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Erkenntnistheorie und politische Praxis - Seit 1973 - Redaktion: Horst Lummert

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19.11.71
Sendung Radio Bremen

Klaus Jürgen Schmidt

Deutsche China-Gesellschaft

Sprecher:

Die deutsche Politik hat in Sachen China nie eine glückliche Hand gehabt.

Die DDR-Führung - bis Anfang der sechziger Jahre noch gut Freund der Chinesen - schlägt im Konflikt Moskau-Peking härtere Töne als selbst die sowjetische KP an, unsere Führung in Bonn hat von der christlich-demokratisch bis zur sozial-liberalen Form jede Initiative zu normalen Beziehungen mit der Volksrepublik China sorgfältig gemieden.

Daran hat auch die Aufnahme Pekings in die Vereinten Nationen nichts geändert - Außenminister Scheel demonstrierte kurz nach der in der UNO manifestierten Änderung der Weltmeinung in einem Fernseh-Interview erneut Desinteresse.

Doch in der Bundesrepublik sind schon seit vielen Jahren zahlreiche Organisationen und Gruppen um eine Meinungsänderung bemüht.

Sie erhalten in diesen Monaten durch die weltweite Anerkennung der chinesischen Realität neuen Auftrieb.

Eine dieser Organisationen ist die Deutsche China-Gesellschaft in Hamburg, die 1957 gegründet wurde und sich guter Beziehungen zu Peking rühmt.

Mitglieder der Gesellschaft werden voraussichtlich Ende Dezember als erste westdeutsche Gruppe seit 1967 zu einer Rundreise durch die Volksrepublik China starten - nicht auf Einladung der Chinesen, wie sie es sich gewünscht hätten, sondern nach ständigem Drängen und auf eigene Kosten, etwa 6000 D-Mark pro Person.

Der am vergangenen Wochenende auf der Jahreshauptversammlung in Hamburg zum neuen Vorsitzenden bestimmte ehemalige FDP-Bundestagsabgeordnete Hermann Schwann sagt über die Zusammensetzung seiner Gesellschaft:

BAND:)

Unter den Mitgliedern gibt es eine ganze Reihe a) alter Chinesen, das heißt also alter Chinakenner - (Schmidt:) Old-Chinahands! - richtig, die mit innerer Begeisterung und Leidenschaft an den Dingen hängen, im Gegensatz zu mir, der die Dinge sehr nüchtern, sehr real sieht.
Dann gibt es daneben eine große Zahl von jungen Menschen, die sagen: Wir können doch nicht ein 700-Millionen-Volk aus unseren ganzen politischen Betrachtungen rauslassen, und ich gebe zu, daß unter den Jungen 'ne ganze Anzahl noch Jüngerer ist, die ganz gern mit Mao-Bibeln usw. zu tun haben wollen, wogegen ich nichts einzuwenden habe.
Es ist das gute Recht der jungen Menschen, sich gegen die Dummheit der alten zur Wehr zu setzen.

Sprecher:

Von jungen Menschen habe ich bei der Jahresversammlung der Deutschen China-Gesellschaft in Hamburg nichts bemerkt.

Aber die Furcht der Mitglieder vor einem roten Anstrich ist latent.

Ganz unverdient geriet die Gesellschaft jüngst in das Buch Die Maoisten, das im Frankfurter Societäts-Verlag erschien und mit der Akribie politischen Denunziantentums angebliche "Filialen Pekings in Westeuropa" notiert.

BAND:)

(Schmidt:) Mir ist aufgefallen, Herr Schwann, daß sich die Deutsche China-Gesellschaft eigentlich sehr wenig mit der inneren Entwicklung, mit der gesellschaftlichen Entwicklung in der Volksrepublik China beschäftigt.
Wie kommt das?
(Schwann:) Das hängt einfach faktisch damit zusammen, daß wir ja aus der Deutschen China-Gesellschaft nicht etwa eine Filiale oder ein Sprachorgan chinesischer Gesellschaftsentwicklungen machen wollen.

Sprecher:

"Von maoistischer Politik wollen sie nicht sprechen, von politisch angehauchten Peking-Freunden nichts wissen", so wird in dem schon erwähnten Buch eine Pressestimme zitiert, und über den Zweck der Gesellschaft schreiben die Autoren:

"Fast ausnahmslos verfolgen die heutigen Mitglieder das Ziel, Geschäftsverbindungen anzuknüpfen" - eine der wenigen wahren Anmerkungen in diesem obskuren Werk.

Zahlreiche Mitglieder der Gesellschaft stehen an der Spitze alter China-Handelshäuser.

Neben diesen handfesten wirtschaftlichen Interessen gibt es allerdings auch politische Zielsetzungen.

Sie werden vor allem von dem Journalisten Wolf Schenke formuliert, der Herausgeber der Hamburger Wochenschrift Neue Politik ist, zu den Gründern der Deutschen China-Gesellschaft gehört und in den dreißiger und vierziger Jahren als Tschiang Kai-shek-Anhänger und NS-Sympathisant aus China berichtete.

Er gilt - wie Mitglieder während der Versammlung munkelten - nach wie vor als Graue Eminenz der Gesellschaft.

Hermann Schwann sagt über die politische Zielsetzung:

BAND:)

Ein gutes Verhältnis zwischen China und Bonn bedeutet, daß sowohl die politischen Führungskräfte in Washington und die politischen Führungskräfte in Moskau übermorgen gegenüber den deutschen Wünschen im politischen Raum aufgeschlossener sein werden als sie es heute sind, wo wir uns nur als Satellit der amerikanischen und morgen möglicherweise als Satellit der sowjetischen Politik betrachten.
(Schmidt:) Das sind eigentlich taktische Gründe.
(Schwann:) Das sind nicht nur taktische, sondern es sind auch ganz nüchterne politische Gesichtspunkte, die uns in der Richtung der Unabhängigkeit, nicht nur der Bundesrepublik, sondern ganz Europas bei den Streitigkeiten der Weltmächte in eine gewisse Neutralität führen sollen.

Sprecher:

Die Unabhängigkeit von Großmächten ist auch das erklärte Ziel der Chinesen.

Jedes Land - so haben sie es nicht zuletzt soeben vor der UNO erklärt - kann bei seinem Streben nach solcher Unabhängigkeit der Unterstützung und der Freundschaft Pekings gewiß sein.

Nur - scheint mir - ist dabei nicht die Unabhängigkeit von Geschäftemachern und Spekulanten gemeint.

Und daß dies nicht Gegenstand ihrer Bemühungen ist, das hat die Deutsche China-Gesellschaft mit ihrem Muff von Chinoiserie noch nicht klargestellt!

online-Fassung

kuckuck 8
1975, Sommer

kokhaviv press:
Horst Lummert in kuckuck (kulikri)

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