1998
Zufälle
Am 12. August vorigen Jahres, morgens um 9 Uhr, klingelte es an der Wohnungstür. Meine Frau öffnete. Draußen standen 5 Personen von der Kriminalpolizei: eine junge Kommissarin, ein beigeordneter Beamter und drei junge Zivilisten mit Maschinenpistolen als Begleitschutz.
Sie baten, eintreten zu dürfen, und legten einen Durchsuchungsbeschluß vor.
Danach hatte das Amtsgericht Tiergarten auf Antrag der Staatsanwaltschaft bei dem Landgericht Berlin die Durchsuchung meiner Wohn- und Nebenräume angeordnet.
Zweck:
Auffindung von Beweismitteln, insbesondere weiterer Tatschreiben, des Originalschreibens, Vertreibungsunterlagen, der Schreibmaschine u.a..
Denn:
Der Beschuldigte steht in dem Verdacht eines Vergehens nach § 86 Abs.1 Nr.4 StGB. Ihm wird vorgeworfen, im Mai 1997 ein Tatschreiben vervielfältigt und versandt zu haben, in dem er die Rehabilitierung Hitlers forderte und den Nationalsozialismus anpries.
In einem mir persönlich übergebenen Beischreiben der Kriminalpolizei wird als Tatvorwurf genannt: "Verbreiten von Propagandamitteln."
Tatörtlichkeit: Jüdische Gemeinde, Oranienburger Str. 29, Berlin-Mitte.
Der Fall war schnell aufgeklärt.*
* Vgl. kkk-feder 23/24, S.33 - kkk
Das "Tatschreiben", das mir in Kopie vorgelegt, aber nicht überlassen wurde, war eine Collage aus tendenziös verkürzten Zitaten nach früheren kuckuck-Heften und Briefen, die ich an Tarik Erich Knapp, Heppenheim, geschrieben hatte, und trug die mehrsprachige (deutsch, arabisch, hebräisch) Titelleiste des kuckuck.
Eine ähnliche Textzusammenstellung hatte Knapp bereits an den Generalbundesanwalt geschickt.
Die Polizeibeamtin konnte mir bestätigen, daß das "Tatschreiben", das der Jüdischen Gemeinde (Ost) auf dem Postweg zugegangen war, den Heppenheimer Poststempel trug.
Die Aktion wurde abgeblasen, der Begleitschutz durfte gehen.
Mit den untersuchenden Beamten führte ich noch ein intensives Gespräch, das am 15.8. im Hause der Polizeibehörde fortgesetzt wurde.
Ich äußerte mich detailliert zu jedem Text-Vorwurf.
Zur Klärung hatte ich freiwillig die Einziehung je eines Exemplars sämtlicher seit 1988 erschienenen kuckuck-Hefte sowie meines Schriftwechsels mit T.E. Knapp empfohlen.
Das Interesse des beigeordneten Kriminalpolizisten richtete sich auch auf meine Korrespondenz mit Christian Worch und Thomas Logemann.
Die Anschrift der "Tatörtlichkeit" ist identisch mit der des Centrum Judaicum, das seit seinem Bestehen regelmäßig den kuckuck erhält.
Von einer Anzeige weiß ich nichts.
Ich vermute, daß das Centrum Knapps Tatschreiben zur Prüfung an die Staatsanwaltschaft weitergab.
Es mag ein Versehen gewesen sein. Die Staatsanwaltschaft fiel auf Knapps Camouflage offensichtlich herein.
Die Staatsanwaltschaft bei dem Kammergericht (!) schrieb mir auf Anfrage, daß das "Tatschreiben" Knapps "als eigene geistige Schöpfung... anzusehen" sei, also keine Verletzung des Urheberrechts darstelle.
Der Täter steht also fest.
Gleichwohl sind die Ermittlungen gegen mich bis jetzt nicht eingestellt worden.**
** Vgl. kkk-feder 19/20, S.88 - kkk
Doch kein Versehen?
Merkwürdig ist auch, daß der Direktor des Centrum Judaicum - Hermann Simon - als ehemaliger Mitarbeiter des DDR-Ministeriums für Staatssicherheit ausgewiesen ist (Akte HA XX/4 vom 17.4.89).
Die Berliner Morgenpost schrieb in ihrer Ausgabe vom 6.11.97:
Als Vorsitzender der Repräsentantenversammlung der Jüdischen Gemeinde (Gesamtberlins - kkk) galt er als Integrationsfigur. Nun, nach Auftauchen seiner Stasiakte, ist sein Image stark beschädigt.
An einen Rücktritt denkt Hermann Simon nicht, Berlin gar zu verlassen, empfindet er als Zumutung. "Die Repräsentantenversammlung hat mir am 28. September ihr Vertrauen ausgesprochen."
In der Sitzung gab er vor den 21 Repräsentanten eine Erklärung ab, die Akte zeigte er nicht.
Kenner der Akten stößt jedoch vor allem ab, wie sich Simon dem MfS andiente. Gemeindemitglieder aus dem Ost-Teil beklagen, daß die DDR-Vergangenheit in der Gemeinde kaum aufgearbeitet wurde. "Die Wessis scheuen sich vor moralischer Beurteilung und den Konsequenzen", sagt einer von ihnen.
Ist es nur das?
Pikanterweise wirkte der damalige Vorsitzende der Ost-Berliner Gemeinde, Peter Kirchner, als IM "Burg", was Simon nicht wußte. Ebenfalls war Dr. Peter Fischer als IM "Frank" für die Stasi rührig, wie Historiker Michael Wolffsohn in seinem Buch Meine Juden - Eure Juden belegt (vgl. M. Wolffsohn: Die Deutschland-Akte. Tatsachen und Legenden - kkk). Fischer ist heute Leiter der Berliner Geschäftsstelle des Zentralrats der Juden in Deutschland.
Was sagt der Repräsentant Moishe Waks?
"Kein Handlungsbedarf."
Centrum Judaicum und Staatsanwaltschaft wurden, wie Knapp selbst, kurz nach Erscheinen der kkk-federn 12, 13 und 14 tätig, in denen die politischen Verflechtungen des heute "Tarik" Erich Knapp eine besondere Rolle spielten; immerhin war er - mehr oder weniger - auch in den Fall Guillaume irgendwie personell verwickelt.
Knapp hatte mich bereits in den achtziger Jahren - um meine damaligen Recherchen zu stören - mit seinem Schreiben an Vorstand und Vorsitzenden der Jüdischen Gemeinde zu Berlin (Knapp: "1000 Westberlin 12") als "Provokateur", "Fälscher", "Zuarbeit(er) für neonazistische Steckbriefe", "römischen Katholiken und volklichen Wiedervereiniger Deutschlands" (vgl. kkk-feder 9, S. 41 ff.) denunziert.
Das sind natürlich alles nur Zufälle.
Auch, daß die Wohnungsdurchsuchung am 9. Abh 5757 stattfand.
Aufgabe der Hauptabteilung XX (siehe Akte Hermann Simon) war die Bekämpfung "politisch-ideologischer Diversion" und "politischer Untergrund-Tätigkeit".
Schlomann hat auch darauf hingewiesen, daß "mit Hilfe alter MfS-Strukturen die Verfassungsschutz-Behörden in den neuen Bundesländern" (Gesamt-Berlin gehört dazu) aufgedeckt werden sollen, "also jene Stellen, die ihren Kundschaftern den Kampf angesagt haben" (vgl. kkk-feder 14, Seite 9).
Nun bin ich zwar keine Verfassungsschutz-Behörde, aber meine Recherchen gehen z.T. in die gleiche Richtung, und von den meist anonymen Kampagne-Schriften gegen den kuckuck, dokumentiert in kkk-feder 14, ist mindestens eine professioneller bis quasi-amtlicher Herkunft.
Für die staatsanwaltschaftliche Behutsamkeit im Umgang mit dem "Heppenheimer Maulwurf" (Dierl) hatte ich zunächst drei mögliche Erklärungen. Die zweite lautete: "Eine Krähe hackt der andern kein Auge aus" (kkk-feder 14, S. 98).*** Vielleicht nehmen jetzt die Komplikationen noch zu.
*** Vgl. kkk-feder19/20, S.87 - kkk
online-Fassung
kuckuck
feder 17/18
I./II. quartal 1998
16. Feb. 1998
kokhaviv press:
Horst Lummert in kuckuck (kulikri)