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Erkenntnistheorie und politische Praxis - Seit 1973 - Redaktion: Horst Lummert

Ein Briefwechsel mit Christian Worch

Aus: kuckuck feder 10 · 1996

Der Beginn

Worch an Lummert:

Die von Germar Rudolf gewünschte Diskussion über (den) Antisemitismus unter den (der) Rechten und Revisionisten wird schlecht möglich sein. Dazu würde gehören, daß auch die Antisemiten ihre Meinung äußern dürfen, so frei und offen, meinethalben in aller Brutalität, wie sie das wünschen. Und da sind gesetzliche Schranken vor. Ist doch ein ähnliches Problem wie beim Revisionismus. Zweifellos eine für die Machthaber vorteilhafte Situation, erlaubt sie ihnen doch, vermittels Schweigegebot bzw. Redeverbot Dinge, Meinungen, Menschen in einen Topf zu werfen, für die gleichzeitig dieser Topf einfach zu eng ist.*

*Zu Germar Rudolfs Vorstellungen vgl. feder 9

Mir fällt zum Thema Antisemitismus nur eine kleine Anekdote ein, die beleuchtet, wie schnell auch intelligente Menschen aufs Glatteis geraten. (...) Eine Frau von 42, von einem Ex-Liebhaber im SPIEGEL mal charakterisiert als "schön, klug und böse", Diplom-Psychologin (sie attestierte ihm im Gegenzug eine Borderline-Psychose), Journalistin, Esoterikerin. Als Studentin hatte sie deutliche Sympathien für den Maoismus. Mir gegenüber erwähnte sie einmal, eine jüdische Großmutter zu haben. Aber ich weiß nicht, ob das stimmt, oder ob sie es nur behauptet hat, um bei mir eine Reaktion hervorzurufen.

Vor etwa zwei Jahren fragte sie mich einmal, was die Aufhebung des ersten Deckert-Urteils durch den BGH nun eigentlich zu bedeuten habe. Ich erklärte es in kurzer, laienhafter Fassung so: Das Landgericht hat versäumt, Deckerts Motive für die aufgestellte Behauptung zu prüfen. Hätte er (nach damaligem Gesetz) den Holocaust aus neutraler, sachlicher Motivation bestritten, wäre er (nach damaligem Gesetz) straffrei geblieben. Hätte er es aus Antisemitismus getan, wäre er (nach damaligem Gesetz) zu bestrafen gewesen.

"Natürlich ist der Mann Antisemit", kommentierte (sie) entschieden.

"Wie kommst Du darauf? Kennst Du ihn persönlich, hast Du jemals mit ihm gesprochen?"

"Er ist Vorsitzender der NPD, das sagt doch wohl genug."

Nun bin ich in der Öffentlichkeit weniger bekannt als Deckert und sicherlich auch politisch weniger bedeutsam, aber mindestens genauso exponiert. Deshalb ganz logisch meine Frage:

"Bin ich für Dich dann auch ein Antisemit?"

Da merkt man (frau) dann, daß man (frau) sich vergaloppiert hat. Da ist frau plötzlich in der Einbahnstraße gelandet und muß eine Abbiegung suchen, um nicht in einer enger werdenden Richtung weiterzufahren. (Sie) nutzte sie, indem sie antwortete: "Jein!" Und vielleicht, weil in diesem sprachlichen Kompromiß nur ein Buchstabe vom "Ja" steckt und dafür drei vom "Nein", fügte sie noch hinzu: "Mit Betonung auf dem ersten Buchstaben."

Nun weiß meine kluge..., daß "Jein" eine Antwort ist, die bei mir fast immer gute Chancen hat, einfach durchzugehen. Also lasse ich es einfach stehen. Einmal aus Bequemlichkeit. Und zum anderen, wie ich während jenes Prozeses in Frankfurt, der mir zwei Jahre Aufenthalt an diesem interessanten Ort beschert hat, meinem dortigen Anwalt sagte: "Selbst wenn ich im Laufe meiner politischen Tätigkeit Dinge gesagt hätte, die ich wegen neuer Erkenntnisse oder gewandelter Überzeugung eigentlich zurücknehmen müßte - ich werde dies bestimmt nicht im Zusammenhang mit einem Strafprozeß oder unter gesetzlichem Druck tun. Es könnte der irrige Eindruck entstehen, ich täte es nicht aus freiem Willen, sondern um irgendwie günstiger zu fahren."

Kennen Sie den Roman Die Haut von einem Schriftsteller namens Malaparte? Sein Protagonist ist ein amerikanischer Offizier, in Italien als Verbindungsmann zu den Partisanen abkommandiert. Szene: Kurz vor Kriegsende. Ein Gebirgsdorf. Die Partisanen haben es übernommen und eine Gruppe von zwei oder drei Dutzend Jungfaschisten gefangengenommen, von 16 bis 18, darunter auch ein paar Mädchen. Sie stehen vor der Kirchenmauer. Der Partisanenchef läßt einen vortreten. Dieser hebt den rechten Arm und ruft: "Hoch lebe Mussolini!" Der Junge wird abgeführt und vor dem Kirchenportal erschossen. Der nächste. Er läßt Mussolini hochleben, wird abgeführt und erschossen. Der dritte. Dasselbe. Der Amerikaner tritt zu dem Partisanenchef, fragt: "Warum läßt du diese Kinder erschießen?" Antwort: "Weil sie Mussolini hochleben lassen." Der Amerikaner geht zu den Jungfaschisten, fragt: "Warum laßt ihr Mussolini hochleben?" Antwort: "Weil er uns erschießen läßt!"

Täten Sie's? - Ich glaube, ich tät's! (18.8.96)

Christian Worch, JVA Hamburg-Fuhlsbüttel

Lummert an Worch:

In Sachen Antisemitismus hat sich Rudolf inzwischen dahingehend geäußert, Graf und andere stimmen ihm darin zu, daß nichtassimilierte Juden das Land zu verlassen hätten. Der unassimilierte Germar Rudolf lebt mittlerweile in Spanien. Solche Konsequenzen müssen nun mal bedacht werden. Was ist z.B. ein "Wirtsvolk"?

Die Grundrechte werden zu einem Problem, wenn diejenigen, die sie heute für sich einfordern, sie von heute auf morgen abschaffen würden, wenn neue Machtverhältnisse es nur erst zuließen. Für mich ist das keine Grundsatzfrage, weil ich meine, daß ein Rechtsstaat unter keinen Umständen seine Prinzipien aufgeben darf. Die glaubwürdigsten Stimmen für eine Aufhebung des deutschen "Volksverhetzungs"paragraphen kommen denn auch aus den traditionellen Demokratien des Westens, jüngst erst wieder Daniel Jonah Goldhagen in einem Gespräch mit Augstein im Spiegel vom 12.8.96. Die konsequentesten Feinde der NS-Deutschen sind zugleich die überzeugtesten (und überzeugendsten) Vertreter der Rechtsgleichheit, mithin auch für jene, denen diese Gleichheit stets ein Greuel war. Die politische Rechte, soweit sie die Demokratie als "fremdartig" ablehnt, hat hier - jedenfalls in der öffentlichen Präsentation - ein moralisches Problem. Es ist komisch, wenn radikale Verfechter des "Führerstaats" das ihnen in der Republik zugefügte "himmelschreiende Unrecht" bejammern. Die "schlappe Demokratie" zeigt ihnen auf einmal die Zähne und springt sogar über ihren eigenen Schatten. Wer hätte das gedacht? Es ist also eine Angelegenheit der Demokraten, nicht ihrer Feinde, eine Entwicklung zu kritisieren und letztlich zu bremsen, in der der Rechtsstaat zum Zwecke der Selbstverteidigung sich partiell abschafft.

Übers Grundsätzliche hinaus ist zu sagen, daß die Diskussion über den Antisemitismus auch unter den gegenwärtigen Rechtsverhältnissen keineswegs unterbunden ist. Die Justiz pickt sich gerade mal die allzu groben "Ungeschicklichkeiten" heraus. Die Diskussion - gerade unter Rechten, Revisionisten, Antisemiten - findet statt.

Zunächst geht es um eine Begriffsdefinition. Revisionisten u.a. behaupten immer wieder, daß jegliche Kritik an Juden als "Antisemitismus" verfemt werde. Das ist falsch. Dem Antisemitismus wohnt vor allem ein starkes Moment des Irrationalen inne, eine idiosynkratische Grundverfassung, die einer kritischen, sachlichen, gar wissenschaftlich-philosophischen Auseinandersetzung mit dem Judentum nicht förderlich ist, sondern sie verhindert. Wenn Sie die Reaktionen auf meine diesbezüglichen Beiträge lesen, werden Sie sofort erkennen, daß da andere "innere Kräfte" am Werk sind als der geschichtswissenschaftliche Antrieb. Wir haben es zweifellos mit einer polit-aktuellen, quasi-religiösen Form des Manichäismus zu tun, eines falsch verstandenen obendrein, der die Prinzipien "Gut" und "Böse" einfach personifiziert. Der "Endsieg des Guten" versimpelt sich solcherart zu einer Auslöschung der "Träger des Bösen", als welche in dieser Weltsicht "logisch" die Juden identifiziert worden sind. Daß es aber auf dieser Denkgrundlage keine freie Diskussion mehr geben kann, sollte einleuchten. Das Gegenargument, daß die jüdische Schrifttradition den Fehdehandschuh hingeworfen habe, der jetzt nur aufgehoben werde, sticht nicht, wenn man es kritisch überprüft. Eine gleichwohl legitime Diskussion hat den Verzicht auf manichäistische Denkansätze zur Bedingung. Auf jüdischer Seite wird eine derartige, die Grenzen des Judentums aufhebende Erörterung jüdischer Fragen als ein feindseliges, mithin "antisemitisches" Unterfangen eingeschätzt. Der manichäistische Ansatz des Antisemitismus stützt diese Einschätzung.

Keine Religion läßt eine öffentliche Infragestellung ihrer "heiligen" Grundlagen zu. Auch die Religionsfreiheit (und ihr Schutz) ist ein Grundrecht.

Weltanschauliche Konflikte werden seit Jahrtausenden periodisch ausgetragen. Auch an religiösen Überempfindlichkeiten vorbei wird der Streit der Geister weitergehen. Was uns Sorge machen muß, ist das Niveau, auf dem gestritten wird. Auch heute läßt sich im Rahmen halbwegs gesicherten Geschmacks schier grenzenlos diskutieren. Wenn wir also ein Problem haben, so hat es weniger mit den Inhalten als mit der Form zu tun. Wir leben hier doch in einem "Kulturvolk", nicht wahr?

So, wie Sie die Dinge darstellen, habe ich überhaupt keine Bedenken. Schon früher, in Sleipnir, fielen Sie mir auf als einer, der mir gar nicht so recht in die "rechte Szene" passen wollte. Sie argumentierten anders, als ich es aus diesen Kreisen gewohnt war. Sie diskutieren auch sachlich und ruhig weiter, wo Sie eigentlich schon "querliegen". Der gewöhnliche "Rechte" verliert schnell die Fassung, wenn sein Weltbild gestört wird.

In diesem Weltbild nimmt "der Jude" einen hervorragenden Platz ein. Die geschilderte Reaktion (der klugen Frau in Ihrer kleinen Anekdote) beim Stichwort "NPD" ist insofern ein, sagen wir, realistisches Vorurteil. Was Sie betrifft, Sie persönlich: Sie sprechen - schreiben - eine andere Sprache. Sie sind nicht der Mann des Ressentiments. Ich weiß nicht, wie Sie in die "Szene" geraten sind. Sie erinnern mich an frühere linke Außenseiter, deren Nachdenklichkeiten sie aus jeder Organisation, Partei u.dgl. letztlich herausmanövrierten. Das war ein ganz spontaner Eindruck. Erst später erfuhr ich von Ihren organisatorischen Verflechtungen, vom Zusammenhang mit Michael Kuehnen (Kühnen?). Ich weiß gar nicht, warum man Sie eingesperrt hat. Doch plötzlich entstand in mir ein Verdacht (ähnlich wie später bei Rudolf): Christian Worch paßt in keine Schublade. Seine Aufrichtigkeit prädestiniert ihn zum Märtyrer. Jede "Bewegung" lebt von ihren "Opfern". Den Roman Die Haut kenne ich nicht. Was Sie daraus erzählen, verstehe ich - in seiner inneren Moral - sehr gut. Unabhängig von dem, was vor der Erschießung ausgerufen wird: es geht um die Würde des Einzelnen, seine persönliche Ehre. Der Stolz dieser jungen Menschen ließ es nicht zu, ihr - vielleicht noch gar nicht so genau konturiertes - Gesicht aufzugeben. Märtyrer denken ethisch, edel, todesmutig. Politiker sind aus anderem Holz geschnitzt. Sie freuen sich über jedes "Opfer" gleich doppelt. Es stärkt die Moral der Truppe und schaltet peu à peu die Konkurrenz aus. Ein bewährtes Ausleseverfahren.

Leute wie Sie bewirken mehr als schreibende Individualisten. Der Satz ist doppeldeutig. Gemeint ist, daß Sie als publizierender Einzelner mehr bewirken können denn als Politiker, Parteiführer und dergleichen mehr. (21.8.96)

Worch an Lummert:

Zu den rudolfschen und grafschen Ansichten wäre es wohl notwendig, erst einmal zu wissen, was man unter "assimiliert" oder "nicht-assimiliert" zu verstehen hat, bevor man sich darüber ein Urteil bildet oder gar diese Ansichten diskutiert. Kann ich - dortiger Ansicht folgend - einen Juden bereits als (in Deutschland) assimiliert ansehen, wenn er im Besitze eines deutschen Reisepasses ist und deutsch mindestens verständlich, besser noch als Muttersprache spricht? Oder ist es - dortiger Ansicht folgend - für die Frage der Assimiliertheit erforderlich, daß er eine bestimmte Religion hat respektive eine andere bestimmte Religion nicht hat? Oder ist's alles nur eine Frage des Selbstbekenntnisses, ob er sich - beispielsweise - als Jude in Deutschland, als deutscher Jude oder als jüdischer Deutscher versteht? - Ich persönlich verbinde mit dem Begriff der Assimilation zwar eine bestimmte Vorstellung, aber solange ich die Vorstellungen der Herren Rudolf und Graf davon nicht kenne (die ja untereinander vielleicht auch noch verschiedene Vorstellungen haben mögen, wenn sie das nicht näher erörtert haben), bleibt es mir noch eine Nummer zu abstrakt.

Extra roma non est vita, sagten die Römer und empfanden die Strafe der Verbannung als beinahe so schlimm wie die Todesstrafe. Wer heute noch genügend Latein spricht, kann dazu nur milde lächelnd ein "tempora mutantur" sagen, vielleicht noch mit dem Rest des Zitates ergänzt: "et nos in ille mutamus". Nun, in unserem polyglotten Zeitalter büßt man nicht mehr gar so viele zivilisatorische Annehmlichkeiten ein, wenn man ins Ausland geht. Das mag die Wandlung erklären...* - Sie haben recht, auf den Widerspruch hinzuweisen, der darin liegt, daß Angehörige des rechten Lagers ins Exil gehen. Bezüglich des Grundes (für diesen Widerspruch) im Falle Rudolf gehe ich mit Ihnen allerdings nicht konform. Logisch, daß er nicht ad hoc in Spanien assimiliert ist. (In welchem Sinne immer wir assimiliert verstehen wollen. Wenn wir es an der Staatsbürgerschaft festmachen - die kann er in Spanien meines Wissens erst nach zehn Jahren erwerben.) Aber das wird für die Spanier schwerlich ein Grund sein, sich seiner Anwesenheit entledigen zu wollen.** Der Widerspruch - nicht im Falle Rudolf, sondern bei einem Angehörigen des "rechten Lagers" allgemein - besteht darin, daß wir die ausufernde Inanspruchnahme des unglücklicherweise sogar in der Verfassung festgeschriebenen Asylrechts mit allen ihren negativen Folgen für Sozialstruktur und Kultur unseres Landes bekämpfen. Dann lieber selbst ins Ausland zu gehen, als lächerliche vierzehn (?) Monate abzusitzen, ist inkonsequent und damit angreifbar. Bei Männern wie Thies Christophersen und Otto Ernst Remer bin ich bereit, aus Gründen fortgeschrittenen Alters und angegriffener Gesundheit Ausnahmen gelten zu lassen. Germar Rudolf ist im besten Kombattanten-Alter und meines Wissens durch kein körperliches Leiden für das (im Prinzip doch relativ lockere) Leben in einem bundesrepublikanischen Knast ungeeignet. Auf der anderen Seite halte ich ihm zugute, daß ich seine Einstellung zur Ausländer- und Asylantenfrage nicht kenne und daher nicht sagen kann, ob er in diesem Punkte meinem Verständnis vom "rechten Lager" zugeordnet werden kann. Wenn die Zuordnung nur an seiner revisionistischen Einstellung festgemacht werden kann, braucht er diese Gegengründe für sich natürlich nicht gelten zu lassen.

*Die Römer wußten auch: ubi bene ibi patria. **Hier liegt ein Mißverständnis vor. Lummert meinte den in Deutschland (!) unassimilierten Germar Rudolf. kkk

Die wehrhafte Demokratie: Die bitte was?! Nein, ich hinterfrage nicht den Begriff der Wehrhaftigkeit, sondern den der Demokratie. Daß das politische System der BRD theoretisch eine Demokratie ist, wird hiesigenortes konzediert. Daß es in der Praxis eine ist, wird mit Nichtwissen bestritten, wie der Jurist sagt. Ganz im Sinne von Schillers leider fragmentarisch gebliebenem DEMEIRIUS: "Mehrheit? Was ist Mehrheit? Mehrheit ist der Unsinn; Verstand ist stets bei wen'gen nur gewesen. Man soll die Stimmen wägen und nicht zählen. Was nützt's dem Armen, der sein Stimm' dem Reichen für Brot und Stiefel muß verkaufen?! Der Staat muß untergehn, früh oder spät, wo Mehrheit siegt und Unvernunft entscheidet."

Aber auch hier kommen wir zu einem Problem der (juristisch bewehrten) politically correctness: Die Diskussion von Alternativen kann recht leicht zu unerquicklichen Konsequenzen für die Disputanten führen. Spätestens dann, wenn diese rechts verortet sind. Ich entsinne mich noch gut Kühnens Frankfurter Gesinnungsprozesses im Jahre 1985. Als eines der Musterbeispiele für seine verfassungs- und demokratiefeindliche Grundeinstellung wurde herangezogen, daß er im Programm der damals schon verbotenen ANS/NA "die Direktwahl eines mit stärkeren Machtbefugnissen ausgestatteten Staatsoberhauptes" gefordert hatte - ein System, das in klassischen Demokratien wie denen der USA oder der Republik Frankreich alltäglich ist. Das war der selbe Prozeß, in dem die Staatsanwaltschaft (allerdings erfolglos) gegen Kühnen eine Einsatzstrafe in Höhe von einem Jahr forderte, weil er postuliert hatte: "In einem künftigen Deutschland muß wieder Gemeinnutz vor Eigennutz gehen!" (Das sollte im Sinne des § 86 a StGB "Verwendung von Kennzeichen des Nationalsozialismus" sein... - Wie erwähnt, ist die Staatsanwaltschaft mit dieser Forderung bei der Kammer aber "abgeblitzt". Es blieben noch genügend andere Anklagepunkte über, um Kühnen damals wegen ausschließlich gewaltfreier Agitationskriminalität drei Jahre und vier Monate aufzudrücken.)

Macht und Freiheit sind nahezu immer Antagonisten. Wenn dann gefordert wird, "keine Freiheit den Feinden der Freiheit", stellt sich immer die kritische Frage, wer denn nun entscheidet, was Freiheit überhaupt ist und wer damit ein Feind der Freiheit ist und welche Freiheit dieser Feind der Freiheit nicht mehr genießen darf. Diese Entscheidung wird immer von den Inhabern der Macht getroffen. Sic! - Für jedes herrschende Establishment ungleich viel unbequemer, aber vom philosophischen Ansatz her ehrlicher ist da natürlich Rosa Luxemburgs "Freiheit ist immer auch die Freiheit des Andersdenkenden". Bezeichnend, daß der angebliche Rechtsstaat (!) DDR bei seinen Jubelfeiern Dissidenten, die mit einem solchen Transparent aufgetaucht sind, von der Stasi weggreifen ließ. Und was meinen Sie, wie die Behörden jetzt (oder in anderthalb Jahren) darauf reagieren würden, wann ich eine Demonstration unter dem genannten Tenor "Freiheit ist immer auch..." anmelden würde? Ich könnte meiner interessanten Sammlung ein weiteres Demonstrationsverbot hinzugesellen, und sollte ich aus Prinzip dagegen verstoßen, sieht das Versammlungsgesetz bis zu einem Jahr Gefängnis vor. Mein Verständnis von einem Rechtsstaat ist damit überfordert, muß ich ehrlich sagen. Daß das, was die (dogmatischen) Anhänger eines Führerstaates sich unter "Rechtsstaat" vorstellen, mein Verständnis davon wohl noch viel mehr überfordern würde, steht auf einem anderen Blatt.

Die Antisemitismus-Diskussion: Ihnen ist natürlich zuzugestehen, daß wesentliche Aspekte dieser Diskussion trotz der derzeitigen einschränkenden Rechtsverhältnisse möglich sind. Möglich ist die Erörterung der Frage: Was ist Antisemitismus? Bzw., wenn es mehr denn einen (quasi "offiziellen") Antisemitismus gibt, welche verschiedenen Äußerungsformen, Erscheinungsformen hat er? Welche historischen, kulturellen, psychologischen Ursachen hat er? Wie sind diese Ursachen einzuschätzen? Nicht möglich ist die Erörterung der Frage: Welche Konsequenzen darf ein Antisemit aus seinem Antisemitismus ziehen?

Was die Begriffsbestimmung betrifft, so neige ich dazu, es mir einfach zu machen, und übersetze "Antisemitismus" ganz grob mit "Judenhaß". Haß gegen "die Judenheit" allgemein (wie immer man sie verstehen möchte) und ebenso gegen jeden einzelnen Juden aufgrund der Tatsache seiner Zugehörigkeit zu einem Volk und/oder einer Religionsgemeinschaft.

Juden haben sich meines Wissens rund neunhundert Jahre lang für die Herrschenden oder im Sinne der von ihnen etablierten Ordnung als geradezu prädestinierte Sündenböcke erwiesen. Wir können dies beobachten von den Ereignissen im Vorfeld des 1. Kreuzzuges bis fast zur Mitte unseres Jahrhunderts. Hochinteressant erscheinen mir historisch bzw. kulturhistorisch die besonderen hysterischen Ausbrüche von Judenhaß bzw. die Ausnutzung der Sündenbock-Funktion bei einem Ereignis, das über viele Jahrhunderte lang die größte (denkbare und tatsächliche) Traumatisierung des sogenannten Abendlandes dargestellt hat: Die Pest~Pandemie von 1347 bis 1350. Spätestens seit den Forschungen eines japanischen Robert-Koch-Schülers und des Franzosen Yersin wissen wir, daß die Legende von den Brunnenvergiftungen rein naturwissenschaftlich nicht haltbar ist, ganz unabhängig von der Frage, ob ein solches Maß an moralisch-ethischer Verworfenheit in Form einer breiten Verschwörung überhaupt vorstellbar ist. Trotzdem wirken solche Dinge nach. Ständige Wiederholung bewirkt Suggestion. Diese Erkenntnis gab es auch schon lange vor Dr. Goebbels, und sie wird (ohne auf den Mann Bezug zu nehmen, der sie ungeniert formuliert hat) auch heute noch angewandt.

Mit jüdischer Reaktion auf den Antisemitismus habe ich mich nie näher beschäftigt. Aber im Sinne der Lehre von der Victimologie (gewissermaßen der statistisch feststellbaren Tatsache, daß Opfer individueller Straftaten meist nicht zufällig Opfer werden, sondern gemeinsame Kriterien haben, warum Straftäter sie zu Opfern machen) spricht zumindest ein Anschein dafür, daß jüdische Kreise oder "die Judenheit" sich aus (philosophischen? religiösen?) Gründen nicht ernsthaft gegen die jahrhundertelang immer wieder aufflammenden Pogrome zur Wehr gesetzt haben. Das mag eine Frage der Mentalität sein. Ohne das überprüft zu haben, habe ich mir sagen lassen, daß Juden vielfach eine Art von hintergründiger Schwermut zu eigen sein soll. In Liedern von Paul Simon und Art Garfunkel habe ich das etwas herausgehört oder in Büchern von Ephraim Kishon herausgelesen.

Es mag also eine gewisse Täter-Opfer-Beziehung geben. Wobei man - auf die Gefahr hin, daß es zynisch klingt - feststellen muß, daß die Juden (respektive "die Judenheit") mit der Rolle und Funktion des Opfers ungleich viel mehr Erfahrung haben als umgekehrt die Täter mit ihrer Rolle, weil (als Volk oder Religionsgemeinschaft mit einer ausgeprägten Tradition) das Opfer immer identisch war, die Täter aber (als Gruppen) zu wechseln pflegten. Oder zeitgleich an verschiedenen Orten (und aus verschiedenen Kulturkreisen heraus) tätig wurden.

Ich glaube Ihnen ohne weiteres, daß die jüdische Seite zumindest das, was sich aus ihrem religiösen Schrifttum ergibt, nicht gern öffentlich mit Außenstehenden erörtern wird. Aber da erlauben Sie mir bitte die Arroganz des Außenstehenden: Das ist nicht mein Problem. Für mich ist eine Diskussion über Antisemitismus keine politische Vordringlichkeit. Ich kann mich einer solchen Diskussion ebenso stellen, wie ich mich einer Diskussion über eigentlich jedes Thema stellen kann. Ich habe auch keine wirklichen Probleme damit, die diversen Unzulänglichkeiten des politischen Lagers, in dem ich stehe, zu erkennen und kritisch zu beleuchten. Aber speziell in der Situation, in der ich stehe (und in der auch dieses Lager steht), in der Situation des politisch Verfolgten, ist immanente Kritik für mich nachrangig.

Die Formfragen: Wo Hysterie ins Spiel gebracht wird, geht die dünne Tünche der Kultur und Zivilisation bald ab. Die Gruppendynamik lehrt uns, daß eine Gruppe fast immer weniger ist als die Summe ihrer einzelnen Mitglieder - was die geistige Kapazität betrifft... Ich vermute, Sie kennen Ernst Jüngers STRAHLUNGEN? Geschrieben (hat er's) als deutscher Besatzungsoffizier in Paris. Er berichtet darin von einem Gespräch mit einem Franzosen. Einer der beiden - ich weiß nicht mehr, wer - zieht das Resümee: "Hätten Sie und ich zu entscheiden, wir würden noch heute nachmittag eine Lösung finden, und heute abend könnten die Glocken läuten und die Menschen auf den Straßen den Frieden feiern." Jünger und dieser Franzose hatten nicht zu entscheiden. Die Glocken haben nicht geläutet... Schade eigentlich. Die Römer haben ein wenig davon gewußt: Inter arma silent lege. Richtiger wäre noch gewesen: Inter arma silent sapientia.

Aber natürlich leben wir in einem Kulturvolk, sind wir Angehörige eines oder (je nachdem, wie Sie sich verstehen) zweier Kulturvölker. Nur eben, Kultur ist eine Tünche, und wenn wir lange genug daran kratzen, finden wir den Neandertaler wieder.

Der "gewöhnliche" Rechte: Der gewöhnliche Rechte hat im Regelfall nicht die Vorzüge einer gutbürgerlichen Erziehung und einer relativ umfassenden Allgemeinbildung genossen. Das macht ihn eben - gewöhnlich... Worin er sich allerdings recht wenig vom gewöhnlichen Angehörigen anderer politischer Lager unterscheidet. - Ich stehe auf dem Standpunkt, daß das Bewußtseinsniveau der Menschheit allgemein beklagenswert gering ist, aber auf der anderen Seite dankenswerterweise steigerbar. Deshalb mache ich trotz meiner elitären Ansprüche niemandem zum Vorwurf, daß er nicht dank des Zufalls von Geburt und Sozialisierung ein hohes Niveau hat; ich mache ihm höchstens zum Vorwurf die beharrliche Weigerung, ein hohes Niveau entweder selbst zu erwerben oder aber wenigstens einzusehen, daß es höhere denn das seine gibt... "Die Rechte" ist - mangels der technischen Möglichkeit und vielfach auch mangels Fähigkeit und Willen zur Selbstdarstellung - häufig ein wenig von dem, was die veröffentlichte Meinung aus ihr zu machen beliebt. Derlei Prozesse sind in der Geschichte nicht ohne Beispiel.

Die Hybris des Martyriums und der Politik: Märtyrer werden nicht als solche geboren, meine ich, sondern von den Umständen dazu gemacht. Leonidas und die Thermopylen. Und Marcus Aurelius' Rede an die Athener: "Ja, ihr Männer von Athen, so verhält es sich in der Tat: Den Posten, auf den sich einer, in der Meinung, er sei der Beste, selbst gestellt hat, oder aber von seinem Feldherrn gestellt worden ist, muß er, deucht mich, auch in Gefahr behaupten und dabei alles verachten, selbst den Tod, nur die Schande nicht." Ach ja, und Nietzsches Rat an die Erkennenden, gefährlich zu leben, ihre Städte an den Rand des Vesuvs zu bauen und ihre Schiffe in unerforschte Meere zu schicken, im Krieg mit sich und ihresgleichen zu leben; Räuber und Eroberer sollen sie sein, die Wissenden, solange sie nicht Besitzende und Herrscher sein können. Ist ein potentieller Märtyrer etwas anderes als ein verhinderter, aber gleichfalls potentieller Herrscher?

Man muß sich Aufrichtigkeit leisten können. Ich kanns. Mein Vorteil dabei ist, daß ich viel zu vielschichtig bin, als daß ein psychologisches Profil von mir exakt treffen könnte, als daß man auf der Basis eines solchen Profils meine Reaktionen genau genug vorhersagen könnte. Als Angehöriger des radikalsten Flügels der rechten Szene ist mein (gesellschaftlicher) Ruf so herrlich ruiniert, daß ich gänzlich ungeniert leben kann. Selbst einem Gutteil der rechten Szene bin ich bestenfalls suspekt, weil ich auf Kühnens Seite geblieben bin, als die meisten seiner vormaligen Kameraden wie die Wölfe über ihn hergefallen sind. - Meine Nachdenklichkeiten können mich allein deshalb nicht aus Organisationen oder Parteien herausmanövrieren, weil ich mir eine formelle Mitgliedschaft dort nach den jüngsten Verbotswellen und nach meiner derzeit letzten Verurteilung ohnehin nicht mehr leisten könnte. Aber im Sommer des Jahres 1983 wollte mich die Organisationsleitung der ANS/NA gleich zweimal wegen Verstößen gegen Organisationsbefehle ausschließen, hat es sich dann zähneknirschend zweimal überlegt und hat mich im Dezember 1983 ohne mein Wissen als viertes (gleichberechtigtes und mit Veto-Recht ausgestattetes) Mitglied in die besagte Organisationsleitung berufen. Ich erfuhr es erst eine Woche später durch die formelle Verbotsverfügung des Bundesinnenministers. Ich hatte wohl recht damit, daß ich kaltlächelnd und mit der mir vielfach attestierten Arroganz erklärt hatte: "Ihr könnt auf mich verzichten, wenn Ihr wollt - aber Ihr werdet feststellen, daß ich unverzichtbar bin." Anläßlich eines Gesprächs (über Frau X, die meine politischen Aktivitäten "schlichtweg zum Kotzen findet") sagte (eine auch langjährig in der "Szene" aktive) Frau Y vor anderthalb Jahren: "Du könntest dich selbst mit einer Jüdin liieren, wenn du wolltest, und die Kameraden würden es dir nachsehen, weil du es bist." Ich denke, daß sie da meinen Einfluß etwas sehr überschätzt oder die Ressentiments meiner Kameraden unterschätzt. Aber auf einer etwas weniger tabuisierten Ebene werde ich das recht bald feststellen, wenn in der "Szene" allgemein bekannt wird, daß ich einem kriminellen Neger eine Klage gegen die Ablehnung seines Asylantrages geschrieben habe. Und in dem konkreten Fall denke ich durchaus, daß mein Einfluß und mein Intellekt (in Verbindung mit meinen Gründen) sehr wohl über die Ressentiments meiner Kameraden dominieren werden.

Nein, ich bin Politiker. Zwar gebe ich das nicht als meinen Beruf an, und ich benutze diesen Begriff auch nicht so furchtbar gern, weil er negativ belegt ist. Ich schwäche es gern ab mit "ich mache Politik", aber ich widerspreche auch nicht, wenn man mich "Politiker" nennt. Muß mich das zwangsläufig hindern, ethisch, edel, nötigenfalls auch todesmutig zu denken? Oder gar zu handeln? Und kann nicht einer, der ethisch, edel, todesmutig ist (oder zumindest gern sein möchte), auch seine bitterbösen Gedanken haben, solche, von denen Shakespeare Macbeth sagen ließ: "Verbirg dich, Sternenlicht, schau meine tiefen, finstren Gedanken nicht!" - Der Kampf für jedwede Art von Freiheit setzt innere Freiheit voraus. ("Was nützte es dir, gewönnest du die ganze Welt und nähmest doch Schaden an deiner Seele!") Unter anderem die Freiheit, andere wissen zu lassen: "Hic niger est, hunc tu, Romane!" - hier ist eine schwarze Seele; vor ihm, o Römer, hüte dich!

Solange "man" sich damit begnügt, mich mal wieder für wenige Jahre einzuknasten und sich nicht eine Todesschwadron findet oder ein fehlgeleiteter Fanatiker, der mir wie Rudi Dutschke durch den Kopf schießt, gebe ich eher einen unbequemen Märtyrer ab. Man hat es so schwer, mich zu instrumentalisieren, solange ich noch meine Stimme erheben oder ein paar Seiten auf der Schreibmaschine tippen kann...

Meine Verurteilung erfolgte wegen Verstoß gegen § 85 StGB, "Fortführung des organisatorischen Zusammenhanges einer verbotenen Organisation" (Landgericht Frankfurt/Main, Große Strafkammer 23, Urteil vom 30. November 1994, Geschäftszeichen 5/23 KLs 50 Js 27125/88). Ich veranlasse dieser Tage, daß Ihnen gelegentlich meine Dokumentation über diesen Prozeß zugeht, die die Hintergründe vielleicht erhellt.

Individualismus vs. Kollektivismus: Als Individualist einer kollektivistischen Weltanschauung anzuhängen, mag auf der philosophischen und auf der persönlichen Ebene ein Widerspruch sein. Auf der idealistisch-utopischen politischen Ebene ist es eine Notwendigkeit. Sonst wirkt es wie: "Er predigt Wasser und säuft Wein".

Zudem leben wir im Zeitalter einer modernen Massengesellschaft. Man zählt die Stimmen und wägt sie weniger. Allein der Gedanke an ein Wägen der Stimmen statt an ein Zählen ist pfui, ist politisch unkorrekt, ist geradezu schon faschistisch... (23.8.96)

Lummert an Worch:

Die Rudolfsche Assimilationsforderung ist die Aufforderung, das historisch gewachsene Judentum, heißt: die jüdische Identität, aufzugeben. Diese Idee kann einer ja haben. Als Ultimatum ("wer sich nicht anpaßt bzw. anähnelt, muß das Land verlassen") ist sie prinzipiell unannehmbar. Das sage ich als Demokrat. Ein undemokratischer NS-Gegner könnte ja mal auf den Gedanken kommen, eine adäquate politische Forderung aufzustellen: "Nazis raus aus Deutschland!" Die Zahl derer, die dann gehen müßten, wäre weitaus geringer als die vielleicht wieder rausgeekelter Juden. Kultur ist, wie man miteinander umgeht. Sie zitieren Rosa Luxemburgs Wort: "Freiheit ist immer auch die Freiheit des Andersdenkenden." Obwohl Luxemburg es gar nicht so beabsichtigte, verallgemeinere ich, wie Sie, diesen Satz. Meine Freiheit-Definition versteht sich immer, nicht nur in bezug aufs Denken, in Relation zu Freiheit und selbstgewählter Existenz jedes anderen Menschen. Die Forderung, daß einer sich dem anderen anzupassen habe, kann - als ethischen Imperativ - nur jeder an sich selber richten. So entstehen zivilisierte Verhältnisse. Der Gegensatz dazu ist das Faustrecht, die Macht des Stärkeren, dessen, der über die Gewaltmittel verfügt. Wir haben die Wahl. Die Machtverhältnisse so zu gestalten, daß kein Bürger - jedenfalls prinzipiell - in Gefahr kommt, seiner Menschenrechte (!) beraubt zu werden. Rechtsstaat definiere ich als Rechtssicherheit für jeden Menschen.

In der Rechtspraxis steht allemal Recht gegen Recht, relatives gegen absolutes. Ich gestehe einerseits einem "Staatsvolk" das - relative - Recht zu, seine äußeren und inneren Grenzen zu schützen, zu bestimmen, zu modifizieren. Aber was ist dieses gegen das absolute Recht der Nomaden, des Menschen par excellence! Was vermag die kleine, die alltägliche, sachgeordnete Vernunft gegen die übergeordnete, die große Vernunft, gegen das Recht, das der Mensch sich von den Sternen holt. Der Zigeuner in mir lächelt über jede Landesgrenze. Wieviel leichter auch ist ein "Bodenständiger" von seinem Land zu vertreiben als ein Nomade seßhaft zu machen. Die "Verwurzelten" wehren sich, gewiß, doch Gott ist mit den Gästen, den Vorübergehenden. Wie sie behandelt werden, ist der gültige Maßstab für alle. Ich rede nicht von Juden-, sondern von Menschenrechten.

Die schräge Rechtssituation hierzulande ist ein spezifisch deutsches Problem. Die Verachtung der Mehrheit (ihrer gezählten Stimmen) und die Verhöhnung unbewehrter Minderheiten sind die zwei Grundkomponenten derselben Mentalität. "Minderheiten" sind als Konkurrenten der "bodenständigen Elite" relevant. Der ganze Antisemitismus läßt sich auf diese Formel reduzieren. Eine ELITE, die sich einer geistigen Herausforderung entledigt, indem sie deren Botschafter aus dem Weg räumt, ist eben alles andere als eine tragfähige Elite. Von ihr, dieser selbsternannten, spreche ich, wo ich "der gewöhnliche Rechte" sage. Ich meine damit nicht den einfachen Menschen, von dem sämtliche "Eliten" dieser Erde einiges lernen könnten, etwa, daß die Stimme des Volkes (gezählt und qualitativ) die Stimme Gottes ist, den Willen Gottes ausdrückt. Die "Völkischen" haben nun mal keine innige Beziehung zum Volk. Nein, ich meine nicht das Volk, nicht den "kleinen Mann von der Straße", wenn er sich politisch "rechts" artikuliert. Ich meine die selbsternannte "nationale Elite", die so leicht aus der Rolle fällt.

Die victimologische Interpretation, daß letztlich die Opfer schuld seien, beruht auf einer durchaus interessanten wissenschaftlichen Hypothese, die freilich auch die Grenze zum Fatalismus überschreitet. Mystisches Erfahrungswissen sollte nicht so ohne weiteres politisch oder kriminologisch aktualisiert werden. Sonst machen wir die Megamorde an Kindern und Ungeborenen, den Menschenhandel, den Vertrieb von Organen ausgeweideter Kinder zu deren eigenem Vergehen. Die Perversion des Rechtsverständnisses hat nicht selten "wissenschaftliche" Ursprünge. Die "Entgrenzung" des Denkens hat ihren Preis.

Täter und Opfer ergeben sich aus Machtverhältnissen. Wenn die Juden aus zunächst religionsbedingten, eigentlich ja geistigen Konflikten im christlichen Europa lange Zeit als physische "Opfer", Verfolgte usw. hervorgingen, so gründet dies in der konkreten Situation von Herrschaft und Unterdrückung. Der euro-traditionellen Forderung, sich zu assimilieren, sich taufen zu lassen, das heißt: sich auch geistig und seelisch zu unterwerfen, kamen die Juden nicht nach. Ihr überkommenes Selbstverständnis hätte dergleichen gar nicht zugelassen. Die "jüdische Ideologie", wenn Sie so wollen, nimmt jede Knechtschaft als eine Prüfung Gottes, jede Niederlage als ein Medikament der Stärkung für den künftigen Wiederaufstieg. Juden sind keine bejammernswerten "Opfer", und wenn, dann die des sie züchtigenden, erziehenden, auf eine große Zukunft vorbereitenden Gottes.

Natürlich gab es in Deutschland viel Jammern und Klagen - jüdisches und nichtjüdisches, deutsches Jammern und Klagen. Ich sehe überhaupt keinen Grund, jüdisches Jammern übers deutsche zu stellen. Im Gegenteil. Doch nun muß ich differenzieren. Genausowenig, wie es "typisch jüdisch" ist, das von Gott bestimmte Schicksal - das individuelle Geschick, die kollektive Geschichte - als sinnlos zu beklagen, trifft es auch allgemein auf die Deutschen zu.

Es ist eine ganz besondere "deutsche Elite", die ständig mit Gott als dem Herrn der Geschichte hadert. Der Antisemitismus ist ein - allerdings völlig unbrauchbares - Mittel, mit der Geschichte fertig zu werden. Zwei verlorene Kriege und dazu die nach den Niederlagen ständig erwiesene Gunst Gottes (oder der historischen Umstände) haben es nicht vermocht, eine "Elite" heranzuziehen, die den Namen verdiente. Adenauer und Kohl haben gewiß ihre Mängel, doch was sie geschaffen haben, stellt alles in den Schatten, was je die "Nationalen" zustande brachten.

Der Antisemitismus hierzulande ist kein deutsches und kein jüdisches Problem, sondern eine fixe Idee der "Völkischen" und eine unerschöpfliche Fehlerquelle nationaler Politik. Man kann dem deutschen Volk nur wünschen, daß es weise genug bleibe, die politischen Katastrophen-Joes nie wieder an die Macht zu lassen. Denn, wie gesagt: vox populi vox dei.

Jüdische Reaktionen auf Antisemitismus sind politischer Natur. Es gehört zur wohlverstandenen jüdischen Politik, Antisemitismus im Bedarfsfall zu nutzen, auch zu instrumentalisieren. Aber das machen in Deutschland die Berufskapitulanten viel besser, als Juden es je vermöchten.

Juden haben sich in den zurückliegenden Jahrhunderten gegen Pogrome nicht zur Wehr gesetzt, weil bzw. insoweit ihnen die Machtmittel nicht zur Verfügung standen. Wo diese Voraussetzungen sich ändern, ist die Abwehr oft rigoroser, als die Judenverächter es sich wünschen können. Ich stelle nur einen Sachverhalt fest, an den auch die neuen Judenvertreiber am Sandkasten immer denken sollten.

Es ist nicht wahr, "daß die jüdische Seite zumindest das, was sich aus ihrem religiösen Schrifttum ergibt, nicht gern öffentlich mit Außenstehenden erörtern wird". Was diese "Außenstehenden" darüber wissen, wissen sie ausschließlich nach jüdischen Publikationen. Erst jüngst wieder ist eine zwölfbändige, deutschsprachige Talmud-Ausgabe erschienen, unzensiert, viel Stoff darin für jeden Gutwilligen und jeden Böswilligen. Bedenken gegen solche Veröffentlichungen gibt es auf "jüdischer Seite" reichlich; doch diese "Seite" ist insgesamt so vielfältig und bunt, daß weder Verhinderer noch Zensoren eine Chance für sich sehen.

Zweifellos haben Niederschrift der "mündlichen Überlieferung" und am Ende ihre Übersetzung die Judenfeindschaft gefördert. Es ist so, als ob einer seine Schlafzimmergespräche und Klogedanken aufschreibt und für eine ungesiebte Öffentlichkeit verlegt. Alles zu heiligen, ist der Urgedanke, dem Reinen ist alles rein, heißt es im Deutschen. Aber die Torah verbietet wohlweislich jede Änderung, jedes Hinzufügen und Weglassen an der ursprünglichen Überlieferung. Die nachbiblischen Schriften sind imgrunde torahwidrig. Es ist durchaus ein jüdischer Gedanke, auf solches Fehlverhalten späteres Ungemach zurückzuführen.

Ich sage es anders: Wenn die Waffen (wieder) schweigen, hat sich das Gesetz erfüllt. Gott schweigt mit den Waffen. Im Krieg halten Recht und Gesetz, Weisheit und die - große! - Vernunft sich nicht zurück, sie setzen sich durch. Der Krieg hat einen wesentlichen (!) Schöpfungsanteil - als "von Gott" angewandte Dialektik. Heraklit spricht vom "Vater der Dinge". Der Gott der Torah ist der Herr des Krieges, der Streitkräfte, der "Heerscharen", der realen Geschichte. Die Juden vergaßen es nicht, verdrängten es jedoch und warteten ihre Zeit ab. Ihr Gottvertrauen hat ihnen Recht gegeben, hat sie wieder ins - historisch-politische, ja, machtpolitische Recht gesetzt. Wer diese Geschichte begriffen hat, wird sich nicht den anderen Völkern assimilieren, sondern die anderen Volker sich assimilieren wollen. Das hat natürlich seine Grenzen. Israel - im engeren und im weiteren Sinne - ist gehalten, aus der Geschichte die richtigen Schlüsse zu ziehen. Es werden Fehler über Fehler gemacht. Der Herr wird's fügen. Deutschland hat es seit dem Zweiten Weltkrieg besser angestellt, weiser, bedächtiger - unter völkerrechtlich eigentlich ungünstigen Bedingungen. Ich nenne es die Gunst Gottes, die dazu verhalf, die politische Torheit im innerdeutschen Rahmen zu halten.

Was Sie über die "Hybris des Martyriums und der Politik", zu "Individualismus vs. Kollektivismus" sagen, entspricht etwa der Nichtverwendbarkeit Nietzsches für die deutsch-nationale Denk- und Vorstellungswelt. Eine solche Häufung von Unvereinbarkeiten läßt sich an Ende nur "mythisch" aufbewahren. Das gibt einer politischen Bewegung Kraft, Schwung und die falsche Richtung - ins Verderben. Es ist notwendig, das Gesetz zu beachten, aber schwer zu klären, was dies sei.

Die Spannung zwischen dem Einzelnen und dem Kollektiv ist - je nach Niveau-Unterschied - so oder so auszuhalten. Es muß zumindest gesichert sein, daß der "Unverzichtbare" in seiner "Unverzichtbarkeit" auch anerkannt wird. Ich kann mir nicht vorstellen, daß so ein "Stern" sich nicht auch spiegeln möchte. "Gemeinnutz"? Es steckt darin, die Ironie mal beiseite, ein Schuß Kameradenverachtung. "Frau Y" teilt offenbar diese Verachtung: "Du könntest dich selbst mit einer Jüdin liieren, wenn du wolltest, und die Kameraden würden es dir nachsehen, weil du es bist." Hochmut kommt vor dem Fall, sagt deutsche Weisheit (es gibt sie also). Und auf dem Nullpunkt, dem harten und vielleicht ein wenig komischen Boden der Tatsachen findet "Frau X" diese politischen Aktivitäten "schlichtweg zum Kotzen". Grüßen Sie sie von mir. Eine realistische Frau ist unbezahlbar. Auf Menschen dieser Art kann man sich meistens verlassen, wenn es ernst wird.

Ich sehe Ihnen nicht nach, daß Sie einen kriminellen Afrikaner "Neger" nennen, obwohl Sie doch wissen, daß diese Bezeichnung (unabhängig von der reinen Wortbedeutung) verletzend wirkt. Daß Sie dem Mann geholfen haben, wäscht natürlich manches weg. Mir geht es einfach um den menschlichen Umgang. Daß Sie Ihre Kameraden auch in dieser Sache überzeugen werden, per "Einfluß", "Intellekt" usw., stört mich, weil ich fürchte, daß weniger vernünftige Entknotung als Überredungskünste die Szene beherrschen werden. Hätten das die Kameraden verdient? Und Sie? Die ganze Truppe bequatscht, doch Schaden genommen an der Seele.

Sie setzen das "Wägen der Stimmen" gegen das "Zählen". Sehen wir vom "Zeitgeist" einmal ab. Jede gezählte (und ungezählte) Stimme ist es wert, gewogen zu werden. Es ist weise, von "ganz oben" nach "ganz unten" mit Ernst, Ehrfurcht und Lernbegier zu schauen. Es sind die Füße, mit denen wir stehen, ist der Boden, die Basis, wo wir Stand und Stütze haben. Der idealistische Ansatz hat der deutschen Philosophie schon genug Streiche gespielt.

Nietzsche hat vieles verstanden. Er war ehrlich genug, sich zu revidieren, wo es not tat. Viel zu früh ist er gestorben, könnte man sagen. Seine letzten Lebensjahre stützen freilich die Vermutung, daß er auch mit seiner Philosophie am Ende war. Er hätte alles noch einmal umstürzen und/oder sein Leben von Grund auf ändern müssen. Er kam aus seiner Haut nicht mehr heraus. Seine persönlichen und psychologischen Probleme haben Sie offensichtlich nicht.

"Als Individualist einer kollektivistischen Weltanschauung anzuhängen, mag auf der philosophischen und auf der persönlichen Ebene ein Widerspruch sein. Auf der idealistisch-utopischen politischen Ebene ist es eine Notwendigkeit. Sonst wirkt es wie: Er predigt Wasser und säuft Wein."

Der humo ludens ist wohl auch stets mit dabei. Das principium individuationis halte ich für das menschliche Befreiungsprinzip. Ich komme politisch von links, ohne jemals Mitglied irgendeiner Partei o.dgl. gewesen zu sein. Eine frühe Erkenntnis lautete: Freiheit ist draußen. Die Individuation nun erhält hier gleichsam die Funktion der Kollektiv-Überwindung (nicht seiner Beherrschung und Führung). Ich will die Manipulierbarkeit aufheben. Ich ging zunächst von dem Marxschen Grundsatz aus (hier nach kuckuck Heft 1, Herbst 1973): "Daß das Sein das Bewußtsein bestimme, diese Erkenntnis unterliegt dialektischerweise nun selbst dem historischen Prozeß. Genau dies war die Marxsche Prognose: das ob seiner materiellen Gebundenheit aufgeklärte proletarische Bewußtsein zur materiellen Gewalt werden zu lassen, es in den Stand zu setzen, sich aus den Fesseln des Seins zu befreien und nun seinerseits dieses zu bestimmen. - Die späteren Avantgarde-Konzeptionen entsprangen einem Kurzschlußgedanken. Das Proletariat wurde als kopflose Masse gedacht und behandelt. Daran scheiterte bisher jede proletarische Revolution. Marx wußte, daß die Befreiung der Arbeiterklasse nur das Werk der Arbeiter selbst sein kann. Es gilt entsprechend für eine Theorie der Befreiung. - Das Proletariat kann seine Seinsverflochtenheit nicht theoretisch lernen, es muß sie erfahren. Diese Erfahrung trägt ihre Früchte nicht von vornherein kollektiv, sondern individuell, da und dort, sporadisch. Aus solchen Erfahrens-, und daraus folgend: Erkenntnis-Ungleichzeitigkeiten entstehen innerproletarische Widersprüche. Diese Widersprüche führen zu verschärften Vereinzelungen, Isolierungen. Die Gefahr einer Verkleinbürgerlichung, die von der heutigen Gesellschaft ja doch gefördert wird, ist somit akut gegeben - neben der Hoffnung, daß aus der Isolierung ein neues, künftiges Bewußtsein der Solidarität hervorwächst. - Ein komplizierter Prozeß, immer kritisch, weil Resignation, weil der Abbruch kreativen Denkens als negative Möglichkeiten ständig nebenher mitlaufen. Resignation und pessimistische Phasen sind schwere Krisen, ja Prüfungen des Lebenswillens im Proletariat. - Die Klasse wird sich von ihren ökonomischen Fesseln nicht befreien können, solange das Individuum sich nicht von sich selbst, seinen individuellen und kollektiven Unbewußtheiten befreit. - Massen bewegen nichts, Massen werden bewegt. Die Revolutionarität der proletarischen Massen besteht in ihrem Vermögen, sich aufzulösen. - Vor der Zukunft einer in sich wirklich freien, geläuterten, bunt gemischten Menschheit sind vielleicht tausend Jahre wie ein Tag. - Und Kunst? Wohl eine Chance zur Verfeinerung der Klasse in ihren Individuen." Es paßt, glaube ich, in unser Gespräch. (27.8.96)

Lummert an Worch:

(1.9.96) Die Dokumentation kam gestern... Viele interessante Details verlocken zu Spekulationen, auch politischen Ausdeutungen. Ich frage mich beim Lesen, wozu das alles. Wo ist der Sinn der ganzen Sache, wer dient da eigentlich wem. Vielleicht habe ich manches davon, ehe ich die Geschichte kannte, bereits in einem meiner Briefe beantwortet. Die Kernfrage lautet, glaube ich: Dient Christian Worch seiner/einer politischen Idee oder diese ihm, seiner Selbstverwirklichung, seiner Emanation und Individuation. Ein Anarchist, der führen und herrschen will, wie es scheint, ja, wie es scheint... Vielleicht will er das gar nicht. Alles oder nichts, König oder Bettler, nur nichts dazwischen, nur kein Mittelmaß. Der Realist kennt indes die Grenzen, die er nicht anerkennen, die er überschreiten will. Er weiß imgrunde, daß die absolute Freiheit nur zu denken, nur vorzustellen, zu ersehnen, nicht wirklich zu haben ist, so wählt er die Alternative. Wie lange wollen Sie das noch machen? Wenn ich richtig gerechnet habe, haben Sie noch zwei Jahre abzusitzen. Wie ich Sie kenne (oder inzwischen zu kennen glaube), denken Sie bereits an eine Wiederholung. Lassen Sie das. Es ist keine politische Frage. Der Existentialist ist ein Künstler. Die Existenzphilosophie transzendiert beständig über Wirklichkeit und ihre Geschichte hinaus. Ob Heidegger oder Sartre, sie haben die von ihnen favorisierten politischen Bewegungen nur berührt, auch interpretiert, miterlebt, doch letztlich nicht authentisch wiedergegeben. Als aktiver Politiker brauchen Sie die Gunst der historischen Stunde. Im Moment sehe ich auf der "Rechten" vor allem die Elemente der (wiederholten) Selbstzerstörung. Der geborene Existentialist könnte daran - tendenziell - seinen genuinen Anteil haben. Manches erinnert mehr an Italien als an Deutschland. Als ob der italienische Faschismus sich von vornherein historisch nicht so ernst nahm wie der deutsche Nationalsozialismus. Das wäre aber vielleicht eine Chance. Ich sehe auch den Kartenleger und Spieler. Die biographischen Anfänge, wenn sie in der Presse richtig geschildert sind, fordern dazu heraus, den Urheber zu identifizieren. War es Gott, war es der Teufel? Sich - sich - selbst zu verdanken, alles auf nichts zu setzen, impliziert bereits die Gottesentscheidung. Die Versuchung ist sowieso stets dabei. Die Entdeckung des Schicksals ist noch nicht die Antwort. Der Scheideweg stellt zur Wahl. Diese dem Horoskop, dem Tarot überlassen ist wie das Scheuen vor einer Hürde, dem Graben, dem "Rhodos", obwohl diese Bilder vielleicht zu den falschen Konsequenzen verleiten. Gemeint ist, daß Sie vielleicht irrationale (Fremd-) Entscheidungen, magische Unentschiedenheiten auch, bevorzugen, wo Sie neue Klarheiten brauchen. In Ihrem ersten Brief an mich (abgedruckt in feder 8) erwähnen Sie - abschließend! - den Lügenpriester Crowley. Sie hatten die "Karo-zwei" abgehoben. "Das entspricht der Zwei der Scheiben... (Es) entstand das Bild 'Wechsel' vor meinem inneren Auge. Die liegende Acht, das Zeichen der Ewigkeit, die Schlange, die sich in den Schwanz beißt (oder beginnt, sich selbst zu verschlingen?)." Die Karten signalisieren Ihnen, sie wegzulegen und gründlich darüber nachzudenken. Ich weiß wohl, daß im Zufall (auch dem der aufgedeckten Karte) göttliches Gesetz sich (für einen Augenblick) offenbart. Es ist gut, davon etwas zu wissen, aber falsch, dem zu folgen, als wär's eine Anleitung. Die ganze Realität deckt sich täglich auf, um verstanden zu werden. Magie ist keine Antwort, sondern eine der Fragen, die wir uns erst noch zu beantworten haben, wenn wir keine bösen Überraschungen erleben wollen...

Die Vermutung, daß über die Anwälte Aktengeheimnisse verletzt werden, hatte ich auch beim Rudolf-Verfahren. Die verbreiteten (auch formalen) Rechtsauffassungen sind wirklich unter aller Kanone. Das muß sich ändern.

Ich weise immer wieder (auch in anderen Korrespondenzen) darauf hin, daß wir uns vor allem um Deutschlands - innere und äußere - Rechtslage kümmern sollten. Wenn es eine "deutsche Not" gibt, so schreit die nicht zum Himmel wie die Nöte der Dritten Welt; sie hat sich ins allgemeine - öffentliche und private - Rechtsbewußtsein eingeschlichen. Dazu hat in starkem Maße die politische Linke beigetragen. Vorbestrafte Rechtsanwälte, die den Terror verteidigten und kräftig unterstützen, wären in einem Rechtsstaat undenkbar, sind aber in Deutschland völlig normal. Kein Mensch regt sich darüber auf. Die Möglichkeiten einer korrekten, legalen Auseinandersetzung mit solchen (nicht in Deutschland, aber prinzipiell) unzumutbaren Zuständen werden überhaupt nicht genutzt. Hier wird ständig - mal von links, mal von rechts - das Kind mit dem Bade ausgeschüttet. Wer sagt denn, daß nicht Deutschlands Feinde diese Verewigung deutschen Wähnens und Wirrens im Auge hätten - nicht als Grund zur Sorge, sondern als Freudenanlaß? Ein Land, das dazu neigt, periodisch die gleichen, eigentlich undenkbaren, offenbar nur in Deutschland ausdenkbaren Fehler zu machen, muß seinen Feinden gefallen. Die Rechte tut heute so, als sei Deutschland schon am Ende, den Bach runter oder kurz vor dem Abgrund. Die Linke urteilte auf ihre Weise ähnlich. Die deutsche Wirklichkeit ist weitaus besser als ihr Ruf. Ihr schlechter Ruf ist aber ein ebenso linkes wie rechtes Propagandistikum (ich habe das Wort noch nirgendwo gelesen). An Recht und Wahrheit hängt unsere Freiheit. Wenn ich früher Bilder von rechtsradikalen Veranstaltungen sah, war mein spontaner Gedanke: Die sind nicht echt. Da wird uns was vorgespielt. Das ist inszeniert. Es würde bedeuten, daß man es ernster nehmen muß, als der äußere Anschein - rein quantitativ - uns zunächst vormacht.

Das Bild aus dem Flensburger Tageblatt (Seite 31 Ihrer Dokumentatian) könnte auch, wenn wir das "NL" mal wegnehmen, mit dem Text "Irakische Oppositionelle demonstrieren gegen Saddam Hussein" oder "Portugiesische Arbeiter..." oder "Kasachische Bauern..." versehen werden, ohne daß irgendjemand stutzig würde. Nur die gängige Vorstellung von "nordisch-deutschen Nationalsozialisten" stellt sich nicht ein. Die Journalistin Edith Kohn, eine Katholikin, die mit Bubis ein Buch machte, beschreibt Sie als schwarzhaarig. Es fehlen nur noch die braunen Augen. Sind Sie auf der falschen Party, oder wie sehen Sie das? Sie sollen, lese ich, zum Rassenhaß aufgerufen haben. Ich kann mir nicht helfen, aber die "jüdisch-bolschewistischen Untermenschen" hören sich bei Ihnen wie jederzeit austauschbar an. Ich könnte mir vorstellen, daß Sie ebenso "Scheißdeutsche" oder ähnliches sagen, ohne es ernst damit zu meinen. Es paßt einfach nicht in die Psychologie, die sich da artikuliert. Und lassen Sie das Fechten, "bis mir das Fleisch gehackt ist von den Knochen". Schon die Linken benutzten ihre Köpfe und Gliedmaßen gern, um sich draufschlagen zu lassen, statt sie sinnvoll einzusetzen.

Worch an Lummert:

... Ihr Schreiben vom 27.8. - Rudolfs Assimilierungsvorstellung ist natürlich unsinnig. Wie wäre es als Erwiderung mit dem Vorschlag, alle Christen mögen dem Christentum abschwören, das seine letzte Hexenverbrennung nach meinem Lexikon erst im Jahre 1782 in der Schweiz hatte, tief in der Neuzeit (und zudem in einem Land deutscher Zunge und deutscher Kultur)? -

Über Rechte (beide):

Sie nähern sich der Frage des Rechtes, der Rechtssicherheit, von einer zumindest teilweise religiös geprägten Richtung her. Das macht es für mich ein wenig schwierig. Ich bin prinzipiell kein religiöser Mensch. Es gibt nur eine Gottheit, an die ich - gelegentlich - glaube und zu der ich - noch seltener - auch bete. Die Dame ist Griechin und heißt Nemesis. Und indem sie die Göttin der ausgleichenden Gerechtigkeit ist, macht sie sich ein wenig zu dem, als was der Volksmund sie auch irrig bezeichnet: Zur Rachegöttin. Denn Merkmal der ausgleichenden Gerechtigkeit ist, daß sie rückwirkend hergestellt wird, wenn der Rechtsverstoß, der Verstoß gegen die Gerechtigkeit bereits stattgefunden hat. Vom göttlichen Aspekt her, aus der göttlichen Perspektive, mag das in Ordnung gehen. Von menschlicher Warte aus gesehen ist das nicht gar so befriedigend...

Das gewöhnliche, das menschliche Recht ist nie etwas anderes als das Recht der Mächtigen, weil ohne Macht nicht durchsetzbar. Daran krankt es. Das macht es wandelbar, ja, opportunistisch. (Wie war das mit der Justiz als der Hure der Politik?!) Wer also nach Recht strebt, strebt bis zu einem gewissen Grade auch nach Macht und gerät damit gerade in Konflikt mit den Mächtigen, die von ihrer Macht nichts abgeben, sie nicht durch Teilung mit anderen schmälern möchten. Mit der Macht ist es wie mit dem Reichtum. Die wirklich geizigen Menschen finden Sie eher unter den Reichen oder gar Superreichen denn unter den Armen oder den allenfalls Wohlhabenden.

Ohnmacht und erlebte Rechtlosigkeit, Ent-Rechtung, führt nicht allein zu einem persönlich-subjektiven Hunger nach (eigenem) Recht, sondern auch zu Heißhunger nach Macht. Ich finde in einem (egal, welchem) polarisierten, radikalen politischen Lager immer nur wenige Menschen, die wie Kurt Miller mit Blick auf die Machthaber, die Unterdrücker sagen: "Wir werden nicht eure Richter oder Henker sein, aber ein jeder von uns wird gegen euch zeugen!" Ganz gegensätzlich und mit brutaler Offenheit drückte es Dr. Joseph Goebbels aus: "Legal bis zur letzten Leitersprosse - aber gehängt wird doch!" Dieses Zitat kennt wohl fast jeder im rechten Lager und unterschreibt es Ihnen auf der Stelle, so er denn ehrlich ist oder Ihnen genug vertraut, um nicht zu fürchten, es in einer Kuckucksfeder wiederzufinden. Das von Kurt Miller dürfte ungleich viel weniger bekannt sein, und die Neigung, es zu unterzeichnen, sehr viel geringer.

Ohnmächtige neigen zu Omnipotenzphantasien. Das ist natürlich, auch wenn es weder ein schöner menschlicher Zug ist noch ein hilfreicher. Menschen sind nun mal so.

Eliten zeichnen sich dadurch aus, daß sie mehr können, mehr wissen, mehr leisten als die Norm, der Durchschnitt. Wer sich einer Elite zugehörig fühlt oder für sich als Individuum einen elitären Anspruch hat, wird im Regelfall sowohl bereit als auch imstande sein, diesen zu beweisen. Wer seine Überlegenheit nicht beweisen kann, gehört nicht zur Elite. Wer sie nicht beweisen will, aber in Anspruch nimmt, sie beweisen zu können, wenn er denn nur wollte, müßte glaubhaft machen, warum er sich verweigert.

Aber in unserer ach so modernen Zeit ist es beinahe obligat geworden, Überheblichkeit mit Elitarismus zu verwechseln. Zumindest bei sich selbst. Da sind doch die Exponenten des "Nationalen Lagers" nur meistenteils typische Vertreter der gesamten Gesellschaft mit all ihren Strömungen. Bei der Verwendung des Wortes "Streitkultur" dominiert die Betonung der ersten Silbe über die der beiden letzten.

Antisemitismus: Ich glaube, daß das zu einfach gedacht ist: Sich einer Herausforderung entledigen, indem man ihre Botschafter aus dem Wege räumt. Obwohl das natürlich die extremste Äußerungsform von Antisemitismus ist. Aber schwerlich die einzige Ursache, möglicherweise noch nicht einmal die wichtigste oder am tiefsten verwurzelte.

Victimologie: Als wissenschaftlicher Ansatz taugt das natürlich nur bei Menschen, die imstande sind, aktiv zu handeln, oder irgendwelche Handlungen unterlassen, obwohl sie dazu fähig wären. Die Victimilogie untersucht meines Wissens folglich nur Ähnlichkeiten (bzw. Ähnlichkeiten im Verhaltensmuster) von erwachsenen Verbrechensopfern. Ungeborene oder Kinder scheiden damit aus der Untersuchung aus. Im Prinzip auch Opfergruppen, die aufgrund von Umständen, die sie nicht ändern können, stärker als Opfer prädestiniert sind denn andere.

Wieder: Die Religion. Da ich im Christentum herzlich wenig verhaftet bin, vermag ich den historischen Konflikt zwischen dem Christentum und dem Judentum nicht nachzuvollziehen. Korrekter ausgedrückt: Aus der christlichen Sicht nicht nachzuvollziehen. Daß die Judenheit sich (beinahe ausnahmslos) geweigert hat, sich der Zwangstaufe zu unterziehen, ist mir verständlich. (Schade eigentlich, daß die Sachsen da unter dem Druck des Großen Karl nicht standhaft genug waren.) Ohne genauere Kenntnis der religiösen Hintergründe auf jüdischer Seite fehlt mir allerdings das Einfühlungs- und Vorstellungsvermögen für die Annahme der Opferrolle als gottgewollt. Nicht anders, als mir das Verständnis für die religiöse Motivation christlicher Märtyrer fehlt.

Ach, ich weiß nicht, ob es wirklich eine "ganz besondere deutsche Elite" ist, die mit Gott als dem Herrn der Geschichte hadert. Ich bewege mich eher selten in jenen "nationalen Kreisen", mit denen Sie Kontakt hatten oder haben. Meine Kameraden - gewissermaßen die "jungen Wilden", die dem bürgerlichen Teil des "nationalen Lagers" fast noch suspekter sind als steinewerfende Anarchos und Antifaschisten oder ein das Gespräch anbietender Jude - sehen manche Dinge realistisch, gewissermaßen proletarisch. Nach dem Verbot der "NATIONALEN LISTE" im Februar 1995 äußerte Thomas Hainke beispielsweise: "Was solls, wir nähern uns nur wieder dem Normalzustand vom 8. Mai 1945." Und in jenen anderen - bürgerlichen, vielfach auch akademischen - Kreisen der von Ihnen - nicht mir! - so genannten "gewöhnlichen Rechten" findet Ulrich von Hutten zu wenig Beachtung: "Daß ich geschlagen bin, mag ja wahr sein; da es aber nicht gerecht ist, kämpfe ich weiter." Oder eine Runde Shakespeare: "Ich will fechten, bis mir das Fleisch gehackt ist von den Knochen!"

Ich folge Ihrer Begriffsbestimmung vom "gewöhnlichen Rechten" nicht, weil ich dies lieber für die Basis reservieren würde, für das Fußvolk. Aber ich streite nicht ab, daß jene, die Sie als "gewöhnliche Rechte" bezeichnen, im anderen Sinne - auch gewöhnlich sind. Wie die meisten Menschen: Übermütig und hochfahrend im Sieg, duckmäuserisch in der Niederlage. Das ist - ich werde nicht müde, es zu betonen - eine Krankheit, an der nicht allein das "rechte Lager" leidet. Zurück zur Religion: Ich mag nicht beurteilen, ob diese Neigung zum "Radfahren" eine Folge christlicher Prägung sein könnte. "Ich mag nicht" in doppelter Hinsicht: Ich vermag's nicht; und vermöchte ich es, ich hätte keine Lust dazu.

Das historisch-politische, ja, machtpolitische Recht der Juden: Da würde mich mal interessieren, welches Sie meinen. Die Gründung des Staates Israel? Das tut mir zwar leid für die Palästinenser, aber es tangiert mich nicht als ein deutsch-jüdisches Problen. Und da drei Millionen Israelis sich gegen hundert Millionen feindlicher Araber durchgesetzt haben, spricht zumindest der Sozialdarwinismus für sie. Vom Sozialdarwinismus zu einer biologistischen Betrachtung ist's nur ein Katzensprung, und deshalb gibt es für Nationalsozialisten eigentlich keinen triftigen rationalen Grund, etwas gegen Israel zu haben. Irrationale ließen sich wohl viele finden. Aber wer irrationale Gründe hat, wird schwerlich gezielt danach suchen. (Schon das Eingeständnis, daß ein Grund irrational sein könnte, relativiert ihn als "Grund".)

Oder geht es bei dieser Bemerkung darum, daß Juden in Deutschland respektive jüdische Deutsche respektive deutsche Juden (lassen Sie mich doch bitte gelegentlich wissen, was in Ihren Augen die richtige Bezeichnung ist) nach zwölf Jahren von Ausgrenzung und wachsender Verfolgung wieder alle Menschen- und Bürgerrechte genießen, ja, teilweise sogar eine bevorzugte Berücksichtigung ihrer Rechte? Der letzte Halbsatz ist ein deutsch-jüdisches Problem. In erster Linie ein deutsch-deutsches Problem, aber eine (und sei es passive) jüdische Involvierung in dieses Problem liegt auf der Hand.

Wie auch immer und auch wenn es Ihnen als einem Gläubigen als eine Beleidigung durch einen überwiegenden Atheisten erscheinen mag: Daran, daß der Herr 's fügen wird, glaube ich weniger. Da wird's der Menschen bedürfen. Und wie jedes menschliche Unterfangen wird die Qualität der Lösung abhängig sein davon, wer alles daran in welcher Weise mitwirkt.

Hybris: Wenn sinnloser Hochmut / sich schamlos berauscht / an frevelnder Tat / verwegen Gipfel erklimmt / dann stürzt er hinab / jählings herab / ins Verderben. - Aus dem Gedächtnis (und deshalb vielleicht wörtlich ungenau, aber sinngemäß treffend) wiedergegebenes byzantinisches Gedicht. - Ja, die Dame ist Griechin, und die Byzantiner waren es wenigstens zum Teil auch. - Ich fürchte nur Abgründe, hinter denen die Drohung der Schwerkraft steht. Philosophische oder gar metaphysische Abgründe sind etwas anderes; diese Tiefe ist eine abstraktere. Wer fällt wie Kapaneus beim Sturm der Sieben auf Theben, der fällt zumindest groß. Ja, ich bin hochmütig. Und ich kenne den Preis dafür.

Die "Affaire" mit dem Neger: Wollte ich den Mann (oder einen beliebigen anderen Neger) verletzen, würde ich einen einschlägigen Begriff aus Amerika benutzen. Ich vermag aber nicht einzusehen, daß ich nicht mehr Neger sagen soll, weil die Amerikaner aus negro das Schimpfwort nigger gemacht haben und deshalb dort negro gewissermaßen im umgekehrten Rückschluß (oder wie immer man das nennen mag) politically incorrect geworden ist. Da sehe ich dann den moralisch erhobenen Zeigefinger einiger politischer Kreise in Amerika, die sich über den in Deutschland seit dem Mauerfall zugenommenen Rassismus auslassen und dabei geflissentlich übersehen, daß Rassismus in den multikulturellen USA eine ganz andere Tradition und auch aktuell noch ganz andere Auswirkungen hat als in der BRD bzw. jetzt Groß-BRD ("BRDDR").

Wenn Sie mir das allerdings nicht nachsehen, dann wäscht die Tatsache, daß ich dem Manne geholfen habe, wahrscheinlich noch weniger weg, wenn ich Ihnen sage: Menschenfreundlichkeit war dabei das geringste meiner Motive. Nicht gänzlich außen vor, aber eben drittrangig. Das eher abstrakte Gerechtigkeitsempfinden spielte da schon eine ungleich viel größere Rolle. (Denn der der deutschen Sprache unkundige Analphabet Allah Hassan Tanko aus Niger hatte seiner Darstellung nach noch nicht einmal eine Möglichkeit, der Ausländerbehörde seinen Fall unter Hinzuziehung eines Dolmetschers vorzutragen; von einem Rechtsbeistand mal ganz zu schweigen. Er war auf sein eher gebrochenes Englisch angewiesen.) Aber auch das stand nicht im Vordergrund.

Im Vordergrund stand die Verlogenheit der politischen Kaste der BRD, einerseits das Asylrecht für jedermann aus der ganzen weiten Welt im Grundgesetz stehen zu haben und andererseits der praktischen Rechtsverwirklichung oder Rechtsinanspruchnahme Formalismen oder allein auch nur die Sprachbarriere entgegenzustellen. Wohlverstanden, ich bin gegen dieses Asylrecht, das ausufernd und mißbräuchlich in Anspruch genommen wird, womit dem deutschen Volk geschadet wird. Aber ich halte es für einen notwendigen Angriff auf die gegenwärtigen Verhältnisse, wenn auf diese Diskrepanz zwischen Verfassungsanspruch und Verfassungswirklichkeit hingewiesen wird. Das ist die Unehrlichkeit, die für Politik - namentlich moderne Politik in diesem Lande - so bezeichnend ist.

Diese Aktion und ihre Aufarbeitung in einem Artikel, der sinniger- oder hintersinnigerweise den Titel "horror niger" trägt, wird nicht viel entknoten. Er wird Kontroversen auslösen. Mittels dieser Kontroversen werde ich erkennen können, wer zugunsten der Sache seine Ressentiments hintanstellen kann und bei wem sie so überwältigend sind, daß der Verstand ausgeschaltet bleibt. Ersteres heißt noch lange nicht, daß die Ressentiments dadurch verschwinden. Aber schon die Fahigkeit, Ressentiments mal zurückzustellen, ist eine (kleine) Erweiterung des Bewußtseins und eine Bewegung hin zu Nüchternheit, zum notwendigen Abstand bei der Beurteilung.*

Ich verachte meine Kameraden nicht. Ich kenne nur ihre Fehler. Und manchmal ärgere ich mich darüber, daß es so eine Sisyphus-Aufgabe ist, gegen deren schlimmste Auswirkungen und Äußerungen anzukämpfen. Vielleicht ist das ein Teil meines persönlichen Preises für Hochmut. Aber ich würde sagen, eher das Kleingeld des Preises, die "peanuts".

Om over na te denken: Deutschland unterhält zur Republik von Niger wie zu den anderen afrikanischen Staaten diplomatische Beziehungen. kkk

Nietzshe starb an den Folgen einer Infektion mit Trepomena pallidum. Interessanterweise war dieser Keim wohl auch der Grund dafür, daß Hutten nur 35 Jahre alt wurde. Und fast kaum weniger interessant finde ich, daß nach Kriegsende (einige wenige) Quellen behaupteten, Adolf Hitler habe auch an progressiver Paralyse infolge tertiärer Syphilis gelitten. - Hutten wie Nietzsche haben gebrannt, lichterloh gebrannt. Der eine wurde Opfer einer Kachexie. Den anderen schlug das Schicksal (oder strafte Nemesis?) mit zehn oder elf Jahren geistiger Umnachtung. Das mag ein Zufall sein. Es mag auch eine tiefere Bedeutung haben, aber ich fühle mich nicht kompetent, darüber eine Hypothese aufzustellen. - Man lernt bisweilen ein wenig aus den Problemen anderer. Das kann hilfreich sein. Vielleicht hat man auch einfach Glück bezüglich der eigenen (biologischen) Genetik und der (lebensgeschichtlichen) Genese. Oft hat man es wohl auch leichter, wenn man nicht selbst ein philosophisches Gebäude geschaffen und postuliert hat - das Hemnis, etwas einzureißen, mag geringer sein, als wenn es das ur-eigene Produkt ist. - Nein, Sie haben recht: Ich habe nicht Nietzsches persönliche und psychologische Probleme. Meine dürften harmloser sein. Ich brenne mit einem Feuer, das kälter und vor allem niedriger ist, als das seine war. Deshalb ist es auch unredlich, mich mit ihm messen zu wollen. Und wenn Dame Nemesis nicht nur ein Mythos und ein persönlicher Wunsch- oder Alptraum von mir ist, habe ich eine reelle Chance, nicht in geistiger Umnachtung zu enden.

Rudyard Kipling und das "Große Spiel": Wenn wir vor der Wahl stehen lediglich zwischen Dominanz und Manipulation, was ist dann wohl vorzuziehen?! "Nach seinen Zielen befragt, kommt oft nur heiße Luft - bei der Vorstellung von absoluter Macht spricht er nicht von Gefängnis, Folter und Mord, sondern von Gleichschaltung der BILD-Zeitung und des ZDF" (Hermann Ritter und Klaus N. Frick in ANDROMEDA 136/137, "Wie faschistisch ist die Fantasy? Eine Themenarbeit am Beispiel Christian Worch", unter Hinweis auf DIE WOCHENPOST vom 10.11.1994). Der homo ludens ist stets mit dabei. Sogar bei Schiller im FIESCO, wo der berühmte Mohr (bevor er seine Schuldigkeit getan hat) dem Fiesco sagt: "Ja, um Köpfe werden sie karten, und der Eure ist Tarock." Gibt es eine wirklich andere Art, etwas Distanz zu wahren, als den Spott, einschließlich des Spottes gegen sich selbst? Zumindest, wenn man "drinnen" ist. Womit ich nicht dieses Gefängnis meine ("Des Geistes Fluten hemmen keine Wälle"), sondern Zusammenhänge bis hin zu Parteien o.dgl.. Sie wollen die Manipulierbarkeit aufheben? Da gestatten Sie in diesem Zusammenhang die Frage: Welche, in welchem Zusammenhang?! Ist's (1) die Manipulierbarkeit schlechthin? Ein nobles Ziel, aber so utopisch wie der Pazifismus. Oder meinen Sie (2) die Gefahr, selbst manipuliert zu werden, indem Sie einer Partei o.dgl. beitreten und damit einer Art von Gruppendruck unterliegen könnten (als ob's die Gruppe gäbe, die auf Sie Druck ausüben könnte!)? Oder etwa (3) die Manipulierbarkeit von Menschen wie Germar Rudolf oder gar mir?

Im komplexen Geflecht der Beziehungen von Menschen unter- und zueinander gibt es Manipulation auf ungeheuer vielen Ebenen. Jede Form der Kommunikation ist schon eine Manipulation. (Fünf Hefte mit sechs Federn zeigen mir viel davon; und Sie wissen es.)

Ich habe erlebt, wie dreißig ausgewachsene Neonazis auf einem "Führerthing" (eine teils im Einsatz bewährte, teils auch selbsternannte "Elite") sich weigerte, mich vorzulassen (der ich dort zu sein vielleicht zehnmal mehr Recht gehabt hätte als jeder einzelne von ihnen, Volker Heidel vielleicht ausgenommen), um eine einzige Frage zu stellen. Nicht mehr als ein Satz, sechs oder sieben Worte; und ich wollte noch nicht einmal die Diskussion darüber mit anhören (oder gar teilnehmen), nur später die Antwort mit nach Hause nehmen. Nein, dafür hatten sie zu viel Angst, manipuliert zu werden, von einer Frage, von einem Satz und all den Implikationen daraus, über die sie sich dann vielleicht Gedanken hätten machen müssen. - Aber die Manipulation begann natürlich schon viel früher, indem ich siebenhundert Kilometer fuhr, nur um dort vor dem Saal zu sitzen, präsent zu sein und ihnen ein sei es auch noch so verstümmeltes Gespräch anzubieten.

Manipulation ist. Sie ist die mildeste Form der Machtausübung. Nicht nebenwirkungsfrei (das kann keine Form der Machtausübung sein), aber so nebenwirkungsarm, wie es überhaupt möglich ist. Und wie die Existenz von Macht ist Manipulation unumgänglich, solange es menschliche Interaktion gibt. Die Hoffnung auf eine wirklich freie Menschheit ist eine Frage des Glaubens, der mir fehlt. (30.8.96)

Lummert an Worch:

Zur Assimilation der Juden äußerte sich Rudolf auch in den Staatsbriefen (8-9/1995). Auf meinen Abschiedsbrief in Sleipnir, worin ich auch Rudolfs These (anpassen oder emigrieren) erwähnte, hat er geantwortet. Der Artikel liegt bei der Sleipnir-Redaktion. Röhler will den Text aber nicht veröffentlichen, weil er weitere Schwierigkeiten mit der Justiz befürchtet. Ich würde die Sache bringen. Ich weiß gar nicht, was drinsteht. Röhler meint nun aber, das sei ziemlich schlimm, und will zudem vermeiden, daß ich darauf gleich antworte und Rudolf nochmals "in die Pfanne haue". Rudolf schickte mir vor ein paar Tagen zwei reproduzierte Mitteilungen, die Sie vielleicht auch erhalten haben. Es geht da um das neue Zeitschriftenprojekt via Vrij Historisch Onderzoek und Rudolfs jetzige Situation. Ich habe es zum Anlaß genommen, ihn um das fragliche Manuskript zu bitten.

Sie sind kein Atheist, kein areligiöser Mensch. Sie geben es mehr oder weniger direkt immer wieder zu erkennen. Einige Punkte daraus habe ich gestern schon angesprochen. Auch die Göttin Nemesis, als Herrin der ausgleichenden Gerechtigkeit, ist, nur mit anderen Worten, dasselbe wie: "Der Herr wird's fügen." Zur ausgleichenden Gerechtigkeit gehört übrigens - keineswegs irrig - das Urrecht der Rache. Von diesem Urrecht hat der Mensch an den Rechtsstaat delegiert, und solange dieser intakt ist, muß es nicht zurückgenommen werden. Das ändert aber nichts am Prinzip.

Daß jedes relative Recht durch Macht und Gewalt gesetzt ist, wird nicht angezweifelt, sondern ausdrücklich bestätigt. Und natürlich sind menschliche Hände und Köpfe am Werk, wo "Gott" letztlich "fügt" und "lenkt". Es sind doch nur Worte. An anderer Stelle spreche ich von "historischen Umständen" oder "Dialektik der Geschichte". Es geht um das merkwürdige Phänomen, daß Dinge sich entwickeln - trotz menschlicher Intentionen, Planungen, Taten. Und wider sie. Die "kleine" Wiedervereinigung Deutschlands ist ein Beispiel. Genau solche Erscheinungen sind es, die die Theorie stützen, daß "Menschenrecht" und "Gottesrecht" auf verschiedenen Ebenen sich kundtun. Ich lobe mir die Realisten, arbeite aber selbst gewöhnlich ohne Netz.

Zu den "Eliten" habe ich mir den kuckuck einfallen lassen. Auch in allerjüngster Zeit klopfe ich wieder ein bißchen ab. Wer sich seiner gewiß ist, braucht sich nicht ständig zu betonen. Darum halte ich jede "Elite"-Diskussion ("Avantgarde"-... incl.) für Maskerade, gegenseitiges Auf-die-Schulter-Klopfen.

Die Victimologie ist eine Wissenschaft, dann gilt sie auch für Kinder und Ungeborene. Die Hilflosigkeit ist es, und kleine Kinder, junge Tiere, sind dafür exemplarisch, die unseren Schutz- und Sorgeinstinkt weckt. Der Täter aber, der die Hilfsbedürftigkeit nicht zu Umsicht und Sorge, sondern für die Gewalttat nutzt, stellt sich damit bzw. steht offensichtlich außerhalb der von Natur gegebenen Ordnung der Gefühle und Instinkte. Er zeigt ein zumindest schizoides Verhalten. Er ist heilbar oder unheilbar krank. Die schlichte Moral spricht auch von Feigheit. Die Justiz entscheidet von Fall zu Fall. Die aktuelle Gesetzeslage ist hanebüchen.

Der Konflikt zwischen Judentum und Christentun läßt sich wissenschaftlich viel leichter als religiös-parteilich nachvollziehen.

Ich kenne den zitierten Kurt Müller nicht, aber den Satz, "Wir werden nicht eure Richter oder Henker sein, aber ein jeder von uns wird gegen euch zeugen!", glaube ich ihm gern. Dabei müßte man den Satz analysieren. Ein Unterdruckter, Gepeinigter zeugt allein mit seiner Anwesenheit gegen die Peiniger und Unterdrücker. Insofern ist der Satz wahr. Auch: "Wir werden nicht eure Richter oder Henker sein" - aus fortdauernder Ohnmacht. Der Satz kann auch anders ausgelegt werden - also durchaus nicht im Gegensatz zu Goebbels ("Dr. Joseph"). Man kann auch subjektiv und wahrheitswidrig "gegen euch zeugen". In den letzten Kriegstagen erzählte man sich in Deutschland den "Witz", daß Goebbels in einen Berliner Straßengully gefallen, durch dessen Gitter jedoch noch die "Goebbels-Schnauze" (wie man auch den "Volksempfänger" nannte) zu hören sei: "Und wir siegen doch!" Sie werden dem Mann recht geben. Sei's drum.

Den zitierten Goebbels-Satz will ich aber wiederholen: "Legal bis zur letzten Leitersprosse - aber gehängt wird doch!" Na, herrlich. Verstehen Sie nun, daß (und warum) ich für Presse- und Meinungsfreiheit bin? Darum! Alle sollen es wissen. Ich will die Entscheidung des deutschen Volkes. Dafür oder dagegen. Ich glaube an die Rechtschaffenheit der Menschen, glaube, daß sie den autoritären, sagen wir, Polit-Initiativen eine Abfuhr erteilen werden. Sie wissen ja, daß ich auf die politische Vernunft der Mehrheit setze.

Zur Rechtssicherheit gehört auch die Rechtssicherheit im kuckuck. Sie spielen darauf an. Gemeint ist z.B., daß einer mir "genug vertraut, um nicht zu fürchten, es (was er an mich schrieb - H.L.) in einer Kuckucksfeder wiederzufinden". Dazu ist einiges zu sagen. Privatbriefe auf diesem Felde gibt es nicht. Leserbriefe werden abgedruckt. Wer im kuckuck angegriffen wird, kann sich im kuckuck dagegen wehren. Das war schon immer so. Die besondere Art des hier gepflegten Dialogs ist Teil einer als investigativ verstandenen journalistischen Methode. Wer an den kuckuck schreibt, weiß, an wen er schreibt. Ich habe von Anfang an niemanden über mich im unklaren gelassen. In der Form konziliant, im Prinzip diamanten, so kann man miteinander umgehen, denke ich. In Zug und Gegenzug. Würde einer im kuckuck einen andern so beschimpfen, wie ich oft beschimpft werde, käme ein redaktioneller Verweis gleich dazu. Was mich betrifft: ich teile aus, ich muß auch einstecken können. Da ich, wie gesagt, ohne Netz arbeite, ist ein Diskussions-Ertrag ganz in meinem Sinne keineswegs gesichert. Das ist doch fair, oder nicht?

Längere Korrespondenzen, die von allgemeinem Interesse sein könnten, bedürfen bezüglich einer Veröffentlichung schon aus technischen Gründen der Absprache. Ihren Briefen sehe ich an, daß Sie von vornherein mit dem Gedanken an eine eventuelle Wiedergabe im kuckuck geschrieben haben. Jetzt will ich sicher sein. Ihre Anspielung könnte auch meinen, lieber davon abzusehen.

Ich wäre "dafür". Meine Rudolf-Zitate in feder 9 waren übrigens "genehmigt". Wir hatten ursprünglich an eine Veröffentlichung unseres gesamten Briefwechsels gedacht. Niemand ist mir, falls Sie das meinen, ausgeliefert.

Wenn ich sage, daß ich "die Manipulierbarkeit aufheben" wolle, so weiß ich natürlich, daß die Natur des Menschen da ihre Grenzen und Verwundbarkeiten hat. Der Mensch braucht von seiner Geburt an viel zu lange, um einigermaßen aus den Windeln zu kommen, mündig zu werden. Da ist für später einiges vorgegeben. Aber ich kann einiges so gestalten, daß der Mensch als mündiger grundsätzlich respektiert wird. Von daher mein Demokratieverständnis und die freie Auseinandersetzung mit meinen erklärten Feinden. Das wollen wir dabei nicht vergessen.

Daß Sie geschlagen sind, frei nach Hutten, "nicht gerecht"?

Ich weiß nicht, wofür Sie kämpfen. Meine Überlegungen kreisen mehr um dieses Deutschland und die Deutschen als alles, was ich bisher von Ihnen gelesen habe. Es zeichnet den weitaus größten Teil der literarisch gewordenen Rechten aus, daß sie von sich, ihren Ideen, ihrer Bewegung, gar von ihrem "geschichtlichen Auftrag" redet, doch kaum vom Volk der Deutschen, und wenn, dann allenfalls in dem Verstand, daß die Mehrheit als mehr oder weniger blöd, politisch blind, versaut, umedukiert und also einer harten Führungshand bedürftig dargestellt wird. Jetzt soll die Verknechtung erst richtig losgehn. Als Modell dient ein politisches System, das Deutschland und das deutsche Volk in den Abgrund führte. Historisches Unwissen und politische Unfähigkeit standen dabei gleichermaßen Pate. Sie kämpfen implizit für eine Wiederholung des Desasters. Was empfiehlt Sie bzw. Ihre "Bewegung" fürs deutsche Volk? Als Nutznießer sehe ich nur jene, die den Deutschen das Desaster ein weiteres Mal wünschen. Für eine "deutsche" Politik ist das so abenteuerlich und feuerspielerisch, daß ich spontan an Löschwasser denke. Wie gefällt Ihnen das?

Wenn es eine jüdische Macht auf der Welt gibt, sei's nun mit dem Staat Israel, dem Einfluß irgendwelcher Weltorganisationen, jüdischer Intellektueller, auf den Finanzmärkten usw., so läßt sie sich weitgehend auf die politischen Fehler ihrer weltanschaulichen Hasser zurückführen. Israel (im umfassenden Sinn) kann abwarten und zuschauen, wie seine Feinde ihre historischen Chancen immer wieder verpassen. Dabei sind die Juden den Deutschen in mancher Hinsicht sehr ähnlich. Wie ein Sieger den Unterworfenen behandelt, das ist ein Maßstab. Ich denke an die Generosität Napoleons gegenüber dem Zaren, aber auch Hitlers gegen Frankreich nach dessen Niederlage 1940. Sonst gab es das nicht. Nach dem Sechstagekrieg ließen die Israelis ihre ägyptischen Gefangenen barfuß durch die Wüste laufen. Wie Deutsche und Russen einander behandelten, muß ich Ihnen nicht sagen. Der Psychokrieg gegen die Deutschen in den letzten Jahren paßt genau in dieses Bild. Auch Ihre antikisierende Heldenromantik in Beziehung zum "Neger". Sagen Sie nicht, das sei halt Menschennatur. Es ist auch Menschennatur, sich zu veredeln, veredeln zu wollen.

Manipulieren ist keine Kunst, wenn man am Hebel sitzt. Höhere Art ist es, ihn nicht zu betätigen.

Die Axiome befragen. Hat Goldhagen recht? "Die Hoffnung auf eine wirklich freie Menschheit ist eine Frage des Glaubens, der mir fehlt", schreiben Sie im letzten Satz. Nach der Ausgrenzung durch die Deutschen grenzt Goldhagen jetzt die Deutschen aus, zwar historisch scheinbar abgeschlossen, aber daran kann man nicht glauben. Also, das letzte Wort? Oder müssen wir nicht vielmehr erkennen, daß mit der Hoffnung eine existentielle Notwendigkeit ganz eng verknüpft ist? Die Geschichte verstehen heißt an der manipulativen Macht vorbeisehen.

Bei Ihrer Geschichte vom "Führerthing", zu dem Sie über siebenhundert Kilometer hetzten, um eine (!) Frage zu stellen, dachte ich an diesen Satz in kuckuck 1, 1973: "Zu Fortschritt fiel mir eines Tages das Märchen vom Hasen und dem Igel ein." "...Angst, manipuliert zu werden"? Da können Sie mal sehen, welche Abwehrmechanismen erforderlich werden, wo das Denken irgendwie "von oben" dirigiert ist und also auch umdirigiert werden kann. In diesem Bezugsrahmen handelten die Leute "richtig", indem sie Sie gar nicht erst zu Wort kommen ließen. Autonome Einzelne (jeder der dreißig "Ausgewachsenen") hätten das so lang und so lang nicht zugelassen. Jede Gruppenkumpanei ist geistfeindlich. Das Führerprinzip garantiert den Ungeist. Nach Lage der Dinge wollten auch Sie nicht Geist einblasen, sondern mit Geistes Hilfe die Machtverhältnisse ändern. Doch die Konkurrenz, die war eben wachsam. (2.9.96)

Worch an Lummert:

Wer dient wem... - (...) Es ist eine aristokratische Tradition, scheint mir. Aber wer wem? Der Fürst dem Wahlspruch, der Wahlspruch dem Fürsten? Ist's nicht die selbe Frage, damals wie heute? Die Wahrheit ist ein Halbling. Ich meiner Überzeugung und meine Überzeugung mir, wobei gleichgültig ist, welche/n ich voranstelle.

Wie lange noch? Ich habe noch lange nicht genug. Da bestimmt das Sein das Bewußtsein. Die historische Stunde wird kommen oder nicht kommen, oder sie wird kommen und so viel Gunst erweisen wie die Büchse der Pandora Geschenk war, aber ich werde darauf hinarbeiten. No retreat, no surrender. Deutsch sein soll ja angeblich heißen, eine Sache um ihrer selbst willen zu tun. Ein gefährliches Konzept, aber irgendwo auch ein nobles. Der edel-triviale Autor Trevanian schrieb ganz nebenbei (in einem Agentenroman) von der "wagnerianischen Todessehnsucht der Deutschen". Touché, Mr.Trevanian! (Und ich habe noch lange nicht genug...) Es hat so seine auch philosophischen Gründe, daß ich zur extremsten Rechten gehöre, obwohl ich Edith Kohn die Wahrheit gesagt habe, als ich anmerkte, zehn oder zwanzig Jahre früher geboren, hätte ich auch auf zwei ganz anderen Seiten landen können. (Ich habe keine Kopie meiner eigenen Dokumentation hier und folglich auch nicht den Artikel aus der WOCHENPOST. Wenn meine Erinnerung nicht trügt, hat Edith Kohn nur das eine Beispiel erwähnt. Vollständig habe ich sinngemäß gesagt: "Zehn Jahre früher geboren, hätte ich bei der RAF landen können. Und zwanzig Jahre früher geboren, hätte ich jetzt Staatssekretär im Bundesinnenministerium sein können und würde genau die Leute verfolgen, die der fiktive Worch Jahrgang 1946 hätte werden können bzw. der reale Worch Jahrgang 1956 geworden ist...")

Magie ist. In einem ähnlichen Sinne wie Manipulation, wenngleich schwächer, verborgener, unzuverlässiger. Die erste Information, die ich über Crowley jemals zur Kenntnis nahm, war die, daß er Churchill das "Victory"-Zeichen zur Propaganda empfohlen hat. Ein genialer Zug. (Den Goebbels unzureichend und erfolglos unzudeuteln versucht hat, indem er die gespreizten Finger für das vermeintlich "deutsche" "Victoria" reklamierte. Man hört förmlich die Blasmusik, Gloria, Victoria, Juchheissassa! Es mag - auch aus meiner Sicht - "gut gemeint" gewesen sein, aber "gut gemeint" bedingt nicht "gut gemacht".) Daß Crowley diesen Gestus magisch gemeint haben dürfte, erschloß sich mir erst später. Es paßt irgendwie ins Bild. Beinahe ebenso wie der Umstand, daß "die Partei" (die sich lustigerweise genau wie die kommunistische immer als "die" Partei verstand, die Bedeutung von "pars" unabsichtlich konter-karikierend) mit Albert-Herschel Hanussen-Steinschneider zeitweilig jemanden hatte, der als "hauptamtlicher Wahrsager" eben dieser Partei galt. Man hätte ihn nicht erschießen sollen. Und das meine ich nicht allein vom ethischen Aspekt her, sondern ebenso vom pragmatischen: Der Mann war lehrreich. Und sei es nur als ein (lebend gelassener) Beweis dafür, daß Dinge, Menschen und Äußerungen oder Darstellungen beileibe nicht immer so sind, wie sie scheinen. Auch das ist eine Art von Magie. Oder eine Schnittstelle zwischen Magie und Manipulation.

Ansonsten weiß ich, daß "die Karten ein guter Diener, aber ein schlechter Herr sind". Folgsam sind sie, wenn sie sagen, was ich mir vorstelle. Aber ich stelle mir nicht vor (oder höchstens als Gedankenspiel vor), was sie sagen.

(...)

Deutschland am Ende, den Bach herunter... Natürlich nicht. Angeschlagen, aber da gibt's (und gab's) Schlimmeres. Aber erstens ist besser nicht so gut wie gut. Und zweitens rechne ich ein paar Dinge hoch. Und bei gleicher Tendenz zwanzig, dreißig Jahre in die Zukunft geschaut, das ist schon ein anderes Bild. Da könnte ich dann auch zum gefühlsmäßigen Xenophobiker werden. Von Über-Staat und immer weiter wachsendem Materialismus mal zu schweigen. (Vielleicht sehen Sie und ich die gleichen Probleme, aber in unterschiedlicher Reihen- und damit Rangfolge...)

Bilder von rechtsradikalen Veranstaltungen: Alle, die ich bisher gesehen habe, erscheinen mir ziemlich echt, denn sie decken sich mit meinen Erfahrungen. Obwohl es trotzdem leicht ist, etwas zu täuschen. Herr Born hat uns das für SAT 1 und andere Medien ja vorgemacht. Oder Yaron Sworey alias Ron Fury hat schön bewiesen, wie man den einen oder anderen Rechten täuschen kann.

Heinz "Nero" Reis, Roy Godenau und den alten Kampfhahn Wilhelm Koeberich sah ich davon genauso betroffen wie Wolfgang Juchem (vormals ziviler Mitarbeiter des Bundesnachrichtendienstes) oder Friedhelm Busse. Es gibt bestimmt einen Grund, warum Sworey das nicht mit mir versucht hat oder mit einem Kameraden, der mir näher stand als die Genannten. Nicht nur, daß es unglaublich ist, so eine Geschichte nicht durch simple Rückfrage oder das Verlangen nach genaueren Referenzen zu überprüfen. Schon die Wahl des Nachnamens hätte hellhörig machen können.

Es wäre also leicht. Aber abgesehen von Born, der es wohl weit mehr aus finanziellen Gründen gemacht hat, ist mir kein konkreter Fall bekannt. Es ist einfach nicht nötig. Das hat - auch wenn es sich selten bewußt so definiert - fundamentalistische Ursachen. Im Sinne einer Total-Opposition - oder dessen, was man dafür hält. Es gibt Gelegenheiten, bei denen ich mir noch heute die Kampfstiefel anziehe. Und sei es nur, weil es im Sinne des Zeitgeistes "pfui" ist, das zu tun, ich aber diesen Zeitgeist recht pauschal "pfui" finde.

Tatsächlich hatte ich die "men combat boots" (in einschlägigen Kreisen besser bekannt als "Springerstiefel") an den Füßen, als ich meiner Ladung zum Haftantritt folgte. Auch eine Methode, mit den Fußen abzustimmen, wenn man anders seine Stimme nicht mehr erheben kann.

Ins Extrem getrieben haben es die Skinheads mit ihrem (so Kurt Müller) "Kult der Häßlichkeit", ohngeachtet des Umstandes, daß sie - die Presseberichte mal außen vor gelassen - mit ihrem Kahlschnitt eher an KZ-Häftlinge erinnern...

Außerlichkeiten: Edith Kohn hat nicht genau hingeschaut. Stelle ich mich neben jemanden mit wirklich schwarzen Haaren, erkennt man meine noch als dunkelbraun; fehlt der Vergleich mit "echtem" Schwarz, könnte man sie dafür halten. Und mit braunen Augen kann ich auch nur fast dienen - mein Personalausweis beschreibt sie als "grün-braun". Tendenz zugegebenermaßen mehr zum Braun...

Sollte ich mich deshalb auf der falschen Party fühlen? Ich bin nicht in Versuchung, mir die Haare blond zu färben. Meine Konzession an die Eitelkeit ist, daß ich bisweilen die zunehmenden weißen auszuzupfen versuche, was natürlich ein im wahrsten Sinne des Wortes eitles (sprich vergebliches) Unterfangen ist.

Nun mag es natürlich sein, daß Frau Kohn mit einer anderen, tieferen Art von Äußerlichkeit entweder ein Problen hat oder danach tastete, ob ich damit ein Problem hätte. In dem vier- oder fünfstündigen Gespräch sprach sie einmal von sich selbst wie folgt: "ich als Jüdin". Ich registrierte es, ohne darauf zu reagieren. Ein oder zwei Stunden später retourierte ich dann mit der Bemerkung: "Sie als Jüdin..." Wie ich denn darauf käme, daß sie Jüdin sei? Sie sei es nicht. Ich unterließ es, sie auf ihre frühere Bemerkung hinzuweisen, und tat so, als sei es ein provokatives Tasten meinerseits gewesen. So schießt man wechselseitig Bälle ins Nichts.

Austauschbarkeiten: Natürlich. Als mein Gesicht durch die Medien noch nicht so bekanntgemacht worden war, habe ich mich bei gelegentlichen privaten Besuchen in Bremen in einer dortigen linksextremen Buchhandlung mit für mich interessanter einschlägiger Literatur eingedeckt. Sowohl aus Gründen der Konfliktvermeidung als auch rein spaßeshalber im Outfit und mit der Artikulation eines Autonomen. Bisweilen gönnt man sich so etwas.

"Jüdisch-bolschewistisches Untermenschentum" gehört nicht zu meinem üblichen Sprachgebrauch. Auf diesem Plakat aber und aus diesem Anlaß hatte ich - auch wenn ich den Text nicht entworfen habe - keinerlei Einwände dagegen. Der Nürnberger Prozeß war dermaßen beispiellos ein Verstoß gegen den bis dato in allen Rechtsstaaten geachteten Grundsatz des "nulla poena sine lege", daß mir keine sprachliche Spitze zu provokativ erschien, in diese Wunde geschlagen zu werden.

So ganz nebenbei befanden wir uns auch in der dann von den Gerichten für irrig erklärten Annahme, der konkrete Text falle nicht unter die Bestimmung der Volksverhetzung. Das mag seltsam erscheinen, wenn man sich überlegt, was heutzutage schon als Volksverhetzung abgeurteilt wird. Aber im Oktober 1977 waren die Auslegungen dieses Gummiparagraphen noch nicht halb so ausgeufert wie zwischenzeitlich (bzw. auch schon vor der Gesetzesänderung zum 1.12.1994).

Germar Rudolf: Die STAATSBRIEFE halte ich nicht und bekomme nur gelegentlich von Kameraden Auszüge zugeleitet, von denen diese meinen, sie seien für mich interessant. Rudolfs Artikel in 8-9/1995 gehörte bislang nicht dazu.

Daß Röhler den rudolfschen Text nicht veröffentlichen möchte, kann man ihm anhand seiner bisherigen Erfahrungen mit der bundesdeutschen Justiz schlecht verdenken. Aber wo hat er ein Problem damit, daß Sie vielleicht (oder eher relativ - sicher) Rudolf noch einmal "in die Pfanne hauen" würden?

An irgendeiner Stelle (ich glaube zu erinnern, in einer Kuckucksfeder) haben Sie erwähnt, daß widersprüchlicherweise "Angehörige des rechten Lagers" sich gern darüber beklagten, daß "die Juden" einem Dialog mit ihnen auswichen, nur, um dem dann tatsächlich angebotenen Dialog mit Ihnen, Horst Lummert, auszuweichen, kaum daß er begonnen hat. Ich höre bzw. lese so etwas nicht gern. Feigheit erscheint mir immer verächtlich. Die des Feindes mag aus pragmatischen Gründen noch nützlich sein. Die von politischen Freunden (oder solchen, die es theoretisch sein könnten oder sollten) finde ich traurig.

Ich stand mit Rudolf noch nie in Kontakt und kenne auch weder "Vrij Historisch Onderzoek" noch einen Bericht über seine jetzige (sprich spanische?) Situation.

Nemesis: "Der Herr wird's fügen" verstehe ich im positiven Sinne, im Sinne von aktueller Gerechtigkeit als die Herstellung des Zustandes von abwesender Ungerechtigkeit. Die ausgleichende Gerechtigkeit (im Sinne auch von "rächender" Gerechtigkeit) ist eine rückwirkende, die nicht die Opfer befriedigen kann (oder künftige Opfer verhindert), sondern ausschließlich die Täter straft. Gerechtigkeit im positiven Sinne, im Idealfalle, sollte sein, daß es kein Verbrechen gibt. Das ist ein Konzept, das - und wenn auch in ferner Zukunft oder erst einer jenseitigen Welt - die Götter (oder der Gott, so er nach jeweiliger Vorstellung vielleicht sogar ein und derselbe ist) von Juden, Christen und Moslems verspricht. In diemm Sinne bin ich Atheist. Auch erwarte ich von Nemesis nur in seltenen und schwachen Stunden, daß sie die Sünden anderer bestraft. Was habe ich davon?!

Vielleicht habe ich - auf der philophischen und der psychologischen Ebene - "meinem" Kammervorsitzenden Dr. Zimmermann viel mehr wehgetan als er in diesem Frankfurter Prozeß mir mit den zwei Jahren. Am Tag nach der Urteilsverkündung rief mich Volker Steinhoff vom Norddeutschen Rundfunk, von Panorama, an. Wie es mir gehe, fragte er einleitend. Mir lag auf der Zunge, wahrheitsgemaß zu antworten: "Schlecht. Ich esse gerade eine Lachsseite und hatte schon drei Gräten!" Ich hab's mir verkniffen; es hätte zu sehr nach Pose geklungen. Jedenfalls fuhr er nach dem obligaten "Danke, gut" fort: "Sie können sich über die zwei Jahre doch nicht wundern, so, wie Sie das Gericht in Frankfurt gedemütigt haben." Nein, sagte ich ihm, darüber wundere ich mich gar nicht, ich wundere mich nur über sein Rechtsverständnis, das in dieser Form auszusprechen. Aber gleichfalls verkniffen habe ich mir die Frage, ob er mal bereit sei, so eine Bemerkung über den Sender seinen Zuschauern gegenüber zu wiederholen.

Und es wäre kein Verstoß gegen mein Rechtsverständnis, hätte ich die Macht dazu, Dr. Zimmermann, seine vier haupt- und nebenberuflichen Mitrichter und die insgesamt vier im Verfahren aufgetretenen Vertreter/innen der Staatsanwaltschaft für jeweils zwei Jahre nach "Santa Fu" oder Frankfurt-Preungesheim zu schicken. Aber dann würde ich mich nicht als ein Instrument der Nemesis fühlen; das wäre für mich eine rein private Vergeltung. Ich bete, wenn überhaupt, immer nur in einer Angelegenheit zu dieser Dame, und das, obwohl es von ihrem Konzept her die einzige Gottheit ist, zu der zu beten zwecklos ist... Auch das ist eine Form von Hybris, die bestraft gehört, wenn es denn ausgleichende (göttliche) Gerechtigkeit gibt.

Kurt Müller ist der Ihnen möglicherweise aus der Presse bekannte "Nazi-Müller", Besitzer einer Gärtnerei in Mainz-Gonsenheimm, die in früheren Jahren jeweils zur Sommer- und zur Wintersonnenwende sowie zum 20. April Ort von Versammlungen vorwiegend jüngerer Ultraradikaler war. Er ist der Mann, der mir als sein persönliches Vorbild offenbarte: Den glücklosen König Witichis aus Felix Dahns EIN KAMPF UM ROM, und der bei gleicher Gelegenheit mich mit dem Teja verglich. Und mir nicht glauben mochte, als ich ihm sagte, mein persönlicher Held in diesem Buche sei keiner der Goten, sondern ein Römer - Cornelius Cethegus Caesarius.

Sie meinen wieder, ich sei vielleicht auf der falschen Party? Aber wieso denn?! Gibt es heutzutage, hierzulande eine, die mir mehr bieten kann?! Und der ("ich dien'!") ich mehr bieten könnte?!

Autoritär: Hier paßt ein Witz. Nicht so geistreich wie der von Himmel und Hölle, aber auch bezeichnend. Genaugenommen ein Cartoon. Zwei urige Bayern am Stammtisch, komplett mit Krachledernen und Pfeife hinter Maßkrügen. Der eine: "Es müßt' amoal a Anarchie her!" Der andere: "Ja, aba nur mit oanem starken Anarchen!"

Oft höre ich von den vielgerühmten "einfachen Leuten" (gerade dort bzw. dann, wenn diese nicht wissen, wer ich bin und wofür ich stehe): "Wir bräuchten wieder mal einen kleinen Hitler." Hinterfrage ich dann, was ich unter einem "kleinen Hitler" verstehen soll, dann lauten die Antworten unisono: "Naja, einen, der nicht die Juden vergast oder einen Krieg anfängt, aber alles andere, das wäre ja in Ordnung." - Vox populi?!

Ich habe nie versucht, das statistisch zu erfassen. Und seitdem herausgekommen ist, wie (ich glaube durch INFAS) versucht worden ist, das Wahlergebnis der REPUBLIKANER bei der Landtagswahl in Baden-Württemberg im März dieses Jahres zu beeinflussen, ist meine Skepsis gegen statistische Erfassung noch stärker. Vor allem da, wo es um "kleine Hitlers" oder ähnlich tabuisierte Themen geht.

Nun gehe ich mal wohlwollend davon aus, daß sich in diesem Wunsch nach dem "keinen Hitler" (den nach der alten SINUS-Studie von Ende der 70-er/Anfang der 80-er damals wohl rund 13% hatten) unterschwellig der Wunsch ausdrückt, geordnete, sichere Verhältnisse zu haben. Und nicht der, beispielsweise grünhaarige Punks ihrer grünen Haare wegen ins Gefängnis zu stecken. Eine heile Welt halt, wie sie sich für viele Bürger der Weimarer Republik rückblickend in dem Wunsch äußerte, Kaiser Wilhelm wiederzubekommen. (Und gar nicht einmal wenige haben damals die Hoffnung gehabt, Hitler würde sich mit dem Posten eines Kanzlers unter dem Oberhaupt einer wieder einzuführenden Monarchie begnügen. Eine Art zweiter Bismarck oder so.) Schauen Sie sich doch bitte einmal an, wie von den Freiheiten Gebrauch gemacht wird. Oder, richtiger: Nicht Gebrauch gemacht wird! Die "Partei der Nichtwähler" schneidet bei manchen Wahlen als die beste ab...

Liegt das nur an der mangelhaften Qualität des Angebots an Zu-Wählenden?! Oder an ihrer relativen Austauschbarkeit?

Ungeachtet dessen, was der Verfassungsschutz meint und was die meisten Anhänger des "nationalen Lagers" für mich voraussetzen (man schließt so gern von sich auf andere), bin ich kein Anti-Demokrat im grundsätzlichen Sinne. Ich kann mir verstärkte plebiszitäre Elemente nicht nur in der derzeit real existierenden Demokratie sehr gut vorstellen, sondern halte sie für eine echte Volksherrschaft für unverzichtbar. Ich habe auch nichts gegen das Wahlrecht an sich, sofern es mit der freiwilligen Übernahme von Pflichten verbunden ist. Aber es gibt für mich zwei Gründe, diese Utopien nicht einmal ernstlich anzudiskutieren. Der eine ist: Für mich müßte diese Diskussion unter anderem auf der Basis folgender Überlegungen stattfinden können: Welche Entwicklung hätte der Nationalsozialismus nehmen können, wenn es keine Siegermächte des Zweiten Weltkrieges gegeben hätte oder wenn diese nicht verdiktmäßig zum zweiten Mal binnen wenig mehr als einem Vierteljahrhundert in Deutschland die Demokratie angeordnet hätten? Der andere ist: Ich agiere unter Druck nicht gern in einer Weise, die dahingehend ausgelegt werden kann, daß ich dieses Drucks wegen konziliant bin. Und was für mich selbst gilt, muß um so mehr für eine ganze "Szene" gelten. No retreat, no surrender. Das ist reaktionär, und meine Vorstellung von historischem ebenso wie von potentiell möglichem oder utopischem Nationalsozialismus war und ist nie eine reaktionäre gewesen. Aber auch hier bestimmt das Sein zumindest teilweise das Bewußtsein. Oder die Äußerungen von Bewußtsein.

Noch eine Runde Shakespeare, wenn es recht ist? "Ja, mit einem Block am Bein laßt ihr mich laufen, und mit einem Korb vor dem Maul laßt ihr mich sprechen. Ich aber bin entschlossen, in meinem Käfig nicht zu singen. Also bleibe ich, wie ich bin; sucht mich nicht zu ändern."

Rechtssicherheit im Kuckuck: Immer, wenn ich etwas schreibe, egal wie privat, habe ich im Hinterkopf die Möglichkeit, daß es Kreise zur Kenntnis bekommen könnten, für die es nicht bestimmt ist. Ich lebe mit einer Schere im Kopf. Wogegen nicht mal Aspirin hilft. Aber andere leben mit echten Denkblockaden, da geht es mir noch relativ gut, so daß ich mich nicht groß beschwere.

Jedenfalls kann mir nur schlecht jenes (höchst relative) Mißgeschick passieren wie dem Germar Rudolf, daß er Ihnen rückwirkend einen vorher geschriebenen, aber nicht abgeposteten Brief dann doch zusenden konnte, weil der nun mal in einen Prozeß eingeführt worden ist. Was ich schon alles in Prozesse eingeführt gesehen habe...*

Zugegebenermaßen war ich ein wenig erstaunt, meinen ersten Brief an Sie (ohne Rückfrage vom Verlag der Freunde) in SLEIPNIR zu finden. Das entsprach nicht meiner Intention**, auch wenn es mich nicht stört. Hätte ich es gewußt, daß die Herren Röhler und Töpfer ihn abdrucken, hätte ich darauf verzichtet, den Namen Crowley zu erwähnen. Nicht weil's mir peinlich wäre oder ich irgendeinen Anlaß sähe, zu leugnen, mit was ich herumspiele, sondern weil es immer wieder Menschen gibt, die darauf mit einer intuitiv-irrationalen Abneigung reagieren. Ich provoziere nicht gern absichtslos, zufällig. Das verwässert beabsichtigte Provokationen...

Ansonsten, auf die Gefahr hin, unhöflich zu sein: Ich habe noch kein eindeutiges Bild von Ihrer Rolle, von Ihrer Absicht. Das stört mich aber überhaupt nicht. Ich kann mir, wie bei anderer Gelegenheit erwähnt, Unbefangenheiten leisten. Andere können oder wollen das vielleicht nicht. Und haben vielleicht auch einen subjektiv guten Grund, es nicht zu wollen. Oder zu können. Das wären zum Beispiel die, die nach dem Motto denken: "Knüppel auf meinen Kopf - böse politische Verfolgung! Knüppel auf deinen Kopf - berechtigte, notwendige Maßnahme." Genau die, die das Goebbels-Zitat unterschreiben würden.

*Vgl. feder 9, Seite 3.

**Vgl. feder 8, Seite 35: Christian Worchs Brief/Nachschrift: "Die Herren Röhler und Töpfer erhalten zur Kenntnisnahme eine Durchschrift dieses Schreibens." kkk

Aber was mich betrifft: Mir ist's eigentlich gleich. Der Gedanke an eine Veröffentlichung dieser Korrespondenz stört mich überhaupt nicht. Ich sehe andererseits darin wenig Sinn. Sie werden die ganz große Mehrzahl der Leute, die mir politisch nahestehen, ohnehin nicht erreichen. Nicht im technisch-kommunikativen Sinne und noch viel weniger im mentalen Sinne. Mich andererseits interessiert es nicht so sehr, ob ich die Leute, die Ihnen nach meiner noch sehr vorläufigen Einschätzung politisch nahestehen könnten, erreiche oder nicht. (Da bin ich vielleicht eher ausnahmsweise mal von "magischer Unentschiedenheit".)

An das Momentum der Ausgeliefertheit dachte ich in dem Zusammenhang nie. Zum Ausliefern gehören zwei. "Du bist älter als ich; wohlan, ich gebe dir den Schild voraus", bot Witichis in Dahns Roman Cethegus an, als er ihm einen Zweikampf um das Schicksal der Ewigen Stadt vorschlug. Cethegus nahm nur zum Schein an, entschlossen, das Wort zu brechen. Und traf dann doch, Grüße von Dame Nemesis, Schild an Schild, mit dem Goten zusammen, an der Ausfallpforte von Hadrians Grabmal. Könnte mir nicht passieren. Nicht aus dem einen Grunde, sondern allein aus einem technischen: Das von mir bevorzugte Schwert (die Katana) wird schildlos gefochten.

Damit gefällt mir der erste Absatz Ihrer dritten Briefseite durchaus. Mich empfiehlt die Tatsache, daß ich die Antithese zur herrschenden These bin und daß die herrschende These die verschiedenen Bedürfnisse einer wachsenden Zahl von Menschen eben dieses Volkes nicht mehr zu befriedigen vermag. Dann tritt eines Tages der von Kühnen vorausgesehene massenpsychologische Umkehrschluß ein oder nicht. Tritt er ein, bedarf es keiner weiteren Empfehlung, als vorher die Antithese gewesen zu sein. Das ist dann die Gunst der historischen Stunde. Tritt er nicht ein, bedarf es auch keiner Empfehlung, weil dann eben nichts passiert. Alles auf nichts, richtig gesehen. Vielleicht ist auch ein bißchen der Weg das Ziel...

Aber letzteres ist ein persönliches Motiv, da kann ich nicht für andere sprechen, nicht für eine Bewegung, wie immer wir sie definieren wollen.

Es ist doch objekiv egal, wie oder ob überhaupt ich mich empfehlen könnte. Die herrschenden Verhältnisse erlauben mir nichts dergleichen. Also singe ich nicht in meinem Käfig. Es reicht die Erwartung, daß ich, daß wir singen könnten, so denn aller andere Gesang verstummt ist oder sich als mißtönendes Krächzen entlarvt hat. Daß mir dabei ein, zwei Zeilen von Baudelaire durch den Kopf gehen, tut nichts zur Sache: Anders als er habe ich es nie mit Opium versucht und werde den Teufel tun, es je zu versuchen.

Aber wer sagt Ihnen eigentlich das mit der Verknechtung, mit der es dann erst so richtig los geht? Sander hat nicht unrecht, wenn er meint, das "nationale Lager" sei noch nicht einmal imstande, eine mittelgroße Stadt vernünftig zu verwalten. Man müßte es natürlich differenzierter betrachten. Eine repräsentative Auswahl aus diesem "nationalen Lager" wäre dazu schwerlich imstande, weil untereinander viel zu uneins. Manch einzelner Gruppe dieses Lagers traue ich das problemlos zu, sofern die Aufgabe ihr entweder allein zufiele oder sie sich mit einer noch überschaubaren Zahl anderer Gruppen zu teilen hätte. Nur eben einen Konsens zwischen siebzig, achtzig Organisationen und unüberschaubar vielen Strömungen zu finden, ist ein Problem.

Dieses Problem hindert das "nationale Lager" auch, einen politischen Einfluß auszuüben, der seinem Rückhalt in der Bevölkerung angemessen wäre. Ich bejammere dies nicht, sondern stelle es nüchtern fest. Und auf der Basis dieser Feststellung komme ich zu dem Ergebnis: Mangels Einigkeit ist das "nationale Lager" nicht machtfähig. (Noch nicht einmal richtig operationsfähig.) Solange sich daran nichts geändert hat, sind Träume von der "Machtübernahme" - eben Träume.

Um in realere Nähe zu rücken, bedarf es nicht allein der "Gunst der historischen Stunde". Es bedarf erst einmal eines Einigungs- oder Klärungsprozesses. Dann werden wir klarer sehen. Auch was Verknechtung betrifft. Vor zehn, ach, vor fünf Jahren noch war zum Beispiel auch Nelson Mandela ein eingesperrter Terrorist. Die von den - in diesem Falle jahrhundertelang - unterdrückten Schwarzen in Südafrika teils befürchtete, teils erhoffte blutige Abrechnung mit den vormaligen Herren sehe ich noch nicht. Und daß sie noch erfolgen wird, erscheint - vielleicht von einzelnen, durchgeknallten Terroristen abgesehen - sehr, sehr unwahrscheinlich.

Der Gedanke an Löschwasser stört dabei nicht sehr. Feuer gab es, denke ich, schon vor jedem Wasser, und wenn es richtig brennt, dann fragt sich, was sich zuerst erschöpft. Zudem (ich habe mal kurze Zeit sogar für die Feuerwehr gearbeitet) ist mir erinnerlich, daß bei manchen Brandbekämpfungsaktionen der Löschwasserschaden höher ist als das, was das Feuer tatsächlich verschlungen hat oder auch nur hätte verschlingen können. So haben vor rund zehn Jahren am "Tag X" in Hamburg autonome Kreise beträchtlichen Sachschaden angerichtet, indem sie mit für sich genommen harmlos-ungeeigneten Zeitzünder-Brandbomben in Kaufhäusern die Sprinkleranlagen ausgelöst haben.

Hitler großzügig gegen das besiegte Frankreich? Mir fällt dazu spontan nur ein, daß Lothringen nicht (re-)annektiert wurde. Das Vichy-Regime könnte eine Konzession daran gewesen sein, daß es noch militärische und wirtschaftliche Macht Frankreichs in seinen Kolonien gab - der Versuch, diese zu neutralisieren, zu verhindern, daß die Engländer sie für sich mobilisieren konnten. Aber es muß wohl andere Großzügigkeiten noch gegeben haben. Sonst hätten kaum so relativ viele Franzosen sich zum Kampf an der Ostfront bereitgefunden.

Goldhagen: Wollte ich Goldhagens Thesen diskutieren, müßte ich mit den Worten beginnen: "Vorausgesetzt, es hätte den Holocaust gegeben..." Das wäre schon Bezweifelung, und wegen Bezweifelung, nicht Bestreitens, ist vor noch nicht mal einem Jahr einer meiner Kameraden hier in Hamburg mit sechs Monaten bedacht worden. Also entfällt eine fundierte Diskussion darüber. Also ist keine fundierte Diskussion darüber möglich, ob Goldhagen "die Deutschen ausgegrenzt" hätte, infolgedessen "die Deutschen" (welche statistisch signifikante Gruppe eigentlich?!) ihn wieder und dann abschließend er (neuerlich) "die Deutschen" ausgegrenzt hätte. Oder ob "die Deutschen" mit dem Ausgrenzen angefangen und er dann nur ausgrenzend nachgezogen hätte.

Mal eine quergedacht-bissige These: Wie wär's denn, wenn all die Historiker, die sich nun (teilweise wohl emotionaler, als es Wissenschaftlern geziemt) auf Goldhagen und sein Buch stürzen, das, was sie selbst in eigenen Werken von sich geben, gar nicht so glauben, aber sich nicht trauen, ins revisionistische Lager überzuwechseln, und nun die Gelegenheit ergreifen, auf einem niedrigeren, vor allem in Deutschland wohl ungefährlichen Level ihren ganzen Unmut rauszulassen?

Als ob sich nie in einem Polizisten ein verhinderter Verbrecher versteckt hätte. ("Ein Job für zwei, die ins Jobalter gekommen sind", fällt mir dazu aus Kubricks CLOCKWORK ORANGE ein.) -

Aber Sie können das natürlich aufgreifen, wenn Sie mögen, und auf die Spitze treibend erwidern: "Und wie wär's dann, wenn Goldhagen genau das bezweckt hätte?!"

Ich habe mir, nachdem Sie es erwähnt haben, das Interview mit Augstein zusenden lassen, aus dem Spiegel vom 12. August. Auf dem Photo auf Seite 50 zeigte sich mir ein Mann im rechten Halbprofil, mit leicht nach links abwärts geneigtem Kopf, der mir vertraut vorkam. Ja, der erste Eindruck war so frappierend, daß ich mich fragte: Hat's dich jetzt mal erwischt, Junge, fängt so ein psychotischer Schub an?! Ein zweiter, genauerer Blick ergab den einzig relevanten Unterschied: Kühnen hatte keine gerade Nase, sondern eine schwach nach oben gebogene. Der Rest wäre entweder austauschbar, oder mein Gedächtnis trügt mich einfach mit einer Verschiebung. Auf den anderen Bildern schwand allerdings der Eindruck der Ähnlichkeit schnell. Er wirkte nur bei dieser einen Perspektive.

Es gibt schon interessante Zufälle.

Die Fahrt zu jenem Führerthing in ANSbach diente in der Tat dem (damals letzten) Versuch, Geist einzublasen. Die Auseinandersetzungen zwischen dem einsitzenden Kühnen und der Gruppe um Mosler (genaugenommen die Angriffe von letzteren gegen ersteren) hatten sich in den vergangenen fünf Monaten immer weiter gesteigert, während ich zwischen den Stühlen mehr stand als saß und die schwindende Hoffnung hegte, das miniaturisierte Äquivalent eines totalen Krieges würde ausbleiben. Meine Frage sollte lauten: "Wollt Ihr Michael Kühnen politisch vernichten?" Mehr wollte ich gar nicht wissen, um meine Dispositionen treffen zu können.

Die Frage wurde natürlich gestellt, denn auch wenn ich draußen vor dem Saal blieb, hatte ich Augen und Ohren herinnen und mehr als den einen Mund, der sich - da man mich selbst die Frage nicht stellen lassen wollte - für mich öffnete und sie stellte. Das Thing weigerte sich, sie zu beantworten, was natürlich auch eine Art von Antwort war, die ich mit nach Hause nehmen konnte. Danach erst begann ich dann, die Machtverhältnisse zu ändern.

Da aller guten Dinge drei sind, noch mal ein Bezug zu Dahns KAMPF UM ROM, wo der Recke Hildebad die Gotenfürsten warnt: "Diese Byzantiner haben Feldherren, die sind wie Hexenmeister; die rechnen euch ein Heer von Helden so in einen Winkel hinein, daß es sich nicht mehr rühren noch regen kann."

Das geschah dann den moslerschen Helden. Bis sie sich zwei Jahre später so sehr in dem Winkel befanden, daß ein einflußreicher Außenstehender zu ihren Gunsten intervenieren mußte und eine Verhandlungslösung anbot. Eine sehr einseitige übrigens, die auf den ersten Blick zu unserem deutlichen Nachteil war. Gegen das Versprechen, künftig Ruhe zu halten, sollte Mosler alle Position in der FAP erhalten.

Von unserer Seite waren nur Kühnen und ich dafür. Kühnen aus dem Grund persönlicher Betroffenheit, denn um seine angebliche Homosexualität drehte sich der ganze Streit, und er wollte nichts als Frieden an dieser Front, Frieden um so gut wie jeden Preis. Ich hatte nüchterne Gründe. Ansonsten waren alle Kameraden unseres Kreises strikt dagegen. "Es wird dir gehen wie Chamberlain 1938", sagten mir die historisch gebildeteren unter ihnen. "Du kannst dann sagen: I have a paper from Mr. Mosler." "Ja", sagte ich. "Aber was war damals sieben Jahre später?!"

Mosler hat sein Thing in Ansbach übrigens abstimmen lassen, ob es mir Gelegenheit geben wollte, meine Frage zu stellen. Kühnen hat sich die vielen, vielen Gegengründe und Einwände seiner Kameraden angehört und dann gesagt: "Ich tu's!" Was hat da wohl besser funktioniert, der demokratische Willensbildungsprozeß des Things oder Kühnens autoritäres "Ich tu's"?

Wie die Geschichte letztlich ausging? Ach ja, das muß man natürlich auch wissen. Ich machte einen hübschen Vertrag mit sieben bindenden Windungen. (Schließlich habe ich zwei Jahre lang Kautelarjurisprudenz gelernt, das verpflichtet irgendwie. Und ich hatte gerade kurz zuvor Janet Morris' Trilogie Traumschiffe, Traumtänzer, Traumwelten gelesen, deshalb drängten sich mir die sieben Windungen förmlich auf, und bindend mußten sie ohnehin sein.)

Mosler und ein Teil seiner Gefolgsleute merkten bald, daß er dank der Fallstricke keine vernünftige Alternative dazu hatte, den Vertrag zu halten. Ein anderer Teil seiner Gefolgsleute war da autonom genug, sich nicht an Moslers Wunsch zu halten, und fand in Busse einen neuen Führer. Da gab's dann die zweite FAP-Spaltung, und weil der neue innere Feind einen immer mehr drückt als der alte, war Kühnen plötzlich lachender Dritter. Und mich konnten Vertraute damals bisweilen spötteln hören: "Mens agitat molem et Mosler."

Das war die Konkurrenz. Es gibt Menschen, die sind so übertrieben wachsam, daß sie dann aus Erschöpfung ermüden und ihnen genau das passiert, was sie auf jeden Fall vermeiden wollten. Selbst die Nicht-Kommunikation ist eine Art von Kommunikation.

Anfang 1984 besuchten wir in Hannover eine Vorführung irgendeines Antifafilmes. (Ich glaube, er hieß: "Nazis, gibts die noch?") Nach dem Film sollte es eine Diskussion darüber geben. Wir marschierten da mit zwei Dutzend Mann rein. Die vielleicht fünfzehn Besucher fühlten sich von unserer Präsenz offenbar eingeschüchtert. Erst einmal wollten sie den Film nicht vorführen. Na gut, sagten wir, dann diskutieren wir eben daruber, ohne ihn gesehen zu haben. Auch kein Problem.

Dann kam endlich die eilig herbeitelefonierte Verstärkung in Gestalt von vielleicht vierzig, fünfzig Mann aus der autonomen und der Sprengel-Szene. (Ich denke, ein paar SDAJler aus Garbsen waren auch dabei. Einige von denen hatte ich 1979 mal als gute Schläger kennengelernt.) Mit diesem Rückhalt fühlten die Veranstalter sich wohl ein bißchen stärker. Aber den Film wollten sie trotzdem nicht vorführen, weil sie meinten, wir würden uns daran nur delektieren.

Ok, meinten wir, dann eben Diskussion ohne Film, und ihr seid ja wohl jetzt schlagkräftige Männer genug, um keine Angst mehr zu haben, daß wir Euch die Schädel mit Stuhlbeinen einschlagen, wenn uns die Argumente ausgehen sollten. "Mit Nazis kann man nicht diskutieren", erhielten wir zur Antwort. Und dann diskutierten wir erst einmal eine halbe Stunde mit ihnen über ihre Ansicht, daß man mit uns nicht diskutieren könne. Es war schon sehr lustig. Die angepunkten Autonomen hatten wohl große Lust, sich mit uns zu prügeln, trauten sich aber nicht so recht, etwas anzufangen, ließen uns nur immer wieder wissen, wir würden tierisch was auf die Nase bekommen, wenn wir uns einfallen lassen sollten...

Die Veranstalter selbst waren hin und hergerissen zwischen ihrer Weigerung, mit uns zu diskutieren, und ihrer Angst, zwischen die Fronten zu geraten. (Offenbar waren wir ihnen nur graduell suspekter als ihre Verbündeten aus dem ultra-radikal linken Lager.)

Schließlich warf ich mal in aller berechnenden Unschuld ein, wenn man schon eine halbe Stunde mit uns darüber diskutiere, daß man mit uns nicht diskutieren könne, dann sei das ja wohl schon eine Diskussion, und dann könnten wir uns jetzt vielleicht auch mal dem eigentlichen Thema zuwenden...

Da verstummte man dann - demonstrative Kommunikationsverweigerung.

Auch das focht uns nicht an. Wir improvisierten, indem wir feststellten: Ok, wenn die andere Seite nicht mitspielt, dann hilfts ja alles nichts, dann müssen wir eben deren Part auch noch übernehmen. Problematisch war nur, daß recht viele von uns den antifaschistischen Standpunkt übernehmen wollten. Es blieb eigentlich keiner von den Wortführern, der bereit war, unsere Seite zu vertreten. Was uns dann auf den Gedanken brachte, wenn wir uns schon die Mühe machten, die gegnerischen Argumente vorzutragen, warum solle sich dann der Gegner nicht bitte auch die Mühe machen, die unseren...

Nein, meinte einer von den Linken, etwas undiszipliniert das unausgesprochene Schweigegebot seiner Fraktion brechend, dann würde er ja wieder mit uns diskutieren... "Wieso eigentlich mit uns? Genaugenommen diskutierst du dann doch mit Genossen von dir..."

Da wars den Veranstaltern dann doch zuviel. Diese Verarschung erschien ihnen vielleicht unerträglicher als die Vorstellung, daß Blut und Trümmer im Saal zurückbleiben könnten. Sie lösten die Versammlung auf.

Ja, die Konkurrenz ist eben manchmal wachsam... (4.9.96)

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Gleich einem Bild sagt bisweilen ein Witz mehr als tausend Worte. Hier also einer über den Unterschied zwischen Himmel und Hölle. Im Himmel sind die Engländer die Polizisten, die Franzosen die Küchenchefs, die Deutschen die Organisatoren, die