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Erkenntnistheorie und politische Praxis - Seit 1973 - Redaktion: Horst Lummert

1999-00-00

Horst Lummert

Moses und die Offenbarung der Demokratie *

* 1998 by Rowohlt Berlin

Hannes Stein schreibt ähnlich dem kuckuck wider den Zeitstrom und seine neue Religiosität.

Eine Berührung gibt es seit 1996.

Hannes Stein ist jedenfalls einer der so wenigen, daß man sie an den Fingern einer Hand abzählen kann, die die aktuellen Ideologien wirklich durchschaut haben.

Kulturanthropologisch knüpft er zunächst bei dem (mittlerweile wohl lernfähigen) Heinsohn an, um dann aber schnell zur Sache zu kommen.

Am Schluß bedankt sich der Autor bei einer Reihe von Dozenten, Wissenschaftlern, einem Jerusalemer Rabbi.

Bei Paul Badde (München) für die Lizenz, ihn hemmungslos zu beklauen...

Es wird Zeit, die richtigen Gedanken auch einmal von mehr als zwei Leuten gedacht und aufgeschrieben zu finden.

Bei aller Interdependenz in Angelegenheiten des Geistes:

Hannes Stein ist ein Bekenner, Jahrgang 1965, studierte in Hamburg Anglistik, Amerikanistik und Philosophie, war Mitarbeiter der FAZ und des Spiegel und schreibt heute für die Berliner Zeitung.

Er lebt in Jerusalem.

Ein überzeugter, ja leidenschaftlicher Verfechter der westlichen, parlamentarischen Demokratie.

Seine These, und es ist die These des kuckuck:

Die Torah ist das Eine Licht "zwischen Finsternis und Finsternis".

Aus ihrem Gesetzesgedanken wächst konsequent der demokratische Rechtsstaat.

Dieses Licht ist in Gefahr, ausgelöscht, zumindest aber unter den Scheffel gestellt zu werden.

Mit Beruf auf Kardinal Ratzinger sieht er in der Rejudaisierung des Christentums, insonderheit des Katholizismus, eine Möglichkeit der Rettung für die judäo-christliche Idee, den biblischen Monotheismus.

Die Differenzen zwischen Christentum und Judentum sieht er eher läßlich als Folge der allzu frühen Wiederkehr der heidnischen Götter.

Sein Denkansatz ist christlich, wahrscheinlich römisch-katholisch, ja, fundamentalistisch.

Er schreibt nicht wie ein Jude, sondern als Christ, der in der Rückbesinnung auf die alttestamentarischen Quellen die Erlösung der Kirche und der Menschheit erblickt.

Hierbei geht er keinen Schritt vom Gesetze ab.

Ratzinger spricht über das umstrittene Buch (die Heilige Schrift Israels) ohne falschen Besitzanspruch, er meint: "... wir müssen neu lernen, es recht zu lesen."
Ein großer, schlichter Satz.
Zur Zeit der spanischen Inquisition wäre der Kardinal auf dem Scheiterhaufen gelandet.
Womöglich ist dieser Joseph Ratzinger ein Esra, der das katholische Gottesvolk von den Völkern der Länder scheidet ob ihrer Greuel.
Ja, er polarisiert; er teilt ein, und er teilt aus.
Er sagt: Diese da gehören nicht zu uns, und jene dort wohl (auch wenn sie es selber gar nicht wissen).
Er macht es wie die Bischöfe im Mittelalter, als der Mob anrückte und nach dem Blut der Juden schrie: Er verschließt die Palasttore...
Auf die Frage aber, wie viele Wege zu Gott führen, reagiert der Kardinal mit verblüffender Nonchalance: "So viele", sagt er, "wie es Menschen gibt." (190).

Die Rettung des Gesetzes ist der Rechtserhalt des Individuums, die Garantie seiner Freiheit.

Dieses wesentliche Element in der Entwicklungsgeschichte der Menschheit ist tatsächlich ein Ertrag westlicher, judäo-christlicher Zivilisationsarbeit.

Es verleiht der im letzten Grunde demokratischen Kultur ein Höchstmaß an Legitimation.

Alle anderen geschichtlichen Hervorbringungen müssen sich daran messen lassen.

Der Apostel Paulus (Kapitel: "Saulus/Shaul") ist "ein Nachkomme Abrahams" und "ein Prophet der Völker".

Seine

geniale Umdeutung der Niederlage Jesu hat bewirkt, daß die hebräische Aufklärung die Grenzen ihrer eigenen Kultur überschreiten konnte...
Die monotheistische Idee ergriff die Massen und wurde zur materiellen Gewalt (62).
Jene Juden, die sich Jesus verweigerten, spielten im göttlichen Plan des Paulus vorerst keine aktive Rolle mehr. Sie traten von der Bühne des Heilsgeschehens ab (64).

Aber,

die Juden wurden noch dringend benötigt: als Zuschauer. Nur sie konnten bezeugen, daß die historische Entwicklung noch nicht abgeschlossen war (64f.).

Maimonides

war der Ansicht, daß der Regisseur, der in den Höhen thront, sich einer List bedient, um die Menschen auf den richtigen Weg zu locken: Sowohl der Irrglaube der Christen als auch die Lügenreligion (?? - kkk) Mohammeds seien Gottes Werk.
Zwar hätten die Entstehung des Christentums und des Islam viel Leid über die Juden gebracht - aber dieses Unglück, meinte der Philosoph, werde der Menschheit schließlich zum Segen gereichen.
Die beiden Tochterreligionen (!! - kkk) des Judentums dienten, ohne es zu wissen oder zu wollen, jüdischen Interessen.
Dieser Gedanke, der sich in der Mischne Thora findet, einem Werk, in dem Maimonides das jüdische Gesetz nach rationalen Maßstäben kodifizierte, war für Christen und Muslime kaum erträglich.
Der entsprechende Passus wurde darum aus den gedruckten Ausgaben getilgt und hat sich nur handschriftlich erhalten.
Er lautet: Alle Dinge, die Jesus, den Nazarener, betreffen und jenen Ismaeliten, der nach ihm aufstand, dienen nur dem Zweck, dem König Messias den Weg zu ebnen und die ganze Welt einzurichten, Gott einmütig zu dienen... Wie? Bereits ist die ganze Welt voll von Dingen, die den Messias und die Thora betreffen. Und diese Dinge sind bis auf entfernte Inseln und bei vielen Völkern verbreitet... Aber wenn der wahre Messias aufsteht..., werden sie... erkennen..., daß ihre Propheten... sie in die Irre geführt hatten.
Im Neuen Testament heißt es: Die Ersten werden die Letzten sein.
Und so ist es bei Saulus: Die Juden müssen bis zum Jüngsten Gericht auf den Zuschauerbänken Platz nehmen.
Die Heiden, die sich zu Christus bekennen, dürfen sich vor ihnen spreizen, weil sie Gott nun näher sind.
Für Maimonides aber gibt es "in dieser göttlichen Komödie eine doppelte Ironie", wie der jüdische Religionswissenschaftler Daniel Krochmalnik anmerkt.
Die Christen sind schlau und glauben, daß sie Gott auf ihrer Seite haben, aber Gott ist schlauer: Er foppt die Anhänger des falschen Messias aus Nazareth - mögen sie noch so felsenfest davon überzeugt sein, daß sie das göttliche Skript kennen.
Denn heimlich waren die Letzten (die verstockten Juden) immer die Ersten geblieben.
So stehen "die vermeintlich Ersten, die sich ihres Vorrangs stets gerühmt haben", am Ende als die Dummen da - ohne Applaus müssen sie von der Bühne ziehen (65f.).

Mit ernsten Folgen.

In einem Flugblatt von 1848 heißt es:

Die Christen, die keinen Christenglauben mehr haben, werden die wütendsten Feinde der Juden sein... Wenn das Christenvolk kein Christentum... mehr hat..., dann, Ihr Juden, laßt Euch Eiserne Schädel machen, mit den beinernen werdet Ihr die Geschichte nicht überleben! (168).
Im Talmud steht: Als Gott den Juden die Zehn Gebote gab, kam der Haß in die Welt.
Denn nicht nur am Berg Sinai war die göttliche Stimme zu hören, sie hallte in sämtlichen Winkeln der Erde wider.
Alle Völker konnten seither wissen, welche Forderung an sie gerichtet war - eine Zumutung, die nie verziehen wurde.
Hitler und die Seinen zogen daraus die Konsequenz.
Sie wollten der Stimme vom Sinai die Kehle zertreten und wieder gesunde, blonde Heiden werden (178).

Und heute?

Hat der Nationalsozialismus seine militärische Niederlage überlebt?...
Das erste, was dem besorgten Zeitgenossen dazu einfällt, sind die neofaschistischen Parteien Europas...
Politische Parteien haben aber immerhin den Vorzug, daß sie sichtbar sind.
Gefährlicher ist jenes nationalsozialistische Gedankengut, das im Verborgenen blüht - sei es in den Gärten des New Age oder in den Gewächshäusern des weltanschaulichen Vegetarismus; sei es im diskreten Kult, den radikale Tierschützer um unsere vierbeinigen Freunde errichtet haben, oder in jenen feministischen Tempeln, wo das Mutterunser gebetet wird und Juden unerwünscht sind (179f.).
Der Ökologismus hat gute Aussichten, zur neuen Staatsreligion zu werden; wenn er es nicht längst geworden ist.
Ein ganzes Volk läßt sich verdonnern, grüne, braune und weiße Flaschen zu sortieren, Zeitungen, Blech und Plastiktüten auseinanderzuklauben und Biotonnen aufzustellen - dies, obwohl jeder weiß, daß das Altpapier meist nur zum Verrotten gut ist, das Weißglas sowieso mit dem Buntglas im selben Schmelzofen landet und Plastik gar nicht recycelt werden kann.
Wie nennen wir eine Handlung, die neurotisch zwanghaft wiederholt wird, ohne daß sich ein vernünftiger Grund für sie angeben ließe?
Es handelt sich um ein Ritual...
Das Mülltrennungsritual mag kompliziert erscheinen, die von ihm ausgesandte Botschaft ist es nicht. Sie lautet einfach: Ich mache mit.
Ich gehöre dazu.
Ich bin einer von den Guten.
Daß sich hierin totalitäre Mentalität offenbart, versteht sich von selbst: Das deutsche Müllritual ist das Fundament einer neuen Volksgemeinschaft...
Die grün-esoterischen Natur- und Katastrophengötter haben die sinnliche Evidenz und die Plausibilität auf ihrer Seite.
Man muß nicht über okkulte Fähigkeiten verfügen, um zu sehen, daß ihre Macht weiter zunehmen wird.
Der Gott Abrahams, Isaaks und Jakobs (und des Apostels Paulus) sieht dagegen ziemlich alt aus.
Auch seine eigene Lobby läßt ihn immer mehr im Stich...
In Gestalt des innigst geliebten deutschen Theologen, des antisemitischen Fernsehpredigers Eugen Drewermann, ist diese Tendenz gleichsam Fleisch geworden (186 ff.).

Bleibt der Islam.

Hannes Stein hat sich mit dem Islam nicht anfreunden können.

Er macht sich auch nicht die Mühe, ihm halbwegs - theologisch, religions- und kulturgeschichtlich - gerecht zu werden, und ich fürchte, dies ist die Laufmasche in seinem Gestrick.

Der Islam hat nämlich zum freien Europa seinen Beitrag geleistet.

Er hat das Christentum auf den Weg der Zivilisation geführt, hat die Naturwissenschaften, die Mathematik, den Städtebau, die Medizin bereichert.

Er hat dem christlichen Europa vorgeführt, was Reinlichkeit, Licht auf den Straßen und schöne Architektur zur Humanisierung der Gesellschaft beitragen.

Der Islam brachte Licht und eine neue Geistigkeit nach Europa.

Durch ihn erhielt die griechische Philosophie Fleisch und Blut.

Die Kreuzzüge zeigten der christlichen Zivilisation ihre Grenzen.

Damals erlebte das Abendland seinen gewaltigsten Kulturschock, der sich ähnlich nur noch in Mittelamerika wiederholte, wo die Christen aber gleich anders verfuhren, indem sie die Spuren der maya-aztekischen Überlegenheit sofort in Trümmer legten, was ihnen freilich nicht vollständig gelang, so daß wir heute Kenntnis davon haben.

Der europäische Haß auf die Juden resultiert großenteils aus der Ohmacht des Abendlandes gegenüber dem islamischen Hauptfeind, dem jüngeren, dafür um so mächtigeren Bruder der altehrwürdigen Religion der Hebräer.

An dem Gott Israels und Ismaels rannten sich die Christen ihre Köpfe blutig.

Dafür mußten die unbewaffneten Diaspora-Juden büßen.

Hannes Stein möchte sich bzw. dem Christentum nun die wahre Lehre der Juden gutschreiben.

Das widerspricht aber jeglicher geschichtlichen Logik.

Der Bilderkult der West- und Ostkirchen ist ein eklatanter Bruch mit dem toranischen Gesetz, von der Vergöttlichung des Nazareners ganz zu schweigen.

Ich will nicht so weit gehen, die christliche Religion als heidnisch zu bezeichnen, zu stark wird mit den Evangelien der biblische Geist vermittelt, aber die heidnischen Beimischungen sind unübersehbar.

Der Islam ist dagegen fast unbefleckt.

Auch in ihm spielen heidnische Kultelemente ihren Part; das belangt allerdings nicht die Hauptströmung der Sunna.

Das historische Auftreten Gottes hat sich auch islamisch manifestiert.

Die Geschichte der islamischen Länder und Völker spricht gegen jede anderslautende Deutung.

Im islamischen Denken tritt das Bewußtsein von Ewigkeit und unabdingbarer Wahrheit stärker hervor.

Der menschliche Wille ist von alters her durchschaut als ein zweckloses Mühen.

Der Orient hat vom Okzident in dieser Hinsicht nichts zu lernen.

Der Westen ist allerdings schon dabei, seine Willenskraft als einen oft unnützen Energieaufwand zu begreifen.

Wie der Westen damit fertig zu werden versucht, ist freilich von westlicher Art.

Befreiungsakte als eine List des Schicksals zu verstehen, liegt dieser Mentalität nicht im Sinn.

Vielleicht haben wir hier ein Problem mit der "nordischen Rasse".

Die Zukunft des Krieges in dem Kapitel zur Rolle Esther - Seiten 69 bis 87 - wird letztlich, sage ich, in der Welt von Geist und Religion, Philosophie und seelischer Konsistenz entschieden.

Ob wir uns wehren oder kapitulieren: das principium individuationis weiß die Antwort darauf.

Die Entscheidung zwischen dem "führenden deutschen Intellektuellen" Hans Magnus Enzensberger und dem Franzosen André Glucksmann fällt mir nicht schwer.

Enzensberger ist der typisch deutsche Neutralist, der sich tunlichst aus allem heraushalten möchte, um hernach desto plumpsiger reinzufallen.

Glucksmann zeigt die Zähne und hebt seine Klauen.

Bis hierher und nicht weiter.

Der Mensch hat seine Tabuzone zu jedermanns Achtung.

Er ist bisher mit allem fertig geworden.

Wir werden auch mit dem individuellen Terror fertig werden, so oder so.

Wir kämpfen nicht, weil wir kämpfen wollen, sondern weil und wenn wir es müssen, weil Gott es so will.

Was dem Europäer eine Redensart, ist für Israel und Ismael eine Grundwahrheit.

Drum verachte, Ismael, die Torah nicht!

Bei Gott!

online-Fassung

kuckuck
feder 25/26
I./II. quartal 1999
26. Feb. 1999

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