1976

Horst Lummert

zum thema

Wahn und Sprache (Artaud)

Bernd Mattheus legte im kuckuck bereits mehrere Arbeiten vor, deren Grundmotiv Zweifel an der Sprache ist. Am Beispiel Antonin Artauds - in einem triftigen Vergleich mit Vincent van Gogh - belegte er zudem die Fragwürdigkeit des geläufigen Krankheitsbegriffs - einer rechtlichen Handhabe, durch die die Psychotherapie zu einem Instrument der Gesellschaft gegen die Autonomie des von der Norm abweichenden Individuums wird (Vincent Artaud in Heft 6).

In einem (fiktiven) Interview mit Thomas Bernhard versuchte Mattheus, "den Kritikern auf die Sprünge zu helfen". Im Rezensionsverschnitt - Fragmentarisches über Peter Rosei - ging es um den Nachweis der Austauschbarkeit von Autoren. Mattheus: "Wer macht den Autor?" Eine Travestie der Kunst der Kritik. Beide Arbeiten erschienen in Heft 7.

In kuckuck 8 - Jede wahre Sprache ist unverständlich - stellt Bernd Mattheus einige Thesen auf, die darin gipfeln: "der schriftsteller wird wie ein schizofrener sein, oder er wird nicht sein."

Im Hintergrund dieser Veröffentlichungen trug sich ein längerer Briefwechsel zu, der auf den folgenden Seiten abgedruckt ist. Warum, ergibt sich aus seinem Inhalt. Insoweit ist auch die in diesem Heft beginnende, von Mattheus initiierte Text-Reihe - Artaud oder Der andere Atem - eine Weiterführung und Vertiefung des bisher Vorgelegten.

Die Briefe sind um die Teile gekürzt, die sich nicht mit der Thematik befassen.

Briefwechsel

BERND MATTHEUS an HORST LUMMERT: ... meine konzeption, 'artaud/wahn und sprache', sieht vor, sprache am rande veränderten bewußtseins, den 'anderen atem' artauds zu problematisieren. ... ich sehe dieses projekt nicht als eine sammlung von artaud-expertisen, sondern als einen ansatz, (über artaud) über sprache und bewußtsein zu diskutieren und eben über den fall, wo (im wahn) eine disjunktion zwischen kommunikation und bewußtsein sich ereignet. (10.6.75)

HL an BM: ... Für einen, der so Gewichtiges gegen das Schreiben - grundsätzlich - einzuwenden hat, sind Sie ja doch ziemlich produktiv. Haben Sie das alles auch zuendegedacht, ich meine, da fällt doch was zurück? ... Ist die Aussage, Gültiges könne nicht ausgesagt werden, gültig? Ich mag ja an dem Teppich zerren, Stück um Stück abreißen davon, es bleibt doch das kleine Stück, auf dem meine Füße stehen, wenn ich nicht runter will vom Teppich und auch nicht fliegen kann. Fliegen lernen, gewiß, aber wie will ich bezeugen, daß ich's mittlerweile kann, muß ich doch Zeichen geben, muß ich doch sprechen. Oder ich muß verzichten aufs Zeugnis. Wittgenstein, hatte er sich nicht verfranst in seiner Logik? Vielleicht hatte er nur die falsche Leiter unter sich? Er schwieg dann. Bleibt nichts, wovon man sprechen kann? Ich würde sagen: alles noch einmal von vorn, mit anderm Gerät, auf anderem Weg. Zu sprechen, wovon man nicht sprechen kann, ist und war immer müßig. Aber wovon man sprechen kann, und sei's bisher "unsagbar", hole man's doch herein in die Sprache. Ist es nicht Schreibers Sache, Land hinzuzugewinnen? Trägt Ihr Hinweis auf die mögliche "Disjunktion zwischen Kommunikation und Bewußtsein" nicht auch dazu bei? Durch Heraushebung des subjektiven Faktors (beim Aneinandervorbeireden mit gleichen Worten) objektivieren Sie doch eben auch. ... (22.6.75)

BM: die aussage, daß gültiges nicht ausgesagt werden kann, ist ebenso wahr/falsch, wie wenn einer behauptet, 'ich lüge'. was ich andeuten wollte ist, daß die kommunikation die adjustierung des bewußtseins bewirkt, daß sie zur konstruktion der wirklichkeit benützt wird und folglich verkehrsweg und -mittel der repression ist.

gegenüber den vertretern der mittelbaren methode (die sprache ist ein instrument der herrschenden), welche die aufhebung aller pressionen innerhalb eines historischen prozesses zum ziel hat, spreche ich von einem unmittelbaren weg (die sprache ist ein subjekt der herrschaft selbst), der nicht gefahr läuft, zur fiktion zu werden. die dekonditionierung des bewußtseins, die dissoziation zwischen sprache und bewußtsein schließt die emanzipation von gesellschaftlichen zwängen ein. daß jede private sprache verboten ist, daß jeder verstoß gegen die verfassung einer wirklichkeit, deren basis die kommunikation ist, bestraft wird, zeigt sich nicht zuletzt an den schizos, die mit dieser sprache, dieser wirklichkeit nicht auskommen.

jene werden konfiniert, als staatsfeinde ihrer rechte beraubt: was aber könnte der intelligente schizo ausrichten, der seine 'krankheit' im griff hat und sie bewußt gegen sinn und vernunft ausspielt? wenn ich dennoch schreibe, so deshalb, weil ich keine gewißheit habe - allerdings in dem bewußtsein, daß ich mich bestenfalls über sprache verständigen kann. es ist mir aber nicht möglich, die andere, zweite sprache mit der unseren anders als in der projektion aufzufassen: dieses abbild wäre unrichtig.

wenn wittgenstein (der ja in den philosophischen untersuchungen den tractus widerrufen hat) oder duchamp geschwiegen haben, dann nicht unbedingt aus dem gleichen grund, zumindest aber, um die affirmation zu vermeiden.

sicher könnten die schriftsteller sich an die explorierung der einschränkungen des bewußtseins machen, das leisten, was den wissenschaftlern verwehrt ist: nur drängt sich mir das bild der im fache der poesie dilettierenden linguisten auf, die nicht nur mit ihrer gruppeninternen terminologie eine neue hierarchie errichten, gegen die sie sich ursprünglich erhoben haben, sondern darüberhinaus die literatur mit dem 'großen dürfen' verwechseln, tun, was von ihnen erwartet wird und dem staat geradewegs in die arme laufen. ... (25.6.75)

HL: ... Sie sehen im Normalen, Vorherrschenden, Bestehenden Sinn und Vernunft - dagegen wollen Sie die "Schizophrenie" ausspielen. Ich sehe es genau umgekehrt: das Normale ist das Schizophrene, das Unsinnige, Widersinnige - freilich: ohne Einsicht darein. Der "Kranke" erfährt und durchlebt diesen Wahn und artikuliert das Normale in der diesem - "Normalen" - adäquaten Sprache: und wird natürlich von den Normalen nicht verstanden - nicht, weil diese vernünftig wären, vielmehr, weil diese Normalen als - objektiv - im Wahnzustand lebend sich "noch" nicht erkannt haben. Und sie wollen das auch gar nicht wissen, sie verdrängen das, sie fürchten das. Sie haben Angst, sich in dem "Kranken" wiederzuerkennen. Eine solche Selbsterkenntnis würde ja auch alles über den Haufen werfen. Darum "schützen" sie sich davor, indem sie die "Verrückten" einsperren.

Ich komme bei allem immer wieder auf eine Klassendifferenzierung: Herrschende - Beherrschte. Was jenen schadet, nützt diesen. Also "bürgerliche" Subversion der Sprache: richtig, gut, up to date. Dagegensetzen: die allmähliche Sprach"gewinnung" durch die bislang Bevormundeten. ... (29.6.75)

BM: ... die ansicht von der pathologischen gesellschaft ist weit verbreitet, aber irrig, stellt sie doch als lösung dar, was sich als problem gegenübersteht. das maß für die normalität oder krankheit eines individuums ist dessen sprachverhalten und inwieweit es folglich funktionabel bleibt. wahnsinn gehört einer politischen kategorie, keiner medizinischen an, wird er doch auf grund des abrückens von der kommunikation diagnostiziert. dasselbe Kriterium gilt für jede form sozialer Devianz, die jedoch statt mit heilanstalt mit gefängnis bestraft wird. wenn die gesellschaft via sprache mein bewußtsein kontrolllert, dann verbietet es sich, unterprivilegierte durch sprach'gewinnung' emanzipieren zu wollen, was hieße, den kitt zu verhärten: hören tun wir alle so schon - mit oder ohne akademische ausbildung. daß die herrschaft aufhöre herrschaft zu sein, dazu bedarf es der destruierung ihrer verfassung, deren basis die sprache ist. ... (2.7.75)

HL: ... Sie heben ja Herrschaft nicht auf, indem Sie dem Beherrschten die Sprache nehmen. Im GegenteiI: Sie gefährden ihn und rufen durch dessen Verhalten (Indiz für Normalität/Krankheit: Sprachverhalten) der Herrschaft Gewalt geradezu hervor. Die Aufhebung von Herrschaft ist doch vor allem von utopischem Wert, als Orientierungsziel - nicht ein aktuell Erreichbares. Gerade wenn Sie recht haben - "Wahnsinn gehört einer politischen Kategorie, keiner medizinischen an" -, ist es im Verlaufe historischer Auseinandersetzungen zwischen "oben" und "unten" doch eben konsequent, richtig, notwendig, den (obzwar durchrationalisierten) Wahnsinn der Herrschenden dem kritischen Blick der Vernunft der Beherrschten, der beherrschten, unterdrückten Vernunft auszusetzen. Das mag denen "oben" eines Tages auch die Sprache rauben, sei's drum, dann möge die Sprache der Vernunft Subjekt von Herrschaft werden. Ich kann mich nicht erinnern, daß wir so was schon hatten. Heute hat Sprache und Sprachkritik viel eher die Funktion, das Bewußtsein der Herrschenden, Ihrer Medien, und das objektiv falsche Bewußtsein der Beherrschten (und für dumm Verkauften) ans Licht zu holen. Mit Ihrer Theorie erreichen Sie zwar keinen BILD-Leser. Aber dem BILD-Macher kann es ja nur recht sein, falls seine Kritiker sich ihrer einzigen Waffe begeben. Wer herrscht, kommt notfalls auch ohne Sprache aus. Aber die Sklaven, stumm, bleiben ewig Sklaven. ... Die Basis der "Verfassung" von Herrschaft ist nicht "die" Sprache, sondern sind die mathematisch/logischen Denkstrukturen. Sprache ist zu kritisieren, insoweit jene Strukturen sich ihrer bemächtigt haben, in sie Eingang gefunden haben. Insoweit hatte Wittgenstein eben "recht" - für sich, für seine Sprache, für sein Denken, für seine Philosophie. Ich sehe dazu eben die - dialektische - Alternative. Kritisch zurückzuverfolgen ist diese "mathematische" Geschichtslinie - nicht die "der" Sprache. Von dorther wird diese immerfort verhunzt. Der Verzicht auf Sprache wäre die totale Unterwerfung unter die Herrschaftsbedingungen der technisch-industriellen Zivilisation. Ihre Hinweise auf mögliche - elektronische etc. - Manipulationen menschlichen Denkens sind ja doch potentiell vor allem Hinweise für jene, die über solche technischen Mittel verfügen: die Herrschenden. ... Ich wollte zu Ihrem Diskurs eine Entgegnung für kuckuck 8 schreiben, hab's dann aber gelassen, weil das Heft ohnehin schon voll genug geworden ist. Außerdem ist es auch besser, wenn die Leser unvoreingenommen und unbeeinflußt sich Ihre Überlegungen durchdenken. Vielleicht mache ich was fürs nächste Heft, mal sehen. (1.9.75)

BM: ... wir schreiben aneinander vorbei. sie interpretieren den text, als ob es meine intention wäre, die sprachbürger ihrer krücken zu berauben: dagegen habe ich eben diese externen elektronischen experimente als untauglich bezeichnet.

Offenbar können sie den begriff schizofrenie nicht anders auffassen als die polizei für geistige hygiene: in diesem sinn gebraucht, würde die kybernetik wieder in ihre rechte treten, die kontrolle verschärft.

ich sprach folglich zum unterschied zu geisteskrankheit von einem schriftsteller, der wie ein schizofrener ist, und nannte diesen prozeß der emanzipation von sinn und vernunft universumstulp. beide formulierungen umschreiben jenen bewußtseinszustand, der sich qualitativ von demenz und déraison abhebt; die methodische schizofrenie der überlegenen intelligenz verwirft den "kritischen blick der vernunft" (der beherrschten) als sprachabhängigen wahn. d.h. letztlich die zurückweisung jeder art von repräsentanz. das dialektische denken handelt sich ja die aporie ein, daß es an die gleichen mittel gebunden ist, wie das, um dessen klärung/aufdeckung es bemüht ist: was fehlt ist die größe zum vergleich. die ärmlichkeit dieser synthese wird am deutlichsten sichtbar an der sprachtheorie marxistischer provenienz, der meine kritik gilt, ebenso wie jener literaturgattung, der sie stütze ist.

wenngleich ich auch sprache im umfassenderen sinne, als durch konvention freigelegtes system von zeichen, gebraucht habe, steht ihr vorschlag, die verfassung der wirklichkeit "mathematisch/logischen denkstrukturen" zuzuschreiben, dem meinigen nicht ausgesprochen antagonistisch gegenüber. entsprechendes ließe sich bei frege finden - soweit sie damit nicht etwas anderes gemeint haben.

ich möchte, daß sie "jede wahre sprache..." nicht als einen appell zur uneingeschränkten aphasie interpretieren: meine absicht war es, dort zweifel hervorzurufen, wo man sich in einem bereich der subjektivität und spontaneität geborgen wähnt (mein hinweis auf den schmerz). und daß, wenn die sprache subjekt der herrschaft ist, jede veränderung der gesellschaftlichen struktur diese bedingtheit unberührt läßt.

p.s. für eine debatte über die bild-zeitung kann ich mich nicht erwärmen: worin besteht denn die wesentliche differenz zwischen dem bild und z.b. dem spiegel oder der zeit?

eine ausweitung unserer diskussion scheint mir auf dem schriftlichen wege kaum ertragreich zu sein - man müßte hier jeden begriff einzeln interpretieren etc. auch wenn uns dadurch der vorteil der "unendlich" fortgeführten reflexion entgeht, das zurücktreten des sinns nämlich. anstelle eines kommentars würde ich vorschlagen, wenn sie den text für interpretationsbedürftig halten, das wesentliche aus unserer korrespondenz zu veröffentlichen. (3.9.75)

HL: ... Daß ich zwischen Bild-Zeitung und Spiegel wohl Differenzen, doch kaum wesentliche auszumachen vermag, ergibt sich u.a. auch aus kuckuck 8. In dem Punkt stimmen wir überein.

Ich glaube nicht, daß wir, wie Sie meinen, aneinander vorbeischreiben. Ich nehme Sie beim Wort, lese aber neben dem von Ihnen - subjektiv - Gemeinten, Gewollten, aus dem Funktionszusammenhang das übers bloß Intendierte Hinausdeutende. In Abwandlung Ihrer These könnte ich also sagen: Jede Sprache, und sei sie noch so "unverständlich", ist verstehbar. Zur Sprachkritik: inwieweit sie lediglich Projektion ist oder ihrem Gegenstand doch gerecht wird (weil in seiner Realität eine Entsprechung sich findet), das kann man ja nachprüfen.

Die Zusammenstellung von Heft 8 ist in gewisser Weise infam. Warum? Weil, wer das ganze Heft liest, unwillkürlich einen Bezug herstellt zwischen Ihrer These, Ihren Thesen, und dem gänzlich unliterarischen Artikel über den - gerade auch sprachlich - getarnten Nazismus in der Bundesrepublik. An solchem Prüfstein kann die originellste Theorie nicht vorbei.

Was die "geistige Hygiene" angeht: als lohnabhängiger ohnmächtiger "Bürger" kann ich nicht daran interessiert sein, das Opfer undurchschauter Realität, obendrein noch undurchschauter Sprache zu werden, zu sein. Man ist's ja ohnehin; doch dies Unwissen ist uns feind. Indem ich die engeren und weiteren Zusammenhänge - "draußen" und "drinnen" - halbwegs erkenne, mache ich mich auch frei von möglicherweise unliebsamen Überraschungen. Nicht alles ist wißbar, aber das hat mit Sprache und Denken nichts zu tun. Es geht doch nur ums Wißbare, auch Vorhersehbare. Ich werde mir doch nicht mutwillig Augenklappen anlegen. Ein Motiv ist denkbar: um nicht sehen zu müssen. Okay. Das wäre dann eine Frage nach der möglichen Identität von Ursache und Auswirkung. Das Problem sehe ich nicht, nicht solche Gefahr einer, wie Sie's heißen, "Polizei für geistige Hygiene". Dagegen dies: daß die Fixierung auf solche vermeintliche Gefahr, solch vermeintliches Problem, so vermeintliche "Polizei", den Blick verstellt für die wirklichen, auf uns einwirkenden Probleme, Gefahren und Polizeien. Überblick, Durchblick, Einblick gewinnen - auch über, durch, in Kybernetik. Was geht mich Kybernetik an, unmittelbar wenig und nichts. Ich kann auf sie kaum Einfluß nehmen - transitiv. Wir wollen uns vor ihren Bedrohungen schützen: Sie wollen das, und ich will das. Sie, indem Sie sich - passiv - unerreichbar machen (ich bestreite diese Möglichkeit). Ich, indem ich meine, daß wir versuchen sollten, die Gefahr totaler Kontrolle - aktiv - sozusagen ins Auge zu fassen, uns nicht irremachen zu lassen, zu erkennen und zu begreifen, was da los ist und was möglicherweise auf uns zukommt. Dabei hilft, nebenbei, auch Marxsche Theorie. Inwieweit wir sie unmittelbar auf Sprache anwenden, ist sekundär. Aber sobald wir hilfreiche Theorie zum Verstehen der uns umgebenden und umgarnenden gesellschaftlichen Realität vorfinden, sollten wir zugreifen - das wird sich dann mittelbar auch auf unsere Sprache auswirken, allerdings.

Ihren Vorschlag, "das Wesentliche aus unserer Korrespondenz zu veröffentlichen", finde ich gut. Unannehmbar für mich ist die Bedingung "anstelle eines Kommentars". Im kuckuck wird es keinen Maulkorb geben: für Sie nicht und für mich nicht. ... (7.10.75)

BM: es ist seltsam, daß ich zur gleichen zeit einen brief mit ähnlicher tendenz wie der ihre an einen bekannten schrieb d.h. als ich von ihrem brief noch nichts wußte. bis dahin war ich fast ebenso sicher wie wahrscheinlich sie, daß hier jemand seine flucht tarnt oder brutal: die gesellschaftliche wirklichkeit verkennt und/oder die konfrontation scheut. Jetzt sehe ich, daß leichtfertige mutmaßungen/unterstellungen wie projektionen wirken, die dann zum bumerang werden, wenn man negiert, für was einem die begriffe fehlen.

dieses beim-wort-nehmen und das aufdecken nazistischer unterströmungen, wie sie es betreiben, bewegt mich gar nicht mehr noch erfahre ich aus dieser art sekundärliteratur wesentlich neues: denn sie bleiben in der gleichen sprache stecken, der sich ihre kontrahenten bedienen, gefangen im sprachgittergärtchen syntax und semantik. gerade weil alle verstehen und sich keine andere 'lesart' als die diskursive vorstellen können, ist herrschaft durch sprache möglich. jede andere, nicht im dienste der konditionierung stehende sprache ist unverständlich. ich kann mir deshalb keine aufhebung der repression und der einschränkungen des bewußtseins ohne eine fundamentale veränderung der sprache vorstellen, wohl aber eine ablösung.

wenn sie eine sprachliche mutation zum sekundären phänomen, als begleiterscheinung eines revolutionären prozesses degradieren, bezeichnen sie das, was uns trennt: ich nenne überbau, was sie die basis nennen. unsere zielvorstellungen können folglich nicht identisch sein, auch wenn sie entfernt miteinander verwandt sind.

in jedem falle scheint mir der 'intelligente schizofrene' bewußter, mental gereifter und seinem ziel näher zu sein als alle die, die sich an bibeln, manifeste und wörterbücher klammern, d.h. buchstäblich ans alfabet.

nicht, daß ich ihrem aufsatz absprechen will, daß er absolut zeitgemäß und zugleich zutreffend ist: nur sollten sie bedenken, daß die gleiche struktur, die es ihnen möglich macht, sprachlich getarnten nazismus zu analysieren, diesen selbst erst ermöglicht.

die methode, die sie dagegen in sfb III angewandt haben (siehe hierzu kuckuck 3 - Red.), scheint mir überzeugender zu sein. (16.10.75)

HL: Ich weiß nun nicht, ob Ihr Beitrag in kuckuck Nummer 8 - "jede wahre Sprache ist unverständlich" - ein Gesamtbild Ihrer Sprachauffassung hergibt. Ich habe ihn noch nicht bis ins Einzelne durchreflektiert. Ihre Briefe liefern sicherlich Ergänzungen oder zumindest Erläuterungen dazu. Wenn ich etwas dazu schreibe, kann ich mich jedenfalls nur an das von Ihnen Geschriebene halten. Zuletzt läuft alles darauf hinaus, den postulierten Anti-Sinn zu "objektivieren", ihm einen (seinen) Sinn zu geben beziehungsweise den Sinn vom Ganzen abzuziehen. Das bietet sich an, solange Sie schreiben und nicht schweigen. Oder Bilder malen. Oder Musik komponieren. Aber selbst diesen Künsten wäre noch etwas zu entreißen. Es wird also zweckmäßig sein, Ihre Theorien (ich benutze den Plural, weil ich noch nicht sicher bin, ob sich's um miteinander auch Kollidierendes oder um "einen Guß" handelt) einer behutsamen, "verständnis"vollen Kritik zu unterziehen und daneben, dazu, unsere Korrespondenz zu veröffentlichen. Was davon, das müßten wir noch miteinander abstimmen.

Heute ein paar Anmerkungen zu Ihrem Brief vom 16.10.: Sie sprechen da u.a. von "unsere(n) Zielvorstellungen", die "nicht identisch sein (können)". Ich will Ihnen sagen, daß ich "Ziel"vorstellungen irgendwelcher Art gar nicht habe. Unter "Ziel" stelle ich mir immer so etwas wie "Zukunftskonstruktion" vor, d.h. also zugebaute Zukunft, Steine im Weg. Offene Horizonte sind mir angemessener. Wo es da zu Verwachsungen, Verplanungen, Vernebelungen kommt, setze ich meine Kritik an - egal, ob mir nun einer ein Hochhaus vors Fenster baut, mit seinen Fabriken die Luft verpestet, neblig oder verworren denkt, schreibt.

Grundsätzlich nehme ich jeden Menschen ernst. Wenn ich erkenne, daß jemand fehldenkt und, daraus folgend, -schreibt, weise ich ihn darauf hin. Ich gehe davon aus, daß er's selbst nur noch nicht gemerkt hat, er also dankbar ist für solchen Hinweis. Genauso wie ich selbst dankbar bin für Hinweise auf meine Denkfehler, Schreibfehler usw.. Denn meine Fehler "fehlen" - schaden - mir, mir vor allen andern.

Wir wissen aber aus Erfahrung, daß solche Versuche rationaler Klärung oft behindert werden. Also liegt wieder was im Weg. Das wiederum ist unterschiedlicher Natur. Beim Hochhauserbauer ist die ökonomische Fragestellung wohl die nächstliegende. Da helfen also Ricardo, Adam Smith und Marx mehr als, sagen wir, Freud oder auch die Linguistik. Wo die ökonomische Fragestellung nicht weiterhilft, böser Wille nicht erkennbar ist, zudem selbst nur zu den Symptomen zählt, bieten sich andere Brillen und Lupen an, von der Psychoanalyse bis zur Meteorologie. Alles gute, brauchbare Hilfsmittel, wenn sie nur nicht unversehens selbst zu Weltbildern, Wolkengebilden, Ideologien, selbst mithin Undurchschautem werden. Zuletzt ist jeder auf die Möglichkeiten seines eigenen Denkens, Wahrnehmens usw. angewiesen.

Ideologien erscheinen uns auch im Negativ. Antiklerikalismus, Antisemitismus, Antikommunismus - nicht insoweit sie "anti" sind, denn dafür kann es ja immer Gründe geben, sondern in ihrer Undifferenziertheit. Das Nachkriegswort von der deutschen "Kollektivschuld" hat den gleichen Charakter. An diesem Beispiel wird übrigens deutlich, wem es nützt: Wenn "alle" schuldig sind, dann haben's die Täter "für alle andern doch bloß mitgetan". So sind die fein raus.

Komme ich zuletzt zu dem "getarnten Nazismus" (kuckuck 8). Da haben wir keine Projektion. Sondern Fakten. Namen. Sehr differenziert. Organisation hinter der Sprache. Das ist es. (30.10.75)

BM: mein anliegen, nahziel (nicht im sinne einer globaltheorie o.ä. gebraucht, sondern als kleinste einheit von identifikation, temporärer sinnkonstruktion, die alle aspekte unterdrückt, verschiebt, die gegen meine aktivität sprechen: überhaupt zu schreiben, das geschriebene nach einer bestimmten norm einzurichten etc.) ist es, zu demonstrieren, daß sätze wie "zuletzt ist jeder auf die möglichkeiten seines eigenen denkens angewiesen" zu "... auf die möglichkeiten der sprache verwiesen, die sein denken limitiert" transformierbar sind.

ich wollte sie - was ihre textanalyse betrifft - nur darauf hinweisen, daß die resultate, zu denen sie kommen, sprachlich determiniert sind; d.h. erkenntnis & urteil sind schon in der sprache eingeschlossen (in der sprache, in der sie ihre analyse abbilden - dasselbe gilt auch für meinen text).

die frage kann nicht - im umfeld der in "jede wahre sprache..." tangierten probleme - sein, welche initiative im einzelnen (& deren valenzen, ideologien usf.) hinter einer sprachlichen äußerung (was auch ausdrucksformen betrifft, die nicht sprachlich zu sein scheinen, aber ähnlich 'funktionieren') steht, sondern wieso sie 1. ohne bedenken verstanden wird, 2. die vom sender erwarteten reaktionen bei den empfängern auslöst.

im makrobereich ist diese frage rasch erledigt: sender und empfänger sind einander adäquat, 'verstehen' sich - weil sie sich vorher über den sinn verständigt/geeinigt haben. dieses funktionieren ermöglicht organisation, arbeitsteilung etc., aber auch herrschaft, konditionierung, kontrolle. (ein beispiel: ich schrieb "antipode des wiederkäuenden poheten..." was sie als "poeten" korrigieren zu müssen glaubten: k 8, p.25).

was sich mir folglich aufdrängt, ist die frage, wie ich aus dem regelkreis herausgelange, ohne das ihn konstituierende mitzuschleppen. wer der aristotelischen bivalenten logik verhaftet ist (die den bereich von 0-1, falsch-wahr, nein-ja etc. umspannt), würde nun den infragegestellten denksystemen - von denen sie einige genannt haben - mit einem begegnen, das jenen oppositionell gegenübersteht. das reicht aber keinesfalls aus: ich muß das negierte auch überschreiten, neue entitäten einführen - die zu illustrieren ich mich hüten werde.

d.h. der diskurs ist prinzipiell nicht geschlossen, ja er enthält - bei aller unterschwelligen polemik - gerade soviele widersprüchlichkeiten, die haltestellen innerhalb der zeichenrelation verhindern könnten.

was die auswahl der briefe bzw. zitate angeht, so will ich ihnen dies gern selbst überlassen - wie grundsätzlich die entscheidung, ob dem text ein "postskriptum" folgen soll oder nicht. (29.11.75)

ARTAUD oder DER ANDERE ATEM

... hieß im herbst 1974, als ich verschiedene autoren um beiträge zu diesem projekt bat, noch ANTONIN ARTAUD / WAHN UND SPRACHE - projekt, dem die frage zugrundeliegt: ist artaud jener schizofrene gewesen, der seine 'krankheit' im griff gehabt und sie bewußt gegen sinn und vernunft ausgespielt hat? (problemstellung, die eine auseinandersetzung mit den abhängigkeiten, die zwischen sprache und bewußtsein, kommunikation und wahrnehmung bestehen, impliziert, d.h. mit den konstituenten jener identität und jener wirklichkeit, an welcher die des schizofrenen gemessen wird und die man, um ihn diffamieren und schließlich seiner habhaft werden zu können, zum indiz geistiger gesundheit erklärt hat. antonin artaud zeigt, daß - sofern das 'normale empfinden' wie die 'normale kommunikation' direkt in die ordnung und folglich in den staat führen - den regelkreis nur durchbricht, wer die entgegengesetzte richtung einschlägt: welche unerforschten gebiete den aus der kommunikation desintegrierenden erwarten, anatomie-subjekt-bewußtsein als von dieser konditioniert gleichermaßen exzentrierend, aber auch welche sanktionen - das demonstriert artaud, dessen explorationen mit neun jahren haft in französischen irrenanstalten geahndet wurden.) die vorliegende textsammlung vereint sämtliches material, das auf meine anfrage einging, überdies arbeiten von e.stegenritt, c.pélieu und d.dubbe, welche unabhängig von der skizzierten fragestellung entstanden.

Bernd Mattheus

kuckuck 12
1976, Sommer

kokhaviv press:
Horst Lummert in kuckuck (kulikri)
Band 1. Die proletarischen Anfänge. Seite 241 ff.: ohne den Beitrag von Bernd Mattheus

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