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Horst Lummert

Nachtrag* zu meinem Erklärungsversuch der "Masche Achselraah" in kkk-feder 14

* in der print-Ausgabe nicht enthalten - kkk

Knapps Geschichte krankte daran, daß er die Umstände meines Israel-Aufenthaltes nicht kannte.

Er wußte aus meinen Briefen das eine oder andere, wußte zum Beispiel, daß ich mich dem Rabbinat als Torah-Lehrer angeboten hatte.

Das ganze Hin und Her ist zum Teil in meiner Korrespondenz mit den Rabbinen nachzulesen. Im Kritischen Forum ("Wer ist Jude?") haben wir das dokumentiert.

Der Torah-Lehrer konnte nur satirisch gemeint sein, obwohl ich durchaus glaube, das eine oder andere zur Lehre beitragen zu können und schon beigetragen zu haben.

Mein Geprüftes Torahwissen läßt sich in keine Tradition einbetten. Torah Left ist kritisch und revolutionär gedacht.

Mein Fundamentalismus der Aufklärung will und wird entflechten, mag retten, was - substantiell - sonst verloren geht, stört und zerstört aber manches Drum und Dran, viel Form, viel Ritus und Fassade.

Doch das ist Theorie.

Knapp dachte vermutlich, ich hätte aus einer schlichten Angelegenheit nur etwas Großartiges machen wollen, jedenfalls holte er es vom vermeintlichen Sockel herunter.

Aus dem Torah-Lehrer wurde ein "Aushilfslehrer an einer Schule für Neueinwanderer". Da ich mit meiner Familie in Israel siedeln wollte, lag ein Ulpan-Aufenthalt - ob als Hebräisch-Schüler oder als Lehrer - im Rahmen des Wahrscheinlichen.

In die angenommenen Rundum-Bedingungen stellte Knapp sein Szenario. Aus der "Aufzeichnung" ist klar zu ersehen, daß er nur "wußte", was er durch mich erfahren hatte. Doch er wußte es nicht richtig, weil ich ihm nicht alles gesagt hatte.

Zunächst ging er von einer Konversion aus. Als Konvertiten wären wir in einen geordneten Ablauf geschleust worden. Die Dinge lagen jedoch anders, wir waren keine Konvertiten, sondern Juden, in deren jüdischen Papieren und Nachweisen ein paar Lücken klafften; die aber gerade nicht konvertieren wollten. Torah Left konvertiert nicht.

Ich arbeitete weder als "Aushilfslehrer", irgendeine "Schule für Neueinwanderer" habe ich niemals von innen gesehen, noch hielten wir uns jemals in einem sonst obligaten Absorption Center auf. Wir wurden als Juden nicht anerkannt.

Man bot uns den einfachen Weg des Übertritts an, doch das lehnten wir ab. Wir wollten nicht werden, die wir bereits waren. Darin glichen wir den äthiopischen Fallaschen.

Meine in langen und intensiven Gesprächen dargelegten Theorien gaben unserm Israel-Anspruch offiziell den Rest. Die Familie hätte ohne mich einreisen sollen.

Lediglich durch unsere Einwanderungserklärung wurden wir automatisch zu israelischen Staatsbürgern. Das ist Gesetz. Ein Jude, der diesen Antrag stellt, wird damit ohne Verzug ein Bürger Israels. Ein Nichtjude erhält nicht das erforderliche Antragsformular. Israel hatte damit ein Problem.

Wir waren in jedem dafür relevanten Computer registiert, so daß die Personalkontrolle am Flughafen Tel Aviv sich sehr überrascht zeigte, als wir nach und nach - zuerst Kinder und Kindeskinder, dann meine Frau, zuletzt ich - das Land wieder verließen.

Wir fürchteten nun, für unsere Ausreise - als flüchtige Staatsbürger Israels - den üblichen Dreihundert-Dollar-Betrag entrichten zu müssen und versprachen baldige Rückkehr. Meine offizielle Abschiedsrede an der Paßkontrolle war bühnenreif.

Ja, wir wollten in Israel siedeln, aber auf unsere Art, als freie Menschen, und darauf war das Israel des Jahres 1988 nicht eingestellt.

Wir lebten in einem billigen Hotel in Tel Aviv, und als uns nach einigen Monaten auch das zu teuer wurde, kauften wir Schlafsäcke und verbrachten darin - den Himmel als Dach - die schönsten Nächte unseres Lebens. Wir haben uns dabei nichts vergeben.

In Berlin hatten wir unsere Haushalte aufgelöst. Als ich - Letzter der Karawane - Israel verließ, hatte ich noch einen Kaffeelöffel und ein Trinkglas mit Henkel für einen Schekel. Eine Lektion in Freiheit.

Ich versenkte alles im Meer, legte meinen letzten Brotkanten für die Raben aus und verschwand aus dem heiligen Land. Ich glaube, Unger Varnsdorf hat die Geschichte schon besser erzählt.

Das wußte Knapp nicht. Aber der Israeli, der ihn angeblich in Gent besuchte, mußte es wissen, wenn er Israeli war - obendrein so etwas wie ein Mossad-Agent.

Unsere Wanderfamilie war in Tel Aviv/Israel mittlerweile stadt-, wenn nicht landesbekannt geworden. Es gab keine Geheimnisse. Die Zeitungen schrieben über uns seltsame Exoten.

Palästinensische Kreise versuchten daraus Vorteile zu ziehen. Bei nächtlichen Yafo-Treffen, die irgendwer initiierte, wurde mir Hilfe, Arbeitsmöglichkeit als Schriftsteller, ja sogar eine Frau angeboten.

Es wiederholte sich - abgesehen von der Frau - ähnlich, als ich Mitte der Neunziger in Deutschland Kontakt mit der neuen NS-Elite aufnahm.

Es war mir gelungen, ihr - wenn auch begrenztes - Vertrauen zu gewinnen.

Meine Recherchen beruhen in Theorie und Praxis auf methodisch angewandter Dialektik. Das Besondere daran ist, daß ich mich nicht tarne.

Meine Israel-Beobachtungen sind in Yishmael Aleph nachzulesen.

Knapps Erzählung stimmt hinten und vorne nicht. Mindestens zwei Menschen wußten aber von Anfang an, daß seine Gent-Geschichte erlogen war: Knapp und ich.

Er hatte sich von seiner Jugendfreundin Hildburg Radtke-Schoone und ihren verschrobenen Haßtheorien zu "Gent" inspirieren lassen.

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kuckuck
feder 14 "S"
(Sonderheft)
im Mai 1997
12. Mai 1997

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