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Erkenntnistheorie und politische Praxis - Seit 1973 - Redaktion: Horst Lummert
1974-00-00 (?)
gott sei dank gibt es nicht so viele bücher, wie es straßen gibt oder häuser oder menschen.
peter rosei
in peter roseis erzählungen tauchen bestimmte bilder immer wieder auf: schreiend herabstürzende vögel, bellende hunde - metaphern für existenzielle angst, die in einer bedrohlichen umwelt, in wüsten landschaften und erbarmungslosen städten ihren ausdruck findet.
ein gutshof dient als modell für den verfall von autorität, die fragwurdig geworden ist. er ist der mittelpunkt und die stätte ihrer zerstörung durch die gnadenlosen, unaufhaltsamen wirkungen der natur. mit den gütern wird im weiteren die tradition ganzheitlicher spekulativer weltschau liquidiert, die ihre letzte, verinnerlichte ausformung in dichtung und philosophie des deutschen idealismus gefunden hat, in der formel des hen kai pan: alles in einem und das eine in allem. in ihr ist beschlossen, daß jeder teil gleichnis des ganzen sei und durch diese vermittlung alles mit allem gleichnishaft korrespondiere. das entstehende vakuum führt zur anarchie, die alles zerfressend um sich greift. der maskierung wird abgeschworen, die zerstörung wird in ihren ursprüngen und in ihrem verlauf haargenau beschrieben. die erzählungen sind beseelt vom geiste trakls und seiner föhnigen, wahnsinnsnahen verfallswelt.
arbeitslosigkeit und weltwirtschaftskrise sind nur synonyma für ein tiefer begründetes ausgeliefertsein des menschen. die natur präsentiert sich als absolut, nicht nur in ihren äußeren erscheinungsformen wie klima, vegetation, landschaft. die natur wird abstrahiert. es ist die endgültige verfassung der welt, deren schöpfungskräfte versiegt sind und die nur noch einem teuflischen zerstörungswerk ausgeliefert ist. alles in der welt, die peter rosei darstellt, verendet in einer einsamkeit, die menschen schließen sich aus der welt aus, suchen zuflucht. der blick, den peter rosei auf menschen richtet, ist voller distanz zu ihnen, er hält den abstand, der ein beschreiben ermöglicht; aber er ist nie ein denunzierender, häufig jedoch ein angstvoller, immer ein die ursache der kraftlosigkeit aufsuchender. menschen sind ihm die meßgeräte von erschütterungen, die in der landschaft ihren ursprung haben. klima, landschaft, umwelt weisen sich auf diesen meßgeräten als mörderisch aus, die gesellschaft und ihre einzelnen mitglieder verkrüppelnd, vielfache gewalltätigkeiten, körperliche und geistige defekte provozierend.
peter rosei hat nicht den trost einer ideologie bereit. die unerbittliche art der darstellung macht den parabelcharakter seiner erzählungen deutlich, ihre über den einzelfall hinausweisende allgemeingültigkeit: die genaue beschreibung eines landstriches, wobei die schilderung der außenwelt parabel für die innere landschaft einer person, für den zustand einer gesellschaft ist. das aufsteigen von talstufe zu talstufe entspricht der fortschreitenden verelendung der bevölkerung, einer lage, die in ihrer ausweglosigkeit die situation des erzählers widerspiegelt.
daß seine erzählungen zu fesseln vermögen, liegt an der rigorosen, so imponierenden wie irritierenden erzählweise. alle sprachlichen mittel werden ausgeschöpft, um die zerstörung der welt und ihre allmähliche restlose auflösung darzustellen. das assoziative moment spielt dabei eine entscheidende rolle, das unbewußte sickert in vertrautes ein.
der autor erzählt in einer sehr distanzierten und undramatischen weise. aber präzis beschreibt er unscheinbare situationen, in denen sich personen durch krankheit, durch einen verlassenen ort oder durch einen einsamen weg etwas außerhalb der alltäglichen vertrautheit bewegen. präzise und wissenschaftlich leidenschaftslos beschreibt er seine fälle. der casus macht ihn weder lachen noch weinen. rosei hat etwas von der artistischen sensibilität der archäologen. er ist unsentimental. dabei hat er gefühl.
eine minimale abweichung genügt, und das gewohnte wird bedrohlich, gefahrvoll. selbst realistische details wirken nun wie elemente eines surrealistischen arrangements. am aktuellen erleben eines zwischen den großen städten gelegenen durchgangstales werden die bedingungen, unter denen leben verläuft, offensichtlich. dieser souveränen beharrlichkeit, dieser bohrenden, langsam fortschreitenden verdüsterung entspricht das streng durchgeführte satzgeflecht, durch das sich unversehens einfache beziehungen in ein gestrüpp von abhängigkeiten verwandeln. seine erzählungen sind ein ungewöhnlicher und faszinierender ausdruck des gefühls des nicht mehr zurückkönnens und des alleinseins. peter rosei beschreibt abgelegene gegenden und ausgestoßene und randständige menschen. die menschen sind in ihrer harten animalität das logisch konsequente produkt ihrer heimat. dabei handelt es sich um ein reziprokes verhältnis. die gleichung zwischen der sogenannten äußeren und inneren landschaft geht bei rosei auf. ohne rest.
für einen vorzug halte ich übrigens, daß rosei die physische landschaft nicht vorschnell spiritualisiert und "beseelt!". seine landstriche sind bei aller phantastik und abseitigen ferne real und individuell. rosei ist mit großer hartnäckigkeit konkret. seine landstriche sind eigenartig und etwas besonderes. er verläßt sich nicht auf abbilder und landkarten. rosei geht ins gelände, weit hinaus ins land.
es wird jeweils von einem außenseiter berichtet, welcher der unbill der witterung ebenso ausgesetzt ist wie der bedrohung durch die ihm fremd gegenüberstehende gruppe, und der sich an ihrem schwächsten mitglied rächt. der sinn des gesetzes ist der zivilisierten gesellschaft verlorengegangen. rosei leuchtet also in die randbezirke des daseins hinein, um seine brennpunkte zu erkunden, um ihnen tastend näherzukommen oder auf sie wenigstens hindeuten zu können.
roseis argwöhnischer blick nimmt immer gleichzeitig mehreres wahr, so daß das einzelne seltsame unabänderliche zusammenhänge ahnen läßt. das erbarmungslose dieser erzählungen liegt im verzicht des autors auf psychologische motivierung. es wird beschrieben, nicht erklärt, wobei die kargheit der sprache ihre eigene suggestionskraft entwickelt. rosei beläßt uns nicht auf dem beobachtungsposten, in der ruhe des abgesicherten zuhörers. er hat die distanzen unentwegt verändert. er gewährt nicht die chance des sich raushaltens. die unerhörte begebenheit, die unmenschliche affäre ereignet sich eben in dem augenblick, da wir von ihr als ereignis lesen, und sie ereignet sich in dem augenblick, in dem wir das gelesene wieder vergessen.
nur eine phantastische phantasie, verbunden mit einem unbarmherzig geschulten bewußtsein der erkenntnisse und geheimnisse der welt und des menschen, vermag die kraft aufzubringen, ein solches buch zu schreiben, und die lust einzugeben, ein solches buch zu lesen und zu lieben. das nüchterne und subtile distinguieren und sezieren ergibt zuletzt doch einen starken eindruck von gebändigter trauer und melancholie. rosei geht einem nahe. sein pessimismus ist originell und eigenwillig. nicht weil man wieder schwarz trägt, hält er sich ans dunkle und bedrohliche. roseis pessimismus ist unmodisch. er ist von natürlicher richtigkeit und notwendigkeit. man spricht heutzulage so viel von einer neuen prosa, welche die zwangsherrschaft der vorgeprägten erzählerischen formen abschütteln müsse. hier ist sie. allerdings hat sie nicht die absicht, mit den ermüdeten formen auch die menschliche wirklichkeit von sich zu tun, die in ihnen verwahrt war.
keine prosa, die in sprachpantomimen und linguistischer ornamentik erleichterung sucht, sondern die noch einmal das äußerste wagt, nämlich die zeichensprache der natur zu enträtseln.
kuckuck 7
1975, Frühjahr
kokhaviv press:
Horst Lummert in kuckuck (kulikri)
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