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Erkenntnistheorie und politische Praxis - Seit 1973 - Redaktion: Horst Lummert
doku/text
Frankfurter Hefte
Heft 2 / Februar 1975
Die Stern-Fernsehproduktion hat dem ARD-Programm eine dreiteilige Darstellung der Geschichte der Waffen-SS verkauft, und sie ist mit dem Titel Die Männer unter dem Totenkopf während der Weihnachtszeit 1974 gesendet worden.
Rupert Neudeck von der Funk-Korrespondenz, Köln, hat in deren Januar-Ausgabe 1975 dazu Stellung genommen.
Wir zitieren zusammengefaßt:
Schon die erste Folge Die Prätorianer - 1933 bis 1939 läßt einen merkwürdig verengten Ausschnitt aus der Realität des SS-Staates erkennen.
Beispiel: Zum 30. Juni 1934, zur Niederschlagung des vermeintlichen Röhm-Putsches, kein Wort von dem allgemeinen Massaker, das im Gefolge der SA-Säuberung einsetzte, kein Wort von der allgemeinen Terroratmosphäre...
In dem Statement, das der Autor, Spiegel-Redakteur Heinz Höhne, von einem damals beteiligten SS-Angehörigen kommentarlos stehenließ, heißt es:
"Obgleich es uns etwas merkwürdig vorgekommen ist, daß so alte Parteigenossen erschossen werden mußten, erschießen mußten wir sie, es war der Befehl, und eine Beurteilung der ganzen Angelegenheit hatten wir nicht." Punkt.
(...)
Die dritte Folge der Sendereihe (Die Todgeweihten - 1943 bis 1945) erweckt durch mehrmalige allgemeine Wiederholung den Eindruck, die SS sei am Ende geradezu der Hort des deutschen Widerstandes gewesen...
Die Kennzeichnung des verwendeten Filmmaterials fehlt im Dokumentarteil der drei Folgen völlig, bei den Wochenschau-Ausschnitten etwa das Insert Originalton Nazi-Wochenschau. Der Vorwurf muß auch hier vorgebracht werden, der gegen Höhne schon aus Anlaß seines Buches und Films Die Rote Kapelle aus den Reihen der Fachhistoriker erhoben worden ist: allzu gutgläubig und bereitwillig geht er auf die Naziquellen ein.
Nun kam es ihm aber auch nicht darauf an, den historischen Tatbestand aufzuarbeiten, sondern auf die Demonstration einer, nehmt alles nur in allem, beispielgebenden Elitetruppe, die die Waffen-SS gewesen sei. Hier Auszüge aus dem Studiogespräch...:
(...)
Höhne: "... Es ist doch wohl unverkennbar, daß die Waffen-SS gewisse positive Eigenschaften besessen hat, die sie großgemacht hat, die man im übrigen der Bundeswehr durchaus wünschen könnte. Ich denke dabei an die besondere Betonung des Sports...
(...)
Höhne: "... Verbrechen sind zu allen Zeiten und von allen Truppenteilen begangen worden... Dennoch meine ich, daß jede Armee eine bestimmte Anzahl von Eliteverbänden benötigt, weil Eliteverbände nun mal Hüter der militärischen Tradition sind, und Tradition ist rückwärtsgewandter Corpsgeist."
(...)
Die Sendeankündigung hat zwei Namen als Werbezugpferde groß herausgestellt: den von Eugen Kogon (Der SS-Staat) und den von Hermann Langbein (Auschwitz) - im Zusammenhang dieser Rechtfertigungsfilme offenbar zu Alibizwecken. Die Statements der beiden sind nicht entstellt worden, aber es ist doch wohl unmöglich, daß sie sich mit dem Gesamtfilm und seiner Tendenz identifiziert haben.
EK (Eugen Kogon - kkk): So ist es in der Tat. Langbeins und meine Bemerkungen waren kurze sachliche Feststellungen, die die SS-Kategorien unterschieden. Sie dienten der Höhne-Absicht dann - die ich zwar für ehrlich, aber für einseitig und in Teilen für falsch halte, im ganzen für politisch verderblich - als Feigenblätter...
Frankfurter Hefte
Heft 3 / März 1975
Dr. Wolfgang Venohr, Chefredakteur von Stern TV, der Fernsehproduktion des Hauses Gruner + Jahr, Hamburg (und Mitarbeiter der Wochenschrift Neue Politik - kkk), hat sich scharf gegen die Kritik gewandt, die in der katholischen Funk-Korrespondenz, Köln, Nummer 2/1975, aus der Feder von Rupert Neudeck, gegen die dreiteilige Darstellung der Geschichte der Waffen-SS, einen Film der Stern TV, erschienen ist...
Dr. Venohr nennt in seiner Erwiderung Neudecks Beitrag "ein bestürzendes Beispiel von unseriöser Manipulation und journalistischer Demagogie"...
Das abschließende Studio-Gespräch zwischen Heinz Höhne, dem Autor, und Kapitänleutnant Rosenkranz habe im übrigen der Westdeutsche Rundfunk ohne Zutun der Stern TV veranstaltet, geleitet von dessen Redakteur Eberhard Kuhrau (nicht vom Stern-TV-Redakteur Peter Buschbom).
Dr. Venohr, verdienstvoll nicht zuletzt in der Ostberichterstattung, schrieb außerdem an uns:
"Bevor die drei Filme von Stern TV produziert wurden, haben wir sehr gründlich den SS-Staat zu Rate gezogen.
In ihm heißt es beispielsweise:
Es gab viel naiven und knabenhaften Idealismus in den Reihen der Waffen-SS in Verbindung mit wildem Abenteurergeist.
Dieser Beurteilung haben wir uns - um der historischen Gerechtigkeit willen - angeschlossen.
Und wir haben nie verhehlt, daß wir das Kollektivurteil über die Soldaten der Waffen-SS für falsch und ungerecht halten.
Demgemäß hieß es in unseren Presseankündigungen:
Die jungen Soldaten der Waffen-SS waren in ihrer großen Mehrzahl keine faschistischen Verbrecher, sondern Opfer des verbrecherischen Faschismus.
Es ist an der Zeit, daß das Nürnberger Kollektivurteil über sie in Frage gestellt wird.
Und es muß erkannt werden, daß die bürgerliche Gesellschaft in Deutschland nach 1945 aus Alibigründen die Waffen-SS zum Prügelknaben der Nation machte."
Dazu einige kurze Bemerkungen von unserer Seite:
1. Die Fernsehserie hat nicht nur bei Rupert Neudeck recht allgemein den Eindruck betonter Revision hervorgerufen, die Dr. Venohr in seinem Brief an uns im wesentlichen anscheinend auf die Rehabilitation der "jungen Soldaten der Waffen-SS" beschränkt wissen wollte.
2. Die fortwährend "idealistisch" motivierten Selbstrechtfertigungen ehemaliger Angehöriger der Waffen-SS, nicht zuletzt aus den Reihen ihrer "germanischen Freiwilligen", ließen kritische Stellen in der Kommentierung zurücktreten; es ist beim Fernsehen ohnehin schwer, besonders noch in einer dreiteiligen Serie, jede Einzelheit des Textes gegenüber der Bildabfolge im Gedächtnis zu behalten.
Das abschließende Studio-Gespräch besorgte den Rest: Autor Höhne stellte die Waffen-SS als militärisches Vorbild hin!
Daß die Redaktion der Stern TV nichts damit zu tun hatte, woraus hätte der Zuschauer dies ersehen sollen?
3. Die Antwort Dr. Venohrs auf Rupert Neudecks Kritik scheint uns bei weitem zu heftig ausgefallen zu sein.
Ergänzend korrigierende Hinweise waren angebracht, um einer möglichen Fehlbeurteilung der Absichten entgegenzutreten, die die Stern TV, als sie die Filmserie in Produktion nahm, offensichtlich geleitet haben. EK
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kuckuck 8
1975, Sommer
kokhaviv press:
Horst Lummert in kuckuck (kulikri)
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