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Erkenntnistheorie und politische Praxis - Seit 1973 - Redaktion: Horst Lummert
Im Nahen Osten droht ein 100jähriger Krieg. Der Konflikt geht in der ganzen Welt quer durch alle politischen Lager. Nach einer Periode von Gewalt und Verwirrung droht jetzt die Gefahr, daß die Öffentlichkeit dem Geschehen gleichgültig zusieht. Der Konflikt geht trotzdem weiter - Staaten, Parteien und individuelle Leidenschaften halten ihn mit Waffen, Geld und Propaganda am Leben. Wir wissen jedoch, daß im Nahen Osten, wie anderswo, der Krieg durch einen Frieden beendet werden wird, gleichgültig ob durch direkte oder indirekte Verhandlungen, durch freiwillige oder erzwungene Zugeständnisse. Da es ein anderes Ende nie gab und nicht gibt, wozu noch jahrelanges Töten? Wozu die Tatsachen verschleiern, die uns zwingen, dies zu sagen:
Wir kennen euren Hunger nach Gerechtigkeit; aber ihn ausschließlich auf Israel richten, hieße viel Ungerechtigkeit in der ganzen Welt übersehen, inbegriffen in euren eigenen Ländern. Mit all euren Bündnissen könnt ihr keinen offenen Krieg gegen Israel riskieren und ihn nicht gewinnen. Sollen eure Entwicklung und euer Glück dem Traum der Ausmerzung Israels geopfert werden? Euer Wille, die seit 1967 besetzten Gebiete wiederzubekommen, ist ebenso legitim wie eure Weigerung, euch nicht dem Gesetz anderer zu unterwerfen. Über diese Forderungen zu verhandeln, ist noch keine Niederlage; auch Verhandlungen können - die Geschichte zeigt es - zu Siegen führen; dann erst könnt ihr in Frieden den wirtschaftlichen, kulturellen und politischen Beitrag der arabischen Völker für die heutige Welt leisten.
Eure Sicherheit ist derzeit nicht bedroht - ihr wißt es. Eure Eroberungen und eure Bündnisse scheinen uns in Widerspruch zu den Idealen eurer Pioniergeneration zu stehen. Ihr ließet in harter Arbeit in der Wüste Städte entstehen und bombardiert heute Flüchtlingslager. Ihr habt eure Gettos aufgebrochen und verlassen, um euch in eine Festung einzuschließen. Ihr solltet daraus ein Land der offenen Grenzen machen - sie wären sicherer. Der Weg zum Frieden führt nicht über die Konfrontation mit den arabischen Regierungen, sondern über die Anerkennung des palästinensischen Volkes, damit es seinerseits eure eigene nationale Staatlichkeit anerkennt. Ein wirkliches Zuhause werdet ihr erst haben, wenn die Palästinenser eines haben. Das ist der Preis für den Frieden.
Ebensowenig wie die arabischen Staaten könnt ihr Israel zerstören - und ihr wißt es. Ihr könnt das Land, auf das ihr ein Recht habt, nur neben Israel errichten - für die unmittelbare Zukunft jedenfalls. Alles andere bedeutet Exil, vereinzelte Guerilla-Aktionen, spektakuläre, aussichtslose Attentate, ohne Zukunft. Vor dem Krieg von 1967 wart ihr das Alibi der arabischen Politiker, die euch in den Lagern beließen, in die euch die Israelis getrieben hatten. Ihr wurdet für die arabischen Massen zum Signal, doch die Großmächte benutzten euch nur und die arabischen Regierungen tolerieren oder massakrieren euch. Die Demütigung, die ihr empfindet, haben die Juden jahrhundertelang empfunden. Ihr wißt, daß sie sich in ihrem neuen Land eher töten lassen, als daß sie es aufgeben. Ihr seid es, die den schlimmen Gang der Geschichte, der Kompromisse erst dann ermöglicht, nachdem sich Menschen getötet haben, ändern könnt. Der Kampf für einen palästinensischen Staat ist keine Kapitulation, sondern ein realistisches Ziel. Bis auf die Kriege, die dadurch zu Ende gingen, daß es keine Kämpfer mehr gab, endeten alle Kriege, auch die sinnlosesten und ungerechtesten, am Verhandlungstisch. Laßt uns an diesem Frieden arbeiten.
Wir versuchen damit nur, die Verzerrungen zu beseitigen, die die Positionen aller Parteien im Mittleren Osten belastet haben. Einzuräumen, daß die eine oder andere Voraussetzung zutrifft, mag jedem leichtfallen, gleich auf welcher Seite seine Neigungen und Abneigungen liegen. Was uns allen schwerfällt, ist, alle drei Punkte zusammen anzunehmen: sie sind nicht voneinander zu trennen.
kkk - Die Zahl der Unterzeichner ist so groß, daß hier nur ganz wenige genannt werden können: Hannah Arendt, Ernst Bloch, Noam Chomsky, Günter Grass, Walter Jens, Friedrich Heer, Henri Lefèbvre, Günther Nenning, Mikis Theodorakis.
Ich denke, daß man sich dem Appell, der bereits im August veröffentlicht wurde, anschließen muß: vollinhaltlich, Wort für Wort. Darum diese Wiederholung.
Horst Lummert
kuckuck 1
1973, Herbst
*fehlt in der Buchausgabe
kokhaviv press:
Horst Lummert in kuckuck (kulikri)
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