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Erkenntnistheorie und politische Praxis - Seit 1973 - Redaktion: Horst Lummert
doku/text
12.11.71
Ich bin enttäuscht vom China-Kenner Wolf Schenke.
Als solchen lernte ich Sie durch Ihre gelegentlichen Veröffentlichungen in der Neuen Politik kennen.
Ihre Aussagen zum Thema China brachten uns ins Gespräch, das seinen Niederschlag in einigen von mir gestalteten Rundfunksendungen fand.
Ich selbst war in Sachen China ein Lernender - und ich bin es noch immer.
Ich meinte, in Ihnen jemanden gefunden zu haben, der aus langjähriger Kenntnis des Landes zur notwendigen Korrektur des China-Bildes beitragen könnte - ich vertraute Ihnen.
So rezensierte ich Ihr Buch Mit China allein und so schrieb ich für Ihre Zeitschrift Beiträge zu Aspekten der chinesischen Entwicklung.
Einer dieser Artikel wurde auch in Peking gelesen, und von dort kam der erste Hinweis auf die Vergangenheit des China-Kriegsberichterstatters Wolf Schenke.
Ich erfuhr, daß das "neue" Schenke-Buch auf Büchern des China-Korrespondenten Schenke basiert, die in den dreißiger und vierziger Jahren erschienen sind.
In der Bremer Staatsbibliothek erhielt ich u.a. Reisen an der gelben Front (1939), eine Ausgabe, von der Sie angeblich nichts wissen und in der Rassismus, NS-Ideologie und Tschiang Kai-schek-Verehrung vorherschen.
Ich stoppte kurzfristig eine geplante Veröffentlichung einer China-Abhandlung in der Neuen Politik und bat Sie um eine Unterredung, die im April d.J's. stattfand.
Ich hielt Ihnen vor, mir und den Lesern Ihrer China-Publikationen diese Ihre Vergangenheit vorzuenthalten und - schlimmer - nie vor sich selbst Rechenschaft abgelegt zu haben; die Wandlung des China-Feindes Schenke zum China-Freund schien mir zweifelhaft!
Sie meinten, nie eine Notwendigkeit zu einer solchen Bewußtseinsarbeit gesehen zu haben; angesichts dieser - inzwischen nicht nur von mir erhobenen und in der Öffentlichkeit bekanntgewordenen - Vorwürfe wollten Sie jedoch eventuell anläßlich des in Ihrem Verlag erscheinenden China-Buches von Cheng Tien-mu eine Stellungnahme abgeben.
Das Buch erschien, Ihre Stellungnahme blieb aus - auf der letzten Seite wird erneut Ihr eigenes Buch u.a. mit einem Auszug meiner Rezension angepriesen, obwohl ich Ihnen seinerzeit erklärte, daß mein Urteil bei Kenntnis Ihrer Manipulation anders ausgefallen wäre!
1958 warf Ihnen Bruno Frei (Peking) in seiner Rezension Ihres Buches Neue Weltmacht - China "Zweigesichtigkeit" vor.
Man muß nicht Marxist sein, um ein Freund Chinas zu werden, aber man muß aufrichtig sein!
Ich möchte Sie an ein Wort von Thomas Mann erinnern:
"Man verleugnet sein Leben, seine Erlebnisse nicht, verleugnet nicht das, was man durchgemacht hat, weil man es durchgemacht hat und - wenn nicht wesentlich, so doch willentlich - ein Stück darüber hinausgekommen ist."
online-Fassung
kuckuck 8
1975, Sommer
kokhaviv press:
Horst Lummert in kuckuck (kulikri)
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