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Erkenntnistheorie und politische Praxis - Seit 1973 - Redaktion: Horst Lummert

1998-00-00

Horst Lummert

Zu Prophetie und Transzendenzen politischer Handlungen

Nach seiner Auseinandersetzung mit Gerd Lüdemann in kkk-feder 21/22 kommt Hermann Schaber endlich auf sein "Projekt Israel" zu sprechen.

Die Entdeckung einer "Seelenverwandtschaft" mit Erich Knapp könnte dazu animieren, Übereinstimmungen in den Vordergrund zu stellen, die aber nur partiell zutreffen.

Knapp und Schaber arbeiteten eine Zeitlang in der "Friedensbewegung" zusammen. Beide hatten unterschiedliche Beweggründe und auch konzeptionell widersprüchliche Handlungsabsichten.

Gemeinsam waren sie initiativ bei der Strafanzeige gegen die Bundesregierung. Schaber hat darüber berichtet, im kuckuck ist dazu einiges dokumentiert worden. Ich nehme die Gelegenheit wahr, etwas klarzustellen, falls es nicht ohnehin längst klar sein sollte.

Ich bin keineswegs der Meinung, daß die Strafanzeige gegen die Bonner Regierung wegen der Nachrüstung historisch und gar vor Gott von Bedeutung gewesen sei.

Es war eine politische Scharlatanerie, die auf den Wogen einer hysterisierten Medienöffentlichkeit die Demagogie auf die Spitze treiben wollte; doch vor Gott zählt das ebensowenig wie die Spinnereien über das Ozonloch, das Waldsterben, das Umkippen der Meere und was an Unsinn sonst noch die Welt zu regieren und zu dirigieren versuchte.

All diese Kindereien, die gleichwohl als gemeingefährliche Polit-Harlekiniaden abzuwehren waren, sind von der Geschichte, und das heißt: von Gott als dem Herrn der Geschichte (wie aller Zebhaoth auf Erden und in deren außerirdischen Bedingungen) widerlegt worden.

Gott gewichtet nicht nach Beweggründen.

Was für ein Gottesverständnis, das sich vermeintlich auf die Torah beruft?

Und was für eine Auffassung von Prophetie, die nicht bedenkt, daß die Unterscheidung zwischen falschen Propheten und ihren berufenen Schattenwerfern genau darin besteht, es macht geradezu ihre wechselseitige Definition aus, daß sie von den Ereignissen bestätigt oder eben widerlegt werden.

Und die ganze "Friedens"-Flöterei der siebziger und achtziger Jahre läßt sich bei Hesekiel mit Schimpf und Schande belegen.

Was ist der gute oder der böse Wille vor Gott, der die Täuschung und die Selbsttäuschung gleichermaßen bestraft.

Es genügt, sich unter den Trümmern falscher Vorhersagen und Kassandrarufe wiederzufinden.

Aus solchem Katastrophen-Polit-Einmaleins ist kein messianischer Funke, sondern nur tiefste Finsternis zu erwarten.

Wer Knapps "verleumderisches Treiben" als auf "hohem Niveau" beschreibt, hat nicht nur die Maßstäbe, er hat vor allem sein Augenlicht verloren.

"Wenn ich Jeremia bin", schreibt Schaber frohen Muts, "dann ist Erich mein Gegenspieler."

Wie das?

Den "Nazi" sieht Erich in mir. Aber in seinem bösartigen Theaterstück greift er Sie an, weil Sie mir mit Ihrer analytischen "Revisionismus-Interpretation" (kkk-feder 6) die Argumente für meine unbequeme prophetische Antwort "Heiliger Krieg..." (kkk-feder 13) an die Hand gegeben haben - den apokalyptischen "Schlüssel zum Abgrund" gewissermaßen.

Nun, das mag schon so sein, freilich auf eine Weise, die für Schaber so etwas wie eine transzendentale Überraschung sein könnte.

Seine "prophetische Antwort" auf meine "Revisionismus-Interpretation" ist die, wenn wir schon mal dabei sind, eines falschen Propheten, der, wie er durchaus richtig erkennt, die "Meute" geweckt hat.

Ein Prophet weckt aber nicht die Meute, er weist sie in die Schranken.

Die falsche Prophetie des Hermann Schaber beruht von Anfang an auf seiner Fehlausbeutung meiner Revisionismus-Interpretation.

Er nahm sich, was er für "Gold" hält, aber es ist nichts wert, was er sich nahm, und das Werte hat er füglich übersehen und überhört (!).

Da ähnelt er in der Tat seinem "Seelenverwandten", der in meinem Satz,

daß die Rehabilitierung Deutschlands die Rehabilitierung Adolf Hitlers einschließt, ja mit ihr geradezu identisch ist,

den immanenten unversöhnlichen Gedanken nicht entdeckt hat, daß nämlich Hitlers "metaphysische Judenfeindschaft" seine Rehabilitierbarkeit ausschließt.

Der Satz hat zwei Seiten, und Deutschland hat sich dieser Konsequenz zu stellen.

Hitlers und Knapps und, wie ich nun sehe, auch Schabers metaphysische Voreingenommenheit hat, wie ich meine, vor Gott ernste Folgen.

Was schrieb ich in kkk-feder 6?

Da ist bereits vom "heiligen Krieg" die Rede, nämlich mit Bezug auf die "jüdische Kriegserklärung" vom 24.3.33 im Daily Express ("Judea declares war on Germany"):

Ganz Israel erhebt sich in Zorn gegen den Nazi-Angriff auf die Juden. Adolf Hitler, der durch einen Appell an den elementaren Patriotismus zur Macht gelangte, macht auf eine Art Geschichte, wie er sie am wenigsten erwartet hat. Indem er daran dachte, nur die deutsche Nation zum Rassebewußtsein zusammenzuschließen, weckte er das ganze jüdische Volk zur nationalen Wiedergeburt.

Im Anschluß an dieses Zitat heißt es bei mir:

Von "deutscher" Seite ist regelmäßig zu hören, daß "die Juden" damit grundlos einen heiligen Krieg vom Zaun gebrochen hätten.
Die Heiligkeit beruht auf der Tatsache, daß der Nationalsozialismus seine historische Mission, den "Mythus des 20sten Jahrhunderts", als einen Generalangriff auf den "jüdischen Geist", zur Vernichtung des Judentums als einer geistigen Weltmacht, verstand.
Diese "deutsche" Herausforderung ist "jüdisch" angenommen worden.
Das Judentum beweist damit seine welthistorische Kompetenz, nicht zuletzt seine politisch-strategische Überlegenheit.
Nach jüdischem Verständnis war der Nazismus nur mit dem toranischen Ur-Feind Amaleq gleichzusetzen. Auch der Begriff Holocaust weist in die teleologische, heilsgeschichtliche Dimension.

Aus diesem Beitrag klaubt Hermann Schaber sich die Argumente für seine "prophetische" Erwiderung: "Heiliger Krieg - und kein Ende? Eine Antwort aus biblischer Sicht" in kkk-feder 13.

Im übrigen stützt sich sein Artikel vor allem auf die Gaskammer-Frage und auf sie bezügliche Passagen in meiner "Interpretation".

Er sieht darin eine Art Zäsur.

Angesichts der für "Meinungsdelikte" geübten einschüchternden Rechtspraxis verhält es sich bei dieser klärenden Antwort wie mit dem magischen "Schlüssel Davids", von dem es in Offenbarung 3/7 heißt: "Wo er öffnet, kann keiner mehr zuschließen, kann keiner mehr öffnen."
Diese Schlüsselantwort, die zum jetzigen Zeitpunkt nur ein sich zum Judentum Bekennender geben konnte, führt das Unbegreifliche und Unerklärbare, das bislang die Holocaustdarstellungen dominierte, auf eine spezielle "Roman-Literatur" zurück, deren Inhalt nicht mit wissenschaftlichen Wahrheitsanforderungen gemessen werden kann.

Es folgt ein längeres Zitat aus meiner Arbeit, diese Literatur betreffend, und eine verständige Ausführung über geschichtliche Dialektik, wie sie in der Torah immer wieder geschildert wird.

Der Autor kommt dann auf den Partisanenkrieg zu sprechen, auf die Zahl der durch Partisanen getöteten deutschen Soldaten: 500.000.

Schaber zweifelt nicht daran, daß die Deutschen im Verhältnis 1:10 "meist jüdische" Geiseln erschossen.

So

ergibt sich daraus allein schon die Zahl von 5 Millionen zivilen Opfern, die mit der bisher genannten Anzahl von Holocaust-Opfern weitgehend übereinstimmen.

Zugleich sieht er darin den wesentlichen Unterschied zu den sonst genannten Gaskammertoten.

Die Geiselerschießungen widersprachen in der Tat nicht der damals geltenden Haager Landkriegsordnung, und somit waren diese Vorgänge legal und alles andere als einmalig in der Geschichte. Bleibt die Frage, warum es "meist jüdische" Geiseln sein mußten.

Schon damals weist Hermann Schaber auf die "brutale Willkür und Ungerechtigkeit" der "Herrschaft des Stammes Juda" hin.

Wer nun aber in dieser biblischen Dimension argumentiert, kann nicht einfach die "metaphysische Judenfeindschaft" übergehen, wo es um die "historische Einmaligkeit", um "Vergleichbarkeit" oder "Unvergleichliches" geht.

Der Theologe Schaber darf hier gerade nicht relativieren, und das tut er am Ende auch nicht mehr, indem er nämlich Partei ergreift gegen "Juda" und damit genau den "heiligen Krieg" anstrengt, gegen den er sich immer dann wendet, wenn diesbezügliche Erwägungen von der anderen Seite kommen.

Die Nichtrehabilitierbarkeit hat hier tatsächlich ihren "Schlüssel zum Abgrund".

Das hätte Hermann Schaber, wie gesagt, wissen müssen. Denn in dem von ihm herangezogenen Heft kkk-feder 6 verweise ich ausdrücklich auf den Beginn des Nazismus:

Die böse Saat war in den dreißiger Jahren gesät und ging auch gleich auf... Im Anfang war das Wort. Die Deportationen waren nur die logischen Folgen dieser Erstlingssaat... Der Gott des Wortes achtet auf die Sprache.

Und auf der profan-politischen Ebene:

Daß nun aber dieser Gaskammer-Frage in jüdischen und antifaschistischen Kreisen ein so hohes Gewicht beigemessen wird, liegt an der engen Verflechtung dieser Kreise mit dem ehemaligen Sowjetsystem.
Ohne Gaskammern, ohne die systematische, industriell organisierte und durchgeführte Ausrottung der Juden, ist das NS-System nicht mehr singulär im Zwanzigsten Jahrhundert. Bereits der Historikerstreit der achtziger Jahre zeigte vornehmlich diesen Aspekt.

Das ist eine politische Frage, kein jüdisches Problem. In der Geschichte der Hebräer gibt es in dieser Hinsicht nichts grundsätzlich Neues unter der Sonne, auch nichts Erstmaliges oder Einmaliges. Es ist alles schon mal dagewesen.

Schließlich zum politischen Mißbrauch solcher Anlässe:

Die treibenden Kräfte der Entdemokratisierung, der schleichenden Entrechtung per Gesetz, Vertrag und Verfassungsgerichtsbarkeit, sind, sieht man es soziohistorisch, die Erben der alten und der neuen höheren und mittleren Bonzenschichten aus zwei Diktaturen in Deutschland.
Zwei demokratiefeindliche Vergangenheiten zehren an der demokratischen und rechtsstaatlichen Substanz der Bundesrepublik Deutschland. Sozialisten und Nationalsozialisten machen Hand in Hand tabula rasa mit der Demokratie. Sie haben nur eines im Kopf: das System abzuschaffen. Was aber an Systemen abzuschaffen war, ist abgeschafft worden. Was sie abschaffen wollen, ist nach wie vor erhaltenswert.

In seinem Brief an Abdulmalik Konz erinnert Erich Knapp

an unser großes Vorhaben: Die Fundamentalopposition gegen das System, ob links oder rechts oder ökologisch, in Arbeitskonnex mit dem globalen Islamismus zu bringen (kkk-feder 21/22, Seite 62).

Darauf wollen wir achten.

Das jüngst auch in deutscher Sprache erschienene Schwarzbuch des Kommunismus erinnert vielleicht zur rechten Zeit an die verbrecherische Größenordnung, in der wir uns da bewegen. Es gibt allemal Gründe, zu vertuschen und mit dem Drohfinger auf andere zu zeigen.

Hermann Schabers "messianische" Vorstellungen tragen nun abermals, sagen wir, Elemente des Teufels in sich.

Schaber und Knapp sind keine Demokraten, das ist unser Problem. Nur Schaber arbeitet genauer und gründlicher als Knapp. Knapp gibt sich zu viele Blößen.

Er redet von "Geschichtsrevisionismus" und "Auschwitz" und "Holocaust" und von "Leugnung" dieses und jenes... Aber er macht es sich zu einfach. Darum macht es keinen Spaß mit ihm. Er kennt nicht einmal die einschlägigen Gesetzestexte, weiß nicht, wie man beantwortbare Briefe schreibt und halbwegs ordentlich und triftig Strafanzeige erstattet.

So füllen sich seine Ordner, und die Galle läuft ihm über. Den wirklichen Mängeln unserer Justiz konmt er damit aber keinen Schritt näher. Die Märchen, die er über mich erzählt, sind im kuckuck immer wieder gern gesehen. Auch andere erzählen ihre Geschichten, und sie machen es nicht einmal schlechter als er.

Am bedenklichsten erscheint mir Schabers Idee oder Plan, eine religiöse "Erweckungs- und Erneuerungsbewegung... ins Dasein zu rufen mit organisatorischen Schwerpunkten...".

Dabei sei

stufenweise folgerichtig vorzugehen: Zuerst die umfassende und allgemeinverständliche Darstellung des biblisch-heilsgeschichtlichen Anliegens. Dazu gehört die Entschlüsselung der gesamten biblischen Symbolik.
Sodann ist anhand wissenschaftlich nachweisbarer Erkenntnisse aufzuzeigen, was bisher im Vergleich zu den Vorstellungen und Zielen der Bibel verkehrt gelaufen ist bzw. bewußt fehlgesteuert wurde und warum es verkehrt verlaufen ist bzw. fehlgesteuert werden konnte mit all den furchtbaren Folgen, die heute global sind und zunehmend jeden erfassen.
Schließlich ist unter Hinweis auf biblische Prophetie und Verheißung (z.B. Daniel 7,18) konkret dazu anzuleiten, wie das ausschließlich auf der Grundlage von freien Zusammenschlüssen organisierte "Volk des höchsten Gottes" konkret, organisch zwanglos, aber unaufhaltsam und zügig die Macht in allen Lebensbereichen ergreifen und die Herrschaft festhalten kann "bis in alle Ewigkeit" ("Ewigkeit" im nüchternen Verständnis einer für Menschen unabsehbaren Zeit).

Bedenklich, weil Schabers Überlegungen von einem Grundverständnis ausgehen, das mir höchst zweifelhaft erscheint.

Zunächst der Gedanke, eine "Bewegung" ins Leben zu rufen und zu organisieren, anhand biblischer Schriften aufzuzeigen, was falsch gelaufen ist, wie es richtig gemacht werden muß, um "organisch zwanglos, aber unaufhaltsam und zügig" die Macht zu ergreifen, die Herrschaft festzuhalten "bis in alle Ewigkeit".

Ein abstruser Gedankengang, der mich irgendwo auch an den jüngst proklamierten "führerlosen Widerstand" der Neo-Rechten erinnert. Doch nicht genug.

Offenbar soll mit der Bibel als Handlungsanleitung eine bisherige Herrschaft gewissermaßen mit deren eigenen Mitteln abgelöst werden.

Die auf biblischer Verheißung gegründete Schreckensherrschaft des "Hauses Juda" über Israel und alle Völker der Welt kann und wird es in dem jetzt anbrechenden "messianischen Reich" nicht mehr geben. Damit ist auch der zweifelhafte Begriff "Juden" endgültig abgetan.

Gottes Ordnung ist zu achten, seine Gebote sind zu befolgen.

Dies gilt für alle Gebote mit Ausnahme der "Beschneidung".
Wer sich von "Beschnittensein" mehr verspricht als von unbedingtem Vertrauen auf Gott, kann nicht zum neuen Israel gehören! (Begründung hierzu u.a. im "Brief des Paulus an die Galater").

Schließlich:

Was Juda anbetrifft, also die eigentlichen Juden, die sich bislang nicht an der Thora, sondern am Talmud orientiert und unsägliche Schuld gegenüber ganz Israel und allen anderen Völkern auf sich geladen haben...

Von welcher "unsäglichen Schuld" spricht er?

Von Judas Bibelschuld - in unserer Zeit?

Ich glaube, da muß noch einiges an christlicher Symbolistik beleuchtet werden, die darauf beruht, daß "die Schrift" auf eine Weise verabsolutiert wird, wie es ihr ursprünglich gar nicht eignet.

Natürlich ist die Torah die Grundlage jüdischen Daseins und Denkens von Kindesbeinen an. Der jüdische Kindergarten ist die Elementarschule der biblischen Geschichte. Talmud, Halakhah, Schulchan Arukh... sind ausgereifte Interpretationen der Torah. Die innerjüdische Diskussion dreht sich ausschließlich um die Torah und will gerade darum kein Ende nehmen.

In diesem unendlichen Gespräch, einem Frage-und-Antwort-Spiel ohnegleichen, bildet sich über die Jahrhunderte eine Autorisation heraus, die sich zunächst unmerklich, doch dann um so entschiedener mit Gesetzescharakter ausstattet.

Zuletzt berufen sich die Rabbiner auf Grundsatzregelungen der nachbiblischen Weisen und Schriftgelehrten, alles seriöse Lehrer und Väter. So entsteht Tradition, die aber die Urtexte als frei auslegbar sich erhalten hat.

Alle nachbiblischen Schriften sind Interpretationen der Urschrift. Mit Bibel meine ich den TNaKh. Selbst die Propheten lassen sich als Interpreten definieren. Grundlage ist die Torah, die sich anhand der Geschichtsbücher und Chroniken vergegenständlichen läßt.

Auch das Neue Testament der Christen und der Koran der Muslime sind späte Rückbezüge, Auslegungen, Nacherzählungen, die ausdrücklich oder aber literarkritisch auf die Berichte der Torah zurückführen.

Die Torah ist ein Geschichtsbuch, ein Ereignisbericht über Jahrhunderte und Jahrtausende. Die Könige/Chroniken und die Propheten sind insofern dazugehörig, als sie ihre Authentizität aus der fortgesetzten Geschichtlichkeit göttlicher Verheißungen und Eingriffe herleiten können.

Das Christentum ist zwar geschichtlich geworden, entdeckt aber in einem merkwürdigen Progreß der Selbstkritik die Fragwürdigkeit seiner schriftlichen Wurzeln.

Gerd Lüdemann hat seine Berechtigung.

Das Christentum ist aus hebräischer Sicht Geschichte und Irrtum zugleich. Dieser Irrtum ist offenbar gottgewollt.

Die Identität von "Christ" und "Antichrist", die sich an der "apokalyptischen" Zahl "666" hebräisch leicht ablesen läßt, zeigt das Paradoxon auf, das hier geschichtlich werden sollte und geworden ist.

Die Autorität des Christentums beruht auf dieser göttlichen Ambivalenz.

Der Islam geht auf die ursprüngliche konkrete Geschichtlichkeit zurück, bezieht sich wie das Christentum auf die wahre Lehre, freilich so ungenau, daß eine Rückbesinnung auf die Torah und damit eine Revision des Korans sinnvoll wäre.

Das islamische Dogma von der göttlichen Herkunft der Schrift macht eine Koran-Kritik nach heute in den Moscheen und Koranschulen allgemeiner Auffassung absolut unmöglich.

Die Wahrheitsfindung wird hier - als kritischer Impuls - identisch mit einer revolutionären Erneuerung des Islam.

Auch der Personenkult um den Propheten steht damit in Frage.

Mohammed war ein Prophet des Einen Gottes, er war der Prophet zu seiner Zeit. Er machte vieles gut, was das Christentum mit seinen blasphemischen Zutaten angerichtet hatte. Die Hadithe haben freilich im Laufe der Zeit einen derartigen Regelwert zugesprochen bekommen, daß wir auch hier vor der Notwendigkeit einer Grundlagenkritik stehen.

Wenn wir das Fazit akzeptieren, daß alle drei monotheistischen Religionen ihre geschichtlich gewachsenen rezeptiven Probleme haben, so ist es, denke ich, angebracht, an die Quellen zurückzugehen, sich auf die Ursprünge zu besinnen.

Die ältesten Berichte der Torah schaffen bereits Klarheit, wo spätere Definitionen, Ausdeutungen, Erklärungen eher zu Irritationen führen mußten.

Die alten Schriften laden dazu ein, historiologisch zu prüfen, was damals wirklich geschah.

Ganz anders als im Christentum, lassen sich die Urdaten des Alten Testaments eruieren, nicht zuletzt im Dokumentenvergleich realisieren.

Wir sind keineswegs auf blinde oder einäugige Mystifikationen und Spekulationen angewiesen.

Torah-Lehre ist eine Wissenschaft und als solche, sage ich, den weltlichen Wissenschaften durchaus gewachsen, ja zum Teil überlegen.

Vergleich der Lehren impliziert selbstverständlich eine gründliche Kritik auch der Torah selbst.

Verwissenschaftlichen heißt Glauben zu Wissen machen, und das heißt gleichermaßen, die Lehren frei zu machen von allem, was zu Erbauung und Züchtigung vor allem der Herrschaft dienen sollte.

Eine buchstäblich interdisziplinäre Forschung empfiehlt sich hier dringend.

Einzige Voraussetzung für Wissen-, heißt: Erkennenwollen ist aber die innere, die Selbst-Gewißheit des Forschenden, daß er, der Suchende, finden werde, die Überzeugung, daß es sich lohne.

Die Verborgenheit des Schatzes wird zum Gegenstand des Urvertrauens.

Natürlich ist vieles "verkehrt gelaufen", auch ist gewiß "bewußt fehlgesteuert" worden. Doch nichts geschah, das nicht geschehen sollte.

Wir haben daran nichts zu korrigieren, "besser" zu machen. Was wird, wird, weil es werden soll. Nichts geschieht wider den Willen Gottes.

Aus dieser Gewißheit entsteht ja auch die transzendental-philosophische Skepsis im Hinblick auf die Begrifflichkeit und die Wirklichkeit des Holocaust.

Was immer geschah, es mußte geschehen, weil Gott es so wollte. Gott ist kein "liebes Jesulein", sondern kosmische Machtentfaltung, bei der wir Glück haben, wenn sie uns verschont.

Dieses Verständnis von "Auserwähltheit" bringt uns vielleicht gemeinsam einen Schritt weiter, obwohl ich gerade an diesem Punkt regelmäßig auf taube Ohren zu treffen scheine.

Die einen wissen mehr, andere weniger. Unwissenheit ist nicht von vornherein Bosheit, kann aber böse Folgen haben. Böse aber ist der Wissende, der seine Erkenntnisse mißachtet.

Der Tanz ums Goldene Kalb hatte Folgen.

Die Wissenden wurden bestraft. Die Unwissenden fanden, scheint's, Erbarmen, indem der Herr ihnen ein zweites Mal das Gesetz bescherte.

Ich denke aber, daß diese zweite Gesetzgebung nicht mit der ersten identisch ist.

Während das erste, dann zerbrochene, Gesetz einfach und klar für wissende, dankbare, erwachsen gewordene Menschen gedacht war, besteht das zweite - nachfrevlerische - Gesetz vor allem aus einer Vielzahl ritueller Vorschriften, die wie eine Bestrafung anmuten.

Ihr wollt den Tanz, ihr sollt ihn haben.

Schaber meint nun, daß diese Regeln, samt "Dank- und Versöhnungsopfer genau so streng zu praktizieren (seien), wie in den mosaischen Schriften (Thora) festgelegt" - "mit Ausnahme der Beschneidung".

Ich denke, daß - im Gegenteil - die Beschneidung das A&O der Mannwerdung, der (!) Initiationsakt ist, die psychosomatische Grundbedingung für alles weitere auf diesem Weg. Ohne dieses "Zeichen des Bundes" kann der Mann die Aufgaben, die ihm die Torah überträgt, nicht erfüllen.

Der Beruf auf Paulus ist alles andere als hilfreich, er führt in die Irre.

Das Christentum ist in Europa so geworden, wie es ist, weil dieser "Kontinent der Weiber" jenem "A&O" bis heute seine Idiosynkrasien und Heiden!-Ängste in den Weg stellt.

Auf alles Rituelle können wir verzichten, wenn wir das Wesentliche begriffen und mit ihm uns eins gemacht haben.

Die Beschneidung aber ist unverzichtbar. Mit ihr beginnt das absolute Gottvertrauen. Ohne sie könnt ihr Buddhisten, Polytheisten, Atheisten, Hellenisten, Venus-AnbeterInnen, Isis- und Ischtar-Gläubige werden, aber nicht Zugehörige des Volkes der Bibel.

Auch ein richtiger Moslem ist selbstverständlich beschnitten. Die ursprüngliche arabisch-islamische Sitte, ihn mit dem 13. Lebensjahr zu beschneiden, erklärt sich nicht aus dem Koran, der diese Regelung bereits voraussetzt, auch nicht aus irgendeinem "Brauch", sondern aus 1. Mose 17,25.26:

Abraham war neunundneunzig Jahre alt, als er seine Vorhaut beschnitt. Ismael aber, sein Sohn, war dreizehn Jahre alt, als seine Vorhaut beschnitten wurde.

Ismael ist der Urvater (kein "Bastard") der arabischen - islamischen - Stämme.

Und es gilt von nun an - auch für die Söhne Ismaels:

Jedes Knäblein, wenn's acht Tage alt ist, sollt ihr beschneiden bei euren Nachkommen (1. Mose 17,12).

Das "Bundeszeichen" besiegelt (!) den "Bund".

Achtet auf die zehn Gebote und auf die Speisevorschriften um eurer geistigen, seelischen und körperlichen Gesundung willen, und Ihr könnt frei leben, wie Gott es gefällt.

Ja, mit dieser Auffassung bin ich - seit je! - so etwas wie ein "Karäer" (QaRIEr).

Ein Qarier erkennt - implizit - die rabbinische Autorität nicht an.

Dies ist, nach mittelalterlicher Übung, todeswürdig. Hier liegt der Grund für meine Probleme in und mit Israel.

Erich Knapp weiß davon etwas, er weiß es von mir. Aus diesem Teilwissen hat er sich seine Kokhaviv-Israel-Geschichten zusammenphantasiert. Er hätte mich auch fragen können, aber dem Unreinen ist alles lieber unrein...

Ich denke, daß mit der Gründung des Staates Israel und seinem Bestand historisch der Nachweis erbracht wurde, daß die nachbiblische Tradition ein Umweg war, daß die Torah allein das Maß der Legitimation ist.

Auch der spätere, also nach-toranische Bau des Tempels ist ein Assimilationsakt wie schon die Setzung des Königtums.

Ismael und Israel brauchen weder Tempel, noch König, noch Priester. Ein geprüftes Torahwissen wird dies bestätigen.

Hermann Schabers Übertragung der Jordan-Überschreitung auf die Eroberung Deutschlands durch Israel ist interessant, und ich will die innere Logik des Gedankens nicht von vornherein beiseite schieben, wenn ich sage, daß auch diese Vorgänge streng geschichtlich gesehen werden müssen.

Oft erklären kosmologische Ereignisse auf simple Weise das auf den ersten Blick Unerklärbare.

Ich denke durchaus, daß man die Berichte nicht wörtlich genug nehmen kann. Wichtig erscheint mir, daß die Jordan-Überschreitung wie die Katastrophe von Sodom & Gomorrha, beides im Sach- und Zeitzusammenhang mit schweren Erderschütterungen geschildert, die Beschneidung der Männer mitbedingt, mit dieser gleichsam identisch ist.

Auch Orpheus könnte daraus lernen.

Es gibt kein Zurück.

Alles ist auf Hinkunft angelegt.

Psychologisch erklärt: Ohne Beschneidung keine "Herr-Schaft".

Die Göttinnen und Priesterinen der Alten Welt wußten, daß damit ihr historisches Schicksal besiegelt war, jedenfalls auf der Waagschale lag.

Und die Feministinnen von heute, unter ihnen die Kundigen, wissen es auch. Nur der "weiße Mann" hat es noch nicht begriffen. Möglich, daß für ihn die Zukunft auch nicht gedacht ist.

Ein Wort zu Ephraim, dem Sohn Josefs, des "Ägypters".

Ephraim und Manasse sind Söhne aus der Ehe Josefs mit der Ägypterin Asenat. In 1. Mose 41,50 ff. heißt es:

Und Josef wurden zwei Söhne geboren, bevor die Hungerzeit kam; die gebar ihm Asenat, die Tochter Potiferas, des Priesters zu On. Und er nannte den ersten Manasse; denn Gott, sprach er, hat mich vergessen lassen all mein Unglück und mein ganzes Vaterhaus. Den andern nannte er Ephraim; denn Gott, sprach er, hat mich wachsen lassen in dem Lande meines Elends.

Im Sidur Sefat Emet, dem jüdischen Gebetbuch, heißt es zur Beschneidung:

Wie er in den Bund eingeführt worden, so möge er in die Thora, in die Ehe und in die Ausübung guter Werke eingeführt werden.

Und zur Auslösung des Erstgeborenen segnet der Kohen das Kind, indem er spricht:

Gott lasse dich werden wie Ephraim und Menascheh! Es segne dich der Ewige und behüte dich! Es lasse der Ewige dir sein Angesicht leuchten und begnadige dich!...

Die Söhne einer ägyptischen Mutter, wie auch Ismael Sohn einer ägyptischen Mutter war, sind die Vorbilder jedes jüdischen Erstgeborenen. Es könnte analog auch heißen: er möge werden wie die Söhne Ismaels!

Wie ja Ismael ohnehin das Urbild ist für Vertreibung, Bund und Verheißung.

Und seine Mutter Hagar ist die einzige Frau, die von Gott direkt angesprochen wurde. Auch Moscheh wuchs in Ägypten - am Hofe des Pharao auf als dessen Tochter Sohn. Das Urbild aber ist Ismael. Das Projekt Yishmael will daran erinnern und anknüpfen. Und das ist gewiß kein Spiel.

Nein, der Islam ist nicht "hohl und verlogen", wie Hermann Schaber zu behaupten wagt. Der Islam ist die legitime Weiterführung, ja eigentlich die authentische Wiederaufnahme des Alten Bundes, und das Christentum hat sich zu fügen - vermittels Erkenntnis.

Wenn Abraham mit 99 sich beschnitt, so werdet ihr's in euren jungen Jahren durchstehen - müssen. Nur der Tod führt daran vorbei - jeden, der sich dem "Volke" zurechnet.

Schabers Vorschlag für ein Berliner

Denkmal, bestehend aus 12 Steinen zur Erinnerung an den israelitischen Sieg auf der ganzen Linie - für jeden siegreichen israelitischen Stamm einen! (Josua 4,3),

will ich so beantworten: Wir leben nicht in der Zeit Joshuas. Die politischen Hauptgegner Israels sind Muslime, also "Söhne Ismaels", beschnitten wie Israel, "Bündische" sozusagen, die demselben Einen Gott verpflichtet sind.

Das sind keine Feinde, sondern schlimmsten- oder bestenfalls Konkurrenten, Rivalen um die Gunst Gottes.

Nach der "karäischen" Formel lassen sich "die Söhne Abrahams" allesamt wieder "versöhnen".

Wenn es einen "israelitischen Sieg" gibt und geben soll, so mit Sicherheit nicht den "der Stämme". Die allgemeine Erkenntnis des Buches aber wäre ein Sieg Gottes, des heiligen Geistes, wenn man so will.

Qarai, "Karäer" oder "Qarier" sind offiziell allerdings zu beanstanden, weil der Name wie eine Anmaßung klingt. Er hat die Bedeutung von: gerufen, berufen; auch lesen, vorlesen, einladen...

Die metaphysischen Feinde Israels und Ismaels, da gebe ich Schaber gewissermaßen recht, sind in Deutschland beheimatet. Davidsland. Wir können uns nicht aussuchen, wie das zu verstehen sei. Das Denkmal - als Denk mal! - wird auf einmal dringlich und nötig.

Vielleicht sollte man Hermann Schabers Vorschlag näher ins Auge fassen. Allerdings fällt mir zu Denk mal! ein aufgebrochenes, aufgeschlagenes Buch ein, von Stein in Stein gehauen.

Ein Fels vom Sinai über den Kellern der früheren Reichskanzlei.

Hebräisch beschriftet: Lamed-Aleph.*

Das hätte Beweiskraft.

* (= Verneinung: nicht, nein) aus den Geboten. Siehe unten: Faksimile - kkk

kkk-feder 23/24, Seite 67

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kuckuck
feder 23/24
III./IV. quartal 1998 (3)
15. August 1998

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Horst Lummert in kuckuck (kulikri)

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