dringen, mit Leichtigkeit schon so lange abgeschnitten, daß du - draußen und selbst (vielleicht) drinnen, nicht mehr daran nachdenken kannst.

Wenn ich in meinem Zimmer bin, - und es gibt jetzt keinen Augenblick mehr, in dem ich es nicht wäre - was hält mich eigentlich noch an diesen Stellen, die sich ständig ändern und immer anders sind, als sie außen aussehen, - dann kommt der Schweiß, geradeso als eine minimale Außenhaut, die noch glauben macht, daß irgendetwas tatsächlich rausgekommen wäre, diese nicht einmal als richtige (Schweiß-) Tropfen erkennbare Feuchtigkeit und nicht einmal Feuchtigkeit, eher ein späteres Kleben der Kleider, wenn es schon fast vorbei ist. Aber in diesem Augenblick, wenn deine Gegenwart da ist - ich telefoniere ja mit dir - und sie nicht da ist - ich telefoniere ja mit dir, kommt Schweiß auch in die Stimme und ins Denkenfassen, das geht nicht mehr vorwärts, und ich bin da, auf meinem Platz, der nur da ist und sonst nirgends und nichts, während auch die eigene Stimme dann schon nicht mehr anzustrengen ist, voller Schweiß, als seis Jägersprache, d.h. Blut, und das ist auch keine Feuchtigkeit mehr, im Gegenteil, im Mund ist Schweiß trocken, denn es ist schon draußen, eine Veräußerlichung.

Das was innen war; vielleicht hörst du's noch, aber das ist zu viel verlangt, wer hat schon soviel Aufmerksamkeit. Und natürlich sind diese Augenblicke nicht vereinzelt, eigentlich haben alle ein Stück davon, ihre Schicht Beklemmung.

Daß ich dir das schreibe, ist ein solches Stück davon, nach draußen (da wo niemand ist. Schließlich bin ich selbst nicht genau da und dort wo ich bin. Verstehst du wenigstens die Anzeichen, sozusagen die Außenhaut meiner Schrift) (ob das nun Schrift, Geschriebenes oder in anderer Angst nun der Schweiß, dicht unter den Haaren, am Nacken, angezogene Schultern, an der Hand mit dem Hörer ist. Ich bin Hörer und aufmerksam,) über die man sich vielleicht einige Gedanken machen kann, die nicht das sind, was hier ist, aber dennoch; so als würde eine doch überraschende Übereinstimmung bestehen.

Wie lange.

Morgens, wenn ich schon weiß, was das werden kann. M. kommt herein - ob das nun M. ist oder A. oder wer sonst - du kommst schon lange nicht mehr aus der Vorstellung, die genau dort sitzt, wo du's nicht aushalten kannst - na, du hältst's noch'n bißchen aus, so als würde es dir Spaß machen zu sehen, wie weit's geht, schließlich hast du noch nicht abgeschaltet, und so einfach geht das auch nicht - natürlich freue ich mich, wir lachen ja; daß ich das kann, selbst morgens, nach langem Regen, die Gesichter der Leute, oder der Rauch über der Stadt, oder die Vorstellungen auf dem Lack der Autos, schwarz und undurchsichtig, das ist dann so, daß über der Vorstellung dessen, was ich sehe (die Gesichter der Leute, der Rauch, das Licht), (was sehe ich sonst), schon die Wörter liegen (nach sehr sehr kurzer Zeit), nicht genau die Wörter/Namen, das auch, aber besonders die Bilder davon, so als wäre gar nichts direkt da, im Kopf, sondern gleich schon als etwas, das mitgeteilt ist, gar mehr das was da ist für mich, oder bei mir, sondern schon gleich in der nächsten Instanz, und die mit draußen und als würde ich mit einem zweiten Verstand alles auflösen, was der erste Verstand, der sowas gleich auffaßt, ... übernehmen und verändern; nicht so sehr verändern, aber was hinzuzufügen, nämlich daß ich es ja sehe, auffasse, was weiß ich, jedenfalls ist da schon die zweite Haut.

Und alles was ich schreibe, auch jetzt, hat diese zweite Haut, die darüber liegt, und eine andere ist die, mit der ich diese Dinge beobachte, wie sie von dir aufgefangen werden.

Nichts ist so losgekommen von mir, viele Dinge und fast alles was ich gesagt und geschrieben und getan habe, ist über die vielen Stationen gelaufen,- ich sehe etwas und ich weiß, daß ich es sehe und ich weiß, daß ich es sehe und es dir irgendwann - vielleicht heut noch - erzähle, schreibe; nur davon schreibe ich nicht, daß alles säuberlich sortiert ist - nach dem, was es verursachen könnte.

Nur muß ich mir sagen, so direkt geht es auch nicht.

Wie hörst du denn am anderen Ende der Leitung die Dinge, die du hörst - daß du sie hörst usw.. Auch hier schließe ich es nicht aus.

Nur hoffe ich, daß mit zunehmendem Sprechen Unachtsamkeit sich einschleicht.

Aber das sind nur kleine Augenblicke, viel zu kurz, um etwas sagen zu können.

Schließlich ist auch da nichts mehr da - was verstehst du davon, nichts als Unfähigkeit, dem zu folgen, eher als daß nichts ankommt.

Wenn ich in meinen undurchsichtigen Vorstellungen herumsitze, von hier nach dort gehe - das sind alles keine Vorstellungen von Schweiß, Angst oder Unlust, überhaupt noch etwas zu sagen, lieber schwarze Brillen aufsetzen, wie nichts sehen, aber das ändert nichts an den Vorstellungen, etwa der der Zeiteinteilung: wann ist genau jetzt der Augenblick: hier und dort - siehst du!

Aber mir kommt es so vor, als seien es die Überreste und Spuren davon; irgendwo bleiben sie bei mir liegen, eine andere Zeit war das, und jetzt erzähle ich sie nur daher, und alles von ihrem "tatsächlich" ist vorbei.

Für mich aber allein, nicht.

Zwar ist das hier wieder noch weiter außerhalb, aber wie weit außerhalb muß ich gehen, damit du das verstehen kannst, ich spreche gar nicht mehr von Hören, hier, ohne jemanden, kaum Stücke von mir selbst, was ist denn schon hier.

Es ist dann so, daß ich hier sitze, niemand ist gegenüber; auch nicht die Vorstellung eines Gesprächs. Was zu dem, was ich erzählen kann, hinzukommt, weiß ich nicht. Es ist unübersichtlich.

Schließlich, wenn ich so lange geredet habe, daß ich nicht mehr kann und du, falls du zuhören kannst, auch wenn es nur zeitweise ist, kommt vielleicht so etwas wie Verlangen in die Hände.

Ungefähr so, als käme es jetzt nicht auf die Körper an, als wäre das das Außen, auf dem man etwas ablesen kann.

Reicht es, stundenlang zu reden und vor Müdigkeit nicht mehr zu reden, nur mit den Händen und dem Körper, so daß ich nichts mehr sagen kann, als würde jeder sich immer mehr abschließen; nur zurück bleibt ein Stückchen von dem, was da war und irgendwie noch da ist, unter der Erinnerung, oder der Vorstellung, daß ich dahin zurückkommen werde; das eine oder das andere, was an der eigenen Haut und an deiner Haut zu sehen ist; spät ein wenig Schweiß, fast natürlich, so als wollte jeder aus sich heraus.

Aber wieviele Positionen und Veränderungen muß ich einnehmen, um ein wenig deutlich zu machen, was die Resignation ist.

Es ist nicht die Anstrengung, die mir den Schweiß treibt, sondern das Erschlagen-Sein von dem, was nicht geht; Ausblick hast auch du wohl keinen, aber was heißt es schon, einen langen Brief schreiben; es ist eher eine Kuriosität als sonst etwas.

Es kommt mir so vor, als sei diese Art von Mitteilung, mit den Körpern, intensiver, und vielleicht gehört das zu den letzten Versuchen, etwas sichtbar zu machen in den Vorstellungen, die wohl immer kleiner werden - als Lüthi in Zürich die Straße herunterkam und sich von seiner Freundin verabschiedete; ich habe das alles gesehen aus der Kneipe heraus, in der ich saß, und als er dann hereinkam, kleiner als ich es von den Photos her erwartet hatte; und in den Gesprächen kam es mir so vor, auch da eine Resignation zu spüren, was war das wohl. Es scheint so, als würde ich immer mehr außen leben, auf der Hautoberfläche, und das bedeutet, daß ich empfindlicher, verletzbarer werde.

Würde das alles - morgens die Neuigkeiten der anderen, das Ausbleiben der Neuigkeiten der anderen, das Reden über die Neuigkeiten der anderen mit den anderen, oder die Lichter auf den regennassen Autos - unvorbereitet auf mich kommen..., so aber liegt alles schon wie feine Adern auf der Haut, alles ist spürbar, nur zeige ich es nicht.

Schließlich geht es dann nicht mehr, scheint die letzte Kraft aufgebraucht, ist es genug mit dem Sichwehren nach allen Seiten.

Wem aber könnte ich es zeigen (was vielleicht eine Hilfe wäre); und so ist Briefschreiben, Telefonieren (was ich eigentlich nicht mehr tun kann) und auch das Angewiesensein darauf wie ein letzter Widerspruch, den man auch noch bald wird beseitigen können, nur bin ich da nicht mehr so sicher.

Als würde ich das durchsetzen, was ich mir immer wieder vorstelle, in den ruhigen, abgeschlossenen Wochen etwa in Italien, fast als Fazit bisher und als Möglichkeit danach.

Auch du bist so weit selbst in den Hintergrund getreten, du verschwindest fast, so daß es leicht fallen sollte.

Aber auch das ist abhängig von meinem eigenen Widerspruch, der mich dazu treibt, wie in einem grauen, neutralisierten Haus zu leben, geradezu aseptisch, ohne mein nach außen gewandtes Leben.

Ich weiß natürlich, daß das nicht so, genauso durchzuführen ist. Das wievielte Mal beginne ich für mich selbst neu. All das spielt sich auf einem kleineren Raum ab, als der der vorher da war.

Und doch ist der Widerspruch von Nicht-mehr-können, der Ohnmacht zum Beurteilen der eigenen Situation (was wie ein Luftholen sich auswirkt) so stark, daß das ein Aufschub ist, eine kleine eigene Hilfe, mit der ich weiter gehe, als man es sich hätte vorstellen können.

Ich kenne also diesen Mechanismus und nutze ihn bis zum letzten aus. Auch hier der Brief ist so.

Aber was tue ich, morgens im Schnee, im überraschenden Licht, wenn ich die Dinge neu sehe und es in mir wieder zu reden anfängt?

online-Fassung

kuckuck 13/14
76/77, Herbst/Winter
erscheinend im April 1977

kokhaviv press:
Horst Lummert in kuckuck (kulikri)

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