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Erkenntnistheorie und politische Praxis - Seit 1973 - Redaktion: Horst Lummert

1975-00-00 (?)

Kurt Stalter

Artaud spielt leise im Hintergrund

oder

Das Fiktive als eine neue Art des Überlebens

La révolution est d'essence spirituelle pure. La vie ne m'intéresse pas.
Antonin Artaud

Es wird immer schwerer gemacht zu überleben, da es einfach keine ideologische Lösung mehr gibt. Die Revolutionen sind vorbei, sie hatten nur im Dunkeln stattgefunden. Die Literatur konnte es nicht bewältigen, das Leben in seinen Grundzügen zu verändern. Hippieland existiert auch nicht mehr. Und die Komedie eines Allen Ginsberg ist auch kein Stirnrunzeln mehr wert.

Artaud war einer der größten Beatniks. Einige behaupten es jedenfalls.

Ist der Christ-Beat für uns gestorben?

Wir können für einige Peseten Artaud lesen, seine Gedichte zum täglichen Statement werden lassen, seine Filme als Regieanweisungen zum direkten Leben verstehen, den ungewissen Planeten Artaud uns jeden Tag erschließen.

Das Leben um das Café le dôme und um das la flore ist auch keinen Kaffee mehr wert, die Überlebenden der 50er und 60er Jahre, falls es überhaupt noch welche gibt, haben sich transplantiert, unsere besten Köpfe sind eh schon von Ameisen zerfressen, Hendrix hatte schließlich auch nur ein normales Leben geführt, wie wir jetzt erfahren können.

Was bleibt, ist die Nostalgie, das Bier am frühen Morgen im Zwiegespräch mit Antonin auf einer zerfallenen Terrasse in einem der letzten Hinterhöfe einer Vorstadt von Barcelona.

Antonin: "Du kennst meine Prinzipien: alles muß abstrakt sein, alles muß eine Parole sein, alles muß mit Abstand geschehen, ein Happening, alles muß non-politisch sein, ideologisch, kulturell, kommunikativ, interpretatorisch. Erinnere dich nur an les cenci. In diesem Stück habe ich euch genau gezeigt, wie ihr an die Sachen rangehen sollt, wo eure Blutadern platzen können, eure Sprache zum Inferno werden kann."

K.S. "Und wie steht's mit deinen Briefen an den Direktor der europäischen UNI, die du 25 geschrieben hast und die eine Neuauflage in der Mai-Revolution 68 erfahren haben?"

Antonin: "Das haben die ja alle falsch verstanden. Es war nur ein Brief, eine Ausgeburt surrealistischer Spermen, ein Angriff auf die ganze Ernsthaftigkeit der SURREALEN, eine Explosion MEINER Sprache, ein Kaffee, gekocht auf dem kochenden Blut eines Canguillos, die Detonation einer eine Minute währenden Totenstille."

Im Background Claude Pélieu, der genüßlich einen Joint dreht: "Yeah Antonin, 1960 versuchten ein paar verrückte Amerikaner in Frisco ein Artaud project. Ich hab die Cassette hier, ich werde mal den Sound ablaufen lassen."

Cassette: "Keine muskulösen Orgasmen mehr, keine Beats auf dem Papier, eine Idiotie der Neugeburten, it's all right ma'I'm only bleeding, fixiert das Blau des amerikanischen Traums, hommes sauvages in einen Stein von Stonehenge gepreßt." (Im Hintergrund Schreien, Wirbelwinde, Gedichte von Georges Bataille, gesungen von Carlo Solomon.)

Claude: "Ich stells mal wieder ab, right..."

Antonin: "Ihr habts schon kapiert, Kerouac hats erfaßt, capitano VIDEO und Nancy Kotex... elektronische Yoga und Poesie. Erinnere mich an den Film, den ich 1933 mit Fritz Lang machte. LILIOM. Ein Jahr zuvor übersetzte ich das leidenschaftliche Verbrechen von Ludwig Lewisohn. Wollte in Langs Film einige Passagen einfließen lassen, meine eigene Leidenschaft für das anarchistische Verbrechen, Revolution als ein Teil unseres Frühstücks, Fritz Lang, der einen Film über Jerry Rubin dreht..."

Die Katze kotzt im Hintergrund unverdautes Fleisch auf die Terrasse.

Antonin: "Mein Theater hat eine gute Resonanz im LIVING THEATER gefunden. Und sie haben auch den Sinn meiner Philosophie erfaßt: das Ekstatische zu entdecken, revolutionär zu sein in allen kulturellen Bereichen des plastischen Lebens."

K.S.: "Was hältst du von der Bewegung, die im Anklang bzw. parallel zu dir gelaufen ist?"

Antonin: "Was solls! Neal liegt irgendwo in mexikanischer Erde begraben, der Japaner schiebt sich das Samurai in den Unterleib, Adamov ist tot, der Spiegel der Realität hat sich verinnerlicht, Halluzinationen sind zur Sucht geworden, der Kellner im la coupole serviert nur auf ausdrücklichen Befehl des Chefs. - Den 13. Januar 1947 habt ihr schon lange vergessen..."

Artaud in langem Kleid, chapeau claque auf dem Kopf. Das ganze Happening, das folgt, findet in einem kaputten Teil von Vieux-Colombier statt. Während zwei Stunden liest Antonin Gedichte, Spontaneität als die einzige Form gerecht zu leben, er erhitzt bis zur totalen Erschöpfung. Tristan Tzara überreicht ihm im Namen der heiligen Verschwörung eine rote Rose.

Der Gärtner, der ihm gewohnheitsmäßig am 4. März das Frühstück serviert, findet Artaud am Fuß seines Bettes liegen, in der Hand eine alte Ausgabe von Nietzsches Übermenschen. "Wollte ihm noch sagen, daß die Fixe wie immer am Abend zuvor ausgewaschen wurde."

Claude Pélieu: "Die Realität wurde zur Surrealität, der Schlüssel zum blauen Meer war gefunden, die Stimme eines Hendrix über 2000 Watt über die Stadt geblasen, der surreale Geist zum Mittagsmahl präsentiert!"

Antonin: "Stop, mein Freund. Nie gab es einen surrealistischen Geist. Es gab Geister. Rimbaud. Lautréamont, Léon-Paul Fargue. W. Lee ist einer von ihnen. Der Surrealisme, wie er heute interpretiert wird, ist nichts anderes als eine Auseinanderlegung der Person BRETON, die neuen Bäcker der Psychoanalyse, Seelenwichser, die neuen Exegesen, vollgestopft mit Benzedrin. Alles nur eine Pflanzung spätkantianischer Philosophie. Der Surrealismus ist eine Rehabilitation des Geistes, das letzte Aufbäumen eines sterbenden Intellekts, aber, die Revolution fand nur in einem Schnitt in den schon blutenden Finger statt."

Der Synthesizer spielt die Symphonie des überschäumenden Gehirns. Der neue Idealismus als ein Fundament des Überlebens. Die Christianisierung einer Nacht, dein Nachbar in der Bar versucht die letzten Krümel einer Kippe zu einer neuen Zigarette zu drehen.

Antonin: "Wir sind immer Götter. Götter, deren Dreieinigkeit die Gewalt ihrer Kreativität ist. In der Rolle des Marat in dem Film Napoleon, den ich zusammen mit Abel Gance machte, ist meine Intention klar definiert. Ich bin ein Tänzer einer revolutionären Vorzeit, ein Freund aller Ideen, nichts ist mir fremd, der Schuß in der Nacht gehört genauso zu meinem Lebensspiel wie der Kuß unter einem Lindenbaum. Die Utopie ist ein Zusammenschnitt der Zukunft und Vergangenheit, angepaßt an die fließende Imagination der Gegenwart. Marat lebt, Janis Joplin hat uns nur den Rücken zugekehrt, Kerouac ist in deinem wie in meinem Bewußtsein, nichts verläßt diese Erde, nicht einmal das Bier um Mitternacht kann seine Materie verändern. Einstein wußte es, Napoleon wußte es..."

Oum Kalthoum singt vor 2000 Arabern. Frauen stürzen auf die Straße, schneiden sich Fleischstücke aus dem Körper. Ekstatische Inkarnation arabischer Vergangenheit. Die Psychologie der Gespaltenheit, le théâtre doublé und le théâtre et son double. Nicht der Kranke ist wahnsinnig, sondern die Umstände, die Verhältnisse, die er mit den Prinzipien unseres Lebens eingehen muß.

"Die Sterne sind im Gehirn des Menschen", sagt Bertrand Russell.

Ronald D. Laing wird zum Ehrenmitglied der ehrenamtlichen Nutten von Frankfurt-City ernannt. Weitere Mitglieder: Diogenes Laertius, General Nero und seine Truppen, Frank Sinatra und die Marx-Gebrüder.

Es handelt sich nicht darum, Artaud zu lesen, sondern ihn zu leben, mit allen Konsequenzen. Nur die imaginäre Kunst in einem realen Dasein gibt uns die SURVIVAL ENERGY zur Kreativität, die Kraft unabhängig zu sein zu sterben und zu leben wie wir wollen, immer bereit die zwei Koffer in der Ecke zu packen und dem Alltäglichen und der darin verstrickten Monotonie den Rücken zu kehren.

Antonin: "Wir sind alle ein lebendes Theater, eigener Regisseur, Zuschauer, Schauspieler. Die Regieanweisungen kommen nicht von außen, die Äußerlichkeit haben wir in der Innerlichkeit. Wir bewegen uns in dem magic circus garden, die Reunionen der heiligen Astronauten finden jede Minute statt, Hendrix begleitet uns auf der Gitarre, Janis besorgt den Absint, die Parodie eines toten Hundes, gestorben in einem Garten Eden."

Die Reihe wird fortgesetzt

kuckuck 12
1976, Sommer

kokhaviv press:
Horst Lummert in kuckuck (kulikri)

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