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Erkenntnistheorie und politische Praxis - Seit 1973 - Redaktion: Horst Lummert

1975-00-00 (?)

Bernd Mattheus

Jede wahre Sprache ist unverständlich

sagt antonin artaud, und ich stimme ihm zu: alles geschriebene ist schweinerei. mein mißtrauen einer sprache gegenüber, die mühelos verständigung, einverständnis über einen gegenstand bei den dialogpartnern erzeugt, einer sprache gegenüber, die sofort ganz bestimmte bilder und empfindungen im bewußtsein des perzipienten hervorruft: keine anderen als die, welche der expedient zu evozieren hofft ... rechtfertigt, daß ich wiederhole: jede authentische, jede wirkliche sprache ist n*rh~b !

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"mein denken, wenn ich etwas zu sagen oder zu schreiben hatte, war das, was mir am meisten verweigert war." erziehung ist in erster linie sprach-erziehung, ich meine, ausrichtung der apperzeption und darauf aufbauend konditionierung des verhaltens. sinnliche erfahrung, unmittelbare wahrnehmung ist uns seit unserer erziehung zum sprachbürger verwehrt, ich denke nur an die willkür des farbenalfabets. nur idealisten können von einem vorsprachlichen bereich träumen, wo dem perzipienten eine vielzahl von freiheitsgraden zur verfügung stehen. und welche vorsprachlichen, rein sensorielle wahrnehmungen kann ich denn machen? fällt, wenn ich eine farbe als farbe und niemals als geruch oder geschmack identifiziere, eine temperatur subjektiv als positiven (angenehmen) oder negativen (unangenehmen) reiz definiere und nicht als eine besondere art von schallwellen ... nicht unter das sprachdiktat?

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die entscheidende erfahrung des schriftstellers ist, sich um die illusion eines privaten, individuellen, dem willen unterstehenden denkens beraubt zu wissen. "mir fehlt die übereinstimmung der worte mit den jeweiligen augenblicken meiner zustände." die kommunikation ist für die konstruktion von wirklichkeit konstitutiv. sie initiiert die ausrichtung des bewußtseins, d.h. die vorprägung der wahrnehmungskanäle.

die materielle realität spiegelt sich im denken wider und determiniert dieses, sagen die marxisten. das denken sei folglich selbst materielle realität. zur widerspiegelung oder abbildung gehören: das abzubildende, der abbildungsmechanismus, das abbild und der kommunikative konsens, welcher das abbild zum modell des abzubildenden erklärt. "zum bild gehört die abbildende beziehung, die es zum bild macht." (1)

die materielle realität, das abzubildende oder das wirkliche ist uns durch die konstruktion des abbildenden apparates unzugänglich.

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welche prozesse sind für dieses unvermögen, sind für diese konditionierung verantwortlich? wem oder was ist die adjustierung des bewußtseins zuzuschreiben? so viel nur zur kommunikativen sprache, zum kompatiblen: wenn die normale sprache oberstes kontrollinstrument des bewußtseins ist, dann ist der normative sprachgebrauch reinforcement dieser kontrolle. es erührigt sich fast, noch einmal auf die affirmative funktion des geschriebenen hinzuweisen, sofern es verdopplung und reproduktion und naturalistische widerspiegelung, d.h. verständlich ist und sich eben noch mit sinn beladen läßt. nach den wenig befriedigenden experimenten in der avantgardistischen dichtung beginnt sich eine textur abzuzeichnen, die gegenüber der verbalen sprache auf den ersten blick von vorteil ist: die körpersprache oder bodylanguage. sie könnte allen anforderungen einer schizofrenieähnlichen privatsprache genügen, würde sie integraler bestandteil alltäglichen ausdrucksbedürfnisses. ist aber die körpersprache (gestik, körperhaltung, grimassieren, tanz etc.) in jedem fall garant authentischen ausdrucks? erfüllt er (der körper) als perzipient die forderung nach unverfälschter (wirklicher), nicht durch das filter der sprache gegangenen empfindung? oder ist die wirklichkeit noch nicht konstruiert, "weil die wirklichen organe des menschlichen körpers noch nicht zusammengesetzt sind" und der körper erst, wie artaud es wollte, neu aufgebaut werden muß nach meinem willen?

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"wenn man mir von irgendetwas sagt, es sei wahr, frage ich mich immer, welches wahre da gemeint sein könnte und inwieweit nicht der begriff, den man von einem begrenzten und objektiven wahren haben kann, das andere überdeckt, das hartnäckig aller einkreisung, aller eingrenzung, aller lokalisierung sich entzieht, und das sich letztlich dem entzieht, was man das reale nennt." ist aber das reale, das wirkliche nicht die sprache selbst? als durch konvention fixiertes system von expressiven zeichen definiert, umschreibt sie eine durch konvention errichtete wirklichkeit, die fiktiv ist und hinter der wir mit recht eine zweite und dritte und vierte vermuten.

das geschriebene als abbild sagt nichts über das abzubildende aus, sondern lediglich etwas über den stand der kommunikation, über den mechanismus der abbildung.

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die forderung der entgrenzung heißt: "keine werke, keine sprache, kein wort, kein geist, nichts".

von kreativität zu sprechen ist erst dann wieder angebracht, wenn das geschriebene nicht nur bedeutung erzeugt, sondern selbst das bedeutete ist. ich mache mir mein bild von der welt, das abbilden überlasse ich den funktionären. und "daß diese welt meine welt ist, das zeigt sich darin, daß die grenzen der sprache (der sprache, die allein ich verstehe) die grenzen meiner welt bedeuten". (2) oder: jede wahre, jede wirkliche sprache ist unverständlich.

die mittel des schriftstellers sind untauglich dazu, utopien abzubilden oder gar zu erzeugen. er kann sie nicht einmal denken, bestenfalls projektiv erfassen, denn er hält die überlieferten vorstellungen an diese zweite, andere realität und wird sie als differenz, als deviation von der bestehenden interpretieren. der rezipient erfährt etwas über das interpretationssystem des schriftstellers, er kann ablesen, welche vorstellungen dieser an l'autre monde herangeführt hat, er kann auf den maßstab des schriftstellers schließen. utopia selbst aber bleibt ihm weiterhin fremd.

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"die politischen implikationen der literaturästhetik werden darin gesehen, daß bestimmte ästhetische merkmale von texten, durch die neuartige wahrnehmungen erfahrbar werden, unter gewissen bedingungen die kognitiven charakteristika der rezipienten affizieren, und zwar in einer weise, durch die das problematisieren historisch-gesellschaftlicher phänomene unterstützt wird." (3) das selektionsprinzip, reflex des sendungsbewußtseins und des pädagogischen selbstverständnisses des ignoranten, erzeugt nicht nur fortlaufend analogien und geschlossene kreisläufe, es gebiert auch neue identitäten, neue werte. der ruf nach der verfremdung, die eine veränderung der seh- und denkgewohnheiten einleiten soll, ähnelt dem versuch, die realität dadurch zu überlisten, indem ich eine kopie des originals herstelle, diese kopie wiederum kopiere usw., und die kopie der kopien das prinzipiell andere nenne. der rezipient wird mit recht das defizit an information reklamieren. das resultat dieses kunstgriffs ist ein dürftiges: es verweist allein auf die optik des schreibenden betrachters, ist ausdruck der kapazität und der art der justierung seines wahrnehmungsapparates, keinesfalls die sache an sich. die kopie ist durch den mechanismus des kopierens determiniert.

abstand von den sprachingenieuren und den im fache der poesie dilettierenden linguisten!

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der schriftsteller wird wie ein schizofrener sein, oder er wird nicht sein.

der schriftsteller, der wie ein schizo ist, ist der vorsätzlich delirierende, der sich von sinn und bedeutung emanzipiert hat. und er sagt scheiße! zum geist, scheiße! zu einem denken, das nicht das seinige ist und das sich im kreis bewegt, ein netz aus syllogismen strickend. denken, mit dem er sich nicht mehr identifiziert und das nicht existiert, entziehe ich ihm die sprachmatrize. denn "das denkende, vorstellende subjekt gibt es nicht". (4) dieser typus zerhaut die regeln, verhöhnt sie und gebraucht die sprache, welche sich als solche noch zu erkennen gibt, wie ein schizofrener. er ist der antipode des wiederkäuenden poeten*, zugleich aber der eigentliche dichter: seine potenz liegt darin, neue inhalte, veränderte vorstellungen wie viruskulturen erzeugen und verbreiten zu können.

*Soll heißen: poheten. Vgl. Briefwechsel Mattheus/Lummert in kuckuck 12. kkk

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jede dekonditionierung des bewußtseins könnte damit beginnen, die täglichen nachrichten als science-fiction, die stützpfeiler europäischen denkens einmal als große schizofrene und de sade nicht als pornografie, sondern als kampfschrift zu lesen. dieser universumstulp kommt nicht um die notwendigkeit herum, das genre zu fliehen, den kontext zu sprengen. science-fiction stories werden die dpa-meldungen ersetzen, horror- und crimegeschichten treten an die stelle privater tragödien.

... ein prozeß, der die kontinuierliche lösung von bindungen zum ziel hat, ein prozeß der delokalisation, unter dem das gedankengut unseres jahrhunderts als das zutodegedruckte aus dem regal kippt. wir haben uns vorgenommen, dir die "fragilität deiner gedanken klarzumachen und auf welch unsicherem grund, über welchen kellern deine schwankenden häuser ruhen". (5)

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eine dekonditionierung der rezeptorvorgänge per e-meter, wie es burroughs propagiert, führt m.e. direkt in den staat zurück. die klinisch angewandte biofeedback-methode ist ja nicht training zur eliminierung, zum 'verlernen' aller verhaltensautomatismen; sondern derjenigen, die krank machen. wenn der schmerz aber signal dafür ist, daß ich nicht normal (wie ein gesunder) reagiere ... dann verzichte ich gerne auf diese methode der selbstkontrolle und -steuerung, die für den preis von normalverhalten schmerzfreiheit garantiert. ich identifiziere mich nur in dem maße mit meiner krankheit, als sie indikator für die kollektive krankheit ist, die mir als norm von gesundheit oktroyiert werden soll.

unzweideutiger, wenngleich noch utopie, sind jene strategien, die mit hilfe von tonbändern, hirnwellensendern und holografischen projektionen die versklavten sprachbürger irritieren und ganze stadtviertel von der verordneten wirklichkeit entlausen wollen.

ich denke aber nicht an einen künstler vom typ sender, der stellvertretend für alle die weichen stellt und die richtung anzeigt, während er selbst funktionabel bleibt. hier ist die rede von jenem schizofrenen, der seine schizofrenie im griff hat und sie bewußt gegen sinn und vernunft ausspielt.

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es muß endlich einmal mit der vorstellung schluß gemacht werden, daß es eine durch das recht verteidigte sprachwirklichkeit gibt. wer glaubt, diese hierarchie durch das mittel der sprache unterminieren zu können, geht in die irre. jene sprechen davon, die fiktive wirklichkeit dadurch abzuschaffen, indem sie die sprache destruieren.

ich spreche von einem prozeß der bewußtseinsveränderung (wenngleich der begriff ambivalente assoziationen hervorruft: zu praktiken nämlich, die training zur besseren anpassung ans gegebene sind). die tatsachen bleiben unerschütterliche größen, solange ich jagd auf eine externe herrschaft mache. überschreitung und schizofrenie heißt nicht regression: "sie hebt das verbot auf, ohne es zu unterdrücken". (6) eine art bruch zwischen bewußtsein und kommunikation zugunsten der erfahrung, des empfindungsspektrums: die entitäten werden bedeutungslos, wenn es nur noch entitäten gibt. ich kann mich zwar nicht mehr verständlich machen, verstehe mich aber um so besser. fremd und abgetrennt und von dualismen zerrüttet bin ich nur, wenn ich auf der seite einer kommunikation stehe, die mir fremd ist.

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die freie meinungsäußerung steht nur so lange unter naturschutz, wie man sich einer kompatiblen sprache bedient. unter diesen bedingungen habe ich nichts zu sagen.

nicht zuletzt deshalb wäre eine subversion der sprachdiktatur durch die ver-rückten wünschenswert. so gern wir auch verneinen und die aktion verbaler kraftmeierei vorziehen werden: die entgrenzung (transgression) muß das kleid des opportunismus tragen. eine gewerkschaft zwecks rehabilitierung der verrückten zu gründen wäre - vergleichsweise - das falsche mittel.

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"man kann seine (eigene) sprache erfinden, und seine sprache in einem sinn gebrauchen, der jenseits der grammatik liegt, aber es ist nötig, daß dieser sinn für sich genommen gültig ist..." artaud contra nietzsche: "es steht nicht in unserem belieben, unser ausdrucksmittel zu verändern (...) die forderung einer adäquaten ausdrucksweise ist unsinnig. es liegt im wesen einer sprache, eines ausdrucksmittels, eine bloße relation auszudrücken..." (7) als wäre eine sprache jenseits der zeichenrelation das undenkbare! wieso sollte es keine sprache und keine schrift geben, die weder abbildet noch abbild ist und nichts als sich selbst bedeutet?

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universumstulp und bewußtseinserweiterung (um die dimension der unvernunft, des wahns) als mittel zur heilung von den metaphysischen spekulationen, und als ein abstandnehmen vom ich-ideal, von der identität.

es gibt kein subjekt, keine fakten, keine tatsachen, aber es gibt das körper-ich als zeichen im dschungel von zeichen. ich stimme gegen die sprache, die diejenigen, denen sie richtschnur ist, abrichtet.

(die wahre, wirkliche und unverständliche sprache ist keine alternative zur unwirklichen, offiziellen und verständlichen sprache: die eine steht zur anderen nicht in einem verhältnis von richtig zu falsch.)

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jede subversion der sprache durch das mittel der sprache kommt ihrer aufwertung gleich. was über die sprache hinausgeht, das prinzipiell andere, darüber kann ich weder sprechen noch schreiben. "die unangemessenheit jeder rede muß wenigstens zur sprache gebracht werden." (8)

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literatur

(1) wittgenstein, 1., tractatus logico-philosophicus, frankfurt 1960

(2) ders., a.a.o.

(3) transformierung eines satzes von c.rittelmeyer, thesen zum thema politische implikationen der film-ästhetik; in: werner nekes, 1966-1973, eine dokumentation, bochum 1974

(4) wittgenstein, a.a.o.

(5) vergl. erklärung vom 27. januar 1925; in: nadeau, m., geschichte des surrealismus, reinbek 1965

(6) bataille, g., l'érotisme, paris 1957

(7) nietzsche, f., werke bd.3, münchen 1969

(8) bataille, g., conférences sur le non-savoir; in: tel quel 10.

kuckuck 8
1975, Sommer

kokhaviv press:
Horst Lummert in kuckuck (kulikri)

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