Horst Lummert an Die Welt
Leserbrief
Vgl. Bild in kkk-feder 13, Seite 32!
7.3.95
Ausgabe vom 7.3.95, Seite 10 (Welt der Kultur): Wem gehört die Geschichte? Zu einer Ausstellung über die Verstrickungen der Wehrmacht. Von Jost Nolte. FOTO (Quelle: Militärmuseum Belgrad): Erschießung des Veselin Nicolic (Serbien, 1941).
Die Hamburger Ausstellung - unter der Schirmherrschaft von Jan Philipp Reemtsma - und der Bericht über sie samt Bild-"Dokument" belegen wieder einmal die seltsame Naivität, die sich von Zeit zu Zeit in den Spalten der WELT breitmacht.
Die Motive der Ausstellung werden nicht hinterfragt.
Der Bericht bedient sich serbischen Propagandamaterials und gibt damit schon - sicherlich ganz ungewollt - zu erkennen, von welchen aktuellen Militärverbrechen abgelenkt werden soll.
Da bringt gerade einer seine Nachbarn um, und wir erzählen uns Geschichten aus vergangenen Zeiten.
Famos, nicht wahr?
Das Bild ist eine Fälschung, die der erfahrenen WELT-Redaktion niemals hätte durchgehen dürfen.
Jeder aufmerksame Laie kann erkennen, daß a) die Licht-Schatten-Verhältnisse nicht stimmen, die gezeigten Figuren b) irgendwie gestutzt erscheinen, woraus nur der Schluß gezogen werden kann, daß es sich um eine - obendrein ganz miserable - Montage handelt.
Das Bild läßt sich ungefähr dritteln.
Das linke Seitendrittel zeigt dann zwei Soldaten, von denen der eine, der rechte, kein Gesicht und einen abgeschnittenen Helm auf dem (halben) Kopf hat.
Zieht man an der Gesichtskante etwa senkrecht eine Linie durch das Foto, so werden damit auch gleich die Verfremdungen etwa in der Höhe des Bauches vom abgeschnittenen Soldaten beseitigt.
Der Bild-Mittelbereich beginnt hier und endet etwa am Ellenbogen des Offiziers, der dem Delinquenten eine Schnur, ein Seil oder so etwas um den Bauch bindet, um ihn damit an einem Pfahl festzubinden, der oben in einen Galgen ausläuft, der sich jedoch als angeklebt erweist, sobald man längs der Schrägbretter die untere Holzkante am Hinterkopf des "Veselin Nicolic" verlängert.
Der Unterarm des Offiziers, der den Strick bindet, gehört nicht zur Uniform.
Das Bild besteht vermutlich aus vier Teilen.
Eine Verlängerung der Linie über Unterarm am Ellenbogen nach oben läßt von der Offiziersmütze eine schmale Kante übrig, die zu jeder beliebigen Uniformmütze gehören kann.
Auch Kragenspiegel und Schulterstück wirken wie aufgesetzt.
Der Soldat links außen, der direkt in die Kamera schaut, könnte noch extra hinzugenommen worden sein.
Als hätte man das Gesicht schon anderswo gesehen.
Die Landschaft im Hintergrund kann überall und nirgends sein.
Auf den Vorgang, daß der Offizier den Delinquenten bindet, während die einfachen Soldaten zuschauen, will ich nicht weiter eingehen, auch nicht auf die Prozedur des Anbindens mit dem Rücken zum Pfahl.
Am Galgen wird die Schlinge gewöhnlich um den Hals gelegt, am Querbalken befestigt usw..
Ist das alles denn niemandem aufgefallen?
Es ist immer noch das Land der unbegrenzten Zumutbarkeiten, dieses Deutschland.
Und der Schirmherr Reemtsma sollte uns lieber einmal erzählen, wie seine Familie in den zwölf Jahren der Hitlerzeit groß, ganz groß, ja die "Nummer 1" im Zigarettengeschäft hierzulande werden konnte.
Interessiert das eigentlich keinen Menschen?
online-Fassung
kuckuck
feder 13
II. quartal 1997
7. März 1997
12. Mai 1998
kokhaviv press:
Horst Lummert in kuckuck (kulikri)