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Erkenntnistheorie und politische Praxis - Seit 1973 - Redaktion: Horst Lummert

1975-00-00 (?)

Karl Kollmann

Die grainierte Zeit

Zur Gebrauchsästhetik

Der folgende Essay entstand aus einem langen und intensiven Briefwechsel mit Bernd Mattheus - unabhängig von dessen auf den Vorseiten abgedrucktem Diskurs zur Sprachproblematik. kkk

Die Reflexionen des ästhetischen Ausdrucks, die Überlegungen, die sich auf Kunst beziehen & durch diese über sie hinausgehen wollen, weisen heute vor allem Eines nach: Literatur, die sogenannte Bildende Kunst & ihr Analoges in moderner Form, spärlicher die Musik, sind das Letzte, was als Handhabe übriggeblieben ist. Der unmittelbare Eingriff in die Kultur ist uns seit dem Beginn der 70er Jahre verboten. & sei es nur, daß wir's uns selber verbieten, zu den vielen gequälten Erfahrungen noch etliche weitere zu sammeln, vielleicht schließlich die konsequenteste. Der direkte, gewaltsame Eingriff als Notwehr ist Ausnahme, schamhaft verschwiegen. Kunst also; das was vom exekutiven Apparat neuerdings auch hochgeschaukelt wird - dort allerdings Kultur heißt. Wobei sich Gesellschaft selber verrät, in der Art eines aufgeschwellten Freud'schen Versprechers, sprachlichen Fehlgriffs einbekennt, fungibel in der Semantik sowieso, daß sie tatsächlich kulturlos ist: bloßer technischer Mechanismus, der mit Kultur aufzumöbeln wäre. Nicht nur der Vermarktung, neuer Verwertungsbereiche wegen, auch als Beschäftigungstherapie für die regrediert gehaltenen Individuen. Das süßliche & auch darum so schmerzhafte Gestammel der Kulturpolitik spricht den Sachverhalt ohnedies deutlich aus. Die Kulturpolitiker sind am Tableau des Aktuellen die Obszönsten; widerlich wie sie mit der Ware die sie handeln, verwalten, nichts zu tun haben wollen & privat allemal noch Sport & dergleichen vorziehen.

Es ist jedenfalls die parallele Betonung von Kunst zu beobachten. Affirmativ im öffentlichen Betrieb von Regulierung & Verwaltung, & mit kritischem Akzent in den Fragmenten der Bewegung der späten 60er Jahre. Dabei ist hier der Verengung der Breite eine Ausweitung der Wahrnehmung einhergegangen. War bei den früheren Programmen & Alternativkalkülen die Ökonomie zentral & allein von Interesse, so wird heute in der kritischen Absicht jenes beobachtete Ästhetische immer zur Gesellschaft in Perspektive gehalten, Erfahrung in einem breiteren Spektrum sichtbar. Diese Verschiebung hat manche Gründe, der Impuls von Theorie her, etwa Marcuse, & der aus unmittelbarer Nur-Praxis, dem idealisierten Lebensstil des Hippiehaften, sind evident. Offensichtlich auch, daß mangels sensibilisierter Erfahrung der Großteil ins Triviale absackte, sozusagen heimkehrte, oder bei vordergründiger & falscher Agitation steckenblieb. Der gutgemeinte, darum auch hilflos naive Sequenzen-Humanismus der diversen Polit-Circel ist purer alibihafter Fetisch, Indiz & Gegenindiz für die gleiche Heimkehr ins Diffuse der Angestelltenkultur. Dem Überrest bleibt der Versuch, den ästhetischen Ausdruck als kritischen aufzuspüren. Dazu das Bemühen, sich vom offerierten Kunstbetrieb des Verwaltungsapparats zu distanzieren - was nicht schwierig ist & darum auch allzu leicht genommen wird. Welchen Wert ein Kunstwerk hat, sein Wahrheitscharakter, bestimmt sich nicht durch die vordergründige Interpretation seines Autors & dessen Adepten. Etwa in der Art, daß ein Gedicht wahr erst dadurch würde, daß es nicht in einer etablierten Zeitschrift, ein Text nicht in einem etablierten Verlag erschiene.

Egal welche Weise des Ausdrucks, wenn es ein authentischer sein soll, gehört mehr dazu als ein Minimalquantum an Intuition & phrasenhafter Verbrämung. Das technische Können, das Handwerkliche ist ebenso Bestandteil von Kunst wie die genuine Idee. An beiden ermangelt es denen, die sich heute, nach der Überwindung von Autoritätsgläubigkeit vermehrt breit tun. Mit einem Abrücken vom Etablierten & seiner Diffamierung durch die Protagonisten der Moderne glaubt sich jeder ins Recht gesetzt, nach Belieben wegzustreichen, was man nicht versteht, die Entwicklung der spezifischen ästhetischen Gattung einzuebnen & auf Handwerkliches genauso verzichten zu können. Darum wirkt Kunst heute größtenteils nicht nur pueril, sie ist es auch. Namentlich im Literarischen ist dem die Tür vollends geöffnet. Frustrierte Jugendliche & Spätpubertäre allen Alters, die ein bißchen Erfahrung zumeist noch zweifelhafter Art zusammengekratzt haben, fühlen sich bemüßigt, aufgerufen, ästhetisch produktiv zu werden. Mitteilungsdrang spricht für die Verkürzung des Bewußtseins, für den freigesetzten &. beschnittenen Spieltrieb - aber auch dafür, daß dieses Bewußtsein noch flackert, sich des Maschinenhaften zu erwehren versucht. Aber das allein ist zu wenig. Ad hoc-Lyrik mag praktikabel bei einer Flasche Wein sein, & das wäre auch schon der einzig jenem gebührende Umfang. Sie zu drucken bedeutet Absage an die Geschichte des Menschen & seiner ästhetischen Erfahrung, schlichte Verleugnung. Das Subjekt verachtet sich so unbewußt selbst & das ist die makabre Art der Dumpfheit bis heute. Aber auch das geht noch ärger, wenn nämlich der Amateurliterat über seine & ähnliche Ergüsse theoretisch zu reflektieren versucht. & sowas findet sich allenthalben, am Rand genauso wie im Zentrum des Kulturbetriebs. Hier zeigt sich, wie scheinhaft die Grenzen zwischen der sogenannten Gegenkultur & dem herrschenden Kulturbetrieb sind & waren. Dem Nachwuchsschreiberling ist Gegenkultur ein brauchbares Sprungbrett in die etablierte Szenerie. Alternative Phraserei ein Mittel, um die allgemeinen psychischen Defekte aufzupolieren: um nach ein paar alternativen Veröffentlichungen die eigene Wichtigkeit kundtun zu können, akzeptabel zu sein für Verlage & Galerien, die dann was tun, wenn der Autor schon irgendwie bekannt sich gemacht hat. Die eigene Zentralität triumphiert immer, sie profiliert sich dabei. Man läßt dieselben paar Gedichtchen in etlichen verschiedenen Zeitschriften drucken, um garantiert sich gedruckt sehen zu können, füllt so den alternativen Literaturmarkt & wechselt dann - gelingt's sich zu etablieren - in die Vielschreiberei. Beispiele für die hier beidmalige Strapaz des immergleichen Schemas sind zahlreich genug, es lohnt nicht, auch nur einige zu nennen. Natürlich mangelt's da auch bei den alternativen Editoren, aber was schert's die, Hauptsache es wird irgendwie irgendwas gemacht.

Der ästhetische Ausdruck lebt wesentlich vom Prinzip seiner Fortbewegung. Retrospektiv das Dagewesene mit Neuem zu konfrontieren - das ist Authentizität. Die Wiederbelebung des Alten nur Abfall. Möglich dadurch, daß das Publikum durchweg mit Abfall sich sättigen läßt. Simple Abhebung vom Überkommenen wärmt dieses nur auf, verfällt ihm unkontrolliert. Vereinfachung versagt überhaupt, wenn es um die Feststellung von Sachhaltigem geht.

Der Unsinn, eine Epoche einer ästhetischen Gattung, etwa die Beats, den Surrealismus usw., als einzig gültig herauszustellen, ist nur möglich, wenn krampfhaft Entwicklung & Bezug auf Gesellschaft stillgelegt, verklebt wird. Eine Epoche ist nie gültig, nur das, was sie gemacht hat. Gültigkeit fließt & spießt sich, Wahrheit kommt nicht plötzlich & irgendwie in die Welt, sie ist immer aufzufinden, mehr oder weniger deutlich. Die Fetischierung partialer Bereiche ist neurotisch, Symptom einer quasi-religiösen Selbsteinriegelung & -versicherung. Sie ähnelt nicht aus Zufall dem Verhalten in der Angestelltenkultur: im Wesen spätproletaroid, aufgemascherlt mit Hautfetzen bürgerlicher Ideologie, eines Etikett-Humanismus, der seinen Atavismus, seine Übertiertheit eindost & nur manchmal die Hülle zerfetzt. Nichtaffirmatives findet sich kaum dort, wo es sich als solches hält: an markierten Zentren. Der Glaube, daß es dort wäre, kommt vom verschreckten Gutmeinen, das dort Sicherheit vermutet. Sicherheit, weil die Realität & die Ästhetik samt ihrer Geschichte zweideutig, etwas ungeheuer erscheint.

Die Flucht ins Einfache ist naiv, sie kehrt alles Andre, das außerhalb des partiellen Bereichs sich befindet, in welchem man sich auszukennen vermeint, vorweg unter den Tisch. Der Habitus, der die Wahrnehmung gegen das Andere sperrt, ist Mißtrauen vor sich selber. Deutlich, daß die präformierte: sedimentierte Einstellung, wie sie die quietistische Sozialpsychologie als naturgegeben hinnimmt, das gewöhnliche autoritäre Verhalten, ethnozentrische Markierungen & dgl., auch hier zu finden ist: nur die Ware, an die man sich klammert, ist ausgetauscht, in ihrem Wesen jedoch ident. Genauso, wie das zwanghaft Antiautoritäre dem Autoritarismus ident ist - als psychisches Symptom.

Die Aversion gegen das Denken richtet sich dumpf auch gegen solches, das nicht quietistisch ist, weil jene Aversion unfähig ist, Unterschiede wahrzunehmen: Neurose. Sie hebt sich nicht dadurch auf, daß Gesellschaft als Ganzes neurotisch ist; Symptome, die sich erst im Bezug auseinanderhalten lassen. Jedenfalls findet sich das Nichtaffirmative nur dort, wo es sich unter einer Schutzschicht gegen Subordination sperrt - die primäre Verwertung sich gefallen läßt, um der sekundären zu entgehen. Es findet sich kaum als deklariert Kritisches, denn Deklaration ist genau das, was vermieden werden muß, um der Einordnung, Registrierung zu entgehen. Gerade aber die ästhetische Standard-Rezeption, in welcher Absicht sie auch geschieht, kürzt das Komplexe weg, liefert sich diesem & dem Gang der Entwicklung aus, bewußtlos. Klar, daß dann nicht gemerkt werden kann, daß Alternativen, so sie überhaupt möglich sein könnten, in der Entwicklung des Komplexen wurzeln. Aber das verwundert nicht mehr; es dominiert ohnedies der Glaube, Literatur, reflektorische Versuche ließen sich wie eine Ansichtskarte vom Urlaubsort schreiben, machen, wie eine Blumenkiste im Do-it-yourself-Verfahren, unabhängig von Vorkenntnis - in der Meinung, sie würde dadurch nur besser. Literatur besteht aus Form & Inhalt. Reflexion ist nicht herholbar aus Intuition, wenngleich diese das ordnende Moment darin ist. Sie ist wesentlich Neureflexion, Überholung - nicht Renovierung. In der Herstellung des Zusammenhangs von Denken & Empirie, von Möglichem & Wirklichem, von Verzweiflung & deren Ende wird das einfach Thetische zerstört, seiner Eindimensionalität entkleidet. Die Beobachtung von Geschichte stellt klar, was überhaupt erst gewußt werden kann, wie ästhetischer Ausdruck möglich ist. Auf diesem Bewußtsein ist aufzubauen. - & das ist auch Handwerk; wie die malerische Handfertigkeit, wie man einen Flügel spielt. Nur das, was man kennt, kann man beurteilen. Man muß hingehört haben, dann & erst dann kann man's verwerfen. Aber dann weiß man auch warum. Erfahrung erweitert sich retrospektiv: für das Nachfolgende. Jedenfalls bliebe das Bemühen um Totalität. Ein Versuch, wie alles übrige. Garantien gibt's nirgends, obwohl der Glaube, daß es dennoch so sei, zäh wie die zerquälte Existenz in ihrer Bescheidenheit ist.

Der Versuch, aus dem Beschränkten herauszutreten, Übersicht zu gewinnen, hat nichts mit Profession zu tun. Er unterscheidet nur den Schreiberling vom ehrlichen Autor, & den Dilettanten von dem der keiner ist, auch wenn er nur spärlich & autodidaktisch schreibt oder sonstwas tut. Dilettanten machen ihr Publikum glauben, daß die nachäffische Sequenz genügt, um unbekümmert machen zu können, daß sie sich's leisten können, das Handwerkliche im weitesten Begriff auszuklammern, oder aber nur dieses allein beherrschen zu brauchen.

Allgemein ist die Überproduktion unter Verzicht auf Qualität. Aber Quantität ersetzt halt nicht die Intensität, das Denken. Ausnahmen sind selten, Kraus ist eine davon. Aber solche wie er zählen heute, im modernsten Habitus ohnedies nicht mehr, nachdem sich der quietistische Wissenschafts- & Pseudoreflexionsbetrieb ihrer bemächtigt hat. Vor diesem kapituliert nämlich die kritische Intention, sie räumt ihm widerstandslos das Feld, aus Impotenz - aus Scheu vor Auseinandersetzung, die die praktikable, aber hohle Phrase aufdecken könnte. Ähnlich wie sich links deklarierende Studenten heute bevorzugt zweitklassige Veranstaltungen belegen, um dann weinerlich im Circel das bürgerliche Schema zu bejammern: heilfroh es sich leicht machen zu können.

Beim Versuch des Ausbruchs aus dem Partialen geht es nicht um eine stille Fetischierung des bürgerlichen & spätbürgerlichen Kunstmuseums. Nur darum, sich vor jeglicher Fetischierung zu bewahren. Kunst ist weder metaphysisch noch ideologisch, weder agitatorisch noch kontemplativ: sie ist menschlich & damit alles zusammen. Ein Reservoir nichtnormierter, a-instrumenteller Erfahrung, die sich immer erst der Konkretion erschließt, nach der Zertrümmerung der Verpackung, nach der Zerschrammung ihrer Schönen Politur.

kuckuck 8
1975, Sommer

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Horst Lummert in kuckuck (kulikri)

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